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Sie beriet sich mit den Weibern und nannte die Namen von fünf Mitgliedern der Kommunistischen Partei, so viele hatten wir nämlich. Sie wurden in die Nachbarstadt gebracht und erschossen. Sie sollte weitere fünf Namen angeben. Die Weiber nannten Säufer, Faulenzer, Nichtsnutze. Die wurden ebenfalls erschossen. Als der Befehl kam, noch fünf Namen zu nennen, sagte die Vorsitzende, dass es keine Trotzkisten mehr gebe. Daraufhin wurde sie gewarnt, wenn sie nicht fünf benenne, würden sie fünfzehn holen. Sie schrieb die Namen aller Männer der Kolchose auf Zettel (zweihundert Mann) und zog nach dem Losverfahren fünf heraus. Man brachte die Männer weg, und damit war der Kampf gegen den Trotzkismus zu Ende. (So sehen die Opfer unseres Terrors aus: ein Drittel Kommunisten, ein Drittel Nichtsnutze, darunter Ossip Mandelstam, ein Drittel zufällige Personen.)
Mit seinem selbstgemachten Besen aus Birkenzweigen fegt unser Hausmeister am Eingang. Dort stehen meine Freunde und ich – sie sind aus Moskau mit mehreren Autos gekommen. Der Hausmeister strengt sich an, so zu fegen, dass der Staub in unsere Richtung fliegt, wir gehen zur Seite, er hinterher, missbilligend Obszönes brummelnd, fegt er weiter. Als Erstes drehen die Nerven des Hausmeisters durch, er ist betrunken. „Sag mir, du bist hier der Chef“, (ich habe nämlich den weißen Kittel an), „hast du nach dem Krieg die Quadrattaschen essen müssen?“ Das ist alles, was er vorbringen möchte – seine durchaus echten durchgemachten Leiden und den ebenso echten Alkoholismus.
Der verständlichste und wohl angenehmste Typ Patienten, das sind die aus der Intelligenz. Natürlich beansprucht die Unterhaltung mit einem Intellektuellen zwei-, dreimal so viel Zeit wie mit den anderen, natürlich antwortet er auf die Frage „Was arbeiten Sie?“, dass er Mitglied in sechs Künstlerverbänden ist, und wenn man ihn fragt, wann die Atemnot begann, hörst du, dass er am Beginn der Achtzigerjahre auf Einladung des Komponistenverbands Armeniens in das Künstlerhaus in Dilidschan fuhr. Gut, ich war ebenfalls in Dilidschan und erinnere mich noch an seinen Film mit Schuberts „Unvollendeter“, erinnere mich daran, was Mrawinskij über die Interpretation des zweiten Satzes sagt. Nach so einem Gespräch kannst du sicher sein, dass dein Intellektueller die Verordnungen befolgt. Ob er raucht, brauchst du nicht zu fragen – ja, Papirossy „Belomor“.
Was verbindet diese Vielzahl von Russländern, was rettet das Land vor dem Zerfall? In den schlechtesten Augenblicken meinst du: nur die Trägheit. „Ich kam auf den Gedanken, dass das Sowjetsystem paradoxerweise viele Mängel des vorrevolutionären Russlands konserviert hat“, schreibt mir mein Freund aus Boston. Wir wenden uns zurück ins neunzehnte Jahrhundert, sogar orthografisch: gebt uns das harte Zeichen (Ъ) zurück, dann wird uns keiner mehr ein X für ein U vormachen. Unser Platz in der Völkerfamilie ist der eines Schülers, der sitzen bleiben wird. Er hockt noch mit seinen Kameraden in der alten Klasse bis zum Sommer, aber Anforderungen kann man an ihn keine mehr stellen. Diskussionswürdig oder, falls notwendig, abzulehnen, sind die anderen, nicht wir. Sitzt da so ein Lümmel, der Längste der Klasse, in der Bank, was und woran denkt er? – Null Antwort. Ein Traum ohne Bedeutung – so ein Gefühl hat man manchmal angesichts unserer Geschichte. Kein Vektor, keine Linie. Die Sprache? Nun ja, doch, durch die starke Senkung der Latte wird sie immer mehr die Sprache windiger Gesellen, parasitärer Projekte. Und so lesen wir schon in der kostenlosen Zeitung, aus der die Bewohner unserer Stadt von allem in der Welt erfahren (eine Buchhandlung gibt es nicht), dass „Natalja Gontscharowa Alexander Puschkins Frau war“. Wie soll man erklären, dass das nicht geht, dass der respektlose Name „Alexander Puschkin“ (ohne Nennung des Vatersnamens Sergejewitsch) nur für einen Dampfer taugt.
Es steht geschrieben: „Wollestu die vmbringen / vnd dem Ort nicht vergeben vmb funffzig Gerechter willen / die drinnen weren?“ Die Gerechten lassen wir in Ruhe, ob einfach gute Menschen reichen? Oder „liebeten“ wir wirklich „die Finsternis mehr denn das Liecht“? „Russland geht zugrunde“, sagte Vater Ilja, als er in der Ortskirche predigte. „Der Mann trinkt und schlägt zu, der Sohn trinkt und schlägt zu, der Enkel trinkt und schlägt zu“, so der Gegenstand der Beichten der armen Frauen der Gemeinde. Wäre es nicht eine gute nationale Idee, dem eigenen Alkoholismus den Kampf anzusagen? Zu wenig Kindliches, Kreatives, Echtes, wenn auch Ungereimtes, dafür viel zu viel sogenanntes Männliches, Reifes, fast immer Überreifes. Schwere Luft, sie haben zu viel getrunken und geraucht, schlimme Unendlichkeit, das Treffen macht schon keine Freude mehr, man hätte längst auseinandergehen müssen, doch die bis zum Gürtel nackten Männer sitzen da, essen kaltes Huhn, das einem menschlichen Handgelenk ähnelt – so sehen unsere Gelage oft aus.
Und morgens klopft ihm die Frau oder Tochter oder beispielsweise die Krankenschwester auf die Schulter: „Du bist heute gut drauf.“ Diesmal hat er es geschafft und ist nicht der Sucht erlegen. Der Alkohol, das ist unser Schlachtfeld. Liebe, Hass, Verlangen, Abstoßung – alles zusammen. Versuch des Zusammenlebens. Der Alkoholismus ist nicht pittoresk, nicht asketisch wie bei Wenja Jerofejew, nicht wie vor kurzem in der Moskauer U-Bahn: „Spenden Sie zehn Rubel für die Entwicklung des vaterländischen Alkoholismus!“ Im Krankenhaus gibt es keine traditionellen Ablenkungen für Männer: weder Fußball im Fernsehen noch Domino, das zieht nicht mehr. Der Alkohol ist allgegenwärtig, spielt eine Rolle im Schicksal fast jeder Familie. Wir geben die Macht des Alkoholismus über uns zu, und wir geben sie nicht zu. Die Haupttugend ist wie bei den alten Griechen nicht Heiligkeit, sondern Maßhalten, so einer „versteht zu trinken“. Wenn er nicht aufhören kann, ist das ein Sieg für ihn, für den Alkoholismus.
Der Trinkanfall beginnt so: Man betrinkt sich bis zur Gefühllosigkeit, ist bewusstlos (ja, ist bewusstlos, nicht dass man einschliefe, um aufzuwachen und zu bereuen), zwei, drei, vier Stunden danach kommt man zu sich, immer noch betrunken, sucht etwas zu trinken, findet es immer, trinkt erneut, so viel man kann (so viel, wie da ist), wird wieder bewusstlos und so weiter, bis ein gewaltsames Ereignis von außen den Zyklus unterbricht (die Miliz sammelt einen auf, man wird zu Hause eingesperrt), oder es wird einem so schlecht, dass man nicht nur nicht trinken, sondern die Hand nicht mehr heben kann. Dann wird man ins Krankenhaus gebracht und gefesselt, damit man, wenn man ins Delirium tremens fällt, nicht aus dem Fenster springt.
Aber das Unglück ist nicht nur das anfallsweise Trinken, nicht die Schädlichkeit für die Gesundheit, nicht die Tatsache, dass ein Teil des Lebens ausgeschaltet, verloren ist. Das Unglück ist die Unaufhörlichkeit des Dialogs mit dem Alkohol, das ganze Leben geht für ihn drauf. Das ist wie der Dialog mit der eigenen Müdigkeit, Schlaffheit, Faulheit, Verzagtheit, nur dass es da keinen Sieg geben kann, sondern bestenfalls: Es blieb im Rahmen. Aber „die Menschen liebeten die Finsternis mehr denn das Liecht“ … Ein Dialog mit dem Abgrund, der immer größer und größer wird. Dieser Abgrund verschlingt die Arbeit, die Liebe, alle Bindungen der Welt. Das Leben verschwindet wie hinter Watte. Der Streit wird nicht gegen das Jahrhundert, die Menschen, das Leben geführt – sondern gegen den Tod, den Abgrund, gegen ihn, den Alkohol. Und vielleicht sollte man von den Traditionen der großen russischen Literatur abweichen und nicht in jedem die Tiefe Dostojewskijs suchen (wenn man gräbt, offenbart sich da wer weiß was …), sondern einfach medizinisch konstatieren: Der ist ein Alkoholiker, ein Verwahrloster, ein Dummkopf?
Woran denken meine Patienten? Das ist mir ein Rätsel. Das ist keine Frage der Bildung. Da sitzt einer vor mir, lauscht und lauscht, ich rede wie gewohnt erregt über die Notwendigkeit, abzunehmen, sich zu bewegen, die Tabletten einzunehmen, selbst dann, wenn es ihm besser geht, will derjenige nur eins: dass ich schweige und ihn nach Hause lasse. Manchmal sagt er zerstreut etwas über den Status des Schwerbehinderten, bittet um eine Bescheinigung. Ich antworte: „Wem wollen Sie sie denn zeigen, dem Apostel Petrus?“ Er lächelt, selbst wenn er nichts verstanden hat. Was geht in seinem Kopf vor? Wahrscheinlich dasselbe wie in meinem, wenn ich bei irgendwelchen Elektrizitätsgesellschaften sitze und man mich rügt, weil ich nicht bezahlt habe: Ich verstehe nichts von den Tarifen und Strafen und warum man bis zum Fünfundzwanzigsten des Monats zahlen muss und will nur schnellstens meine Freiheit. Im einen Fall geht es um Elektrizität, im anderen um das Leben, aber zu verstehen ist der Mann. Ich habe noch nie eine so interessante Arbeit gehabt.
So hat das begonnen: Vor zweieinhalb Jahren näherte ich mich an einem späten grauen Aprilmorgen der Stadt N. Ich hatte ein Köfferchen mit einem Herzultraschallgerät und einer Menge medizinischer Kleinigkeiten. Dutzende, Hunderte Male war ich über diese Straße gefahren, aber einen solchen Triumph hatte ich noch nie empfunden. Die traurige Schönheit des frühen Frühlings, die armen Holz- und reichen Ziegelsteinhäuser, sogar die kaputte rutschige Straße, alles erfreute mich. Ich wollte rufen: „Bürger, öffnet eure Herzen!“ Eine grundlegende Freude an der ärztlichen Tätigkeit hatte ich vorher nicht gekannt, denn sie hatte immer noch ein anderes Ziel gehabt: zu lernen, dem Professor zu gefallen, die Dissertation zu verteidigen, Material für das Buch zu sammeln.
Meine neuen Mitarbeiter nahmen mich freundlich auf. Ich erhielt ein Sprechzimmer, bescheiden, aber für mich allein. Man gab mir eine Liege, zwei Stühle und einen Tisch mit einem Bein. Die anderen Beine waren abgegangen, dieses aber war festgewachsen, so dass ich beim Schlosser eine Axt ausleihen musste, um es zu amputieren. Die zerfetzten Wände überdeckte ich mit einem Vorrat von Spickzetteln mit der Dosis der Medikamente und ihren Preisen, über das größte Loch klebte ich eine politische Weltkarte. Die Krankenschwester fragte schüchtern, ob eine Karte des Kreises nicht nützlicher sei (sie hatte natürlich recht), ich antwortete hochnäsig, ich hätte eine Karte mit den Sternen gesucht, denn dahin reichten meine Bestrebungen, aber nicht gefunden.
Als Erstes werden den Konsultanten gesellschaftlich bedeutende Menschen vorgestellt, die nicht unbedingt krank sind, und noch davor – Querulanten. Meine erste Patientin war die siebzigjährige Anna Grigorjewna, sie hatte sich bei Putin über die schlechte medizinische Behandlung, über Armut und Einsamkeit beschwert und einen Brief an den Kreml geschrieben. Die Administration des Präsidenten schickte ein Fax an das Krankenhaus: Klären! Anna Grigorjewna sei nicht ganz bei Trost – da hatte sie den Richtigen gefunden, um sich zu beschweren. Ich erklärte ihr in so ruhigem Ton, wie ich konnte, Wladimir Wladimirowitsch habe mich geschickt, und wies sie an, sich auszuziehen. Die Alte war wirklich krank und medizinisch unversorgt, aber nicht verrückt, sondern nur bekümmert. Um die Seelen unserer Patienten müssen wir uns nur bei denen sorgen, die zu wenig Serotonin haben. „Wie viel Geld können Sie für Medikamente aufbringen?“, fragte ich Anna Grigorjewna. Es stellt sich heraus, im Moment gar keins, sie hatte sich mit Grieß eingedeckt, die Pension kam erst in zehn Tagen. „Wieso Depression? Das ist einfach Traurigkeit“, pflegte unser Psychiatrielehrer am Institut zu sagen. Ich sah die Preise der von mir verschriebenen Medikamente durch und erklärte: „Wladimir Wladimirowitsch hat mich gebeten, Ihnen hundertfünfzig Rubel zu überreichen.“
Dann arbeitete ich den ganzen Tag, und abends kamen die Chirurgen zu mir: „Bist du von allen guten Geistern verlassen, so zu schuften! Selbst die tadschikischen Gastarbeiter arbeiten hier nicht so.“ Und wir machten uns auf den Weg, um meinen ersten Arbeitstag zu feiern. „Jetzt erkundigen wir uns erst mal, ob die regionale Verkehrspolizei heute Dienst hat“, sagten die Chirurgen und riefen irgendwo an. „Sie können ruhig losfahren, meine Herrn Doktoren“, versicherte man uns vom anderen Ende der Leitung. Ich bat, mir die Geheimnummer mitzuteilen. „Merk dir“, antworteten die Chirurgen, „911.“
Ich half Patienten nicht ein weiteres Mal mit Geld aus, aber Anna Grigorjewna kam ein Jahr später zu mir – sich verabschieden, ihr Bruder nahm sie nach Simferopol zu sich, und sie gab mir die hundertfünfzig Rubel zurück.
„Rauscht, ihr Frühlingseichenwälder, / Flieder, blüh! und sprieße, Gras! / Schuld hat keiner, recht hat jeder / Diesen segensreichen Tag!“ – so die Emotion à la Igor Sewerjanin an meinem ersten Arbeitstag. Ich glaube, sie erhellt auch jetzt meine Existenz.
Natürlich gab es seit dieser Zeit viel Schweres und Dunkles, du wachst um fünf auf, liegst schlaflos, wahrscheinlich weil bei dir selbst das Serotonin zu Ende ist (um sich freuen zu können, muss man lebendig sein), und da kommt – höchst gelegen – ein Anruf aus dem Krankenhaus – losfahren! Kälte, Nebel, in zehn Minuten läufst du schon ins Sprechzimmer, steckst die Gabel in die Steckdose, alles dröhnt, ziehst den Kittel an, siehst in das Leinwand-Dunkel vor dem Fenster und sagst dir: 1) besser wird es nicht werden, 2) das ist eben das Glück.
September 2007
Unösterliche Freude
Chefarzt zu sein ist schwierig. Erstens musst du Leute anleiten, und das ist unangenehm, besonders für einen feinfühligen Menschen und besonders in einem Kreiskrankenhaus, wo kaum jemand für diesen Posten zur Verfügung steht. Zweitens gibt es im Krankenhaus diverse Vorfälle: Patienten stecken die Matratzen mit Zigarettenkippen in Brand, springen aus dem Fenster, beklauen die Schwestern, schreiben Beschwerden, sterben. Das Dach ist nicht dicht, die Rohre sind verstopft, das Licht fällt aus. Drittens, die Spielregeln ändern sich, du musst dich so anpassen, dass Mitarbeiter und Patienten möglichst wenig in Mitleidenschaft gezogen werden – sowohl durch die Verschlechterungen als auch durch die Verbesserungen. Viertens musst du dich mit der Obrigkeit auseinandersetzen und mit Feuerwehrleuten, der staatlichen Hygieneaufsicht und der staatlichen Drogenkontrolle. Daneben darf man nicht das Wesentliche vergessen: Ein Krankenhaus wie ein Unternehmen leitend, darf man niemals aus dem Blick verlieren, dass es nicht nur ein Unternehmen ist, nicht nur ein wirtschaftendes Subjekt.
Unsere Chefärztin, eine Frau von sechsundfünfzig Jahren, möchte Verbesserungen und nicht nur vom Staat diktierte Änderungen. Deshalb hat sie Unannehmlichkeiten, eine von ihnen hat vor kurzem die Aufmerksamkeit ganz Russlands erregt. Wir, drei Ärzte und einige Förderer des Krankenhauses, versuchten zu helfen – ihr und uns selbst. Als Teilnehmer der Ereignisse fühle ich mich berufen, zu erzählen, was geschehen ist.
1.
Am Freitag, den 29. Februar, eröffneten wir die kardiologische Abteilung (eine neue, für mehrere Kreise), und schon am nächsten Arbeitstag, einem Montag, wurde die Chefärztin ohne Begründung entlassen. Zur morgendlichen Konferenz kam der verkaterte Vertreter des Polizeimeisters und verlas einen Befehl. In den Zeitungen, in Radio, Fernsehen und Internet begann ein Aufruhr – initiiert wurde er von unseren Freunden, und er schwelte weiter. Am Dienstag erhielten wir eine Verordnung von der Miliz, die Kopien finanzieller Unterlagen herauszugeben – auf diese Weise erfuhren wir von einem durch uns begangenen Betrug besonders großen Ausmaßes. Die Angst vor einem Strafprozess löste sich schnell auf: Das an uns gesandte Papier erwies sich als Fälschung. Die entscheidende Rolle spielte die Regierungszeitung: Für den Donnerstag vereinbarten wir ein Treffen mit einer Bedeutenden Persönlichkeit. Ohne Frauenkleider anzulegen, machte ich mich mit einem von einem Förderer zur Verfügung gestellten Panzerwagen nach Moskau auf.
Ich will das Gespräch mit der Bedeutenden Persönlichkeit nicht in allen Einzelheiten beschreiben, ich kann nur sagen, dass die Position eines Kardiologen in einem Kreiskrankenhaus (tiefer kann man auf der Karriereleiter nicht sinken) sich als äußerst vorteilhaft erwies. Ich erzählte von der Chefärztin: Sie ist ehrlich und, was die Hauptsache ist, sie identifiziert sich mit den Ärzten und nicht mit der Obrigkeit – „Schließlich waren wir es, die den Soundso gerettet haben!“ Das Ergebnis ist bekannt: Dem Polizeimeister wurde der Rücktritt nahegelegt, über sein und der Chefärztin berufliches Schicksal sollte die Kreisversammlung der Abgeordneten entscheiden – selbst die Bedeutende Persönlichkeit kann nämlich einen demokratisch gewählten Polizeimeister nicht absetzen.
Die Woche war stürmisch, sogar weniger als eine Woche: vier Tage, das Telefon klingelte pausenlos, nur nachts wurde es leichter, und aufgrund des Charmes der Raserei, die uns gepackt hatte (Siegen! – und fragt nicht „zu welchem Zweck“), wurde unser eigentliches Anliegen aus den Augen verloren: die Patienten. „Jetzt könnt ihr die Beamten besser verstehen, bei denen ist das ständig so, deshalb haben sie keine Zeit für die Menschen“, sagte der Wohltäter. Eine ähnliche Hektik gibt es zwischen einem Todesfall und der Beerdigung – du machst da in zwei, drei Tagen sehr viel mehr durch als sonst. Leute kommen, drücken ihr Beileid aus, das ist notwendig, der eine fährt die Sterbeurkunde holen, die andere bäckt das Totenfeierbrot.
Sein Mitgefühl kann man auf unterschiedliche Weise ausdrücken, aber selbst ungesundes Mitgefühl ist besser als gesundes Fehlen von Mitgefühl, also danke, vielen Dank allen, inklusive S. Einst war er mein Freund, wir hatten uns seit acht Jahren nicht mehr gesehen. S. war erfolgreich, trinkt aber manchmal und schreibt mir dann sensible Briefe mit Zitaten von Wittgenstein und Saint-Exupéry. Folgenden Brief erhielt ich am Mittwochmorgen, den 5. März: „Mit Trauer und Schmerz im Herzen verfolge ich, was geschieht. Ich würde dir sehr gerne helfen und die Ereignisse von einem ganz anderen Standpunkt betrachten … Ruf mich doch einfach an. Das wird für dich einen großen Sieg im metaphysischen Sinn bedeuten. Wenn dir das aber vorläufig nicht möglich ist, nimm dieses Muster als Geschenk: Es wird dir Erfolg bringen, selbst wenn du es nur hin und wieder betrachtest. Die letzten drei Jahre, da ich mich fast ganz von den Geschäften zurückgezogen habe, verbringe ich damit, Muster zusammenzustellen. Ich umarme dich“, Unterschrift. In der angehängten Datei: ein schönes Muster (Streifen, Sterne). Ein Kollege, dem ich vorschlug, ihm eine Diagnose zu stellen, schloss eine psychische Störung aus: „Das ist irgendeine spirituelle Krankheit.“
„What a mess!“ – schreibt mein amerikanischer Coautor begeistert, er hat in der „Washington Post“ etwas über uns gelesen. Lange hatte er nichts von sich hören lassen: Er sollte die Kapitel unseres Buches für die amerikanische Ausgabe redigieren und ergänzen und war völlig von der Bildfläche verschwunden, aber jetzt ist er eben wiederaufgetaucht.
Auch unerwartete Ratschläge treffen ein. Mein ehemaliger Moskauer Nachbar, ein Biologe und Inhaber eines Lebensmittelgeschäfts, der, wie sich herausstellt, jetzt in Sachalin lebt, schreibt: „Früher oder später werden Sie die Vergeblichkeit Ihrer Bemühungen einsehen und sich aufmachen, die Äthiopier oder Philippiner zu behandeln – sie werden sehr viel dankbarer sein für das, was Sie für sie tun. Ich habe lange in beiden Ländern gelebt, sie sind von wunderbaren Menschen bevölkert.“
„Unösterliche Freude“ – diese Bezeichnung kam mir fast auf Anhieb, gemeint ist nicht die Freude über eine Begegnung oder ein erhaltenes Geschenk, die Berührung von etwas Höherem. Dasselbe muss Napoleon empfunden haben, als er in das leere Moskau einmarschierte. Die Abwesenheit von Widerstand: wie ein Messer, das in Butter fährt, oder nicht einmal in Butter, sondern in Öl. Die Hand, die den Schlag ausführt oder zum Händedruck ausgestreckt ist, bleibt im Leeren hängen.
Am Freitag, dem Tag nach dem Gespräch mit der Bedeutenden Persönlichkeit, nach der Abreise der Journalisten und dem Aufhören der Anrufe machte sich eine erschreckende Leere breit. Die Schlüssel vom Büro der Chefärztin wurden uns von niemandem gebracht, den Mitarbeitern wurden schwarz-weiße Kopien der Gratulationskarten zum achten März mit der Unterschrift des Polizeimeisters ausgegeben, der Gratulant selbst hatte sich in unbekannter Richtung verabschiedet. Offizielle Erklärungen zu den Rücktritten gab es nicht („Rufen Sie nach den Feiertagen an“), es wurde klar, dass die Burschen das Schwert nicht aus der Hand gäben, sondern – hast du nicht gesehen – mich für verrückt erklären und zwangsweise in die „Buschmanowka“, das psychiatrische Regionalkrankenhaus, stecken würden: Der Doktor hat einen schizophrenen Anfall oder was auch immer, sie würden sich schon was einfallen lassen. In diesem Zustand trifft er sich mit Präsidenten und Ministern, ruft Journalisten zusammen, setzt Beamte ab.
Doch erhielten wir gerade noch ein Fax (am siebten März, einem verkürzten Arbeitstag): die Antwort der Bedeutenden Persönlichkeit an die Regierungszeitung. Erleichterung trat ein, sie stecken mich nicht in die „Buschmanowka“. Die Gegenwart brach an – eine erschreckende Leere, der Zustand, in dem wir jetzt leben.
Die Leere materialisiert sich, und es heben sich einzelne Gestalten ab: ein paar Geschäftsleute, sehr mittelmäßig, und der Spiritus Rector unserer Stadt, die Konfidentin des Polizeimeisters, wir kennen sie schon lange. Sie leitet mehrere städtische Einrichtungen, in ihren Regalen stehen religiöse Bücher neben einem „Lehrbuch für Buchhaltung“ und dem „Gesetz zur örtlichen Selbstverwaltung“. Die Konfidentin hat großes Leid hinter sich, verfügt über angenehme Umgangsformen, eine Engelsstimme und macht aktiven Gebrauch von der Kirchensprache: Unsere Geschichte „führt sie in Versuchung“, „hindert sie daran, friedlich zu bleiben“. „Sie fürchten Gott nicht“, sage ich zu ihr. Und wirklich, sie fürchtet ihn nicht, sie findet vielmehr, er schulde ihr etwas für ihre Qualen: Lesen der geistlichen Literatur, stundenlanges Stehen in der Kirche, Einhalten der Fastenzeiten. Der Vorrat der Konfidentin an Bosheit ist frappierend. Sie war es, die in die Welt gesetzt hatte, wir stellten Versuche mit Menschen an, gebrauchten verbotene Präparate und probten die orange Revolution („sie kenne sich mit deren Methoden aus“). Auch die Journalisten halfen. Unsere Gegner erinnern sich wohl kaum an die „Dämonen“, selbst wenn sie sie gelesen haben, aber die Journalisten erinnern sich: Junge Leute tauchen in einer ruhigen Provinzstadt auf, um sie in die Luft zu sprengen. Da gibt es Benefizbälle, Damen der Obrigkeit, einen schwadronierenden Literaten und sogar einen Aristokraten – unseren Förderer („Wenn der Aristokrat für die Demokratie eintritt, ist er bezaubernd“).
Sie reden über uns im Fernsehen: Krankenzimmer Nr. 6, das Volk verharrt schweigend, Basmannyj-Justiz. Es ist einfacher, das Interessante zu übergehen: Die Chefärztin hat schon zweimal mit dem Polizeimeister prozessiert und beide Male gewonnen, die Ortsbewohner haben einen Brief geschrieben und sammeln Unterschriften. So eine Parteipresse – entschieden schlimmer als die Regierungszeitung. Man vergleicht uns mal mit Soros, mal mit YUKOS – was für eine Grundlage für Angriffe! Dazu steht etwas im „Iwan Denissowitsch“: „Aber nach dem Krieg schickte mir der englische Admiral, hol ihn der Teufel, ein denkwürdiges Geschenk. Zum Zeichen der Dankbarkeit. Ich wunderte mich und verfluchte ihn! …“
Es ist bekannt: Wenn man eine Million Affen an die Schreibmaschine setzt, wird bei einem von ihnen irgendwann ein Meisterwerk herauskommen. Die Affen haben den Vorteil: Sie drücken per Zufall auf die Tasten. „Soll ich mich mit allem auskennen?!“, ruft die junge Journalistin aus. Na klar, wenn du über alles schreiben willst. Einige Redaktionen schlugen uns vor, alles selbst darzustellen: „Sie haben einen guten Stil“ – das ist von dem, der es vorschlägt, nicht böse gemeint, sondern wie „Du bist groß, wechsle die Glühbirne aus“. Wir lehnten jedes Mal ab, nicht aus Arroganz – wir hatten schlicht keine Kraft dazu.
Viel dummes Zeug ist geredet worden über das, was bei uns los ist, trotz der einfachen Sachlage. Wir kämpfen nicht gegen die „Kräfte des Bösen“, gegen „Beamtenwillkür“ und so weiter – sondern nur gegen die, die uns an der Arbeit hindern. Wofür kämpfen wir? Für die Rückkehr der Chefärztin zur Arbeit. Sie lässt uns das machen, was wir wollen – die Patienten behandeln. Das hat keine politischen und fast keine wirtschaftlichen Gründe. Es gibt die Obrigkeit: ihr darf man nicht widersprechen, und das hat sie getan. Warum haben die Unterstützer scheinbar keine Angst? Oh doch, sie haben Angst, große sogar, aber sie kämpfen für dasselbe wie wir: für das Recht, ihr Leben zu leben. Zum Schlachtfeld wurde das Krankenhaus, das ist ihr Borodino – ein Dörflein, das niemandem etwas bedeutet außer uns, den Bewohnern dieses Borodino.




