Lied vom stillen Sommernachtstraum

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Als er weg ist, schaue ich noch mal auf den Plan, dreimal täglich fährt der Bus nach Nantes, alle drei innerhalb einer guten Stunde zwischen 6 und kurz nach 7 Uhr morgens. Also ja nicht verschlafen, denn morgen zum Samstag fahren die Busse, am Sonntag nicht. Damit steht fest, dass ich heute schon 18 Uhr „Feierabend“ machen kann. Bei einem kurzen Spaziergang durch das Dorf bemerke ich, dass bereits alles geschlossen hat, das „alles“ bezieht sich auf das Rathaus und die Kirche. Ansonsten gibt es hier nichts, keine Touristen-Information, keine Bibliothek, keinen Supermarkt. Dafür aber einen kleinen Park, mit einigen Tischen und Bänken. Ich setze mich, blicke auf einen Teich, das Königreich einer einzelnen weißen Gans. Schräg gegenüber steht die Kirche, deren Glocke abends Punkt sieben 210-mal schlägt, damit hat sie den ganzen Juni schon abgearbeitet. Ein ganz normales Dorf, hier gibt es nichts Besonderes und doch gefällt es mir. Alles liegt so nah zusammen, in fünf Minuten hat man das Dorf durchlaufen. Es ist ruhig, nur noch ein paar junge Menschen laufen herum, der Straßenlärm ist minimal, die Atmosphäre ist einfach hundertfach besser als in einer Stadt. Ich gönne mir Schoki-Kekse, um wieder die 5.000 Kalorien zu erreichen, kompensiere wo es nichts zu kompensieren gibt; schreibe Tagebuch, lass es mir gut gehen, auch wenn ich noch gern eine rauchen würde. Die Sonne verabschiedet sich langsam und ich mache es mir auf gemähter Wiese hinter einer Hecke bequem, so dass ich vom Weg aus nicht zu sehen bin. Keine Wolken am Himmel, für den Notfall hätte ich 50 Meter weiter eine leerstehende Garage. Da ich noch nicht so früh schlafen möchte, ist das der Moment, wo ich endlich den Hamsun beginne. Vier Monate mit mir herumgeschleppt und nun werfe ich erstmals einen Blick hinein. Bisher habe ich aber auch gut meine Tage gefüllt, so dass mir nie langweilig war. Ich beginne die Wanderer-Trilogie (in einem Band), inhaliere dabei jede Seite, lese langsam, um möglichst noch in Norwegen meine Freude daran zu haben. Das Lesen tut gut, ich habe es vermisst, wenn auch kaum bewusst. Der Mond hört mir beim Vorlesen zu und wird bezeugen können, dass Hamsun einer der fünf bis zehn größten Schriftsteller aller Zeiten ist. In seiner Geschichte zieht er sich, nach einem Boheme-Leben in europäischen Kaffeehäusern, als ein in die Jahre gekommener Mann aufs Land zurück, arbeitet mit einem Kameraden an diversen handwerklichen Dingen, wo sie „zurzeit“ einen Brunnen für ein Dorf an der norwegischen Küste graben. Beneidenswert wenn ein Mann Bauarbeiten verrichten kann, ohne es jahrelang gelernt zu haben; solche Männer sind immer wieder dazu da, mir das Spiegelbild des Taugenichtses vor Augen zu führen. Die Sterne zeigen sich, es wird zu dunkel zum Lesen, wie andere die Bibel vorm Schlafen auf den Nachttisch ablegen, lege ich den Hamsun an meine Seite und fühle mich für den Moment unbezwingbar.
Es kommt kein Bus – der 6.12 Uhr Bus nicht, der 6.47 wird auch nicht kommen und 7.17 genauso wenig. Frust. Aber ich hatte ja schon so ein krummes Gefühl. Die Tafel mit den Abfahrtzeiten kenne ich nun in- und auswendig. Immer wieder blicke ich darauf, erkenne jedoch nicht den Fehler … Eine Minute später ist der Bus da, ich bin erleichtert. Erleichtert auch, dass der Bus tatsächlich nur zwei Euro kostet, das Schnäppchen schlechthin, immerhin sind es 41 Kilometer bis nach Nantes. Die Vorfreude auf die namhafte Stadt an der Loire ist riesig.
Kurz nach 8 Uhr zum Samstagmorgen steige ich als Letzter im Herzen der Stadt (Coeur de Ville) aus. Um nicht gleich blind drauflos zu rennen, setze ich mich an eine Springbrunnenanlage in einem kleinen Park gegenüber dem Schloss von Nantes, das Château des ducs de Bretagne. Die Kathedrale lockt mich an, ich stehe auf, laufe am Schloss und seinem Burggraben vorbei, bis ich mitten vor der Hauptfassade des großen Kirchengebäudes stehe. Die Kathedrale Saint-Pierre beeindruckt mich; ich kenne keine schöneren Bauwerke als gotische Kathedralen, für mich sind sie die größten Meisterwerke der Architektur. Die Vorfreude auf Notre-Dame und Paris steigt von Tag zu Tag. So irreal es noch in Barcelona schien, nun fehlt nicht mehr viel – ich muss es schaffen, wenigstens bis nach Paris! Ich würde mich gern in einen Freisitz setzen, eine rauchen, am besten mit Blick auf die Kathedrale. Wehmütig denke ich an die Zeiten in Spanien zurück, vor allem an Sevilla. Ich laufe weiter durch das Stadtzentrum, finde auch Gefallen an den gotischen Kirchen Sainte-Croix und Saint-Nicolas, denen ich beide einen Besuch abstatte. Damit sollte mein Gebetshaushalt für die nächsten Wochen ausreichend aufgetankt sein. Von Kirchengebäuden versteht Nantes also schon mal etwas. Mit 300.000 Einwohnern ist Nantes die sechstgrößte Stadt Frankreichs. Vor zwei Jahren wurde ihr als eine der ersten Städte der Titel Umwelthauptstadt Europas verliehen. Das klingt auch nicht gerade unsympathisch. Nur das Meer ist etwas zu weit entfernt; die Loire-Mündung in den Atlantik liegt 55 Kilometer westlich. Ich finde die Mediathek, wo ich mich eine Stunde an den langsamen Rechner setze. Ich surfe gratis im Internet und so kann ich endlich Philipp die 30 Euro überweisen, mit im Verwendungszweck vermerkten Grüßen aus Nantes … eine Last weniger. In der Geburtsstadt von Jules Verne kann ich nirgendwo das Fremdenbüro finden, also gebe ich es schließlich auf und statte der Loire einen Besuch ab, esse an ihrem Ufer zu Mittag (Baguette und Salat), nachdem ich gerade einkaufen war. Es bleiben 5,64 Euro. Ich weiß, dass ich eigentlich noch sparsamer leben könnte, aber mit irgendwas muss ich mich ja motivieren, darum dürfen beim Einkauf Schokolade und Kekse nicht fehlen.
Die Loire sieht trübe aus, passt sich dem Himmel an; in einer Stadt verliert doch selbst der schönste Fluss seine ganze, bezaubernde Idylle. Ich bin mir sicher, dass ich von ihr in den nächsten Tagen noch ein anderes Bild zu Gesicht bekomme. In meiner Hose habe ich ein Loch im Schritt, so kommt etwas Luft an den landstreichenden Lümmel. Zumal meine Boxer drunter nur noch aus Loch zu bestehen scheint, immerhin ein unzerstörbares Material! Ich laufe über die Willy-Brandt-Brücke vom rechten Ufer der Loire rüber zur Insel Île de Nantes, gehe dort spazieren, was nichts Spektakuläres mit sich bringt. Ich habe keine Ahnung, ob mein Vorhaben, direkt an der Loire ins Landesinnere zu laufen, realisierbar ist. Ich will mich überraschen lassen und gehe über die Georges-Clemenceau-Brücke auf die linke Uferseite der Loire. Ob sich Clemenceau und Brandt als Staatsmänner verstanden hätten? Schwer zu sagen. Ich bin schon mal froh, dass hinter der Brücke ein Spazierweg am Loire-Ufer nach Osten führt, so kann ich recht einfach aus der Stadt hinauskommen. Ich laufe und laufe, bemerke dabei gar nicht, dass sich die Loire immer weiter von mir entfernt. Als ich schließlich durch einen Wald komme und am Ende des Waldes mitten auf eine zweispurige Schnellstraße stoße, von der Loire weit und breit nichts zu sehen, wird mir klar, dass ich mich verirrt habe. In dem Moment fängt es zu regnen an. Mit den Wanderungen an Flüssen will ich kein Glück haben, nach dem großen Missverständnis am Guadalquivir bin ich nun augenscheinlich blind in den Irrtum Loire gelaufen. Wie schnell die Stimmung beim Wandern doch kippen kann … Ich laufe die zwei Kilometer wieder zurück, bis ich in Saint-Sébastien-sur-Loire, einem Vorort von Nantes, an einer Infotafel mit Karte vorbeikomme, und die mir sagt, dass ich doch richtig war, ich also zurück zur Schnellstraße muss. Ich setze mich demotiviert in ein Bushaltestellenhäuschen, für den Moment unfähig weiterzulaufen. Es regnet, es ist verdammt schwül, ich brauche etwas zu rauchen, überlege kurz, ob ich mir sechs Cent erbettle, damit ich mir von meinem letzten Geld eine Schachtel Kippen (die Billigsten für 5,70 Euro) kaufen kann. Ich lass es dann aber sein, weil Essen wichtiger als Tabak ist, so spießig das auch klingt, aber anscheinend ist mir ein bisschen Restvernunft noch geblieben. Jedoch auch mit den paar Euro in der Tasche mache ich mir keine Illusion und gehe davon aus, dass ich nur noch ein paar Tage habe, es vielleicht noch bis Angers schaffen kann, ehe die Lichter ausgehen. Der Hamsun im Rucksack und das Springseil im obersten Fach bringen etwas Trost, trotzdem überlege ich die zehn Kilometer zurück ins Zentrum von Nantes zu laufen, da ich in diesem Moment unglaublich stark das Verlangen nach Gesellschaft verspüre. Ich möchte gerade nicht allein sein, möglichst viele junge Menschen in meiner Nähe wissen: In den vergangenen Tagen schlich ich langsam und unbemerkt immer weiter in ein Tief hinein, das nicht so recht ein Ende finden mag. Es ist mal wieder dieses Gefühl des Sattseins in mir. Letztendlich entscheide ich mich doch dafür, weiter nach Osten zu wandern, also zum dritten Mal dieselben zwei Kilometer zu laufen, es muss ja sein, ob heute oder morgen … und dann doch lieber heute, weil es mich wenigstens ein paar Kilometer näher an mein Ziel, wo auch immer das zurzeit sein mag, heranführt.
Der Regen lässt nach. Auf einer Asphaltpiste neben der Schnellstraße komme ich schließlich zurück ans Loire-Ufer … laufe zwei bis drei Stunden weitestgehend durch, immer am Ufer der Loire entlang, auf einem Schotterweg neben der Straße … lese einen aufgeweichten, jedoch noch verpackten Müsli-Riegel auf (zum Frühstück morgen) … habe kurz Wald zwischen mir und der Loire, wo zwanzig bis dreißig Hasen auf dem Weg vor mir herumspringen und mich beobachten … komme an einer kleinen Anlegestelle für Ruder- und Segelboote vorbei und schließlich zu einem Teich, der sich für einige hundert Meter parallel zur Loire, die ich bereits liebgewonnen habe, entlangzieht. Mitten am Ufer steht ein öffentlicher Pavillon, der perfekte Schlafplatz für mich, da ich schon die ganze Zeit ein Dach für die kommende Nacht gesucht habe. Ich blicke über den Teich, sehe einige kleine Inseln und kann die Loire in 300 Meter Entfernung eher erahnen als sehen. Dazwischen ist alles in grünen Farben; wohl anscheinend ein Naherholungsgebiet der Städter, die hier zersprengt an verschiedenen Stellen Tische, Bänke und Feuerstellen vorfinden. Einige Familien sind zum Samstagabend noch zu sehen, ich habe aber meine Ruhe, auch wenn die Uferstraße keine 100 Meter entfernt ist. Man nennt dieses Gebiet hier Espace des Rives de Loire. Ich bin zufrieden, nun doch noch einen versöhnlichen Abschluss des Tages zu verzeichnen, und meine Kameradin für die nächsten Tage, die Loire, in meiner Nähe zu wissen. Vögel zwitschern ein Abendlied, Grillen zirpen, von Mücken keine Spur, mir gefällt es hier. Vor zwei Stunden fühlte ich mich noch so richtig mies, und nun bin ich schon wieder beglückt und auf Wolke sieben, als wäre ich unfähig, überhaupt irgendwann einmal an mir und dieser Reise zu zweifeln. Die letzte Stunde im Tageslicht möchte ich in Gesellschaft verbringen, möchte ich mit jemand teilen, ich greife zum Hamsun ...
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