Mirabella und die Neun Welten

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„Dann gibt es eben keinen Deal.“ Jupiter zuckte mit den Schultern, es war eindeutig, dass er nicht mit sich reden lassen würde. Mirabella vermutete, dass es mit ihrer Herkunft und der ihrer Mutter zusammenhing. Jupiter hatte Helena so sehr geliebt, dass er sie heiraten und zu einer Göttin machen wollte, wie die Liebesgöttin Venus sich verplappert hatte.
Es herrschte einen Augenblick Schweigen, Mirabella und Nikolaos sahen sich verstohlen an. Schließlich wandte sich Jupiter an Jana und Karim.
„Wie sehen eure Fortschritte aus?“
Karim überließ Jana mit einer Geste das Wort.
Sie berichtete über eine Nichtregierungsorganisation, die sich um Menschenrechte kümmerte. Ein großes Thema waren derzeit die Flüchtlingsströme, speziell aus Nordafrika. Es ging darum, Fluchtursachen zu bekämpfen, gemeinsam mit der Politik Schleuserbanden zu bekämpfen, die Aufnahme humaner zu gestalten und Integration zu fördern.
Jupiter erklärte nun Mirabella und Nikolaos die für ihn wichtigen Punkte. „Die Organisation hat schon viel Lob und Anerkennung erhalten, Karim ist der Leiter für Tunesien, Jana in Kroatien. In letzter Zeit ist das Thema Flüchtlinge jedoch sehr problematisch, wie ihr vielleicht mitbekommen habt. Viele in Europa haben Angst vor zu vielen Flüchtlingen und die Erwartungen der Flüchtlinge decken sich nicht mit der Realität. Sie erhoffen sich neben Sicherheit auch ein wirtschaftlich besseres Leben, landen jedoch in Asylunterkünften, dürfen nicht arbeiten und werden teilweise offen von der Bevölkerung angefeindet. Neptun hat sich von der Problematik abgewandt, weil die Rettung der Schiffe auch nicht immer Anerkennung brachte, einige Schiffe sind seither gesunken.“ Jupiter seufzte. „Ich hab‘ euch immer gesagt: widmet euch einfacheren Themen, damit gibt es keine Anerkennung zu gewinnen.“
Jana sah genervt auf. „Wir machen das ja nicht nur für die Anerkennung, sondern weil wir denken, dass es das Richtige ist. Wir dürfen unsere Werte nicht einfach über Bord schmeißen, nur, weil es unbequem wird.“
Jupiter gebot Jana Einhalt. „Ich kenne deine Meinung dazu. Was höre ich von Karim? Er ist selbst in Gefahr?“
„Naja, demokratische Werte in Tunesien zu verteidigen ist nicht gerade einfach…“
Der Göttervater nickte. „Wenn es ernsthafte Probleme gibt, erhältst du vorübergehend hier Asyl, wir arrangieren etwas.“
Karim nickte dankbar. „Wir haben übrigens doch einen Erfolg aufzuweisen. Wir haben nun auch Beraterfunktion bei der UNO. Wie viel das bringen wird, wird man sehen…“
Jupiter sah höchst skeptisch aus, nickte aber wohlwollend und sah zum alten Georg.
„Was macht dein Buch über den Jupiter Tonans?“
„Fast fertig.“
„Georg macht die römischen Götter wieder populärer, schreibt Bücher und Artikel und gibt Vorlesungen. Er hilft wider das Vergessen“, erklärte Jupiter den beiden Neuankömmlingen der Runde. Sein Blick fiel auf die Schweizerin.
„Johanna ist eine berühmte Bergsteigerin, sie akkumuliert wie Timo Kraft und Energie durch Verehrung. Was ist dein nächstes Projekt?“
„Ich will einen neuen Rekord aufstellen, die Cassin-Route an der Eiger Nordwand. In unter zwei Stunden!“
„Wie ist der Rekord derzeit?“, fragte Nikolaos interessiert.
„Zwei Stunden und paar Minuten.“
„Wow!“ Nikolaos war sichtlich beeindruckt.
Nun war Timo an der Reihe zu berichten. „Wir haben einen neuen Plattenvertrag und eine europaweite Tournee ist geplant!“ Der junge Römer blickte stolz um sich.
Jupiter schaltete sich ein. „Timo spielt in einer Band. Wie nennst du das? Hop Hip?“
Mirabella musste ein Prusten unterdrücken und sah zu Nikolaos, dem es ähnlich ging.
„Hip Hop“, sagte Timo leicht indigniert, wandte sich dann an die beiden Jugendlichen, „wir kreieren gerade unseren eigenen italienischen Hip Hop, Roma Funk. Bisschen Electro, bisschen Punk. Ich bin der Sänger. Wollt ihr mal auf eins unserer Konzerte?“
„Klar“, sagten Mirabella und Nikolaos wie aus einem Munde.
„Das lässt sich arrangieren“, sagte Jupiter nun neutral, „was ist mit der Sängerin? Will sie kooperieren?“
„Mit Venus? Ja, ist interessiert.“
„So eine Symbiose?“, fragte Mirabella irritiert. Jupiter hatte ihnen anfangs erklärt, dass die Energiewesen des Olymps von der Verehrung der Menschen lebten. Dafür nahmen sie einerseits die Gestalt von beliebten Figuren wie dem Weihnachtsmann oder auch manchen Superhelden an, vor allem bei Ereignissen wie Weihnachtsmärkten, Heiligabend, Fan-Treffen oder Conventions, wo deren Präsenz erwartet wurde, oder für kleine Kinder, die noch an die Real-Präsenz dieser Wesen glaubten. Eine andere Möglichkeit war die Bedienung der zahlreichen Doubles bekannter Persönlichkeiten. Schließlich gab es auch noch die Symbiose. Die Götter verliehen einem Menschen eine göttliche Gabe, beispielsweise außergewöhnliche Schönheit, Intelligenz oder verschiedene Talente, die zu einer Bewunderung der Person führten. Als Gegenleistung hatten die Götter Anteil am Ruhm und an der Verehrung, Jupiter nannte dies eine Win-Win-Situation.
Der Göttervater nickte nun bei Mirabellas Frage. „Sie hat eine tolle Stimme, aber ihr Aussehen…“ Jupiter schüttelte den Kopf. „Unvorteilhaft. Venus wird ihr etwas Liebreiz verleihen, dann könnten die beiden sehr populär werden!“
2 - VON MARS UND MONSTERN
Sand rieselte durch Mirabellas leicht gebräunte Zehen, das Meer rauschte im Hintergrund und das junge Mädchen blinzelte im Halbschatten über ein Buch gebeugt, ohne es zu lesen. Sie war auf Sansibar, dem Sehnsuchtsort vieler, und vermisste den Olymp, ihre Freunde und vor allem ihren Bruder. Was war nur mit ihr los? Sonne, Strand und Meer, Delphine im Wasser, coole Kite-Surfer an der Strandbar und endlich einmal Zeit zum Faulenzen, Lesen und Nachdenken. Aber vielleicht war das Mirabellas Problem, sie wollte nicht faulenzen und schon gar nicht nachdenken, sie wollte Action, Abenteuer und Geselligkeit. Die erste Ferienwoche mit Safari durch die Serengeti und den Ngoro-Ngoro-Krater war schnell vergangen. In unbeobachteten Augenblicken testete Mirabella stets, ob sie auch mit den wilden Tieren Afrikas sprechen konnte. Noch war ihr kein Tier begegnet, das sie nicht verstehen konnte. Abends unterhielt sie meist das folkloristische Programm in der Lodge, eine Runde Skat mit den Eltern oder das Sichten der Videos und Bilder des Tages.
Erst auf Sansibar befiel Mirabella wieder diese innere Unruhe, kreisten ihre Gedanken erneut um die Frage ihrer Herkunft. Wenn es kein komischer Zufall war, dass ihr der Zutritt ohne Amulett verwehrt war, kam keiner der Olympier als ihr Vater in Frage. Oder Mutter. Die Energiewesen besaßen kein Geschlecht im menschlichen Sinne. Wie konnte aber sonst ihre Mutter schwanger mit einer Halbgöttin gewesen sein? Und Halbgöttin war sie. Oder? War sie vielleicht ein Zwischenweltwesen? Sprach sie deshalb die Monstersprache?
„Mira, kommst du mit schwimmen?“, fragte Yasmin, Mirabellas Adoptivmutter. Das Mädchen sah von ihrem Buch auf, in dem sie nicht las, fragend, bis Yasmin die Frage wiederholte. „Ja, gerne!“ Mirabella klappte das Buch zu und sah kurz auf ihr Handy. Eine Nachricht von Nikolaos. Morgen Training?
Ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Klar. Fragst du Jupiter?
Mach ich, bis später!
Mirabella ging mit guter Laune baden im Indischen Ozean.
Als sie später erneut ihr Handy zur Hand nahm, bemerkte sie Yasmins kritischen Blick und sah sie fragend an.
„Meinst du nicht, dass du sehr viel Zeit mit deinem Handy verbringst?“, fragte diese vorsichtig.
Mirabella wollte im ersten Moment reflexartig protestieren, schloss dann ihren Mund jedoch wieder und seufzte. „Du hast recht, Mami, aber ich vermisse meine Freunde. Wir haben eine Chat-Gruppe aufgemacht und es ist einfach nett, weiterhin mit ihnen in Kontakt zu sein.“
Yasmin drückte die Hand des Mädchens. „Ich verstehe dich ja. Ich hab‘ nur das Gefühl, dass wir den Anschluss verlieren, kein Teil davon sind.“
Mirabella schaute etwas unglücklich, sie wollte niemanden ausschließen, schon gar nicht die beiden. Ihre Adoptiveltern hatten letztendlich sehr tolerant und positiv auf die Neuigkeiten reagiert, die sie erst im Laufe des letzten Jahres erfahren hatten. Marcus hatte zwar mehrere Tage nicht darüber reden können, die Existenz der Götter hatte ihn schwer in seinen Grundüberzeugungen getroffen, bis er sie als höher entwickelte Energiewesen zu akzeptieren lernte.
„Was schreiben sie denn?“, fragte Yasmin aufmunternd.
„Äh, sie sind alle auch im Urlaub. Delphine ist nicht weit von hier, naja, sind fast 1000 km, wie ich feststellen musste, aber sie ist hier auch im Indischen Ozean, auf Mayotte. Sie vermisst ihren Freund Iros, der im Mittelmeer lebt.“
„Er lebt im Mittelmeer?“
„Er ist ein Meerjunge, also Meermann. So wie die Meerjungfrauen, da gibt es ein ganzes Volk davon, über alle Meere verstreut.“
„Arielle gibt es wirklich?“, fragte Yasmin begeistert.
Mirabella lachte. „DIE Arielle wahrscheinlich nicht, aber Neptun meinte, dass wegen der Geschichte viele rothaarige Meerjungfrauen Arielle genannt werden.“
„Und Nikolaos?“
„Der ist jetzt zuhause, war davor ja in den Staaten. Er übt viel mit seiner Jazz Band.“ Ganz wohl war Mirabella dabei nicht. Sie wusste, dass die Sängerin der Band, Céline, in Nikolaos verliebt war. Er hatte behauptet, es nicht zu sein, aber Mirabella hatte dennoch Angst, er könnte mit ihr zusammenkommen, was dazu führen würde, dass er keine Zeit mehr für seine Halbschwester hätte.
„Treten die auch auf?“
„Auf einer privaten Hochzeit wollen sie demnächst spielen.“
Mirabella erzählte noch von Leon, dem Sohn des Schmiedegottes Vulcanus, der mit seinen Eltern in Chile unterwegs war. Er stöhnte etwas über die vielen Vulkane, die er besichtigen musste, seine Eltern waren Vulkanologen, schien aber an sich Spaß an den Wanderungen und Besteigungen zu haben. Die Bilder, die er herumschickte, zeigten eine atemberaubende Landschaft. Der Sizilianer Lorenzo, Sohn des Apolls, den sie zuletzt auf der Aufnahmefeier knutschend mit Terra gesehen hatte, war mit einem Freund beim Surfen an der französischen Atlantikküste. Von oder über Terra hatte sie seit der Feier keine Information erhalten, da sie der Chatgruppe nicht angehörte. Terra war die einzige Vollgöttin ihrer Klasse und besaß kein Handy. Lorenzo war zwar mehrfach mit Zwinkersmiley nach ihr gefragt worden, er hatte sich aber über Terra ausgeschwiegen. Dass er so gar nichts erwähnte, machte Mirabella stutzig, aber sie war nicht eng genug mit Lorenzo befreundet, um ihn indiskret auszuquetschen. Mit Terra, Tochter von Mars und Venus, hatte sie sich über die Monate angefreundet, ganz schlau aus ihr wurde sie jedoch nicht, dafür waren reine Energiewesen und Halbmenschen wahrscheinlich zu unterschiedlich. Mirabellas Handy piepste, eine neue Nachricht von Nikolaos.
Die haben fast keinen Saft mehr im Olymp, irgendwie war die Feier so energieraubend, dass momentan Teleportation von Halbgöttern in den Olymp nicht genehmigt wird.
„Probleme?“, fragte Yasmin.
Mirabella schüttelte den Kopf. „Nick und ich planen nur eine gemeinsame Trainingsstunde.“
Könntest du per Bulla-Express reisen? Wie hast du dann mit Jupiter reden können?, schrieb Mirabella zurück.
Er kam zu mir, antwortete ihr Bruder, „war eh unterwegs. Das Amulett kann man auch verwenden, um sich zum Jupitertempel teleportieren zu lassen.
-Cool, wie?
-Beim Haare drehen musst du „in templo“ sagen, statt an ihn zu denken.
-Und eine Simulation ist energetisch für uns drinnen?
-Denke schon, wir sollen mit Mars reden.
Die Antwort ließ Mirabella die Nackenhaare aufstellen. Sie verabscheute den Kriegsgott, der Spaß am Töten und Kämpfen hatte und mit seinem schlechten Ruf kokettierte. Ich hätte gute Lust, das Training abzublasen…
Ich kann das Fragen übernehmen, okay? Mirabella konnte das Schmunzeln ihres Bruders fast spüren.
Wir fragen zusammen.
Jetzt?
Da es für Yasmin in Ordnung war – „aber sei morgen zuhause, bitte!“ - ging Mirabella schnell auf ihr Zimmer und zog sich eine Jeans und ein T-Shirt über den Bikini. Sie öffnete ihr Jupiter-Amulett, das immer um ihren Hals hing, das silbrig glänzende Haar wurde sichtbar. Mirabella nahm das Barthaar ihres Vaters in die Hand und drehte es: „In templo.“ Im nächsten Moment stand sie in einem dunklen, nur von ein paar Fackeln erleuchteten Raum. Durch die Tür fiel Licht, man konnte ein paar dorische Säulen erkennen, die den Tempel säumten. Der Innenraum, die Cella, war schlicht gehalten, ein Bildnis des Jupiters schmückte einzig den schmalen Raum. Mirabella trat aus der Cella und sah einen Wald von Säulen. „Nick?“
„Hier!“ Ihr Bruder trat aus dem Raum neben Jupiters zu ihr. „Das ist Junos Kammer, auf der anderen Seite ist Minervas.“ Der Kapitolinische Tempel in Rom war der Trias Jupiter, Juno und Minerva geweiht und existierte heutzutage nur noch in der Zwischenwelt. Wo einst der antike Tempel stand, fanden sich jetzt der Kapitolsplatz und das römische Rathaus.
„Cool. Und jetzt?“
Nikolaos nahm Mirabella an die Hand und ging, die andere Hand ausgestreckt nach vorne haltend aus dem Tempel heraus, Mirabella mit sich ziehend. Schließlich blieb er stehen. „Hier endet die Blase.“ Wenn die Schüler vom Olymp aus auf Reisen gingen, hatte meist der jeweilige Gott die Blase kreiert. Sie hatten gelernt, aus einer größeren eine eigene Blase zu erschaffen, jedoch immer nur unter Aufsicht.
„Sollen wir es zusammen versuchen?“
Mirabella nickte und sie konzentrierten sich auf ihre innere göttliche Energie, dehnten die äußere Hülle der Tempelblase mit ihren freien Händen, während sie über die verbundenen Hände die Energie des anderen spürten. Schließlich trauten sie sich in die kleine Ausbeulung zu steigen und eine kleine Blase spaltete sich von der großen ab.
Nikolaos setzte sich hin, den Rücken gegen die Blasenwand lehnend. Mirabella war zu aufgeregt, um sich zu setzen. „Fliegt die automatisch zum Olymp?“, fragte sie plötzlich.
„Glaub schon.“
„Und wenn man woanders hinfliegen möchte?“
„Dann muss man sie wohl lenken.“
„Ach, was. Meinst du geistig?“, fragte Mirabella gespielt beleidigt und setzte sich neben Nikolaos.
„Siehst du ein Lenkrad?“, antwortete ihr Bruder provozierend und grinste.
Mirabella boxte ihn liebevoll und musste auch grinsen. „Es ist alles noch so aufregend. In ein paar Monaten ist das wahrscheinlich voll die Routine für uns, aber im Moment finde ich es echt spannend.“
„Ist es ja auch“, gab ihr Bruder zu. „Offensichtlich können wir auch unsere Energie vereinigen. Meinst du, das geht auch bei der Telekinese?“
„Können wir ja ausprobieren, wäre cool.“
Sie planten eine Aikido Trainingsstunde mit telekinetischer Einlage und waren binnen Minuten wirklich im Olymp.
Die Blase dockte an und ging in die große, den gesamten Olymp umspannende Blase über, die hoch oben in der Erdatmosphäre über Griechenland schwebte. Sie standen in einem der vielen Säulengänge.
„Wie sollen wir hier Mars finden?“
Normalerweise waren sie in ihrem Klassenzimmer, natürlich auch eine Simulation, angekommen, aber nun standen sie in einem Gang, der in zwei Richtungen endlos zu führen schien. Plötzlich entdeckte Mirabella eine Tafel mit vielen Schriftzeichen an der Wand. „Oh, nein, das ist Griechisch. Nick…“
Ihr Bruder sah grinsend zur Tafel. „Da stehen die Namen der griechischen Götter. Also, wirklich, das Türschild hätten sie ja mal erneuern können, wenn sie sonst schon nichts mit den – ich zitiere – ‚griechischen Versagern‘ zu tun haben wollen.“
„Ich finde es gut, dass sie ihre früheren Identitäten nicht verleugnen. Auch wenn ich es leider nicht lesen kann…“
„Das Alphabeth ist nicht so schwierig. Ich kann dir helfen, es zu lernen.“
„Hm. Ist hier jetzt eine Klingel oder wie funktioniert das?“, fragte Mirabella ablenkend.
„Wir kommen, um dich zu fragen, Mars“, sprach Nikolaos laut, während er das Schild mit der Aufschrift ‚Ares‘ berührte. Die Jugendlichen warteten gespannt, als plötzlich eine Tür vor ihnen im Gang auftauchte. Nikolaos klopfte und öffnete dann die Tür.
„Kommt rein“, hörten sie eine bekannte und seitens Mirabella verhasste Stimme. „Was wollt ihr?“
Mars in seiner rauhen Schönheit in römischer Feldherrenbekleidung stand mit seinem Speer in der Hand in seinem Empfangszimmer. Mit Vulcanus hatten die Schüler den von ihm erbauten Olymp besichtigt. Jeder der Olympischen Götter besaß Räumlichkeiten hier, für den Besuch von Halbgöttern und Zwischenweltwesen gab es Empfangsräume, in denen die Götter Audienzen abhielten. Statuen, Rüstungen und Waffen schmückten das Vorzimmer von Mars, sein Helm mit roten Federn lag auf einem mittelalterlichen Stuhl, sein lockiges schwarzes Haar fiel wild in die Stirn, seine kalten grau-blauen Augen musterten die Jugendlichen interessiert.
Nikolaos räusperte sich. „Wir wollten fragen, ob wir heute eine Trainingseinheit durchführen können.“
„Ihr wisst, dass wir gerade Energie sparen müssen?“
„Jupiter sagte mir das, aber du solltest über die Simulation entscheiden.“ Nikolaos wirkte völlig ruhig, während Mirabella ihre Furcht vor Mars nicht ablegen konnte. Sie wippte nervös auf ihren Schuhsohlen.
Mars nickte gelangweilt. „Meinetwegen, eine einfache Simulation. Ohne Gegner.“
Nikolaos sah etwas enttäuscht aus.
„Ihr könntet natürlich in eine Zwischenwelt reisen und euch gegen echte Monster üben.“
Die Jugendlichen sahen sich an, Mirabella schüttelte schließlich den Kopf.
„Gut, wenn ihr Angst habt…“, sagte Mars verächtlich.
„Ich habe keine Angst“, schoss es wütend aus Mirabella heraus, „aber ich möchte nur üben und keine echten Monster bekämpfen, wenn es nicht sein muss.“
„Und du glaubst, diese Übungen bereiten dich genügend auf die echte Kampfsituation vor?“, fragte der Gott, ein spöttisches Lächeln umspielte seinen Mund. „Simulationen können einen nicht auf die Realität vorbereiten. Nichts kann das.“
„Mag sein, dass die reale Situation nicht vergleichbar ist, dennoch muss man die Technik üben“, gab Nikolaos angriffslustig, aber ruhig zurück.
„Natürlich“, erwiderte Mars. „Ich hätte nur mehr Mut von den Jupiterkindern erwartet...“
„Dann bring uns zu den Monstern!“, antwortete Nikolaos genervt.
„Jetzt lass dich nicht provozieren“, protestierte Mirabella. „Und wenn uns das Monster umbringt? Für nichts und wieder nichts? Ist doch bescheuert! Außerdem will ich keins töten.“
„Wir können es ja anders versuchen“, schlug Nikolaos vor.
Mirabella stutzte. Wollte er seine Suggestionsgabe üben? Mit echten Monstern würde man reden können, bei den Simulationen war dies nicht möglich. „Okay“, sagte sie schließlich in einem Ton, als würde sie dem Erdbeer- statt dem Vanilleeis zustimmen.
„Okay?“, fragte Mars verwundert. „Gut, ich werde ein Auge auf euch haben.“ Mit einer Handbewegung erschien ein Portal vor den beiden. Sie sahen sich ernst an und gingen dann gemeinsam durch das simulierte Tor.
Mirabella hatte auf ein Malleocornu gehofft, ein riesiges saurierartiges Tier mit einem hammerförmigen Horn, das in Flüssen lebte und eine sanfte Natur besaß. Vor ihnen stand jedoch ein anderes Wesen, das in das Verspeisen einer Kuh vertieft war. Sah man nur den Oberkörper, hätte man Gefallen an diesem menschlich wirkenden weiblichen Wesen mit den vollen Brüsten und den langen Rasta-Haaren finden können, leider wuchsen aus ihrem Unterleib mit vier behuften Beinen drei Köpfe von reißenden Bestien, die gierig an der Kuh nagten. In ihren Händen hielt es das noch schlagende Herz der Kuh und biss nun herzhaft mit ihrem menschlichen Mund hinein. Mirabella musste ihren Blick abwenden und sah zu Nikolaos, der ebenfalls angewidert Mirabellas Augen suchte. Sie sah sich nach dem Portal um, es war immer noch da.
Nikolaos folgte ihrem Blick und sah Mirabella fragend an. Sie zögerte, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ist das eine Skylla?“, fragte sie flüsternd.
Nikolaos zuckte mit den Schultern. „Hatte die nicht sechs Köpfe?“
Als Mirabella wieder zum Ungeheuer sah, bemerkte sie, dass der Oberkörper sich ihnen zugewandt hatte und die menschlich wirkenden Augen die zwei Eindringlinge beobachteten.
„Sei gegrüßt!“, versuchte es Mirabella in Monstersprache.
„Was wollt ihr hier?“, fragte das Monster irritiert, sie beugte sich besitzergreifend über ihre Beute.
„Wir wollen… uns die Zwischenwelt ansehen. Wir sind zwei Jupiterkinder und wollen euch kennenlernen. Bist du eine Skylla?“
„Die Skylla? Nein, wir sind zwar verwandt, aber ich bin ein Trikephalon. Mein Name ist Jakla. Ihr habt Glück, dass ich gerade was zum Essen habe, sonst hätte ich euch schon längst gerissen.“
Mirabellas Augen weiteten sich leicht und sie übersetzte Nikolaos die Unterhaltung.
„Sollen wir weitergehen?“, fragte Mirabella etwas ratlos.
Nikolaos nickte und sie schritten über die Lichtung in Richtung eines Waldpfades, als Jakla plötzlich hinter ihnen stand. „Nicht so schnell, meine Kuh rennt mir nicht mehr davon. Ich kann doch kein Essen davonlaufen sehen.“
Mirabella blieb ruckartig stehen.
„Wir können dir viele, viele Kühe besorgen, du musst nicht uns verspeisen“, sagte Mirabella ruhig, sich langsam umdrehend. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Nikolaos die Augen konzentriert schloss.
„Wirklich?“, fragte Jakla in der Zwischenzeit.
„Klar, ich spreche mit Diana, sie kann dir sicherlich einige Kühe besorgen.“
Jakla beäugte Mirabella misstrauisch, erkannte dann das Mondgestein-Armband. „Du bist eine der Amazonen?“
Mirabella nickte und Jakla sah zu ihren Bestien hinunter, denen der Geifer aus dem Maul floss. Sie streichelte die Köpfe, während sie über das Angebot nachdachte. Mirabella überlegte, was sie machen könnte, wenn sich Jakla gegen den Deal aussprechen würde.
„Nun gut, ich glaube euch“, sagte das mehrköpfige Ungeheuer endlich. Etwas zögerlich, dann immer schneller trabte sie zu ihrer Kuh zurück. Mirabella sah erleichtert lächelnd zu Nikolaos, der die Augen öffnete.
„Wie machst du das?“
„Was? Die Suggestion? Ich konzentriere mich auf den Geist des anderen, versuche, seinen Willen zu brechen. Aber, ehrlich gesagt, war hier nicht viel zu brechen. Dass du Amazone bist, hat sie verängstigt.“
„Wenn ich sie zur Freundin haben will, sollte ich vielleicht wirklich Kühe besorgen. Von Diana.“
Nikolaos grinste leicht und sah an ihr vorbei. „Wir sollten das Portal nicht aus dem Auge lassen.“
Mirabella nickte. „Meinst du, wir könnten uns zur Not in den Jupitertempel transportieren lassen?“ Erst jetzt bemerkte sie, dass Nikolaos in der Bewegung eingefroren war und in Richtung Portal starrte. Sie folgte seinem Blick und sah Wald und sonst gar nichts. „Es ist weg, oder?“
„Schaut so aus. Dann müssen wir wohl auf Mars oder das Amulett vertrauen…“
Die Geschwister gingen weiter. „Hoffentlich kommen keine Riesen, mit denen kann man nicht verhandeln“, bemerkte sie beunruhigt. Zweimal schon befand sich Mirabella in der Pranke eines Riesen, einmal halfen ihr die Amazonen, das andere Mal, während ihrer Prüfung, kam sie nur um Haaresbreite mit dem Leben davon.
„Wahrscheinlich ist ihr Geist aber ausreichend primitiv für Suggestion.“
„Ja, das könnte stimmen.“ Sie lachte, wenngleich sie wusste, dass Riesen nicht Monster im eigentlichen Sinne waren. Es waren primitive Götter und wahrscheinlich nicht so leicht zu beherrschen. Plötzlich blieb sie stehen. „Hatten wir nicht eigentlich üben wollen? Also, Aikido.“
„Stimmt. Sollen wir?“
Die beiden sahen sich um, eine kleine Lichtung in der Nähe schien geeignet. Monster konnten sie keine entdecken und so trainierten sie eine Kata und übten sich vorsichtig im Zweikampf, niemand wollte den anderen ernsthaft verletzen. Nach einiger Zeit vergaßen sie ganz, dass sie von Monstern umgeben waren und ruhten sich erschöpft im Gras aus.



