Mirabella und die Neun Welten

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Wie schon oft im Olymp lagen sie nach dem Training nebeneinander und starrten in die Wolken. Mirabella hatte immer die Unterhaltungen mit ihrem Bruder, die entspannte Stimmung und die Verbundenheit genossen. Seit der Prüfung jedoch quälte es sie, vor Nikolaos ein Geheimnis zu haben, aber die Angst, ihn zu verlieren, ließ sie auch jetzt wieder zögern. Was, wenn sich danach alles zwischen ihnen ändern würde, wenn er sie nicht mehr als Olympierin, als seine Schwester und beste Freundin ansehen würde? Andererseits, war er nicht ihr bester Freund? Teilte man nicht mit seinen Freunden die Sorgen?
„Nick?“
„Ja?“
„Ähm, ich wollte dir schon länger…“
„Pscht! Da ist was!“, unterbrach er sie und Mirabella schwieg.
Tatsächlich hörten beide ein Rascheln im Laub, dann ein Schnauben. Zwischen den dichten Büschen sah man nur so eine Art Schatten, der sich bewegte, dann mehrere dunkle Konturen. Schließlich bewegten sich die Büsche und plötzlich stand eine Herde wildschweinartiger Wesen am Rand der Lichtung. Die Jugendlichen waren aufgesprungen und langsam rückwärts in die andere Richtung gelaufen.
„Sind das solche wie bei Herkules?“, zischte Mirabella leise.
„Ich weiß nicht, aber auch wenn sie verwundbar wären, wir haben gar keine Waffen. Für Suggestion sind es zu viele, ich weiß gar nicht, auf wen ich mich da konzentrieren sollte…“
Mittlerweile standen über zehn riesige haarige Wildschweine mit ein paar Jungtieren auf der Lichtung und starrten auf die beiden Jugendlichen, die sich nicht trauten, sich zu bewegen. Ein Eber war besonders groß, seine Hauer erinnerten eher an dicke Säbel als an Zähne, Blut klebte an ihnen. Mirabella schluckte und sah zu Nikolaos hinüber.
„Beweg dich nicht!“, flüsterte er. „Meinst du, wir schaffen es rechtzeitig auf einen Baum?“
„Und wenn sie die umstürzen, die Bäume hier sind ziemlich klein.“
„Was schlägst du dann vor?“
Sie überlegte kurz. „Eine Feuerwand. Das verschafft uns Zeit.“
„Okay“, stimmte Nikolaos zu, „vielleicht finden wir ja eine Höhle.“
Mirabella schwang blitzschnell ihre Hand und kreierte einen Blitz. Die Wildschweine schraken zurück. Sie konzentrierte sich erneut und setzte mehrere kleine Blitze in einer Reihe, bis eine mannshohe Feuerwand auf der Lichtung brannte. Die Jugendlichen rannten tiefer in den Wald, so schnell sie konnten, die Bäume wurden wieder höher, Felsen tauchten mal auf der einen, mal auf der anderen Seite auf, als ihnen plötzlich ein riesiger Stein auffiel, der in einem Felsenloch zu stecken schien. „Dahinter ist vielleicht eine Höhle!“, rief Nikolaos aufgeregt. „Meinst du, wir können den Stein zur Seite schieben?“
Sie lauschte in den Wald und hörte am Knacken der Äste und Rascheln des Laubes, dass die Wildschweine ihre Fährte aufgenommen hatten, sie würden bald hier sein.
„Okay, wir müssen uns beeilen.“
Beide schlossen ihre Augen und konzentrierten sich auf den Felsen. Er war ungeheuer massiv und bewegte sich keinen Zentimeter.
„Wir müssen die Kräfte vereinen.“ Er ergriff ihre Hand, sie spürte seine warme leicht verschwitzte Haut und seine Energie. Gemeinsam konzentrierten sie sich auf ihre vereinte Kraft und versuchten erneut, den Felsen zu bewegen. Sie hörten ein schabendes Geräusch am Boden, der Fels bewegte sich, langsam, aber er bewegte sich. Der entstandene Spalt war sehr schmal.
„Mira, versuch es mal.“
Sie steckte ihren Kopf in den Spalt, sie musste den Kopf seitwärts drehen und sich durch den Spalt drücken, aber sie kam durch. Nikolaos folgte ihr, sein Brustkorb war jedoch kräftiger und er schien festzustecken. „Sie sind da! Zieh!“
Sie hörte draußen das Schnauben der Wildschweine und zog am Arm ihres Bruders mit voller Kraft. Mit einem Ruck stürzte er in die Höhle hinein und auf sie drauf. „Aua!“
„Sorry, danke!“ Beide mussten lachen, bis sie die Wildschweinschnauze im Felsspalt sahen.
„Wir müssen den Spalt wieder schließen.“
Sie konzentrierten sich erneut und schoben den Fels mittels ihrer Kräfte ein Stück zurück. Das Wildschwein zog sich quiekend zurück und scharrte verärgert mit seinen Hufen vor dem Felsbrocken.
„Ich suggeriere jetzt dem Anführer, dass es woanders etwas zum Fressen gibt“, erläuterte Nikolaos und schloss die Augen.
Durch den Spalt fiel kaum Licht in die Höhle. Mirabella sah sich misstrauisch um, ihr Instinkt gebot Vorsicht. Sie kreierte einen Energieball, der ein warmes Licht in die Höhle warf. Im Schein des Lichtes nahmen die Schatten Gestalt an und sie erschrak mit einem leisen Schrei des Entsetzens. Ein riesiger Stuhl samt Tisch und ein riesiges Bett ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass dies die Höhle eines riesenhaften Diplopoden, eines Zweifüßlers, war.
„Was ist?“, fragte Nikolaos irritiert und öffnete die Augen. Sein Blick fiel auf Mirabella, dann auf den Stuhl und zurück zu ihr.
„Riesen?“
„Oder ein Zyklop“, antwortete sie schwer. Zyklopen, riesige einäugige humanoide Wesen, waren in der Regel nicht so aggressiv wie die Riesen und hielten sich auch besser an die Vereinbarungen mit den Göttern, aber schwören hätte Mirabella darauf auch nicht wollen. „Wenn es Zyrron oder Pyr wären, wäre es kein Problem, aber wie wahrscheinlich ist das…“
Kaum hatte sie dies ausgesprochen, erzitterte die Erde. Bam, bam, bam, die Schritte eines riesigen Wesens erschütterten den Boden.
„Was macht ihr denn hier?“, schnauzte eine rauhe unbekannte Stimme die Wildschweine draußen an. In Riesensprache. Es konnte immer noch ein Zyklop sein, die Monster sprachen jeder ihre eigene Sprache, wie auch die Tiere. Mirabella verstand sie automatisch, das lief über ihre göttliche Hälfte, sie hätte nicht erklären können, wie es genau funktionierte, ihr Gehirn verstand direkt, was gesagt wurde. Die verschiedenen Monster untereinander sprachen jedoch in der Sprache der Riesen, sie stellte ihre Verkehrssprache dar. Riesen und Zyklopen beherrschten meist auch Griechisch oder Latein, wodurch sie sich mit den antiken Helden hatten verständigen können.
„Zeit zu verschwinden!“, zischte Mirabella und ergriff ihr Amulett, küsste und öffnete es. „Te aper-i!“
Nikolaos wollte es ihr gleichtun, aber sein Amulett ließ sich nicht öffnen. „Es ist verbogen. Ich schätze, als du mich durch den Spalt gezogen hast.“
Mirabella sah entsetzt zu ihrem Bruder. „Können wir mit einem zusammen reisen?“
„Keine Ahnung“, Nikolaos sah nervös zum Spalt, der sich plötzlich vergrößerte. Sie gab ihm ohne weiteres Überlegen ihre Kette. Ihre Eintrittskarte zum Olymp.
„Benutze sie, mach schnell, ich nehme das Armband.“
Sie konzentrierte sich auf den Mond und brachte ihn zum Glühen, dann drehte sie ihn dreimal. „Minerva!“
Verschwommen nahm sie wahr, wie ein Riesenkopf hinter dem Felsen erschien und Nikolaos das Jupiterhaar in der Hand hielt, dann befand sie sich in einem dunklen Raum, nur ihr kleiner Mond am Armband leuchtete. An der Wand machte Mirabella ein Bildnis der Minerva aus und atmete erleichtert aus. „Nick?“
Wenn alles gutgegangen war, dann sollte Nick nun im Nebenraum, in Jupiters Cella, materialisiert sein. „Mira?“
Gleichzeitig stürmten sie aus ihren Kammern und fanden sich im Säulengang wieder, jeder mit einem breiten Lächeln der Erleichterung auf dem Gesicht.
3 - FLÜGELPFERDE IN NOT
„Interessante Trainingsstunde…“, meinte Nikolaos grinsend.
„Du wolltest doch immer Abenteuer erleben!“, gab Mirabella zurück. „Das ist doch besser als Dixon Hill oder Blood Bowl?“
Nikolaos lachte. „Viel besser!“ Er wollte Mirabella den Anhänger aushändigen, als er in der Bewegung innehielt. „Darf ich mir den vielleicht ausborgen, bis meiner repariert ist? Ich bringe ihn so schnell wie möglich zu dir.“
Sie zögerte etwas. Ohne Jupiters Haar würde sie vielleicht den Olymp nicht betreten können, leichte Panik stieg in ihr hoch, dann nickte sie aber.
„Klar, ich habe ja noch das Armband, mit dem ich reisen kann.“
„Danke!“ er lächelte erleichtert. „Was machst du eigentlich an deinem Geburtstag?“, fiel ihm dann ein.
Mirabella wurde morgen fünfzehn. „Meine Eltern haben eine Überraschung für mich.“
Nikolaos nickte lächelnd. „Hast du jetzt noch Zeit? Wir könnten ein echt italienisches Eis essen.“
„Das wäre…“ In dem Moment stand Minerva vor ihnen. Sie hatte den Lehrplan für die Jugendlichen letztes Jahr gestaltet und die meisten Unterrichtseinheiten übernommen. Ihre menschliche Erscheinungsform entsprach der römischen Göttin der Weisheit mit streng hochgestecktem dunklem Haar. Trotz ihrer offiziellen Jungfräulichkeit trug sie meist eine lange Stola über der kurzen Tunika. Ihr Antlitz war schön, es fehlte jedoch jegliches Weiche, Sanfte in ihrer Erscheinung. Auf Helm, Speer und Schild verzichtete sie oft, doch Athena, ihr kleiner Steinkauz, saß meist auf ihrer Schulter, so auch heute. „Guten Abend ihr beiden, was macht ihr denn hier?“
„Lange Geschichte…“, winkte Nikolaos ab.
„Ich möchte sie trotzdem hören“, insistierte Minerva mit erhobener Augenbraue.
Mirabella schilderte von ihrer Absicht gemeinsam zu trainieren, den Energieproblemen im Olymp und dem Angebot von Mars.
„Unverantwortlich!“, sagte Minerva kopfschüttelnd. „Ich werde mal wieder ein ernstes Wort mit Mars sprechen müssen. Wahrscheinlich hat er euch auch noch im Gebiet der Riesen ausgesetzt?“
„Zumindest sind wir auf unserer Flucht vor den Wildschweinen in einer Riesenhöhle gelandet, daher haben wir uns auch hierher teleportiert.“
„Wildschweinen?“
„Sie sahen so ähnlich aus, aber größer und wilder…“
„Und fleischfressend“, ergänzte Nikolaos. Minerva nickte und schüttelte erneut verärgert den Kopf.
„Davor konnten wir aber Aikido trainieren. Oh, da fällt mir ein. Wir haben eine Jakla getroffen, der habe ich Kühe versprochen. Könntest du das Diana ausrichten…“
Minerva zeigte ihr seltenes Lächeln, das strenge Gesicht wirkte gleich wesentlich liebreizender. „Du kannst ihr das selbst sagen. Wir müssen jetzt sowieso zum Treffen.“
In diesem Moment fing Mirabellas Mond an zu leuchten. Sie hatte gerade noch Zeit, Nikolaos zu winken, dann stand sie schon im Diana- Tempel auf dem Aventin Hügel, einem der sieben Hügel Roms, ein paar Kilometer weiter.
„Guten Abend“, grüßte Diana, die Göttin der Jagd. Sie trug eine kurze Tunika, ebenfalls hochgesteckte, mit goldenen Bändern gehaltene blonde Haare. Ihre Schulter zierte ein Bogen, ihr Markenzeichen, an ihrer Seite stand eine kleine braune Hirschkuh, die Mirabella mit sanften Augen anblickte. Die beiden Göttinnen berührten sich zur Begrüßung kurz mit den Fingerspitzen, es kam Mirabella vor, als würde Energie bei der Berührung fließen.
Im nächsten Moment traf Vesta ein. Sie trug ebenfalls eine Stola und ein Tuch über dem Kopf, ähnlich wie Inderinnen ihren Sari drapieren, wenn der Kopf bedeckt sein soll, oder wie die heilige Maria dargestellt wird. Ihre schulterlangen gelockten dunklen Haare mit dem Pony umrandeten das schöne nicht mehr jugendliche Gesicht. Sie nickte allen freundlich zu, schenkte Mirabella sogar ein Lächeln. Wenn Mirabella eine Eigenschaft zu Vesta einfiel, dann war es Güte. Vielleicht würde sie ihr Urteil auch revidieren müssen, wenn sie Vesta mal in Verhandlungen mit dem Norden gesehen haben würde, wahrscheinlich konnte sie durchaus hart verhandeln. Sie genoss das Vertrauen der Götter, den Kurs zu bestimmen und war auch für die Bewachung der Zwillingsstatue zuständig, sie war sicher eine harte und schwierige Gegnerin, vor allem aber fand Mirabella sie weise und besonnen. Minerva war klug und gebildet, aber geriet leicht in Zorn, etwas, dass sich Mirabella bei Vesta überhaupt nicht vorstellen konnte.
„Nun, Diana, du hast uns gerufen, welches ist unsere Mission heute?“, fragte Vesta geduldig.
„Ich dachte, wir besuchen die Pterippus“, Mirabella lächelte bei Erwähnung der Flügelpferde erfreut, „Apoll sagte mir, die Pflanzen würden sich langsam erholen, aber die Pferde hätten Angst, dass die momentanen Weideflächen nicht ausreichen würden.“
Die drei Göttinnen bestiegen mit Mirabella zusammen eine Blase, die sie außerhalb Roms flog, dort befand sich ein Portal für die Zwischenwelt der Monster und Fabelwesen. Sie passierten das Portal und flogen über Wiesen und Wälder weiter, bis sie zu grünen Weideflächen kamen, die jedoch ringsum von braunen Stellen umgeben waren. Hunderte von Flügelpferden grasten auf einer Weide, Mirabella erkannte Schimmel, Rappen, Füchse und Braune mit Flügeln in den verschiedensten Farben. Ein großer Schwarzer mit goldenen Flügeln stand in der Mitte, sein Kopf wachend über der Herde. Dieser war als Gesandter bei der Aufnahmefeier eingeladen gewesen.
„Ist das der Anführer?“
„Melanos? Ja, er führt die Herde an und vertritt sie bei Verhandlungen. Er ist ein sehr weises Pferd. Es gibt viele Junghengste, die übernehmen möchten, aber noch braucht er seinen Platz nicht zu räumen.“
Die Blase landete in der Nähe von Melanos und die Olympier traten in Erscheinung. Ein Fohlen erschrak, aber Diana streichelte es beruhigend.
„Seid gegrüßt, Göttinnen!“, kam Melanos nun zu seinem Besuch. Dann blieb sein Blick bei Mirabella hängen. „Bist du Mirabella, die Halbgöttin?“
Das Mädchen lächelte überrascht. „Ja.“
„Palatina sprach von dir. Ich danke dir für ihre Rettung.“ Er berührte sanft ein anderes Pferd am Hals. „Hol sie her, bitte!“
„Oh, gerne, sie rettete mich einst, als ich mich mit Merkurs Flügelschuhen verirrt hatte“, gab Mirabella zu.
Minerva hob nur ihre Augenbraue, aber Diana lachte laut auf. „Die sind verdammt schnell, nicht wahr, Mira?“ Diana war die einzige der Götter, die sie bei ihrem Spitznamen rief. Das Mädchen nickte leicht grinsend.
Nun räusperte sich Vesta. „Melanos, wir kommen, um zu fragen, wie es euch geht, ob wir euch helfen können.“
Melanos schnaubte seufzend. „Der Befall scheint gestoppt zu sein, aber die Weideflächen erholen sich nur langsam. Ich fürchte, wir werden für die nächsten Wochen nicht genügend Futter finden, wenn wir unsere Weideflächen nicht verlassen dürfen.“
Vesta nickte. „Wir können ein wenig aushelfen, aber unsere Energiequellen sind auch begrenzt, wir brauchen noch einen anderen Plan.“
Mirabella sah fragend von Vesta zu Melanos. „Was meinst du mit aushelfen?“
„Wir können Futter aus Energie materialisieren lassen, aber das wird nicht reichen. Nicht für so viele Pferde über Wochen.“
„Gibt es keine anderen Zwischenwelten sonst?“, fragte Mirabella.
„Die des Nordens.“, sagte Vesta ruhig.
Als Mirabella fragend zu ihr sah, fuhr sie fort. „Es ist keine andere Zwischenwelt, um ehrlich zu sein. Die Welt der Monster hat ähnliche Grenzen wie die irdische. Hoch im Norden leben die Elfen und Trolle, Zwerge und andere Riesen, sie stehen unter der Kontrolle und Obhut der Nordischen Götter. Die Veden“, diese waren die indischen Gottheiten, „versammeln andere Monster unter ihrer Ägide.“
„Und die Nordischen Götter würden die Pferde nicht bei sich grasen lassen?“
„Wir würden ungern fragen. Wer weiß, was sie im Gegenzug wollen“, antwortete Diana.
Vesta erzählte mit ihrer ruhigen, unaufgeregten Stimme. „Früher tauschten Nord und Süd manchmal Waren. Im Norden wurde viel Holz gebraucht, als die Riesen zur See fuhren und eine riesige Flotte bauten. Wir erhielten Gold und Nahrungsmittel und lieferten dafür Holz, Metall und seltene Erze.“
„Womit sie Waffen schmiedeten, die sie gegen uns einsetzten“, warf Diana ein.
Vesta nickte. „Als wir uns weigerten, weiteres Holz zu liefern, da auch unsere Wälder lichter wurden, gab es bewaffnete Überfälle und Holzraub in großem Maßstab. Die nordischen Riesen besetzten unsere nördlichen Gebiete und die Asen waren nicht bereit einzugreifen, bis wir den Angreifern entgegentraten.“
„Begann so der Große Krieg?“, fragte Mirabella mit großen Augen. Wenn sie das Buch von Vesta gelesen hätte, wüsste sie wahrscheinlich besser Bescheid, aber bisher hatte sie sich zu der Lektüre nicht aufraffen können.
„Sagen wir, das war der Auslöser. Mit der Christianisierung des Römischen Reiches warteten die Asen darauf, den Olymp übernehmen zu können.“
„Jedenfalls“, schaltete sich nun wieder die forsche Diana ein, „wollen wir mit dem Norden nichts zu schaffen haben.“
„Aber die Pterippus dürfen doch auch nicht verhungern!“, rief Mirabella entrüstet. „Essen Pferde nicht auch Hafer und Kraftfutter?“
Melanos nickte. „Die irdischen Pferde können das verdauen, leider vertragen wir das nicht. Wir sind auf Gras angewiesen.“
„Muss es Gras der Zwischenwelt sein? Wenn sie auf der Erde weiden würden, nachts, heimlich?“, fragte Mirabella plötzlich.
Melanos schaute skeptisch, gab aber zu, irdisches Gras zu vertragen.
„Ich könnte sie nachts über die Weideflächen führen“, fügte Diana hinzu, ihr gefiel der Plan offensichtlich.
„Jupiter wird das nicht erlauben“, sagte Minerva streng. „Wenn wir die Menschen damit verärgern, wird er sehr zornig werden.“
„Aber die Menschen müssten es ja nicht mitbekommen“, widersprach Diana ihrer Freundin.
Minerva schüttelte nur den Kopf. „Wir müssen uns etwas Anderes einfallen lassen!“
Es entstand ein unangenehmes Schweigen, da niemandem sofort eine Lösung einfiel. Mirabella war froh, als sie Palatina hinter Melanos auftauchen sah. Palatina war eine junge weiße Stute mit weißen Flügeln, die sie in der Enge der weidenden Herde am Körper anliegend trug. Sie grüßte Mirabella mit einem freudigen Wiehern und das Mädchen ging zu ihr, streichelte sie am Hals und erkundigte sich, wie es ihr ginge. Sie hörte noch, wie Vesta anfing „Vielleicht…“ zu sagen, eine Diskussion kam offensichtlich wieder in Gang.
„Schön, dass du uns besuchst, Mirabella. Ich wollte mich noch einmal bedanken, dass du mir das Leben gerettet hast.“
„Habe ich wirklich gerne gemacht. Du hast mich ja auch schon gerettet.“ Mirabella seufzte. „Ich würde euch auch gerne jetzt helfen, aber es scheint kompliziert zu sein.“
Palatina nickte, dann machte sie Mirabella kurzentschlossen ein Zeichen aufzusteigen. Sie hob ihren linken Vorderhuf, so dass Mirabella besser auf den Pferderücken klettern konnte. Palatina trabte durch die grasende Herde, bis sie freie Weidefläche erreicht hatten, dann fiel sie in einen leichten Galopp. Anfangs war Mirabella etwas ängstlich gewesen, aber dieses Mal genoss sie den Ritt und stimmte freudig zu, als Palatina vorschlug, eine kleine Runde zu fliegen. Soweit Mirabella das beurteilen konnte, flog Palatina gen Norden. „Siehst du die saftigen Wiesen dort drüben?“, fragte sie Mirabella, während sie sich im Gleitflug befand.
„Ja. Ist das schon der Norden?“
„Ja“, Palatinas Antwort war schlicht.
„Ich sehe gar keine Grenze“, Mirabella beugte sich nach vorne, kniff die Augen zusammen und rutschte fast am Hals herunter, aber Palatina flog schnell himmelwärts, um das Rutschen aufzuhalten.
„Die Grenze ist magisch. Unsere Mauer verhindert das Eindringen nordischer Monster und Wesen, deren Mauer hindert uns.“
Mirabella fiel ein, dass Palatina und Bert als einzige Zeugen ihres misslungenen Versuchs waren, den Olymp ohne Medaillon zu betreten. „Was passiert, wenn man die Mauer berührt?“
„Nichts, man kommt nur nicht rein. Wie beim Olymp. Weißt du nun eigentlich, warum du ohne Medaillon nicht in den Olymp kamst?“, fragte Palatina dann auch.
„Nein, nicht so richtig“, das war nicht gelogen.
„Vielleicht hatte ich meine Hufe dazwischen, ich war dir zu nahe, glaube ich. Ohne Einladung kann ich den Olymp nicht betreten.“
Mirabella stutzte. „Echt? Möglich“, das war eine ganz neue Variante, über die sie nachdenken musste. „Was meinst du, wie man euch mit Futter helfen könnte?“
„Verhandlungen mit dem Norden, würde ich sagen.“
„Aber das wollen die Götter nicht.“
„Ich weiß.“
„Und was ist mit den Veden?“
„Wir vertragen die exotischen Pflanzen nicht, leider. Meine Freunde und ich haben schon ein paar Mal nachts auf irdischen Wiesen gegrast, aber die Gefahr ist riesig gesehen zu werden, in großem Maßstab können wir das nicht machen.“
„Ich verspreche, ich werde eine Lösung finden, wir müssen eine finden!“
„Danke, Mirabella, ich weiß, dass du uns helfen willst.“
Palatina landete sanft in der Nähe ihrer Herde und blieb stehen. Sie drehte ihren Kopf und riss sich mit dem Maul eine kleine taubenflügelgroße Feder aus dem linken Flügel und streckte den Kopf zu Mirabella. „Nimm diese Feder von mir. Wenn du mit ihr meinen Namen schreibst, werde ich zu dir kommen, sofern ich kann.“
„Oh, danke!“, rief Mirabella begeistert. „Leider kann ich dir gar nichts geben, womit du mich rufen kannst.“
„So ist es nicht gedacht, das Pferd kommt zu seinem Herrn oder seiner Herrin.“
„Ich bin deine Herrin?“, fragte Mirabella erstaunt.
„Wenn du es willst.“
„Ich möchte deine Freundin sein.“
„Und ich die deine.“
Glücklich stieg Mirabella ab, streichelte Palatinas Hals und kraulte sie noch etwas an den Ohren, als Minerva sie rief.
Mirabella verstaute die kleine Feder in ihrer Hosentasche und schritt zu den drei Göttinnen, Palatina folgte ihr.
„Wir sind hier für heute fertig, wir gehen jetzt.“
Alle verabschiedeten sich und die vier Olympier stiegen in die von Diana kreierte Blase.
„Habt ihr eine Lösung gefunden?“, fragte Mirabella neugierig.
„Noch keine endgültige“, sagte Vesta etwas ausweichend, „vorerst werden wir Energie sparen müssen und Zusatzfutter generieren.“
„Schon wieder Energie sparen, das passiert ständig!“, platzte es aus Diana raus. „Wieso können die anderen eigentlich nicht haushalten?“
Minerva sah Diana missbilligend an, schien jedoch inhaltlich nichts auszusetzen zu haben. „Viele Olympier leben über ihre Verhältnisse, es wird zu viel teleportiert und mehr Energie verschwendet als generiert. Auch solche Feiern, wie die im letzten Monat, müssten in einem gemäßigteren Rahmen stattfinden, aber ‚das wäre unter unserer Würde‘ findet Jupiter.“
„Unser Kurs das ganze Jahr ist dann wahrscheinlich auch sehr aufwendig, oder?“ Jeder Schüler wurde teleportiert, der Unterricht fand außerhalb der normalen Zeit statt, da die meisten Eltern anfangs nichts über die wahre Herkunft ihrer Kinder wussten. Zahlreiche Simulationen und Besuche der Zwischenwelten schrieb der Stundenplan zudem vor.
„Euer Kurs ist jedes Mal der Supergau, aber er findet ja nur alle paar Jahre statt.“
„Werden dann die Kampfübungen mit Mars ausfallen?“, Mirabella hätte sich gefreut, wenn sie Mars nicht regelmäßig sehen musste, allerdings würde sie das Training mit ihren Freunden vermissen.
„Nein“, sagte Diana bestimmt, „sie sind wichtig, aber sie werden wohl hauptsächlich in den Zwischenwelten stattfinden, allerdings unter Aufsicht, nicht so wie euer Abenteuer heute Nachmittag.“
Da bei diesem Treffen nichts mehr zu tun war, wurde Mirabella zurück nach Sansibar geschickt. Weil sie selbst auf einen Blasentransport bestanden hatte, um Energie zu sparen, flog sie zu der Insel. Minerva gab ihr jedoch Athena mit, da es bereits fast Mitternacht war und Mirabella wahrscheinlich nie allein die Insel, geschweige denn das Hotel gefunden hätte. Der kleine Steinkauz hatte bereits am Anfang ein paar Wochen bei Mirabella gelebt und erkundigte sich nun nach Bert und war erfreut zu hören, dass Maya und Bert Nachwuchs hatten. Mirabella war etwas traurig, die allererste Zeit zu verpassen, aber in zwei Wochen würden die drei kleinen Beos auch noch nicht flügge sein.
Mirabellas Eltern saßen noch auf der Veranda ihres Strandbungalows, als sie in ihrer Blase heran schwebte. Da sonst niemand zu sehen war, verabschiedete sie sich von Athena und stieg direkt neben ihren Eltern aus.
„Guten Abend!“
Yasmin und Marcus schraken leicht auf, dann lachten sie erleichtert. „Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Alles gut?“
Mirabella nickte grinsend und holte die weiße Feder aus der Tasche. „Ich habe eine neue Freundin!“



