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Es ist nicht zwingend erforderlich, physisch anwesend zu sein, um den Schwellenübertritt eines Menschen wahrzunehmen. Aus der Zeit der Weltkriege sind beispielsweise Berichte bekannt, in denen beschrieben wird, wie im Augenblick des Todes eines Soldaten dieser seiner daheim gebliebenen Mutter oder Frau in ätherischer Gestalt erschien. Spätere Überprüfungen belegten dann, dass der Zeitpunkt solcher Erlebnisse mit dem tatsächlichen Zeitpunkt des Todes des im Kampf Gefallenen übereinstimmten. Auch in unserer Zeit berichten immer häufiger Menschen davon, dass sie den Tod eines nahen Freundes oder Angehörigen aus der Entfernung wahrnehmen konnten, der ihnen als Lichtgestalt erschien. Tiefe Liebe und innige Herzensverbundenheit bilden hier die Verbindung zwischen den Verstorbenen und den Hinterbliebenen.
Gleich zu Beginn meiner Krankenhaustätigkeit hatte ich mit einer älteren Patientin eine sehr berührende Begegnung. Während meiner ersten Visite mit den Ärzten mussten bei der neunundachtzigjährigen Dame die Verbände ausgewechselt werden. Die Wunden sind tief, die Patientin versucht ein Stöhnen zu unterdrücken, doch bei jeder Berührung zuckt sie gequält zusammen. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt, ihre Augen schauen mich weit aufgerissen an. Ich beuge mich zu ihr, halte dabei ihre Hand, und wir blicken uns nur schweigend an. – Am Nachmittag begebe ich mich erneut in ihr Zimmer, dieses Mal allein. Die Dame schläft, erschöpft von der anstrengenden Prozedur am Morgen, und schnarcht mit offenem Mund. Ich setze mich leise auf einen Stuhl und schaue sie an. Ihr Leib ist regelrecht abgemagert, die Knochen drücken sich durch die Bettdecke hindurch, ihre schmerzgekrümmte Gestalt wirkt wie die eines kleinen, dürren Mädchens. Ich frage mich, welches Schicksal wohl diese Frau in ihrem langen Leben zu tragen gehabt hat, und beginne, schweigend ein Gebet für sie zu sprechen.
Am Abend komme ich wieder, um mit ihren Angehörigen zu reden. Die Patientin bemerkt mich sofort, ihre kleinen, dunklen Augen funkeln, und sie sagt:
«Ah, Sie waren heute schon einmal da!»
«Ja», entgegne ich ihr, «morgens bei der Visite.»
«Nein, nein, Sie waren am Nachmittag auch da, als ich schlief.»
Ich bin etwas verwundert darüber und denke nach, in welchem Augenblick sie mich hätte wahrnehmen können: «Sie haben doch tief geschlafen, woher wissen Sie das?»
Sie lächelt: «Ach, Kind, zwischen den Welten sieht man doch nach beiden Seiten hin. Da, wo ich jetzt bin, öffnen sich immer wieder die Türen, hierhin und nach drüben hin.» Sie rückt dann mühsam etwas näher und fügt hinzu: «Schön war das Vaterunser, wie Sie es gesprochen haben.»
«Ich habe kein einziges Wort gesprochen, es war ein inneres Gebet.»
«Meinen Sie, das macht einen Unterschied?», sagt sie und lächelt wieder. «Gedanken, alles Innere ist auf der anderen Seite Wirklichkeit. Die Schwelle, ja …»
Es folgen noch viele intensive Gespräche in den kommenden Tagen, biografische Lebenserinnerungen vermischen sich mit geistigen Wahrnehmungen, die die Patientin in dieser letzten Zeit im Krankenhaus hat. Das scheinbare Durcheinander ihrer Erzählungen, welches die sie liebevoll begleitenden Angehörigen manchmal überfordert, ist keinesfalls ein wirrer, unzusammenhängender Gedankenknäuel. Wenn man sich ihr innerlich ganz aufmerksam zuwendet, erspürt man, wann sie die Ebenen wechselt und in welchem Bewusstseinsbereich sie sich gerade befindet. Man begleitet sie auf wunderbare Reisen durch ihr langes, bewegtes und ereignisvolles Leben. Die fünf Sprachen, die sie in ihrer Jugend fließend sprach, treten nun hervor, sich gegenseitig abwechselnd, die unterschiedlichen Lebensereignisse kolorierend. Die hochbetagte Dame hat eine ansteckende Freude daran, aus dem Französischen ins Englische zu wechseln, bald darauf mit ihrer dünnen Stimme italienische Lieder anzustimmen und russische Gedichte zu rezitieren, um dann wieder mühelos bei Goethes Faust zu landen. – Und dann schläft sie nach diesen «Eskapaden» vor Erschöpfung ein, der Raum ist noch voll von ihrem Lachen und ihrer spitzbübischen Freude. Man fragt sich stets, woher sie diese Kraft noch hat, denn ihr Leib gibt kaum noch eine Grundlage dazu.
Andere Male aber wechselt leise ihre Stimmung, sie verlässt das Land der Erinnerungen und führt einen in eine andere Wirklichkeit ein, die sie unmittelbar umgibt:
«In manchen Momenten wird es so hell im Zimmer, es ist ein wunderschönes, helles Licht! Es ist eine solch liebende Kraft darin. Alles ist Licht, alles ist Wärme, alles ist Liebe! Alles ist eins, und wir sind Teil davon, wir sind darin eingebettet … Und da ist eine Gestalt, sie sitzt in der Ecke des Zimmers und wartet. Sie ist meistens da, wenn ich allein bin; aber auch manchmal, wenn Sie da sind. Können Sie sie sehen? Da, im Eck des Zimmers, da sitzt sie.»
«Können Sie mir diese Gestalt beschreiben?»
«Ja, sie ist hell und schön, sie ist aus Licht. Ich kann sie auch sehen, wenn ich die Augen geschlossen halte. Sie sieht aus wie eine Frau, ich meine, sie ist keine Frau, wir sagen das nur so, weil sie so schön ist wie eine Frau. Für uns ist eine Frau das Schönste, das wir kennen, aber es ist eine wunderschöne Gestalt, noch viel, viel schöner, und ganz aus Licht.»
«Wer ist diese Gestalt?»
«Ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist mein Engel. Aber ich weiß es nicht genau. Ich werde es wissen, wenn ich drüben bin.»
Auf eindrucksvolle Weise teilt die Patientin in diesen Tagen weitere Erlebnisse dieser Art mit. Als mir einige dienstfreie Tage bevorstehen und wir beide innerlich wissen, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist, bittet sie mich, noch einmal das Vaterunser zu sprechen, dieses Mal gemeinsam mit ihr. Ich halte ihre kleine, knöcherne Hand, wir schauen uns intensiv in die Augen und sprechen gemeinsam dieses Gebet, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Tiefe Ernsthaftigkeit und gleichzeitig eine lichte, getragene Stimmung prägen diesen Augenblick. Ich fahre weg, mit Tränen in den Augen, zutiefst bewegt von der nahezu magischen Begegnung mit dieser besonderen Frau.
Zwei Nächte später wache ich gegen 4.00 Uhr auf. Es ist eine stille, kalte Winternacht, der Mond wirft leichte Schatten ins Zimmer. Auf einmal spüre ich rechts oberhalb von mir eine Gestalt und erkenne das Geistwesen dieser lieben Patientin. Es geht eine sanfte, lichte Stimmung von ihr aus. Sie sagt, dass sie nun gehen wird, ihre Zeit sei gekommen und sie fühle sich nun ganz frei und voller Friede. Sie wolle sich verabschieden und mir noch einmal für unsere so innige Begegnung danken. Wir würden uns eines Tages wiedersehen und sie sei immer da, das solle ich nicht vergessen. Ich spürte noch einmal ihre ganze Seelenwärme, und ihre Gestalt löste sich dann für meine Wahrnehmung auf. Ich empfand, kaum merklich, nur noch einen zarten Windhauch, der mich wie ein sanftes Lächeln leise berührte.
Ich schaute auf die Uhr, es war 4.07 Uhr. Nach dem Morgengrauen zog ich mich an und fuhr in die Klinik. Die Pflegenden auf der Station empfingen mich sehr überrascht:
«Frau Doktor, was machen Sie hier? Sie haben heute doch gar keinen Dienst.»
«Frau B. ist heute Nacht gestorben, oder? Wissen Sie, um wie viel Uhr das war?»
«Ja, sie starb um kurz nach 4.00 Uhr. Aber woher wissen Sie das?»
«Nur so ein Gefühl …», erwiderte ich.
Dann betrat ich das Patientenzimmer, wo die Dame von den Pflegenden gewaschen und zurechtgemacht wurde. Sie hatten ihr ein weißes, schönes Kleid angezogen, sie wirkte, trotz der unzähligen Falten, fast wie ein junges Mädchen. Auf ihrem Bett waren überall Blumen gestreut worden, es war ein unbeschreiblich schöner Anblick. Ich schaute ihr Gesicht an, ein liebevolles Lächeln hatte sich ihm eingeprägt. Und ihr Antlitz blieb bis zur Beisetzung sanft strahlend, so wie ich sie in der Nacht ihres Todes erlebt hatte. Sie war meine erste Patientin, die starb. Ich bin ihr bis heute zutiefst dankbar dafür, dass sie mich in dieser Weise an ihrem Tod hat Anteil nehmen lassen.
Selten habe ich einen ähnlich harmonischen Sterbe- und Todesprozess erlebt. Trotz physischer Schmerzen und einer zermürbenden Krankheitsphase war diese Frau ihrem Schicksal gegenüber annehmend und bejahend geblieben. Sie lebte ganz dem Augenblick hingegeben, ihre Seele war freudig und offen wie die eines Kindes. All dies hat ihrem Schwellenübergang diese anmutige, würdevolle Prägung gegeben. Wenn der Tod eines Menschen in dieser Weise geschehen kann, so ist das eine Gnade.
Es ist jedoch nicht unbedingt der Regelfall, dass ein Mensch in dieser Weise stirbt. Sein physischer Zustand, seine seelische Verfassung, die bewusste und unbewusste Haltung gegenüber dem Tod wie auch die Art seines Todes spielen dabei eine entscheidende Rolle. Somit hat der Schwellenübertritt eine ebenso individualisierte Signatur wie auch die Geburt eines Menschen.
Schwierigkeiten des Schwellenübergangs
Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn;
Man muss aus einem Licht fort in das andre gehn.
Angelus Silesius: Der cherubinische Wandersmann
Die Prägung unserer Kultur lässt uns im Zusammenhang mit dem Todesgeschehen ein unmittelbares Angstempfinden verbinden, welches in Qualität und Intensität von Mensch zu Mensch variiert. Es gibt unterschiedliche Formen von Angst, bewusste oder unbewusste, überwältigende oder schleichende, offensichtliche oder subtile. Doch in all ihren Formen schnürt die Angst das Seelenerleben zu und schränkt die eigene Wahrnehmung ein. Eine Abwehrhaltung gegenüber dem Tod spiegelt sich meist unmittelbar im Sterbegeschehen wider. Das kann so weit führen, dass der Todesprozess eher einem Kampf als einer Erlösung ähnelt. Auch für das Erleben in der nachtodlichen Welt hat dies direkte Auswirkungen. Wenn das eigene Seelenlicht verdunkelt ist, so ist auch die Wahrnehmungsfähigkeit in der Ätherwelt stark eingeschränkt.
Das ganz persönliche Verhältnis zu den geistigen Dimensionen des Seins gestaltet ebenfalls in maßgeblicher Weise den Schwellenübertritt mit. Einen religiösen oder spirituellen Hintergrund zu haben ist jedoch kein Garant für ein erlöstes Sterben. Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass der Glaube vieler Menschen vielmehr theoretischer Natur ist. Im Angesicht des Todes erleben sie doch Zweifel und Verzweiflung, Verunsicherung und Angst. Das aufrichtige «Gottvertrauen» ist nicht wirklich in ihrem Wesen verankert. Lebenslange Kirchengänger und spirituelle Menschen aller Couleur bilden da keine pauschale Ausnahme. Entscheidend sind hier nicht die theoretischen Vorstellungen, die man sich im Leben gebildet hat. Das wahrhaftig Empfundene und Gelebte, man könnte sagen, die «Spiritualität der eigenen Seele» ist diejenige Kraft, die das eigene Bewusstseinslicht in der Geistwelt entzündet.
Es gibt auch Todesarten, die ein schwieriges Passieren der Schwelle bedingen. Es geht hier um Situationen, in denen der Tod sehr unerwartet oder gewaltsam eintritt. Unfälle, Katastrophen, Gewalttaten, Kriegsgeschehen, Mord oder Selbstmord können für die betreffenden Menschen einen massiven Schock auslösen. Der Tod tritt hier physisch wie auch seelisch in einer brutalen Weise ein. Die Seele wird dem Leib regelrecht entrissen und erlebt dabei meist Angst, Entsetzen, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Die Traumatisierung kann so groß sein, dass diese Menschen zunächst auch nicht begreifen, was mit ihnen geschehen ist. Sie sind von den Ereignissen überwältigt und zutiefst erschüttert, dadurch auch konfus und desorientiert. Umso wichtiger ist es, in solchen Fällen beruhigend und aufklärend einzuwirken. Oft hilft hier im ersten Schritt schon ein innig gesprochenes Gebet. Das «Vaterunser» ist eines der wirkungsvollsten Gebete und überdies in unserem Kulturraum das am meisten verbreitete. Auch denjenigen Menschen, die sich als nicht religiös betrachten, ist dieses Gebet zumindest noch aus ihrer Kindheit oder Jugendzeit bekannt. Es hat eine unvermutet starke Wirkung und erreicht nahezu jede Seele. Ein Gebet hilft dem über die Schwelle Gegangenen, sein inneres Licht wieder zu erleben und sich der ihn umgebenden geistigen Wirklichkeit gewahr zu werden.
Es ist nicht zwingend notwendig, dass ein schockierendes Todesgeschehen den Verstorbenen so stark verwirrt, dass er den Hergang des Ereignisses nicht begreift. Manche Betroffene erleben sich als oberhalb des Geschehens schwebend, betrachten von oben ihren leblosen Leib und empfinden sich gleich als von ihm losgelöst. Sie nehmen wahr, dass sie eine andere Seinsdimension betreten haben, und orientieren sich recht schnell darin. Doch ein Gebet ist auch in diesen Fällen eine kostbare Hilfe. Es schenkt Seelenwärme und inneren Frieden und erleichtert diesen Verstorbenen den Schwellenübergang.
Ich fuhr auf einer Autobahn an einer dramatischen Unfallstelle vorbei. Mehrere Autos waren ineinander verkeilt, eines war umgestürzt, ein anderes lag weiter weg in einer Böschung. Polizei, Feuerwehr, Notarzt und mehrere Krankenwagen waren schon da, der Unfallort war bereits abgesperrt. Im Vorbeifahren konnte ich Sanitäter und Polizisten sehen, die das Geschehen zu regulieren versuchten. Andere Menschen standen in kleinen Grüppchen um die Fahrzeuge herum. Dann hatte ich die Unfallstelle schon passiert. An der nächsten Tankstelle hielt ich an und stieg aus meinem Auto aus. Ich konzentrierte mich innerlich auf den Unfallort, um wahrzunehmen, ob ein Schwerverletzter oder ein Verstorbener Hilfe benötigte. Ich sah geistig einige Meter oberhalb der Unfallstelle die Gestalt eines jungen Mannes schweben. Er schaute von oben auf das Geschehen und schien nicht ganz zu begreifen, was sich zugetragen hatte. Auf einmal vernahm ich einen warmen Strahl, der von unten zu ihm hin leuchtete. Dieser Strahl ging von einer älteren Frau aus, die neben dem Unfallgeschehen am Straßenrand stand und innerlich das «Vaterunser» sprach. Sie hatte den jungen Mann nicht geistig wahrgenommen gehabt, sondern lediglich seine bereits zugedeckte Leiche gesehen. Voller Herzenswärme sprach sie für den unbekannten Toten dieses Gebet, und das Gebet erreichte den jungen Mann unmittelbar. Er nahm diesen lichten Wärmestrahl wahr, seine Seele wurde wie befriedet, und er konnte den Blick von der Unfallstelle abwenden. Dann sah er mehrere Engel um sich, mit denen er sich in wenigen Augenblicken von dort entfernte.
Es ist also keinesfalls eine Voraussetzung, einen Verstorbenen geistig zu «sehen», um ihm Hilfe zukommen zu lassen. Allein schon das Wissen um solche Zusammenhänge und das direkte Handeln reichen aus, um hier etwas zu bewirken.
Doch nicht nur ein plötzliches und unerwartetes Todesgeschehen kann für den Betroffenen verwirrend sein. Auch ein eingeschränkter Bewusstseinszustand zum Zeitpunkt des Todes, wie das beispielsweise durch die Einwirkung von schmerzlindernden oder bewusstseinsdämpfenden Medikamenten der Fall ist, kann dazu führen, dass der Verstorbene seinen Schwellenübergang nur dämmerhaft wahrnimmt. Der Astralleib ist der Träger unseres Bewusstseins. Wenn dieser in seiner Wahrnehmungsfähigkeit oder Schmerzperzeption künstlich eingeschränkt wird, wird auch der Übergang in die geistige Welt in einem trüberen, unklareren Bewusstsein vollzogen. Dies kann für den sich exkarnierenden Menschen zunächst Verwunderung und Unverständnis auslösen.
Eines Nachts schrie unser damals vierjähriger Sohn auf und sagte, er würde sehr frieren. Ich sprang auf, um ihn zuzudecken. Es war eine laue Juninacht, die Raumtemperatur war nicht kalt. Aber mir fiel gleich auf, dass die Atmosphäre in der Wohnung etwas ungewohnt Frösteliges an sich hatte. Ich deckte das Kind zu, und als ich ins Schlafzimmer zurückging, stieß ich beinahe mit einer Gestalt zusammen. Es war die feine, durchscheinende Geistgestalt einer Frau. Ich blieb verwundert stehen und versuchte zu erspüren, wer das sei. Ich fühlte genauer hin und erkannte in ihr eine liebe Freundin. Sie hatte eine lange und sehr schwere Krankheitszeit durchlitten. Stets hatte sie die Einnahme von Schmerzmitteln abgelehnt, doch in der letzten Phase war dies nicht mehr vermeidbar gewesen. Nun tauchte sie auf einmal in unserer Wohnung auf, und mir war klar, dass sie in dieser Nacht über die Schwelle gegangen war. Ihre Gestalt schien ruhig und friedlich, sie war in ein stilles, mondenhaft-weißliches Licht gehüllt. Ihr Ätherleib wirkte extrem schmächtig und klein und erweckte den Eindruck einer tiefen Erschöpfung. Sie wirkte wie jemand, der sich gerade eben «ausgehaucht» hatte. Sie war erstaunt über ihren eigenen Zustand und über die Möglichkeit, sich unverhofft durch die Nacht zu ihr bekannten Menschen hinbegeben zu können. Sie schien wie in einem Traumzustand, war also nicht ganz bewusst wach und sprach auch nicht mit mir. Auf meine Worte reagierte sie nicht, wie es sonst wachbewusste Verstorbene tun, es war aber ein sehr schöner, stiller und inniger Begegnungsaugenblick. Sie schaute sich noch eine Weile um und schien begreifen zu wollen, was da eigentlich geschah. Dann entschwand sie wie ein leiser Windhauch aus unserer Wohnung. – Am nächsten Mittag erreichte mich der Anruf, dass sie in der Nacht verstorben war.
Hier konnte sich das Todesgeschehen nicht im gleichen sonnenhaften Aufwachelement vollziehen, wie das ohne die Medikamenteneinwirkung der Fall gewesen wäre. Das Bewusstsein dieser sterbenden Freundin war etwas herabgedämpft. Sie erkannte zwar, dass sie die Schwelle passiert hatte, doch das geschah zunächst wie in einem Traum. Somit hatte der Übergang hier einen eher mondenhaften Charakter.
Solche Fälle sind nicht gravierend, denn mit der Zeit klart sich das Bewusstsein des Verstorbenen auf, und er kann dann die Geistwelt, die ihn nun umgibt, wahrnehmen. Schwerwiegend sind jedoch Fälle, in denen der Verstorbene gar nicht realisiert, dass er gestorben ist. Dies kann durch starke bewusstseinsdämpfende Medikamenteneinnahme wie auch durch Drogen geschehen. Die betroffenen Menschen befinden sich in einem schlafenden oder schläfrigen Zustand und haben keinen Zugriff mehr auf ihr Bewusstsein. Somit bemerken sie im Augenblick des Todes gar nicht den vollzogenen Ebenenwechsel. Sie «verschlafen» also ihren eigenen Tod. Dies kann auch bei Menschen eintreten, die im schlummernden Zustand durch lange Zeiten hindurch schwerkrank oder bettlägerig gewesen sind und dabei den Bezug zu Raum und Zeit verloren haben. Manche von ihnen verharren im Nachtodlichen weiter in diesem Zustand des Dahinvegetierens und registrieren gar nicht, dass sie ihren Leib bereits verlassen haben. Solche Verstorbene findet man zum Beispiel sehr häufig in Alters- und in Pflegeheimen. Sie sind energetisch in ihren ehemaligen Zimmern wahrnehmbar, wo sie Monate bis Jahre in diesem Zwischenzustand bleiben können.
In solchen Situationen ist es überaus wichtig, dass die Angehörigen und Hinterbliebenen dem Verstorbenen unmittelbar nach seinem Tod sagen, dass er die physische Welt verlassen hat. Dies kann in einem ruhigen und klaren inneren Zwiegespräch stattfinden: Du bist jetzt gestorben. Du kannst von deinem Leib loslassen und dich frei fühlen, ohne Schmerzen und ohne körperliche Einschränkung. Schau dich um und du wirst andere, geistige Gestalten wahrnehmen …
Generell kann man immer, wenn man den Eindruck hat, dass der über die Schwelle Gegangene desorientiert, verwirrt oder verunsichert sein könnte, Hilfestellung leisten. Entscheidend ist, ihm deutlich zu Bewusstsein zu bringen, dass er sich nicht mehr in der irdischen Welt befindet und dass er sich in seiner neuen ätherischen Umgebung neu orientieren muss. Man kann seine Aufmerksamkeit auf das geistige Geschehen richten und ihm begreifbar machen, dass er durch seinen Schutzengel oder durch die ihn empfangenden Verstorbenen Hilfe und Orientierung erhalten kann. Ausschlaggebend dabei ist, dass der Betroffene nun einen eigenen Impuls erlebt, sich von der Erde zu lösen und sich der geistigen Welt zuzuwenden.
Der Augenblick des Todes gestaltet sich also immer individuell und ist vom eigenen Erkennen und Erleben geprägt. Das eigene Bewusstsein bestimmt die Wahrnehmung des Eintritts in die ätherisch-geistige Welt. Ebenfalls vom eigenen Bewusstsein und von der persönlichen Seelenverfassung hängt es ab, ob und welche geistigen Wesenheiten der Verstorbene um sich herum erkennt. Ein lichter, klarer, vertrauensvoller Schwellenübergang ermöglicht das Wiedererkennen der geistigen Heimat und die Wiederbegegnung mit den engsten Schicksalsfreunden: dem eigenen Schutzengel und den nahen Verstorbenen. Ein unbewusster, verängstigter oder verdunkelter Seelenzustand kann dagegen viel schwieriger die Wahrnehmung lichter Wesenheiten möglich machen. Von daher können hier auch dunkle oder dämonische Geistgestalten erlebt werden, da sie Teil des eigenen Seelenerlebens sind. – All dies bildet die subjektive Komponente des Todesgeschehens.
Die objektive Komponente des Todesmomentes ist, dass ausnahmslos jeder Verstorbene licht- und liebevoll von den ihm nahen Geistwesen empfangen und aufgenommen wird. Die geistige Welt heißt ihre Heimkehrer stets willkommen.
Die Zeit in der Ätherwelt
Den Schmerz bezwinge, der um Formen trauert,
gedenke dessen, was ewig dauert.
Der Glockengießer, der sein Werk vollbringt,
zerstört die Form – und seine Glocke klingt.
So auch zerstört mit seinem Schwingenschlag
der Tod die Form,
auf dass die Seele tönen mag.
Manfred Kyber: «Befreiung»
In den ersten Tagen nach dem physischen Tod lebt der exkarnierte Mensch weiter in seinem Ätherleib und kann darin recht leicht wahrgenommen werden. Als ätherische Erscheinung ähnelt er noch sehr stark seiner gewesenen physischen Gestalt. Auch zeigt er sich vor dem inneren Auge so, als ob er die ihm entsprechende irdische Kleidung tragen würde. Diese Merkmale sind ein deutlicher Hinweis auf sein erdennahes Dasein in der Ätherwelt. Sobald der Verstorbene in weitere Sphären eintritt, verändert sich seine geistige Erscheinung für unsere Wahrnehmung.
Der Ätherleib ist der Träger von Erinnerungen, Gedanken, Lebensprozessen und Gewohnheiten. Wenn er sich aus seiner Bindung an den physischen Leib löst, werden sämtliche dem Ätherleib eingeschriebenen Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen der soeben vergangenen Inkarnation frei. All diese lebendigen, schnell ablaufenden Bilder seines Lebens umgeben den Verstorbenen wie ein beseelter Film und offenbaren ihm die Gesamtheit seines Lebens. Die Ereignisse seines irdischen Seins, bis in die früheste Kindheit zurückgehende Episoden, seine bewussten und unbewussten Taten, auch vergessene Begebenheiten und übersehene Geschehnisse erscheinen nun in dieser Bildfolge. Das Bewusstsein in der ätherischen Welt ist insofern ausgedehnt, als der Mensch in jeder dieser Lebensszenen selbst erlebend anwesend ist; gleichzeitig erschaut er diese Erlebnisse aus dem Blickwinkel eines objektiven Betrachters.
Diese Lebensrückschau wird auch sehr häufig in Nahtoderfahrungen beschrieben. Bereits im Nahtodzustand hat sich der Ätherleib weitgehend aus dem physischen Leib gelockert, wenn auch noch nicht unumkehrbar. Einer der Interviewpartner meiner Nahtodstudie beschrieb diesen Vorgang folgendermaßen:
«Gleichzeitig war eine Flut von Licht da, ich möchte nicht sagen, das kam von irgendwoher, ja, es war einfach Licht da, als ob es so floss durch den ganzen Raum. Und verbunden damit war ein Gefühl von Wirklichkeit, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe. Und es war auch das Gefühl, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich sehen, als ob ich all das, was ich davor für Sehen oder Wahrnehmen gehalten habe, diesen Namen eigentlich gar nicht verdient. Das merkte ich in diesem Augenblick … so … ja, ein wirkliches Gefühl von Wirklichkeit und ich war Teil der Wirklichkeit. Und … ich sah dann, und alles zur gleichen Zeit, mein gesamtes Leben. Es war alles da, es fehlte nichts, es war … jedes Detail war da und es war alles gleichzeitig. Und in dem Augenblick erkannte ich, es war alles in Ordnung gewesen, es hat alles gestimmt, und in diesem Fall, in diesem Augenblick setzte auch eine unbeschreibliche Freude ein, so über dieses schöne Leben. Und gleichzeitig war ein Gefühl von tiefer Traurigkeit und Bedauern über die vielen vergeblichen, gar nicht notwendigen Mühen, mit denen ich mich und andere Menschen gequält hatte, um Dinge in Ordnung zu bringen, in Unkenntnis, dass sie längst in Ordnung waren. Und in dem Augenblick war mir auch klar, dass Zeit ein Begriff ist, der vielleicht innerhalb eines ganz kleinen Bezugsrahmens eine Gültigkeit hat. Aber darüber hinaus gibt es diese Gültigkeit nicht. Ich glaube, wir haben die Wahl, uns innerhalb der Zeit oder außerhalb der Zeit, das heißt in der Gegenwart, uns aufzuhalten. So dieses Gefühl von Zeitlosigkeit oder von Augenblicklichkeit oder von Gegenwärtigkeit. (…) All das kam aus diesem Blick zurück auf das Leben, es war wirklich ein Blick zurück, denn das, was ich sah, war nicht vor mir, sondern es war hinter mir, diese Lebenslandschaft. Es war hinter mir und trotzdem sah ich es, als ob es vor mir wäre.»




