- -
- 100%
- +
»Ah ja, ich weiß, wovon Sie sprechen.« Der Kriminaloberrat nickte, während er die Bilder auf dem Plexiglas betrachtete. Sein Gedächtnis war phänomenal. Was er mal gehört oder gesehen hatte, vergaß er nicht mehr. »Sie meinen den Mord vor etwa acht Jahren in Würzburg und die Tote in Repperndorf.«
»Richtig!«, nickte Habich zustimmend. Er sah in die Gesichter seiner beiden Mitarbeiter. Rautner war die Sachlage halbwegs bekannt, aber aus Jasmins Mimik las er, dass sie nicht wusste, wovon Schössler und er sprachen. »Am besten ist es, ich gebe noch mal einen kurzen Überblick, damit wir alle auf dem gleichen Stand sind.« Er stellte sich an die Tafel und begann. »Am 19. Mai vor acht Jahren fand man auf der Würzburger Talavera die 23-jährige Studentin Monika Storke.« Mit einem ausziehbaren Zeigestab deutete er auf das Bild der Toten und die Fotos der Umgebung. »Sie lehnte an der Rückseite der dortigen Waldschenke Dornheim, mit einem Gürtel erdrosselt. Alle Ermittlungen liefen ins Leere. Ihr Mörder wurde bis heute nicht gefunden.« Habich deutete auf die Bilder rechts daneben. »Am 10. August vor drei Jahren dann die zweite Ermordete, Sylvia Harms, 24 Jahre alt, eine Verwaltungsangestellte aus dem Landkreis Kitzingen. Ihre Leiche wurde sitzend am Rande eines Gebüsches in der Nähe des Repperndorfer Sportplatzes gefunden. Sie hatte, so wie unser letztes Opfer, einen Seidenschal um den Hals, mit dem man sie laut Gerichtsmedizin erdrosselt hat.«
Habichs Chef nickte heftig. »In beiden Fällen läuft der Mörder noch frei herum. Diese zwei Morde sind ein schwarzer Fleck auf unserer sonst makellos weißen Statistikweste hinsichtlich erfolgreicher Verbrechensaufklärung«, erinnerte Kriminaloberrat Schössler. »Und Sie glauben, die drei Taten hängen zusammen?«
»Der Verdacht liegt nahe. Alle jungen Frauen wurden auf dieselbe Art und Weise umgebracht. Der Mord mit dem Gürtel war wahrscheinlich der Anfang, aber mit dem Seidentuch hat er jetzt sein Mordwerkzeug gefunden. Warum auch immer es so ein Schal sein muss.«
»Ein Serienmörder also! Das wäre fatal. Glauben Sie, er macht weiter?«
»Keine Ahnung! Dazu müssten wir wissen, was ihn antreibt.«
»Aber wieso diese zeitlichen Abstände? Zuerst fünf Jahre, jetzt drei Jahre dazwischen.«
»Vielleicht fehlten ihm die Gelegenheiten … Vielleicht war er im Ausland oder im Gefängnis … Vielleicht gibt es einen oder mehrere spezielle Auslöser für seine Taten.«
Schössler überlegte kurz und fragte dann: »Verrennen wir uns da nicht in eine Vermutung?«
»Nach den beiden ersten Morden wäre ich auch nicht auf diese Theorie gekommen, aber jetzt …«
»Okay!« Kriminaloberrat Schössler erhob sich. »Ich möchte aber, dass Sie alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, also in sämtliche Richtungen ermitteln. Meinetwegen beziehen Sie die beiden alten Fälle in Ihre Ermittlungen mit ein.« Er hob mahnend den Finger. »Aber versteifen Sie sich nicht zu sehr nur auf die eine Theorie.« Mit diesen Worten verließ er den Raum.
Einen Moment herrschte Schweigen im Büro. Jeder der drei hing seinen Gedanken nach und verarbeitete das Gehörte. Jasmin war die Erste, die ihre Sprache wiederfand. Sie wandt sich den beiden Kollegen zu.
»Habt ihr damals … ?«
»Nein! Nicht ihr, nur ich«, unterbrach sie Habich. »Ich kenne beide Fälle gut. Beim ersten Mord war mein Vorgänger, Hauptkommissar Pfaff, noch im Amt und leitete die Ermittlungen. Ich war auf Fortbildung und Chris war zu der Zeit noch nicht in unserer Abteilung. Als ich zurückkam, waren schon viereinhalb Monate vergangen. Trotzdem habe ich mich mit dem Fall vertraut gemacht. Leider gab es damals sehr wenig Hinweise und die brachten uns alle nicht weiter. Wenn die Spuren kalt werden und man keine Sonderkommission bildet, dann holt uns unser Alltagsgeschäft ein. Irgendwann haben aktuelle Dinge mehr Priorität und die Altfälle werden automatisch vernachlässigt. Vieles hängt dann von Kommissar Zufall ab.« Er zuckte mit den Schultern. »Es ist nun mal so. Deshalb müssen wir jetzt intensiv dranbleiben. Ähnlich war es vor drei Jahren. Die Spuren- und Hinweislage war genauso dürftig. Es soll keine Entschuldigung sein, aber dazu kam, dass ich damals etwas überfordert war, da ich in der Abteilung alleine Dienst schob. Der alte Hauptkommissar war gerade in Rente gegangen, mein langjähriger Kollege und Partner starb kurz zuvor durch einen Autounfall und unser Ersatz«, dabei deutete er auf Rautner, »Chris hier, war erst seit ein paar Tagen neu im Dienst. Also noch keine sooooo große Hilfe. Es war somit vielleicht auch etwas unserer Personalnot geschuldet. Obwohl wir uns intensiv in den Fall hineinknieten und uns die Nächte um die Ohren schlugen.« An Jasmin gerichtet meinte er: »Das ist auch der Grund, warum du da bist. Wir haben es unserem Kriminaloberrat zu verdanken, dass wir dich als dritte Kraft ins Team bekamen. Er hat sich für die Planstelle eingesetzt und sie durchgeboxt.«
»Das bedeutet, wir werden zusammen mit dem neuen Fall die beiden anderen Fälle noch mal akribisch durchleuchten«, stellte Jasmin sachlich fest.
Der Hauptkommissar nickte. »Ihr werdet beide nacheinander die alten Fallakten durchforsten, ob wir damals etwas übersehen haben. Sucht nach Übereinstimmungen, Querverbindungen oder sonstigen Ähnlichkeiten. Ich gewinne immer mehr die Überzeugung, dass wir es mit nur einem Täter zu tun haben. Alles junge Frauen …, die gleiche Mordmethode …, die öffentliche Präsentation der Leichen. Diese Gemeinsamkeiten sind schon auffällig.
Habich wurde in seinen Anweisungen unterbrochen. Ein uniformierter Kollege kam herein und schwenkte eine dünne Akte. »Wir haben die Identität der Toten. Hier ist die Vermisstenakte dazu.« Er übergab die Unterlagen dem Hauptkommissar und verschwand wieder.
»Die Ermordete heißt Tanja Böhmert, ist 25 Jahre alt und kommt aus Dettelbach. Sie wird seit über einer Woche vermisst«, las Habich laut vor. Er klappte den Aktendeckel zu und murmelte leicht frustriert: »Dann werde ich mich mal aufmachen, die schlimme Nachricht zu überbringen.«
Dies war für ihn immer noch eine der schwersten Aufgaben. Die Reaktionen der Angehörigen gingen ihm jedes Mal nahe: Von tiefster Betroffenheit über Wein- und Schreikrämpfe bis hin zu Ohnmachtsanfällen hatte er alles schon mitgemacht. Dann war viel Taktgefühl gefragt, um bei diesen Menschen, die gerade die Hiobsbotschaft bekommen hatten, dass eine oder einer ihrer Liebsten gestorben war, über den Toten und dessen Umfeld Informationen zu erhalten.
In Dettelbach traf Habich auf die verzweifelten Eltern, von denen die Vermisstenanzeige stammte. Der Vater wirkte geschockt, die Mutter war nach der schrecklichen Gewissheit, dass ihre Tochter tot war, in Tränen aufgelöst. Erst nach endlos dauernden Minuten konnte Habich ein Gespräch mit Tanjas Vater führen. Darin erfuhr der Hauptkommissar, dass die Eltern ihre Tochter am Samstag vor acht Tagen zum letzten Mal gesehen hatten. Sie sei auf die Arbeit gegangen, um ihren Nachmittagsdienst anzutreten.
»Wo arbeitete Ihre Tochter?«
»Sie kellnerte in einer hiesigen Gaststätte.« Vater Böhmert nannte Namen und Adresse des Lokales, in dem Tanja bedient hatte.
»Hatte sie einen Freund?«
»Seitdem sie wieder zu uns gezogen war, nicht mehr.«
»Was ist vorgefallen?«
»Tanja ist gelernte Grafikerin. Sie hatte eine Anstellung in Würzburg, wurde aber dort zum Ende des letzten Jahres gekündigt. Personaleinsparung oder so. Na ja, wie das halt so ist. Mit der Arbeitslosigkeit kommt Unzufriedenheit auf. Tanjas Stimmungen waren schwankend, mal zuversichtlich, mal depressiv. Sie schrieb Bewerbungen, erhielt Absagen, ging zu Vorstellungsgesprächen und bekam wieder Absagen. Hinzu kamen die finanziellen Einbußen durch den fehlenden Job. Ihr damaliger Freund war im Elektrohandwerk tätig. Die schöne Wohnung in Würzburg wurde zu teuer. Daraufhin schlug Tanja vor … Nein, eigentlich haben wir vorgeschlagen, sie sollten beide zu uns ziehen. Wir haben oben noch eine kleine Wohnung frei. Die hätte fürs Erste mal gereicht. Ihr Freund wollte nicht, Tanja schon und so kam es zum Bruch.«
»Gab es seither Probleme mit dem Ex?«, erkundigte sich der Hauptkommissar. »Ich meine, ob er die Trennung anstandslos akzeptiert hat?«
»So etwas ist nie angenehm, aber nicht dass ich wüsste.«
»Wissen Sie denn jemand anderen, mit dem Ihre Tochter vielleicht Ärger hatte, von dem sie womöglich sogar bedroht wurde oder der ihr nachstellte?«
Zuerst wirkte der Vater bei der Frage ratlos, dann meinte er zögernd: »Ja gut, da gab es hin und wieder ein bisschen Belästigung in ihrem Job, durch alkoholisierte Gäste. Ich habe es nicht gerne gesehen, dass sie als Bedienung arbeitete. Aber sie wollte niemandem auf der Tasche liegen und meinte, ihr fiele die Decke auf den Kopf, wenn sie nichts zu tun habe, nur herumsäße und auf bessere Zeiten warten würde. Also haben wir es akzeptiert und sie gelassen. Nebenbei hat sie aber weiter versucht wieder in ihrem alten Beruf Fuß zu fassen.«
»Dieses gockelhafte Getue von eingebildeten oder alkoholisierten Gästen gegenüber Bedienungen meine ich nicht. Ich denke eher an jemand, der sie vielleicht massiver oder intensiver bedrängte.«
Böhmert überlegte und nickte dann. »Es gab da tatsächlich jemanden, der Tanja ein bisschen Stress bereitete. Ein ehemaliger Freund, mit dem sie mal vor Jahren zusammen war, fing wieder an ihr nachzustellen und machte sich nach Tanjas Trennung erneut Hoffnungen. Aber ich hielt es für harmlos«, er schüttelte den Kopf, »obwohl Tanja genervt war und eine lautstarke Auseinandersetzung mit ihm hatte. Wir haben es gehört, als er sie mal besuchte. Das alte Haus ist nicht sehr gut isoliert«, meinte er entschuldigend und deutete mit dem Zeigefinger zur Zimmerdecke.
»Wie heißt der junge Mann?«
»Peter Lackner.«
»Wissen Sie auch, wo ich ihn finden kann?«
»Glauben Sie wirklich, er hat etwas mit Tanjas Tod zu tun?«
»Nein, so weit sind wir noch lange nicht. Ich will nur mit ihm reden. Wenn er sich so um Ihre Tochter bemüht hat, hat er womöglich etwas mitbekommen, das für uns wichtig sein kann.«
»Ach so!« Böhmert schien nicht glauben zu können, dass jemand aus dem näheren Umfeld seiner Tochter ihr so etwas angetan haben könnte. Er wirkte weiterhin extrem fassungslos, während seine Frau immer noch schluchzend danebensaß.
Der Hauptkommissar hatte da ganz andere Erfahrungen. Er wusste, dass man in den meisten Fällen die Täter im Verwandten-, Bekannten- oder Freundeskreis zu suchen hatte. Diese Erkenntnisse behielt er aber lieber für sich, um bei den armen Eltern kein Kopfzerbrechen zu verursachen.
»Soweit ich weiß, arbeitet er bei einer Baufirma in Kitzingen.« Er beschrieb Habich den Weg dorthin.
Zuerst fuhr der Hauptkommissar in die Gaststätte, in der die Ermordete gearbeitet hatte. Dort konnte man ihm auch nicht weiterhelfen. Größeren Ärger oder Streit zwischen Tanja und Gästen habe es seines Wissens nach nie gegeben, berichtete ihr Chef. Der Wirt wusste nur, dass Tanja nach ihrem letzten Arbeitstag noch mit einer Freundin in eine Disco wollte, leider nicht mit wem und wohin.
Bei der Baufirma erfuhr Habich, dass Lackner seit letzter Woche Montag nicht zur Arbeit erschienen war und sich auch nicht krankgemeldet hatte. Zuhause traf er den Gesuchten nicht an. Zumindest öffnete ihm auf sein Läuten niemand die Tür. Weder Wohnungsnachbarn noch der Vermieter wussten, wo sich Lackner aufhielt. Er warf ihm eine Visitenkarte in den Briefkasten mit der Aufforderung, sich bei ihm auf der Dienststelle in Würzburg zu melden. Daraufhin kehrte Habich ins Büro zurück.
»Seid ihr beiden weitergekommen?«
»Nein! Bei den Altakten haben wir nichts Auffälliges gefunden, was eventuell übersehen worden wäre, und in unserem neuen Fall gibt es auch nichts Neues.«
»Dann möchte ich mehr über diesen Lackner und ihren letzten Freund, Dieter Ranko, erfahren«, sagte Habich an Jasmin gewandt. Den Namen hatte er ebenfalls von Tanjas Vater erfahren. »Außerdem müssen wir herausbekommen, wer die Freundin war, mit der Tanja nach ihrem Dienst noch ausgegangen ist«, überlegte er laut. »Vielleicht kennen Tanjas Eltern ihren Namen.«
Ein kurzer Anruf im Hause Böhmert brachte ihn nicht weiter. Dort ging jetzt niemand ans Telefon.
Fragen über Fragen
Trüb und grau wie der Novembertag war die Stimmung am nächsten Vormittag im Büro der drei Kommissare. Es gab keine neuen Erkenntnisse, weder im aktuellen Fall noch bei den alten Fällen. Auch der abschließende KTU-Bericht hinsichtlich der Reifenspuren am Tatort wies nicht viele neue Ergebnisse auf. Es waren Allerweltsreifen, wie man auf Grund des Profils festgestellt hatte, die auf keinen bestimmten Fahrzeugtyp hinwiesen. Zudem konnte man nicht sagen, ob sie tatsächlich vom Wagen des Täters stammten.
Hauptkommissar Habich machte einen erneuten Versuch, ein Elternteil Tanjas telefonisch zu erreichen. Während es klingelte, beobachtete er, wie Jasmin in der zweiten Altakte las. Chris versuchte derweil Informationen über den gesuchten Peter Lackner zu finden. Eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung holte ihn aus seinen Gedanken.
»Böhmert!«
»Hallo, Herr Böhmert, hier ist Hauptkommissar Habich. Ich habe noch eine Frage.« Er zögerte. »Nein! Eigentlich sind es mehrere Fragen. Wussten Sie oder Ihre Frau, dass Ihre Tochter nach der Arbeit noch ausgehen wollte?«
»Moment bitte.« Am anderen Ende der Leitung wurde miteinander gesprochen. »Ich wusste es nicht, aber meine Frau. Tanja hat es ihr gesagt. An dem Nachmittag war ich nicht zuhause.«
»Gut! Jetzt zu meiner zweiten Frage. Weiß einer von Ihnen, mit welcher Freundin Ihre Tochter unterwegs war?«
Wieder ließ Böhmert den Kommissar am Telefon alleine und sprach mit seiner Frau, dann erfolgte die Antwort: »Sie hat meiner Frau nur gesagt, dass sie nach der Arbeit noch mal weggeht, aber nicht mit wem. Wir sind uns nicht sicher, aber es kann sich eigentlich nur um Valerie Rissek, ihr beste und langjährige Freundin, handeln.«
»Wo kann ich die junge Dame finden?«
»Ihre derzeitige Adresse kennen wir nicht …«
»Dann vielleicht, wo sie arbeitet.«
»Meine Frau sagt mir gerade, sie sei Krankenschwester im Klinikum Kitzinger Land.«
»Okay, das reicht mir fürs Erste. Danke für die Auskunft.« Habich legte auf und machte sich Notizen. Erneut griff er zum Hörer. Nach zwei Telefonaten, mit der Stadtverwaltung Dettelbach und dem Einwohnermeldeamt in Kitzingen, wusste er die Wohnadresse von Valerie Rissek. Plötzlich fiel ihm ein: »Haben wir eigentlich schon einen Bericht der Gerichtsmedizin?«
»Nein!«, kam die zweifache Antwort.
»Dann werde ich dort mal vorbeifahren und mich nach dem Stand der Dinge erkundigen. Anschließend versuche ich diese Freundin von Tanja ausfindig zu machen.«
»Ach, und wir haben weiterhin Innendienst?«, beschwerte sich Rautner.
»Hat sich dieser Lackner schon gemeldet oder hast du ihn gefunden?«
»Bisher noch kein Lebenszeichen.«
»Also was beschwerst du dich. Mach ihn ausfindig.«
»Soll ich ihn in die Fahndung geben.«
»Nein! Wir warten noch bis morgen.«
»Dann könnte ich mich doch bei den Arbeitskollegen näher über ihn erkundigen und fahr noch mal bei seiner Wohnung vorbei. Vielleicht ist er ja irgendwo aufgetaucht.«
»Gut, mach das. Aber vergiss auch nicht Tanjas letzten Freund, von dem sie sich am Jahresende getrennt hat, diesen Dieter Ranko. Wir müssen mehr über ihn wissen und ob er ein Alibi hat.«
»Das kann ich doch machen«, bot sich Jasmin an.
»Wenn du Zeit dazu findest, soll es mir recht sein.«
Habich grinste beim Hinausgehen. Er wusste, wie ungern Chris Schreibtischdienst verrichtete. Da ging es dem jungen Kommissar wie ihm selbst. Lieber war er draußen, um vor Ort zu ermitteln, Leute zu befragen, zu observieren oder Ähnliches. Nur kamen sie bei ihrer Arbeit nicht umhin sich auch mit Papierkram zu befassen. Gott sei Dank war Jasmin in dieser Hinsicht geduldiger und nahm den beiden vieles ab, was irgendwie mit Schreibtischarbeit zu tun hatte.
Mit seinem Wagen fuhr er in die Versbacher Straße, wo die Rechtsmedizin ihren Sitz hatte. Frau Doktor Wollner traf er in ihrem Büro an. Sie diktierte gerade Berichte.
»Oh, Herr Hauptkommissar, gerade habe ich an Sie gedacht«, sagte sie lächelnd, nachdem sie ihre Arbeit unterbrochen hatte. Habich wirkte im ersten Augenblick verlegen, was sein Blick auch deutlich ausdrückte. Ihr Lächeln wurde noch breiter. »Sie warten doch sicherlich auf meinen abschließenden Obduktionsbericht?«
»Oh, ja, ja! Das … das war der Grund meines Besuches«, antwortete er mit belegter Stimme.
»Etwas anderes habe ich auch nicht erwartet«, antwortete sie schelmisch und reichte ihm einen Aktenordner.
»Gibt es neue Erkenntnisse?«
Sie blickte auf ihren Computer. »Nun ja! Wie schon vermutet wurde sie mit dem Seidenschal erdrosselt. Andere Anzeichen für eine tödliche Verletzung gibt es nicht. Auch der toxikologische Befund ist negativ, also keine Vergiftung oder Ähnliches. Die Todeszeit kann ich auf 18 bis 20 Uhr eingrenzen. Ich weiß nicht genau, wie lange sie der Witterung ausgesetzt war. Was ich außerdem definitiv sagen kann, ist, dass sie gefangen gehalten und misshandelt wurde. Das beweisen Hämatome an ihrem Körper, von denen die ältesten maximal fünf bis sechs Tage alt sind. In dieser Zeit wurde sie auch nicht regelmäßig ernährt. Das zeigt ihr körperlicher Gesamtzustand. Wollen Sie den ganzen Bericht noch in digitaler Form per E-Mail haben?«
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie es mir zusätzlich noch als PDF-Datei schicken. Also, dann danke, ich muss weiter«, verabschiedete sich Habich und wollte das Büro verlassen.
Die Stimme der Gerichtsmedizinerin hielt ihn zurück. »Sagen Sie mal, Herr Hauptkommissar, ich habe gehört, Sie sind ein Liebhaber des hiesigen Weines und der fränkischen Küche. Stimmt das?«
»Sooooo! Sie haben ja anscheinend schon viel über mich gehört«, stellte Habich fest. »Ich dagegen von Ihnen noch kein bisschen.«
»Das ließe sich ändern. Ich erzähle Ihnen etwas von mir, wenn Sie mir gastronomische Empfehlungen geben könnten und mir Gesellschaft leisten. Ich bin neu hier in Würzburg, kenne niemand und habe keine Ahnung, wo man gut essen und trinken kann. Zudem bin ich noch nicht ganz eingerichtet, die Küche fehlt noch, was das Kochen im Moment etwas schwierig macht«, erklärte die Pathologin freundlich lächelnd.
»Ich denke darüber nach und lass es Sie wissen«, sagte er beim Hinausgehen.
Was war denn das jetzt? fragte sich Habich verwundert im Flur des Gerichtsmedizinischen Institutes. Hatte Frau Doktor versucht ihn anzumachen oder war das eher harmlos zu sehen und die Fantasie ging mit ihm durch. Na ja, eigentlich hatte er sich nach mehreren Fehlschlägen geschworen die Finger von der holden Weiblichkeit zu lassen, aber diese Rechtsmedizinerin war schon verdammt hübsch, nein, sie war eine Wucht, korrigierte er sich selbst. Und nicht nur das, nett schien sie auch zu sein und sie wollte mit ihm ausgehen. »Alter Narr«, schimpfte er sich auf dem Weg zu seinem Wagen in Gedanken, »du hast doch selbst gehört, wie sie sagte, dass sie nur Empfehlungen braucht. Die Einladung war sicherlich nur eine Höflichkeit von ihr.« Obwohl, so ganz abgeneigt war er nicht, musste er sich eingestehen. »Vielleicht … vielleicht könnte man ja einen Versuch wagen«, dachte er laut. Wie lange war das mit seinen Beziehungen zu Frauen her, überlegte Theo. Es musste eine gefühlte Ewigkeit sein. Gut, nach dem Ende seiner letzten festen Bindung hatte es noch drei flüchtige Abenteuer ohne den Erfolg auf Dauerhaftigkeit gegeben. Dazu hatte seine Enttäuschung zu tief gesessen. Tamara, seiner letzten Liebe, hatte es hier nicht gefallen. Sie bezeichnete Würzburg und die Region als Provinz und da sie ein Großstadtkind war, hatte es sie dorthin zurückgezogen. Sie hatte Trubel, Kurzweil und die Stadtluft gebraucht und war wieder zurück nach Frankfurt gegangen. Ihr Ultimatum an ihn, nach Frankfurt in seine Geburtsstadt mitzugehen, hatte er verstreichen lassen. So wie seine Liebe zu Tamara schwand, so entstand eine andere Liebe zu der neuen Heimat.
Er rangierte seinen X3 aus der Parklücke und fuhr los. Das schmale Gesicht der hübschen Rechtsmedizinerin mit der schlanken, ebenmäßigen Nase, den blauen Augen und dem blondgelockten Haar ging ihm nicht aus dem Sinn, bis er das Ortsschild von Kitzingen erreichte.
Zuerst suchte er Valerie Rissek in ihrer Wohnung. Auf sein Klingeln meldete sich niemand. Anschließend fuhr er zur Kitzinger Klinik. In der dortigen Abteilung der Inneren Medizin fand er die Gesuchte. Die Nachricht vom Tod ihrer Freundin wirkte wie ein Schock auf die junge Frau.
»Können wir nach draußen gehen? Ich brauch etwas zu rauchen«, bat sie ein wenig verstört. »Was ist passiert?«, fragte sie, als ihre Zigarette brannte.
Habich verriet ihr so viel, wie er für richtig hielt. »Erzählen Sie mir etwas über Ihren gemeinsamen Abend«, forderte er dann Tanjas Freundin auf.
Frierend schlug Valerie die dünne Strickjacke enger um ihren Körper. Mit hastigen Lungenzügen rauchte sie zwei Zigaretten hintereinander, während sie berichtete: »Ich habe Tanja nach der Arbeit mit meinem Wagen abgeholt und wir sind nach Würzburg in eine Diskothek gefahren. Dort haben wir noch drei Freunde getroffen. So gegen halb vier Uhr haben wir die Disco verlassen. Wir wollten noch nicht ins Bett, hatten alle Hunger, wussten aber nicht wohin. Fastfood ist nicht so unser Ding.« Sie lachte gequält. »Tanja kam dann auf die Idee, bei mir noch eine Flasche Rotwein zu trinken und ein oder zwei Dosen Ravioli heiß zu machen. Ich bin bekannt dafür, dass ich für alle Fälle immer ein paar Schnellgerichte im Haus habe. Der Vorschlag wurde angenommen und wir sind dann alle zu mir nach Kitzingen in die Wohnung gefahren. Na ja, wir haben dann noch an einer Tankstelle ein Sixpack Bier geholt, da die zwei Jungen, die dabei waren, keinen Wein wollten. Dann sind wir zu mir. Eigentlich bin ich zu der Zeit davon ausgegangen, dass Tanja bei mir schläft. Das hat sie öfters gemacht, wenn wir am Wochenende unterwegs waren …«
»Warum dieses Mal nicht?«
»Sie wollte plötzlich nachhause …«
»Aber sie wohnte doch in Dettelbach bei ihren Eltern. Wie wollte Sie da hinkommen?«
»Ja eben! Ich habe ihr auch gesagt, dass sie keiner mehr heimfahren kann. Wir hatten inzwischen alle Alkohol getrunken. Sie meinte nur, das wäre nicht schlimm, sie würde sich ein Taxi nehmen …«
»Hat sie eins genommen?«
»Ich weiß es nicht hundertprozentig, gehe aber davon aus. Tanja hat von meinem Festnetzanschluss aus die Taxizentrale angerufen und einen Wagen bestellt. Sie meinte, die Dame am Telefon hätte ihr gesagt, es könne etwas dauern.«
»Wann war das etwa?«
Die junge Frau dachte kurz nach. »Das müsste so gegen fünf oder halb sechs Uhr gewesen sein. Genau kann ich es aber nicht sagen.«
»Sie haben sie aber nicht ins Taxi steigen sehen?«
»Nein! Sie hat einige Minuten nach dem Anruf meine Wohnung verlassen, obwohl noch kein Wagen da war. Ich habe ihr gesagt, sie soll warten, bis das Taxi kommt, aber sie meinte, sie bräuchte ein bisschen frische Luft und wolle vor dem Haus warten. Wenn sie das so wollte, war es für mich okay.«
»Könnte sie zu einem Fremden ins Auto gestiegen sein?«
»Nein, das halte ich für ausgeschlossen.«
»Was war mit den anderen drei Freunden, die dabei waren?«
»Die sind ungefähr noch eine halbe Stunde geblieben und dann gemeinsam gegangen. Als ich die drei verabschiedet habe, war auf jeden Fall von Tanja nichts mehr zu sehen.«
»Können Sie mir die Namen ihrer Freunde geben und mir sagen, wie ich sie erreichen kann?«
Valerie zog ihr Handy aus der Gesäßtasche, rief ihre Kontakte auf und nannte dem Hauptkommissar Namen und Telefonnummern der drei.
»Gut! Das war’s fürs Erste«, bedankte sich Habich. »Ach ja, eine Frage habe ich doch noch. Hatten Sie danach noch mal Kontakt mit Tanja Böhmert: Anruf, SMS, WhatsApp oder was auch immer es da noch alles gibt?«
»Nein!« Valerie schüttelte heftig den Kopf und Tränen kullerten ihr dabei über die Wangen. »Hätte ich doch darauf bestanden, dass sie die Nacht bei mir bleibt, dann würde sie jetzt noch leben.«
»Selbstvorwürfe helfen Ihnen nicht weiter. Damit konnte niemand rechnen«, versuchte Habich zu trösten. Er hatte sich gerade zum Gehen abgewandt, als ihm noch etwas einfiel. »Ach, was ich noch fragen wollte. Haben Sie Herrn Lackner gekannt?«




