Der Untertan von Heinrich Mann: Reclam Lektüreschlüssel XL

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Nach bestandenem Examen übernimmt er die väterliche Firma und unternimmt alles, um seine Machtstellung in Netzig auszubauen. Er heiratet reich, vergrößert seine Firma, knüpft Beziehungen, konkurriert und intrigiert mit politischen Freunden und Feinden und setzt sich durch.
In den Augen seiner Kritiker und Feinde ist dieser Diederich Heßling als »Typus«Heßling ein neuer »Typus«, nämlich ein »Untertan« (S. 260), der sich dem Kaiser willfährig ergibt und gleichzeitig selbstherrlich Macht ausübt. Ihn kennzeichnet »das Prahlerische des Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen« (S. 260 f.). Die Macht ist geliehene, angemaßte, gespielte Macht. Sie beruht nicht auf Kompetenz und Ansehen, sondern auf Anmaßung und Intrige. Diederich Heßling ersetzt – wie Kaiser Wilhelm II. – fehlende Autorität durch autoritäres Verhalten.
Guste Heßling, geborene Daimchen
Guste Daimchen, die Tochter der verwitweten »Frau Oberinspektor Daimchen« (S. 117), wuchs in Netzig in bescheidenen Verhältnissen auf, pflegte in Magdeburg ihren Onkel, der sie mit einer reichen Gustes ErbschaftErbschaft bedachte, und wird in Netzig vor allem von unverheirateten Altersgenossinnen mit neidischen Blicken verfolgt, da sie nun nicht nur reich, sondern auch mit dem Sohn des angesehenen alten Herrn Buck verlobt ist. Später verbreitet sich das Gerücht, dass sie die uneheliche Tochter des alten Buck und damit eine Halbschwester Wolfgang Bucks ist. Ehe es zum offenen Skandal kommt, wird die Verlobung gelöst.
Als Diederich Heßling nach seiner Berliner Zeit Guste zum ersten Mal im Zug Begegnung mit Diederichbegegnet, erkennt er sie nicht, obwohl sie als Kinder einiges zusammen unternahmen, mustert sie, greift ihr »um die Taille«, wertet sie als »kolossal appetitlich« und macht ihr das Kompliment: »Wie ein frisch gewaschenes Schweinchen« (S. 103). Dafür bezieht er im Gegenzug »eine Ohrfeige«, was ihre Attraktivität zu steigern scheint; denn Diederich sagt zu sich: »So eine könnte man getrost heiraten« (S. 112). »Die oder keine!«, entscheidet er etwas später bei sich, als er ihr in Netzig begegnet, ihm die »handliche Breite« (S. 147) Gustes imponiert und er inzwischen gehört hat, »sie habe eine Million geerbt« (S. 148).
Diederich und Guste kommen sich Schritt für Schritt näher. Als Guste Diederich in dessen Firma besucht, erfährt er, dass die Erbschaft nicht eine Million, aber doch »bare dreihundertfünfzigtausend« (S. 276) betrage; daraufhin »sahen sie einander in die Augen«, »plumpsten […] auf die Säcke, rollten, ineinander verwickelt, […] durch den dunklen Raum« (S. 277). Für Diederich ist Guste indessen »mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette Gans« (S. 192), und auch der Erzähler hebt hervor, dass Guste bezeichnenderweise in der »Schweinichenstraße« (S. 222) wohne. Später in Rom berichtet er, dass Guste »nur aus den Kissen grunzte« (S. 403), als Diederich sich aufmachte, um dem Kaiser zu huldigen. Von ähnlich herablassender und beleidigender Art ist das Verhalten Wolfgang Bucks, für den Guste, seine Verlobte, ein »Kochtopf« (S. 229) ist, den er gern warmgehalten hätte, den er aber auch beiseiteschieben kann, wenn ihm danach ist. Als Guste erfährt, dass sie für Wolfgang Buck lediglich ein »Kochtopf mit Wurst und Kohl« (S. 276) ist, fühlt auch sie die Demütigung.
Als Wolfgang Buck sich dann endgültig zurückzieht, weil ihm, wie Guste einsieht, »immer alles wurscht war, sogar mein Geld« (S. 378), erklärt Diederich, dass er »im vollen Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine künftigen Kinder wie gegen Kaiser und Vaterland […] den Schutz des wehrlosen Weibes« (S. 379) übernehme und bereit sei, Guste zu Eheschließungheiraten. Von der Hochzeitsreise hat sie nicht viel. Sie muss zurückstehen, wenn Diederich seinem Kaiser nach Rom und in Rom folgt.
In den Jahren zwischen 1894 und 1896 gebiert sie drei Die Rolle der MutterKinder. Im Anschluss an die komplizierte Geburt von Horst gesteht Diederich seiner Frau, »daß er, vor die Wahl gestellt, sie glatt hätte sterben lassen« (S. 488); denn: »So peinlich es mir gewesen wäre[.] […] Aber die Rasse ist wichtiger, und für meine Söhne bin ich dem Kaiser verantwortlich.« (S. 488)
Guste ist also Mittel zum Zweck: Unter Verwendung ihres Geldes wird die Firma vergrößert und das Ansehen der Familie Heßling in Netzig erhöht. Indem sie drei Kinder zur Welt bringt, ermöglicht sie Diederich zu behaupten, er habe seine Pflicht gegenüber Kaiser und Vaterland erfüllt. Ab und zu lehnt Guste sich auf, beginnt »ihrerseits heftig zu blitzen, und […] zischte […]: ›Auf die Knie, elender Schklafe! […] Ich bin die Herrin, du bist der Untertan‹« (S. 492). Doch dies sind nächtliche »Phantasien«, Augenblicke von »Machtdünkel« (S. 492), vorübergehende verkehrte Welt. Wenn Diederich wieder volle Kontrolle über Guste hat und selbst einmal in der Woche ins Bordell geht, wird das so zusammengefasst: »Autorität und Sitte triumphierten wieder« (S. 492 f.). Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
In Guste Daimchen wird die Die Rolle der FrauRolle karikiert, wie sie im patriarchalisch strukturierten Kaiserreich der Frau zugedacht war. Ein satirisch gewollter Affront dürfte darin zu sehen sein, dass der Name Guste als Kurzform von Auguste gelesen werden kann. Auguste Viktoria hieß die Gemahlin Wilhelms II., des Kaisers.
Der alte Buck
Der alte Buck ist das Oberhaupt einer weitverzweigten liberalen Patrizierfamilie, setzt sich für die Belange der Stadt ein und ist eine »achtunggebietende Buck als PersönlichkeitPersönlichkeit« (S. 13). In der gescheiterten Revolution von 1848 hat er sich für die Freiheits- und Menschenrechte eingesetzt, wurde genau deshalb »zum Tode verurteilt« (S. 118). Später begnadigt, hielt er an den alten Idealen fest und hoffte, Diederich Heßling für seine Auffassung von Politik gewinnen zu können. Doch dieser geht auf Distanz; er heuchelt, ein »liberaler Mann« (S. 131) zu sein, erklärt dann aber später im Kreis der Kaisertreuen, »daß mit dem alten freisinnigen Schlendrian […] aufgeräumt werden müsse. ›Jetzt kommt eine neue Zeit!‹« (S. 137)
Der alte Buck erlebt den Der Abstieg der FamilieAbstieg seiner Familie: Sein Bruder ist »pleite« (S. 138), sein Schwiegersohn wird wegen Majestätsbeleidigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, sein Sohn gibt den ehrwürdigen Beruf als Jurist auf, löst die Verlobung mit einer angesehenen Bewohnerin Netzigs und geht zur Bühne. Er selbst verliert an Ansehen, als sich das Gerücht verbreitet, Guste Daimchen sei seine uneheliche Tochter und lebe folglich in einer inzestuösen Beziehung mit seinem ehelichen Sohn Wolfgang (das Motiv der »natürliche[n] Tochter«, S. 298, kehrt im Theaterstück Frau von Wulckows wieder). Am Ende, von seinen Freunden verlassen, gerät er in Geldschwierigkeiten und muss ausgerechnet Heßling, seinen politischen Gegner, um eine »zweite Hypothek für sein Haus in der Fleischhauergrube« (S. 464) bitten.
Völlig verarmt stirbt er an dem Tag, an dem in Netzig das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. eingeweiht wird. Diederich Heßling betritt ungebeten das Haus des alten Herrn Buck, als er ihn im Sterben vermutet, und sieht, wie sich im Innern des Hauses die Familie um den alten Buck versammelt. Dieser scheint Heßling im Augenblick des Sterbens zu erkennen. »Er hat den Teufel gesehen!« (S. 526), deutet ein Angehöriger den letzten Blick auf seinen politischen Gegner.
Wolfgang Buck
Der Sohn des alten Buck, Wolfgang Buck, ist mit Diederich Heßling gleichaltrig. Sie kennen sich von Kindheit an, begegnen sich während des Studiums in Berlin, sind dann Gegner in jenem Prozess, in dem es um die angebliche Majestätsbeleidigung des Fabrikanten Lauer geht, und sind schließlich Konkurrenten um die Gunst Guste Daimchens.
Wolfgang Buck studiert Jura, leistet seinen einjährigen Militärdienst ab, hat aber keine festen Vorstellungen über seinen weiteren LebenseinstellungLebensweg. Mal möchte er »General werden und manchmal Arbeiterführer« (S. 87). Er möchte seine »Persönlichkeit ausleben« (S. 88). Die Zeit der großen Männer sei vorbei, und deshalb hat er auch Zweifel, ob der Kaiser »der Rolle, die er sich zumutet« (S. 88), gewachsen sei. Für Wolfgang Buck ist das Leben ein Spiel, in dem jedem seine Rolle zugeteilt wird.
Sehr gerne hat er offensichtlich die Rolle des Verteidigers im Prozess gegen seinen Schwager übernommen. In einer brillanten Gerichtsrede deckt er das Verlogene des Prozesses auf und stellt Diederich Heßling als den »Untertan« (S. 260) dar, der sich vor einer nicht mehr in die Zeit passenden Majestät niederwirft, von ihrer »Macht das Nötige leihen« will, »um die noch Kleineren niederzuhalten« (S. 261). Vor Gericht hat er mit dieser Rede keinen Erfolg, wohl aber vor den anwesenden Schauspielern.
Wolfgang Buck passt nicht ins bürgerliche Leben. Ihn zieht es zu den Der SchauspielerSchauspielern nach Berlin. Deshalb ist er dankbar, dass er seine Verlobung mit Guste Daimchen lösen kann, da Diederich Heßling interessiert ist, sie zu heiraten. Der junge Buck steigt aus oder auch ab, während Heßling aufsteigt, indem er sich in das System einpasst.
Napoleon Fischer
Napoleon Fischer ist »der schwarzbärtige Maschinenmeister« (S. 120) in der Heßlingschen Firma, der fachlich kompetent und von den Der ArbeiterführerArbeitern anerkannt zu sein scheint. Er ist »Sozialdemokrat« und »ein Organisierter« (S. 123), gehört also der frühen Gewerkschaftsbewegung an.
Für den kaisertreuen, burschenschaftlich organisierten Heßling ist schon der Name Napoleon Fischer »eine Provokation« (S. 124), da er einerseits an den Kaiser des französischen Erbfeindes erinnert, Napoleon III., und andererseits an zwei sozialdemokratische Funktionäre und Reichstagsabgeordnete jener Zeit namens Fischer. Diederich ist voll »Haß« und äußert dem Buchhalter gegenüber, »[d]em Affen […] ein Bein stellen« (S. 124) zu wollen.
Doch bald zeigt sich, dass Heßling seinen Maschinenmeister in der Auseinandersetzung mit der Lieferfirma des »Holländers«, einer neuen Maschine, gut gebrauchen kann. Auch Fischer zeigt sich Heßling, dem politischen Gegner aus dem Lager der Monarchisten und Kapitalisten, gegenüber willfährig, erwartet jedoch Gegenleistungen. Vor den Wahlen ins Stadtparlament möchte sich Heßling der Stimmen der Sozialdemokraten versichern, um eine verlässliche Mehrheit zu bekommen. Dazu braucht er Fischer, und Fischer braucht Heßling: »Denn ich will auch Stadtverordneter werden« (S. 354). So entwickeln die Vertreter unterschiedlicher Klassen und einstige Feinde ein gemeinsames IntrigenIntrigenspiel, durch das Napoleon Fischer einen Sitz im Reichstag und Diederich Heßling eine Spitzenstellung in Netzig erringt. Heßling kann dem Arbeiterführer nicht widersprechen, wenn dieser anlässlich der gegenseitig zugesicherten Unterstützung bei der Wahl der Stadtverordneten feststellt: »Wir haben schon mehr Dreck zusammen verscharrt« (S. 356). So schweigt Fischer zuvor etwa über den Unfall einer Arbeiterin in Diederichs Fabrik und über die dürftigen Gelder, die dieser der verunglückten Arbeitnehmerin zu zahlen bereit ist, verschweigt, dass es für sie die Möglichkeit gäbe, Schadenersatz einzuklagen. Im Gegenzug verrät ihm Diederich vom Gerücht über das inzestuöse Verhältnis von Wolfgang Buck und Guste Daimchen, das Fischer dazu dienen kann, die Arbeiterschaft gegen den Magistratsrat Buck und die städtischen Behörden im Allgemeinen aufzuwiegeln (S. 292–294). Wenn es um das eigene Interesse geht, vergisst Fischer seine Überzeugungen und auch die Aufgaben, die er als Arbeiterführer hätte.
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