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Etwas reißt mich aus dem Schlaf. Alles ist dunkel, bis auf das orangefarbene Licht, das sich Spalten sucht zwischen den Vorhängen. Mit dem Licht kommen auch Stimmen von unten ins Zimmer, ich erkenne Doñas Lachen sofort. Andere fallen sich gegenseitig ins Wort. Alles an mir ist schwer. Noch immer habe ich die Klamotten von der Reise an, mein BH ist verrutscht und sticht mir Muster in die Haut. Ich stelle mich an das Fenster, schiebe mich zwischen die Vorhänge und starre auf die Markise unter mir. Sie ist eingerahmt von Rauch und den Lichtern darunter, es riecht nach Fleisch. Ein Alter kommt von der anderen Straßenseite, rennt fast, ruft schon von Weitem, ob es noch etwas gäbe. Doñas Stimme erwidert »Vengase!«, dann verschwindet er unter dem Rot-Weiß. Ich fühle mich beobachtet von all den Stimmen, manche Wörter sprechen sie fast wie mein Vater aus, der Ton hinter meinen Schläfen mischt sich langsam darunter. Nicht einmal in den Telenovelas sind die Worte so nah an denen meines Vaters gewesen.
Wegen meines Vaters zog der Ton in meinen Kopf ein. Nach seinem Arztbesuch wartete ich mit dem Abendessen auf ihn. Er schloss auf, räusperte sich im Flur, wartete dann einen Moment, seufzte und kramte wie so oft seine sorgenlose Stimme hervor. »Oh oh, das riecht fantastisch, da lohnt sich diese Krankheit doch fast, für mich zumindest.« Er kam in die Küche und wich meinem Blick geschickt aus, musterte nur das Essen, rieb sich die Hände und ließ die Zunge über seine Lippen fahren, hob den Teller an und roch am Essen, während er die Augen weit aufriss. Seine Gesten waren zu übertrieben, als dass ich sie ihm hätte abkaufen können. Sie bewirkten das Gegenteil von dem, was er wollte. Die Diagnose stach aus jeder dieser kleinen Bewegungen hervor. Er holte aus, griff mir mit seinen kalten Händen ins Gesicht, suchte nach meinem Blick, jetzt war ich es, die auswich. Er lächelte gegen die Sorge in seinen Augen an. Genau da legte sich der Ton zum ersten Mal auf mich. Mein Brustkorb wurde hart, ich wollte nicht mehr atmen, er stach. Mein Vater ließ ab von mir, setzte sich an den Tisch, pfiff eine kurze Melodie, faltete die Hände, dankte Gott für das Essen, wartete kurz, »und für das Leben. Amen«. Ich konnte ihm nichts nachsprechen, alles an mir war starr, ich starrte auf seine Hände, darauf, wie er die Gabel zum Mund führte, kurz pustete, die Augen schloss und kaute. Mit großer Mühe ignorierte er, dass ich nur das sah, was er versteckte. Etwas durchfuhr mich heftig bei jeder seiner bekannten Bewegungen, beim Öffnen seines Mundes, beim Kauen, dem schweren Atmen durch die Nase. Am Ende war er ruhig. Mein Essen war kalt geworden, ein feiner Film lag auf der Soße, nichts dampfte mehr. Sein Teller war leer, er strich mit seiner Gabel Muster in die Rückstände der Soße, immer im selben Tempo, von oben nach unten und zurück wie ein Pendel. Das Kratzen auf seinem Teller wurde in meinem Kopf lauter, durchfuhr mich heftig, er machte immer weiter, ich wollte nach seiner Hand greifen, sie stoppen, drücken, an ihr zerren, aber mein Körper machte nichts. Das spitze Geräusch seiner Gabel stieg in meinen Kopf, blieb dort, kreiste, drückte von innen gegen meine Schädelwände, veränderte sich, ich wollte die Augen schließen, es ging nicht.
Doña klopft. Ich erkenne sie an den zögernden Pausen. Sie flüstert meinen Namen in den Türspalt hinein, ich sage nichts, sie versteht es als Einladung, öffnet die Tür, ich drehe mich zu ihr, so in der Tür sieht sie groß aus, lächelt, räuspert sich, setzt ein paar Mal an, »willst du?« Sie geht auf mein Bett zu, stützt sich mit beiden Händen auf die Matratze, ein kleiner Schlitz macht sich in ihrem Dekolleté lang. »Komm runter, wenn du willst, wir haben frische chicharrones.« Mein Kopf tut weh, meine Kehle ist trocken, ich will etwas sagen, es kommt nichts. Sie klatscht in die Hände, dann mir auf die Schulter: »Komm, wann du willst, ich esse dir nicht alles weg.«
Ich hörte meinen Vater laut atmen, als ich die Haustür aufschloss. Die Herbstsonne fiel bedrohlich auf den Staub. Ich behielt die Jacke an und ging um die Ecke. Er saß am Küchentisch, krumm, hatte die Hände über dem Zettel ineinander gefaltet, sein Kinn lag auf der Brust und dort, wo sonst ein Doppelkinn daraus geworden wäre, hing die Haut nur noch ein wenig schlapp. Ich stellte mich vor den Tisch, legte meine Hände auf seine, auf den Zettel darin, und wartete. Seine Atmung war langsam, ich wusste nicht, ob er betete oder schlief. »Du bist dir sicher, mija?« Wir hatten dieses Gespräch schon so oft geführt, dass die Frage eine rhetorische sein musste. Ich sagte nichts.
»Wenn du gehen willst, musst du wissen, was dort ist, in diesem Haus«, er schloss die Augen, runzelte die Stirn, ich wartete lange, setzte mich dann, er war irgendwo. »Dieses Haus, Yona, deine –«, seine Hände umschlossen sich so fest, dass seine Knöchel weiß aufleuchteten. »Yona«, er atmete, ich war diese Langsamkeit nicht gewöhnt, wurde unruhig, mein Ton schaltete sich ein, er fing immer schneller an zu kreisen im Schädel, im Uhrzeigersinn, blieb abrupt stehen, legte sich von innen auf meine Stirn. »In dem Haus, mija«, der Ton wurde schärfer, fing an zu bohren, »ist deine Mutter«, und durchbohrte meine Trommelfelle. Ich stand auf, strengte mich an, meine Hände zu denen meines Vaters zu bewegen, umfasste sie einmal stark, sein Gesicht bewegte sich noch, er sagte etwas, blickte kurz zu mir auf, ich hörte nichts, drückte seine Hände noch einmal, die Ameisen in meinem Kopf wurden immer lauter und zischten, ich sprang auf, mein Ton trieb mich vor sich her, bekam Gewicht, legte sich zuerst auf meine Schultern. Ich versuchte, ihn zu kontrollieren, er wehrte sich, ich rang mit ihm, gab nicht nach und stand so lange da, bis er sich langsam, mit einem Wehen, verzog, in irgendeine Ecke meines Kopfs.
Doña sitzt vor dem Gitter, spricht mit einer Frau in eng anliegender Uniform und mit Pomade im Haar. Sie sieht mich kurz im Augenwinkel und klopft zweimal auf den Stuhl neben sich. Die Straße wirkt bei natürlichem Licht fast freundlich, die Markise ist noch da, unter ihr ist nichts, kein Grill, keine Stühle, keine Tische, nur ein leichter Rauchgeruch haftet hier noch von gestern. Die Frau ist über Doña gebeugt, die mit verschränkten Armen und besorgtem Gesicht hoch zu der Frau spricht über Dinge, die ich nicht wissen kann. Dann bemerkt die Pomadenfrau meinen Schatten, folgt ihm, mustert mich langsam von unten nach oben, ihre Schminke ist ein wenig zu dick aufgetragen, besonders um die Augen herum, es passt zur Pomade. Sie rüttelt an Doñas Schulter, zeigt auf mich. »Oh, bienvenida«, Doña lacht, klopft einmal auf ihren Bauch, hievt sich im Stuhl hoch, taumelt zwei Schritte zu mir, hält sich an meinen Armen fest, ich halte sie, bis sie ihr Gleichgewicht wiederfindet. »Zu schnell aufgestanden, danke, danke, oh, mija, das ist Yona, das Mädchen, schau, wie hübsch sie ist«, sie zerrt ein wenig an meinem Arm, ich winke ab, die Nachbarin scheint noch nicht überzeugt zu sein, reicht mir zögernd die Hand und spricht, so langsam sie kann: »Mucho gusto.« Ich antworte, sie erschrickt und kommentiert mein fabelhaftes Spanisch nach zwei Wörtern. Doña stellt sich fast zwischen uns, nimmt mit beiden Händen ihre Hand. »Gracias, Freundin, wir reden dann später weiter, Yona hier und ich sind verabredet.« Die Nachbarin zeigt wenig Regung. »Bis bald, Doña, danke für den Kuchen, oíste, hast du gehört?« Sie sieht nur mich dabei an, geht dann langsam über die Straße, ihre Hornhaut lugt an allen Seiten zwischen den Riemchen ihrer Sandalen hervor. Sie sperrt das Gitter vor der Haustür gegenüber auf. »Sie ist ein bisschen eine Pute, Yona, aber sie hat ein gutes Herz. Und, na ja, sie ist halt die Nachbarin.« Doña hebt ihre Arme an dabei. »Gut, dass du mal rausgekommen bist, du kannst ja nicht ewig schlafen, oder?« Ich setze mich auf den Stuhl, er ist so niedrig wie ihrer, sie fächert sich mit Karton Luft zu, wir liegen halb wie zwei alte Damen am Strand, die Sonne steht schon fast über uns. Ich kenne das hier alles noch nicht um die Mittagszeit, es ist staubiger als abends, und es riecht mehr nach Benzin als nach Kohle und Fleisch. Wir hören die LKWs, die Busse und ihre ayudantes, wie sie die Ziele der Busse schreien. Die Nachbarin gegenüber taucht kurz wieder auf, streckt ihren öligen Kopf durch das Fenster und schüttet irgendetwas aus einem Topf auf die Straße. »Das ist die mamá von Niña, verlorene Seele, hat alles Mögliche gemacht, außer sich um die Kleine zu kümmern.« Doña zischt es kaum hörbar, winkt kurz. Ich zeige mit meinem schweren Finger auf den Topf am Boden, der Doña bis zum Knie geht. »Sind das die chicharrones?« Sie freut sich, hebt ihn mit beiden Händen auf ihren Schoß. »Probier mal.« Ich greife in den Topf, sie sind hart und ölig, sie greift nach mir hinein, nimmt sich eine Hand voll. »Du musst nicht so zögerlich sein.« Dann schiebt sie sich einen nach dem anderen in den Mund, die Krümel fallen ihr auf das Kinn beim Reden. »Das ist auch dein Haus, Kleine, und deshalb sind es auch deine chicharrones!« Sie hält mir den Topf hin, ich greife hinein, nehme so viele ich kann, es freut sie. »Du musst essen, du hast ja nichts gegessen, ach mija, ich wollte dich ja wecken.« Ich esse schneller, bemerke mit jedem Bissen mehr, wie hungrig ich bin, die Krümel kleben an meinen glänzenden Fingern wie beim Chipsessen mit meinem Vater vorm Fernseher. Doña hört auf zu essen und mustert mich sorgenvoll. »Ich hätte dich wecken sollen, nicht? Ich weiß nicht, die haben alle gesagt, lass sie, bei ihr ist es ja mitten in der Nacht, in ihrem Körper, damit kenne ich mich nicht aus, aber nur einmal am Tag essen, ich hab mir schon gedacht, dass das nicht gut ist.« Ich wische mir den Mund mit meinem Ärmel ab, schüttle den Kopf. »Nein, danke, ich schlafe sehr gerne.« Sie lacht, ihre Stimme ist schallend und warm, mein Körper entspannt sich, ich kaue langsamer, lehne mich zurück, strecke die Beine aus, sie beobachtet mich, atmet laut zwischen ihren Bissen, greift mir mit ihrer Hand an das Bein, drückt ein wenig zu, sucht meinen Blick, ich gebe mir Mühe, ihm nicht auszuweichen. »Yona. Yona. Das ist bestimmt nicht so leicht, ich meine, wenn du was sagen willst, das alles hier, vielleicht ist es gut, dass du so viel geschlafen hast.« Sie nimmt ihre Hand weg, auf meiner Hose bleibt ein Fleck, sie bemerkt ihn nicht, ihre Hand reibt in ihrem Gesicht herum. »Es ist alles eine Überraschung, du wirst es hier gut finden, mija, du bist doch eine von uns.« Ich kaue schneller, sehe an Doña vorbei, nehme den Topf von ihrem Schoß in meine Hände und rieche daran. »Was ist das eigentlich, chicharron?« Ich nehme noch einen zwischen Zeigefinger und Daumen und mustere die Struktur. »Haut vom Schwein.« Ihr Blick wird weich, sie wischt die fettigen Hände an ihrer Schürze ab. »Schön, dass du hier bist, mija, dass jemand von euch noch einmal zurückkommt! Weißt du, keiner ist zurück von denen, die weg sind, von deinem Vater, den Deutschen, dem Club. Dein Vater wollte mit denen nichts zu tun haben, aber er hat mir einen Brief geschrieben.« Doñas Hand macht abweisende Bewegungen. »Dass ich mir keine Sorgen machen soll. Dein Vater war ein Guter, weißt du«, sie seufzt. »Hat mir geschrieben, dass ihr jetzt dort bleibt, dass er jetzt neu anfängt, ein Haus von seinen Eltern, die er hasst, und Geld von seinen Eltern, die er hasst. So hat er das geschrieben. Aber Yona, ich glaube nicht, dass er sie gehasst hat, das glaube ich wirklich nicht. Er hat das alles gemacht, damit du wegkommst von hier, alles neu, hat er geschrieben, ich habe den Brief noch irgendwo, und dass er nicht mehr schreiben will, um mich zu schützen, es war ja Krieg, mija, du musstest ja hier weg, Yona, du darfst nicht denken, dass«, sie hält inne, um ihren Mund herum ist alles glänzend vom Schweinefett, »na ja. Ich habe Kerzen angezündet, zu jedem Geburtstag.« Ich will nichts mehr hören, versuche irgendein Ausweichmanöver, ich kenne sie noch nicht gut genug, biete ihr noch einen chicharron an, sie ignoriert ihn, nimmt mein Gesicht in beide Hände, unterdrückt ein Weinen, in mir zieht sich alles zusammen, mein Vater hat mir nicht beigebracht, wie man solchen Emotionen ausweicht, wenn man mit beiden Händen festgehalten wird. »Du siehst aus wie dein Vater«, sie flüstert es mehr zu sich selbst als zu mir, ihre Augen sind feucht, in mir spannt sich alles an, mein Magen, meine Brust, mein Hals, dann mein Kopf. »Aber hier«, sie nimmt meine Hände, »deine Hände sind von deiner Mutter.« Der Ton platzt so heftig und laut aus einer Ecke meines Schädels heraus, wie sonst selten, mir wird schwindelig, die Ameisen wirbeln in allen Nischen meines Körpers. Ich hatte immer gedacht, das mit den Händen sei nur ein Spruch von meinem Vater gewesen, damit er irgendetwas hatte, das er über meine Mutter sagen konnte und ich keine weiteren Fragen stellen musste. Dass ich ihre Hände hatte, reichte uns.
Ich habe meinem Vater all seine Abwehrmethoden abgeschaut. Ich lief an seiner Hand im Supermarkt herum, er kaufte eine Haarbürste, die Verkäuferin lächelte, griff mir in die Haare, mein Vater zog mich weg, ich erschrak vor beiden. Dann sagte sie etwas zu mir, über meine Mutter, sie würde das sicher ganz toll machen, das Bürsten, bei den Haaren, ich wusste nicht, was sie von uns wollte. Ich schaute zu meinem Vater hoch, er hob seine Augenbrauen, nickte dreimal entschieden und versuchte ein Lächeln, bevor wir gingen. Ich merkte es mir. Von da an lächelte ich jedes Mal, wenn mich jemand nach meiner Mutter, nach meiner Herkunft, meinem Gesicht oder meinen Haaren fragte. Dreimal nickte ich dann. Nur meine Kindergärtnerinnen fingen an, mich traurig anzuschauen, wenn ein anderes Kind irgendetwas über seine Mutter erzählte. Ich schaute erst traurig zurück, aber irgendwann begann ich auch hier dreimal zu nicken und zu lächeln.
Doña stöhnt ein wenig nach dem Essen, hält inne, greift nach mir, ihre Hand landet auf meinem Arm. »Ich bin froh, weißt du«, sie presst ihre Augen zusammen, schluckt, »seit wir wissen, dass du kommst, Yona, seit dein Vater uns angerufen hat, ist es«, sie neigt ihren Kopf zur Seite, überlegt, »es ist, als wäre ihre Seele ruhig.« Sie beugt sich vor, ihr fettiges Gesicht berührt mich fast, sie flüstert, während sich ihre Hand um meinen Arm festzieht, »tu mamá.« Alles an ihr verlangt eine Reaktion von mir, ich versuche mich zu winden, sie blockiert die Fluchtwege. Der Ton dreht auf, rebelliert anstelle meines Körpers, den ich nicht bewegen kann. Doña bemerkt davon nichts. Ich weiß, dass niemand außer mir bemerkt, wenn es wild wird in meinem Kopf, wenn es anfängt zu zischen und zu schmerzen, nicht einmal mein Vater konnte immer so genau sagen, was mein Ton gerade machte. »Yona, deine mamá ist die Einzige, die ruhig damit ist, weißt du. Alle hier, Cris und der Club, Barriga, die alte Wampe und dein Vater, vor allem dein Vater, wir waren alle ein bisschen in Angst, was du hier willst, wenn du kommst. Was, wenn sie gar nicht mit dir reden will, haben sie zu mir gesagt, was, wenn sie so fresa ist.« Sie lässt meinen Arm ein wenig locker, ihre Worte stechen in meinem Kopf. Sie lacht plötzlich nervös, ich bemühe mich, wenigstens meine Augen von ihr abzuwenden, aber nicht einmal die kann ich kontrollieren. »Weil die doch nur die Deutschen vom Club kennen, mija, aber das hat mir dein Vater vor langer Zeit schon am Telefon erklärt. ›Nein‹, hat er gesagt, ›es sind nicht alle so hier.‹« Sie erschrickt, beißt sich in den Knöchel ihres Zeigefingers, ihre Augen entschuldigen sich bei mir, sie lässt langsam ihren angebissenen Finger sinken, mein Ton lässt nach. »Ich habe ihn gefragt, es tut mir leid, mija, ob du kommst, weil du das Geld willst, oder das Haus, da oben«, sie wirft eine Hand in die Luft und zeigt auf ihre Markise, »oder das hier, das ist ja auch von der Familie.« Sie zuckt mit den Schultern. »Aber dein Vater konnte es auch nicht so genau sagen, mija, er wusste ja gar nicht genau, warum du kommen willst.« Sie nickt eindringlich, wartet, will wieder eine Antwort, ich zucke nur mit den Schultern. »Gut, mija, es ist ja gut, dass du hier bist, wohin sonst? Also das und dann, was wollte ich?« Ich bete, dass sie sich nicht daran erinnert, es ist das erste Mal, dass ich bete seit der Diagnose meines Vaters. Es ist umsonst. Sie erinnert sich. »Ah, die Seele, also die Seele deiner«, sie beißt sich auf die Lippe. Mein Körper versteift wieder. »Ihre Seele, mija, hat sich jedenfalls gefreut, Ruhe gegeben, sie ist in Frieden jetzt, aber ich kann dir leider nicht sagen, warum.« Mein Ton pocht, langsam und sorgfältig, breitet sich über meinen ganzen Körper aus, die Ameisen erkrabbeln sich ihren Weg durch meine Glieder. »Hier ist ja alles aufgewühlt, seit dem Krieg sind diese Seelen überall, mich hat das nie gestört, nicht wirklich, nur dass sie so unruhig war, das hat mich traurig gemacht, ich meine, meine Schwester hat doch ihren Frieden verdient, findest du nicht?« Sie zuckt mit den Schultern, in und an mir kribbelt alles, die Starre meines Körpers fängt an mir wehzutun, meine Sicht verschwimmt, mein Ton feiert, trällert immer lauter. Doña greift noch einmal nach mir, und mein Ton verzieht sich plötzlich in eine Ecke, als hätte er Angst, von ihr erwischt zu werden. »Aber sie ist ruhig, seit du hier bist, ist alles ruhig.« Ihre Worte suchen sich ihren Weg durch diese Starre in meinem Körper, was sie sagt, erreicht mich sehr langsam. Ich versuche zu atmen, die Ameisen werden langsamer, verziehen sich wie der Ton, im Gleichschritt, meine Sicht wird klarer, ich sehe Doña in allen ihren Details vor mir. Ich gehe ihr Gesicht ab nach Zügen, die mir bekannt vorkommen, nach Schnittmengen mit mir. Ich wünsche mir einen Spiegel. Ich kann mir Doña nicht mit einer Schwester vorstellen. Ich denke an die Geschwisterkinder in meiner Schule und wie man ihnen ansah, dass dieselbe Person ihnen die Klamotten rauslegte am Morgen, wie sie sich mieden auf dem Schulhof oder wie die Jüngeren immer hinter den Älteren herschleiften, ohne ihre Füße anzuheben, vor allem morgens. Ich kann mir Doña nicht vorstellen als Kind. Wie sie ihre verträumte Schwester an der Hand hinter sich herschleift, die beiden Mädchen hatten sicher das Gleiche an, auf einem von diesen Bergen. Ich nicke Doña mit aller Mühe dreimal zu und lasse mich tiefer in den Stuhl sinken. Sie schüttelt den Topf, damit die besten chicharrones hochsteigen, nimmt sich noch einen, »das ist der letzte!«, sie wirft ihn sich in den Mund und kaut. Es entspannt mich. Bei den Mädchen aus der Schule gab es zu Hause immer dieses letzte Anstandsstück, egal wovon, das man auf dem Teller liegen lassen musste, damit man nicht gierig wirkte. Mein Vater hatte darüber gelacht, wir hatten ein Spiel daraus gemacht und spielten Schnick-Schnack-Schnuck um das letzte Gummibärchen oder um den letzten Keks. »Gefällt es dir?«, ich bin überrascht, weiß nicht, was sie meint. »Was?« Sie ist verblüfft von meiner Frage. »Na, das hier«, sie zeigt auf den Topf, etwas in mir löst sich, ich nehme den Topf hoch und nicke, unsere Finger und Gesichter sind fettig, der Topf auf meinem Schoß rutscht mir weg, ich weiß nicht, wie ich ihn halten soll. Doña greift nach ihm, erwischt ihn zu spät, er fällt auf die Straße und rollt ein bisschen weiter, bis er, von seinem Henkel gebremst, liegen bleibt. Die Krümel der chicharrones sind um uns herum verstreut wie Konfetti, mein Gesicht läuft warm an, ich entschuldige mich bei Doña, sie lacht, schon fangen Ameisen an, ihr Gelage zu planen, sie kommen von allen Seiten, Doña nimmt mich am Arm. »Komm, wir lassen sie, ich habe jetzt keine Lust, kommst du mit auf den Markt?« Sie schließt die Haustür und das Gitter ab, wir lassen die Stühle auf der Straße stehen und die Ameisen ihren Teil erledigen.
Mein Vater telefonierte jeden Sonntag nach der Kirche mit der casa, ich saß meistens daneben, müde und zufrieden vom Eisessen, und hörte nur seine Hälfte des Gesprächs. Er fragte nach Namen und erzählte von mir, ich grinste ein wenig, wenn er mich lobte. Später, als ich schon lange in der Schule war und bei den Telefonaten nur noch dabei sein wollte, um mich vor den Hausaufgaben zu drücken, veränderte sich etwas. Ich verstand mit jeder Woche weniger. Einmal wurde er hitzig, er fragte nach immer mehr Namen, nach den Kindern der Namen, er senkte die Stimme, blickte sich um nach mir und dachte wohl, ich hörte ihn nicht, wenn er bei seinen Fragen nach den Toten die Hand vor den Hörer hielt. Dann schwieg er kurz und legte auf. In diesen Wochen murmelte er das Wort immer wieder mantraartig in sich hinein, mara, mara, er flüsterte und schüttelte den Kopf. Nachdem ich das monatelang gehört hatte, fragte ich nach. Er sah mich an, nahm mein Handgelenk, atmete einmal tief aus, schloss seine Augen und grub von irgendwoher ein Lächeln aus. »Mara kommt von marabunta, Yona, eine Ameise.« Er nahm seine Hand von mir und legte sie auf den Tisch. »Die marabunta ist eine Kriegerin«, er malte mit beiden Händen einen Wurm, der die Größe meines Unterarms hatte, »und hier ist die kleine Kriegerin mit allen ihren Brüdern, mit ihrem Heer, sie kommen von allen Seiten«, seine Fingerspitzen spielten auf dem weißen Plastiktisch herum. Er tippte um den Wurm herum, kam ihm näher und fiel über ihn her. Seine Fingerspitzen, die Ameisen, kletterten auf ihn. »Es sind viele. Weißt du, wie groß dieser Wurm ist für eine Ameise? Sie und ihre Freunde schleppen das Tier nach Hause«, sein Fingergewirr bewegte sich in trommelndem Plastiktischwirbel in meine Richtung, ich verschränkte meine Arme vor meinem Körper, »und fressen es auf!« Seine Ameisenhorde überfiel meinen Oberkörper, meinen Hals, meine Arme. Ich schob mein Gesicht über meine linke Schulter, bis er von mir abließ.
Wir laufen los, Doña geht vor. Das Geräusch wird mit jedem unserer ungleichen Schritte lauter. Es ist das Klatschen. Zwei Häuser weiter stehen drei Mädchen hinter dem Gitter, tragen Zöpfe und Trachten, nicken Doña zu, legen ihre Fladen aus den kleinen Händen auf ein rundes Blech über dem Feuer, ein Schwall von Hitze kommt uns entgegen aus dem kahlen Raum, Ziegeln, er hat kein Fenster. Die Gesichter der Mädchen sind starr, ihre Handflächen geübt und fast genauso groß wie die Tortillas, die sie den ganzen Tag in ihre Form klatschen.
»Ich komme später, das hier ist Yona, sie wohnt jetzt bei uns«, die Mädchen grüßen mich ohne Ausdruck, verlassen ihren Klatschrhythmus nicht dabei. »Wir kommen später und holen alles für die cena, heute vielleicht ein bisschen weniger, oíste, hast du gehört?« Die Kleine, die am nächsten an Doña steht, nickt, Doña zieht mich mit sich, weg von dem Tortilla-Gitter. »Gute Mädchen, sind noch nicht lange hier unten, ist vielleicht besser für sie, dass sie da drin bleiben, besser als hier draußen.« Sie zeigt auf die Häuser, an denen wir vorbeilaufen, die alle aussehen wie ihres, und sagt die Namen der Bewohner, zweimal fügt sie noch ein »assasinado« hinzu und bekreuzigt sich.
Ich mache es ihr nach. »Das ist nicht mehr lustig, mija, weißt du, die mara bringt heute mehr Menschen um als die Soldaten und alle zusammen im Krieg.« Sie hebt ihre Hände. »Da, da auch, siehst du, ihr Sohn ist vermisst, wenn du verstehst, was ich meine.« Ich verstehe nichts. Sie hebt die Hand und grüßt einen Jungen, dann hakt sie sich bei mir unter und zischt zweimal. »Und keiner kann denen was, weißt du, wir müssen uns selber helfen, niemand tut was! Früher war das nur in den roten Zonen, aber jetzt, jetzt ist die mara überall.« Sie wippt im Laufen, ich passe mich ihr an. »Homies sagen sie zu ihren Freunden«, sie spricht das H mit Nachdruck, sie ist stärker, als ich dachte, schiebt mich an den Straßenrand, ein Pick-up fährt so knapp an uns vorbei, dass ich husten muss vom aufgewirbelten Staub. Wir biegen links ab, ein kleiner Hügel, unten sehe ich schon, was sie meinen muss mit Markt. Eine Halle mit blauem Dach, links ist etwas wie ein Wettbüro oder eines der Lädchen, die hier tienda heißen, sie grüßt hinein, nur eine abgewetzte Stimme kommt zurück. Wir bleiben vor der Markthalle stehen, ein Junge hockt vor einem kleinen Plastiktisch, hält sich ein Tuch vor die Nase, in seinen Augen ist alles rot, was weiß sein sollte, sein Blick ist tot. In der Kiste vor ihm, auf einem kleinen Haufen Stroh, ein Hahn, er bewegt sich fast nicht mehr, sein Gefieder ist schütter, seine Geräusche klingen rostig. Die Ware passt zu ihrem Verkäufer. Ich schaue den Jungen ein bisschen zu lange an, Doña bemerkt es, sammelt sich, nimmt mich am Ellenbogen. »Lösemittel, mija, das ist billiger als Zigaretten, gibt’s an jeder tienda, traurig traurig.« Sie atmet einmal laut aus, damit ist ihre Trauer bekundet. Auf ihrer Stirn liegt neuer Schweiß, die Sonne prallt auf uns, ihre Hand in meiner Armbeuge wird schwitzig. »Wir müssen rein, mija, drinnen ist es kühler, und es stinkt nicht so.« Am Eingang zur Halle hockt noch ein Junge, jünger als ich, er hält seinen Kopf gelangweilt in den Händen, vor ihm steht eine Kühlbox, wie meine Lehrerinnen sie zu Picknicks mittrugen und von denen sie immer wollten, dass jemand sie ihnen abnimmt. Doña hält ihm zwei Scheine hin, aus der Halle kommen kühle Luft und künstliche Geräusche von Musik und anderen Dingen. Doña nimmt sich ein rotes Tütchen aus der Picknickbox, ich auch. »Hier«, Doña beißt mit den Zähnen die Folie vom Wassereis ab, »musst aufpassen, kannst du nicht bei jedem kaufen, manchmal ist das Wasser schmutzig, und dein Magen macht ein paar Tage alles, was du nicht willst.« Sie macht ein blubberndes Geräusch, ich lache, dann saugt sie an dem kleinen Loch, das sie aufgebissen hat, bis um ihre Lippen herum das Eis seine rote Farbe verliert, ich mache es ihr nach, die Folie schmeckt bitter, was dahinter kommt ist seifig und süß, es tut gut. Dann gehen wir in die Halle, schieben uns durch die Menschen, wie ein Vorhang stehen sie herum. Doña geht vor, sie schiebt sie zur Seite, aus dem Weg. Sie rufen ihre Waren in die Halle, die Preise, Grüße, die Schönheit oder die Summen, die Tagesangebote, es gibt Kurzwaren, Nadeln, Batterien, daneben der Mann mit den Hühnerteilen, die Beine hängen schlaff in die Halle hinein. »Lecker«, Doña fragt mich, was ich brauche, ich zucke mit den Schultern, am Boden sitzt ein Junge und verkauft Lichterketten, singende Weihnachtsmänner und blinkende Tannenbäume. »Mijo, wir kommen nächstes Jahr wieder.« Er nickt, Doña verdreht die Augen wegen der Unangemessenheit der Weihnachtsbeleuchtung, wie mein Vater, wenn er mit seinen letzten Sommershorts durch den Discounter ging und sich an der Kasse beschwerte, dass die Spekulatius so aufgestellt waren, dass er sie sehen musste, auf Augenhöhe, in den Zwischenregalen, eine Frechheit. Wir hatten Regeln. Nichts, dass nach Weihnachten roch, aussah oder schmeckte, durfte in unser Haus, geschweige denn in unseren Mund kommen vor dem ersten Advent. Nur in seinem letzten Jahr machte er eine Ausnahme.




