Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt

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Marie war nicht Maria, sie war keine Königin der Märtyrer so wie die Mutter Gottes. Aber Marie hatte noch einen zweiten Namen. Sie bat Mamatschi, lies mir von Agnes vor.
Großmutter trank ihren Kaffee, spuckte Satz aus, braune winzige Körnchen. Marie setzte sich auf ihren Schoß. Mamatschi roch aus ihrem schwarzen Knisterkleid nach Kaffee, süßem Schweiß und Schokolade.
Ein junges römisches Mädchen, Agnes, weigerte sich, vor des Kaisers Standbild und vor ihm selbst niederzuknien. Sie wurde in ein Verlies geworfen und zum Tod verurteilt. Mehrere reiche junge Männer wollten sie zur Frau nehmen, dann wäre sie aus dem Kerker herausgekommen und hätte in Freuden leben können. Aber Agnes hatte schon einen Bräutigam, den sie so liebte wie er sie, sein Name: Jesus. Daher wies Agnes die ganze Bagage der Freier ab. Die rissen ihr zornig die Kleider vom Leib und stellten sie draußen vor alle Leute, damit jeder sie verhöhnen konnte. Aber die Menschen wandten ihre Augen von dem reinen Mädchen ab. Das ergrimmte die Freier noch mehr. Sie schichteten einen großen Scheiterhaufen auf, um Agnes zu verbrennen. Die fürchtete sich, zitterte aber nicht, sondern betete für die Heiden, die ihr so großes Unrecht taten. Ein Schutzengel kam vom Himmel hernieder und hütete sie, so dass die Flammen ihr nichts taten. Als das der Richter sah, gab er dem Henker einen Wink, der zog das Schwert. Agnes beugte ihr Haupt auf den Richtblock. Noch im Sterben betete sie für ihre Mörder.
Ach ja, sagte Mamatschi, heilige Agnes, bitte für uns.
Das Bild im Buch zeigte ein Scheiterfeuer, lodernde rote und gelbe Flammen. Der Scharfrichter hielt sein silbernes Schwert, im Hintergrund stand ein Lamm, in den Wolken flogen Engel in weißen Hemdchen.
Mamatschi fingerte an ihrem braunen Samthalsband mit den fünf aufgestickten Perlen, versuchte noch einen Schluck von dem Kaffee, sie spuckte wieder Satz aus.
Lies auch den Rest vor, sagte Marie. Bitte.
Die bekehrten Römer erbauten über dem Grab der heiligen Agnes eine große Kirche. Lange Zeit wurden Lämmer geopfert, allerdings nicht geschlachtet, sie wurden geschoren. Aus der Wolle der Agnes-Lämmer webten fromme Nonnen weiße Bänder für die Gewänder der Erzbischöfe.
Ach ja, seufzte Mamatschi, so war es.
Auch Lieschen hatte weiße Wolle auf dem Kopf.
Marie ließ sich mit ihr auf dem Boden nieder. Die Puppe schlug Purzelbäume über Mamatschis Pantoffeln, vorwärts, rückwärts, dann kletterte sie an Mamatschis Beinen hoch, krallte sich an den labbrigen Strumpfhosen fest, rutschte ab, stieg wieder aufwärts, sie landete auf Mamatschis Schoß und wurde gewiegt.
Wieder stand Marie auf dem Sessel am Fenster.
Es ging nicht vorwärts mit dem Autozählen, es kam auch kein Bus.
Bauer Weiler trieb die Kühe in den Stall, zum Melken. Also schon Abend.
Dann kamen gleich mehrere Autos hintereinander den Hügel hinauf, Marie erkannte das von Herrn Frings und das von Herrn Zebner. Also Feierabend bei den Rasselsteinern.
Am Feierabend sitzen die Familien zusammen um den Abendbrottisch. Dann Spielen, Aufräumen und Waschen. Dann ins Bett und Beten. Dann kommt die Nacht.
Der Vater und die beiden großen Schwestern wurden von alten Römern in einem Kerker gefangen gehalten. Sie hatten auch Mutter und Katrin erwischt.
Marie wusste: Kinder, die alleine aus dem Haus laufen und auf der Straße schreien, werden verdroschen. Agnes war voll Furcht, zitterte aber nicht. Sie beugte ihr Haupt. Marie rutschte schnell vom Sessel runter, wollte schnell auf die Straße, schnell schreien. Mamatschi hielt sie am Kragen fest: Du musst dich nicht echauffieren! Immer Courage! Marie schrie, Mamatschi, bete!
Die Großmutter nahm das Kind auf ihren Schoß und betete. Mamatschi, bete lauter, schrie Marie.
Sie beteten gemeinsam, laut und lang, immer im Kreis. Mutter weckte sie auf.
Ort der großen Vorführung
Es war einmal ein Fürstensaal, ein hohes, kahles Haus. Dort wurden Feiern abgehalten.
Gott selbst war der König, die heilige einige Drei aus Vater, Sohn und heiligem Geist.
Er lebte dreifach, im Himmel, auf Erden und in den Herzen der Menschen, die ihm zu Ehren Kirchen bauten. Manche waren bis in jeden Winkel reich geschmückt mit Bildern, Skulpturen, Blumen, Teppichen, Vorhängen, andere sahen kahl aus. Die Eltern sagten, Gott braucht keinen Prunk. Sie fuhren sonntags mit den Kindern in eine neu gebaute Kirche am Stadtrand. Heilig-Kreuz, heller Beton.
Ein weiß verputzter, hoher, kahler Saal, von Leuchtstoffröhren erhellt. Die Gemeinde saß in einem großen Halbkreis auf Holzbänken vor dem erhöhten Altarraum. Es führten zwei mal drei Stufen hinauf. Dahinter ging es zwei mal drei Stufen abwärts, in einen kleinen Halbkreis, Betreten verboten. Dort lag das Herz der Finsternis.
Im Altarraum gab es den steinernen Opfertisch, er war gedeckt mit einem weißen Tuch. Darüber hing ein Kruzifix aus Holz. Im Altarraum standen auch ein Rednerpult, der Tabernakel mit dem Allerheiligsten und drei Schemel, ein kleiner, ein großer und wieder ein kleiner.
Die Wand im Rücken der Gemeinde war aus vielen einzelnen Bogenfenstern zusammengesetzt. Beton und Bleiglas. Diese Fensterwand ließ wenig Licht ein, außerdem stand die Empore mit der Orgel in ihrer Mitte.
Ein nüchternes, hohes, kahles und kaltes Haus, im Winter behielt man den Mantel an. Wenn man die Kirche betrat, ging man nicht mehr als Gruppe, sondern in einer Reihe.
Die Erwachsenen schienen betreten zu sein, das verstanden die Kinder nicht. Sie hörten und sahen, wie alles war, sie machten sich ihren Reim darauf.
Die Gemeinde schmückte sich am Sonntag für den Herrn, doch niemand sah so königlich aus wie die Männer im Altarraum. In der Woche lebten sie als schwarzgekleidete Witwer miteinander im Pfarrhaus, eine alte Frau besorgte ihren Haushalt. Sonntags trugen sie schwingende, lange Gewänder. Jeder hatte eine bunte Stola um den Hals, sie waren mit Gott verheiratet.
An diesem Ort wurden Sätze in einer ausgestorbenen Sprache zum Leben erweckt, sie wurden gesprochen oder gesungen. Man stand nach Regeln auf, man setzte sich oder kniete sich hin. Wer die Kommunion empfangen durfte, reihte sich in eine Schlange ein und ging nach vorne, bis vor die Altarstufen. Wer noch zu klein war, wartete. Es gab wenig zu sehen, denn die Menschen sollten sich auf Gottes Wort besinnen. Es war die Rede von Blut und Dank, von Hingabe und Gehorsam. Es wurde beschworen, gedroht. Auch das Wort Liebe fiel oft. Man durfte nicht am Daumen lutschen. Alle gelobten immer wieder, Gott zu lieben. Er war ein Lamm und allmächtig. Man musste ihn gleichzeitig lieben und fürchten. Man hörte zu, was über ihn gesagt wurde, man sprach im Chor mit anderen. Viele Wörter entglitten einem, selbst wenn sie auf deutsch gesprochen wurden. Die Wörter waren schwer von Bedeutung, so schwer, dass eins sich beim anderen anlehnen musste. So, aneinander gelehnt, aufeinander gestützt, ineinander gestürzt, flossen sie als ein Schwall dahin. NachlassVergebungundVerzeihungunsererSündenschenkeunsderallmächtigeGottderVaterderSohnund der heiligeGeistAmen.
Neben den regelmäßig wiederholten Wortschwällen gab es wechselnde Reden von den erhöhten Männern. Sie waren Priester, Gottes Stellvertreter.
Es war einmal ein Ort der großen Vorführung. In den Bankreihen saß die Gemeinde still und wartete, bis eine Glocke läutete. Die Orgel setzte im Hintergrund ein, sie brauste. Alle erhoben sich. Aus einer Seitentür traten die Priester und Messdiener ein, man nannte es: Sie halten Einzug. Sie stiegen die Stufen empor. Die Priester lasen aus der Bibel, lasen Geschichten, die auch die Kinder teilweise kannten, denn Mutter erzählte sie zu Hause oft. Marie verwechselte manchmal die Hauptpersonen und die Reihenfolge. Der Ackerbauer Kain ermordete den Viehhirten Abel, seinen eigenen Bruder, oder es war umgekehrt. Moses konnte machen, dass das Wasser aus den Felsen sprang. Elia und Elisa standen am Fluss und einer schlug mit dem Mantel aufs Wasser, da teilte es sich, sie kamen trocken ans andere Ufer. Die beiden wurden von feurigen Pferden getrennt. Marie wäre gern einem feurigen Pferd begegnet. Doch in der Halle hielt man sich still und senkte den Kopf. Später bezeichnete man sich und malte mit dem Daumen unsichtbare Kreuze, eins auf die Stirn, eins auf den Mund und eins aufs Herz. Man stand und sang. Man saß und hörte zu. Erst kam der Tod, danach das Leben. Denn die Menschen hatten allzumal gehasst, den Nächsten, den Bruder, den Herrn. Sie hatten ihr Lamm ans Kreuz geschlagen. Man sagte Amen und sang.
Ein Priester mit Glatze stand auf und hielt einen Vortrag. Er machte in der Ansprache aus allen Leuten eine einzige Familie, er nannte sie Brüder und Schwestern. Er stellte Fragen, die er selbst beantwortete. Man hörte zu. Man machte aus seinem Gesicht eine leere offene Fläche, in der sich nichts regte. Der Redner betrat diese Fläche mit seinen Worten, seiner Stimme. Er herrschte die Leute an, dann klagte er, dann säuselte er und lockte mit dem Zeigefinger. Er runzelte oft die Stirn, er lachte nie. Man konnte mitzählen, wie oft er zur Saaldecke aufsah und dabei eine Sprechpause machte. Alle Priester machten große Gesten. Ihr Gehen war Schreiten. Ihr Nicken war eine Verbeugung des ganzen Oberkörpers. Einer von ihnen schielte leicht, Marie verehrte ihn. Denn er war feurig wie das Pferd, und er meinte es gut. Er donnerte, schlug mit der Faust auf das Pult. Manchmal schüttelte er beide Fäuste gegen die Leute. Immer wieder breitete er die Arme weit aus, dann hob er sie über den Kopf.
Die Gemeinde saß still. Fast alle hatten die Hände gefaltet, so dass man sie leicht hätte fesseln können. Man sollte sich auf das Wort besinnen.
Das fiel einem beim Knien schwer. Es hing jeweils vom Redner ab, wie lang man knien musste. Der schielende Priester horchte jeder Bitte, jedem Geständnis und jedem Dank lange nach, dann fügte er noch eine Bitte, noch ein Geständnis und noch einen Dank hinzu. Er dachte nicht mehr an die Leute, er dachte an Gott, er war in seine Vorführung für ihn versunken.
Der Körper fühlte sich taub an, wenn man aufstehen durfte. Der Geist aber musste sich auf das Wort besinnen.
Ein seltsames Wort war das. Einerseits sprach man es selbst, in Wechselrede mit den erhöhten Priestern. Andererseits waren alle Worte vorgeschrieben von Gott, der abwesend war. Die Worte umkreisten den Abwesenden. Der Abwesende war die Worte. Es war nicht zu verstehen. Er war nicht da und war überall jederzeit. Er schwebte über den Wassern und war ein Geist. Zu Hause in der Badewanne durfte man ihn nicht herbeibeschwören. In der Kirche war er oft zu viel, auch wenn er fort war. Marie mochte auch nicht, dass fremde Leute zu Brüdern und Schwestern wurden. Und es gefiel ihr nicht, dass die Leute aus ihren Gesichtern leere offene Flächen machten, die von den Priestern betreten wurden. Es atmete sich nicht leicht in der Halle. Der Abwesende war beklemmend, man musste stillsitzen, man durfte nicht lachen. Der Herrgott war ein gewaltiges Lamm. Herr Gott war Vater, Sohn und Geist. Er konnte das Leben nehmen und schenken, wofür man dankte. Er gab den Atem und nahm ihn. Als Menschensohn war er Bruder und Freund. Marie hätte es gern verstanden. Sie sah die große Vorführung, sie jubilierte mit den anderen und allen Heerscharen im Himmel, sie verstand es nicht.
Der Abwesende aus der Halle war bei ihr im Bett, in jeder stillen Nacht, wenn alles schläft. Da war er ganz verwandelt. Er kannte kein Müssen. Er war das Wort und nahm Gestalt an.
Er wurde vom weißen Lamm zum feurigen Pferd. Er näherte sich ihr als Bruder und als Freund.
Er war ihre große Verführung. Sie hörte: Wie du willst, Marie.
Auf in Bewegung, ins Offene, los, alles los, in die Wildnis, ins Freie, ich bin es, auf dem feurigen Pferd der Ritt mit dem Daumen im Mund auf die wortlose Reise, langsame Steigerung, schneller und heißer und wilder werden, geschmiegt auf das Pferd, in einem einzigen Rhythmus sein, in einer Bewegung das Atmen, das Pferd und der Reiter, sie stürmen durchs Weite, sie bäumen sich auf, sie sinken zusammen, sie halten einander fest, ein klopfendes Herz ist zu hören, das Eine in Allem und Alles in Einem.
Auto, Krefeld, Ferien in Holland
Das Auto in der Garage war rund und blau, ein Wal oder eine Arche. Kinder durften nicht allein hinein, doch Jutta und Barbara hatten Mamatschi einmal reingelockt. Sie saß auf der Rückbank, Barbara war der kühne Vater am Steuer, Jutta als Mutter blätterte in Landkarten und gab die Richtung vor. Marie kam gern als Sohn dazu. Die Reisenden wurden erwischt, zur Strafe mussten die Kinder Eckestehen, und Mamatschi bekam das Abendessen in ihrem Zimmer.
Marie fand das Auto schön, solange es reglos stand, so stark und schwer und still. Durch das Garagenfenster redete sie ihm oft zu, um es zu zähmen. Der Vater hatte es Rosinante genannt, nach Don Quichottes Pferd.
Die großen Schwestern hatten Sommerferien. Vater saß an seiner Schreibmaschine und kam nicht weiter mit seinem Aufsatz. Werden und Wachsen einer Rheinstadt. Mutter fand, er hätte beim Rasselstein bleiben sollen. Das Werden und Wachsen der Rheinstadt kümmerte vor sich hin, denn Vater hatte eine Schreibkrise. Mutter fragte, bist du Goethe? Sie zeigte ihm das Haushaltsbuch. Sie sprach über die festen roten und die unsicheren schwarzen Zahlen. Sie sagte, Oma Hanna findet freie Journalisten, der Vater unterbrach sie, schrie, ich bin nicht stellungslos, ich arbeite! Er hackte auf der Maschine weiter. Mutter beruhigte ihn, die Kinder und sich selbst: Unsere schwarzen Zahlen reichen. Wir zahlen dem Rasselstein pünktlich die Miete. Wir ernähren uns, wir spenden für die Armen, wir tanken das Auto. Wir fahren sogar in die Ferien.
Mutters Schwester hatte reich geheiratet. Tante Rose, Onkel Dirk und zwei Söhne lebten in Krefeld in einem Haus mit Wendeltreppe und Swimmingpool. Morgens gingen die Erwachsenen von ihrem Schlafzimmer aus die Wendeltreppe runter, dann konnten sie gleich ins Wasser springen. Oder sich auf das Standrad setzen und trainieren. In ihrem Garten stand eine Hollywoodschaukel. Sie besaßen auch ein Haus mit See in Genepp, Holland, und wenn sie nicht selbst dort waren, durften andere dort ihre Ferien verbringen.
Marie dachte an süßen holländischen Hagelschlag. An die weite Fahrt und daran, wie das Auto stank, nach Würstchen und Benzin und Kotze.
Genepp, Vater sprach es aus, als hätte er etwas verschluckt, Chenepp. Die Kinder krächzten ihm nach, Chenepp.
Das Packen vor der Reise: Koffer, Rucksäcke, Schuhbeutel, Bettwäschesäcke. Medikamentenkasten, Waschzeug, Badesachen, Spielzeug, Bücher, Schreibmaschine, Lebensmittel.
Am Abend vor der Reise trugen sie alles zur Rosinante. Vater wuchtete die schweren Sachen in den Kofferraum und füllte Lücken mit weichen Säcken. Dann fielen ihm die sperrigen Kartons mit Weinflaschen und Eingemachtem ein. Mutters Wäschefalten war der blanke Unverstand gewesen. Bettlaken und Handtücher konnten als Schutz für die Flaschen und Gläser dienen. Er sagte, Ordnung ist nur das halbe Leben. Jedes System braucht Fantasie! Warum sind wohl die alten Römer am Ende untergegangen?
Die beiden stopften das Auto voll bis auf den letzten freien Fleck. Dann studierte Vater noch einmal die Landkarten. Mutter sorgte in der Küche für den Proviantkorb. Auf alle Reisebrote kam ein Salatblatt, damit die Schnitten sich hielten. Das gab es nur auf der großen Reise nach Genepp.
An einem frühen Morgen saßen die Kinder in sauberen Kleidern hinten im Auto, die großen Schwestern an den Fenstern, die beiden kleinen auf den mittleren, billigen Plätzen. Keiner von ihnen muckste. Sie hatten ihre Lieblingswesen mit dabei, den Hund Dröner, den Tiger Tüschen, die Puppe Lieschen, den Teddy Judith. Die Eltern ermahnten Mamatschi. Vater steckte den Schlüssel mit dem heiligen Christophorus ins Schloss, und als der Motor lief, zeichneten sich die Eltern gegenseitig ein Kreuz auf die Stirn. Auch jedes Kind bekam eins. Vater fuhr los. Die Kinder winkten der Großmutter und dem Haus, dann fingen sie zu singen an.
Später zählten sie Verkehrsschilder und spielten Stein schleift Schere. Sie winkten anderen Autofahrern. Sie stritten, weil es längst Zeit war, die Plätze zu wechseln. Am Fenster konnte man nach Luft schnappen. Wem schlecht wurde, der sollte sich beizeiten melden. Er bekam ein Apfelstück und musste an einem Erfrischungstuch riechen.
Es gab eine Pause und Brot mit Salatblatt. Danach fuhr Mutter, sie sollte in Übung bleiben. Sie saß fast auf dem Steuerrad. Du bist nicht dumm, aber du musst die Spur halten, rief der Vater.
Jutta und Barbara bugsierten ein paar Taschen auf die Rückablage, so gab es mehr Platz zum Kämpfen. Katrin wurde gefangengenommen und auf den Autoboden gedrückt. Bald saß auch Marie im Verließ. Am Boden roch es nach Gummimatte und Rumpeln. Die beiden Großen hielten die ganze Rücksitzbreite besetzt und wehrten die Kleinen ab, die wieder auf ihre Plätze wollten, raus aus dem Kerker. Vater sprach ein Donnerwort. Da setzen die Kinder sich schnell wieder ordentlich hin.
Sie fuhren, sie fuhren. Maries Mund schmeckte nach Spucke, Gummimatte, Würstchen, Benzin und Erfrischungstuch.
Sie wusste, wenn man alle Hoffnung aufgibt, ist die Rettung nahe. Daher gab sie alle Hoffnung auf, aber das half nicht. Vielmehr kam das Schlucken. Vielmehr kam der saure Brei. Marie schluckte und schluckte dagegen an, doch er stieg hoch. Der Schweiß war heiß und kalt. Sie schaffte es knapp mit dem Melden. Jutta schaffte es, ihr einen Lappen vor den Mund zu halten. Mutter schaffte es, das Auto anzuhalten. Marie hockte am Straßenrand und reiherte das Innere nach außen. Die Eltern lobten sie. Sie hatte aber einen Klecks auf das saubere Hemd gemacht. Barbara sagte, Stinkadores, und musste sich eine Kopfnuss geben. Vater übernahm das Steuer, er sagte Marie: Du hast den Fliegen und den Ameisen ein Festessen beschert. Sie dachte, dass die Tiere sich wohl freuten. Aber jetzt musste ihre Kotze ganz allein am Straßenrand auf die Vernichtung warten.
Mutter übte mit den Kindern den Kanon vom Kaffee. Sie fuhren, sie fuhren. Es war heiß und eng. Katrin und Marie waren benommen von dem vielen Auto. Sie streichelten zum Trost die Hinterköpfe der Eltern.
Vater hielt vor der hohen Hecke beim Grundstück der Tante Rose. Die Kinder stiegen aus und hüpften auf der Stelle, um wieder wirklich zu werden. Mutter zog ihre Kleider zurecht und fuhr mit einem Kamm durch die vier Kurzhaarschnitte. Ihr seid gesittete Christenmenschen, sagte sie, wenn ihr das bitte behalten wollt.
Als Gastgeschenk brachte sie eine Flasche Badeschaum und eine Flasche Wein für die Verwandten mit.
Der Swimmingpool war verboten, die Tante sagte, leider gerade frisch gechlort. Da stritten die vier Kinder mit den Cousins ums Standrad, denn sie waren der Besuch, die Jungen hatten es jeden Tag. Die Jungen waren größer und stärker, die Mädchen waren in der Mehrzahl. Schließlich sausten sie miteinander die Wendeltreppe vom Schwimmbad zum verbotenen Schlafzimmer rauf und runter und spielten, sie hätten Lianen, um sich daran abzuseilen. Danach trainierten sie mit Hanteln.
Die Eltern tranken Tee mit Onkel Dirk und Tante Rose. Für die Kinder gab es gekauften Saft, den sie zu Hause nicht bekamen. Der Schlüsselbund zum holländischen Haus lag auf dem Tisch. Mutter schrieb auf, was sie beim Herd und dem Boiler beachten musste. Onkel Dirk sagte: Ihr lasst mir keine fremden Leute rein, das Grundstück ist kein öffentlicher Spielplatz. Binnentreden onmogelijk! Geen fietsen plaatsen! Verboden te zwemmen! Versteht ihr das? So viel Holländisch solltet ihr können! Vater murmelte etwas in einer anderen Sprache. Onkel Dirk sagte, dein Römisch bringt dir keinen Blumentopf bei irgendeiner Firma. Mutter legte dem Vater unter dem Tisch ihre Hand aufs Knie. Die Töchter wussten, ihre Eltern mochten den Onkel nicht. Und Mutters Schwester war eine stolze Rose, sie hatte zwar Söhne, war aber etepetete. Das Schwimmbad hatte sie gechlort, damit kein fremdes Kind ins Wasser konnte. Es lag an ihrer Ehe mit dem Onkel, der in seinem Kopf nur schwarze Zahlen wälzte, weil er eine Firma hatte, die aus Samt und Seide war. Vater hatte oft genug gesagt: Es kann einer ein Hüne sein und reich an Geld und er bleibt trotzdem lebenslänglich dumm. Ein anderer ist etwas klein und krumm, doch reich an Bildung. Ihr müsst den Krefeldern nicht sagen, dass ihr den Unterschied kennt. Die Töchter nickten. Sie erklärten ihrem Vater nicht, was ein Schwimmbad bedeutet.
Onkel Dirk suchte in der Zeitung nach einem Artikel über seine Firma, er blätterte die Seiten nass an. Außen hui und innen pfui, doch als Besuchskind hielt man seinen Mund. Man trank Saft auf Vorrat. Man starrte die Cousins an, die trugen kurze Hosen mit Bügelfalte, weiße Hemden, Pullunder und peinliche Fliegen. Aber ihre Haare waren etwas länger als die eigenen und gut geschnitten, vom Friseur und nicht von einem Vater.
Die Mädchen liefen den Cousins nach, in den ersten Stock. Die Jungen hatten pro Person ein eigenes Zimmer. Sie sagten, Betreten verboten.
Der Vater rief, als er wieder am Steuer saß: Auf in die weite Welt! Ihr verlasst jetzt gleich den Mutterboden und das Vaterland! Mutter sagte: Erst kommt der Zoll. Wenn der Beamte auftaucht, will ich kein Wort von hinten hören! Sie hielt die Papiere bereit. Das Auto reihte sich in eine Schlange ein und rückte langsam vor, wie die Erwachsenen am Sonntag in der Kirche, wenn sie für die Kommunion anstanden. Ein Auto musste auf den Seitenstreifen fahren, den Kofferraum öffnen. Die Eltern hatten Angst, also die Kinder auch. Ein Mann in Uniform sagte, Kontrolle, und Vater gab ihm die Dokumente. Er hatte nichts zu verzollen. Er wurde durchgewinkt, ein Schlagbaum ging hoch. Er fuhr im Schritttempo zum nächsten Kontrolleur, der trug eine andere Uniform. Noch ein Schlagbaum.
Sind wir jetzt in Holland? Ich hab es euch im letzten Sommer erklärt, sagte Vater. Seid ihr dumm geblieben? Seht euch die Häuser an! Was ist hier anders als bei uns? Barbara rief, die Gardinen fehlen! Der Vater sagte, richtig. Ein frommer Holländer hat nichts, was er verbergen müsste. Alle dürfen sehen, wie es bei ihm zugeht, sauber, ordentlich, gesittet. Barbara nickte, deshalb haben auch die holländischen Zollbeamten keinen Hintern. Vater starrte sie an und fragte, wer hat sonst noch keinen? Polizisten!, sagte Barbara. Unsinn, sagte Mutter, sogar der Papst hat einen.
Sie erreichten Genepp, fuhren auf einer kleinen Straße weiter. Das Haus der Verwandten stand außerhalb des Orts an einem See. Am Ufer lagen Roller, Räder. Am Ufer spielten Kinder, andere waren im See, sie hatten Wasserbälle und ein Gummikrokodil. Der Vater parkte vor der Haustür. Alle Sachen mussten ausgeladen werden, das war Frauensache. Vater ging zum See, er rief den fremden Kindern zu, geen Fietsen plaatsen. Verboden te zwemmen!
Papa redet holländisch, rief Katrin, was sagt er?
Aber die Kinder schwimmen doch, sagte Jutta.
Wir könnten uns das Krokodil ausleihen, sagte Barbara. Für Katrin, nicht für mich.
Ihr haltet euch raus, sagte Mutter. Meint ihr, eurem Vater macht es Freude, so zu tun, als wär er Onkel Dirk?
Ich möchte mit dem Roller fahren, sagte Katrin. Nein, ich, sagte Marie, du bist zu klein. Gar nicht, Katrin wollte losrennen, doch Mutter packte sie.
Koffer wurden ausgeräumt, die Betten mussten bezogen werden. Die Schwestern wollten schnell zum See und suchten ihren Wasserball.
Vater pfiff sie raus, gab ihnen einen Eimer. Er zeigte in die Runde übers ganze Grundstück. Ihr sammelt sämtliche Papierchen auf, sagte er, und allen anderen Abfall. Bedankt euch bei den fremden Kindern.
Die fremden Kinder waren weg.
Sie zockelten miteinander los. Sandboden, harte Grasbüschel und Kiefern. Überall Dreck.
Katrin flüsterte, ich will keine Papierchen sammeln.
Der See lag glatt und groß. Auf den kleinen Uferwellen schaukelten zwei Apfelkitschen. Ich hol sie raus, erklärte Barbara. Marie sagte, ich helfe dir. Jutta rief, die Eltern haben gesagt, wir dürfen nicht ohne Aufsicht ins Wasser!
Barbara und Marie starrten sie an und wünschten sie fort. Jutta starrte zurück, auch sie wünschte sich fort.
Die Eltern tauchten auf. Der schönste Sommertag, und dann vier Trotzgesichter, sagte Mutter. Vater sagte: Ihr Ärmsten habt nun wirklich eine unglückliche Kindheit.



