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Plötzlich holte ihn ein Geräusch, als ob ein nasser Lederriemen durch die Luft peitschte, ins Wohnzimmer zurück, und Jean-Paul Paul Jean-Pierre stellte fest, dass er nicht der Einzige war, der Kinder hatte. O nein! Nein, nein, nein, nein! Das schwarze Loch, oder vielmehr – das war jetzt sonnenklar – die schwarze Löchin hatte gerade geworfen. Einen Wurf unzähliger kleiner schwarzer Löcher, die hie und da durch seine Wohnung schwebten, lauter Probleme, um die er sich kümmern musste. Und all diese Probleme wimmelten und wirbelten durch die Gegend, huschten in alle Zimmer seiner Wohnung und machten es sich kurzerhand auf der Kühlschranktür, in der Kloschüssel und an den Glaswänden der Dusche gemütlich …
O nein! Nicht auf der Computertastatur! Falls das schwarze Loch jetzt auf einer Website mit vollbusigen Japanerinnen herumstöberte, würde Julie-Frédérique es sofort mitkriegen und das Passwort ändern, und dann hätte er wieder monatelang keinen Zugang zum Internet.
Nein, nein, nein, nein!
Jean-Paul Paul Jean-Pierre warf sich vor den Computer, versperrte dem kleinen schwarzen Loch den Weg, und es stoppte ein paar Zentimeter vor seinem Gesicht.
»Finger weg vom PC!«, schrie Jean-Paul Paul Jean-Pierre und baute sich vor dem schwarzen Loch auf wie Julie-Frédérique vor ihm, wenn sie ihm eine Standpauke hielt.
»Kschsch!«
Aber das kleine schwarze Loch war fieser, als er gedacht hatte; so fies, seine Wampe aufzublähen und eine Vielzahl kleiner Nadeln auszufahren, ebenso schwarz wie seine Außenhaut, die Außenhaut eines dicken kleinen schwarzen Lochs.
Jean-Paul Paul Jean-Pierre hatte eigentlich nicht so schnell die Hosen voll, aber jetzt spürte er plötzlich, wie ihm ein Luftzug zwischen die Beine fuhr und den Rücken hochkroch.
Der kleine nachtschwarze Seeigel stieß einen schrillen Schrei aus und beschoss ihn mit Pfeilen.
Jean-Paul Paul Jean-Pierre wich im letzten Moment aus, einmal, zweimal, dann hechtete er unter den Küchentisch, um kurz zu verschnaufen. Und erblickte ein weiteres schwarzes Loch – größer als der kleine Seeigel, aber nicht so dick wie die Mutter –, das gerade die Tür zum Schlafzimmer eindrückte.
»Nein!«
Jean-Paul Paul Jean-Pierre nahm seinen ganzen Mut zusammen und verließ sein Versteck. Sogleich ging ein Hagel aus Tellern auf ihn nieder. Einige kleine schwarze Löcher hatten beschlossen, in den Schränken aufzuräumen und alles zu zerschlagen. Jean-Paul Paul Jean-Pierre rannte ins Schlafzimmer und fand dort das mittelgroße schwarze Loch in sein Bett gekuschelt vor, natürlich auf Julie-Frédériques Seite. Erneut peitschte ein Geräusch durch die Luft wie von einem nassen Lederriemen, und Jean-Paul Paul Jean-Pierre sah voller Entsetzen, dass das mittelgroße schwarze Loch seinerseits einen neuen Wurf zur Welt brachte. Jetzt waren sie schon zu Hunderten, ja, Tausenden, schwirrten um ihn herum und stürzten sein Leben ins Chaos.
O nein! Nein, nein und doppelt nein!
Was würde Julie-Frédérique nur sagen? Um so viele Probleme könnte er sich niemals kümmern.
In Panik hielt sich Jean-Paul Paul Jean-Pierre schützend eine Hand vors Gesicht und drosch die Haustür ein.
Er rannte, so schnell er konnte, einen Schwarm kleiner schwarzer Löcher auf den Fersen, und flüchtete sich in die Werkstatt. So, hier war er in Sicherheit. Geschützt vor den schwarzen Löchern mit ihren Pfeilen.
Jean-Paul Paul Jean-Pierre lehnte sich an die Tür und schloss die Augen, um eine Verschnaufpause zu machen, aber dann fiel ihm ein, dass es mit geschlossenen Augen gar nicht so leicht war, überhaupt etwas zu machen, da ging nicht mal eine Verschnaufpause. Also schlug er die Augen wieder auf, stellte fest, dass er nicht viel mehr sah als vorher, und tastete sich bis zur Werkbank vor, die er seit ewig und drei Tagen nicht angerührt hatte. Natürlich wusste er nicht, wie man die Länge von »ewig« maß und was es mit den drei Tagen Nachschlag auf sich hatte – das musste mit der merkwürdigen Zeitrechnung seiner weißen Nachbarn zusammenhängen –, aber eins wusste er aus tiefstem Herzen, nämlich dass er sich hier, an seiner Werkbank, die ihm von allen Bänken die liebste war, sehr wohl fühlte. Er verbrachte eine ganze Weile damit, im Halbdunkel die hie und da herumliegenden Werkzeuge zur Herstellung von Schneeschuhen zu betrachten, die Kanthölzer aus Esche, die Holzformen zum Flechten der Lederriemen für die Bespannung, die Querhölzer, die nach Größe sortiert auf den Regalen lagen.
Die ganze Werkstatt war von einer dicken Staubschicht bedeckt. Wie lange war er schon nicht mehr hier gewesen? Eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr? Am meisten liebte Jean-Paul Paul Jean-Pierre seine Kinder, seine Verwandten und seine Freunde, aber gleich danach kam in seinem kleinen, messerscharf umrissenen Kosmos die Arbeit mit den Händen. Er liebte es, hier in seiner Werkstatt die gleichen jahrtausendealten Bewegungen auszuführen wie seine Ahnen.
Aber Jean-Paul Paul Jean-Pierre übte sein Handwerk nicht mehr aus. Wie war es nur so weit gekommen? Es fehlte ihm doch an nichts. Weder an Zeit noch an Talent. Außerdem brauchte er Geld, um es in der Stadt nebenan ausgeben zu können. Warum also hatte er seine Berufung fahren lassen?
Jean-Paul Paul Jean-Pierre erinnerte sich, dass sich das Handwerkerleben nicht besonders gut mit dem Beziehungsleben vereinbaren ließ. Dass der Staub der Lunge schadete, dass sich das Handwerk nicht lohnte, dass er sich doch besser einen richtigen Beruf suchen sollte. Er wusste noch genau, wie sehr er immer nach den gegerbten Riemen gestunken hatte und dass Julie-Frédérique deshalb der Appetit vergangen war – auf Essen und erst recht auf Sex. In diesem Moment fiel Jean-Paul Paul Jean-Pierre wieder ein, dass er schlicht kapituliert hatte, weil etwas aufzugeben leichter war, als sich um die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu kümmern.
Eine Welle der Übelkeit stieg in Jean-Paul Paul Jean-Pierre auf.
Er versuchte, tief durchzuatmen, aber der Staub reizte ihn in der Kehle, und er musste heftig husten. Er stand auf, ging zu dem Regal mit den Querhölzern, schob den Arm in sein Versteck und zog ein Bier heraus. Er rieb den staubigen Flaschenhals an seinem Pulloverärmel sauber und schlug den Kronkorken mit einem Hieb gegen die Werkbankplatte ab.
Jean-Paul Paul Jean-Pierre nahm einen tiefen Schluck, dann einen zweiten, einen dritten.
Billiges Bier alterte nicht wie guter Wein, eindeutig. Jean-Paul Paul Jean-Pierre knallte die leere Flasche an die Wand. Er streckte den Arm noch einmal aus, griff sich eine zweite Flasche, säuberte den Flaschenhals, schlug den Kronkorken gegen die Platte und vernichtete den Inhalt. Nachdem er das Ritual mehrmals wiederholt hatte, fiel Jean-Paul Paul Jean-Pierre plötzlich ein, dass er schon seit Jahren nicht mehr trank, was auch gut so war. Schwankend setzte er sich und überlegte, was er hier eigentlich machte, allein und untätig im Dunkeln. Ohne weiter nachzudenken, schaltete er das Licht an, nahm eine Holzform zum Flechten, holte ein paar eingeweichte Riemen aus einem Fass, griff sich einige Kanthölzer aus Esche und legte los.
Seine neun Finger erwachten wie von selbst zum Leben, ihr Muskelgedächtnis übernahm den größten Teil der Arbeit. Die Stunden vergingen, und nachdem er die Bespannung für mehrere Paar Schneeschuhe geflochten hatte, stellte Jean-Paul Paul Jean-Pierre fest: Er war glücklich.
Es war Nacht geworden, als Julie-Frédérique in flammendem Zorn hereingerauscht kam:
»Was machst du hier, du Idiot? Die Wohnung ist von einer Meute schwarzer Löcher befallen, und du verplemperst deine Zeit mit Kinderkram?«
»Das mit den schwarzen Löchern weiß ich«, antwortete Jean-Paul Paul Jean-Pierre. »Regle du das, ist doch deine Spezialität. Ich kümmere mich nicht gern um solche Sachen.«
Julie-Frédérique knallte die Tür hinter sich zu.
In den frühen Morgenstunden, als Jean-Paul Paul Jean-Pierre erschöpft in seine Wohnung zurückkehrte, bemerkte er, dass die schwarzen Löcher verschwunden waren. Zudem bemerkte Jean-Paul Paul Jean-Pierre, dass auch Julie-Frédériques Computer, Julie-Frédériques Wäsche samt Unterwäsche sowie Julie-Frédériques Bücher verschwunden waren.
Jean-Paul Paul Jean-Pierre legte sich auf sein leeres Sofa, das er nun wieder ganz für sich hatte, blätterte in dem bunten Telefonbuch, schlief darüber ein. Und bunt waren auch seine Träume.
Der alte Roméo Cœur-Brisé hatte eine Schwäche für den Wald rings um Kitchike, vor allem im Frühling. Auf den Pfaden, die in allen Richtungen unter den Tannen und Fichten, Birken und Ahornen hindurchführten, wähnte er sich fast wie in seiner Jugend in den Wäldern seines Vaters, tief in der Wildnis, auf dem Land seiner Vorfahren. Jeder Schritt machte ein leises schmatzendes Geräusch. Der weiche Boden duftete scharf nach Tannennadeln. Hier und dort lag noch Raureif auf den Bäumen. Eine frische Brise fügte sich mit der Wärme der schräg stehenden Nachmittagssonne zu einem harmonischen Ganzen. Die Luft war lau. Das Knacken der Zweige, der erdige Geruch, der Wind auf seinem Gesicht, der Gesang der Blauhäher, Rotkardinäle und Meisen, all dies war das wahre Leben. Natürlich war es nur eine Illusion: Das Reservat und vor allem die Stadt waren nur wenige Kilometer entfernt. Doch seine alten Knochen erlaubten ihm keine nomadischen Streifzüge durch die Wildnis mehr, und so begnügte sich Roméo Cœur-Brisé mit diesem Waldstück. Er genoss jeden Laut, jeden Duft, jeden Baum, jeden Stein. All das war ein Geschenk, Balsam für seine wunde Seele. An diesem Tag hätte ihm nichts anderes Frieden bringen können.
Der alte Roméo ließ sich auf einem Baumstumpf nieder, um den Bach und sein Glitzern in der Frühlingssonne zu betrachten. Hier draußen herrschte Ruhe. Nach sechsundsiebzig Lebensjahren konnte Roméo bezeugen, dass es auch andere Zeiten gegeben hatte. In seiner wilden Jugend war Kitchike eine Ansammlung von Hütten gewesen – ein Lagerplatz, nicht viel mehr. Doch dann hatten sich die Häuser fast genauso schnell vermehrt wie die Menschen und die Hunde. Unbefestigte Wege wichen Asphaltstraßen. Die Trampelpfade zwischen den Häusern endeten immer häufiger an Holzzäunen. Roméo konnte nicht begreifen, warum seine Leute das ihnen zugewiesene Gebiet wie Katasterbeamte vermaßen, warum sich ihre Herzen mit wenigen Quadratmetern begnügten. Jahr um Jahr breitete sich das Dorf aus und verschlang den Wald, den früheren Lebensraum der Seinen. Seltsamerweise zeigten die Menschen, je weiter sich die Siedlung in die Natur hineinfraß, immer weniger Interesse für den Wald. Die Jugend, hypnotisiert von den Lichtern der Stadt, kehrte der Natur mehr und mehr den Rücken. Das betrübte den Alten, aber er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er sich dadurch umso besser in ihrer freundlichen Ruhe erholen konnte. Heute hätte er auch keine neugierigen Blicke ertragen.
Ach, Diane …
Der alte Mann stieß einen Seufzer aus, der als kleine Wolke aufstieg. Das reichte, um ihn zu bezaubern. Er strahlte über das ganze faltige Gesicht.
Singen. Es ist Zeit zu singen.
Der alte Mann setzte seinen sandfarbenen Rucksack ab und entknotete die Riemen. Die kleine Handtrommel, die er herausnahm, war wie neu. Eine unverbrauchte Trommel für seine verbrauchten Hände. Er ließ sich Zeit, betrachtete, berührte, beschnupperte sie. Er rieb in kleinen konzentrischen Kreisen mit der Handfläche darüber, als wollte er sie zutraulich machen. Diese Trommel hatte Romeo Cœur-Brisé noch nie benutzt. Ein Großneffe hatte sie ihm vor einigen Jahren geschenkt, ein talentierter Musiker, der das Nomadentum der Familie Cœur-Brisé im Blut hatte. Sonst zog Roméo alte Dinge vor, sichere Werte, erprobt durch Erfahrung und Verschleiß. Doch als er heute Morgen aufgebrochen war, hatte ihn diese Trommel gerufen, und da sein Instinkt ihn selten trog, hatte der Alte beschlossen, ihr eine Chance zu geben. Er griff in den kleinen Beutel, den er um den Hals trug, und holte eine Prise Tabak heraus. Dann legte er die Opfergabe auf die Trommel und sprach leise das passende Gebet. Schließlich nahm er den Schlegel in seine schwielige Hand, schlug einen langsamen Rhythmus und brachte die gespannte Haut zum Singen.
Das war dein Lied, Diane, als du klein warst.
Du erinnerst dich doch, nicht wahr?
Roméo begann zu singen. Er sang, und jede Note, jede Silbe, jedes Wort stieg von seinen Lippen empor und verschmolz mit dem Gesang der Schöpfung, so wie der Tabakrauch, der die Gebete trägt, emporsteigt. Roméo hatte den Gesang angestimmt, mit dem er seine kleine Schwester in ihren Kindertagen oft getröstet hatte. Roméo sang, und im makellosen Blau des Himmels ertönte ein lautes Grollen, ein Donnergrollen, das nach einem heftigen Gewitter klang. Das Unterholz wurde lebendig. Hasen, Rebhühner und Eichhörnchen bekamen Angst. Obwohl kein Lüftchen ging, raschelte das Gebüsch.
Roméo schwieg. Er legte die Trommel beiseite und hob den Kopf.
Nichts.
Nicht eine einzige Wolke verdunkelte den Himmel. Nichts kündete von Regen, Wind oder Sturm. Ganz im Gegenteil. Selbst die murmelnde Brise war verstummt.
Ach, Diane! Weißt du noch?
Roméo schloss die Augen, um besser zu sehen.
Am Himmel tat sich ein klaffendes Loch auf, zerriss das Firmament. In der Ferne leuchtete plötzlich ein Feuerpunkt, wurde größer und verschwand wie eine Sternschnuppe am Horizont zwischen den Bäumen.
Diane, das ist wunderschön! Wie gern würde ich dich jetzt in den Armen halten.
Allmählich kehrte die Brise zurück und umspielte den Nacken des alten Roméo Cœur-Brisé. Neugierig verzog er das Gesicht und schlug die Augen auf.
Glaubst du, ich werde es finden?
Vor ihm, am Ufer des Bachs, stand ein Mann. Ein alter Freund, so alt wie er selbst. Erfahrung und Verschleiß hatten sie voneinander entfernt. Das Kreuz und der Kreis passten ohnehin nur selten gut zusammen, das konnten sie beide bezeugen, aber tatsächlich auseinandergebracht hatte sie das Herz einer Frau. Trotzdem stand der Mann jetzt da, an diesem Ort, so wie Roméo es im Traum gesehen hatte. Er stand da, an diesem Ort, und war immer noch derselbe. Er hatte Soutane und römischen Kragen gegen Holzfällerjacke und Baseballkappe getauscht. Unter dem Gewicht der Jahre war sein Rücken krumm geworden, und in sein vor Bitterkeit lang gewordenes Gesicht hatten sich tiefe Furchen gegraben. Doch es war unverkennbar Albin Pinault, der frühere Missionar von Kitchike.
Roméo schob die Trommel in den Rucksack und fragte, ungewollt taktlos: »Und, wie war die Gedenkmesse?«
Der Priester antwortete nicht gleich. Er ließ den Blick schweifen, entdeckte einen vorstehenden Felsen und setzte sich in aller Ruhe hin. Dann sah er zum Bach und murmelte mit schmerzerstickter Stimme: »Das weiß ich nicht. Ich hatte nicht die Kraft hinzugehen.«
Offensichtlich hielt er die Tränen ebenso zurück wie seine Worte.
Roméo hakte nicht nach. Schweigen ist Gold, das galt ebenso für den Mann des Kreises wie für den Mann des Kreuzes. Ein sicherer Wert, erprobt durch Erfahrung und Verschleiß. Und so begnügten die beiden sich damit, denselben Bach mit seiner brüchigen Eisschicht zu fixieren, sich einer neben dem anderen am Wiedererwachen der Natur zu erfreuen. Sie saßen lange da, an diesem Ort, bis der Moment Wurzeln schlug.
Wie viel Zeit war seit ihrem letzten Gespräch vergangen? Wie alt war Roméo gewesen, als er das letzte Mal mit Pinault gesprochen hatte? Sechzig, zweiundsechzig? Roméo konnte es nicht leiden, die Jahre auf diese Weise zu zählen. Das war ihm zu geradlinig, zu gregorianisch. Der Mensch entwickelte sich doch in seinem eigenen Rhythmus, aus eigenem Antrieb und durch die Erfahrungen, die er machte. Was sollte so ein starres Maß bringen? Er hatte diesen aus Europa eingeführten Brauch nie verstanden. Er fand ihn falsch, unwichtig und tückisch. Roméo war immer überzeugt gewesen, dass die Anzahl der Jahre, die ein Mensch noch zu leben hatte, viel bedeutsamer war, als wie viele schon hinter ihm lagen. In einer Sanduhr verrinnt die Zeit doch auch, und kein Mensch käme auf die Idee zu sagen, sie häufe sich an. Da aber niemand wusste, wie lang sein Weg auf Erden war, zog Roméo es vor, Geburtstage und Kerzen zu ignorieren. Er war ein Kind gewesen, dann ein Mann, und jetzt war er alt, einfach nur alt. Betagt und furchtbar einsam mit seinen Grübeleien, seinen Erinnerungen und seinem Bedauern.
Ohne den Blick vom fließenden Wasser abzuwenden, musterte er Albin aus den Augenwinkeln.
Die Gegenwart, alter Spinner. Jetzt zählt nur noch die Gegenwart.
Aber welche Worte würden sich auf eine Lichtung wagen, die nur das Schweigen kannte? Zärtliche, brüderliche Worte? Oder kriegerische, verletzende?
Da er nicht wusste, welches Gefühl aus seinem Mund dringen würde, beschloss Roméo, weiter zu schweigen. Er machte sich frei, indem er seine Ängste eine nach der anderen als kleine Dunstwölkchen ausstieß und die Lungen bei jedem Atemzug mit der frischen Frühlingsluft füllte.
Langsam verschwand die Sonne hinter den Baumwipfeln und warf dunkle Schattennetze über die Männer. Die beiden Freunde trugen bereits genug Finsternis in sich und wollten sich nicht ein weiteres Mal darin verlieren. Im sanften Licht der untergehenden Sonne löste sich die Zunge des Priesters:
»Wenn nur … Wenn nur die Untersuchung nicht verhindert worden wäre. Wenn wir Gerechtigkeit bekommen hätten, glaubst du, dann würden wir heute, fünf Jahre später, auch hier sitzen?«
»Ach komm, Albin! Du hast die letzten fünfzig Jahre bei uns gelebt. Du bist praktisch einer von uns. Du müsstest wissen, dass Gerechtigkeit in Kitchike ein ferner Traum ist, eine zu schwere Last. Gerechtigkeit, nein, das wäre zu viel verlangt.«
»Und was ist mit der Wahrheit?«, murmelte Pinault mit tränenerstickter Stimme. »Wenigstens die Wahrheit. Für Diane. Haben wir nicht lang genug unter dieser Farce gelitten?«
»Die Wahrheit, ja, das wäre schön«, pflichtete ihm Cœur-Brisé bei. »Aber ebenso wie die Gerechtigkeit ist auch sie in Kitchike nur schwer zu finden.«
»Dann bleibt uns nur das Gebet? Das Gebet und der Glaube?«
Roméo musste sich zügeln.
Er hätte am liebsten gesagt, dass der Glaube etwas für die Christen sei, dass er ihn nicht brauche, weil er das Leben hatte, den Traum, den Kreis. Doch für Pinault war die Trauer schwer genug. Außerdem wurde es allmählich dunkel. Zeit zu gehen. Er stand auf.
»Komm mit. Ich will dir was zeigen.«
Roméo verschwand zwischen den Bäumen. Verwundert, aber neugierig stand der Priester auf und folgte ihm. Die beiden Männer verschmolzen mit der einbrechenden Nacht. Cœur-Brisé lief voraus, so schnell ihn seine alten Beine trugen, Albin dicht hinter ihm, auch wenn er kaum Schritt halten konnte. Ab und zu blieb Roméo stehen, sog die Luft ein und lauschte den Geräuschen der Nacht, dann konnte der Priester einen Moment verschnaufen. Albin hatte keine Ahnung, wohin sie liefen und warum sein alter Freund ihn tief in den Wald führte, tief in die Finsternis. Doch trotz ihres jahrelangen Schweigens, trotz der Kluft, die zwischen ihnen entstanden war, vertraute er Roméo. Die Jahre hatten sich angehäuft und lasteten jedes Mal, wenn sich der Unfall jährte, schwerer auf ihm. Wenn er nun die Trauer mit dem alten Cœur-Brisé teilte – würde das seinen Schmerz lindern? Oder die Wunde wieder aufreißen? Konnte diese beschädigte Freundschaft gekittet werden? Hätte Diane das gewollt? Ganz gleich, wie die Antworten auf diese Fragen lauteten, er hatte seinen Glauben, und nur der hielt ihn am Leben. Also lief er weiter. Er hastete hinter seinem Freund durch den Wald, obwohl er ihn nicht einholen konnte.
Roméo schien nichts von seiner Kraft eingebüßt zu haben. Er lief und lief und wurde nicht müde. Kurz glaubte Albin ihn in der Finsternis des Waldes verloren zu haben. Doch gleich darauf blieb der Medizinmann auf der Kuppe eines Hügels stehen, ein ganzes Stück voraus, an einer Stelle, wo der Mond funkelte wie tausend Lichter.
Nein, nicht der Mond. Etwas anderes. Ein anderer Himmelskörper. Ein warmes Licht strahlte vom Hügel herab, fiel zwischen die Bäume, warf Schatten in alle Richtungen. Albin ging keuchend in die Hocke und starrte, er konnte nicht anders, direkt in das Licht: voller Leben und so sanft. Der Stern durchdrang den Priester mit seinem Leuchten und erfüllte ihn bis ins Innerste mit tiefem Frieden. Albin richtete sich auf und schritt feierlich, fast schon schwebend voran, ganz so, als hätte dieses göttliche Licht ihn von seinen schmerzenden Knochen erlöst. Als er nach einer Weile endlich beim Medizinmann ankam, sank er auf die Knie, faltete die Hände vor der Brust und begann zu beten.
»Ist das nicht wundervoll!«, sagte Roméo mit einem seligen Lächeln.
»Aber … Was ist das? Ein Engel?«
»Es kommt aus der Himmelswelt. Vorhin ist es zwischen die Bäume gefallen.«
Der alte Priester starrte auf das Licht, als hoffte er, es käme von ihr.
»Diane …«
»Ich glaube nicht, dass sie es ist, aber es ist sicher eine Botschaft«, sagte Roméo mit einem Lächeln.
Schritt für Schritt näherte sich der Medizinmann der Lichtquelle, die vor ihm in der Luft schwebte. Albin beobachtete ihn, zögerte kurz und beschloss dann, aufzustehen und ihm zu folgen, nah, ganz nah heran. Das Licht war stark, blendete ihn aber nicht. Albin spürte, wie eine sanfte Wärme ihn umhüllte, ihn wiegte wie eine Mutter ihren Säugling.
Das war … eine richtige kleine Sonne.
»Woher wusstest du davon?«, fragte Albin.
»Ich habe es geträumt. Du nicht?«
Kurz flackerte Spott in den Augen des alten Schamanen auf, aber sein Lächeln blieb schelmisch.
»Du weißt doch, dass mir diese Welt fremd ist, Méo. Was ist das?«
»Die Hoffnung. Gerechtigkeit oder Wahrheit mögen uns verwehrt bleiben, aber wir haben immer noch die Hoffnung.«
»Schickt sie uns eine Botschaft?«
Cœur-Brisé nickte.
»Ein Geschenk. Einen gemeinsamen Moment, nur für uns.«
»Was sie zu Lebzeiten nicht geschafft hat«, murmelte Albin.
Roméo streckte die Hand aus und schloss sie vorsichtig, einen Finger nach dem anderen, um die kleine Lichtquelle, die auf der Stelle erlosch. In seiner Handfläche blieb ein schwaches Glimmen zurück, eine schimmernde Perle, die an einer Kette aus geflochtenem Süßgras hing. Ein Amulett. Der alte Roméo drehte sich um, stapfte auf den Priester zu, breitete die Hände aus und umarmte ihn innig. Die beiden Alten standen da, an diesem Ort, allein im Wald, und weinten gemeinsam im leisen Mondlicht. Für den Priester mochte es sich um einen Engel oder ein Zeichen Gottes handeln. Für Roméo Cœur-Brisé war es ein Licht. So wie seine kleine Schwester Diane, ein Licht in der Tiefe der Nacht.
Das reichte ihm.
Jakob Paul betrachtete schon seit einer Viertelstunde die Porträts in der Eingangshalle des Reservatsrats, die ausnahmslos Chef Saint-Ours zeigten, als die Muse all dieser künstlerischen Ambitionen den vorigen Besucher endlich aus dem Büro entließ. Kaum erblickte der Chef Jakob, fraß sich ein Grinsen auf seinen Zügen fest. Mit einer brüsken Bewegung der linken Pranke lud er ihn in seine Höhle ein.
»Also, mein Swimmingpool, Erstbefüllung und Wartung – Interesse, das wieder zu machen?«, fragte der Chef.
»Klar«, antwortete Jakob. »Selber Tarif wie letztes Jahr?«
Der Chef zögerte, verzog kurz das Gesicht, nickte dann.
»Ich sag dir aber gleich: Dieses Jahr wartest du nicht bis zum Nationalfeiertag, um das Ding zu befüllen. Am 21. Juni kommen wichtige Gäste. Also mach mir nicht den Tooktoo, haben wir uns verstanden?«
Jakob wusste zwar, dass der derzeitige Chef die Familie Tooktoo abgrundtief hasste, aber den Spruch hörte er zum ersten Mal. Er fand ihn genauso unsinnig wie die internen Grabenkämpfe, die seit grauer Vorzeit in Kitchike ausgefochten wurden. Jakob mochte die politische Schlagseite nicht, die das Gespräch bekam, deshalb wollte er aufstehen und gehen, bevor der Chef seine übliche Litanei anstimmte. Doch leider hatte sich seine Zunge bereits ungefragt in Gang gesetzt:
»Ach komm! Nur nicht alle in einen Topf werfen, Chef. Die kleine Sophie von der Tanke ist gar nicht so übel …«
Der Chef legte Jakob eine große Pranke auf die Schulter und drückte ihn tiefer auf seinen Stuhl. Dann wurden die Augen von Saint-Ours zu Abgründen, und sein Maul klaffte weit auf:




