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Hinsichtlich der anti-naturalistischen Variante des Historizismus diagnostiziert Popper, dass sie zu holistischen Sozialexperimenten neige, bei denen das gesellschaftliche Ganze aufs Spiel gesetzt wird, und dass sie mithin die Bedeutung kontrollierter Experimente in der Physik verkenne. In Anlehnung an solche kontrollierten Experimente formuliert Popper den Gegenentwurf einer „Stückwerks-Sozialtechnologie“, derzufolge institutionelle Reformen inkrementalistisch, Schritt für Schritt zu erfolgen haben, weil sich nur so das Zurechnungsproblem lösen lässt, welche Institutionen für welche Missstände überhaupt verantwortlich sind. Popper macht geltend, dass sein Konzept über eine überlegene |110|Lernfähigkeit verfüge. Es ist also ein lerntheoretisches und in diesem Sinne kritisch-rationales Argument, das für inkrementalistische und gegen holistische Reformversuche spricht. Popper (1944–45, 1987; S. 70): „[E]s ist sehr schwer, aus sehr großen Fehlern zu lernen.“
Hinsichtlich der pro-naturalistischen Variante des Historizismus diagnostiziert Popper, dass die Annahme historischer Entwicklungsgesetze auf einem Missverständnis der Verwendung von Naturgesetzen in der Physik beruhe. Die logische Struktur wissenschaftlicher Erklärungen und Prognosen werde grundlegend verkannt, mit der Folge, dass der sozialwissenschaftliche Erkenntisfortschritt nachhaltig behindert werde. Wiederum ist es ein letztlich lerntheoretisches Argument, dessen sich Popper hier bedient. Dieses Argument lässt sich in drei Schritten rekonstruieren, die in eine vernichtende Kritik des Pro-Naturalismus münden.
Der erste Schritt besteht in einer aussagenlogischen Erläuterung des (natur-) wissenschaftlichen Erklärungskonzepts: Erklärung heißt, ein Explikandum aus einem Explikans herzuleiten. Das Explikandum besteht aus Sätzen, die einen empirischen Sachverhalt beschreiben. Das Explikans hingegen besteht aus zwei Arten von Prämissen. Zum einen handelt es sich um universale Sätze, zum anderen um singuläre Sätze. Die universalen Sätze formulieren hypothetische Naturgesetze, d.h. sie beanspruchen allgemeine Gültigkeit. Die singulären Sätze jedoch beziehen sich auf den jeweiligen Einzelfall; sie spezifizieren die konkreten Bedingungen und beanspruchen als Hypothesen daher lediglich situative Gültigkeit. Eine Erklärung besteht nun in dem Versuch, den beschriebenen Sachverhalt aus singulären und universalen Sätzen folgen zu lassen.
Im zweiten Schritt erfolgt eine aussagenlogische Erläuterung des wissenschaftlichen Prognosekonzepts. Während eine Erklärung bei einem bereits vorliegenden Explikandum ansetzt und dieses auf ein allererst zu entwickelndes Explikans zurückführt, geht eine wissenschaftliche, d.h. bedingte Prognose genau anders herum vor. Sie setzt beim Explikans an und schließt auf ein Explikandum, d.h. auf einen Sachverhalt, der erst in der Zukunft eintreten wird. Wissenschaftliche Erklärungen und Prognosen weisen eine gleichartige aussagenlogische Struktur auf; ihre Argumentationsrichtung ist jedoch diametral entgegengesetzt.
Der dritte Schritt besteht in einer aussagenlogischen Erläuterung des wissenschaftlichen Fortschrittskonzepts: Fortschritt heißt, Erklärungen und Prognosen zu verbessern, d.h. aus Fehlern zu lernen. Scheitert die deduktive Verknüpfung von Explikans und Explikandum, so kann dies unter bestimmten Umständen – nämlich dann, wenn die situative Gültigkeit der singulären Sätze ebenso wie die Beschreibung des Explikandums vergleichsweise unproblematisch ist – als eine Prüfung des universalen Satzes aufgefasst werden und als erfolgreiche Anwendung des ‚modus tollens‘ einen Anstoß zu theoretischen Weiterentwicklungen geben, d.h. zu Verbesserungen der universalen Sätze.
In diesen drei gedanklichen Schritten wird die Aussagenlogik als Darstellungsmittel einer – nicht aussagenlogischen, sondern – methodologischen Argumentation verwendet. Diese Argumentation mündet in Poppers Kritik, dass die in der pro-naturalistischen Historizismusvariante verwendeten Gesetzesaussagen nicht universale, sondern singuläre Sätze sind, die sich auf historische Einzelereignisse oder Folgen solcher Einzelereignisse beziehen, z.B. auf das historische ‚Gesetz‘ |111|einer Stufenfolge gesellschaftlicher Entwicklungsstadien. Dieses durch eine Äquivokation des Gesetzesbegriffs – wenn nicht hervorgerufene, so doch – verstärkte Selbstmissverständnis der eigenen Methode sei vor allem deshalb so bedeutsam, weil es das Auffinden wirklicher Gesetze durch die Sozialwissenschaften erschwere oder sogar verhindere. Popper argumentiert, dass eine (Rück-)Übertragung dieser sozialwissenschaftlichen Praxis auf die Naturwissenschaften theoretischen Fortschritt zunichte machen würde: „Wir können … nicht hoffen, eine universale Hypothese prüfen und ein für die Wissenschaft annehmbares Naturgesetz finden zu können, wenn wir dauernd auf die Beobachtung eines einzigartigen Prozesses beschränkt sind.“[161] Wieder ist es also ein lerntheoretisches und in diesem Sinne kritisch-rationales Argument, auf das er sich stützt: Auch in den Sozialwissenschaften erfolge Erkenntnisfortschritt durch Kritik, und ebendieser Kritik werde durch historizistische Methodendefizite der Boden entzogen, mit der Konsequenz eines vergleichsweise geringeren Erfolgs der Sozialwissenschaften. Für Popper steht der Historizismus der Falsifizierbarkeit im Wege und führt zur Pseudo-Wissenschaft.
(3) Poppers zweibändiges Buch über die „offene Gesellschaft“[162] ist ein Zwillingsprodukt seines Buches über den Historizismus. Beide sind nahezu zeitgleich entstanden. An ihnen wurde simultan gearbeitet. In seiner methodologischen Studie geht es Popper um den pseudo-wissenschaftlichen Charakter des Historizismus. In seiner Streitschrift für die offene Gesellschaft geht es ihm um die politischen Konsequenzen historizistischer Denkfehler. Hier wird die wissenschaftstheoretische Kritik des Historizismus durch eine gesellschaftspolitische Kritik ergänzt. Auch diese Ergänzung steht ganz im Zeichen des kritischen Rationalismus, d.h. einer Theorie sozialen Lernens.
Popper reagiert auf die totalitären Politikentwicklungen seiner Zeit mit einer Interpretation, die es ihm erlaubt, als Philosoph – d.h. als Methodologe: als Spezialist für Methodenreflexion – gegen den Totalitarismus dezidiert Stellung zu beziehen. Er interpretiert den Totalitarismus als eine Begleiterscheinung der Zivilisation, als (untauglichen) Versuch, sich der „Last der Zivilisation“[163] zu entledigen. Popper unterstellt dem Totalitarismus hehre Motive. Er sieht in ihm einen Ausdruck des politischen Willens, das Los der Mitmenschen zu verbessern – genauer: einen Ausdruck extremer Fehler, die einer durchaus wohlmeinenden Politik unterlaufen können. In diesem Sinne interpretiert Popper die Ergebnisse totalitärer Politik als nicht-intendierte Folgen intentionaler – soziale Verbesserungen intendierender – Handlungen. Für Popper besteht der Kardinalfehler totalitärer Politik darin, gesellschaftliche Lernprozesse abzuwürgen, durch zentrale Planung zum Stillstand zu bringen. Deshalb zielt sein demokratischer Gegenentwurf darauf ab, gesellschaftliche Lernprozesse institutionell zu unterstützen. Popper geht es um das Verfahren – d.h. die Methode – sozialer Reformen, und hier vertritt er die Auffassung, dass „die Demokratie – und sie allein – einen institutionellen Rahmen darstellt, innerhalb dessen eine Reform ohne Gewaltanwendung |112|und damit die Anwendung der Vernunft auf die Fragen der Politik möglich ist“[164]. Insofern ist Poppers Plädoyer für die offene Gesellschaft – genauer: für die demokratische Verfassung der offenen Gesellschaft – zugleich ein Plädoyer für gesellschaftliches Lernen, für sozialen Fortschritt durch Kritik, insbesondere durch kritische Diskussion, ein Plädoyer für soziale Verbesserungen durch schrittweise Reformen.
(4) Poppers Aufsatzsammlung mit dem Titel „Objektive Erkenntnis“[165] liegt – so der Untertitel – ein „evolutionärer Entwurf“ zugrunde. Dieser Entwurf mündet in die sog. ‚Drei-Welten-Theorie‘ und lässt sich in drei Schritten rekonstruieren.
Erstens bedient sich Popper zur Darstellung seiner Lerntheorie eines formalen Schemas[166] (Abb. 3). Demnach nimmt Lernen seinen Ausgang von Problemen (P1). Diese Probleme werden zu lösen versucht. Es entstehen alternative Lösungsvorschläge (VL1, …, n). Die Verbesserung dieser Lösungsvorschläge erfolgt durch Fehlerelimination (FE) und mündet in neue Problemstellungen auf höherem Niveau (P2).

Poppers Lernschema
Zweitens interpretiert Popper dieses Lernschema als Evolutionsschema, d.h. er verlängert seine Lerntheorie, den kritischen Rationalismus, bis in die Biologie hinein. Die beiden mittleren Elemente des Schemas repräsentieren Mutation und Selektion. Popper betont, dass auch die biologische Evolution als aktiver Lernprozess aufgefasst werden kann: „Alles Leben ist Problemlösen“[167]. Diese Auffassung kulminiert in der Aussage, dass die Amöbe und Einstein letztlich die gleiche Lernmethode verwenden, nämlich die kritisch-rationale Methode von Versuch und Irrtum, des Lernens aus Fehlern.[168]
Drittens kann vor diesem Hintergrund dieser Gemeinsamkeit die Frage neu gestellt werden, wodurch sich biologische und kulturelle Evolution unterscheiden. Poppers Antwort sieht den Unterschied im jeweiligen Selektionsobjekt: |113|Bei der Fehlerelimination im Rahmen kultureller Evolution sterben Ideen, nicht Menschen. Diese Antwort mündet unmittelbar in die begriffliche Trennung dreier unterschiedlicher Welten – Welt 1: Gegenstände und Organismen; Welt 2: subjektive Bewusstseinszustände; Welt 3: objektive Gedankeninhalte – und in zahlreiche theoretische Folgerungen dieser kategorialen Unterscheidung.[169]
Auf zwei dieser Folgerungen sei hier hingewiesen. Erstens kann Popper mit Hilfe der Drei-Welten-Unterscheidung seine erkenntnistheoretische Fragestellung präzisieren. Die vorpopperianische Erkenntnistheorie – so seine Selbsteinschätzung – war mit der Frage beschäftigt, wie sicheres Wissen möglich sei, und suchte demzufolge nach Objektivierungsmöglichkeiten subjektiven Wissens, z.B. mit Hilfe von Induktion. Auf diese Weise wurde der gesamte Komplex der Wissenschaft (fälschlicherweise) der Welt 2 zugeordnet, als Bereich gesicherten subjektiven Wissens. In dieser jahrhunderte-alten Tradition stehend, war die zeitgenössische Wissenschaftstheorie auf Welt 2 fokussiert, sie folgte einer primär erkenntnispsychologischen Orientierung. Für Popper liegt hier ein Kategorienfehler zugrunde, denn aus seiner Sicht ist die Wissenschaft nicht der Welt 2, sondern der Welt 3 zuzuordnen. ‚Biologisch‘ betrachtet, sind Theorien, Probleme, gelungene und gescheiterte Lösungsversuche, aber auch Heuristiken als exosomatische Produkte des Lebewesen ‚Mensch‘ ebenso real und ebenso autonom wie die exosomatischen Produkte anderer Lebewesen, z.B. „Spinnweben oder Wespennester, Ameisennester, Dachsbaue, Biberdämme oder Wildwechsel im Wald“[170]. Die Erforschung der objektiven Eigenschaften dieser – mit sprachlichen Mitteln – künstlich geschaffenen Welt 3 erklärt Popper zur Aufgabe seiner Erkenntnistheorie. Es geht ihm um die Produkte, nicht um die Produzenten, und in diesem Sinne gibt er als Motto aus: „Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt“[171]. Zweitens bleibt Popper nicht bei einer bloßen Unterscheidung der drei Welten stehen, sondern untersucht ihr Zusammenspiel im Evolutionsprozess. Dies führt ihn zu weiteren anti-psychologischen Folgerungen. So vertritt er etwa die These, dass das allgemeine Problem des Verstehens – angefangen von der Wissenschaftsgeschichte über die Sozialwissenschaften bis hin zur geisteswissenschaftlichen |114|Hermeneutik – als Problem falsch gestellt wird, wenn man es in Welt 2 und nicht in Welt 3 ansiedelt, wohingegen das Verstehen gefördert werde, indem man psycho-logisches Nachempfinden durch situations-logische Analysen ersetzt, die nicht den subjektiven Bewusstseinsprozessen der zu verstehenden Handlungen nachgehen, sondern ihre objektive Problemsituation zu rekonstruieren versuchen.[172]

Poppers Werk im Überblick
(5) Abb. 4 vermittelt einen Überblick über die bisher entwickelte Lesart. Poppers Werk ist inspiriert von zwei Ereignissen, die in die Formulierung der beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie münden. Für diese Grundprobleme präsentiert Popper eine einheitliche Lösung: den kritischen Rationalismus als eine Theorie sozialen Lernens. Poppers Wissenschaftstheorie ist eine Anwendung des kritisch-rationalen Ansatzes, ebenso wie seine Methodologie der Sozialwissenschaften und sein Plädoyer für die demokratische Verfassung einer offenen Gesellschaft. Selbst seine Evolutionstheorie erweist sich im Kern als eine bis in die Biologie hinein verlängerte Lerntheorie.[173]
|115|5. Eine konstruktive Kritik des kritischen Rationalismus
(1) Bevor auf die Schwächen in Poppers Werk eingegangen wird, sei zunächst noch einmal eine besondere Stärke betont: die Systematizität, mit der Popper sein thematisches Spektrum erschließt, indem er den kritischen Rationalismus, (s)eine Theorie sozialen Lernens, auf scheinbar disparate Bereiche anwendet.
Popper arbeitet mit einer lerntheoretischen Analogisierung von Wissenschaft und Politik. In beiden Bereichen findet soziales Lernen statt. Beide Bereiche jedoch bleiben unter ihren Möglichkeiten, weil soziale Lernprozesse blockiert sind. Popper führt dies auf eine in beiden Bereichen verfehlte Fragestellung zurück, und er macht es sich zur Aufgabe, durch eine kategorial veränderte Fragestellung beiden Bereichen eine den sozialen Lernprozessen förderliche(re) Orientierung vorzugeben.
Für den Bereich Wissenschaft argumentiert Popper mit einer Asymmetrie zwischen Verifikation und Falsifikation. Gestützt auf diese Asymmetrie, propagiert er einen Perspektivwechsel weg vom Fundament vermeintlich sicheren Wissens hin zum dynamischen Prozess hypothetischer, fallibler Wissensfortschritte. Metaphorisch ausgedrückt, können beim Baum der Erkenntnis die Wurzeln ruhig im Dunkeln bleiben; von entscheidender Bedeutung sind die Früchte und von daher das Wachstum des Baumes.
Für den Bereich der Politik argumentiert Popper mit einer Asymmetrie zwischen Freude und Leid, zwischen der Verwirklichung von Glück und der Vermeidung von Unglück. Gestützt auf diese Asymmetrie, propagiert er einen Perspektivwechsel weg von abstrakter, utopischer Politik hin zu einer Bekämpfung konkreter Missstände. Ihm kommt es darauf an, dass Politik als ein Prozess aufgefasst wird, in dem kontinuierlich versucht wird, Irrtümer schrittweise zu revidieren. Hierfür ist eine Rückkopplung politischer Maßnahmen an die Bedürfnisse der Bürger erforderlich, wie sie in der von Popper befürworteten friedlichen Abwahlmöglichkeit der Regierung beschlossen liegt.
Poppers Auffassung zufolge lautet die dem Bereich der Wissenschaft angemessene Frage nicht: ‚Wer hat sicheres Wissen?‘, sondern: ‚Wie kann unser (stets unsicheres) Wissen vermehrt werden?‘. Analog lautet, Poppers Auffassung zufolge, die dem Bereich der Politik angemessene Frage nicht: ‚Wer soll herrschen?‘, sondern: ‚Wie können wir mit den (unvermeidlichen) Fehlern politischer Herrschaft möglichst vernünftig umgehen?‘. Das Gemeinsame dieser beiden Perspektivwechsel besteht in einer anti-autoritär gewendeten Lerntheorie, in einem kritischen Rationalismus, demzufolge weder nach autoritativen Quellen wissenschaftlicher Erkenntnis noch nach autoritativen Quellen politischer Herrschaft zu fragen ist.[174] An die Stelle dieser Fragen, die für Fehlorientierungen verantwortlich gemacht werden, wird die Maxime gesetzt, aus Fehlern zu lernen. |116|Für die Wissenschaft bedeutet dies, hypothetische Deduktionen so vorzunehmen, dass die Logik als Organon der Kritik eingesetzt werden kann. Für die Politik bedeutet es, soziale Reformen als kontrollierte Experimente schrittweise vorzunehmen und ihre Erfolgskontrolle durch eine Rückkopplung per Wahlabstimmung sicherzustellen.
(2) Poppers Arbeiten zu Wissenschaft und Politik sind Anwendungen des kritischen Rationalismus. Sofern der kritische Rationalismus als eine Theorie sozialen Lernens ein Defizit aufweist, muss sich dieses Defizit – bei systematischer Anwendung des kritisch-rationalen Ansatzes – in beiden Bereichen niederschlagen. Weisen die Arbeiten zu Wissenschaft und Politik strukturanaloge Schwächen auf, so kann man von diesen Schwächen folglich auf ein Defizit der kritisch-rationalen Hintergrundkonzeption zurückschließen. Es ist also gerade Poppers Stärke, seine Systematizität, von der eine kritische Rezeption seines Werkes Gebrauch machen kann.
Bei der Suche nach strukturanalogen Schwächen in Poppers Werk fällt auf, dass weder seine Arbeiten zur Wissenschaft noch seine Arbeiten zur Politik ohne Appelle auskommen. Popper arbeitet mit Appellen zur Wahrheit und mit Appellen zur Freiheit. Seiner Auffassung zufolge soll sich die Wissenschaft auf die Suche nach Wahrheit begeben, und die politische Suche nach einer besseren Welt soll sich am Wert individueller Freiheit orientieren.[175]
Nun markieren Appelle aber stets einen Abbruch – wenn nicht der Diskussion, so doch – der Argumentation. Metaphorisch ausgedrückt, antworten sie auf berechtigte Fragen des Diskussionspartners nicht mit einem Argument, sondern mit einem Ausrufezeichen. Sie geben nicht Auskunft, sie geben Anweisung. Appelle indizieren einen Mangel an Diskursivität und sind insofern ein Ausdruck von – je nachdem – Verweigerung oder auch nur Verlegenheit auf der einen Seite und als solcher zugleich eine Zumutung für die andere Seite. Auf diese Weise untergraben Appelle die Rationalität der Diskussion.[176]
Im Hintergrundkonzept des kritischen Rationalismus hat Popper diesem Sachverhalt offensichtlich keinen systematischen Stellenwert eingeräumt. Will man dies ändern, so muss man die Kernbotschaft des kritischen Rationalismus reformulieren. Dass wir aus Fehlern lernen, ist zwar richtig, jedoch zu unspezifisch, |117|wenn man das Potential einer Theorie sozialen Lernens voll ausschöpfen will. Das gleiche gilt auch noch für die Aussage, dass wir aus Kritik lernen. Die sozialen Voraussetzungen argumentationsgestützter Lernprozesse werden hier nicht stark genug betont. Als These zugespitzt: Für einen reformulierten kritischen Rationalismus entfaltet sich Rationalität durch Diskursivität, durch einen Diskussionsprozess, der als Wettbewerb um das bessere Argument organisiert ist und gerade dadurch eine diskursive Überbietungsrationalität freisetzt. Argumentationsgestützte Lernprozesse beruhen auf ‚konstruktiver‘ Kritik. Dies setzt eine gemeinsame Basis voraus, die u.U. allererst geschaffen werden muss und die schaffen zu helfen eine wichtige Aufgabe theoretischer Orientierungsleistungen darstellt.
Vor diesem Hintergrund stellen sich nun zwei Fragen, auf die im Folgenden eine Antwort zu geben versucht wird: Inwiefern handelt es sich bei dieser Reformulierung um eine konstruktive Kritik Poppers; inwiefern ist sie mit seinem Werk zu vereinbaren? Und inwiefern handelt es sich um eine konstruktive Kritik Poppers; welche Veränderungen zieht die Revision des Hintergrundkonzepts nach sich?
(3) In bezug auf die erste Frage ist auf zwei Sachverhalte aufmerksam zu machen. Erstens hat Popper zwischen 1934 und 1944 sein Abgrenzungskriterium weiterentwickelt. Das ursprüngliche Kriterium, die Falsifizierbarkeit, erscheint ihm seitdem als ein Spezialfall des allgemeineren Abgrenzungskriteriums der Kritisierbarkeit.[177] Demzufolge unterscheidet sich echte Wissenschaft von bloßer Pseudo-Wissenschaft nicht unbedingt dadurch, dass ihre Aussagen empirisch getestet werden können. Vielmehr reicht es bereits aus, dass ihre Aussagen systematisch verbessert werden können. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass Lernfortschritte nicht unbedingt durch eine Konfrontation von Theorie und Realität zustande kommen müssen, sondern auch durch eine Konfrontation alternativer Theorien erzielt werden können. Faktisch kommt dies einer diskursiven Wende des kritischen Rationalismus gleich.[178] Diese Wende wird lediglich konsequent zu Ende gedacht, wenn man sich den von Popper selbst initiierten Kriterienwechsel von der Falsifizierbarkeit zur Kritisierbarkeit zu eigen macht und dann darauf aufbauend das diskursive Prinzip konstruktiver Kritik als Leitidee einer reformulierten Theorie sozialen Lernens ausweist. In dieser Hinsicht kann also recht weitgehend Kontinuität zu Popper reklamiert werden.[179]
|118|Zweitens geht es Popper in seinen Anwendungen des kritischen Rationalismus nicht nur um Kritik, sondern dezidiert um konstruktive Kritik. In seinen Arbeiten zur Wissenschaft und zur Politik bemüht er sich – zwar nicht in allen Details, wohl aber vom Grundsatz her – um die Generierung von Zweckmäßigkeitsargumenten.[180] Insbesondere seine Versuche, die jeweilige Fragestellung zu ändern, können als ein sicheres Indiz für diskursives Problembewusstsein gewertet werden: Popper versucht, Denkblockaden aufzubrechen, indem er die zugrunde liegenden Denkkategorien als verfehlt kritisiert. Popper setzt hier deutlich auf konstruktive Kritik. Er versucht, seine Gegner mit besseren Argumenten diskursiv zu überbieten. Diese diskursive Ausrichtung seiner Wissenschaftstheorie wird in folgendem Zitat besonders deutlich:
„Nach der hier vertretenen Auffassung können also die ‚erkenntnistheoretischen Probleme‘ in zwei Gruppen eingeteilt werden: Die erste Gruppe enthält die methodologischen Fragen; die zweite Gruppe die spekulativ-philosophischen, die in den meisten Fällen als Missdeutungen der methodologischen Fragen dargestellt werden können. … Wenn diese Auffassung berechtigt ist, so erweist sich die Fruchtbarkeit der erkenntnistheoretischen Methode und einer glücklichen erkenntnistheoretischen Fragestellung darin, dass es gelingt, den Fragen der zweiten Gruppe solche der ersten Gruppe zu substituieren; anders ausgedrückt: die erkenntnistheoretischen Missdeutungen nicht einfach als Scheinfragen abzutun, sondern die ihnen zugrunde liegenden echten, konkreten methodologischen Fragen aufzuzeigen und zu beantworten.“[181]
Aber auch Poppers Plädoyer für die offene Gesellschaft folgt einer diskursiven Ausrichtung. Um dies zu erkennen, muss man sich nur die Problemsituation vergegenwärtigen, die er zu bearbeiten versucht. Darauf anspielend, dass Hitler 1933 legal an die Macht gekommen ist, heißt es bei Popper (1945, 1992a; S. 148):
„Was tun wir, wenn es der Wille des Volkes ist, nicht selbst zu regieren, sondern statt dessen einen Tyrannen regieren zu lassen? … Diese Möglichkeit ist nicht an den Haaren herbeigezogen; Fälle dieser Art sind oft genug eingetreten. Und immer, wenn sie sich ereigneten, kamen alle jene Demokraten in eine hoffnungslose intellektuelle Situation, die das Prinzip der Herrschaft der Mehrheit oder eine ähnliche Form des Prinzips der Souveränität als die Grundlage ihres politischen Glaubensbekenntnisses akzeptieren. Einerseits verlangt das von ihnen akzeptierte Prinzip, sich jeder Herrschaft zu widersetzen außer der Herrschaft der Majorität, also auch der Herrschaft des neuen Tyrannen; andererseits fordert dasselbe Prinzip von ihnen die Anerkennung jeder Entscheidung der Majorität und damit auch die Anerkennung der Herrschaft des neuen Tyrannen. Es ist natürlich, dass der Widerspruch in ihrer Theorie ihre Handlungen lähmen muss. Diejenigen unter uns Demokraten, die die institutionelle |119|Kontrolle der Herrscher durch die Beherrschten fordern und die insbesondere auf dem Recht bestehen, die Regierung aufgrund eines Majoritätsvotums zum Rücktritt zu veranlassen, müssen daher für diese ihre Forderungen eine bessere Begründung suchen als eine widerspruchsvolle Theorie der Souveränität.“
Poppers Problemsituation ist die auf eine Denkblockade zurückgeführte Handlungsblockade zahlreicher Demokraten angesichts der Machtergreifung durch Hitler. Zur Auflösung dieser Blockaden unternimmt er nichts Geringeres, als das übliche Verständnis von Demokratie grundlegend zu verändern. Er orientiert sich an der Asymmetrie zwischen Freude und Leid und legt sein alternatives Verständnis von Demokratie darauf fest, das mit einer Tyrannei verbundene Leid zu vermeiden. Aus dieser Perspektive sind demokratische Wahlen für ihn dann ein Mittel zum Zweck. Mit dieser kategorialen Umstellung weist er einen Ausweg aus der ansonsten seines Erachtens hoffnungslosen intellektuellen Situation der Jahre 1933ff.:




