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Im natürlichen Monopol sind Grenzkostenpreise anfällig für eine volkswirtschaftliche Verschwendung knapper Ressourcen. Während sie auf einem normalen Markt automatisch sicherstellen, dass neben den variablen Kosten auch die Inkaufnahme fixer Kosten durch einen entsprechenden Nachfragernutzen gerechtfertigt ist, ist im natürlichen Monopol gerade dieser Automatismus außer Kraft gesetzt, weil nun das Grenzkostenniveau im hier relevanten Bereich nicht mehr oberhalb, sondern unterhalb des Durchschnittskostenniveaus liegt. Hieraus folgt: Soll – im wohlfahrtsökonomischen Verständnis – aus einer gegebenen |148|Ressourcenausstattung ein Maximum an Bedürfnisbefriedigung herausgeholt werden, so muss dafür Sorge getragen werden, dass die Konsumentenrente der Nachfrager mindestens so groß ist wie der Subventionsbetrag, der zur Fixkostendeckung anfällt. In Abb. 4 ist ein Beispiel eingezeichnet, in dem dies eindeutig nicht der Fall ist.[227] Aus wohlfahrtsökonomischer Sicht liegt hier eine Verschwendung knapper Ressourcen vor: Die zum Kapazitätsaufbau der Güterproduktion verwendeten Ressourcen wären besser anderweitig eingesetzt worden.

Ein Beispiel für Ressourcenverschwendung im natürlichen Monopol
Es stellt sich nun die Frage, wie bei der Setzung von Grenzkostenpreisen eine solche Verschwendung vermieden werden kann, d.h. wie man an die Informationen herankommt, anhand deren man beurteilen kann, ob die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager nicht nur ausreicht, um die variablen Kosten zu decken, sondern ob sie auch ausreicht, um die fixen Kosten zu decken. Coase verweist darauf, dass jene Wohlfahrtsökonomen, die die Setzung von Durchschnittskostenpreisen ablehnen und statt dessen eine Setzung von Grenzkostenpreisen befürworten, zur Lösung dieses Problems vorgeschlagen haben, die Konsumenten nach ihrer Zahlungsbereitschaft zu befragen. An genau diesem Punkt setzt seine Kritik an: Während bei einem gespaltenen Tarif diese Zahlungsbereitschaft in Form von Beiträgen tatsächlich unter Beweis gestellt werden muss, bleibt es im Fall reiner Grenzkostenpreise bei einer hypothetisch bleibenden Erhebung der Zahlungsbereitschaft, weil nicht die befragten Konsumenten selbst, sondern die gesamten Steuerzahler die entstehenden Fixkosten finanzieren müssen. Angesichts dieses |149|gravierenden Unterschieds rechnet Coase mit massiven Anreizen strategischer Informationsverzerrung und folglich mit gravierenden Schwierigkeiten der Administration, die in Abb. 4 skizzierten Gefahren volkswirtschaftlicher Ressourcenverschwendung zu umgehen und so tatsächlich vermeiden zu können – vom Vermeiden-Wollen ist hier noch gar nicht die Rede –, dass viel mehr Monopolgut-Produktionen aufgenommen werden, als es nach wohlfahrtsökonomischen Kriterien gerechtfertigt erscheint.
Das für Coase entscheidende Argument zugunsten eines gespaltenen Tarifs und zu Lasten eines reinen Grenzkostenpreises ist ein Anreizargument: „Neither Hotelling nor Lerner nor Meade give, in my view, sufficient weight to the stimulus to correct forecasting, which comes from having a subsequent market test of whether consumers are willing to pay the total cost of the product. Nor do they recognize the importance of the aid which the results of this market test give in enabling more accurate forecasts to be made in the future.“[228]
(3) Gestützt auf diese Überlegungen, die neben Durchschnittskostenpreisen und Grenzkostenpreisen eine dritte Option zur Regulierung natürlicher Monopole ins Spiel bringen und diese als vergleichsweise überlegen ausweisen, kann Coase dem Anspruch entgegentreten, Grenzkostenpreise seien Durchschnittskostenpreisen überlegen. Zwar weisen Grenzkostenpreise den Vorteil auf – hierin stimmt Coase der in der Literatur vorfindlichen Einschätzung ausdrücklich zu –, dass sie den marginalen Ressourceneinsatz knappheitsmindernd ausrichten. Allerdings weisen sie – und dies wird nun als interne Kritik an der wohlfahrtsökonomischen Literatur betont – den Nachteil auf, den inframar-ginalen Ressourceneinsatz nicht knappheitsmindernd ausrichten zu können. Folglich sieht Coase hier einen Bedarf für eine weitaus differenziertere Einschätzung, als sie in der zeitgenössischen Literatur üblich ist. So schreibt er mit Bezug auf Grenzkostenpreise:
„The … advantage is that a government could undertake production in cases in which consumers would be willing to pay the total cost but which could not be undertaken with average cost pricing. … A government which made many errors in its estimates of individual demands could easily offset any good such a policy might produce. Average cost |150|pricing may prevent some things from being done which perhaps ought to be done, but it is also a means of avoiding certain errors in production, some of which would inevitably be made if the Hotelling-Lerner policy [of marginal-cost pricing; I.P.] were followed.“[229]
3. Der Aufsatz „The Problem of Social Cost“ (1960)
Dieser Aufsatz enthält eine vehemente Kritik der wohlfahrtsökonomischen Vorstellung externer Effekte, d.h. einer Denkkategorie, die Coase für irreführend hält und die er so radikal ablehnt, dass er nicht einmal den Begriff verwendet. Diese Kritik folgt einer Argumentationslinie, die Coase auf nicht weniger als 60 Druckseiten entwickelt. Allerdings ist der Text in insgesamt 10 Abschnitte unterteilt, die es dem Leser erleichtern, den roten Faden nicht zu verlieren. Folgt man dieser Einteilung, so lässt sich die Argumentation in fünf Schritten zusammenfassen.
Den ersten Schritt bilden die Abschnitte I und II. Hier formuliert Coase einleitend seine Problemstellung und seine These: Er geht aus von dem Befund, dass die Wohlfahrtsökonomik bei einer Diskrepanz zwischen privaten und sozialen Kosten einen externen Effekt diagnostiziert und als Therapie hierfür staatliche Eingriffe empfiehlt, die den externen Effekt internalisieren sollen, sei es in Form eines Verbots oder einer Besteuerung jener – z.B. umweltverschmutzenden – Aktivität, von der ein (negativer) externer Effekt ausgeht. Zugrunde liegt die Vorstellung, dass der Verursacher eines externen Effekts mit – unter Umständen prohibitiv hohen – Kosten belastet werden soll, so dass es zu einer Angleichung von (verhaltensrelevanten) privaten und (wohlfahrtsrelevanten) sozialen Kosten kommt. Gegen diese Vorstellung wendet Coase ein, dass die Identifizierung von Verursachern auf einer Zuschreibung beruht, d.h. auf einer Situationswahrnehmung, |151|die er als unterkomplex zurückweist. Aus seiner Sicht geht das zugrunde liegende Problem – entgegen dem Augenschein – nicht einseitig vom ‚Verursacher‘ eines ‚externen Effekts‘ aus. Vielmehr stellt es sich ein als das Resultat einer Nutzungskonkurrenz, bei der rivalisierende Ansprüche an eine knappe Ressource aufeinandertreffen. Das Problem wird also wechselseitig verursacht. Es ist kollektiver Natur. Aufgrund dieser differenzierteren Diagnose hält Coase die Politikempfehlungen der Wohlfahrtsökonomik für in sich inkonsistent und tendenziell verfehlt. Deshalb setzt er seine Kritik als eine interne Kritik der Wohlfahrtsökonomik an. Seine These lautet, dass einige der für die Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt relevanten Alternativen – und mithin die Opportunitätskosten der empfohlenen Politikmaßnahmen – im traditionellen Ansatz außer acht gelassen werden. Er kritisiert also nicht, dass die Wohlfahrtsökonomik den gesellschaftlichen Nutzen maximieren will, sondern er kritisiert, dass ihr bei diesem Bemühen gravierende Fehler unterlaufen. Coase kritisiert, dass eine auf externe Effekte fixierte Wohlfahrtsökonomik ihr Ziel verfehlt: dass sie, entgegen ihrer Intention, aus systematischen Gründen die Wohlfahrt nicht wirklich maximiert, weil sie eine Perspektive einnimmt, aus der ihr gesellschaftlich relevante Kosten aus dem Blick geraten.
Der zweite Argumentationsschritt besteht aus den Abschnitten III und IV. Hier dekonstruiert Coase die wohlfahrtsökonomische Position, indem er nachweist, dass in der in dieser Literatur typischerweise verwendeten Modellwelt – einer Modellwelt ohne Transaktionskosten – die von der Wohlfahrtsökonomik empfohlenen Politikmaßnahmen gar nicht nötig wären, um die für wünschenswert gehaltene Angleichung von privaten und sozialen Kosten herbeizuführen. Vielmehr würde sich eine solche Angleichung quasi automatisch einstellen, und zwar durch – kostenlose! – Verträge, durch die rivalisierende Nutzungsansprüche aufeinander abgestimmt und marginal ausgeglichen würden. Hierbei macht sich Coase die Pointe zunutze, dass sich in jedem Fall eine effiziente Allokation einstellen würde, und zwar unabhängig von der Frage, wie die Nutzungsrechte im Ausgangszustand verteilt sind. Bei Abwesenheit von Transaktionskosten würden bestehende Nutzungsrechte per Vertrag genau dorthin übertragen, wo sie den gesellschaftlich größten Nutzen stiften – so die Aussage des berühmt-berüchtigten Theorems, das mit dem Namen Coase mittlerweile untrennbar verbunden ist. Das sogenannte ‚Coase-Theorem‘ formuliert also lediglich ein gegen die Wohlfahrtsökonomik gerichtetes Non-Sequitur. Es sagt nicht aus, welche Anschauung Coase für richtig hält; sondern es sagt aus, dass und warum Coase den wohlfahrtsökonomischen Problemaufriss für verfehlt hält.
Den dritten Argumentationsschritt bildet der lange, nicht weniger als zehn Seiten umfassende Abschnitt V. Hier dokumentiert Coase ausführlich, dass die reziproke Natur des ‚Verursachungs‘-Problems in der juristischen Literatur durchaus gesehen worden ist. Mit diesem Exkurs stimmt Coase den Leser auf seine differenzierende Sicht der Dinge ein und bereitet damit das eigentliche Kernargument seines Aufsatzes vor.
Den vierten Argumentationsschritt bilden die Abschnitte VI und VII. Hier nimmt Coase den durch den Exkurs unterbrochenen Gedankengang wieder auf. War im zweiten Argumentationsschritt gezeigt worden, dass sich das zugrunde liegende Problem reziproker Nutzungskonkurrenz in einer Welt ohne |152|Transaktionskosten ohne weiteres von selbst regelt, stellt sich nun die Frage, wie dieses Problem in einer Welt mit Transaktionskosten wohlfahrtsoptimal gelöst werden kann. Hierzu bietet Coase folgende Überlegung an: Transaktionskosten sorgen dafür, dass der Tausch von Nutzungsrechten unter Umständen bereits eingestellt werden muss, noch bevor die knappen Ressourcen ihre produktivste Verwendung gefunden haben. Damit kehrt sich die Aussage des sog. ‚Coase-Theorems‘ geradewegs um: In einer Welt mit positiven Transaktionskosten wird die Anfangsausstattung mit Nutzungsrechten wichtig, weil sie das Allokationsergebnis der marktlichen Tauschprozesse vorbestimmt. Hieraus zieht Coase nun den Schluss, dass dies bereits bei der Zuteilung von Rechten bedacht werden sollte. Folglich wird Gesetzgebung und Rechtsprechung eine extrem wichtige ökonomische Bedeutung zugesprochen. Das Kernargument lautet im Original wie folgt:
„[W]hen dealing with the problem of the rearrangement of legal rights through the market, I argued that such a rearrangement would be made through the market whenever this would lead to an increase in the value of production. But this assumed costless market transactions. Once the costs of carrying out market transactions are taken into account, it is clear that such a rearrangement of rights will only be undertaken when the increase in the value of production consequent upon the rearrangement is greater than the costs which would be involved in bringing it about. When it is less, the granting of an injunction … or the liability to pay damages may result in an activity being discontinued (or may prevent its being started) which would be undertaken if market transactions were costless. In these conditions, the initial delimination of legal rights does have an effect on the efficiency with which the economic system operates. One arrangement of rights may bring about a greater value of production than any other.“[230]
An dieses Argument schließt Coase zwei Überlegungen an. Die erste Überlegung besagt, dass – ausgehend von gegebenen Rechten – zur Lösung des reziprok verursachten Problems einer Konkurrenz rivalisierender Nutzungsansprüche mehrere Alternativen in Frage kommen und dass jede dieser Alternativen – eine preisliche Koordination der Nutzungsansprüche, eine hierarchische Koordination in Firmen und schließlich eine staatliche Koordination mittels Steuer und Verbot oder ähnlichen Formen der Regulierung – Kosten verursacht, die gegeneinander abgewogen werden müssen, wenn das Wohlfahrtsoptimum nicht verfehlt werden soll.[231] Die zweite Überlegung besagt, dass dort, wo es um die Zuteilung von Rechten geht, also bei der Gesetzgebung und bei der Rechtsprechung, mit berücksichtigt werden sollte, dass – aufgrund von Transaktionskosten – die Primärverteilung von Rechten ihre Sekundärverteilung präjudiziert und dass folglich bereits bei der Zuteilung von Rechten darauf geachtet werden sollte, dass sie einer möglichst produktiven Verwendung knapper Ressourcen nicht im Wege steht.[232]
|153|Den fünften Argumentationsschritt schließlich bilden die Abschnitte VIII, IX und X. Hier nimmt Coase die Auseinandersetzung mit der Literatur wieder auf: die Auseinandersetzung mit Pigou und der sich an Pigou anschließenden Wohlfahrtsökonomik. Gegen Pigou wendet er ein, dass es nicht darauf ankommen kann, externe Effekte ‚um jeden Preis‘ zu internalisieren: Genauso, wie es sehr riskant wäre, alle Risiken strikt vermeiden zu wollen, wäre es sehr schädlich, alle Schädigungen unterbinden zu wollen.[233] Gegen die Pigou-Tradition wendet er ein, dass sie sich den Denkfehler, der Pigou unterlaufen ist, als Methode zu eigen macht.[234] Sein Fazit lautet, dass dieser verfehlte Ansatz korrigiert werden muss.[235] Hierbei geht es ihm vor allem um die Heuristik, d.h. um eine methodische Anleitung zur Wahrnehmung der situativ relevanten Alternativen. Im einzelnen führt er dazu Folgendes aus:
„Analysis in terms of divergences between private and social products concentrates attention on particular deficiencies in the system and tends to nourish the belief that any measure which will remove the deficiency is necessarily desirable. It diverts attention from those other changes in the system which are inevitably associated with the corrective measure, changes which may well produce more harm than the original deficiency.“[236] – „A better approach would seem to be to start our analysis with a situation approximating that which actually exists, to examine the effects of a proposed policy change, and to attempt to decide whether the new situation would be, in total, better or worse than the original one. In this way, conclusions for policy would have some relevance to the actual situation.“[237]
4. Der Coase-Approach: Zur Kennzeichnung des Denkansatzes
Vor dem Hintergrund der bisherigen Rekonstruktion stellt sich nun die Frage, worin die Unterschiede sowie die Gemeinsamkeiten der drei Aufsätze liegen und – dies vor allem – ob sich die Gemeinsamkeiten auf einen zugrunde liegenden Denkansatz zurückführen lassen.
|154|Hinsichtlich der Unterschiede fällt zunächst auf, dass der 1937er Aufsatz einer positiven Analyse dient, während der 1946er und der 1960er Aufsatz hinsichtlich ihrer Argumentation eine normative, unmittelbar politikrelevante Stoßrichtung verfolgen. Im ersten Aufsatz geht es Coase um einen Erklärungsansatz für die Existenz von Firmen, für die Größe von Firmen und schließlich für die Branchenstruktur von Firmen. In den beiden späteren Aufsätzen geht es Coase um eine Korrektur wohlfahrtsökonomischer Politikempfehlungen. Im 1946er Aufsatz beschäftigt er sich mit den Fehlanreizen staatlicher Markteingriffe zur Regulierung natürlicher Monopole, und im 1960er Aufsatz bestimmt er die ökonomische Aufgabe des Staates nicht regulierungspolitisch, sondern rechtspolitisch: Der Staat solle eine Internalisierung externer Effekte, sofern diese überhaupt wünschbar sei, nicht durch eine Intervention in Marktprozesse fördern, sondern vielmehr durch eine Gestaltung der rechtlichen Rahmenordnung für Marktprozesse.
Die Argumente dieser drei Aufsätze lassen sich jeweils als Transaktionskosten-Argumente (re-)formulieren: (a) Die preisliche Allokation auf dem Markt verursacht ebenso Transaktionskosten wie die hierarchische Allokation in der Firma, so dass sich die Organisationsstrukturen der Wirtschaft auf das Bemühen zurückführen lassen, diese Kosten nach Möglichkeit einzusparen. (b) Nicht nur die Firma, sondern auch der Staat ermöglicht eine Form hierarchischer Allokation. Bei der Regulierung natürlicher Monopole bestehen die Transaktionskosten im Ressourcenverzehr einer aufgrund von Fehlanreizen sub-optimalen Allokation. (c) Der Gütertausch ist nicht als Tausch physischer Einheiten, sondern als Tausch von Rechten aufzufassen. Bei diesem Tausch entstehen Transaktionskosten. Folglich sollte die dem Tausch vorangehende Zuteilung von Rechten von vornherein so beschaffen sein, dass sie Einsparungen der im Tauschprozess anfallenden Transaktionskosten ermöglicht.
Diese Reformulierung macht deutlich, dass jedem Argument ein etwas anderes Verständnis von Transaktionskosten zugrunde liegt. Im 1937er Aufsatz sind Transaktionskosten die bei alternativen Allokationsmechanismen jeweils anfallenden Kosten. Sie verweisen darauf, dass der Prozess der Ressourcenallokation seinerseits Ressourcen verzehrt. Im 1946er Aufsatz sind Transaktionskosten die Kosten einer Fehlallokation von Ressourcen. Sie verweisen darauf, dass bei der Ressourcenallokation anreizbedingte Schwierigkeiten entstehen können und dass solche Schwierigkeiten berücksichtigt werden müssen, wenn Politikempfehlungen auf einem Vergleich der tatsächlich relevanten Alternativen gründen sollen. Im 1960er Aufsatz sind Transaktionskosten die Kosten einer Übertragung von Rechten. Sie verweisen auf die wirtschaftlichen Konsequenzen juristischer Entscheidungen, die bei Rechtsetzung und Rechtsprechung bedacht werden sollten.
Das Gemeinsame liegt also offensichtlich nicht in der inhaltlichen Fassung des Transaktionskosten-Begriffs. Eher schon liegt es in der Funktion, die der Begriff für die jeweilige Argumentation übernimmt. In allen drei Coase-Aufsätzen markiert der Transaktionskosten-Begriff den blinden Fleck der zeitgenössischen Literatur. Er definiert jene Kosten, die in der ökonomischen Theorie bislang übersehen worden sind und die im Zentrum der Betrachtung stehen müssen, wenn die für das jeweilige Problem relevanten Alternativen endlich ins Blickfeld gerückt werden sollen. Als These formuliert: In den drei Aufsätzen wird |155|der Transaktionskosten-Begriff – explizit oder implizit – jeweils unterschiedlich gefasst. Die Gemeinsamkeit besteht jedoch darin, dass Coase mit Hilfe dieses Begriffs auf die für das jeweilige Problem relevanten Alternativen aufmerksam macht, die in der zeitgenössischen Ökonomik tendenziell übersehen worden sind.
Aus einer solchen Perspektive wird deutlich, dass es in der Tat einen roten Faden gibt, der die drei Aufsätze miteinander verbindet; einen einheitlichen approach, der in allen drei Aufsätzen zum Ausdruck kommt. Die systematische Gemeinsamkeit liegt in der Methode, und diese lässt sich wie folgt kennzeichnen: In allen drei Aufsätzen geht es Coase um eine Änderung der Fragestellung und um eine hierfür erforderliche Korrektur des Kategoriensystems ökonomischer Theorie. In allen drei Fällen wird diese Korrektur nicht abstrakt vorgenommen, sondern im Rekurs auf eine ökonomische Basiskategorie, mit deren Hilfe eine in der einschlägigen Literatur fest eingefahrene Problemstellung aufgesprengt wird: Im 1937er Aufsatz ist es die gedankliche Figur einer gleichgewichtigen marginalen Substitution, auf die sich das Argument stützt, dass das organisatorische Design wirtschaftlicher Allokation nicht von Produktionskosten, sondern von Transaktionskosten abhängt.[238] Im 1946er Aufsatz ist es die gedankliche Figur der Opportunitätskosten, auf die sich das Argument stützt, dass die alternative Verwendung von Ressourcen und die hiermit verbundene Nutzenstiftung mitbedacht werden muss, wenn man im Wege einer Regulierung natürlicher Monopole nicht zu mehr, sondern tatsächlich zu weniger Ressourcenverschwendung beitragen will.[239] Im 1960er Aufsatz ist es der fundamentale Gedanke der Knappheit, auf den sich das Argument stützt, dass Pro-bleme schädigenden Verhaltens entgegen dem Augenschein nicht einseitig, sondern wechselseitig verursacht sind, so dass es nicht darum gehen kann, externe Effekte um jeden Preis zu internalisieren, sondern allenfalls darum, die mit der Schadensregulierung verbundenen Kosten so gering wie möglich zu halten.[240] Zu diesem Zweck schlägt Coase vor, von einer – interventionistischen – Ex-Post-Maximierung zu einer – rechtspolitischen – Ex-Ante-Maximierung gesellschaftlicher Wohlfahrt überzugehen.
|156|5. Zwischen Wohlfahrtsökonomik und Institutionenökonomik? – Zu den Rezeptionsschwierigkeiten des Coase-Ansatzes
Die bisher rekonstruierten Coase-Aufsätze sind rein verbal gehalten. Sie verzichten auf formale Modellierung und auf hiermit verbundene technische Finessen. Statt dessen konzentrieren sie sich auf Argumente. Diese Argumente sind denkbar einfach strukturiert, je geradezu simplistisch – und dennoch sind sie grundlegend missverstanden worden. Lange Zeit wurde ihre Bedeutung für eine ökonomische Analyse institutioneller Arrangements nicht erkannt, und zudem wurde – und wird – die hiermit verbundene Herausforderung der Wohlfahrtstheorie unterschätzt, jener Theorie also, welche das ökonomische und insbesondere wirtschaftspolitische Denken des 20. Jahrhunderts über weite Strecken maßgeblich bestimmt hat. Woran kann das liegen? Worin bestehen die Hindernisse einer angemessenen Rezeption? Inwiefern leisten die Aufsätze selbst der Tendenz Vorschub, die Kernbotschaft des Coase-Ansatzes misszuverstehen? Und nochmals: Worin genau besteht die Kernbotschaft? Und was ist aus heutiger Sicht an dieser Kernbotschaft zu kritisieren?
(1) Zur Beantwortung dieser Fragen ist zunächst auf zwei Faktoren hinzuweisen, die Missverständnisse gefördert haben könnten. Erstens: In allen drei Aufsätzen wird das ökonomische Kernproblem als Allokationsproblem aufgefasst, als Problem einer optimalen Ressourcenverwendung. Vor allem im 1946er und im 1960er Aufsatz präsentiert Coase seine Überlegungen als eine interne Kritik der Wohlfahrtsökonomik, so als ginge es darum, kategoriale Verbesserungen innerhalb dieses Paradigmas vorzunehmen, anstatt das Paradigma zu wechseln. Coase akzeptiert ausdrücklich, dass die gesellschaftliche Wohlfahrt maximiert werden soll und macht lediglich geltend, dass sie durch eine angemessene Berücksichtigung von Transaktionskosten erfolgreicher maximiert werden kann. Coase präsentiert seine institutionenökonomischen Überlegungen als bessere Wohlfahrtsökonomik. Dies macht es schwer, den von Coase propagierten Wechsel des Ansatzes nicht als eine normalwissenschaftliche Anregung, sondern statt dessen als eine revolutionäre Herausforderung des dominierenden Paradigmas wahrzunehmen.
Zweitens: Der Anschein, es handle sich um Fortschrittsbemühungen innerhalb des wohlfahrtsökonomischen Paradigmas, wird auch dadurch verstärkt, dass Coase sein Bemühen um eine grundlegende Änderung eingeschliffener Problemstellungen an manchen Stellen nicht als Konstruktivismus, sondern – so scheint es – als Empirismus ausweist. Dies ist tendenziell irreführend. Dass es Coase nämlich nicht um ein einfaches Sammeln von Daten geht, zeigt sich zum einen an seiner Kritik des von der deutschen Historischen Schule maßgeblich beeinflussten amerikanischen Institutionalismus.[241] Zum anderen zeigt es sich daran, dass Coase sich von einer stärker empirisch ausgerichteten Forschung dezidiert konstruktivistische Fortschrittsbeiträge verspricht. So heißt es in der Ergänzungsstudie zum 1937er Aufsatz:
|157|„I have suggested that what is wanted is a large-scale systematic study of the organization of industry … I have also suggested that this would yield best results if conducted in an atmosphere in which the scientific spirit is not contaminated by a desire (or felt obligation) to find quick solutions to difficult policy issues. … This proposal for more research is founded on my belief that it is unlikely that we shall see significant advances in our theory of the organization of industry until we know more about what it is that we must explain. An inspired theoretician might do as well without such empirical work, but my own feeling is that the inspration is most likely to come through the stimulus provided by the patterns, puzzles, and anomalies revealed by the systematic gathering of data, particularly when the prime need is to break our existing habits of thought.“[242]




