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(2) Im übrigen ist es aufschlussreich, dass Coase sich die Frage nach den Gründen für die Rezeptionsschwierigkeiten seines Ansatzes selbst gestellt und retrospektiv wie folgt beantwortet hat: Er schließt eigene Unzulänglichkeiten hinsichtlich der argumentativen Darstellung nicht aus. Als Haupthindernis jedoch identifiziert er den tiefgreifenden Paradigmawechsel, der mit seinem Ansatz verbunden ist.[243] Dieser Ansatz beruht auf einem Element der Selbst-referentialität. Coase geht es darum, die Mängel ökonomischer Theorie mit Hilfe ökonomischer Theorie zu heilen. Hierin sieht er den gemeinsamen Kern seiner drei zentralen Aufsätze und der jeweils zugehörigen Ergänzungsstudien.[244]
„In mainstream economic theory, the firm and the market are, for the most part, assumed to exist and are not themselves the subject of investigation. One result has been that the crucial role of the law in determining the activities carried out by the firm and in the market has been largely ignored. What differentiates the essays in this book is not that they reject existing economic theory … but that they employ this economic theory to examine the role which the firm, the market, and the law play in the working of the economic system.“[245]
Der Ansatz, den Coase an die Stelle der wohlfahrtsökonomischen Theorie treten lassen möchte, ist ein institutionenökonomischer Ansatz mit positiven und normativen Implikationen. Auf der einen Seite möchte Coase das Verständnis institutioneller Arrangements fördern, indem er diese nicht nur als Restriktion, sondern zusätzlich auch als Objekt individueller Wahlhandlungen aufgefasst wissen möchte (‚institutional choice‘ als Erklärungsansatz). Auf der anderen |158|Seite möchte Coase die politische Gestaltung des gesellschaftlichen Institutionensystems ihrerseits als eine – nach Möglichkeit zu optimierende – Wahlhandlung aufgefasst wissen (‚institutional choice‘ als Steuerungsansatz).[246] Hierbei macht er sich die wohlfahrtsökonomische Vorstellung einer gesellschaftlichen Maximierung ausdrücklich zu eigen.
„Individuals and organizations will, in furthering their own interests, take actions which facilitate or hinder what others want to do. They may supply labour services or withdraw them, provide capital equipment or decline to do so, emit smoke or prevent it, and so on. The aim of economic policy is to ensure that people, when deciding which course of action to take, choose that which brings about the best outcome for the system as a whole. As a first step, I have assumed that this is equivalent to maximizing the value of total production (and in this I am Pigovian).“[247]
(3) Auf den ersten Blick spricht somit einiges für die These, dass Coase den Paradigmawechsel von der Wohlfahrtsökonomik zur Institutionenökonomik als Wegbereiter ermöglicht hat, ohne jedoch diesen Paradigmenwechsel selbst vollständig zu vollziehen. Hierzu wäre es nötig gewesen, das ökonomische Problem nicht als gesellschaftliche Maximierung, sondern als gesellschaftliche Koordinierung aufzufassen: als Gestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen für je individuelle Maximierungsanstrengungen. Die radikale Schlussfolgerung, einer solchen Koordinierung nicht das Kriterium allokativer Effizienz, sondern das Kriterium demokratischer Zustimmung zugrunde zu legen, d.h. sich von der Hypothek utilitaristischen Denkens endgültig zu verabschieden, ist nicht von Ronald Coase gezogen worden, sondern von James Buchanan, mit dessen Name sich das Forschungsprogramm konstitutioneller Ökonomik verbindet.[248] Erst in neuerer Zeit wird gesehen, dass dies eine weitere, nicht minder radikale Konsequenz nach sich zieht, die Schlussfolgerung nämlich, den ökonomischen Ansatz von einer Aktions-Analyse auf eine Interaktions-Analyse umzustellen: auf eine Anreizanalyse sozialer Dilemmata, die einen systematischen Ansatzpunkt für Konsens hinsichtlich institutioneller Arrangements und ihrer institutionellen Reform bietet.[249] Von daher wird man Coase nicht gut zum Vorwurf machen können, dass er nicht bereits alle theoriestrategischen Implikationen des von ihm geforderten Paradigmawechsels von vornherein selbst gesehen und antizipiert hat.
Allerdings ist an dieser Stelle auf einen wichtigen Punkt hinzuweisen, der das Verständnis des Transaktionskosten-Begriffs betrifft. Wird der Paradigmawechsel von der Wohlfahrtsökonomik zur Institutionenökonomik konsequent vollzogen, so verabschiedet man sich nicht nur von der Vorstellung einer gesellschaftlichen |159|Wohlfahrtsmaximierung, sondern zugleich auch von der Vorstellung, es sei wünschenswert, Transaktionskosten zu minimieren. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich die Funktionsweise einer Institution veranschaulicht, die, so Coase, in der ökonomischen Literatur noch stärker vernachlässigt und folglich noch weniger verstanden worden ist als die Institution der Firma, nämlich die Funktionsweise der Institution des Marktes (Abb. 5).[250]

Das Marktschema
Abbildung 5 enthält eine schematische Darstellung der Anbieter (A) und Nachfrager (N), die auf einem Markt zusammentreffen. Hier lassen sich horizontale und vertikale Beziehungen – genauer: Interaktions-Beziehungen – unterscheiden. Jede dieser Beziehungen ist dadurch gekennzeichnet, dass mindestens zwei Akteure beteiligt sind und dass die beteiligten Akteure simultan gemeinsame und konfligierende Interessen aufweisen. Ein funktionierender Markt ist nun so beschaffen, dass in vertikalen Beziehungen die gemeinsamen Interessen dominieren, so dass ein wechselseitig vorteilhafter Tausch auch tatsächlich zustande kommt, während in horizontalen Beziehungen die konfligierenden Interessen dominieren, so dass Kartellhandlungen unterbunden werden, obwohl auf jeder Marktseite ein gemeinsames Interesse an einem eigenen Kartell besteht. Vor diesem Hintergrund ist nun auf vier Punkte aufmerksam zu machen.
Erstens ist es in der Tat wichtig, die Transaktionskosten für vertikale Interaktionen möglichst gering zu halten, um gesellschaftlich produktive Tauschakte zu unterstützen. Hierzu dient nicht zuletzt die staatliche Durchsetzungsgarantie privatrechtlicher Verträge.
Zweitens ist es jedoch mindestens ebenso wichtig, die Transaktionskosten für horizontale Interaktionen hinreichend hoch zu halten, um gesellschaftlich unproduktive ‚Tauschakte‘ zu Lasten Dritter in Form von Kartellen zu unterbinden. Hierzu dient nicht zuletzt das Wettbewerbsrecht sowie generell der Versuch, Märkte offen zu halten, um eine wirksame Marktabschottung auch durch potentiellen Wettbewerb zu erschweren.
Drittens ist der systematische Zusammenhang zu beachten: Höhere horizontale Transaktionskosten dienen dazu, die vertikalen Transaktionskosten zu |160|senken. Die Unterbindung von Kartellen erst macht es möglich, Wettbewerbsanreize nutzen zu können, um auch solche Gegenleistungen individuell rational werden zu lassen, die nur schwer justitiabel gemacht werden können. Zugespitzt formuliert: Die rechtsstaatliche Kontrolle und die Kontrolle durch Konkurrenten sind funktionale Komplemente in der gesellschaftlichen Herstellung von Anreizkom-patibilität.
Viertens: Auch wenn eine gezielte Erhöhung von Transaktionskosten eingesetzt wird, um letztlich Transaktionskosten zu senken, liegt die Rationalität eines funktionierenden Marktes nicht in einer Minimierung der insgesamt anfallenden Transaktionskosten, sondern in der allgemeinen Zustimmungsfähigkeit der Anreizstruktur für die betroffenen Marktteilnehmer. Nicht Effizienz, sondern Konsens ist hier das entscheidende Merkmal. – Normativ gewendet, sollten Märkte so ausgestaltet werden, dass sie die gemeinsamen Regelinteressen aller Marktteilnehmer – genauer: aller Bürger – zur Geltung bringen, indem sie Konkurrenz als Instrument gesellschaftlicher Kooperation einsetzen. Es geht darum, das für die Möglichkeit demokratischer Politik unverzichtbar wichtige konsensuale Potential zu aktivieren, das in einer institutionellen, d.h. anreizgestützten, (De-)Stabilisierung (un-)produktiver Interaktionen liegt.[251]
(4) Es geht hier nicht darum, Coase von einer Position aus zu kritisieren, die ohne seine Pionierleistungen wohl kaum zu erreichen gewesen wäre. Seine Leistung besteht darin, wie nur wenige andere der Institutionenökonomik als einer Alternative zur Wohlfahrtsökonomik zum Durchbruch verholfen zu haben. Dass das Neue noch einige Reste des Alten mit sich führt, ist kein Einwand gegen das Neue, sondern allenfalls eine Herausforderung, genauer auf die Übergänge zu achten und exakt jene Unterschiede herauszuarbeiten, durch die sich das Neue vom Alten abhebt. Der in dieser Hinsicht neuralgische Punkt ist die Vorstellung gesellschaftlicher Maximierung, die in den drei bisher rekonstruierten Aufsätzen nicht aufgegeben wird.[252] Folglich sieht es zunächst so aus, als bleibe Coase gleichsam auf halber Strecke stehen, als mache er Halt im unwirtlichen Niemandsland zwischen Wohlfahrtsökonomik und Institutionenökonomik. Sein Werk wäre dann primär eine Übergangserscheinung und allenfalls unter theoriegeschichtlichen Aspekten interessant. Allerdings wäre es voreilig, einen solchen Schluss zu ziehen, bevor nicht noch ein weiterer Aufsatz rekonstruiert wird, der Aufschluss darüber geben kann, was auch heute noch von dem den Coase-Aufsätzen zugrunde liegenden Ansatz gelernt werden kann.
|161|6. Der Aufsatz „How Should Economists Choose?“ (1982)
In diesem Aufsatz führt Ronald Coase eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der methodologischen Position von Milton Friedman, derzufolge das entscheidende Qualitätskriterium einer wissenschaftlichen Theorie in ihrer Prognosefähigkeit liegt.[253] Coase erhebt den Anspruch, mit Friedman gegen Friedman zu argumentieren – genauer: mit dem Ökonom Friedman gegen den Methodologen Friedman.[254] In der Tat wählt Coase einen dezidiert ökonomischen Zugang zum Thema: „Many economists, perhaps most, think of economics as the science of human choice, and it seems only proper that we should examine how economists themselves choose the theories they espouse.“[255] Es geht Coase also nicht um eine allgemeine Wissenschaftstheorie, sondern – spezifischer – um eine Wissenschaftstheorie von und für Ökonomen.
Insgesamt erhebt Coase drei Einwände gegen Friedmans Position. Der erste Einwand besteht in dem Hinweis, dass es nicht nur auf die prognostische, sondern auch – laut Coase: sogar vor allem – auf die heuristische Qualität einer Theorie ankommt: Die wichtigste Leistung einer wissenschaftlichen Theorie bestehe nicht in empirisch prüfbaren Voraussagen über die Realität, sondern in einer Anleitung des Denkens. Coase sieht in Theorien primär eine Strukturierungshilfe für intellektuelle Orientierung.[256] Der zweite Einwand betrifft Friedmans Aussage, dass es vorrangig auf den Prognoseerfolg und deshalb allenfalls nachrangig auf die Realitätsnähe der Annahmen ankomme: Nicht der Theorie-Input, sondern der Theorie-Output entscheide über die Qualität einer Theorie. Gegen diese Auffassung macht Coase folgende Überlegung geltend: „Testable predictions are not all that matters. And realism in assumptions is needed if our theories are ever to help us understand why the system works in the way it does. Realism in assumptions forces us to analyze the world that exists, not some imaginary world that does not.“[257] Es ist also weniger eine etwaige Realitätsnähe der Annahmen per se, die Coase für wichtig hält, als vielmehr eine gewisse Realitätsnähe zur theoretischen Verankerung relevanter Problemstellungen – genauer: zur Verankerung der Theorie gegen eine leicht zur Irrelevanz neigende Autopoiesis freischwebender Intelligenz. Coase möchte offenbar verhindern, dass von methodologischer Seite der Tendenz Vorschub geleistet wird, die ökonomische Theoriebildung auf imaginäre Modellwelten zu spezialisieren und dadurch von gesellschaftlich relevanten Forschungsproblemen abzukoppeln.
Der dritte Einwand, und erst dieser ist grundlegend, beruht auf der Beobachtung, dass Friedmans Methodologie selbst nicht eine positive, sondern eine normative |162|Theorie formuliert.[258] Diese Beobachtung nimmt Coase nun zum Anlass, die Fragestellung zu ändern. Er will nicht untersuchen, wie sich Ökonomen bei der Auswahl konkurrierender Ansätze verhalten sollten, sondern wie sie sich bei einer solchen Theoriewahl tatsächlich verhalten. Zu diesem Zweck analysiert er drei spektakuläre Theorieerfolge aus den 1930er Jahren: Anhand der Rezeption der Arbeiten von F.A. von Hayek, J.M. Keynes sowie E. Chamberlin und J. Robinson gelangt Coase zu dem Schluss, dass der Prognoseerfolg ihrer Theorien für den Rezeptionserfolg eine allenfalls untergeordnete Rolle gespielt hat, so dass sich die ökonomische Profession bei ihrer Theoriewahl mehrfach deutlich anders verhalten hat, als es die Friedmansche Methodologie postuliert.[259] Erst vor diesem Hintergrund formuliert Coase seinen dritten Einwand, den Einwand nämlich, dass eine Befolgung der Friedmanschen Methodologie den Wissenschaftsprozess blockieren würde: „An insistence that the choice of theories be made in accordance with Friedman’s criteria would paralyze scientific activity.“[260]
Zur Erläuterung dieses Einwands erörtert Coase die Rolle, die die empirische Forschung für die ökonomische Theoriebildung spielen kann. Zum einen weist er die Vorstellung zurück, das Sammeln und Analysieren von Daten gehe der Theoriebildung – gleichsam induktiv – voran. Unter Verweis auf seine Erfahrungen als Herausgeber des „Journal of Law and Economics“ schreibt er über die dort veröffentlichten empirischen Studien: „I doubt whether such studies have often led to a change in the views of the authors. My impression is that these quantitative studies are almost invariably guided by a theory and that they may most aptly be described as explorations with the aid of a theory. In almost all cases, the theory exists before the statistical investigation is made and is not derived from the investigation.“[261] Zum anderen macht er darauf aufmerksam, dass eine Umsetzung der Friedmanschen Methodologie auf gewaltige Anreizprobleme stoßen würde:
„There is little profit in undertaking an investigation that is expected to show that a theory in which no one believes yields incorrect predictions, and I doubt whether any editor of a professional journal could be found who would be willing to publish a paper giving the results of such an investigation. If all economists followed Friedman’s principles in choosing theories, no economist could be found who believed in a theory until it had been tested, which would have the paradoxical result that no tests would be carried out. This is what I meant when I said that acceptance of Friedman’s methodology would result in the paralysis of scientific activity. Work could certainly continue, but no new theories would emerge.“[262]
Vor diesem Hintergrund zieht Coase folgendes Fazit: Er widerspricht der Vorstellung, empirische Studien seien die Entscheidungsinstanz für theoretischen Erfolg. Trotzdem hält er sie für wichtig, und zwar deshalb, weil sie bei der Entscheidung |163|für oder gegen Theorien eine bestimmte Rolle spielen können. Hierbei legt Coase großen Wert auf die Feststellung, dass die Theoriewahl von Wissenschaftlern getroffen wird und dass der Wissenschaftsprozess als ein sozialer Prozess aufzufassen ist. Demzufolge müsse die Rolle empirischer Forschung von ihrer Funktion in diesem sozialen Prozess her bestimmt werden. Konkret heißt dies, so Coase, dass empirische Studien eine Marketingfunktion auf dem Markt wissenschaftlicher Ideen übernehmen können:
„Quantitative studies … may give someone who believes in a theory a better idea of what that theory implies. But such studies … also play … another and very important role. The choice economists face is a choice between competing theories. These studies … perform a function similar to that of advertising and other promotional activities in the normal products market. They do not aim simply at enlarging the understanding of those who believe in the theory but also at attracting those who do not believe in it and at preventing the defection of existing believers. … What we are dealing with is a competitive process in which purveyors of the various theories attempt to sell their wares.“[263]
Coase ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass diese provokante Analogisierung von Wissenschaftsprozess und Marktprozess ein wichtiges (Folge-)Problem nach sich zieht: Wie kann die Wissenschaftlichkeit des Wissenschaftsprozesses konstituiert werden, wenn sie nicht durch das Ethos der einzelnen Wissenschaftler garantiert ist? – Diese Frage stellt sich, so Coase, besonders dringlich für die ökonomische Wissenschaft, die aufgrund ihrer Politiknähe stärker als andere Disziplinen der Gefahr ausgesetzt ist, dass Theoriebildung, Theorierezeption und Theorieakzeptanz von anderen als nur rein wissenschaftlichen Motiven bestimmt werden.
Auf die so gestellte Frage antwortet Coase als Ökonom. Seine Antwort besagt, dass es im Wissenschaftsprozess – analog zum Markt – weniger auf die Handlungsmotive als vielmehr auf die Handlungsanreize ankomme und dass diese – analog zum Markt – institutionell: mit Hilfe wettbewerblicher Anreize, so gesetzt werden können – und tatsächlich auch weitgehend so gesetzt sind –, dass sanktionsbewehrte Reputationseffekte der Gefahr intellektueller Korruption hinreichend vorbeugen. Freilich verschweigt Coase nicht, dass eine solche Organisation des Wissenschaftsprozesses auch aus ökonomischer Sicht Chancen und Risiken in sich birgt: Auf der einen Seite sei mit Reputationseffekten innerhalb der Profession die Chance verbunden, sich gegen wissenschaftsfremde Einflüsse – insbesondere gegen tages- und parteipolitischen Opportunismus – wirksam abzuschirmen. Auf der anderen Seite bringe gerade dies die Gefahr mit sich, dass sich eine Profession, wie ein Kartell, gegen unbequeme Neuerungen abschotte. Zur Illustration dieses Problems – und der institutionellen Optionen zur Lösung dieses Problems – verweist Coase darauf, dass die neue Disziplin „Law and Economics“ nicht an ökonomischen Fakultäten, sondern an juristischen Fakultäten beheimatet ist und dass die ursprünglichen Akzeptanzschwierigkeiten in der ökonomischen Profession nur aufgrund wettbewerblicher Strukturen des Universitätssystems – einschließlich einer an finanzielle Verantwortung gekoppelten Entscheidungsautonomie einzelner Departments, Forschungsinstitute und Stiftungen – überwunden werden konnten.
|164|Diese Überlegungen münden schließlich in die eigentliche These des Aufsatzes. Diese sei hier im vollen Wortlaut wiedergegeben, weil sie wie kaum ein anderes Zitat deutlich werden lässt, dass Coase auch hier seinem konstruktivistischen Ansatz treu bleibt, dem Ansatz nämlich, mit Hilfe ökonomischer Theorie – hier: mit Hilfe der ökonomischen Unterscheidung zwischen individuellen Handlungen und institutionellen Handlungsanreizen – eine eingefahrene Problemstellung aufzusprengen und so eine neue, fruchtbare Frage aufzuwerfen, verstanden als Einladung, die Welt auch einmal aus der Perspektive einer komparativen Institutionenökonomik zu betrachten:
„I started … by asking, How should economists choose? I have ended by discussing the organization and finance of academic activities. I do not think that I have lost my way. Instead of confining ourselves to a discussion of the question of how economists ought to choose between theories, developing criteria, and relying on exhortation or perhaps regulation to induce them to use these criteria in making their choices, we should investigate the effect of alternative institutional arrangements for academic studies on the theories that are put into circulation and on the choices that are made. From these investigations we may hope to discover what arrangements governing the competition between theories are most likely to lead economists to better choices. Paradoxically, the approach to the methodological problem in economics that is likely to be most useful is to transform it into an economic problem.“[264]
7. Resümee
Bei der mit diesem Aufsatz zur Diskussion gestellten Interpretation der Schriften von Ronald Coase geht es nur vordergründig um die Frage, ob sein Werk nun zwei – so das Nobelpreis-Komitee – oder drei – so Coase selbst – oder gar vier – so die hier vertretene Lesart – grundlegende Aufsätze enthält. Den Hintergrund der Überlegungen bildet vielmehr die Frage, was man noch heute von Coase lernen kann. Der hier entwickelten Antwort liegt die These zugrunde, dass man die Theorieleistung von Coase unterschätzt, wenn man in ihm primär den ‚Entdecker‘ der Transaktionskosten-Kategorie sieht. Das Werk hat auch mehr zu bieten als die Erkenntnis zweier unbestritten wichtiger Aufsätze, die Erkenntnis nämlich, dass Transaktionskosten wichtig sind: zum einen – positive Analyse – für das Verständnis wirtschaftlicher Organisationsstrukturen; zum anderen – normative Analyse – für die rechtliche Gestaltung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Der Gehalt des Coaseschen Gesamtwerks wird auch nicht durch einzelne Botschaften erschöpft wie etwa die, dass Regierungen bei der Regulierung komplexer wirtschaftlicher Sachverhalte mehr Schaden als Nutzen anrichten können – nicht: müssen – oder etwa die, dass z.B. bei der politischen Handhabung von Umweltproblemen nicht einfach dem Augenschein vertraut werden darf, sondern dass statt dessen von einer stets reziproken Verursachung des Problems ausgegangen werden muss, wodurch sich dann eine kurzschlüssige Bestrafung ‚offensichtlicher‘ Verursacher verbietet.
|165|Entgegen solchen eher oberflächlichen Bestimmungen wird hier versucht, die Theorieleistung von Ronald Coase auf einer anderen, fundamentaleren Ebene zu verorten und einen – von der einschlägigen Literatur bislang weitgehend unbemerkt gebliebenen – Ansatz zu identifizieren, der nicht nur den zwei oder drei unbestritten wichtigen Aufsätzen (sowie den Ergänzungsstudien), sondern mindestens noch einem vierten Aufsatz zugrunde liegt. Es handelt sich um einen konstruktivistischen – und als konstruktivistisch ausdrücklich ausgewiesenen – Ansatz, d.h. um einen Ansatz, der sich darum bemüht, das ökonomische Denken mit geeigneten Denkkategorien zu versorgen. Besonders anregend hierbei ist, dass Coase die für ihn offenkundigen Defizite ökonomischer Theorie nicht dadurch zu heilen versucht, dass er die nötigen Korrekturen durch einen Rekurs auf externe Instanzen – vulgo: ‚Interdisziplinarität‘ – in die Disziplin hinein trägt, sondern dadurch, dass er gerade umgekehrt die nötigen Korrekturen aus der Ökonomik heraus entwickelt.
Gerade das Nebeneinanderstellen der insgesamt vier als grundlegend rekonstruierten Coase-Aufsätze erlaubt es, den konstruktivistischen Ansatz vergleichend nachzuvollziehen: Es dürfte deutlich geworden sein, dass Coase seinen Einwand gegen die methodologischen Empfehlungen Friedmans als eine interne Kritik vorbringt und dass gerade hierin eine – für ein Verständnis seines konstruktivistischen Ansatzes aufschlussreiche – Analogie liegt zu seinen Einwänden gegen die wirtschaftspolitischen Empfehlungen der Wohlfahrtsökonomik: In beiden Fällen erfolgt eine völlige Dekonstruktion der Gegenposition, die durch eine interne Kritik eingeleitet wird und in der Vorstellung einer institutionenökonomischen Position ihren Abschluss findet, stets nach dem Motto: „Modern institutional economics is economics as it ought to be.“[265] Es ist diese Perspektive und die konstruktivistische Einführung dieser Perspektive, von der wir noch heute lernen können, isnbesondere dort, wo es auf eine den (Politik-)Problemen angemessene Wahrnehmung relevanter Alternativen ankommt.
8. Nachtrag 2016
Viele berühmte Ökonomen bleiben arbeitsame und sogar produktive Wissenschaftler bis ins hohe Alter hinein. Aber auch in dieser Hinsicht treibt Ronald Coase es auf die Spitze, als er – gemeinsam mit dem Ko-Autor Ning Wang – im März 2012 im biblischen Alter von 101 Jahren ein aufsehenerregendes und ausgesprochen lesenswertes Buch über Chinas Reformprozess publiziert.[266]
Die Hauptthese des Buches besteht darin, dass Chinas Wandel zur Marktwirtschaft – entgegen zahlreicher Darstellungen – nicht auf eine Top-Down-Strategie der Kommunistischen Partei zurückzuführen ist, sondern stattdessen auf vier „marginalistische Revolutionen“, mit denen der Privatsektor von fesselnden Regulierungen befreit wurde. Diese Revolutionen betrafen den Agrarsektor, die Kommunalunternehmen, das Entstehen privater Unternehmen und schließlich die Einführung von experimentierfreudigen Sonderwirtschaftszonen. Die Pointe |166|dieses historischen Narrativs besteht darin, dass es nicht die strategische Weitsicht einer starken kommunistischen Führung war, die China ein welthistorisch einmaliges Wirtschaftswunder beschert hat, sondern vielmehr der politische Entschluss, entgegen der kommunistischen Ideologie schrittweise Rechtssicherheit und wirtschaftlichen Freiraum zu gewähren. Chinas Erfolg wird hier als ein Deregulierungs-Erfolg gedeutet, in den die Führung mehr oder weniger hineingestolpert ist, sobald sie damit anfing, partiell auf marktlichen Leistungswettbewerb zu setzen.




