- -
- 100%
- +
Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel der folgenden Ausführungen, die Spezifika des Olsonschen Ansatzes, seine Problemstellung, herauszuarbeiten. Es geht um eine konstruktive Lesart für das Gesamtwerk: Worin liegen die positiven – gesellschaftstheoretischen – und normativen – gesellschaftspolitischen – Beiträge, die sich mit diesem Werk verbinden? Zu welchen Erkenntnissen führt Olsons Bemühen um theoretische Integration, und welche forschungsstrategischen Konsequenzen lassen sich daraus ableiten? Um diese Fragen zu beantworten, erweist es sich als zweckmäßig, das Werk chronologisch in drei Teile zu untergliedern, die sich durch eine jeweils eigenständige und eigentümliche Problemstellung auszeichnen: in die „Logik des kollektiven Handelns“[60], in „Aufstieg und Niedergang von Nationen“[61] und in die neueren Schriften[62], die im Wege einer komparativen Analyse politischer Regimes Autokratie und Demokratie miteinander vergleichen. In Bezug auf diese drei Teile, die nicht nur zeitlich aufeinanderfolgen, sondern auch inhaltlich aufeinander aufbauen, lässt sich eine Entwicklungslogik nachzeichnen, die deutlich werden lässt, welchen Beitrag Mancur Olson zu den theoretischen Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik leistet. Die im folgenden zu entwickelnde These lautet, dass sich Olson sowohl theoretische Integration als auch demokratische Aufklärung von einer konsequent ökonomisch instruierten, auf Anreizwirkungen abstellenden, Kategorienbildung verspricht.
1. Gruppentheorie: Das Problem der Instabilität kollektiven Handelns
(1) Die ökonomischen Klassiker, allen voran Adam Smith, beschäftigten sich mit der Funktionsweise von Märkten. Ihnen ging es um die Frage, wie wirtschaftliche Akteure durch Wettbewerb dazu veranlasst werden können, ihre individuellen Handlungen via Tausch in den Dienst anderer Akteure zu stellen. Ihr Thema war, wie eine dezentrale Fremdversorgung mit privaten Gütern zustandekommen kann. Dass dies überhaupt möglich sein könnte, war eine gesellschaftstheoretische Entdeckung ersten Ranges. Sie dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Ökonomik sich zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin hat entwickeln können, zu einer Disziplin, die ihre Eigenständigkeit nicht vordergründig von einem bestimmten Gegenstandsbereich her bezieht, sondern letztlich methodisch: als Anreizanalyse, indem sie vor allem die nicht-intendierten Wirkungen intentionalen Handelns ins Zentrum der Betrachtung rückt. Diese Anreizanalyse setzt ein mit einer Irritation des Alltagsverstandes: Das Theorem der Unsichtbaren Hand ist, bis heute, kontra-intuitiv. Dass die wettbewerbliche Koordination individueller Handlungen am Markt zu sozial erwünschten Ergebnissen |45|führen kann, ist eine Einsicht, die sich dem Beobachter nicht von selbst aufdrängt und daher wohl auch weiterhin einer theoretischen Vermittlung bedarf, die den Blick hierfür schult.
(2) Mancur Olson wählt sich als Ausgangspunkt ein anderes Problem. Im Vordergrund seines Interesses steht zunächst nicht der Markt, sondern die Organisation. Ihn beschäftigt nicht so sehr die individuelle Fremdversorgung mit privaten Gütern als vielmehr die kollektive Selbstversorgung mit öffentlichen Gütern. Im Wege einer – rudimentären, aber wegweisenden – ökonomischen Anreizanalyse bestimmt Olson kollektives Handeln als individuelles Handeln in einer Gruppe. Er fragt nach den Bedingungen, unter denen rationale Akteure bereit sein werden, Gruppenbeiträge zu leisten. Da in einer Gruppe das Verhalten des einen Mitglieds vom Verhalten der anderen i.d.R. nicht unabhängig sein dürfte, verlangt die Behandlung dieses Problems einen Ansatz, der die Interdependenzen zwischen Gruppenmitgliedern explizit berücksichtigt. Olson verfügt jedoch nicht über das hierfür erforderliche spieltheoretische Instrumentarium. Seine Analyse erfolgt reaktionstheoretisch, nicht interaktionstheoretisch.[63] Sie bildet nur besondere Spezialfälle ab, und überdies arbeitet sie mit extrem vereinfachenden – und zudem oft nur impliziten – Annahmen.[64] Deshalb handelt es sich bei Olsons „Logik des kollektiven Handelns“ allenfalls im metaphorischen Sinn um eine wirkliche Logik. Am besten liest man seine ‚Logik‘ daher als eine Sammlung von Tendenzaussagen, deren Gültigkeit strikt situationsabhängig ist und somit im jeweiligen Problemkontext allererst überprüft werden muss. Nicht als Logik also, wohl aber als Sammlung von Tendenzaussagen ist Olsons ‚Logik‘ kollektiven Handelns von hohem heuristischem Wert
Die wichtigsten dieser Tendenzaussagen beziehen sich auf die Größe und Zusammensetzung von Gruppen. Generell macht Olson in seiner ‚Logik‘ geltend, dass kollektives Handeln keineswegs automatisch zu einer optimalen Bereitstellung öffentlicher Güter führt. Hinsichtlich der Gruppengröße führt er aus, dass solche Ineffizienzen kollektiver Selbstversorgung um so größer sind, je mehr Mitglieder zur Gruppe gehören. Hinsichtlich der Gruppenzusammensetzung führt er aus, dass es in Gruppen mit heterogenen Mitgliedern zu einer vergleichsweise sehr ungleichen Verteilung der Beitragslasten kommen kann, und zwar insbesondere dann, wenn es sich nicht für jedes Mitglied, mindestens aber für ein Mitglied der Gruppe lohnt, allein zur Bereitstellung des öffentlichen Gutes beizutragen. Die Abbildungen 1 und 2 enthalten jeweils eine extrem vereinfachte Illustration dieser Tendenzaussagen.
In Abbildung 1 ist eine additive Produktionsfunktion für das öffentliche Gut Y unterstellt, d.h. das Bereitstellungsniveau für die Gruppe wird durch die Summe der individuellen Beiträge yi zum öffentlichen Gut bestimmt.[65]

Suboptimale Gruppenversorgung
Die Gerade I gibt die individuelle marginale Zahlungsbereitschaft eines repräsentativen Gruppenmitglieds für das öffentliche Gut wieder. Die marginale Zahlungsbereitschaft der Gruppe ergibt sich rechnerisch durch eine Addition – graphisch: durch eine Vertikaladdition – der individuellen marginalen Zahlungsbereitschaften. Es werden identische Mitglieder mit identischen marginalen Zahlungsbereitschaften unterstellt. Je mehr Mitglieder n die Gruppe umfasst, desto steiler verläuft die Gerade Sn, die angibt, wieviel die gesamte Gruppe zu zahlen bereit wäre, um sich mit einer zusätzlichen Einheit des öffentlichen Gutes zu versorgen. Abgebildet sind die marginalen Zahlungsbereitschaften für zwei, drei und vier Gruppenmitglieder. Wird für die Gruppenmitglieder Nash-Verhalten unterstellt, so vergleichen sie bei ihren individuellen Entscheidungen über das von ihnen präferierte Bereitstellungsniveau des öffentlichen Gutes die Grenzkosten GK mit ihrer jeweils individuellen marginalen Zahlungsbereitschaft, nicht jedoch mit der marginalen Zahlungsbereitschaft der Gruppe. Sie vernachlässigen also gewissermaßen den positiven externen Effekt, der von ihrem Beitrag auf die anderen Gruppenmitglieder ausgeht. Unter diesen Annahmen ergibt sich: Die individuell rationale Entscheidung fällt nur dann mit der gruppenoptimalen Entscheidung zusammen – y1 = Y1 –, wenn die Gruppe nur ein einziges Mitglied |47|umfasst, also keine Gruppe im üblichen Verständnis ist. Für wirkliche Gruppen mit mindestens zwei Mitgliedern belaufen sich die – gemäß der Annahme eines Pareto-Gleichgewichts – gruppenoptimalen Bereitstellungsniveaus auf Y2, Y3 bzw. Y4, die individuellen Beiträge jedoch nur auf jeweils Y1/2, Y1/3 bzw. Y1/4: Je mehr Mitglieder die Gruppe hat, desto größer ist der vernachlässigte positive externe Effekt und desto gravierender ist folglich die Ineffizienz, d.h. die pareto-suboptimale (Unter-)Versorgung mit dem öffentlichen Gut.

Privilegierte Gruppe
In Abbildung 2 sind zwei heterogene Gruppenmitglieder unterstellt, deren individuelle marginale Zahlungsbereitschaften I1 und I2 sich unterscheiden. So ist das erste Individuum bereit, für eine Erhöhung des Bereitstellungsniveaus YP um eine weitere Einheit des öffentlichen Gutes den Preis c1 zu bezahlen, während das zweite Individuum den höheren Preis c2 zu zahlen bereit ist. Gemäß Olsons Terminologie sind die beiden Individuen entsprechend ihrer jeweiligen marginalen Zahlungsbereitschaft als kleines bzw. großes Gruppenmitglied einzustufen. Betragen die Grenzkosten beispielsweise GKP, so wird das kleine Gruppenmitglied von sich aus keinen Beitrag leisten, das öffentliche Gut bereitzustellen. Da es jedoch für das große Gruppenmitglied individuell rational ist, jenes Bereitstellungsniveau zu wählen, bei dem seine individuelle marginale Zahlungsbereitschaft genau den Grenzkosten entspricht, wird es auf eigene Kosten YP Einheiten des öffentlichen Gutes bereitstellen, die dem kleinen Gruppenmitglied zugutekommen, ohne dass es hierfür bezahlt. Olson spricht in diesem Fall – mit Blick auf den oder die Trittbrettfahrer – von einer „privilegierten Gruppe“, und er bezeichnet das für solche Gruppen charakteristische Opportunismusphänomen als „‚Ausbeutung‘ der Großen durch die Kleinen“.[66]

Latente Gruppe
Eine dritte Tendenzaussage lässt sich anhand von Abbildung 3 illustrieren. Betragen die Grenzkosten GKL, so überschreiten sie den Betrag cmax, den das größte Gruppenmitglied maximal zu zahlen bereit ist, um eine Einheit des öffentlichen Gutes zu erhalten. In diesem Fall ist die Gruppe nicht mehr privilegiert. Zwar ist das gruppenoptimale Versorgungsniveau auch weiterhin positiv – es beträgt YG –, doch bricht die kollektive Selbstversorgung zusammen. Eine Bereitstellung des öffentlichen Gutes unterbleibt. Hier kommt kollektives Handeln gar nicht erst zustande. Die Gruppe bleibt latent. Die virtuellen Gruppenmitglieder können ihr gemeinsames Interesse nicht verwirklichen. Typische Beispiele hierfür sind die weitgehend unorganisierten Gruppen der Steuerzahler und Konsumenten, also jene „vergessenen Gruppen“ – so Olson (1965, 1985; S. 163, im Original hervorgehoben) –, „die schweigend leiden“.
(3) Nimmt man diese drei Tendenzaussagen zusammen, so führt – ähnlich wie die Theorie der ökonomischen Klassiker – auch Olsons ‚Logik‘ kollektiven Handelns zu durchaus kontra-intuitiven Einsichten. Die hier besonders interessierenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ansätze lassen sich am besten mit Hilfe von Abbildung 4 veranschaulichen, in der die Fälle einer Stabilität bzw. Instabilität kollektiven Handelns mit den Fällen sozial erwünschter bzw. unerwünschter Ergebnisse zu einem Vier-Quadranten-Schema kombiniert sind.
Der Fall, mit dem sich die Klassiker vornehmlich beschäftigt haben, ist im ersten Quadranten anzusiedeln. Ihrer Marktanalyse zufolge ist es gerade die Abwesenheit kollektiven Handelns – etwa in Form von Anbieterkartellen –, die auf Märkten sozial erwünschte Ergebnisse ermöglicht. Demgegenüber ist das Problem, |49|mit dem sich Olsons ‚Logik‘ vornehmlich beschäftigt, den Quadranten II und IV zuzuordnen. Hier wäre kollektives Handeln wünschenswert, kommt aber nicht – oder nicht im erwünschten Ausmaß – zustande.

Die gruppentheoretische Fragestellung
Angesichts der offensichtlichen thematischen Unterschiede sollte jedoch eine wichtige Gemeinsamkeit hinsichtlich der Argumentationsstruktur nicht übersehen werden. Olsons Argument ist nämlich in gewisser Weise genau spiegelbildlich angesetzt: Für die ökonomischen Klassiker hängt das tatsächliche Verhalten der Menschen von ihren Handlungsanreizen ab. Diese können so beschaffen – genauer: im Wege institutioneller Arrangements so ausgestaltet – sein, dass individuelle Rationalität ausreicht, um wechselseitige Tauschpotentiale zu realisieren. Wie durch eine unsichtbare Hand gelenkt, stellen sich die sozial erwünschten Ergebnisse – etwa niedrige Wettbewerbspreise bei hoher Versorgungsquantität und -qualität – als vornehmlich nicht-intendierte Ergebnisse intentionalen, auf Gewinn ausgerichteten, Verhaltens ein. Diese dem Alltagsverstand scheinbar geradewegs zuwiderlaufende Pointe wird von Olson nahezu strukturgleich dupliziert: Wenn kollektives Handeln zustandekommt, d.h. wenn Gruppen sich in der Realität wirksam mit öffentlichen Gütern versorgen können (Quadrant IV), so ist dies für ihn ein Resultat, das prinzipiell im Rekurs auf individuelle Anreize zu erklären ist, angesichts der ‚Logik‘ kollektiven Handelns jedoch nicht als intendiertes Ergebnis, sondern vielmehr primär als nicht-intendiertes Ergebnis rekonstruiert werden muss. Ausschlaggebend für kollektives Handeln ist Olson zufolge nicht der Wille, unmittelbar zu einem öffentlichen Gut beizutragen, sondern vielmehr der Anreiz, dies mittelbar zu tun. Damit wird es zu einer Frage institutioneller Arrangements, ob Gruppenmitglieder sich – durch selektive Anreize – veranlasst sehen, im gemeinsamen Gruppeninteresse zu handeln. Am Beispiel: Olsons ‚Logik‘ zufolge wird man nicht Mitglied des ADAC, um eine Autofahrerlobby zu unterstützen, sondern man zahlt Beiträge, um in den Genuss privater Güter – etwa der Pannenhilfe oder anderer Serviceleistungen (Beratungen, Zeitschriften, Versicherungen) – zu kommen, die Nicht-Mitgliedern vorenthalten bzw. nicht kostenlos zugänglich gemacht werden, und man nimmt als Mitglied dann mehr oder weniger billigend in Kauf, dass ein Teil der Beiträge für Lobby-Tätigkeiten verwendet wird. Insofern ist Olsons gruppentheoretisches |50|Paradoxon, dass rationale Akteure gerade aufgrund ihrer individuellen Rationalität ein gemeinsames Gruppeninteresse nur mit Hilfe der Anreizwirkungen institutioneller Arrangements in sozial erwünschter Weise verfolgen können, das direkte Analogon zum klassischen Theorem der Unsichtbaren Hand.
2. Gesellschaftstheorie: Das Problem der Stabilität kollektiven Handelns
Die ‚Logik‘ kollektiven Handelns fragt aus Sicht der Gruppenmitglieder nach den Problemen, die bei der Realisierung eines gemeinsamen Gruppeninteresses auftreten können, sie identifiziert mit Gruppengröße und Gruppenzusammensetzung wichtige Einflussfaktoren dieser Probleme, und sie zeigt auf, inwiefern – positive oder negative – selektive Anreize eine Problemlösung liefern können. Mit ihrer Anreiz-Perspektive eröffnet die ‚Logik‘ den Zugang zu einer ökonomischen Rekonstruktion beispielsweise der Gewerkschaftsbewegung. Sie lässt die – für eine Solidaritätsbewegung an sich befremdliche – Anwendung von Zwang und Gewalt, aber auch die Einrichtung von ‚closed shops‘ und anderen Formen einer Mitgliedschaftspflicht als Versuche zur Mobilisierung kollektiven Handelns verständlich werden.[67]
Solche Einsichten sind gesellschaftstheoretisch relevant, aber gewonnen werden sie nicht aus einer Gesellschaftstheorie, sondern aus einer Gruppentheorie. Erst in seinen späteren Schriften – hier interpretiert als Teil II des Gesamtwerks – hat Olson versucht, aufbauend auf seiner ‚Logik‘ eine Gesellschaftstheorie zu entwickeln. Dabei ist gerade unter methodologischen Gesichtspunkten besonders interessant, dass diese Entwicklung auf einer Erweiterung, ja geradezu auf einer Umkehrung der gruppentheoretischen Fragestellung beruht. Hatte sich die (gruppentheoretische) ‚Logik‘ i.e.S. aus Sicht der Gruppenmitglieder mit den Schwierigkeiten bei der Organisation kollektiven Handelns beschäftigt, so rückt die nunmehr gesellschaftstheoretische ‚Logik‘ i.w.S. jene Schwierigkeiten ins Zentrum der Betrachtung, die sich – vor allem für Nicht-Mitglieder der Gruppe – ergeben, wenn es immer mehr Gruppen gelingt, die gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder wirksam zu verfolgen. Da diese Interessen unter Umständen auf Kosten Dritter verwirklicht werden, thematisiert die gesellschaftstheoretische ‚Logik‘ i.w.S. als paradigmatisches Problem – nicht die Instabilität, sondern gerade umgekehrt – die Stabilität kollektiven Handelns. Hierbei interessiert sich Olson insbesondere für die Frage, inwiefern Verteilungskoalitionen die Funktionsweise von Märkten beeinträchtigen. In gewisser Weise nimmt er dadurch das Thema der ökonomischen Klassiker teilweise wieder auf, vgl. Abbildung 5.[68]
|51|Olsons gesellschaftstheoretische Wendung der Gruppentheorie führt zu zahlreichen interessanten Überlegungen und Thesen. Seine Kernthese zum Niedergang von Nationen resultiert aus einer Kombination folgender Tendenzaussagen – vgl. Olson (1982, 1985; Kapitel 3, S. 46–98): (a) Die Organisation kollektiven Handelns braucht i.d.R. Zeit, und sie fällt (b) kleinen Gruppen systematisch leichter als großen. (c) Daher akkumulieren stabile Gesellschaften im Laufe der Zeit zwar immer mehr Organisationen, doch gibt es hinsichtlich der Interessenvertretung eine dauerhafte Asymmetrie zugunsten kleiner Gruppen. (d) Die Verteilungskoalitionen unter diesen Organisationen beeinträchtigen die statische und dynamische Effizienz der Gesellschaft; sie behindern die marktliche Allokation knapper Güter und Faktoren, und sie verringern die Anpassungsfähigkeit von Wirtschaft und Politik, zum Nachteil letztlich aller Bürger der Gesellschaft.

Die gesellschaftstheoretische Fragestellung
Diese Kernthese identifiziert einen Quasi-Automatismus zum Niedergang stabiler Gesellschaften. Deren Misserfolg ist um so größer, je erfolgreicher sich Verteilungskoalitionen zu kollektivem Handeln organisieren können.[69] Mit Hilfe dieser gesellschaftstheoretischen (positiven) These lassen sich zahlreiche gesellschaftspolitische (normative) Empfehlungen generieren. Olsons gesellschaftspolitische Kernaussagen lauten: (a) Gegenüber Interessengruppen ist eine Politik des Laisser-faire nicht opportun. Eine im Interesse aller Bürger auf Dauer erfolgreiche Gesellschaft bedarf daher (b) einer Anti-Kartellpolitik im Bereich der Wirtschaft und (c) einer analogen Politik in den übrigen ‚Bereichen‘ der Gesellschaft. (d) Ein (vorübergehend) wirksames Mittel, um den negativen Einfluss von Verteilungskoalitionen möglichst gering zu halten, ist die wirtschaftliche und/oder politische Integration. Sie erhöht die Gruppengröße, verschärft damit das Trittbrettfahrerproblem und erschwert so potentiellen Verteilungskoalitionen die Organisation kollektiven Handelns.
|52|Um die vorgeschlagene Lesart zu stützen, werden im folgenden drei Beispiele näher betrachtet. Das erste Beispiel illustriert Olsons gesellschaftstheoretische Wendung der Gruppentheorie. Das zweite Beispiel wendet die ‚Logik‘ i.w.S. auf entwickelte, das dritte auf unterentwickelte Gesellschaften an.
(1) Gäbe es in einer wettbewerblich verfassten Gesellschaft nur Spotmärkte, so wären Mengen und Preise unendlich flexibel. Beim Auftreten unerwarteter Schocks würden sie sofort auf ihre neuen Gleichgewichtswerte hin angepasst. Die in der Realität zu beobachtenden Reaktionsgeschwindigkeiten sind im allgemeinen deutlich geringer, und zudem lässt sich empirisch feststellen, dass auf vielen Märkten die Mengen schneller als die Preise reagieren. Die Theorie erklärt dies vor allem damit, dass die Interaktionspartner auf realweltlichen Märkten nicht nur vollständige Spotmarktverträge, sondern auch unvollständige – implizite und/oder relationale – Verträge wählen, um innerhalb solcher ‚Umrahmungen‘ wechselseitig vorteilhafte Tauschgeschäfte abzuschließen. Da es i.d.R. kostspielig ist, solche Verträge an unvorhergesehene Ereignisse anzupassen, erklären sich die verzögerten Preisreaktionen als nicht-intendiertes Resultat intentionaler Handlungen. Mancur Olson (1982, 1985; S. 266–269) ergänzt dieses Erklärungsmuster um folgende unorthodoxe Überlegung: Auf Märkten äußern sich Verteilungskoalitionen als Kartelle. Kartelle stehen vor der Wahl, die angestrebte Wettbewerbsbeschränkung entweder in Form einer Preisfestsetzung oder in Form einer Mengenfestsetzung vorzunehmen. Im ersten Fall muss für jedes Gruppenmitglied ein individuelles Kontingent vereinbart werden. Solche Vereinbarungen sind besonders konfliktträchtig, und zudem ist es schwer, ihre Einhaltung zu überwachen. Im zweiten Fall ist lediglich ein für alle Gruppenmitglieder einheitlicher Preis zu vereinbaren. Wie sich zu diesem Preis die Nachfrage auf die einzelnen Kartellmitglieder verteilt, kann man dem Markt, also einem anonymen ‚Mechanismus‘, überlassen. Da sich so Konflikt- und Kontrollkosten einsparen lassen, werden Kartelle – ceteris paribus – das Mittel der Preisfestsetzung präferieren.
Eine weitere Überlegung kommt hinzu: Ein rationaler Monopolist müsste auf positive und negative Schocks symmetrisch reagieren, um jeweils seinen Gewinn zu maximieren. Bei rationalen Kartellmitgliedern hingegen sagt die ‚Logik‘ voraus, dass sie asymmetrisch reagieren werden, und zwar aufgrund von Entscheidungskosten, die bei einem Monopolisten nicht anfallen. Bei Auftreten eines negativen Schocks müsste ein Anbieterkartell erst neue Verhandlungen aufnehmen, um den im gemeinsamen Gruppeninteresse liegenden niedrigeren – im Fall eines Nachfragerkartells: höheren – Kartellpreis zu vereinbaren. Bei Auftreten eines positiven Schocks jedoch kann jedes Mitglied einen höheren – im Fall eines Nachfragerkartells: niedrigeren – Preis wählen, ohne die anderen Gruppenmitglieder dadurch zu schädigen. Mit Hilfe der plausiblen Zusatzannahme, dass es in einer Wirtschaft üblicherweise mehr Anbieter- als Nachfragerkartelle gibt, liefert Olson mit seiner ‚Logik‘ nicht nur einen Erklärungsbeitrag, warum Preise im Vergleich zu Mengen generell inflexibel sind, sondern er erklärt auch, warum generell inflexible Preise eher aufwärts als abwärts flexibel sind. Hieraus lässt sich die geldpolitische Implikation ableiten, dass Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung „stetig und allmählich durchgeführt werden sollten“ – Olson (1982, 1985; S. 304) –, um den Kartellen Zeit für die Anpassung ihrer Preissetzungsentscheidungen |53|zu lassen. Der Glaubwürdigkeit und Transparenz der Geldpolitik kommt aus dieser Perspektive ein hoher Stellenwert zu, weil sie die (antizipative) Reaktion von Kartellen beschleunigt.
(2) Aus der ‚Logik‘ i.w.S. entwickelt Olson eine Erklärung von Massenarbeitslosigkeit und Stagflation, mit der er sich in der Theoriedebatte wie folgt positioniert: Als Argumentationsaufriss wählt er eine Gegenüberstellung von Keynesianern einerseits und neuklassischen Monetaristen andererseits, derzufolge erstere zwar unfreiwillige Arbeitslosigkeit, nicht jedoch das gleichzeitige Auftreten von Stagnation und Inflation erklären können, während letztere zwar Stagflation, nicht jedoch unfreiwillige Arbeitslosigkeit erklären können. Zwischen beiden makroökonomischen ‚Lagern‘ nimmt Olson im Wege einer mikroökonomischen Fundierung vermittelnd Stellung.[70]
Zur Erklärung unfreiwilliger Arbeitslosigkeit stellt Olson die – von der traditionellen Makroökonomik vernachlässigte – Frage, inwiefern sich Arbeitslosigkeit, d.h. das Nicht-Zustandekommen wechselseitig vorteilhafter Tauschverträge zwischen den Anbietern und Nachfragern von Arbeit, als nicht-intendiertes Resultat intentionaler Handlungen erklären lässt. Wohlgemerkt: Olson fragt nicht – wie für Verschwörungstheorien typisch –, wer ein Interesse an Arbeitslosigkeit haben könnte, sondern er fragt, wer – angesichts bestimmter Anreize – ein Interesse haben könnte, sich so zu verhalten, dass dabei Arbeitslosigkeit als unbeabsichtigtes Nebenprodukt entsteht. Mit dieser forschungsleitenden Frage wird die Perspektive auf Kartelle der Arbeitsanbieter fokussiert. In dem Maße, wie sich beschäftigte Arbeitnehmer durch kollektives Handeln mit überhöhten Löhnen versorgen können, werden sie zu einer Verteilungskoalition zu Lasten derer, die zu diesen überhöhten Löhnen keine Beschäftigung mehr finden. Das gleiche Argument gilt auch für übermäßige Regulierungen wie beispielsweise einen übertriebenen Kündigungsschutz, aufgrund dessen Unternehmer vor Neueinstellungen zurückschrecken.[71]
Mit diesem Argument lassen sich Thesen über die Struktur von Arbeitslosigkeit generieren. Die ‚Logik‘ sagt voraus, dass sich die Arbeitsanbieter nicht in allen Sektoren gleich gut zu kollektivem Handeln organisieren können, mit entsprechenden Folgen für Lohnhöhe, Lohnflexibilität und Regulierungsdichte. Ferner folgt aus der ‚Logik‘, dass hoch qualifizierte Arbeitslose durch die Inkaufnahme von Lohneinbußen wieder in den Arbeitsmarkt eintreten können, während niedrig qualifizierten Arbeitslosen diese Option i.d.R. nicht offensteht, sei es, weil sie sich durch gesetzliche oder tarifliche Mindestlöhne an einer Reintegration gehindert sehen, sei es, weil die – etwa aufgrund von Überregulierung – erforderlichen Einstiegslöhne unterhalb legaler oder illegaler Alternativeinkommen liegen. Dies erklärt, warum insbesondere schlecht qualifizierte Arbeitnehmer von dauerhafter Arbeitslosigkeit betroffen sind.




