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Die Frage, ob Olsons ‚Logik‘ einen blinden Fleck aufweist, ist hier nicht abschließend zu beantworten. Sie wurde auch nur aufgeworfen, um einen Bereich derzeit offener Forschungsprobleme zu markieren, die weiterer Überlegungen wert wären. Es ging lediglich darum, etwaige Anknüpfungspunkte für theoretisch weiterführende Arbeiten aufzuzeigen. Insofern verstehen sich die Ausführungen zu diesem Gliederungspunkt weniger als Kritik denn in der Tat als Anfrage zum Entwicklungspotential einer umfassenden ökonomischen Gesellschaftstheorie, durch dessen Erschließung sich Olsons Intentionen möglicherweise noch wirksamer zur Geltung bringen ließen. Diese Intentionen sind Gegenstand des abschließenden Fazits.
5. Fazit: Interdisziplinarität und demokratische Aufklärung durch theoretische Integration
Bei Olsons Gesamtwerk, der gruppentheoretischen, gesellschaftstheoretischen und staatstheoretischen ‚Logik‘ kollektiven Handelns, handelt es sich um ein beeindruckendes Theorieprogramm, dessen Entfaltung in beharrlicher Arbeit über mehr als dreißig Jahre hinweg erfolgt. Welchen Motiven folgt die Kontinuität der theoretischen Entwicklung? Lassen sich möglicherweise grundlegende Ideen ausmachen, die diese Entwicklung heuristisch angeleitet haben?
|64|Die hier vorgeschlagene Lesart kommt zu dem Ergebnis, dass es – neben Olsons Verständnis von Ökonomik[85] – zwei solcher Ideen gibt. Es handelt sich zum einen um die Idee, dass die Arbeit an konkreten sozialwissenschaftlichen Problemen stets Interdisziplinarität erfordert. Zum anderen handelt es sich um die Idee, dass die Ideologien, die politisches Handeln leiten, den tatsächlichen Problemen der Gesellschaft nicht immer angemessen – und gelegentlich sogar höchst irreführend – sind. Interessanterweise legen beide Ideen ein bestimmtes Instrument nahe: Es handelt sich um das Mittel theoretischer Integration.
Zum Beleg dieser These seien zwei Aufsätze Olsons herangezogen. Der erste wurde erstmals 1968 veröffentlicht, der zweite 1991. Der erste beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Ökonomik und Soziologie, der zweite mit den Möglichkeiten ökonomischer Aufklärung über irreführende Ideologien.[86]
(1) Im ersten Aufsatz geht Olson der Frage nach, was eine Gesellschaft zusammenhält. Er stellt fest, dass unterschiedliche sozialwissenschaftliche Disziplinen hier typischerweise zu unterschiedlichen Antworten gelangen. Sein Befund lautet: Während viele Soziologen betonen, dass es auf Homogenität: auf gemeinsame Werthaltungen und allseits geteilte Normvorstellungen und Rollenerwartungen ankommt, stellen viele Ökonomen zumeist auf das genaue Gegenteil ab. Aus ökonomischer Sicht steigen die gesellschaftlichen Tauschvorteile, – nicht: je homogener, sondern – je heterogener die Bevölkerung ist.
Ausgehend von diesem Befund schlägt Olson vor, den offensichtlichen Widerspruch auf eine Weise aufzulösen, die beide Disziplinen bereichert. Zu diesem Zweck rekurriert er auf die kategoriale Unterscheidung zwischen privaten und kollektiven Gütern. Damit – so Olson (1968, 1991; S. 174) – „lässt sich der Gegensatz zwischen ökonomischer und soziologischer Perspektive aufheben und eine Argumentation skizzieren, die besser als alle beide ist. Diese Argumentation kommt zu dem Schluss, dass eine Gesellschaft – unter sonst gleichen Umständen – mit größerer Wahrscheinlichkeit zusammenhält, wenn ihre Mitglieder so sozialisiert sind, dass sie hinsichtlich privater Güter verschiedenartige Bedürfnisse und hinsichtlich kollektiver Güter ähnliche Bedürfnisse haben.“[87]
Olson geht es hier um theoretische Lernprozesse für beide Disziplinen. Die gemeinsame Arbeit am gleichen Problem, der Gedankenaustausch über die jeweils eigentümlichen Blickwinkel – kurz: interdisziplinäre Polyperspektivität – ist für ihn dann produktiv, wenn sie zum Anlass genommen wird, sich der theoretischen Kategorien jeweils neu zu vergewissern. Theoretischer Fortschritt ist für ihn Fortschritt hinsichtlich der Kategorienbildung, Fortschritt hinsichtlich einer systematisierenden und damit vereinheitlichenden Konzeptualisierung problemadäquater Perspektiven und gerade dadurch zugleich Fortschritt auf |65|dem Weg theoretischer Integration.[88] Für Olsons Gesamtwerk gilt im Umkehrschluss: Das Bemühen um theoretische Integration in der problemorientierten Auseinandersetzung mit ‚benachbarten‘ Disziplinen der Sozialwissenschaften ist für Olson eine – vielleicht sogar die – heuristische, forschungsleitende Idee bei der Weiterentwicklung ökonomischer Kategorien, mit denen er die eigene Disziplin bei der Bearbeitung allgemein gesellschaftlicher Probleme voranbringen will.
(2) Im zweiten Aufsatz setzt sich Olson mit dem Befund auseinander, dass ‚linke‘ und ‚rechte‘ Ideologien die Rolle des Staates, und zwar insbesondere seine sozialpolitische Rolle, im wirtschaftlichen Wachstumsprozess unterschiedlich einschätzen. Er geht der Frage nach, warum sich dieser ideologische Streit nur schwer mit Hilfe empirischen Tatsachenmaterials entscheiden lässt. Hierfür identifiziert er mehrere Gründe. Zu diesen Gründen gehört, dass die verfügbaren Statistiken über Ländervergleiche ‚mixed evidence‘ enthalten, so dass man sich mit einiger Beliebigkeit jeweils Beispiele herausgreifen kann, die die eigene Position stützen. Ein weiterer Grund besteht darin, dass sich der Umfang sozialpolitischer Maßnahmen nicht unbedingt im staatlichen Sozialbudget niederschlagen muss, weil vielfach auch von Regulierungen Gebrauch gemacht wird, deren Wirkungen sich statistisch nicht ohne weiteres identifizieren lassen. Ferner gibt es Diskrepanzen zwischen dem, was ‚linke‘ oder ‚rechte‘ Regierungen ankündigen, und dem, was sie an Politik tatsächlich praktizieren. Insbesondere können zwischen der normativen Diskussion über Pro und Contra von Sozialpolitik einerseits und der tatsächlich praktizierten Sozialpolitik andererseits Welten liegen, weil es in vielen Wohlfahrtsstaaten zu perversen Umverteilungen kommt. So schreibt Olson (1991b; S. 82) über die USA:
„Die Mittel, die unsere Gesellschaft umverteilt, gehen hauptsächlich an Leute, die sie nicht brauchen, und die Verluste an Effizienz und Dynamik, die von solcher Umverteilung bewirkt werden, haben wenig oder nichts mit der ideologischen Auseinandersetzung über Gleichheit und Gerechtigkeit zu tun.“
Insgesamt läuft Olsons Argumentation auf die These hinaus, dass die Fronten im ideologischen Grabenkrieg quer zu den tatsächlichen Problemen verlaufen, d.h. dass Ideologien die relevanten Politikalternativen verfehlen, weil sie die wirklich wichtigen Fragen systematisch falsch stellen. Aus Olsons Sicht geht es nicht um mehr oder weniger Sozialstaat. Eine solche Frage verfehlt das eigentliche Problem. Vielmehr geht es um die Frage – und diese Frage richtig zu stellen ist eine hochtheoretische Leistung –, wie das Politiksystem effizienter gemacht werden kann, damit es – durch geeignete sozialpolitische Maßnahmen – die Lage der Armen sowie – durch geeignete Maßnahmen, die das Wirtschaftswachstum fördern – die Lage der Bevölkerung insgesamt verbessert. Angesichts der gewaltigen Ineffizienzen, deren Abbau allseitig vorteilhaft wäre, ist für Olson (1991b; S. 82) der vielstrapazierte Tradeoff zwischen Gleichheit und Leistung beinahe geradezu |66|nicht-existent, ein „irriger Eindruck“, das Resultat intellektueller Fehlorientierung. Zur Korrektur solcher Fehlorientierungen kann die Wissenschaft – ganz im Sinne des Einleitungsmottos – beitragen, nicht indem sie fertige Antworten vorgibt, sondern indem sie hilft, allererst die richtigen Fragen zu stellen. So schreibt Olson (1991b; S. 81, H.i.O.):
„Das Problem ist, dass die meisten rechten Parteien und Politiker nicht den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, freie Märkte herzustellen, und dass die meisten linken Parteien und Politiker nicht den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, den Bedürftigen zu helfen. In hochorganisierten Gesellschaften ist der größte Teil der politischen Tätigkeit auf der Rechten wie auf der Linken der Verfolgung der organisierten Interessen gewidmet und weder den freien Märkten noch den Bedürfnissen der Armen.“
Gesellschaftliche Lernprozesse können also durch theoretische Lernprozesse angeleitet werden. Aber damit die Sozialwissenschaften und insbesondere die Ökonomik diese öffentliche Aufgabe in der Demokratie (besser) wahrnehmen können, bedarf es theoretischer Integration. So hält es Olson beispielsweise für besonders wichtig, dass sich die Ökonomik um Konzeptualisierungen bemüht, die es ihr erlauben, die Argumente pro und contra Sozialpolitik innerökonomisch zu diskutieren, z.B. als Vor- und Nachteile von Versicherungen. Staatliche Sozialpolitik lässt sich dann differenziert(er) beurteilen: ihre Einführung als Reaktion auf Probleme privater Versicherungsmärkte mit adverser Selektion, ihre Begrenzung als Reaktion auf Probleme moralischer Versuchung. Eine solche Differenzierung ist für Olson (1991a; S. 47, H.i.O.) Ausdruck theoretischer Integration: „Dieselbe Argumentation lässt sich – somit Aufwand sparend – als Plädoyer sowohl für staatliche Wohlfahrtsprogramme als auch für deren Beschränkung gebrauchen.“[89]
(3) Fazit: Folgt man der hier vorgeschlagenen Lesart, dann liest man Olsons Gesamtwerk als ökonomischen Beitrag zu demokratischer Aufklärung durch theoretische Integration. Im Bemühen um eine problemadäquate Kategorienbildung der Ökonomik im Besonderen und der Sozialwissenschaften im Allgemeinen liegt der vielleicht wichtigste und nachhaltigste Beitrag, den sein Werk: die Entwicklung einer gruppentheoretischen, gesellschaftstheoretischen und staatstheoretischen ‚Logik‘ kollektiven Handelns, zu den theoretischen Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik leistet.
6. Nachtrag 2016
Mancur Olsons vielleicht wichtigstes Buch ist erst posthum erschienen, zwei Jahre nach seinem überraschend frühen Tod.[90] Es liegt auch in deutscher Übersetzung vor. Nicht dem Umfang nach, wohl aber dem Inhalt nach ist es gerechtfertigt, von einem opus magnum zu sprechen, denn hier synthetisiert Olson seine früheren Arbeiten zur Logik des kollektiven Handelns und zum Aufstieg |67|und Niedergang von Nationen zu einer in sich schlüssigen polit-ökonomischen Gesamtsicht, die mit zahlreichen innovativen Einsichten aufzuwarten weiß.
In dieser außerordentlich lesenswerten Schrift vergleicht Olson die drei politischen Regimes der Anarchie, Autokratie und Demokratie.
Kennzeichen der Anarchie ist ein (selbst-)zerstörerischer Ausbeutungswettbewerb, in dem konkurrierende Gruppen gewaltsam versuchen, sich auf Kosten der Gesellschaft zu bereichern. Es mangelt an sicheren Eigentumsrechten: Da niemand verlässlich davon ausgehen kann, die Erträge seines Bemühens sich selbst aneignen zu können, fehlt es an Anreizen für Arbeit und Investition. Die Pointe: In der durch Raub gekennzeichneten Anarchie gibt es anreizbedingt nur wenig zu rauben.
Kennzeichen der Autokratie ist die Befriedung der Gesellschaft durch ein Gewaltmonopol, das maximale Ausbeutung durch optimale Ausbeutung ersetzt. Hiermit verbinden sich zwei Konsequenzen: Zum einen achtet der Autokrat darauf, dass für seine Bevölkerung die Leistungsanreize erhalten bleiben; und zum anderen investiert er in öffentliche Güter. Metaphorisch ausgedrückt, wird die Gans nicht geschlachtet, sondern in eigennütziger Weise so gepflegt, dass sie goldene Eier legt.
Kennzeichen der Demokratie ist eine Mehrheitsherrschaft mit vergleichsweise noch mehr Investitionen und noch geringeren Steuersätzen, in der es unter Umständen sogar dazu kommen kann, dass die Mehrheit auf eine Ausbeutung der Minderheit(en) verzichtet und sich Verfassungsregeln gibt, die zur Gleichbehandlung aller Bürger führen.
Darüber hinaus besonders lesenswert sind die Kapitel 7 und Kapitel 10 dieses Buches. Kapitel 7 analysiert den (vorübergehenden) Erfolg der stalinistischen Ressourcenmobilisierung innerhalb der Sowjetunion, und Kapitel 10 erläutert die entwicklungspolitisch überaus bedeutsame Unterscheidung zwischen robusten und prekären Märkten. In die erste Kategorie fallen jene Märkte, die selbst durchsetzend sind und auch dann – als Schwarzmärkte im informalen Sektor – einigermaßen funktionieren, wenn der Staat sie zu unterbinden sucht. In die zweite Kategorie gehören all jene Märkte – z.B. für Kredite und Versicherungen –, die einer institutionellen Einbettung bedürfen, um eine Interaktion unter Abwesenden sowie eine vertrauensvolle Kopplung von Leistung und Gegenleistung über lange Zeiträume hinweg abwickeln zu können.
Ferner hinzuweisen ist auf einen hoch interessanten Aufsatzband, für den Mancur Olson als Mitherausgeber verantwortlich zeichnet,[91] sowie auf die zu Ehren von Mancur Olson herausgegebene Essaysammlung von Heckelman und Coates.[92]
|68|Literatur
Becker, Gary S. (1985, 1996): Interessengruppen und politisches Verhalten, in: Ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 163–184.
Blanchard, Olivier J. und Lawrence H. Summers (1986): Hysteresis and the European Unemployment Problem, in: Rod Cross (Hrsg.), Unemployment, Hysteresis and the Natural Rate Hypothesis, Oxford und New York, S. 306–364.
Breton, Albert (1996): Competitive Governments. An economic theory of politics and public finance, Cambridge.
Hardin, Russel (1982): Collective Action, Baltimore.
Heckelman, Jac C. und Dennis Coates (2003): Collective Choice. Essays in Honor of Mancur Olson, Berlin u.a.O.
Hirshleifer, Jack (1983): From Weakest-Link to Best Shot: The Voluntary Provision of Public Goods, in: Public Choice 41, S. 371–386.
Homann, Karl und Ingo Pies (1996): Sozialpolitik für den Markt. Theoretische Perspektiven konstitutioneller Ökonomik, in: Ingo Pies und Martin Leschke (Hrsg.), James Buchanans konstitutionelle Ökonomik, Tübingen, S. 203–239.
Homann, Karl und Andreas Suchanek (1992): Grenzen der Anwendbarkeit einer ‚Logik des kollektiven Handelns‘, in: Klaus Schubert (Hrsg.), Leistungen und Grenzen politisch-ökonomischer Theorie, Darmstadt, S. 13–28.
Hume, David (1777, 1984): Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, übersetzt und herausgegeben von Gerhard Streminger, Stuttgart.
Lindbeck, Assar (1993): Unemployment and Macroeconomics, Cambridge, Mass.
Lindbeck, Assar und David Snower (1988): The Insider-Outsider Theory of Employment and Unemployment, Cambridge, Mass.
McGuire, Martin C. und Mancur Olson (1996): The Economics of Autocracy and Majority Rule, in: Journal of Economic Literature 34, S. 72–96.
Murrell, Peter und Mancur Olson (1991): The Devolution of Centrally Planned Economies, in: Journal of Comparative Economics 15, S. 239–265.
North, Douglass C. (1981, 1988): Theorie des institutionellen Wandels. Eine neue Sicht der Wirtschaftsgeschichte, übersetzt von Monika Streissler, Tübingen.
Olson, Mancur (1965, 1985): Die Logik des kollektiven Handelns. Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen, 2. Aufl., Tübingen.
Olson, Mancur (1968, 1991): Ökonomie, Soziologie und die beste aller möglichen Welten, in: Ders.: Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 157–187.
Olson, Mancur (1982, 1985): Aufstieg und Niedergang von Nationen. Ökonomisches Wachstum, Stagflation und soziale Starrheit, übersetzt von Gerd Fleischmann, Tübingen.
Olson, Mancur (1983, 1991): Ein weniger ideologiegebundenes Verfahren der Entscheidung über die Umverteilung zu den Armen, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 262–289.
Olson, Mancur (1984, 1991): Ein mikroökonomisch-evolutorischer Ansatz der Makroökonomie, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 110–128.
|69|Olson, Mancur (1990): The Logic of Collective Action in Soviet-type Societies, in: Journal of Soviet Nationalities 1, S. 8–27.
Olson, Mancur (1991a): Einleitung, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 1–48.
Olson, Mancur (1991b): Die Unzulänglichkeit unserer vertrauten Ideologien, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 49–82.
Olson, Mancur (1991c): Autocracy, Democracy, and Prosperity, in: Richard J. Zeckhauser (Hrsg.), Strategy and Choice, Cambridge, Mass., S. 131–157.
Olson, Mancur (1991d): Foreword, in: Todd Sandler, Collective Action. Theory and Applications, Ann Arbor, S. VII–XVI.
Olson, Mancur (1992): The Hidden Path to a Successful Economy, in: Christopher Clague und Gordon Rausser (Hrsg.), The Emergence of Market Economies in Eastern Europe, Blackwell: Cambridge, Mass., S. 55–75.
Olson, Mancur (1993a): Dictatorship, Democracy, and Development, in: American Political Science Review 87, No. 3, S. 567–576.
Olson, Mancur (1993b): Why is Economic Performance Even Worse After Communism is Abandoned?, Ninth Annual Lecture in the Virginia Political Economy Lecture Series, Fairfax, Virginia.
Olson, Mancur (1995): The Devolution of the Nordic and Teutonic Economies, in: American Economic Review 85, Papers & Proceedings, S. 22–27.
Olson, Mancur (1996): Distinguished Lecture on Economics in Government. Big Bills Left on the Sidewalk: Why Some Nations are Rich, and Others Poor, in: Journal of Economic Perspectives 10, S. 3–24.
Olson, Mancur (2002): Power and Prosperity. Outgrowing Communist and Capitalist Dictatorships, New York.
Olson, Mancur (2003): Macht und Wohlstand. Kommunistischen und kapitalistischen Diktaturen entwachsen, übersetzt von Gerd Fleischmann, Tübingen.
Olson, Mancur und Satu Kähkönen (Hrsg.) (2000): A Not-So-Dismal Science. A Broader View of Economics and Societies, Oxford u.a.O.
Ostrom, Elinor, Roy Gardner und James Walker (1994): Rules, Games, and Common-Pool Resources, Ann Arbor.
Pies, Ingo (1993): Normative Institutionenökonomik. Zur Rationalisierung des politischen Liberalismus, Tübingen.
Pies, Ingo (1995): Normative Institutionenökonomik – Zur Problemstellung eines Forschungsprogramms demokratischer Politikberatung, in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 44, S. 311–340.
Sandler, Todd (1991): Collective Action. Theory and Applications, Ann Arbor.
Suchanek, Andreas (1994): Ökonomischer Ansatz und theoretische Integration, Tübingen.
SVR (1995): Im Standortwettbewerb. Jahresgutachten 1995/96, hrsg. vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Stuttgart.
[Zum Inhalt]

|70|Gary Becker (1930–2014)
„Nicht die ‚sachlichen‘ Zusammenhänge der ‚Dinge‘, sondern die gedanklichen Zusammenhänge der Probleme liegen den Arbeitsgebieten der Wissenschaften zugrunde: wo mit neuer Methode einem neuen Problem nachgegangen wird und dadurch Wahrheiten entdeckt werden, welche neue bedeutsame Gesichtspunkte eröffnen, da entsteht eine neue ‚Wissenschaft‘.“ Max Weber (1922, 1988; S. 92, H.i.O.)
„[W]as die Ökonomi[k] als Disziplin von anderen Disziplinen in den Sozialwissenschaften hauptsächlich unterscheidet, ist nicht ihr Gegenstand, sondern ihr Ansatz.“ Gary S. Becker (1976, 1982; S. 3)
Gary S. Beckers ökonomischer Imperialismus[93]
Reduziert man den Begriff „ökonomischer Imperialismus“ nicht von vornherein auf das pejorative (Miss-)Verständnis, mit dem er von manchen geradezu als Schimpfwort verwendet wird, sondern fasst man ihn zunächst einmal auf als eine neutrale Bezeichnung für das Phänomen, dass der ökonomische Ansatz auch auf Probleme angewendet wird, die nicht zum traditionellen Problemkanon der Wirtschaftswissenschaften gehören, dann ist Gary Becker sicherlich der ökonomische Imperialist par excellence. Zur ökonomischen Theorie der Politik und zur ökonomischen Theorie des Rechts hat er frühe und wegweisende Beiträge geliefert, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die ökonomische Theorie der Familie von ihm allererst ins Leben gerufen – bzw. in Anerkennung der klassischen Arbeiten von Malthus: ins Leben zurückgerufen – wurde. Auch die Karriere, die der Rational-Choice-Ansatz in der Soziologie – und, wenn auch zaghaft, sogar in der deutschsprachigen Soziologie – zu machen beginnt, wäre |71|ohne die Pionierarbeiten Gary Beckers schlechterdings nicht denkbar gewesen.[94]
Üblicherweise wird der ökonomische Imperialismus im allgemeinen und das wissenschaftliche Werk Gary Beckers im besonderen als Ausdehnung des Anwendungsbereichs ökonomischer Analyse aufgefasst, und diese Bereichsausdehnung wird dann regelmäßig als inter-disziplinäre Herausforderung wahrgenommen. Ein typisches Beispiel hierfür bietet die Begründung, mit der der Nobelpreis 1992 an Gary Becker verliehen wurde. In der Pressemitteilung der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften heißt es: „Gary Becker’s research contribution consists primarily of having extended the domain of economic theory to aspects of human behavior which had previously been dealt with – if at all – by other social science disciplines such as sociology, demography and criminology.“[95]
Erst vor einem solchen Hintergrund wird verständlich, warum der ökonomische Imperialismus, dessen Protagonist Gary Becker ist, auf so viel Ablehnung und Widerstand getroffen ist – und immer noch trifft. Hinter der ökonomischen „Bereichs“-Ausdehnung wird die Tendenz vermutet, anderen Wissenschaftsdisziplinen könne bzw. solle „deren“ (sic) „Gebiet“ (sic) streitig gemacht werden. Und in der Tat: Wenn man die Wissenschaftslandschaft mit einer Schrebergartenkolonie gleichsetzt, in der die einzelnen Parzellen den jeweiligen Einzelwissenschaften zur exklusiven Bearbeitung zugewiesen werden, dann muss es notgedrungen schwerfallen, im ökonomischen Imperialismus etwas anderes zu sehen als eine – an sich illegitime – Grenzüberschreitung, d.h. Grenzverletzung. Insofern spielt die pejorative Verwendung des Begriffs „ökonomischer Imperialismus“ nicht nur mit der „Bereichs“-Metapher, sondern sie ist selbst Ausdruck eines Revierverhaltens, das auf eine (vermeintliche) Grenzverletzung reagiert, die man sich als Besatzung, d.h. als Einmischung in fremde Angelegenheiten, verbittet.
Wie sieht demgegenüber ein konstruktives Verständnis von ökonomischem Imperialismus aus? Im folgenden wird eine Lesart vorgestellt, die das Werk Gary Beckers primär als eine intra-disziplinäre Herausforderung rekonstruiert: Mit Gary Becker ändert sich zunächst einmal das Selbstverständnis von Ökonomik, und erst aufgrund dieses radikal veränderten Selbstverständnisses wird die Möglichkeit sichtbar, dass ein ökonomischer Imperialismus anderen Disziplinen nichts weggnimmt, sondern ihnen etwas zu bieten hat. Aber mehr noch: Bei der Veränderung des Selbstverständnisses von Ökonomik spielt der ökonomische Imperialismus eine wichtige Rolle. Er hat also – was oft übersehen wird – nicht nur eine Außenwirkung, sondern auch eine Binnenwirkung. Er betrifft nicht nur die „benachbarten“ Disziplinen, sondern er hat eine Bedeutung auch – und sogar vor allem – für die eigene, d.h. ökonomische, Disziplin. In Anspielung auf die Einleitungsmotti und als These formuliert: Eine sinnvolle Lösung für das |72|Problem der Inter-Disziplinarität lässt sich erst dann entwickeln, wenn man die intra-disziplinäre Transformation der traditionellen Wirtschaftswissenschaft zum ökonomischen Ansatz angemessen in Rechnung stellt.
1. Die Entwicklung des Forschungsprogramms zum ökonomischen Ansatz
Nicht nur die Begründung der Nobelpreisverleihung durch die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften, auch die beiden Laudationes geben einen Überblick über das Werk Gary Beckers. Alle drei Überblicke weisen die Gemeinsamkeit auf, dass sie primär chronologisch vorgehen und die einzelnen Anwendungs-„Bereiche“ vorstellen, auf denen Becker – oft wegweisend – gearbeitet hat. Hierzu zählen – in der Preisbegründung und in der Laudatio von Rosen (1993) – die Humankapitaltheorie, die Familienökonomik sowie die ökonomischen Theorien der Kriminalität und der Diskriminierung, während in der Laudatio von Sandmo (1993) noch zusätzlich Beckers Arbeiten zur Zeitallokation, zur sozialen Interaktion und zur Theorie der Politik genannt werden.



