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Er drückte ihr die Hand und wünschte ihr alles Gute, als die Sanitäter sie auf die Krankentrage betteten. Dann händigte er ihnen die wichtigsten Papiere für das Krankenhaus aus und hielt ihnen die Praxistür auf. Die Frau hatte schweißnasse Hände gehabt, er konnte ihre Angst spüren wie einen Defibrillator gegen die Gleichförmigkeit seiner Existenz.
Herb Mazur Senior wickelte ein Zuckerl aus dem Papier, Ananasgeschmack, steckte es in den Mund und dachte daran, dass eines der Kinder bei diesem frühen Geburtstermin wohl mit Bleibeschäden zu rechnen hatte, rein statistisch betrachtet.
KARIN STAND AM Kosmetikcounter im Erdgeschoß des Kaufhauses und reinigte die Tester. Jemand hatte in typischer Probierlaune Unmengen an Handcreme herausgedrückt und damit das halbe Display verschmiert, dessen Plexiglasfächer fast unmöglich zu säubern waren. Hauptsache gratis, dachte Karin und errötete leicht bei der Erinnerung an die zwei Tage, an denen sie letztes Jahr wegen eines Ganzkörperausschlages nicht hatte arbeiten können. Offiziell hatte sie sich aufgrund eines neurodermitischen Anfalls krankgemeldet, aber in Wirklichkeit wusste sie genau, dass ihre Haut allergisch auf eine Überdosis der momentan teuersten Bodylotion auf dem Markt reagiert hatte. Die Lotion war mit Algenextrakten und einer speziell gezüchteten Gerstenart angereichert, Karin war täglich mit dem Testspender auf die Personaltoilette geschlichen, hatte dort ihre Uniform ausgezogen und sich von oben bis unten eingecremt. Sie hatte gehofft, das viel beworbene Produkt würde ihre leichte Cellulite mildern, stattdessen hatte sie nach einer Woche überall rote Quaddeln entwickelt. Offenbar war die Lotion für sparsamen Gebrauch konzipiert, kein Wunder, kostete der Tiegel doch stolze 400 Euro.
Karins Mund war trocken. Die Abteilungsleitung hatte ihren Angestellten verboten, während der Arbeitszeiten zu trinken, das sehe undiszipliniert aus und sei schädigend für das dienstleistungsorientierte Image des japanischen Konzerns. Vor Kurzem hatten alle Verkäuferinnen neue Uniformen bekommen, mit kleinen roten Halstüchern, wie Stewardessen einer Airline, die Flüge zurück in die Jugend versprach. Karin mochte das Halstuch gar nicht, noch weniger als die Stützstrumpfhosen, in die sie sich jeden Morgen hineinquetschte, um nicht lange vor der Zeit die krampfadernübersäten Beine einer alten Frau zu bekommen.
Im Familienforum machte sie immer Werbung für die vielversprechendsten Produktneuheiten und freute sich, wenn der Umsatz in der ganzen Stadt merkbar anstieg. Das konnte sie gut, andere mit ihrer Begeisterung anstecken, heimlich führte sie genau datierte Listen und arbeitete an einer Statistik, die die kausalen Zusammenhänge zwischen ihren Produktbewerbungen und dem steigenden Umsatz dokumentieren sollte. Sie hatte den Ruf der Kosmetikspezialistin im Forum, auch wenn es einzelne missgünstige Stimmen gab, die außer Olivenöl und Nordwind nichts an ihre naturgegerbte Haut lassen wollten. Sich selbst zu verschönern wurde je nach Tagesverfassung als unlauterer Wettbewerb oder feministischer Rückschritt gesehen, aber Karin bezweifelte stark, dass die Olivenölabteilung nur einen Schritt weiter war als der Rest der Frauenwelt.

MAGDALENAS ERSTER IMPULS war, sich zuerst wieder in einen nüchternen Zustand zu versetzen, die gewohnte Nahrungszufuhr einzustellen und die Salami zurück in den Kühlschrank zu packen, nachdem sie das heruntergeschnittene Wurststück mit Erfolg auf verdächtige Manipulationen geprüft hatte. Sie warf es in den Mistkübel und bedeckte es zur Sicherheit mit einer Schicht zerknüllter Küchenrolle. Ein klarer Kopf denkt am besten, dachte Magdalena und fragte sich, aus welcher Werbung sie diese stumpfe Weisheit extrahiert hatte. Ihre Finger presste sie zu Fäusten zusammen, um das aufkommende Zittern zu bekämpfen.
Sie verbrachte den Tag wie so oft vor dem Fernseher, zupfte sich hin und wieder eine schwarze Feder vom Kragen des Morgenmantels, die sie unangenehm in den Hals stach, und bemühte sich, die aufsteigende Unruhe zu unterdrücken, als sich die letzten Schleier von ihrer Wahrnehmung verzogen. Sie hörte die Autos unten auf der Straße, das laute Aufheulen der Sportwagen, wenn die Ampeln auf Grün schalteten, sie zuckte zusammen, als ein Flugzeug ihr für eine halbe Sekunde das Tageslicht raubte, während es am Dachfenster vorbeiflog. Magdalena war noch nie aufgefallen, wie oft Einsatzfahrzeuge mit eingeschalteten Sirenen an ihrem Wohnhaus vorbeifuhren, als wäre die ganze Stadt durchgehend in Nöten.
Die Reflexionen ihres Fernsehers begannen sie zu stören, blickte sie doch immer häufiger in ihr eigenes starres Antlitz anstatt in harmonisch gecastete Familienleben. Ihr Spiegelbild störte das gewohnt behagliche Programm, es wollte ihr einfach nicht gelingen, die ersehnten klaren Gedanken zu fassen, die folgenden Stunden schmierten sich völlig ereignislos hinein in ihre jüngste Vergangenheit, und plötzlich bemerkte sie neben sich die Kontur ihres Mannes, der offenbar eben nachhause gekommen war, ungehalten vor dem Sofa mit den Füßen scharrte und mit seinen Fingern den obersten Knopf des Polohemds öffnete. Magdalena lächelte ihn an, überraschenderweise auch heute nicht unaufrichtiger als sonst, dazu zwang sie sich, während sie seit Langem einmal wieder eingehend sein Gesicht studierte, in dem der obsessive Schweinefleischgenuss der letzten Jahrzehnte eine weit verästelte Landkarte an roten Äderchen hinterlassen hatte.
»Was bestellen wir heute zu essen, ich hätte Lust auf Paniertes«, sagte dieser Mann, der Beruhigungsmittel in Salamis einarbeitete, und ließ sich neben sie auf das Sofa fallen. Seine laute Stimme schmerzte sie in den Ohren, und sein Gewicht drückte die Sitzfläche so nach unten, dass sie zu ihm zu rutschen drohte.
»Wollen wir Schnitzel bestellen«, fragte er und Magdalena zuckte mit den Schultern. Ihr Kopf dröhnte und sie fand es erschreckend, dass ihr der Gedanke kam, zum Kühlschrank zu gehen und ein bescheidenes Stück von der Salami zu essen. Ein klitzekleines Stück würde wahrscheinlich gar keinen Unterschied machen, aber Magdalena wusste sich zu beherrschen.
DER MANN NAMENS Klaus sah immer, bevor er die Wohnung verließ, exakt fünf Minuten lang durch seinen Türspion, in der Hoffnung, Karin von gegenüber im Stiegenhaus anzutreffen. Meistens hatte er kein Glück, aber wenn doch, dann erlitt er einen kurzen Schock, bevor er schwungvoll die Tür aufriss und einen lauten, auf die Tageszeit abgestimmten Gruß aussprach. Diesen kurzen Schock konnte er etwas abmildern, indem er Karin nicht beim Nachhausekommen, sondern beim Verlassen der Wohnung erwischte. Denn das konnte man einige Sekunden vorab voraussagen anhand der durch ihre Pumps verursachten Erschütterungen, die den grünen Plastikkranz leicht zum Zittern brachten, der seit Weihnachten seine LED-Lichter an ihrer Wohnungstür absterben ließ, und konnte sich mental auf die Begegnung vorbereiten. Der Mann namens Klaus mochte alles an Karin, ihre rotblonden Haare genauso wie die starken Sommersprossen, die sich über ihren ganzen Körper verteilten, zumindest malte er sich das (in seinen Tagträumen) so aus. Sie hatte sich damals bei ihrem Einzug persönlich bei ihm vorgestellt, was ihn beeindruckt hatte, denn den Rest der Hausbewohner kannte er nur vom Sehen, da war niemand an näherer Bekanntschaft interessiert.
Leider war der Kontakt danach eingeschlafen, nur einmal hatte sie ihn noch in ihre neu eingerichtete Wohnung zum Kaffeetrinken eingeladen. Er wollte lieber Pfefferminztee, sie hatte keinen vorrätig, die Unterhaltung verlief schleppend und wurde immer wieder durch ihre vorlaute kleine Tochter Helene gestört.
»Warum hast du oben auf deinem Kopf nur mehr so wenige Haare?«, hatte Helene gefragt und ihr hinterhältiges Grinsen ließ den Mann namens Klaus davon ausgehen, dass dieses kleine Mädchen offenbar ein gesteigertes Interesse daran hatte, ihn vorzuführen.
»Geh, Helene, du weißt genau, warum. Der Salzburg-Opa hat dir das doch erklärt!«, hatte Karin lachend geantwortet. Der Mann namens Klaus lachte herzlich mit.
Er nahm zur inneren Beruhigung einen Schluck aus seinem Wasserglas, während Karin ihren Laptop öffnete und ein Zeichentrickvideo startete, um Helene ruhigzustellen. Auf ihrem Bildschirm konnte er den Namen des Familienforums erkennen, in dem er sich vor Jahren einmal aus Langeweile und anderen Gründen angemeldet hatte. Er wurde rot.
Karin erzählte vom anstrengenden Umzug nach Wien, ihrer Familie in Salzburg und ihrem ebenfalls dort ansässigen Ex-Mann, der ihren Mercedes von 50 000 auf 30 000 Euro Fahrzeugwert heruntergefahren und ihn ihr schlussendlich nach längerem Streit um 8000 Euro abgekauft hatte. In Raten. Aber sie sei so froh gewesen, diesen Versager aus ihrem Leben streichen zu können, dass sie sogar das in Kauf genommen hatte. Der Mann namens Klaus war enttäuscht von einer dermaßen durchschnittlichen Lebensgeschichte und Autowahl. Heimlich zählte er ihre Sommersprossen und stellte sich das Muster vor, das sie unter ihrer Kleidung ergeben mochten. Karin wurde langsam unruhig und gab einen Termin vor, um das Treffen zu beenden. Er kannte das, darin hatte er Übung. Leute, die einen loswerden wollten, beschleunigten ihre Bewegungen und stellten gleichzeitig den Blickkontakt fast gänzlich ein. Karin schob die Gläser auf dem Sofatisch zusammen und wischte ein paar Brösel auf den Fußboden. Egal, dachte er, ich krieg dich schon noch.
Wieder zuhause loggte er sich sofort in das Familienforum ein und begann zu recherchieren, welche der Nutzerinnen Karin sein könnte. Er sondierte nach Alter, Wohnort, Kinderanzahl. Er durchforstete das Alleinerzieherinnen-Unterforum und wurde fündig. Vor einiger Zeit hatte sich tinkerbell erkundigt, wie man frisch zugezogen nach Wien möglichst schnell einen Kindergartenplatz bekommen konnte. Mit klopfendem Herzen klickte er auf tinkerbells Profil und fing an, ihre hundert letzten Beiträge zu überfliegen. Bingo. Sie hatte eine Tochter mit einem wunderschönen dreisilbigen klassischen Vornamen, einen schrecklichen Ex-Mann, viel Ahnung von Salzburgs Gastronomieszene und sie empfahl aufdringlich häufig eine spezielle Sonnencreme mit LSF 50 für empfindliche Haut, die stark zu Sommersprossen neigte. Seine Finger zitterten und er bemerkte erst jetzt, dass er seine Hemdsärmel fast bis zum Ellenbogen hinunter vollgeschwitzt hatte.

HERB JUNIOR HATTE Georg erst verlassen, nachdem er sich sicher war, mit der Krankheit nicht länger umgehen zu können. Ihre Unheilbarkeit verleidete ihm das Zusammenleben, die immer schlimmer werdenden Schübe raubten ihm den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Herb Junior war kein Unmensch, aber er hatte sich selbst verloren in dieser Liebesbeziehung, als komplett gesundem Menschen fiel es ihm einfach schwer, sich in Georgs kränkelnde Welt einzufühlen. Lange Zeit überlagerte Georgs künstlerische Potenz sein Siechtum, Herb Junior hatte ihn von Anfang an bewundert für seine Vielseitigkeit. Georg hatte Schauspiel studiert und mit Auszeichnung abgeschlossen, aber nicht nur auf der Bühne machte er eine gute Figur, er schrieb auch Theaterstücke, bisher zwei, um genau zu sein. Das erste war ein Sermon über die zerstörerische Langeweile der Wohlstandsgesellschaft und wurde im Feuilleton nur deswegen verrissen, weil die Kritiker das zynische Stilmittel der Redundanz nicht verstanden. Sie fanden es langweilig, aber eben nicht auf diese geniale Art, die Georg beabsichtigt hatte. Herb Junior musste wochenlang seine schlechte Stimmung und einen heftigen Krankheitsschub ertragen.
Georg schlief mit dem Hauptdarsteller des Stückes, weinte danach und erklärte seine Sexsucht wiederholt zum Fluch seines Lebens. Ein nicht zu überwindendes Martyrium sei diese Suche nach dem Neuen, nach dem schnelleren Puls. Und so leer fühle man sich danach. Ausgelaugt, verbraucht und beschämt. Aber er brauche das, als Künstler habe man ja die Verpflichtung, nicht zu stagnieren, Erfahrungen zu sammeln wie andere Bonuspunkte im Drogeriemarkt.
Sein zweites Stück wurde immerhin ein mäßiger Erfolg, da der verantwortliche Theaterintendant, ein väterlicher Gönner aus Georgs schauspielerischen Anfängen, von der Krankheit wusste und Mitleid mit ihm hatte. Er inszenierte das Stück gemeinsam mit Georg. Herb Junior saugte nach manchem Konzeptionsgespräch der beiden Künstler schluchzend mittellange graue Haare von seinem eigenen Kopfpolster.
Das Stück war provokant futuristisch, wurde dezent beklatscht und gespalten rezensiert. Es handelte von einem Altnazi, der im Pflegeheim seine letzten Jahre absitzend noch einen zweiten Frühling erleben darf, als er sich unsterblich in seinen Pflegeroboter verliebt, besprochen von Chris Lohner. Georg bezeichnete das Stück als vergangenheitsbewältigende Technologisierungskomödie, Herb Junior mochte in erster Linie den Klang der Stimme Chris Lohners, wenn sie »Die Fleischlaberl sind klein gemacht, keine Sorge. Ich hole Ihnen einen Bekleidungsschutz, Herr von Eberstein!« hauchte.
Die Trennung war überraschenderweise ganz ohne Dramen abgelaufen, denn Georg hatte exakt an dem Tag, an dem Herb Junior seine Sachen packte, die seltene Gelegenheit bekommen, für einen Moderationsjob vorzusprechen. Er bekam den Vertrag sofort und von nun an musste Herb Junior ihn jedes Wochenende ertragen, wenn er die Kugeln der Lottoziehung durcheinanderwirbeln ließ.
Sonntags war Herb Junior oft bei seinen Eltern eingeladen, sah sich nach den Nachrichten gemeinsam mit Herb Senior die Ziehung der Lottozahlen an und hörte von ihm jedes Mal einen fast wortidentischen Vortrag über die Dummheit der Massen, die auf diese Art Reichtum hofften, während er daran dachte, wie Georgs Freunde ihn wohl hänseln würden wegen der fliegenden Bälle. Herb Junior lief eine Gänsehaut über den Rücken, wenn er sich seinen Vater und Georg in einem Raum vorstellte. Die beiden hätten sich auf Anhieb gehasst, so viel stand fest. Der gelangweilt moderierende Georg war ihm viel zu präsent im Wohnzimmer, insgeheim wartete Herb Junior darauf, dass er nach »Und jetzt zur Zusatzzahl« einmal seelenruhig »Übrigens, mein Ex ist Frauenarzt und sein Vater hat keine Ahnung, dass er auf Männer steht« in die Kamera sprechen würde. Dieser Nervenkitzel verflog nie, auch längere Zeit nach der Trennung nicht.
HERB SENIOR WOLLTE dringend noch einen Kaffee trinken, bevor er sich bereit fühlte für den ersten Ultraschall des Tages, er ging am Wartebereich vorbei und grüßte freundlich in die hoffnungsvolle Runde unterschiedlich dick angeschwollener Bäuche. Herb Junior war schon da, er sah schrecklich aus und verschwand gerade im CTG-Raum im hinteren Teil der Praxisklinik. Der Sohn war viel größer als er, von Natur aus schlank, hatte die besten Voraussetzungen für die optische Komponente seines Berufs und füllte dennoch seinen Arztkittel mit der unglückseligen Mischung aus einer nicht vorhandenen Körperspannung und nach vorne hängenden Schultern. Heute sah er besonders niedergeschlagen aus, ein wenig so, als hätte er geweint, wahrscheinlich nutzte er die frühmorgendliche Ruhe im CTG-Raum, um sich zu sammeln. Herb Senior fand diese Vorgehensweise vernünftig und freute sich, dass sein ausbleibender Impuls, mit dem Sohn in Kontakt zu treten und dessen Befinden zu erfragen ganz wunderbar mit der rationalen Entscheidung korrespondierte, dass es besser wäre, ihn das selbst regeln zu lassen.
Am liebsten sprach er mit ihm über Randthemen der Lokalpolitik, wie die schreckliche Verschmutzung der Gehwege durch Hundekot. Da waren sie sich einig und Herb Senior stolz darauf, dass sein eigener Widerwille gegen jegliche Art von Haustieren auf den Sohn abgefärbt hatte. Es war befriedigend, den Hundehass dynastisch weiterzugeben, zu oft wurde das Stadtbild vom manischen Hang der Bevölkerung zur Tierhaltung gestört. Ebenso anregend konnten sie über die unterschiedlichen Möglichkeiten debattieren, wie konkret mit überraschendem Reichtum umzugehen wäre. Während Herb Senior mehr zu Immobilien und Edelmetallen, also einer wertbeständig konservativen Anlage, tendierte, neigte der Sohn in erster Linie zur Erfüllung seiner persönlichen Träume, wie zum Beispiel einer luxuriösen Weltreise, die hauptsächlich in Edelresorts in der Südsee stattfinden sollte. Herb Senior konnte diese kleine Diskrepanz akzeptieren, man war schließlich nur einmal jung.
Er stellte seinen Kaffee zu schwungvoll auf dem Schreibtisch ab und suchte in der Schublade nach einem Taschentuch, um das Verschüttete wegzuwischen. Das nasse Taschentuch warf er gleich in den Mistkübel, denn als hauptsächlich weiß gekleideter Mann hatte er eine Aversion gegen jegliche Art von potenziellen Fleckenverursachern. Sein Blick fiel auf die Familienfotos, die im Regal Staub ansetzten. Zwei Kinder, Sohn und Tochter, und eine Frau, schlank und gut aussehend, kaum gealtert. Herb Senior versuchte, es sich warm ums Herz werden zu lassen, aber wenn er ehrlich war, stach ihm nur der unglaublich lächerliche Haarschnitt seines Sohnes in die Augen. Magdalena mochte er gar nicht allzu genau ansehen, sie hatte die Eigenheit, auf Fotos immer irgendwie vorwurfsvoll die Augenbrauen hochzuziehen. Diesen speziellen Blick glaubte er in letzter Zeit auch in natura an ihr wahrgenommen zu haben und er hatte keine Lust, sich in der Praxis unbehaglich zu fühlen. Er drehte den Rahmen mit dem Gesicht zur Regalwand und rückte das Foto der Tochter ein wenig nach vorne. Zumindest Greta schien es gut zu gehen in Stockholm, sie hatte seit Längerem nicht mehr nach Geld gefragt.
Weil er schon davorstand, öffnete er die Tür.
»Frau Egger, bitte.«
Er schüttelte einer Hochschwangeren die Hand und spürte die Wassereinlagerungen in deren Fingern. Die Tür zum CTG-Raum war immer noch verschlossen.
KARIN WAR NOCH nicht lange genug ohne Partner, um in dem Mann namens Klaus eine ernsthafte Option zu sehen. Sie hatte sein Interesse durchaus bemerkt, es wohlwollend abgespeichert und würde im Bedarfsfall darauf zurückkommen. Objektiv betrachtet war er keine schlechte Wahl, zumindest durchschnittlich attraktiv, nicht fettleibig, seine Zähne waren zwar leicht gelb, aber wenigstens Originalbestand. Nichts, was man nicht mit ein paar Bleaching-Streifen hätte beheben können. Das buschige Seitenhaar über seinen Ohren müsste man natürlich streng einkürzen und etwas ausdünnen, denn durch den Wildwuchs wurde die Glatze unvorteilhaft betont. Vielleicht wäre die beste Lösung, die Haare überhaupt alle millimeterkurz abzurasieren und mit einer markanten Brille, auf keinen Fall randlos, einen Akzent in die Gesichtsmitte zu setzen. Mit einem derart bebrillten Mann konnte man sich schon blicken lassen, das sah nach einem Werber, einem Architekten, einem Selbstständigen aus. Auf jeden Fall nach einem Mann, der theoretisch sehr erfolgreich sein könnte.
Seine Kleidung müsste man komplett entsorgen, denn er hatte einen unglücklichen Hang zum modischen Pragmatismus, seine Hosen wurden rein aus Notwendigkeit von Gürteln oben gehalten, weil er so viele Sachen in den zahlreichen Seitentaschen transportierte. Es sah aus, als würde er ständig seinen halben Hausrat mit sich herumschleppen. Karin mochte Männer in Anzügen, schmal geschnitten, mit weißem Hemd und ohne Krawatte. Wahrscheinlich stünde so ein Anzug dem Mann namens Klaus hervorragend, denn er hatte zumindest eine stattliche Körpergröße, war locker fünfzehn Zentimeter größer als Karin, sie hatte innerlich ihr Schuhregal durchforstet und zufrieden festgestellt, dass ihre höchsten Absätze dreizehn Zentimeter maßen. Karin bezeichnete sich zwar gerne als emanzipiert, aber über ihren Partner hinauszuwachsen, dazu war sie doch nicht bereit.
Sie lag in ihrem Bett und konnte nicht einschlafen, ihre Beine pulsierten von einem anstrengenden Tag am Counter, Helene hatte schlecht geträumt, war plötzlich mit schweißnassen Haaren und der Frage, ob es denn irgendwo noch fleischfressende Dinosaurier gab, vor ihr gestanden und lag jetzt im großen Bett, jede aufkeimende Schläfrigkeit Karins mit einem Tritt in ihre Rippen oder Halsbeuge vertreibend. Sie rotierte im Bett wie ein Uhrzeiger und änderte ihre Position immer so ruckartig, dass sie Karin dabei fast einmal die Nase gebrochen hätte.
Helene war ein Problem. Das konnte sich Karin nicht schönreden, seit sie ein Kind geboren hatte, waren ihre Möglichkeiten auf dem freien Markt drastisch gesunken. Die Männer, die sie hätte kennenlernen können, waren entweder selbst gebunden oder nicht interessiert an bereits vorhandenen Kindern, die das Alter der Niedlichkeit eindeutig überschritten hatten. Ihre Tochter war kein einfaches Kind, sie stellte zu viele Fragen und lachte dafür zu wenig. Früher hatte sie diese störenden Eigenschaften gut kaschiert mit entzückenden Flechtfrisuren, aber mittlerweile war schon schlichtes Frisieren am Morgen ein Drama.
Der Mann namens Klaus hatte den entscheidenden Vorteil einer eigenen Wohnung direkt gegenüber. Trotzdem, er war eigenartig, ein Starrer, ein Kaffeeverweigerer, kein Naturtalent im Umgang mit Kindern. Karin beschloss, mit dem realen Umstyling zuzuwarten und sich noch Zeit zu geben. Eineinhalb Stunden später schlief sie endlich ein, um gleich wieder von Helene geweckt zu werden, die weinte, weil sie aus dem Bett gefallen war.
MAGDALENA LAG IM Bett und dachte daran aufzustehen. Ganz fest dachte sie daran und war enttäuscht, dass es dadurch nicht von selbst passierte. Sie müsste nur die Decke zurückschlagen, die kühle Luft an ihren nun ungeschützten Beinen ertragen und die Füße auf den kalten Boden stellen. Sie müsste diese Kälte ausblenden und stoppen, bevor sie das Herz erreichte. Sie müsste einen Fuß vor den anderen setzen, links zuerst, wie es ihrer gesamten Polung entsprach, und den leichten Schwindel ausgleichen, ohne sich an der Wand abzustützen. Sie würde das Schlafzimmer verlassen und die Luft draußen atmen, die unverbrauchte Luft, die ihr in den Kopf schießen würde. Sie würde sich gegen die Gedanken wehren, die unweigerlich auftauchten, wenn der Kopf belüftet wurde.
Magdalena drehte sich um, mit Schwung, langsam war es nicht mehr möglich, denn sie lag immer an derselben Stelle des übergroßen Bettes und hatte eine tiefe Mulde in die Matratze gedrückt. Ein kalter Luftschwall kroch unter die Bettdecke und erwärmte sich sofort auf das Angenehmste. Den Körper einmal gewendet sah die Welt gleich ganz anders aus. Magdalena schnupperte an ihrer Schulter, sie würde wohl nie aufhören nach Säugling zu riechen, und dieser Geruch begleitete sie in einen unruhigen Schlaf.
Im Traum wanderte sie an der Seite eines recht ungeduldigen Pagen durch ein beeindruckendes altes Hotel, Jugendstil höchstwahrscheinlich, das völlig unpassend mit hochmodernen riesengroßen Panoramafenstern ausgestattet war, die wie gläserne Wunden auf Scheußlichkeiten der Industrie, auf Lagerhallen, Müllhalden in Hinterhöfen und Verladestationen zeigten. Magdalena wanderte von Stockwerk zu Stockwerk, in der immer verzweifelteren Erwartung, endlich ein schön beleuchtetes Städtepanorama präsentiert zu bekommen, und stellte sich minutenlang vor jedes einzelne Fenster, obwohl der Page sie hartnäckig vorantrieb. Nirgends ein schöner Ausblick.
»IHRE ELTERN WOHNEN auch hier«, sagte der Nationalratsabgeordnete der komplett unwählbaren Partei und störte damit die Stille im Lift auf eine überraschend angenehme Weise. Sein Hund schnüffelte an Herb Juniors Schuhen und hinterließ feuchte Nasenabdrücke auf dem matten Glattleder. Da es eine schlichte und treffende Feststellung war, wollte Herb Junior eigentlich gar nichts darauf antworten, aber er mochte das Parfum des Nationalratsabgeordneten viel zu sehr, um die Situation totzuschweigen, obwohl er sonst um blumige Kopfnoten einen großen Bogen machte und nicht ausschließen konnte, dass der Duft nur nach Flakon ausgewählt war. Herb Junior wollte dem echten Leben wieder einmal eine Chance geben.
»Genau, seit vor meiner Geburt, ich bin dann runtergezogen nach dem Studium, ein bisschen Abstand schadet ja nie«, antwortete er und ärgerte sich sofort über seine kratzige Stimme und die Banalität der gewählten Worte. Er war zu keinem Zeitpunkt seines Lebens auch nur durchschnittlich geschickt gewesen im Umgang mit fremden Menschen, die joviale Art des Vaters hatte ihn schon als Kleinkind abgestoßen und von der Mutter gab es diesbezüglich nichts zu lernen. Mandarino di Amalfi schien ihm den Kopf vernebelt zu haben. Der Lift fuhr quälend langsam und Herb Junior sah dem Nationalratsabgeordneten für abgezählte zwei Sekunden direkt in die Augen, um sich nicht vollkommen zu blamieren. Egal.



