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»Ist das Mandarino di Amalfi von Tom Ford?«, fragte er und der Nationalratsabgeordnete nickte lächelnd.
Der Hund saß nun auf dem Boden, ein Bein hinter dem Ohr, und leckte seinen Intimbereich. Mit einem langsamen letzten Ruck, der Herb Junior leicht den Magen aushob, kam der Lift endlich zum Stehen.
»Ich bin heute Abend in der Persephone Bar, vielleicht haben Sie ja Lust vorbeizukommen«, sagte der Nationalratsabgeordnete und zog sein vibrierendes Handy aus der Manteltasche.
»Komm schon, Albi«, sagte er zu seinem immer noch mit Körperhygiene beschäftigten Hund, stellte einen Fuß in die sich wieder schließende Lifttür und riss grob an der Leine. Er nickte Herb Junior zu und klemmte sein Handy mit einem ungeduldigen »Ja, was ist los?« zwischen Ohr und Schulter. Albi, dachte Herb Junior und blieb noch für einen Moment im Lift stehen, Albi kommt wahrscheinlich von Alberich. Warum eigentlich nicht.

ER HATTE SICH längst mit seiner sexuellen Vorliebe für Verletzlichkeiten aller Art abgefunden, wusste aber, dass andere das irritierend oder gar abstoßend fanden, und hatte sich im Laufe der Jahre zur Befriedigung seiner Bedürfnisse mehr und mehr ins Onlineleben zurückgezogen. Der Mann namens Klaus hatte früher etwas Geld als Fotograf verdient, mit überschaubarem Erfolg, denn seine Arbeiten waren nicht mehr als dritte Aufgüsse der Visionen echter Fotokünstler und obendrein technisch nur mittelmäßig umgesetzt. Er bekam die Unschärfen nie unter Kontrolle, wenn seine körperliche Erregung stieg. Am liebsten fotografierte er die ganz frischen Models mit wenig Erfahrung, bei ihnen schaffte er es am schnellsten, sie in einen Zustand der größtmöglichen Verunsicherung zu versetzen. Er gab dazu sehr viele, sehr konkrete Anweisungen und drückte ununterbrochen auf den Auslöser, damit das klickende Geräusch eine subtil gehetzte Grundstimmung erzeugte.
Finger zusammen, Kopf leicht nach links, Augen zu mir, nur die Augen, der Kopf bleibt, Haare durchwuscheln, wilder, ich muss die Fingersehen, Körperlinie lang halten, wieso liegt das Knie so komisch, das muss locker sein, nicht gestellt, authentisch, ich will dich sehen, keine Pose, wer bist du?, zeig dich.
So fotografierte er erst einmal eine ganze Fotostrecke nach seinem persönlichen Geschmack, um plötzlich damit anzufangen, jede Bewegung des Models enthusiastisch zu loben und das Mädchen in seiner Erleichterung so aufzulockern, dass schlussendlich doch noch ein paar brauchbare Bilder für den Kunden geschossen werden konnten.
Nach dem Shooting zweifelte das Mädchen gleichermaßen an ihrer Kinnlinie wie an ihrem Talent, überzeugend die totale Belanglosigkeit darstellen zu können. Der Mann namens Klaus ging nachhause, lud sich die Fotos vom Beginn des Shootings auf seinen Computer und zoomte in die Augen des Models. Mit etwas Glück fand er dort alles, was er brauchte: Angst und leichten Ekel. Unsicherheit und eine wieder zum Kind zerbröckelnde Weiblichkeit. Verzweiflung und den trotzigen Versuch, etwas Tiefsinn in einen Blick zu mischen, der leerer kaum sein konnte.
Leider verdiente er mit seinen Bildern nur wenig und irgendwann blieben die Aufträge ganz aus, einzig ein Serviettenhersteller buchte ihn einmal jährlich zum Sommerfest der Firma, um dort peppige Mitarbeiterfotos für die Website zu schießen. Auf dem Fest stand er herum wie ein Fremdkörper und staunte über die vielfältigen Möglichkeiten, in einem Sommerkleid lächerlich jugendversessen auszusehen. Er fotografierte die anwesenden Damen gerne von hinten, aus dieser Perspektive konnte man die schrecklichen Auswüchse verschiedener BH-Trägervarianten am besten für die Ewigkeit dokumentieren. Durchsichtige Plastikträger von erlesener Scheindezenz, die sich dadurch selbst vernichtete, dass die Träger so offensichtlich schmerzhaft in die Haut schnitten und den Schweiß mit ihrer Saugunfähigkeit der Öffentlichkeit präsentierten wie farblose Hinterglasmalerei. Der Mann namens Klaus aß ein paar Würstel, blätterte lustlos durch die Designs der neuen Serviettenkollektion und lächelte nur, weil er dafür bezahlt wurde. Der Geschäftsführer des Konzerns war irgendwann dem Irrtum aufgesessen, mit ihm einen vielversprechenden Modefotografen unter Vertrag zu haben, und hielt daran mit großer Euphorie fest, indem er jedes Jahr stark angeheitert »Geschichten aus der Modewelt« hören wollte, die der Mann namens Klaus hervorragend abwechslungsreich erfand.
Dieses langsame berufliche Absterben war zwar schmerzlos, aber nichtsdestotrotz schade, denn er hatte gerne regelmäßig frische Bilder, Verletzlichkeit nutzte sich schnell ab, und so probierte er es eine Zeitlang auf eigene Initiative im Bereich der Amateurmodels, gab dies aber schnell wieder auf, da deren Resignation und Routine beim Posieren abstoßend auf ihn wirkten. Egal wie viele Anweisungen er gab, sie wurden problemlos umgesetzt und die Blicke an- und ausgeknipst im Gleichtakt mit dem Auslöser der Kamera. Nichts konnte er finden, gar nichts, auch wenn er noch so sehr in die Augen zoomte, zuhause am Computer.
Als er sich unter falschen Angaben im Elternforum registrierte, wusste er nicht genau, was er sich davon eigentlich versprach. Er folgte mehr einem Gefühl, denn ihm war warm geworden beim Durchlesen der öffentlich sichtbaren Beiträge über strapazierte Paarbeziehungen, übergriffige Schwiegermütter und Kinder, die partout nichts Besonderes sein wollten. Es war zwar nicht zu vergleichen mit den frischen Models, aber es gab bei jeder Jungmutter diesen Punkt, an dem ein Teil ihres früheren Ichs zerbrach, und für manche war das mit seelischen Schmerzen verbunden, die der Mann namens Klaus liebevoll herausfilterte und separat abspeicherte. Er hatte einen Ordner mit Beiträgen angelegt, die ihn in ihrer offensichtlichen Darstellung von Verletzlichkeit anzogen. Sie waren ganz unterschiedlich, stilistisch und thematisch weit gestreut, von derben Flüchen über die magersüchtige Schwägerin bis hin zum gutbürgerlich verzweifelten Festklammern am Grundrezept der einzig wahren Pasta asciutta, aber sie hatten alle gemein, dass er aus ihnen eine tiefe Verzweiflung und Unsicherheit erspüren konnte. Manchmal mischte er sich unter die Antwortenden, provozierte ein wenig und versuchte, die Verzweiflung zu steigern, was ihm fast immer misslang, da die Nutzerinnen dann sofort dichtmachten und die feinen unschuldigen Nuancen in wüsten Beschimpfungen untergingen.
Von tinkerbell hatte er tatsächlich schon einmal einen Beitrag abgespeichert. Das war drei Jahre her und er fand diesen Zufall so gelungen, dass sein Innerstes gleich noch ein Stück näher zu Karin rückte.
hallo zusammen, tut mir leid, dass ich mich so lange nicht mehr hier gemeldet habe. ich kämpfe zur zeit mit meinen gedanken und muss alles auf die reihe bekommen. am wochenende hat mir mein mann gebeichtet, dass er mich drei mal mit seiner arbeitskollegin betrogen hat. ich kenne die frau nicht. einmal auf einer firmenfeier, angeblich eine b’soffene g’schicht. dann ist er mit ihr fortgegangen, hat mir aber erzählt, dass er arbeitskollegen trifft. und das dritte mal ist er mit ihr auf urlaub in die steiermark gefahren, sogar über unseren hochzeitstag, den hatte er nämlich vergessen. mir hat er gesagt, dass er auf geschäftsreise muss. ich bin so traurig und wütend, diese lügen sind für mich am schlimmsten. unsere tochter ist dreizehn monate alt und eigentlich wollten wir demnächst anfangen, an einem geschwisterchen zu basteln. dieser mann hat mich so verletzt und ich liebe seine guten seiten noch immer. es ist, als hätte man mich vor einen lastwagen gestoßen, und jetzt liege ich da, habe es überlebt und weiß nicht, was genau alles verletzt ist, weil ich mich nichts zu bewegen trau vor lauter angst.
Das hatte also Karin geschrieben, die Karin, deren Sommersprossen er am liebsten zu Sternbildern verbinden würde. Der Mann namens Klaus war begeistert.
NIEMANDEM WAR AUFGEFALLEN, dass Magdalena kein Wort mehr sprach, diese Situation hatte sich vor einigen Jahren einfach so ergeben. Im Gegenteil, die Tatsache, dass aus ihrem Körper kein Laut drang, wirkte regelrecht organisch. Zuerst sprach sie immer weniger und das Wenige langsamer, sie zerdehnte die Worte, verschiedenste Tonlagen mischten sich in einen einzelnen Satz, ähnlich einer Sprechpuppe mit schwachen Batterien. Das war Magdalena peinlich, sie begann, ihre Besorgungen online zu erledigen, da sie sich auf den Klang ihre Stimme nicht mehr verlassen konnte. Sie kratzte im Hals wie ein Fremdkörper, und Magdalena mochte es nicht, wenn sie andere Menschen irritierte. Jedes Aufnehmen einer noch so kleinen Konversation verursachte ihr einen stechenden Schmerz in der Kehle. Dieser Zustand dauerte nicht lange, denn plötzlich begannen ihr einzelne Wörter abzureißen, mittendrin beim Aussprechen, ein Knick und sie wurden porös, verloren jegliche Aussagekraft.
»Gibst du mir die Butt–«, sagte Magdalena eines Sonntagmorgens beim Frühstück und Herb Senior reichte ihr die Wochenendbeilage der Tageszeitung.
»Du musst den Immobilienteil lesen, ich bin ja schon seit Ewigkeiten der Meinung, dass wir in Vorsorgewohnungen investieren sollten. Mikroapartments sind die Zukunft, jetzt kann man damit noch richtig hohe Renditen erzielen, bevor alle anderen auch auf die Idee kommen.«
Herb Senior nahm einen Schluck Kaffee. Auf seiner Lieblingstasse war ein grauer Hirsch aufgemalt. Ein alterndes Alphatier, niedergedrückt vom Gewicht seines Geweihs, dachte Magdalena und fand, dass das Denken komplett unterbewertet wurde. Sie nahm die Butterdose, die Dose klapperte, sie schnitt ein viel zu großes Stück von der Butter ab und beschloss, das Reden endgültig einzustellen.
ES WAR NICHT so, dass Herb Senior nicht früh bemerkt hätte, dass seine Frau zu einer unerklärbaren Antriebslosigkeit neigte, regelmäßig unterbrochen von hysterischen Schüben, er hatte diese Eigenschaften sogar fast anziehend gefunden, solange sie noch nicht jeden Bereich seines sozialen Lebens durchsetzten. Die beiden Kinder hatten sie zwar wie erhofft knapp zwei Jahrzehnte in der häuslich repräsentativen Spur gehalten, aber je unabhängiger sie wurden, desto mehr zog sich Magdalena zurück. Manchmal verließ sie das eheliche Schlafzimmer wochenlang nur für ihre Grundbedürfnisse. Herb Senior entdeckte in diesen Phasen die schwarzen Federn ihres Morgenmantels ausschließlich im Badezimmer und vor dem Kühlschrank, in dem hauptsächlich die Wurstwaren fehlten, seltener etwas Milch. Sie ernährte sich von Wasser und Wurst, hauptsächlich italienischer Stangensalami. Sie ernährte sich auch von den Tabletten, die Herb Senior regelmäßig pulverisierte und in die Fettaugen der Salami strich. Dazu höhlte er diese aus, vermengte die weiße Masse mit dem Pulver und strich sie wieder zurück in die Wurst, wie ein Maler, der Bohrlöcher verspachtelte. Er wollte mit den Beruhigungsmitteln der Hysterie entgegenarbeiten, die von der Gattin regelmäßig Besitz ergriff und der er hilflos gegenüberstand, denn Gewalt war keine Lösung.
Einmal hatte sie mit Spaghetti geworfen, kreischend mit der ganzen Hand in die Schüssel gegriffen und einen Strauß sich schlängelnder, soßenspritzender Nudeln an die Wand geschleudert. Herb Senior musste ihr die Brandblasen auf der Handinnenfläche versorgen und das Esszimmer neu ausmalen lassen, noch Wochen später fand er in der Zimmerpalme zu grotesken Formen getrocknete Nudelgebilde und er beschloss, sich und seiner Frau das Zusammenleben angenehmer zu gestalten. So besorgte er sich Beruhigungsmittel und machte nicht den Fehler, Magdalena zur Einnahme überreden zu wollen.
Er wusste natürlich, dass sein Verhalten falsch war, er nahm das zumindest an aufgrund der Tatsache, dass er mit niemand darüber sprechen mochte. Die Tabletten mischte er nur wenn Magdalena schlief in die Salami, scheinbar heimlich, auch wenn er vor sich selbst dabei gerne eine gewisse Leichtigkeit bewahrte und aus dem Mörser springende Tabletten mit einem »Na, du widerspenstiges Scheißerchen!« bedachte. Ein wahrer Bösewicht würde wohl nicht so locker kommunizieren, sondern im Halbdunkel agieren, mit verschlagen zusammengekniffenen Augen.
Auch sah Herb Senior sein Handeln fast altruistisch motiviert, denn bloß weil er die positiven Aspekte der Sedierung durchaus genoss, musste das nicht die zugrundeliegende Absicht der Besänftigung seiner Gattin abwerten. Magdalena war unter behutsamer Medikation viel umgänglicher, er mochte diese feminine Weichheit in ihrem Gesichtsausdruck, wenn die Wirkung der Tabletten ihren Höhepunkt erreichte. Kein skeptisches Hochziehen der Augenbrauen mehr, kein nervöses Herumrutschen auf dem Sofa, wenn er von Patientinnen erzählte, sondern die völlige Hingabe als Zuhörerin, das wusste Herb Senior sehr zu schätzen. Selbst ihre Zornesfalte profitierte von der Ruhigstellung, sediert sah Magdalena um Jahre jünger aus, wie er zufrieden feststellte.
NICHT MEHR ZU sprechen schränkte Magdalena im Alltag weitaus weniger ein, als sie angenommen hatte. Nachdem der kalte Buchstabenentzug überstanden war, sie nicht mehr bei jeder Aufregung gurrende Laute oder gar eine Silbe produzierte, die Sprache in ihrem Kopf blieb, dort, wo sie hingehörte, war es, als hätten sich längst schon alle anderen daran gewöhnt. Herb Senior hielt weiter ungestört seine Monologe über medizinische Ethik im östlichen Ausland und wenn er hin und wieder persönlich wurde, sich etwa in Erinnerungen an ihre Anfangsjahre verlor, dann sprach er, so organisch, als wäre es nie anders gewesen, auch ihren Part mit, und Magdalena blieb nichts anderes übrig als zu nicken. Sie perfektionierte den Vorgang des Kinnhebens und Kinnsenkens, sodass sie damit unzählige unterschiedliche Aussagen auszudrücken vermochte. Ganz langsam und sachte ausgeführt bedeutete er sogar ein Kopfschütteln, aber dazu musste man Magdalena gut kennen.
Herb Junior war anfangs verwirrt gewesen, hatte öfter nachgefragt, ob alles bei ihnen in Ordnung sei, woraufhin sie einfach nur lächelte und ihm sanft über die Wange strich, denn das hatte ihn schon als kleinen Jungen immer aus dem Konzept gebracht, diese einsetzende Rührung, dieses Verlangen nach mehr.
Ihre Spaziergänge machte sie weiterhin, das war überhaupt kein Problem, und alle notwendigen Besorgungen verlegte sie in gut besuchte Supermärkte und das Internet. Der Paketbote glaubte fest an ihre Gehörlosigkeit, dies wurde Magdalena mit Scham bewusst, als er die ersten Zeichen in Gebärdensprache an ihr versuchte. Zu Weihnachten gab sie ihm immer einen größeren Geldschein, denn er hatte wirklich viel zu schleppen für sie, das ganze Jahr über.
Arztbesuche stellte sie zur Gänze ein, sie war ohnehin nie ernsthaft krank, und für ihren Reizdarm stellte sich das Dauerschweigen sogar als probate Therapie heraus. Einmal brach ihr ein Stück Zahn ab, als sie in eine Salamischeibe biss, da erwog sie kurz einen Termin beim Zahnarzt, gab sich aber schlussendlich damit zufrieden, den verbliebenen halben Eckzahn mit einer Nagelfeile stumpf zu feilen.
Magdalena kam gut zurecht.

ER HATTE MAGADALENA durchaus lange beobachtet, empirische Studien zu ihrem Gemütszustand angestellt, bevor er anfing, sie zu sedieren, da konnte sich Herb Senior nichts vorwerfen. Es fiel ihm nämlich schon nach wenigen Jahren zunehmend schwerer, ihre Malereien so überschwänglich zu kommentieren, wie sie es sich wünschte. Die Leidenschaft und Schonungslosigkeit, die jedem einzelnen ihrer zu Tode gedachten und zögerlich ausgeführten Pinselstriche fehlten, verlangte sie vehement von ihrem Ehemann. Magdalena fragte »Und wie findest du es?« in einem Tonfall von ausgesucht gefährlicher Belanglosigkeit, um sofort in einen lauernden Modus überzugehen, in dem sie jede Regung, jedes Fingerknacken, jedes nervöse Anspannen der Gesäßmuskulatur sofort registrierte und für die spätere Diskussion archivierte. Herb Senior bemühte sich, leise zu denken, überhaupt zu denken, wenn er auf die Leinwand starrte und nicht das geringste Gefühl zu dem dort Abgebildeten entwickeln konnte. Er wusste, er hatte ein Zeitfenster von höchstens dreißig Sekunden, um sich eine fundierte Expertise zurechtzulegen, die grell eingefärbt sein musste von einer noch nie dagewesenen Begeisterung, zumindest im Vergleich zur Vorgängerkritik.
Herb Senior hatte den Zenit seines natürlichen Vokabulars recht schnell überschritten gehabt, er sammelte deswegen heimlich Ausstellungskataloge und Bildbände berühmter Künstler in seiner Praxis, um kurz zwischen zwei Krebsabstrichen die enthusiastischsten Lobesworte mit gelbem Leuchtmarker hervorzuheben und auswendig zu lernen. In diesem Sammelsurium der Kunstkritik fand er ganz wunderbare Einzelstücke, Magdalena staunte nicht schlecht, wenn er der kühlen Harmonie der Farben eine universelle Sinnbildlichkeit zusprach oder beeindruckt von der stabilen unzweideutigen Komposition der Formen eine gewisse Simultanität der Seelenzustände im Kunstwerk entdecken konnte. Freilich musste Herb Senior aufpassen, dass er verbal nicht zu sehr abhob und Magdalena misstrauisch wurde, aber er dosierte seine Wortfunde mit Bedacht und mischte sie so unbemerkt unter die begleitende naive Begeisterung wie später die Beruhigungstabletten in die Fettaugen der Salami.
Einmal ausgesprochen entschied die Kritik ihrer Bilder über die Stimmungsausrichtung seines Privatlebens. Lag er daneben, berührte er einen der hochempfindlichen Schwachpunkte Magdalenas, etwa die leichte Schwäche im dreidimensionalen Raum, zog innerhalb der nächsten Stunden eine Stickigkeit in die Wohnung ein, der man mit nichts, auch nicht mit Dauerlüften beikommen konnte.
Die Kinder hatten diese Dynamik allein durch ihre Anwesenheit unterbunden, und deren täglich aufs Neue entzückenden Aufmachungen zu kommentieren fiel Herb Senior um vieles leichter, ja es kam sogar von Herzen, so dankbar war er den Kleinen nur für ihre Existenz. Auch als sie älter wurden und keine mütterliche Dauerpräsenz mehr einforderten, fand Magdalena nicht zurück zur Malerei und Herb Senior war sich irgendwann nicht mehr sicher, ob er froh darüber bleiben sollte. Sie entwickelte in diese Lebenszäsur hinein einen ästhetischen Perfektionismus, der seinesgleichen suchte, und lebte diesen rein im Häuslichen aus, was zur Folge hatte, dass die Kinder früh ganztägig ausblieben. Magdalena bestand darauf, dass Schuhbänder nur im Inneren der ausgezogenen Schuhe gelagert werden durften, überprüfte jeden Tag die Ordnung der Bücher im Bücherregal und entwickelte eine obsessive Beziehung zu Reinigungsmitteln aller Art. Dieser Perfektionismus steigerte sich zu einer Hysterie, die in Schüben auftrat und Herb Senior sofort unerträglich wurde. Magdalena neigte zu Kreischanfällen und Gewaltausbrüchen, was ihn insofern beunruhigte, da er die Schalldämmung in der Wohnung für höchstens durchschnittlich hielt und Angst vor externen Reaktionen und Peinlichkeiten hatte. Trotzdem brauchte er ein paar Jahre, bis er die zügig aufgekommene Idee, seine Frau ruhig zu stellen, in die Tat umsetzte. Herb Senior war kein impulsiver Mensch und davon ausgegangen, auch keinen ebensolchen geheiratet zu haben.

»WIE KANN ICH Ihnen behilflich sein?«, fragte Karin lächelnd und verstaute heimlich ihre Trinkflasche unter dem Verkaufstresen.
Heute hatte sie schon guten Umsatz gemacht, eine Ukrainerin war schlecht gelaunt zum Counter gekommen und hatte nach ausgiebiger Beratung diesen auch wieder schlecht gelaunt verlassen, am Arm achtlos baumelnd eine lackglänzende Tragetasche gefüllt mit Gesichtspflege im Wert eines zweiwöchigen Skiurlaubs. Karin fragte sich, ob die schlechte Laune der meisten Ostfrauen darauf zurückzuführen war, dass sie sich der Klischees über sich schmerzlich bewusst waren. Niemand sonst unter sechzig würde sich in Wien noch trauen Pelz zu tragen, ohne andauernd »Der ist geerbt und es wär schad drum« oder »Ist natürlich nicht echt, wirklich« in jeden Smalltalk einzuflechten, gerne in einer Lautstärke, dass das nähere Umfeld gleich Bescheid wusste, die Farbbeutel wieder in die Rucksäcke packte und es bei finsteren Blicken beließ. Die meisten Ostfrauen hatten diesen übertriebenen Zugang zu ihrer Weiblichkeit, fand Karin. Sie kauften leidenschaftlich gerne Dior Make-up, ebenso wie alle Transvestiten und gehobenes Personal aus dem Rotlichtmilieu, denn Dior sparte nicht mit Glitzerpartikeln, und so ein glitzernder Kussmund mit glitzerndem Augenzwinkern konnte sehr praktisch sein, wenn man erlegt werden wollte, es garantierte zumindest für einen kurzen Zeitraum die ungeteilte Aufmerksamkeit des Jägers. Karin war ein bisschen neidisch auf diesen pragmatischen Umgang mit der Männerwelt, sie selbst bekam von Glitzerpartikeln im Lipgloss sofort aufgesprungene Lippen, und blutiger Schorf versprühte leider nur Kadavercharme, das war ihr bewusst.
»Ich bin auf der Suche nach einem neuen Parfum«, sagte Herb Junior und stellte etwas angewidert fest, dass die vielen Sommersprossen der Verkäuferin im Neonlicht aussahen wie eine Krankheit.
»Es sollte nichts Blumiges sein, zumindest nicht in der Kopfnote.«
Karin lächelte.
»Ausgezeichnet, da finden wir sicher etwas Schönes für Sie, eine blumige Kopfnote ist ohnehin nicht wahnsinnig gefragt bei Herrendüften, ich hätte hier ganz neu Mandarino di Amalfi von Tom Ford, das entfaltet sich auf der Haut sehr subtil, frisch zitronig, es ist angereichert mit Estragon, Basilikum und Minze und erst zum Schluss wird es in der Herznote etwas blumig mit Jasmin und Orangenblüte.«
»Das klingt gut. Wer möchte nicht um viel Geld riechen wie ein klassisches Balkonkräuterkisterl«, sagte Herb Junior und lachte.
Karin lächelte.
»Vielleicht darf ich Ihnen eine Probe mitgeben, dann können Sie in Ruhe entscheiden, ob der Duft Ihnen zusagt.«
»Vielen Dank, wie nett, sehr gerne. Ich schau mich noch ein bisschen um, wenn das in Ordnung ist.«
Karin lächelte und rückte ihr Halstuch zurecht.
Irgendwoher kannte sie den Mann, aber ihr fiel nicht ein, woher. Es war auch nicht weiter von Bedeutung, denn nach Lipgloss jagte der ganz offensichtlich nicht.
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