- -
- 100%
- +
Beyoncé äußerte sich viel später in einem Video, das 2013 zeitgleich mit ihrem Album Beyoncé erschien, folgendermaßen über diesen Schlüsselmoment: „Es war ein absolut prägendes Erlebnis meiner Kindheit. Ich hatte mir ausgemalt, dass wir bei Star Search auftreten, gewinnen und einen Plattenvertrag bekommen würden. Das war damals mein Traum. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Möglichkeit bestünde, nicht zu gewinnen. Ich war erst neun Jahre alt, weshalb ich damals nicht begriff, dass man für etwas superhart arbeiten, alles geben und trotzdem verlieren konnte. Das war für mich die wichtigste Erkenntnis.“ Sie fügte noch hinzu: „Die Realität sieht so aus, dass man manchmal eben verliert. Man ist nie zu gut, um nicht auch mal verlieren zu können. Man ist nie zu groß, um zu verlieren. Man ist auch nie zu clever dafür. Es passiert einfach. Und es passiert dann, wenn es eben passieren muss. Man muss das auch zu schätzen wissen.“
Im Anschluss an diese Niederlage hätte man den Mädchen durchaus verzeihen können, wenn sie gedacht hatten, ihr Traum sei vorüber, bevor es überhaupt richtig losgegangen war. Aber dem stets optimistischen Mathew schwebten ganz andere Dinge vor. Er hatte einen flüchtigen Blick auf die blendende Zukunft seiner Tochter werfen dürfen und war nun nicht bereit, kampflos die Segel zu streichen. Während eines Vortrags an der Thornton School of Music, die zur University of Southern California gehört, sagte er 2011: „Aus irgendeinem Grund raffen sich diejenigen, die bei Star Search unterliegen, erneut auf, um schließlich Erfolg zu haben.“ Um diesen Erfolg einfahren zu können, beschloss er, sich mehr einzubringen, und bat Andretta, als Co-Manager einsteigen zu dürfen. Es heißt, dass Mathew sogar damit gedroht habe, Beyoncé aus der Gruppe zu nehmen, nachdem sie dieser Idee anfänglich ablehnend gegenübergestanden war, was dazu führte, dass sie schließlich einwilligte. Nachdem Andretta nach jahrelangem Leiden an ihrer Lupus-Erkrankung, einer seltenen Autoimmunerkrankung, verstorben war, sagte ihr Bruder Lornonda Brown, dass ihr gar keine Wahl geblieben sei als zuzustimmen: „Sie wusste, dass sie musste. Mathews Tochter war seine Trumpfkarte.“
Nun, da er am Steuer saß, wusste Mathew, dass er mit der Band noch einmal ganz von vorne beginnen müsse, vor allem, da die Mädchen noch einmal Zuwachs in Form eines neuen Mitglieds bekommen hatten. Es handelte sich mit LeToya Luckett dabei um ein talentiertes Mädchen, das mit Beyoncé in der Grundschule in dieselbe Klasse gegangen war. In einem Interview mit dem Independent meinte LeToya: „Beyoncé fand heraus, dass ich singen konnte, als wir beide für Pinocchio vorsangen. Wir teilten uns die Hauptrolle in dieser Schulaufführung und lernten dafür gemeinsam die Songs und Tanzschritte.“
Durch das neue Mitglied erhielt die Band eine neue Dimension und Mathew und Andretta entschieden daraufhin, die Originalbesetzung der Band drastisch zu dezimieren. Nachdem die Anzahl der Bandmitglieder von sieben auf nur mehr vier verringert worden war, bestand die Gruppe nun aus Beyoncé, LeToya, Kelly und LeTavia. Jedes der Mädchen brachte eine andere Qualität mit und so deckten sie endlich die gesamte gesangliche Bandbreite ab. Kelly verfügte über ein breites Spektrum, was sich gut für die schnelleren Nummern eignete, sie konnte auch die tiefen Töne noch singen. LeToya erreichte mit ihrer Sopranstimme luftige Höhen. Und was Beyoncé betraf, so vermochte sie es mit ihrem nunmehr kultivierten, souligen Gesang, einem jeden in Hörweite befindlichen Individuum eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen.
Von nun an als Vierergespann unterwegs, begann die richtig harte Arbeit. Mathew war von Anfang an hundertprozentig fokussiert: Das war nun nicht länger eine Gruppe von Mädchen, die einfach nur ihren Spaß haben wollten. Im Verlauf der folgenden 18 Monate schleifte er sie in eine Art „Mini-Bootcamp“, indem er sie vor der Schule durch die Parks von Houston hetzte und sie während des Joggens zusätzlich auch noch singen ließ, damit sie lernten, auch bei körperlicher Anstrengung nicht aus der Puste zu kommen. Sie fingen an, einen fettreduzierten Speiseplan einzuhalten. Beyoncé aß nun üblicherweise kalorienarme Tiefkühlmahlzeiten sowie zuckerfreie Götterspeise zum Abendessen und verzichtete auf die herzhaften, frittierten Gerichte, die sie so liebte. Die Mädchen wurden außerdem darin unterwiesen, ihre energiegeladenen Tanznummern in High-Heels zu proben, was ein paar verdrehte Knöchel zur Folge hatte. „Jedes Mal, wenn er mich pushte, wurde ich noch stärker“, sagte Beyoncé später über Mathews Führungsstil. Sie berichtete auch davon, dass sie viele Opfer bringen mussten, wie etwa das Cheerleading aufzugeben. Für gesellschaftliche Ereignisse im Kreise der Schulfreunde gab es nur mehr wenig Platz. „Mein Leben bestand aus Arbeit. Ich ging also nicht einmal wirklich auf einen Schulball“, erzählte sie dem Daily Telegraph. „Nun, ich ging auf den Ball meines Freundes als sein Date, aber dort kannte ich nicht wirklich jemanden und musste früh zu Hause sein!“
Teil von Mathews großem Plan war, dass er mit den Mädchen an eigenen Songs, die sie zusätzlich zu den Nummern anderer Künstler performen sollten, arbeiten würde. Die Hauptinspiration für die Texte ihrer Songs fand Beyoncé in Tinas Haarsalon, in dem sie die Unterhaltungen, die die Kundinnen über ihre missratenen Männer führten, belauschte. „Frauen sind beim Frisör viel offener als Männer“, verriet sie Elle. „Sie blättern in Modezeitschriften, hören Anita Baker und plaudern über ihre untreuen Männer. Da geht es viel pikanter zu als bei den Männern.“
Mathew schrieb den Mädchen auch vor, dass sie mindestens einmal in der Woche ein lokales Konzert – in der Schule, der Kirche oder bei einer Modenschau – zu absolvieren hätten. Und in den Schulferien sogar noch öfter. „Nichts war zu klein oder zu groß“, meinte er im Gespräch mit Forbes. „Üben, üben. Beyoncé war schon immer so leidenschaftlich bezüglich ihrer Musik gewesen, dass sie sich nie über die vielen Wiederholungen beschwert hätte.“
Sie traten sogar zu verschiedenen Anlässen in Beyoncés liebstem Themenpark, Six Flags AstroWorld, auf – allerdings musste sie dort auch eine der schlimmsten Erfahrungen ihres Bühnenlebens über sich ergehen lassen. Dem Fernsehmoderator Graham Norton erzählte sie von dem peinlichen Auftritt: „Meine Freunde waren im Publikum und es war eiskalt. Mein Gesicht war taub. Bevor ich mich versah, bemerkte ich, dass sich vor mir etwas aufblähte. Meine Nase war echt rot … und da ist plötzlich eine riesige Schnodderblase. Es war mitten während unserer Performance und ich rannte von der Bühne, um die Sache in Ordnung zu bringen, aber alle meine Freunde konnten es sehen. Es war schrecklich peinlich.“
Aber obwohl viele behaupteten, dass Mathew die Mädchen zu hart rannahm, besteht Beyoncé darauf, dass stets alles in ihrem Sinne gewesen sei, wie sie auch gegenüber dem Magazin Scholastic Action bestätigte: „Als ich jünger war, gingen die meisten Leute auf Partys. Ich konzentrierte mich auf die Proben. Während andere Kinder draußen spielten, wollte ich drinnen sein, um Songs zu schreiben und Tänze zu trainieren.“
Indem er seine ständig zunehmenden Kontakte spielen ließ, gelang es Mathew, eine höchst einflussreiche A&R-Managerin bei Columbia Records namens Teresa LaBarbera Whites davon zu überzeugen, von New York nach Houston zu fliegen, um sich einen Auftritt der Mädchen in einem jüdischen Gemeindezentrum anzuhören. Allerdings lief es nicht wie gewünscht: Die Mädchen waren am Vortag gemeinsam beim Schwimmen gewesen und hatten deshalb nasale Stimmen. Während eines Videos, das den Auftritt zeigt, kann man einen erzürnten Mathew hören, wie er inmitten eines Songs ruft: „Es ist mir egal, ob Teresa da ist. Merkt ihr, was der Preis dafür ist, dass ihr schwimmen wart?“
Ein paar Jahre später gestand LeToya, wie hart der Drill für sie gewesen sei. „Es war sehr anstrengend, schon so jung Mitglied einer ernsthaft arbeitenden Band zu sein“, erklärte sie dem Independent. „Wir mussten um sechs Uhr früh zu Gesangsstunden erscheinen und opferten einen Teil unserer Kindheit. In der sechsten Klasse wurden wir aus dem Schulleben gerissen, weshalb wir nichts mit dem ganzen Abschlussball- oder Ballköniginnen-Kram zu tun bekamen. Es war aber schon aufregend. Wir waren sehr brav und konzentriert für einen Haufen Kids.“
Da sie alle im selben Maße fromm waren, beteten die Mädchen zu Gott, dass er ihnen einen Plattendeal bescheren solle. Die Situation der Mädchen erinnerte an die ähnlich strikt geregelten Anfänge der Jackson Five. „Wir nannten Mathew ‚Joe Jackson‘“, gab LaTavia zu. „Er war sehr streng. Beyoncé war die einzige, die mutig genug war, sich gegen ihn zu stellen.“ LaTavia, die Mathews Ansatz gegenüber vermutlich am kritischsten eingestellt war, meinte außerdem: „Wir arbeiteten echt hart. Immer nur proben, proben, proben. Es gab da uns vier Mädchen, und er war unser Drill-Sergeant. Als es Sommer war, holte er uns in ein Camp bei sich zuhause in Houston. Er weckte uns früh am Morgen auf und fuhr uns in den Herman Park. Da gab es eine dreieinhalb Meilen [5,6 km] lange Laufstrecke. Wir mussten singen, während wir liefen. Dann fuhren wir zurück zum Haus und probten. So sahen unsere Tage aus, sieben Tage die Woche. Rückblickend hat uns diese harte Arbeit unsere Kindheit gekostet. Aber damals konzentrierten wir uns darauf, unseren Traum zu leben.“

Im Alter von 13 kam Beyoncé an die angesehene Houston School for the Performing and Visual Arts. Die Fotos aus ihrem Jahrbuch zeigen sie, wie sie zu einer natürlich schönen, jungen Frau erblüht ist. Mit ihrer makellosen Haut, dem strahlenden weißen Lächeln und den geflochtenen Haaren wäre sie auch leicht als Model durchgegangen. Jedoch war ihr die Musik stets wichtiger gewesen als ihr Aussehen, und während sie und die anderen Mädchen ihre Schulkarriere fortsetzten, setzte Mathew alles daran, ihnen Auftritte als Vorgruppe vor etablierteren R&B-Gruppen zu besorgen.
Endlich begann sich sein Aufwand auszuzahlen: Sie wurden zu mehreren Vorsingen von Plattenfirmen eingeladen, unter anderem auch bei Elektra Records, wo sie Darryl Simmons kennenlernten. Grobkörnige Videoaufnahmen von dieser Vorführung zeigen die vier Mädchen in beigen Jeans und schwarzen Trägerhemdchen, wie sie eine hübsch choreografierte Tanznummer zu ihrem Song „Wide Open“ performen. Alles in allem klang ihr Gesang nun um einiges tighter, wodurch sie geschliffener und erwachsener wirkten.
Nachdem sie sich jahrelang hatten abrackern müssen, waren die Girls und Mathew absolut begeistert, als Darryl eine Schlüsselfigur bei Elektra, Sylvia Rhone, die bereits die extrem erfolgreichen En Vogue unter Vertrag genommen hatte, hinzuzog. So wie die meisten, die die Gruppe hörten, fand auch sie, dass Beyoncés Stimme hervorstach, und beauftragte Darryl, den Mädchen einen Vertrag zu geben – und Beyoncé ins Zentrum zu rücken.
Nur kurze Zeit später wurde die Band nach Atlanta geflogen, von wo aus Darryl arbeitete, und ins Studio geschickt, wo sie an den Gesangsspuren für ein Album arbeiten sollten. Sie waren gemeinsam mit Darryls Assistenten in einem kleinen Haus untergebracht. Der Trip verströmte das Flair eines Ferienlagers, allerdings verpassten die Mädchen auch viele Schultage. Da dies die Eltern beunruhigte, wurden Privatlehrer engagiert. Nach ein paar Monaten zeichnete sich jedoch eine Katastrophe ab. Es war noch kein Datum für die Veröffentlichung besprochen worden und es schien, als würde Elektra die Entscheidung auf die lange Bank schieben wollen. Schließlich flatterte ein Brief von einem hohen Tier beim Label ins Haus, der die Gruppe davon unterrichtete, dass man die Band fallen lassen würde. Das Magazin Essence berichtete, dass die Entscheidungsträger einen dramatischen Sinneswandel durchlaufen hätten und nun denken würden, dass die Mädchen „zu jung“ und „zu ungeschliffen“ seien, um den nächsten Schritt setzen zu können. Die Frustration darüber, vorzeitig abgesägt zu werden, saß tief, wie Beyoncé Jahre später der Zeitschrift Q anvertraute: „Wir dachten, dass die Welt untergehen würde.“ 2002, auf dem Zenit ihres globalen Erfolgslaufs angelangt, blickte Kelly augenzwinkernd zurück: „Ich hoffe, dass derjenige bei Elektra, der entschieden hat, uns in die Wüste zu schicken, die Grammy-Preisverleihung von 2000 mitverfolgt hat.“
Zurück in Houston motivierten die enttäuschenden Neuigkeiten Mathew zu einem drastischen Schritt. Er kündigte seinen hochdotierten Job, um sich als Manager nun ausschließlich um die Belange der Band kümmern zu können. „Der ausschlaggebende Moment war, als sie von Elektra fallen gelassen wurden“, sagte er. „Ich kündigte meinen Job, und alle dachten, ich hätte sie nicht mehr alle.“ Mathews Hingabe an seinen Beruf war bereits seit längerer Zeit dahingeschwunden. „Ich war 20 Jahre im Geschäftsleben gewesen und 18 davon waren phänomenal gewesen“, erzählte er in Empower. „Aber die letzten beiden Jahre fehlte mir die Leidenschaft und ich spürte, wie ich einen Wandel durchlief.“ Sein Beschluss, diese Welt hinter sich zu lassen, wurde ihm erleichtert, als bekannt wurde, dass seine Co-Managerin Andretta zusehends von ihrer Lupus-Erkrankung geschwächt wurde.
Er traf auch noch eine weitere einschneidende, für die Zukunft der Gruppe wegweisende Entscheidung. Da er fand, dass der Name „Girls Tyme“ zu jung klang, war es an der Zeit, die Band mithilfe eines anderen Namens neu zu erfinden. Unter den Vorschlägen fanden sich „Somethin’ Fresh“ und „Borderline“, aber nichts passte so recht – ebenso wenig wie „Cliché“ oder „Da Dolls“. Schließlich wurde „Destiny“ in die Runde geworfen, doch der Name war bereits vergeben. Letztlich einigte man sich auf „Destiny’s Child“. Beyoncé erklärte im Magazin Interview, wie es dazu gekommen sei: „Immer, wenn ich wegen etwas verwirrt bin, frage ich Gott, mir die Antworten auf meine Fragen zu schenken – und er tut es. So fanden wir unseren Namen – wir schlugen die Bibel auf und da stand das Wort ‚Destiny‘.“ LaTavia führte weiter aus: „Eines Tages wollte Beyoncés Mom gerade in der Bibel lesen und schlug sie auf, um eine Stelle im Buch Jesaja zu lesen. Da fiel ihr ein Foto von uns hinunter und an der Stelle, an der es landete, stand in fetten Lettern das Wort ‚Destiny‘. Wir spürten, dass Gott uns diesen Namen schickte, fanden aber heraus, dass bereits viele Gruppen so hießen, deswegen ergänzten wir noch ‚Child‘, um eine Art Wiedergeburt von ‚Destiny‘ anzudeuten.“
Obwohl jeder von ihrer neuen Ausrichtung begeistert war, hatte Mathews abrupter Ausstieg aus seinem Beruf auch ernsthafte Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Familie Knowles. Seine Opferbereitschaft für Beyoncés Sache war jedoch so groß, dass er und Tina gemeinsam beschlossen, das Haus der Familie zu verkaufen, um die finanzielle Belastung zu senken. „Wir übersiedelten vom Haus in ein Apartment“, erzählte Beyoncé. „Statt drei Autos hatten wir nun zuerst noch zwei, dann nur mehr eines.“ Tina war der Meinung, dass die Strapazen für die Familie nur schwer zu ertragen gewesen seien, wie sie in einem ehrlichen Interview mit CBS enthüllte: „Es war sehr stressig, weil wir zuerst zwei echt gute Einkommen hatten und dann nur mehr eines. Wir mussten uns mit weniger Wohnfläche begnügen, unsere Autos verkaufen. Es war eine echt schwere Zeit für uns.“ Wenig überraschend stellten viele Freunde des Ehepaars ihre Entscheidung in Frage und Tina gab zu: „Die Leute hielten uns für durchgeknallt, sie dachten wirklich, wir wären verrückt geworden.“
Die Schwierigkeiten nahmen vorerst kein Ende, als sich die Familie plötzlich mit steuerlichen Problemen konfrontiert sah. „Irgendwie begann alles auseinanderzufallen“, berichtete Tina im Rolling Stone. „Wir mussten unser Haus für viel weniger als das, was wir mit ausreichend Zeit dafür bekommen hätten, verkaufen. Es war sehr emotional, weil meine Kinder in diesem Haus aufgewachsen waren und sie nun überhaupt nicht glücklich waren.“ Als Mathew herausfand, dass der Vormieter ihres neuen Apartments im Badezimmer Selbstmord begangen hatte, machte das die chaotische Lage nicht gerade besser. LaTavia erinnerte sich später an die neuen Lebensumstände der Knowles: „Mathew und Tina teilten sich ein Zimmer und Beyoncé, ihre Schwester Solange und Kelly teilten sich das andere. Sie hatten zwei Einzelbetten mit einem Ausziehbett darunter. Rückblickend war das alles sicher sehr stressig für die Familie.“
Um zu etwas mehr Geld zu kommen, ließ Tina ihren Haarsalon länger offen, während Mathew sich für ein paar Monate verabschiedete, um eine Fortbildung in puncto Künstler-Management zu machen – womit er den Grundstein für seine eigene Multi-Millionen-Dollar-Firma, Music World Entertainment, legte. Mathews Entscheidung, seine Tochter und ihre Freundinnen als Manager zu betreuen, war inspiriert gewesen von einer Geschichte, die er über Berry Gordon, den Präsidenten von Motown Records, gehört hatte. Berry hatte unvorstellbaren Erfolg, indem er praktisch alle Geschäfte von seinem eigenen Studio in Detroit aus abwickelte – er managte seine Acts, nahm sie auf und veröffentlichte und vermarktete sie selbst. Er behielt die Fäden in der Hand. Er bemühte sich außerdem, seinen Künstlern zu zeigen, wie sie sich benehmen, kleiden und bewegen sollten. Tatsächlich erklärte er ihnen, wie sie Superstars werden würden.
Der Kampf, Beyoncés Karriere in Gang zu kriegen, war höchst beschwerlich und hatte zur Folge, dass Mathew und Tina sich eine Zeit lang trennten. Tina erzählte CBS: „Wir gingen damals auseinander, weil mir vorkam, dass er ein wenig zu besessen war. Ich hatte nie Zweifel daran, dass sich der Erfolg einstellen würde, aber ich sagte ihm, dass er nicht einfach so die Welt auf den Kopf stellen könnte, sich auf diese Sache stürzen und sich nicht länger um seine Familie kümmern könnte.“ Als sie im Rolling Stone noch detaillierter auf die damalige Situation einging, fügte sie noch hinzu: „Zum damaligen Zeitpunkt kamen wir einfach nicht miteinander aus. Ich hatte das Gefühl, dass Mathew besessen war und sich besser einen Job hätte suchen sollen … Es ging uns einfach elend.“
So wie für jedes Kind war auch für Beyoncé die Trennung ihrer Eltern ein traumatisches Erlebnis. Später sagte sie dazu: „Es war eine so schmerzhafte Zeit, dass ich viele Erinnerungen daran aus meinem Kopf gelöscht habe.“ Sie suchte Halt bei ihrer Kirchengemeinschaft und man sah sie oft in der St. John’s Kirche, wie sie weinend ins Gebet versunken war. Als ihr alles zu viel wurde, legte sie sich ein Mantra zu, das sie immer und immer wiederholte, um mit ihrer Situation zurechtzukommen: „Gott hat einen Plan und Gott hat alles unter Kontrolle.“ Es half ihr, sich zu beruhigen, und wurde zu einem Motto, das sie seitdem durch ihr Leben begleitet.
Ihr christlicher Glaube half ihr auch dabei, die gelegentlichen Höhen und Tiefen ihrer Band zu verarbeiten. COSMOgirl erzählte sie vom ersten Mal, als sie die Gegenwart Gottes gespürt habe: „Ich war innerhalb der Gruppe so etwas wie die ‚Mutti‘ – wenn es Spannungen gab, jemand log oder jemandes Gefühle verletzt wurden, ging mir das sehr zu Herzen. Ich stand unter Stress, weil ich wusste, dass die Band durchdrehte. Ich konnte nicht mehr schlafen und ich bekam einen Ausschlag im Gesicht. Eines Tages in der Kirche weinte ich und mit einem Mal ließ ich einfach alles los. Es war, als würde Gott sagen: ‚Überlasse es einfach mir.‘ Der ganze Druck fiel von mir ab … Nachher war ich 20 Minuten lang im Reinen mit allem. Als würde ich schweben.“
Obwohl sie die Trennung ihrer Eltern sehr bekümmerte, wurde sie dadurch nur noch entschlossener, für Destiny’s Child die Anerkennung, nach der sie sich so sehnten, zu erringen. Ein Trip nach San Francisco, wo sie 1996 ein paar Demos aufnehmen wollten, läutete schließlich ihren finalen Durchbruch ein. Nachdem sie die Tapes an Dutzende einflussreiche Personen verschickt hatten, meldete sich bei ihnen ein Musiker namens D’wayne Wiggins aus Oakland, Kalifornien, dem das Gehörte zusagte, was ihn schließlich dazu veranlasste, die Band im Handumdrehen für seine Firma, Grass Roots Entertainment, unter Vertrag zu nehmen. In einem späteren Interview mit der Website von Soul Train sprach er über die so wichtige Entscheidung, der Band eine Chance zu geben: „Die größte Erfahrung meines Lebens in Bezug auf das Geschäft war es, Destiny’s Child unter Vertrag zu nehmen und sie zu entwickeln. Diese jungen Ladys waren ein paar erwachsene Damen in den Körpern von jungen Mädchen. Sie waren fokussiert und hatten Weitblick.“
Als Teil seines Investments in die Band ließ D’wayne sie in ein Haus mit sechs Schlafzimmern in Oakland in der Nähe seines Studios einziehen, um ihnen damit zu ermöglichen, ihre Musik zu schreiben und aufzunehmen. Erneut war Schule kein Thema und Privatlehrer kamen ins Spiel, damit sie ihren Stundenplan um die Musik herum arrangieren konnten.
Beyoncé blühte in dieser Umgebung auf und es gelang ihr, D’wayne schwer zu beeindrucken. „Ich kann mich daran erinnern, dass ich gerade den Gesang arrangierte und Beyoncé hinterm Mikro stand. Ich schlug ihr eine Harmonie vor und sie antwortete darauf mit einer Vielzahl von Harmonien und Melodien, die mich umhauten. Sie tanzte und warf ihre Haare herum, als würde sie gerade ein Konzert geben.“ Er fügte hinzu: „Ich war für die Produktion zuständig und ich war ein Fan. Es war eine wunderbare Erfahrung, die Familie kennenzulernen – Tina, Mathew und Solange –, und ich spürte das Vertrauen und den Respekt. Ich dachte mir stets: ‚Wow, sie vertrauen mir ihre Kinder an, damit ich nach ihnen sehe und sie produziere und mich außerdem darum kümmere, dass ihr Unterricht nicht auf der Strecke bleibt.‘“
Obwohl D’wayne sich darum kümmerte, dass Beyoncé brav lernte, hat sie nie ihren Highschool-Abschluss gemacht, da die Band ihr Leben beherrschte. Dennoch war das nur ein geringer Preis für das, was ihr noch bevorstand. Da das Interesse, das D’wayne der Gruppe entgegenbrachte, ihnen noch mehr Credibility verlieh, flogen Destiny’s Child 1997 nach New York, um erneut für Terese LaBarbera Whites vorzusingen, die immer noch für Columbia Records, wo auch Bruce Springsteen, Michael Jackson und Mariah Carey unter Vertrag standen, tätig war. Wie Beyoncé später in Soul Survivors, der Autobiografie von Destiny’s Child, zugab, war das ihre letzte Chance, und sie konnten es sich einfach nicht leisten, sie noch einmal ungenutzt zu lassen.
Es verhieß eigentlich nichts Gutes, dass der Konferenzraum, der für das Vorsingen zur Verfügung gestellt wurde, nicht groß genug für die Begleitmusiker und ihre Instrumente war, was zur Folge hatte, dass die vier Mädchen sich auf die einschüchternde Herausforderung einlassen mussten, a cappella zu singen. Es gelang ihnen jedoch zum Glück, perfekte Versionen von Bill Withers’ „Ain’t No Sunshine“ sowie ihres eigenen Tracks „Are You Ready?“ abzuliefern. Allerdings ließ Teresa die Mädchen in puncto Feedback erst einmal im Dunkeln. Sie reisten zurück nach Houston und hatten keinen Schimmer, wie es nun weitergehen würde. In Wahrheit aber war Teresa ganz hin und weg, wie sie viele Jahre später betonte: „Beyoncé ist eine unglaubliche Künstlerin, Songschreiberin, Produzentin und Performerin – sie hat einfach alles drauf. Ich kenne sie bereits seit ihrer Kindheit und habe ihr dabei zugesehen, wie sie zu der legendären musikalischen Urgewalt, die sie heute ist, heranreifte. Ich weiß nicht, ob es irgendetwas Cooleres gibt.“
Die quälend langen Wochen des Wartens hatten zur Folge, dass Beyoncé und die Mädchen an nicht viel anderes denken konnten. Die Nachricht, dass ihnen Columbia einen Vertrag anbieten wollte, ereilte die Mädchen nicht ganz unpassenderweise in Tinas Haarsalon. Tina hatte den Brief der Plattenfirma neckisch in einen Umschlag mit dem Logo eines lokalen Diners namens Luby’s gesteckt. Als Beyoncé ihn nun in die Hand gedrückt bekam, ging sie davon aus, dass es sich bloß um einen Essensgutschein handeln würde. Als sie den Inhalt des Umschlags durchlas, verschlug es ihr beinahe den Atem und erst recht die Sprache. „Wir fingen an, zu schreien und zu weinen, mitten im Salon“, erinnerte sie sich in Soul Survivors. Die Damen unter den Trockenhauben sahen uns an, als ob wir verrückt wären, weil sie nicht hören konnten, warum wir so schrien. Wir liefen durch den Laden, sprangen auf und ab, hielten den Vertrag in die Luft, damit ihn alle Kundinnen sehen konnten.“
Ganz anders als damals mit Elektra sollte es von dem Moment an, in dem sie auf der gepunkteten Linie unterschrieben, so richtig losgehen. Da sie nach so vielen Tagen in diversen Studios schon etliche Songs geschrieben hatten, konnte sich die Band sofort an die Arbeit an ihrer ersten Veröffentlichung machen. „Killing Time“ war eine Ballade, die schließlich auf dem Soundtrack des Films Men in Black landete und im Juli 1997 herauskam.




