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Mit Yvette Noel-Schure wurde der Gruppe von Columbia auch ihre erste Presseagentin zugeteilt. Sie sollte vor allem später eine wichtige Rolle im Team um Beyoncé spielen. Yvette erinnerte sich gegenüber Out an ihr erstes Treffen mit der Sängerin: „Ich sah eine sehr akribische 14-Jährige. In diesem Alter schon so abgeklärt zu sein … ich erinnere mich, dass ich sagte, dass das genau mein Projekt sei und ich mit diesen Mädchen die beste Zeit meines Lebens haben würde.“ Sie sagte außerdem: „Das ist es, an das ich mich für immer bezüglich Beyoncé erinnern werde: Sie hört einem genau zu. Sie sieht dir in die Augen, wenn sie mit dir spricht … Damals sagte sie noch andauernd ‚Ja, Ma’am, ja, Ma’am‘ zu mir, aber sie sah mir dabei immer geradewegs in die Augen. Es schien, als würde sie dabei nie zwinkern. Sie hörte einem zu … ich erkannte ihren Mut. Bis heute ist es dasselbe, wenn man mit ihr spricht. Ich sage immer zu ihr: ‚Wow, du machst das immer noch.‘“
Sie begannen mit der Arbeit an ihrem Debütalbum, das unter dem Namen Destiny’s Child herauskommen sollte, und ein Datum für die Veröffentlichung wurde ins Auge gefasst. Im Wissen, dass Image alles war, instruierte Teresa ihr Team, sich auf die Suche nach geeigneten Tracks zu machen, die die Band nicht zu „girliehaft“ oder infantil rüberkommen lassen würden. Auch Mathew war es ein Anliegen, dass die Girls nicht als Teenager-Band wahrgenommen würden, weshalb sie monatelang vortäuschten, zwei Jahre älter zu sein. Als sie von Black Beat 1998 nach ihrem Alter gefragt wurde, antwortete Beyoncé: „Wir wissen es nicht! Ich scherze nur. Eigentlich sind wir Teenager. Der einzige Grund, weshalb wir es nicht sagen, ist, dass sich ältere Leute nicht so für uns interessieren würden, wenn sie herausfänden, wie alt wir sind. Unsere Musik ist abwechslungsreich und älteren Menschen könnte sie auch gefallen, weshalb wir uns lieber nicht in eine Schublade stecken lassen möchten.“
Eine der ersten Nummern, die sie aufnahmen, „No, No, No“, war ursprünglich als erste Single vorgesehen, wurde aber schließlich als zu langsam befunden. Der angesehene Rapper Wyclef Jean von den Fugees wurde daraufhin damit beauftragt, einen schneidigeren Sound zu garantieren, was dazu führte, dass der mittlerweile in „No, No, No Part 2“ umbenannte Song Anfang 1998 Platz drei in den amerikanischen Charts sowie Platin erreichte. In Großbritannien landete der Song auf Nummer fünf und in Kanada auf Platz sieben. Ganz schön beeindruckend für eine brandneue Gruppe, die sich in einem heiß umkämpften Genre betätigte. Beyoncé erzählte später eine heitere Anekdote davon, wie sie die Single zum ersten Mal im Radio hörte, als sie gerade mit Kelly und ihrer Schwester Solange im Auto unterwegs war. Nachdem sie angehalten hatten, sprangen die beiden Bandmitglieder aus dem Wagen und fingen an, um das Fahrzeug herumzulaufen, während sie ihren Song mitsangen. Solange war zuerst ganz verwirrt, wie sich Beyoncé erinnerte: „Aber dann ließ sie ihre Tasche und ihre Bücher fallen und schloss sich uns an. Es war ein echt cooles Erlebnis.“
Gleichzeitig bedeutete der lang herbeigesehnte Umschwung auch, dass der Druck, der auf Beyoncés Eltern lastete, nachließ. Dies führte dazu, dass sie sich versöhnten und Mathew wieder zurück in das enge Apartment zog. Tina war begeistert vom Durchbruch der Mädchen und war von nun an durchgehend mit dem Styling der Gruppe beschäftigt, die praktisch im Wochentakt neue Outfits benötigte. In puncto Auftreten gab es allerdings Meinungsverschiedenheiten zwischen Tina und dem Label. „Ich wollte immer, dass die Mädchen glamourös aussehen“, erzählte Tina Texas Monthly. „Aber die längste Weile verstand uns niemand bei Columbia. Sie sagten: ‚Tina, diese Mädchen sehen so nach Texas aus. Kannst du nicht beim Make-up, den auffälligen Frisuren und den High-Heels einen Gang zurückschalten?‘ Aber ich liebe diese Frisuren und das Make-up. Wir sind hier anders als irgendwo sonst auf der Welt. Die Frauen hier sind so gut ausgestattet.“
Abgesehen von Styling-Fragen war es Tina auch wichtig zu verhindern, dass der aufkeimende Erfolg ihrer Tochter zu sehr zu Kopfe stieg. Diese mütterliche Besorgnis führte zu einer amüsanten öffentlichen Episode, die von da an im Knowles-Clan als „die Backpfeife“ bekannt sein würde. Es passierte, als die Familie einen Ausflug in einen Musikladen unternahm, wo „No, No, No Part 2“ im Radio gespielt wurde. Tina versuchte, ihrer Tochter etwas mitzuteilen, woraufhin diese lauthals mit dem Radio mitsang, um sie effektiv übertönen zu können. Beyoncés Mutter wurde stinksauer. Später erinnerte sich die Sängerin in Piers Morgans Show auf CNN an diesen Vorfall: „Sie scheuerte mir ein paar, sodass mir Hören und Sehen verging, und schickte mich zurück ins Auto.“ Tina machte ihr eindringlich klar: „Mir ist es egal, ob einer deiner Songs im Radio läuft. Du bist mein Kind und du hast mich mit Respekt zu behandeln.“ Tina erzählte in der Elle, was danach passiert war: „Mein Mann kam zu mir und sagte: ‚Tina! Sie hat einen Song an der Spitze der Charts!‘ Ich sagte daraufhin: ‚Das ist mir schnuppe!‘“ Ihre eigene Mutter hatte ihr bereits einzutrichtern versucht, dass es die inneren Werte seien, auf die es ankam. Beyoncé erzählte dem Daily Telegraph in Bezug auf diesen Zwischenfall: „Es war das Beste, das sie tun konnte, da mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich aus den Augen verlor, was wirklich wichtig war.“
Nachdem Beyoncé ihre Lektion auf die harte Tour hatte lernen müssen, kam im Februar 1998 schließlich das Album Destiny’s Child in die Läden – 36 Monate nachdem sie begonnen hatten, am Material für ihr Debütalbum zu arbeiten. Und trotz all des schweißtreibenden Aufwands, der hinter diesem Meilenstein steckte, war Beyoncé gerade erst einmal 16 Jahre alt. Black Beat erzählte sie: „Es dauerte zweieinhalb Jahre, das Album fertigzustellen. Wir nahmen 33 Tracks auf, von denen letztlich 13 auf dem Album landeten.“ Sie fügte noch hinzu: „Früher hatten wir uns noch gewundert, warum alles so lang zu dauern schien, aber dann realisierten wir, dass Gott einen Plan für uns hatte. Anders als andere Gruppen sind wir zusammen aufgewachsen und lieben einander. Im Herzen sind wir Schwestern.“
Obwohl die Rezensionen gemischt ausfielen, schienen die Kritiker den neuesten Zuwachs der R&B-Szene willkommen zu heißen, und das Album verkaufte sich vorerst eine halbe Million Mal. Zwar keine Zahl, die die Welt aus den Angeln hob, aber durchaus genug, um das Label bei der Stange zu halten.
Die nächsten paar Monate verliefen turbulent für die Band. Die Mädchen gingen nicht nur mit Wyclef Jean auf Tour und spielten Shows mit Dru Hill, LL Cool J und Run-DMC, sondern reisten auch international, stiegen in Luxushotels ab und trafen auf Fans, die sie anhimmelten und sie schon bald mit dem Kürzel „DC“ bedachten. Aber der größte Beweis für ihren wachsenden Status war, dass die mittlerweile leider verstorbene Whitney Houston sie einlud, auf ihrer Party zu ihrem 35. Geburtstag im August 1998 in New York aufzutreten. Sie kratzten ihr ganzes Geld zusammen, um sich neue, aufeinander abgestimmte Outfits zu kaufen, und als sie auf der Feier aufkreuzten, fühlten sich viele der Gäste an die Supremes erinnert – ein großes Kompliment für die Girls.
Weitere Aufeinandertreffen mit Megastars sollten folgen, darunter etwa mit der ultimativen Diva des R&B, Mariah Carey – eine Begegnung, die sie alle, wie Kelly meinte, „erstarren“ ließ. Für die Mädchen war Mariah ein Idol. Beyoncé konkretisierte das auf VH1: „Es fühlt sich für mich an, als würde Mariah Careys Stimme von Gott kommen.“ Einer der Smash-Hits der Sängerin, „Vision Of Love“, hatte Beyoncé, die bei der Veröffentlichung des Songs 1990 gerade einmal acht Jahre alt gewesen war, zutiefst beeindruckt. „Ich hörte all diese Gesangsmotive und dachte mir: ‚Wie macht sie das bloß?‘ Die Anzahl der Noten, die sie in einen kleinen Takt packen konnte, faszinierte mich, weshalb ich ebenfalls anfing, das zu versuchen. Sie hat mich total inspiriert.“
„Get On The Bus“, ein Song, bei dem Destiny’s Child vom Rapper Timbaland unterstützt wurden und der auch im Film Why Do Fools Fall In Love mit Halle Berry zu hören war, wurde 1998 ihre nächste Hit-Single. Dann luden die phänomenal erfolgreichen Boyz II Men die Gruppe um Beyoncé ein, sie auf dem ersten Abschnitt ihrer ausverkauften Evolution-Tour als Support-Band zu begleiten. LaTavia erinnerte sich daran: „Auf Tour zu sein, war ein sehr intensives Gefühl. Wir waren Mädchen, die gerade die Pubertät durchmachten. Unsere Hormone spielten verrückt. Den Terminplan einzuhalten, war sehr anstrengend … spät ins Bett und früh wieder auf.“
Die Mädchen, die sich erst gerade daran gewöhnten, länger von zu Hause weg zu sein, teilten sich die Hotelzimmer je nach jeweiliger Stimmung und Laune. „Eine Woche schlief ich bei Beyoncé, die nächste dann bei Kelly, dann wieder bei LeToya“, sagte LaTavia. Über die unterschiedlichen Temperamente der Mädchen meinte sie: „LeToya war der Spaßvogel, ich war der Frechdachs, Beyoncé die Mama und Kelly das Sensibelchen. Wenn wir einen Film anguckten, war sie die erste, die weinte.“ Tatsächlich war Kelly so ein sanftes Gemüt, dass sie die erste war, die unter dem Druck an der Spitze zu leiden begann – vor allem dann, wenn es ihr nicht gelang, den hohen Ansprüchen Mathews zu genügen. Nach einem sehr früh angesetzten Gig in Atlanta, bei dem sie eine Reihe von Tanzschritten versemmelt hatte, soll er ihr eine epische Standpauke gehalten haben: „Wo warst du heute Abend, Kelly? Ich habe gesehen, wie du zwölf Schritte verhaut hast.“ Kelly war am Boden zerstört. LaTavia erzählte im Daily Mirror: „Mathew nahm sich kein Blatt vor den Mund, und eine solche Kritik kann hart sein, wenn man ein kleines Mädchen ist. Wir gaben uns Mühe, nicht daran zu zerbrechen. Aber Kelly war so sensibel und manchmal lief sie auf ihr Zimmer, um zu weinen.“ Und doch hatte sein oftmals brutaler Management-Stil keinen negativen Einfluss auf ihre Loyalität ihm gegenüber. Der Zeitschrift Vibe teilte sie etwa mit: „Er ist mein Held. Mathew hat so viel für uns geopfert. Er hätte mich nicht in die Band aufnehmen müssen. Auch hätte er nicht sein Haus und seine Autos für uns verkaufen müssen. Er hätte nicht sein Leben für Destiny’s Child aufgeben müssen.“
Da das Label spürte, dass der große Megaseller sich demnächst einstellen würde, ließ Columbia die Band ihr nächstes Album, The Writing’s On the Wall, in gerade einmal zwei Monaten aufnehmen. In ihrer Rolle als Glücksbringerin der Band und als jemand, der unter enormem Druck aufblüht, schrieb und co-produzierte Beyoncé 17 Tracks und ließ sich dabei von Künstlern wie She’kspere, Timbaland und Missy Elliott unterstützen. Die Songs – beinahe alle stammten zumindest teilweise von ihr – repräsentierten zunehmend reifere Sichtweisen, wobei sich viele der Songs der Thematik der Gleichberechtigung annahmen, was auch in Zukunft eines ihrer Schlüsselthemen bleiben würde. Nachdem sie im Song „Hey Ladies“ die Frage gestellt hatte: „Why is it that men can go do us wrong?“, betonte sie in einem Interview: „Dieses Album zeigt auf, was in einer Beziehung passiert, wenn sich Leute auf eine gewisse Weise behandeln. Es zeigt wirklich, was da vor sich geht.“ Im Interview mit der Zeitschrift Texas Music reflektierte sie über die Veränderung der Girls zwischen ihren beiden Alben: „Zwischen 16 und 18, also in der Zeit, in der wir unsere beiden Alben aufgenommen haben, entwickelt man sich enorm. In diesem Zeitraum wächst man vom Mädchen zu einer jungen Frau heran. Es war ganz natürlich für uns, reifer zu werden – und das hört man auch an unserer Musik.“
Interessanterweise stand Beyoncé auf dem Cover des Debütalbums noch am äußeren Rand der Fotografie und wirkte leicht unsicher, während die anderen drei breit in die Kamera grinsten. Für das Artwork von The Writing’s On the Wall posierte sie nun an vorderster Front, dominierte dadurch das Porträt und wirkte um einiges selbstbewusster.
Die im Juli 1999 veröffentlichte neue CD sprühte vor R&B-Beats und ehrgeiziger Harmonien, was ihnen Vergleiche mit En Vogue eintrug – einer Gruppe, die sie immer schon geliebt hatten. „Man vergleicht uns mit ihnen, was wunderbar ist“, schwärmte Beyoncé in der Washington Post. „Sie haben großartige Songs und Tanzeinlagen. Wir sahen ihnen zu und taten so, als wären wir sie.“
Erfreulicherweise für Destiny’s Child wurde The Writing’s On the Wall zu einem globalen Triumph. In die Billboard-Charts stieg das Album gleich auf Position sechs ein und verkaufte sich in der ersten Woche nach der Veröffentlichung gleich 132.000 Mal. Bevor das Jahr 1999 vorüber war, hatte es sich noch eineinhalb Millionen Mal verkauft und den Mädchen außerdem gleich sechs Grammy-Nominierungen eingebracht – sie sollten in immerhin zwei Kategorien, „Best R&B Performance by a Group with Vocals“ und „Best R&B Song“, auch tatsächlich die Trophäe mit nach Hause nehmen. Zusätzlich platzierte Billboard das Album noch im Countdown seiner Top 200 des gesamten Jahrzehnts auf Platz 39. Im Jahr 2000 verkaufte sich das Album 3,8 Millionen Mal und brachte vier Hits hervor – darunter „Say My Name“ und „Bills, Bills, Bills“, eine Kritik an Männern, die ihre Frauen finanziell ausnützen, indem sie ihre Kreditkarten überzogen und das Benzin in ihren Autos aufbrauchten.
Obwohl alles so fabelhaft lief, war die Annahme, dass sich ihr Erfolg praktisch „über Nacht“ eingestellt hatte, ein Ärgernis für die Mädchen. Beyoncé rückte damals in einem Interview bereitwillig die Fakten gerade: „Die meisten Leute kapieren nicht, dass wir wirklich unser Leben dieser Sache verschrieben haben. Ein paar Leute in Houston sagten gerne, dass wir verrückt wären zu versuchen, einen Plattendeal zu bekommen, weil es von dort noch nie irgendwer wirklich geschafft hätte. Aber wir sind der Beweis, dass man alles, was man sich vornimmt, auch erreichen kann. Das ist erst der Anfang für uns, das könnt ihr mir glauben.“
Damals, als Beyoncé und die Girls so auf der Erfolgswelle dahinglitten, wäre es schwer gewesen vorherzusagen, dass sich in Kürze massive Schwierigkeiten anbahnen würden. The Writing’s On the Wall würde für die Gruppe, die gerade erst in diese Sphären vorgedrungen war, die letzte gemeinsame Leistung in dieser Größenordnung sein.

Die Stimmung im Lager von DC kippte schließlich Ende 1999, Anfang 2000 – während einer Phase, die Beyoncé als „den Wandel“ bezeichnet. Alles begann zwei Wochen vor einem anberaumten Videodreh für den Song „Say My Name“, der sich ironischerweise als größter Hit von Destiny’s Child herausstellen sollte. Komplett unerwartet schrieben LeToya und LaTavia – beide waren unlängst 18 geworden – am 14. Dezember jeweils einen Brief an Mathew, in dem sie ihm mitteilten, dass sie in Zukunft auf seine Dienste als Manager verzichten wollten. Es wurde weithin kolportiert, dass sie ihm vorwarfen, er hätte es verabsäumt, ihnen gleich große Anteile an den Profiten der Band zukommen zu lassen. Sie hatten schlicht und einfach das Gefühl, gegenüber Beyoncé und Kelly benachteiligt zu werden. Somit kam es zu einem Bruch zwischen den beiden Mädchen, die im Haushalt der Familie Knowles lebten, und den anderen zwei Mitgliedern der Band. Versuche, den Disput einvernehmlich zu klären, schlugen fehl, wie Beyoncé später in Q erzählte: „Wir versuchten alles. Beratungsgespräche mit unserem Jugendpastor etwa. Zimmertausch. Aber wir waren in zwei Lager zerbrochen. Unsere Vorstellung von der Band war eine andere als ihre.“ Beyoncé bestand stets darauf, dass jedes Mitglied seine fairen 25 Prozent des Kuchens bekommen habe, und letztlich schien auch LaTavia einzuräumen, dass dem so gewesen sei. „Ich sage nicht, dass die Lohnschecks sich unterschieden hätten“, diktierte sie schließlich dem Daily Mirror, „aber die Dinge wirkten einfach unfair. Beyoncé und Kelly hatten Autos … Und Mathew redete viel verrücktes Zeug, Sachen wie: ‚Ihr solltet alle froh sein, dass ich euch überhaupt Geld gebe.‘“
Nachdem das Tuch zwischen den Parteien erst einmal zerrissen war, wurde entschieden, dass LeToya und LaTavia die Band verlassen würden – obwohl Mathew darauf beharrt, dass er sie nicht gefeuert habe, sondern dass sich aus ihrer Bitte, den Manager zu verlassen, auch der Wunsch, Destiny’s Child zu verlassen, abgeleitet hätte. Diese schockierende Entwicklung traf die 18-jährige Beyoncé zweifellos sehr hart. „Es war eine sehr aufreibende Zeit für Kelly und mich“, gestand sie Q. „Wir waren deprimiert und gekränkt.“ Beyoncé, die in der Gruppe stets liebevoll „Mom“ genannt worden war und sich immer um den Frieden zwischen den Girls gekümmert hatte, gab zu, dass sie so wütend darüber war, ihre Kindheitsfreundinnen zu verlieren, dass es ihr das Herz brach. „Ich blieb buchstäblich zwei Wochen lang in meinem Zimmer und bewegte mich nicht. Es fühlte sich an, als ob ich nicht atmen könnte“, erzählte sie im Gespräch mit Vibe im Jahr darauf. „Ich hatte einen Nervenzusammenbruch, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Es tat so schrecklich weh.“
Allerdings durfte keine Zeit verschwendet werden, da ja schließlich schon bald eine neue Single veröffentlicht und ein neues Video abgedreht werden sollte. Die ehemalige Hintergrundsängerin Michelle Williams, 19, Farrah Franklin, 18 Jahre alt und eine der Tänzerinnen aus dem Video zu „Bills, Bills, Bills“, wurden rasch als Ersatz für LaTavia und LeToya rekrutiert. Die neu formierte Gruppe nahm also das Video „Say My Name“ auf. Aber das war noch lange nicht das Ende der Affäre. LeToya und LaTavia sagten nämlich, erst begriffen zu haben, dass sie aus der Band geflogen seien, als sie fünf Wochen später das fertige Video zu Gesicht bekommen hätten. In weiterer Folge reichten die beiden eine Klage gegen Beyoncé, Kelly und Mathew ein und warfen ihnen vor, den Partnerschaftsvertrag verletzt zu haben.
Als LeToya ein paar Wochen nach ihrem Abschied von der Gruppe mit MTV sprach, sagte sie: „Es ist einfach ein sehr seltsames Gefühl, wenn man mit jemandem seit seinem neunten oder zehnten Lebensjahr zusammen ist, und dann so plötzlich auseinandergeht.“ LaTavia deutete an, dass sich die Probleme bereits über einen längeren Zeitraum gezogen hätten: „Es war etwas, dass sich abgezeichnet hatte. Da waren Dinge, die uns auffielen … Dinge gingen vor sich, die wir bemerkten und ansprachen, und wir meinten: ‚Das ist so nicht richtig.‘ Wir sagten etwa: ‚So sollte es nicht sein, wir sollten nicht das Gefühl haben, es mit einem Interessenkonflikt zu tun zu haben.‘“ Sie erzählte dem Musiksender auch von ihrer Enttäuschung, die sie fühlte, als sie sah, wie schnell sie bei Destiny’s Child ersetzt worden waren. „Ich war gerade im Auto und ich war total perplex … Uns wurde gesagt, dass alles erst einmal auf Eis gelegt würde, bis alles geregelt sei. Und als Nächstes, ehe man sich versieht … Oh, mein Gott, da sind ja zwei neue Mädchen in der Band.“
Obwohl sich Beyoncé und Kelly anfangs wenig zu den Vorfällen äußerten, kam es im Verlauf der nächsten paar Monate doch noch zu einer Schlammschlacht. In einem erstaunlich offenen Interview mit Vibe im folgenden Februar erhob Beyoncé schwere Vorwürfe: „LeToya war, nun, sie hatte kein musikalisches Gehör.“ Kelly unterstrich dies, indem sie behauptete, dass ihre ehemalige Bandkollegin eine Rapperin, aber keine Sängerin sei. Das war aber noch nicht das Ende der Sticheleien – Beyoncé sagte sogar, dass sich die Mädchen bereits seit zwei Jahren nicht mehr wirklich gut verstanden hätten. „Als wir bekannt wurden, waren wir tatsächlich wie Schwestern. Wir standen uns sehr, sehr nahe. Allerdings kamen wir schon fast zwei Jahre vor dem Bruch nicht mehr miteinander klar. Und in Interviews konnten wir nicht sagen, dass wir unglücklich waren, weil wir unsere Fans nicht im Stich lassen wollten, da sie bei uns oberste Priorität genießen. Also vereinbarten wir, so zu tun, als ob alles okay wäre, obwohl dem nicht so war … Es war wie in einer schlechten Ehe, in der man Kinder hat und so tut, als wäre man happy.“ Beyoncé offenbarte gegenüber Vibe außerdem, dass sie inmitten des Zerwürfnisses mit LeToya und LaTavia einen Brief geschrieben habe, in dem sie ihnen mitteilte: „Ich habe einige meiner besten Momente meines Lebens mit euch beiden an meiner Seite verbracht. Ich habe auch ein paar meiner schlimmsten Erlebnisse mit euch geteilt … Ich habe mich nie beklagt, wenn ihr auf zahlreichen Songs auf einem Album nicht auch nur eine Note gesungen habt. Nie habe ich mich beschwert, wenn ich mir meinen Hintern im Studio abgearbeitet habe – wie das auch beim letzten Album der Fall gewesen ist –, dass ihr entweder geschlafen oder ungefähr 80 Prozent eurer Zeit am Telefon verbracht habt.“ Aber es ging noch weiter: „Ungefähr alle drei Wochen (oder noch öfter) gibt es irgendein Drama, das eine von euch oder ihr beide gemeinsam verursacht habt. So war es jetzt schon die letzten zwei Jahre und ich habe das nicht verdient!“ LeToya war außer sich, dass man sie müßig nannte und konterte: „Wir waren nicht faul. Wenn es Zeit war zu schreiben, wenn es Zeit war zu singen, waren wir startklar. Ich würde gerne sehen, wie jemand auf die Bibel schwört, dass wir nicht gearbeitet hätten.“
Nun da fleißig Beleidigungen zwischen den jungen Frauen ausgetauscht wurden, vertraute Kelly Q an: „Sie waren sehr negativ und eifersüchtig … Sie waren unfähig, alleine eine Leadstimme einzusingen. Wir gingen zu Gesangsstunden, weil wir starke Stimmen haben wollten. Aber sie taten das nicht.“ Im selben Interview wies auch Tina Knowles die Schuld LaTavia und LeToya zu. Sie behauptete: „Sie verspäteten sich zu Interviews und Fotosessions. Das ist aber nicht die Philosophie von Destiny’s Child. Die Gruppe ist mit Ernst bei der Sache. Nichts kommt vor DC – außer Gott.“
Ein unangenehmer Rechtsstreit hing Monate lang über der Familie wie eine schwarze Wolke. LaTavia und LeToya ließen schließlich ihre Klage gegen Beyoncé und Kelly fallen, erhielten aber ihre Vorwürfe und Ansprüche gegenüber Mathew aufrecht. Letztlich einigte man sich außergerichtlich. Die beiden ehemaligen Bandmitglieder erhielten Berichten zufolge jeweils 850.000 US-Dollar und traten dafür alle Rechte an Destiny’s Child ab.
Beyoncé versuchte das Positive an der ganzen leidigen Posse zu sehen. Newsweek erzählte sie, dass ihre CD-Verkäufe merklich zugenommen hätten. „Destiny’s Child waren immer schon sehr talentiert“, sagte sie. „Aber die Sache war die, dass wir nicht ausreichend Kontroversen boten. Ich denke, wenn du willst, dass deine Gruppe Erfolg hat, muss auch deine Story interessant rüberkommen. Unsere Story war schon sehr sauber und glatt, also bin ich Gott für diese Kontroverse dankbar. Ich bin glücklich, weil es dabei hilft, Platten zu verkaufen.“
Abseits der Turbulenzen hinter den Kulissen ergab sich für die Mädchen ein sensationelles Angebot, als Christina Aguilera sie einlud, sie im Frühjahr 2000 als Vorgruppe auf ihrer ersten Headliner-Tour zu supporten. Sie sagten zwar zu, doch brach sich Kelly während einer ihrer Auftritte mehrere Zehen. Zum Glück war Solange in der Lage, vorübergehend einzuspringen. Beyoncé erinnerte sich daran im Magazin Teen: „Unsere Umkleide war so weit von der Bühne entfernt, dass es schon recht abenteuerlich war. Kelly rannte in vollem Tempo, es war dunkel und sie krachte mitten in unserem Set gegen eine Rampe. Wir hörten sie schreien und weinen und wir dachten nur: ‚Oh, mein Gott, sie scheint sich wirklich weh getan zu haben!‘“
Nach einer kurzen Verschnaufpause im Anschluss an den Skandal folgten prompt noch mehr Turbulenzen für die Gruppe, als das neue Mitglied Farrah sich im August 2000, nur fünf Monate nachdem sie eingestiegen war, wieder verabschiedete. Die Klatschspalten berichteten, dass es ihr schlicht zu viel geworden sei, ein Mitglied einer Popgruppe solchen Ausmaßes zu sein. Als sie einer MTV-Show in Sacramento fernblieb und die Grippe als Grund angab, wurde rasch verkündet, dass sie die Band hinter sich gelassen habe. Enttäuscht sprach Beyoncé mit Q: „Das war eine große Sache für uns. Es hatte neun Jahre gedauert, bis wir es zu MTV geschafft hatten. Wir hatten so hart gearbeitet, um dorthin zu kommen.“
So wie LeToya und LaTavia legte auch Farrah ihre Sicht der Dinge gerne dar und enthüllte, dass sie unglücklich gewesen sei, da Beyoncés Mutter ihr nahegelegt habe, ihr Image zu verändern. „Ich hätte mir die Haare rot färben sollen, als ich sie gerade hellbraun mit blonden Strähnen hatte“, erzählte sie dem Magazin Sister 2 Sister. „Ich hasste das.“ Farrah behauptete auch, dass ihr vorgeschrieben worden sei, ihren Namen zu ändern – ironischerweise wurde sie nämlich ursprünglich Destiny gerufen. „Mein zweiter Vorname lautet Destiny und so kennt man mich schon mein ganzes Leben. Niemand nannte mich Farrah. Ich musste mich also Farrah nennen, um bei DC mitmachen zu dürfen.“ Demselben Magazin verriet sie auch, dass ihr Bräunungsbäder verordnet worden seien, um einen dunkleren Hautton zu bekommen. Tina habe angeblich zu ihr gesagt: „Du siehst besser aus, wenn du dunkler bist.“ Außerdem untermauerte sie LaTavia und LeToyas Aussagen, dass die Gewichtung der Gruppe stets zu Beyoncé und Kellys Gunsten ausgelegt worden sei: „Nie waren wir gleich. Egal, wie oft jemand behauptet, dass es keine Bevorzugung gegeben hätte. Wenn deine Familie die Show am Laufen hält, wird es einfach keine Gleichberechtigung geben.“



