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Michelle, das andere neue Mitglied, kommentierte Farrahs Äußerungen kurze Zeit später: „Absolut verzichtbarer Bockmist. Vollkommen lächerlich.“ Auch in puncto Imagewandel ätzte sie im Gespräch mit Vibe gegenüber Farrah: „Du bist jeden Tag auf Reisen, fliegst erste Klasse, wohnst in den besten Hotels und dann regst du dich über deine Haarfarbe und deinen Namen auf?“
Beyoncé war extrem dankbar dafür, dass sich mit Michelle endlich jemand unerschütterlich loyal gegenüber Destiny’s Child zeigte. Sie und Kelly bauten eine sehr enge und lang bestehende Freundschaft zu ihr auf. Es war durchaus hilfreich, dass Michelle schon Erfahrung in der Musikbranche gesammelt hatte: Sie war bereits Hintergrundsängerin bei der in Amerika moderat erfolgreichen R&B-Künstlerin Monica gewesen. Als sie aufwuchs, war Michelles Familie im Gesundheitssektor tätig gewesen, und eigentlich wollte sie ursprünglich Geburtshelferin werden. Sie beschrieb sich im Magazin Cross Rhythms selbst als „nerdiges“ Kind: „Als ich heranwuchs, erfuhr ich viel Schmerz. Wenn man sich so anstrengt, akzeptiert zu werden, ist man, bevor man sich versieht, jemand anderer, und das ist verrückt. Ich wurde veralbert und drangsaliert, weil ich eine gute Schülerin und eine nette Person war. Die anderen Kinder waren echt grausam. Ich war dürr und eine Spätentwicklerin.“
Als Michelle später an der University of Illinois studierte, begann die Musik ihr Leben zu bestimmen, was dazu führte, dass sie die Uni abbrach. Sie ging zu einem Vorsingen für Destiny’s Child, die sie zuvor auf einer gemeinsamen Tour, als sie mit Monica unterwegs war, kennengelernt hatte. „Wir sahen uns in erster Linie nach einer Persönlichkeit um. Als Michelle eintrat, war sie schon perfekt“, wurde Beyoncé in Texas Music zitiert. „Sie war schön, ging in die Kirche und konnte vor allem singen.“
Von Anfang an war Michelle willkommen gewesen im Haus der Familie Knowles und teilte sich sogar das Bett mit Beyoncé und Kelly. Dann ging es unter Tinas Anleitung daran, ihr den Look eines Popstars zu verpassen. „Mir wurde zum ersten Mal meine Oberlippe gewachst“, erinnerte sie sich im Observer. „Beyoncés Mom war da, um mir die Hand zu halten, da ich nicht wusste, was mit mir geschah.“
Wie vorherzusehen war, musste sich Michelle am Anfang jedoch mit Feindseligkeit ihr gegenüber herumschlagen, da sie nun das neue Gesicht in einer bereits etablierten Band war. „Als ich einstieg, bekam ich das ganze Gerede und die Negativität mit. Die Leute sagten: ‚Wer denkt sie eigentlich, dass sie ist?‘“, erklärte sie. „Aber eigentlich war es ein sehr einfacher Übergang, was ich Beyoncé und Kelly zu verdanken hatte. Für sie war es keine große Sache … Wir machten einfach mit den Shows weiter und sagten keinen der Auftritte ab, was eine gute Sache war.“ Beyoncé schwärmte von der neuen Besetzung der Band in der Zeitschrift Teen: „Gesanglich sind Destiny’s Child nun so gut wie nie zuvor. Und nicht nur gesanglich. Die Gruppe ist so harmonisch, so talentiert und bietet so viel Rückhalt.“
Nach den traumatischen Monaten gab es für das nunmehrige Trio viel Arbeit zu erledigen und alle wussten, dass es überlebenswichtig war, wieder Stabilität in die Sache zu bringen. Aber egal, wie sehr sie sich bemühte, gute Miene zu machen und in die Kameras zu strahlen: Es blieb schwierig für Beyoncé weiterzumachen, nachdem sie wiederholt zum Opfer weitreichender Schuldzuweisungen geworden war. Sie wurde in den Medien und in Blogs schonungslos ins Visier genommen und für das Chaos, das die Band unlängst zu verfolgen schien, verantwortlich gemacht. Es war klar, dass die Kritik sie zutiefst verstörte. Dem Magazin Vibe erzählte sie verbittert: „Manchmal wünschte ich, mein Vater wäre nicht mein Manager, damit die Leute aufhören würden, mich zu attackieren. Immer, wenn irgendetwas in der Gruppe schiefläuft, ist es meine Schuld. Schiebt es einfach auf Beyoncé.“
Dem Guardian teilte sie außerdem mit: „Es gab Hass-Websites über mich, ich stand unter großem Druck und die Leute schoben mir für alles die Schuld in die Schuhe. Ich war 17, 18 Jahre alt, eine unschuldige Person, ein Kind. Das war eine harte Zeit für mich. Mein Vater ist mein Manager und meine Mutter die Stylistin. Mein ganzes Leben bestand aus ihnen und wenn Leute diese schrecklichen Dinge sagten, fühlte es sich für mich so an, als ob mein ganzes Leben zerstört würde.“ Wenig überraschend nannte sie diese Zeit später die dunkelsten Tage ihrer Karriere und sagte, dass sie zwei Jahre unter Depressionen gelitten habe. „Ich aß nichts und verkroch mich in meinem Zimmer“, erzählte sie Parade. „Es war eine richtig schlechte Zeit in meinem Leben, durch diese einsame Phase durch zu müssen. ‚Wer bin ich? Wer sind meine Freunde?‘ Mein Leben veränderte sich.“
Beyoncé spürte auch zum ersten Mal, dass die Öffentlichkeit an ihrem Leben teilnahm, was ihren Ruhm auf einen ganz neuen Level beförderte. „Es war zäh. Bis dahin hatten die Medien sich nicht wirklich für mich persönlich interessiert. Es ging nur um unsere Musik. Dann fühlte es sich aber an, als würde ich selbst angegriffen. Die Art, wie die Leute reagierten, änderte sich. Meine Privatsphäre war vorüber.“ Dass außerdem ihre Romanze mit ihrem langjährigen Freund Lyndall endete, machte alles nur noch schlimmer. Obwohl sie nie veröffentlichte, warum es tatsächlich vorbei war, beichtete Lyndall Jahre später, dass er sie betrogen habe, weil er sich selbst nicht gut genug für sie fand. „Eines Nachts, als sie gerade nicht in der Stadt war, ging ich mit ein paar Freunden in eine Bar und landete schließlich im Bett mit einer anderen Frau … Beyoncé ist die Liebe meines Lebens. Sie zu verlieren, bereue ich immer noch mehr als alles andere“, klagte er der Sun. „Wer betrügt bitte eine Frau, die so schön ist wie Beyoncé? Gut, derjenige bin wohl ich und das ist etwas, das mich für immer verfolgen wird.“
Obwohl sie sich deswegen wohl kaum Sorgen zu machen brauchte, verunsicherte sie die Trennung: „Es war schwer, mich von ihm zu trennen“, sagte sie in einem Interview mit Parade. „Jetzt, da ich berühmt war, hatte ich Angst, dass ich nie mehr jemanden finden würde, der mich liebt. Ich fürchtete mich davor, neue Freunde zu suchen.“ Zum Glück rückte Tina ihrer Tochter den Kopf wieder gerade, indem sie ihrer Tochter versicherte, dass sie mit ihrer Schönheit, ihrem Talent und ihrem Temperament keine Probleme haben würde, wahre Liebe zu finden. Trotzdem empfand auch Tina die schmerzliche Lage, in der sich Beyoncé befand, als schrecklich. „Das war wahrscheinlich eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens“, vertraute sie CBS an, „weil alles so unwahr war und sie für alles die Schuld zugewiesen bekam.“ Mithilfe der Liebe ihrer Familie und deren schier endlosen Unterstützung gelang es Beyoncé, diese triste Periode zu überstehen und sich ihr „Mojo“ zurückzuholen. Auch die Erfolge, die Destiny’s Child 2000 verbuchen konnten, spielten dabei keine unerhebliche Rolle. Dazu gehörten unter anderem auch der prestigeträchtige „Artists of the Year“-Award der Szenebibel Billboard, den die Band in Las Vegas erhielt, sowie zwei weitere Auszeichnungen bei den Soul Train Lady of Soul Awards.
Auch Beyoncés Talent als Songschreiberin wurde zunehmend anerkannt und eine Firma namens Hitco Music Publishing nahm sie unter Vertrag, um sie zu fördern. Hitco befand sich in Atlanta und war vom äußerst einflussreichen L. A. Reid – er sollte später zusammen mit Simon Cowell bei X Factor in der Jury sitzen – gegründet worden. Er war schon immer ein großer Fan von Beyoncé gewesen und nannte sie „die talentierteste Performerin der Welt“.
Im Oktober 2000 veröffentlichte die Band eine neue Single, „Independent Women Part I“, die ausgewählt wurde, um den Soundtrack zu Charlie’s Angels mit Cameron Diaz, Drew Barrymore und Lucy Liu zu eröffnen. Der Song schoss förmlich durch die Decke und belegte Platz eins in den Hot 100 von Billboard, wo er sich für elf Wochen einnisten durfte, was ihm einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde einbrachte. Die Nummer debütierte außerdem in Großbritannien auf Chartposition eins und erreichte auch in Kanada und Neuseeland die Spitze der Hitparade. Die frechen Lyrics über Frauen, die sich nicht auf Männer, die ihnen schöne Dinge kaufen, verlassen wollten, waren laut Beyoncé, die für sie verantwortlich zeichnete, eine direkte Antwort an alle, die „Bills, Bills, Bills“ nicht richtig verstanden hatten. „Viele Leute haben die Botschaft nicht kapiert“, erzählte sie gegenüber Teen. „Sie dachten, wir wären hinter dem Geld von Männern her, aber bei Destiny’s Child geht es definitiv nicht um so etwas. Wir sind unabhängige Frauen und können gut für uns selbst sorgen.“
Anfang 2001 ergab sich ein weiterer Meilenstein für die Band. Sie wurden gefragt, bei der Vereidigung George W. Bushs in Washington aufzutreten. Mit ihren perfekt choreografierten Versionen von „Independent Women Part 1“ und „Jumpin’, Jumpin’“ gelang es ihnen, die Menschenmenge in einen wahren Rausch zu befördern. Beyoncé feuerte die republikanische Anhängerschaft an: „Ich will euch alle ‚Bush‘ rufen hören!“ Als sie nach ihren eigenen politischen Ansichten befragt wurde, gab sie sich merklich zurückhaltend, sagte aber später: „Ich trat bei der Vereidigung auf, da im Publikum viele Kids waren, die ich erreichen wollte, das ist alles. Vielleicht werde ich eines Tages über meine politischen Überzeugungen sprechen, aber erst dann, wenn ich weiß, wovon ich spreche.“ Als sie weiter dazu gelöchert wurde, schien es ihr einigermaßen unangenehm zu sein, mit der Bush-Regierung in Zusammenhang gebracht zu werden. Gegenüber der Zeitschrift Interview sagte sie: „Sie wollten unbedingt, dass wir auftraten, und er ist unser Präsident. Er meinte, wir hätten mehr Einfluss auf die Kids, als er das zumeist hätte, und er fände es gut, dass wir als positive Vorbilder in Erscheinung treten würden.“ Auch Tina war es wichtig, dass die Girls nicht als Verfechter der Republikaner wahrgenommen würden: „Es war nicht politisch. Die Abmachung bestand darin, dass die Organisatoren alle Schilder und alles, was politisch war, abbauen würden, und die Mädchen einfach nur für die Kids performen würden.“ Rückblickend wirkte die Performance jedenfalls ziemlich ironisch, da Beyoncé sich inzwischen als entschiedene Unterstützerin der Demokraten und eine der lautesten Befürworterinnen Obamas zu erkennen gab.
Im Februar wurden sie zum ersten Mal eingeladen, bei den Grammy-Awards zu singen. „Wir waren total eingeschüchtert“, erinnerte sich Beyoncé im Magazin Faze. „Madonna saß in der ersten Reihe und wir mussten mit Stiletto-Absätzen diese Treppe runtergehen und dachten uns: ‚Um Himmels Willen, hoffentlich fallen wir nicht hin. Hoffentlich treffen wir die hohen Töne!‘ Wir waren so nervös, sahen uns gegenseitig an, hielten einander die Hände, atmeten tief ein und aus und beteten, mitten auf der Bühne, 30 Sekunden vor unserem Auftritt – und dann legten wir eine Killer-Performance hin.“ In blauen Hotpants und knappen Oberteilen, die ihre durchtrainierten Bäuche zeigten, war ihre Präsentation eines Medleys bestehend aus „Independent Women Part 1“ und „Say My Name“ genau das: eine Killer-Performance.
Bei der Preisverleihung heimsten sie auch ihre ersten Grammys ein: Für „Say My Name“ gab es die Auszeichnung für den besten R&B-Song und als Band wurden sie für die beste R&B-Performance einer Gruppe geadelt. Während der Dankesrede hielt eine emotionale Beyoncé Kelly und Michelle bei den Händen und sagte, nach Atem ringend: „Vielen, vielen Dank. Wir sind so aufgeregt … Meine Güte, ich kann es nicht glauben, dass wir einen Grammy gewonnen haben, Ladys!“
Im selben Monat veröffentlichten sie den Titeltrack ihres dritten Albums, das sich als einer ihrer größten Triumphe erweisen sollte. Der Song „Survivor“ behandelte die Veränderungen, mit denen sich die Band in jüngerer Vergangenheit hatte auseinandersetzen müssen – und sie gaben zu, dass die Aufnahmesessions für sie eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen waren. „Im Studio war so viel Energie – wir wussten, sobald wir den Song im Kasten hatten, dass er sehr kraftvoll war. Wir fühlten uns durch ihn wie Kriegerinnen“, erzählte Beyoncé in einem TV-Interview. Und Michelle meinte in Billboard: „Wir beteten vor dieser Session und das Energielevel war so hoch – der Raum war richtig heiß.“ Sie fügte noch hinzu: „Wörter können gar nicht beschreiben, wie wir uns fühlten. Wir weinten, wir sprangen auf und ab.“ Während der Song ein großer weltweiter Hit wurde, verursachte er gleichzeitig noch mehr Kontroversen um die Gruppe, da sich die Lyrics direkt auf die vorangegangene Trennung von LaTavia und LeToya bezogen:
You thought that I’d be weak without you
But I’m stronger
You thought that I’d be broke without you
But I’m richer
You thought that I’d be sad without you
I laugh harder
You thought I wouldn’t grow without you
Now I’m wiser
Thought that I’d be helpless without you
But I’m smarter
You thought that I’d be stressed without you
But I’m chillin’
You thought I wouldn’t sell without you
Sold nine million.
Obwohl der Track nur als ironische Anspielung auf das unlängst überwundene Drama gedacht war, behaupteten LeToya und LaTavia, dass der Text sie verunglimpfen und somit gegen eine vorab getroffene Vereinbarung verstoßen würde. Im Februar 2002 reichten sie schließlich eine Entschädigungsklage ein. Destiny’s Childs Anwalt, Tom Fulkerson, bezeichnete ihre Forderungen als „lächerlich“ und ließ ihnen via Houston Chronicle weiters ausrichten: „Es ist schade, dass die Ankläger mit ihrer Zeit nichts Besseres anfangen können, als sich neue Klagen auszudenken. Wir haben eine Abmachung getroffen, von der wir wissen, dass durch sie alles geregelt wird – und doch geht es jetzt wieder los.“ Bei Beyoncé brachen alte Wunden auf. Im Magazin W meinte sie: „Es ist einfach nur traurig. Ich will kein Drama, ich will keine Feinde. Alles, was ich will, ist, ins Studio zu gehen, meine Musik zu schreiben, in Filmen aufzutreten und zu performen. Ich versuche nicht, jemandem weh zu tun oder ihn zu beleidigen. Ich bin einfach nur froh, dass ich hier bin. Und es ist einfach nur traurig, dass dieser ganze andere Kram dazuzugehören scheint.“ Doch Warren M. Fitzgerald, der LeToya und LaTavia als Anwalt vertrat, insistierte: „Wir wollen eine einstweilige Verfügung und ein Unterlassungsurteil, um weitere Stellungnahmen, die die Abmachung verletzen, und weitere Aufführungen dieses Songs zu verhindern.“ Schließlich wurde der Disput im Juli 2002 außergerichtlich beigelegt. Ein offizielles Statement, das alle Parteien unterzeichnet hatten, besagte: „Die ehemaligen Mitglieder von Destiny’s Child, LeToya Luckett und LaTavia Roberson, sowie Music World Entertainment, Mathew Knowles, Beyoncé Knowles, Kelendria Rowland und T. Michelle Williams … haben sich bezüglich ihrer Differenzen einvernehmlich geeinigt … LeToya und LaTavia sind zufriedengestellt und der Gerechtigkeit wurde Genüge getan.“
Abgesehen davon, dass die Single einen Rechtsstreit losgetreten hatte, brachte sie der Band auch ihren zweiten Grammy in Folge – in der Kategorie „Best R&B Group Performance“ – und das Video zum Song rückte außerdem Tinas Fähigkeiten als Stylistin ins verdiente Rampenlicht. Die Girls waren für die Dreharbeiten nach Mexiko geflogen. Allerdings waren irgendwo auf der Reise ihre Outfits verloren gegangen. Die stets erfinderische Tina verfiel aber nicht in Panik und begab sich stattdessen in einen nahegelegenen Army-Store, wo sie ein paar militärisch bedruckte Westen, bauchfreie Tops und Bandanas kaufte. Aus diesen Utensilien schneiderte sie einen einzigartigen, sexy Look für die Girls, der ideal zum angriffigen Grundtenor des Videos und der Dschungellandschaft passte. Rapper Wyclef Jean erkundigte sich später, wer sie für das Video gestylt habe. Als Beyoncé wahrheitsgetreu „meine Mom“ antwortete, riet er ihr: „Sie sollte euch immer stylen.“ Tina, die die Mädchen am Anfang ihrer Karriere noch aus reinen Kostengründen gestylt hatte, hatte nun bewiesen, dass sie mehr als würdig war, auch auf professionellem Level für sie tätig zu sein. Zwei Jahre später, als Beyoncé bei einem Konzert im südafrikanischen Kapstadt, mit dem auf die AIDS-Problematik hingewiesen werden sollte, auftreten würde, befand Tina das Outfit ihrer Tochter für unpassend und eilte zum nächsten Stoffhändler. Sie schneiderte prompt und freihändig ein neues Kleid, das Beyoncé mit einem Haarband kombinierte. „Es sah toll aus“, erzählte Tina gegenüber Ebony. „Wir behielten das Kleid als Souvenir. Wir haben auch ein Foto von Beyoncé mit Mr. Mandela, auf dem sie es trägt. Dieses eine Mal war ich von mir selbst überrascht.“
Auch das Album Survivor stellte sich als weltweiter Smash-Hit heraus. Es erreichte die Nummer eins in den Albumcharts nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien, den Niederlanden, in Belgien, Deutschland und Kanada. In Amerika allein erlangte das Album vierfachen Platin-Status, was bedeutete, dass es insgesamt über vier Millionen Mal über die Ladentische gegangen war. Ein weiterer Rekord, der gebrochen wurde, war jener für das meistverkaufte Album einer weiblichen Gruppe in der ersten Woche nach der Veröffentlichung. In Großbritannien war Destiny’s Child seit Diana Ross und ihren Supremes 24 Jahre zuvor die erste weibliche Gruppe, die ein Album auf der Spitzenposition der Charts platzieren konnte. Daraus ergaben sich unvermeidbar Vergleiche zwischen Beyoncé und dem Idol ihrer Kindheit, Diana Ross, was aber durchaus auch Nachteile hatte. „Das hört sich schon cool an, weil sie wunderbar und glamourös ist“, erzählte Beyoncé in COSMOgirl, „aber die Leute meinen es nicht auf eine nette Art und Weise. Sie sagen das, weil ich die Leadsängerin bin, weshalb sie mich für eine Diva halten, die herumstolziert und Leute aus der Band kickt.“
Nicht unwitzig war, dass gemunkelt wurde, der Titel des Albums sei durch einen DJ inspiriert worden, der die Band mit Teilnehmern der Fernsehserie Survivor verglichen hatte, bei der sich die Kandidaten nacheinander aus der Show wählten.
Die Girls, die zum ersten Mal im Studio als Trio arbeiteten, waren darauf erpicht, dass sie ihre neuen Sounds gut rüberbrachten. Kelly gab etwa zu: „Wir kamen rein und beteten, dann gaben wir unser Bestes und erhielten Survivor.“ Beyoncé schrieb und produzierte beinahe jeden Track des Albums – obwohl das, wie sie bekannte, so gar nicht vorgesehen gewesen war. „Ich wollte eigentlich nur so um die drei Songs machen“, verriet sie MTV. „Das Label sagte aber dauernd: ‚Mach noch einen, mach noch einen, mach noch einen.‘ Das war nicht geplant gewesen. Es war nicht, als ob ich gesagt hätte: ‚Okay, ich übernehme das Kommando.‘“
Alles in allem zeigte das 15 Songs umfassende Album einen großen Reifeprozess. Es behandelte Themen wie häusliche Gewalt und Missbrauch, wodurch die feministische Grundhaltung der Band auf einen neuen Level gehoben wurde. Mathew betonte, dass dies alles Teil eines größeren Plans sei. „Als wir die Gruppe zusammenstellten, hatten wir einen Plan“, erklärte er gegenüber Texas Monthly. „Wir stellten uns unsere demografische Zielgruppe vor, unsere Kunden, wie wir rüberkämen und was für eine Art von Songs wir singen würden. Es ist kein Zufall, dass wir Songs haben wie ‚Independent Women‘ und ‚Survivor‘ – feministisch orientierte Nummern. Das ist unser Kundenstamm.“
Die nächste Single, die aus Survivor ausgekoppelt wurde, war im Mai 2001 „Bootylicious“ und entpuppte sich als weiterer Hit epischen Ausmaßes. Beyoncé hatte den Song mit dem griffigen Titel im Flugzeug geschrieben, wie sie im Gespräch mit MTV erörterte: „Wir langweilten uns auf diesem langen Flug nach London und ich dachte mir: ‚Weißt du was? Ich muss irgendetwas tun.‘ Ich hatte gerade diesen Track von Stevie Nicks gehört und dachte: ‚Der ist ja heiß!‘ Und das Wort ‚Bootylicious‘ schoss mir einfach so durch den Kopf. Mir war es peinlich, ihn Kelly und Michelle mitzuteilen, da ich nicht wusste, was sie davon halten würden.“ Aber die anderen Bandmitglieder liebten ihre Idee. Im Studio ergänzten sie noch das Gitarrenriff jenes Songs, der als Inspiration Pate gestanden hatte, „Edge Of Seventeen“ von Stevie Nicks – die Solokünstlerin und Sängerin von Fleetwood Mac trat sogar im zugehörigen Video auf, genauso wie Beyoncés Schwester Solange, die ebenfalls kurz zu sehen war. Der laszive Clip zeigte die Mitglieder der Band, wie sie dreieinhalb Minuten lang knapp bekleidet mit dem Hintern wackelten – was in den kommenden Jahren zu einem Markenzeichen von Beyoncé werden sollte. Aber auch in einem Zeitalter, in dem die Grenzen der weiblichen Sexualität stets ausgeweitet werden, provozierten der Song und seine unterschwellige Botschaft einige Diskussionen. Beyoncé selbst wurde nicht müde zu betonen, dass sich dahinter keine verborgene Botschaft versteckte: „In dem Song geht es einfach nur um Selbstvertrauen. ‚Bootylicious‘ heißt nicht unbedingt, dass man einen großen Hintern haben muss. Es geht um die Einstellung und darum, sich in seiner Haut wohlzufühlen und nicht wie die Leute im Fernsehen aussehen zu müssen. Man muss nicht mager sein – man darf schon auch ein bisschen mehr in der Hose haben.“ Sie enthüllte außerdem, dass der Song als eine Art Antwort an die Leute gedacht war, die ihr unterstellten, sie hätte Gewicht zugelegt, was sie mit dem Track nicht nur veräppeln, sondern sogar zelebrieren wollte. Unabhängig davon, was man von „Bootylicious“ denken mochte, so ließ es sich nicht von der Hand weisen, dass der Song kulturelle Auswirkungen hatte: Das Wort ging schrittweise in den allgemeinen Sprachgebrauch über und wurde in Folge 2008 ins Oxford English Dictionary aufgenommen. Die Beschreibung des Wortes lässt sich folgendermaßen übersetzen: „attraktiv, sexy, kurvig“. Allerdings begann Beyoncé sich selbst bald vom Wort sattzuhören. Einige Zeit später meinte sie: „Es ist so richtig doof … Um ehrlich zu sein, ich hasse das Wort.“ Auch gab sie zu: „Egal, wo ich auch hingehe, alle sagen ‚booty-dies‘ und ‚booty-das‘, und das ist echt nervig.“

Sie arbeitete zwar mittlerweile härter als je zuvor, aber dennoch schaute Beyoncé so oft wie möglich – zumindest für ein paar Tage im Monat – im heimatlichen Houston vorbei. Während sie dort Zeit verbrachte, genoss sie die Möglichkeit, „normale“ Dinge tun zu können, etwa einfach nur in die Stadt zu fahren, um Zahnpasta und Schokoriegel zu kaufen. Wie sie den Leserinnen der Elle anvertraute: „Ich gehe ungeschminkt zu Walmart, in Jeans und T-Shirt, und laufe im Laden meiner Mom ohne Schuhe herum.“ Zuhause zu sein, bedeutete für sie, die Gelegenheit zu haben, mit ihrer viel zu kurzen Kindheit in Kontakt treten zu können: „Ich liebe nach wie vor Achterbahnen, am Telefon zu quatschen und Blödsinn zu machen“, erzählte sie in Film Monthly. Trotz all des Ruhms und ihres Reichtums hatte sie auf eine herkömmliche Kindheit verzichten müssen, was sie offensichtlich mitunter belastete. „Ich hatte einen Privatlehrer, was eine sehr ernste und langweilige Angelegenheit war. Ich war weder eine Cheerleaderin, noch ging ich zu den Spielen, oder machte sonst etwas in der Art“, sagte sie. „Wenn ich also die Möglichkeit dazu habe, möchte ich Dinge tun, die Spaß machen. Ich habe seit meinem 15. Lebensjahr die Verantwortung von jemandem, der bereits 25 oder 30 ist, übernehmen und mit sehr viel Druck umgehen müssen. Ich habe viele Leute, die für mich arbeiten, treffe eine Menge Erwachsenen-Entscheidungen, wodurch ich eben ein wenig schneller erwachsen werden musste.“
Wenn sie gerade in Houston war, um zu „chillen“, liebte sie es, Tinas Kochkünste in vollen Zügen zu genießen. „Meine Mutter ist die beste Köchin der Welt“, verkündete sie oftmals. „Sie macht das beste kreolische Essen – Gumbo, Jambalaya, Soul Food … Wenn ich nachhause komme, möchte ich mich bemuttern lassen, ich will, dass meine Mutter für mich kocht.“
Ein weiteres Highlight ihrer Heimatbesuche ist es, sich mit alten Freunden zum Abendessen in ihrem Lieblingsrestaurant This Is It zu verabreden. Sie, die sich regelmäßig als „hoffnungslosen Fall“ in der Küche bezeichnet, erlaubt sich hier gelegentliche Schlemmereien wie Maisbrot, Makkaroni mit Käse und frittiertes Huhn.
Nachdem Beyoncé ihre Vorliebe für Fast-Food-Hühnchen der Schnellimbisskette Popeyes in der Show von Oprah Winfrey publik gemacht hatte, wurde ihr – obwohl sie sich dank ihres ständig zunehmenden Vermögens alles auf der Speisekarte locker leisten konnte – eine besondere Ehre zuteil: „Irgendwann begannen die Leute mir, egal, wo ich hinging, Essen von Popeyes zu kaufen. Dort hörte man davon und man verlieh mir die lebenslange Mitgliedschaft … Ich kann die Karte zücken und so viel haben, wie ich will. Aber ich habe das noch nie getan, weil es mir peinlich wäre.“ Aber ihre notorische Leidenschaft für Popeyes’ Chicken ist so groß, dass sie es sogar den Gästen auf ihrer Hochzeit anbot.



