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Und ein anderes Mal, als wir in seinem Wagen zu einem mies bezahlten Auftritt dreihundert Meilen Richtung Süden fuhren, meinte Earl Darkgrey, dass er das gerne im Alltag könnte, in Songs zu sprechen, also mit den Menschen zu reden, als würde er singen.
Bevor ich anfange, ihn so richtig zu vermissen, lege ich die Gedanken an Earl Darkgrey lieber zur Seite und nehme stattdessen mein Handy zur Hand. Was habe ich zu verlieren? Nichts. Außerdem: Will nicht jeder wissen, wer abhebt, wenn man sein Geburtsdatum wählt? Es läutet einmal, ein zweites Mal, dann meldet sich eine Frau, sagt ihren Namen aber so schnell, dass ich ihn nicht verstehe. Was sie noch sagt und was ich verstehe, ist »Papier- und Schreibwaren«. Ich hole einmal tief Luft und frage sie, wie man am besten zu ihrem Laden kommt.
Ich ziehe die schwarze Hose an, die zwischen der Aufstrichkonserve und der von Tom Waits bekritzelten Serviette im Vorzimmer liegt, und das Joni-Mitchell-T-Shirt, das ich zwischen dem Gitarrenkoffer und dem einzigen Gegenstand finde, der mir je auf der Bühne zugeworfen wurde, einer Papierblume, die aussieht wie selbstgemacht. Sie kam aus dem Nirgendwo angeflogen, ich habe nicht gesehen, wer sie geworfen hat, würde aber eher mein letztes Paar Schuhe hergeben als diese Rose, die mehr ist als eine Rose, ganz egal, was eine einmal behauptet hat und andere seit damals wiederholen.
Mit der S-Bahn zwölf Minuten, zu Fuß eine Dreiviertelstunde, sagt Google. Ich gehe zu Fuß, spare das Geld für das Ticket und finde unterwegs vielleicht ein Lokal, in dem ich auftreten kann.
Ein Citroën DS. Mit so einem ist Belmondo gefahren in – verdammt, ich weiß den Film nicht mehr. Aber ich bin auf einmal froh, wieder in Europa zu sein. Das Gleiche ist mir in Amerika auch passiert. Als ich angekommen bin, fühlte ich mich zuerst verloren, dann ist ein wirklich alter Chevy die Straße herunterkommen, und plötzlich war das Heimweh weg. Das sind einfach Kühlerhauben, darunter hat ein ganzer Kontinent Platz.
Keine schlechte Gegend, ein Lokal nach dem anderen, und zumindest drei sehen aus, als könnten sie mit meiner Musik etwas anfangen. Mein Favorit heißt Drei Giraffen. Dort schaue ich heute Abend auf jeden Fall vorbei. Schon allein, weil ich wissen will, was es mit dem Namen auf sich hat.
Da vorne ist der Laden. Schön, die alte Schrift über dem Eingang. Eine Frau steht hinter der Kasse und unterhält sich mit einem Kunden. Sie sieht älter aus als ich, nicht viel, ist vielleicht Ende dreißig. Ich könnte nach einem Notizbuch fragen. Mein altes ist ohnehin fast voll. Neues Leben, neues Notizbuch. Gerade will ich hineingehen, da sehe ich den Zettel im Schaufenster. Verkäufer gesucht.
»Bin gleich bei Ihnen«, ruft sie, als ich den Laden betrete und die Tür hinter mir mit einem freundlichen »Bleib hier« satt ins Schloss fällt.
Über das Regal hinweg beobachte ich, wie sie dem Kunden seine Papierbögen zusammenrollt. Sie hat geschickte Finger, bestimmt spielt sie ein Instrument. Der Mann zahlt und geht, und sie kommt herüber zu mir.
»Und? Fündig geworden?«
»Ja«, sage ich und halte ihr das erstbeste Notizbuch hin.
»Gute Wahl«, sagt sie, als ich ihr zur Kasse folge, und ich weiß nicht, ob ich sie einfach so sympathisch finde oder weil sie mein Geburtsdatum als Telefonnummer hat.
Ich zahle und bleibe stehen.
»Der Zettel im Schaufenster«, sage ich, und sie schaut mich fragend an.
»Der Job«, setze ich nach.
»Ah«, sagt sie, und ein unentschlossener Moment huscht über ihr Gesicht, in dem ich mich von einem Kunden in einen möglichen zukünftigen Angestellten verwandle. Ihr Blick bekommt etwas Prüfendes und drängt mich, etwas zu sagen.
»Ich mag Papier«, höre ich mich und versinke, als ich mich höre, im Boden.
»Ist das so«, sagt sie und genießt meine Nervosität, weil sie damit wieder die Oberhand hat in unserem Gespräch.
»Und was haben Sie bisher so gemacht?«
»Ich war in Amerika«, sage ich und schwöre mir im selben Moment, den Laden erst wieder zu verlassen, wenn ich den Job in der Tasche habe. Nicht weil ich das Geld unbedingt brauche, das zwar auch, in erster Linie aber, weil mir plötzlich nichts wichtiger ist, als dass diese Frau mich mag. Und da fällt mir Earl Darkgrey ein, wie er gemeint hat, er möchte reden können, als würde er singen, und erzähle in Strophen, dass ich vom Tellerwaschen bis zum Rasenmähen alles gemacht habe, und im Refrain von meiner Musik.
»Ich bin also flexibel«, sage ich.
»Wann können Sie anfangen?«, fragt sie.
»Jederzeit«, sage ich.
Auf dem Heimweg behandelt mich die Stadt mit einem Mal anders. So, als würde ich jetzt dazugehören. Legt mir den Arm um die Schulter, zeigt mir übersehene Abzweigungen und versteckte Hinterhöfe und sagt dem Himmel: »Eine Spur mehr Blau für unseren Neuzugang«, was er auch prompt macht. Als ich mein Haustor aufsperren will, zieht mich die Stadt zurück. »Das war’s?«, fragt sie beleidigt, »schon genug gesehen?« Recht hat sie, was soll ich daheim. »Gut«, sage ich deshalb, »stell mich den anderen auch noch vor!«
Erst in der Dämmerung komme ich nach Hause, schiebe mir die Matratze ans Fenster und schaue dem Himmel beim Dunkelwerden zu. Tagträumen geht am besten, wenn es bald Nacht wird.
Irgendwann weckt mich die Sirene eines vorbeifahrenden Rettungswagens. 21.47, sagt auf Knopfdruck mein Telefon, und ich ziehe mich an.
Ein paar Meter vor den Drei Giraffen fällt mir eine Toreinfahrt auf, und einem spontanen Impuls folgend biege ich ab und gehe hinein in den Hinterhof, und da stehen drei Männer neben einer Metallltür, die aussieht wie der Hintereingang zur Küche, und rauchen. Ich erkenne sie gleich, die Tellerwäscher und Küchengehilfen, an ihren nassen Schürzen und den Haarnetzen, die sie noch aufhaben oder in der Hand halten. Einer, der an der Wand lehnt, wirft ein Wort in die Luft, und der neben ihm fängt es auf und beginnt ansatzlos seinen Rap, und gleich darauf sticht auch den Dritten der Rap, und Unkraut und aufgesprungener Asphalt werden zum Dancefloor und Tellerwäscher Nummer 1 zur Beat-Box, und fertig ist die Welt in der Welt. Dann entdecken sie mich, winken mich herüber, halten mir die Tür auf in ihr Universum, als könnten sie wittern, dass auch ich meine Zeit mit schmutzigen Tellern hatte, und ich klatsche mich hinein, lege eine zweite Rhythmusspur und bekomme als Dankeschön ein Nicken und dann sogar eine Strophe: »… we don’t bother ’bout an unknown brother, if he clasps the beat like the wind in the shutter …« Echt fix, die Burschen. Dann wird es Zeit, der Neugier Platz zu machen. Die Box lässt die Beats ausbröseln, und wir tauschen unsere Wohers und Wohins, unsere Schicksale so ähnlich, dass sie den Schulterschluss üben wie eine Football-Mannschaft vor dem Free Kick. Da haucht der Tänzer auf einmal ein »Silence«, und »still!« sagen auch seine Hände, die er der Luft wie einem großen Hund beruhigend auf den Rücken legt. Ich habe keine Ahnung, was er vorhat, aber wir alle erstarren wie Die Tellerwäscher von Rodin, genauso sehen wir aus oder würden wir aussehen, wenn Rodin jemals Tellerwäscher modelliert hätte. Eine gefühlte Ewigkeit stehen wir wie angewurzelt da, dann geht das Licht aus, das anscheinend über einen Bewegungsmelder funktioniert. Ich habe noch immer keine Ahnung, was jetzt kommt, doch da beginnt der Tänzer plötzlich einen Moonwalk, gleitet dahin wie dereinst Michael Jackson, aber in Superzeitlupe, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Der Rapper starrt abwechselnd auf sein Handydisplay, seinen moonwalkenden Freund und die Glühbirne über dem Kücheneingang und bewegt dabei lautlos die Lippen, als würde er mitzählen. Dann flackert die Glühbirne plötzlich auf, und der Moonwalker schaut fragend zum Rapper, der reckt die Faust in die Luft und sagt: »Fucking hell!«, sagt: »8:43«, und: »neuer Rekord«, und da kapiere ich. Jacko fingert sich zur Selbstbelohnung eine Zigarette aus der Hosentasche, steckt sie sich trocken in den Mund, dafür streicht der Rapper sein Zippo an, und im nächsten Moment macht Jacko aus dem Stand einen Salto, dass ihm sein Haarnetz vom Kopf fliegt, und landet so vor dem Rapper, dass er seinen Kopf nur noch leicht auf die Seite drehen muss, und schon zerschneidet seine Zigarette wie Zorros Degen die Zippoflamme.
Was für ein Tag!, glaube ich mein Glück nicht. Nachdem mir die Stadt tagsüber schon ihr Lied vorgepfiffen hat, landet sie jetzt vor meinen Füßen. Alle heiligen Zeiten einmal ist man für fünf Minuten unbesiegbar, und diese fünf Minuten muss man ausnutzen, weil sich in ihnen entscheidet, wie es weitergeht im Leben, und das meist auf Jahre hinaus. Also nichts wie hinein.
Der Chef lehnt an der Bar und nippt an einem Whisky. Er sieht aus, wie Jacko ihn mir beschrieben hat. Groß, schlank, schwarzer Anzug und weißes Hemd und mit einer Glatze, die genauso glänzt wie seine Schuhe. Also eigentlich hat Jacko ihn Schuhkopf genannt, und als ich ihn fragend angesehen habe, ist er sich, begleitet von dem Lachen seiner Kollegen, wie wild mit der Hand übers schon lange wieder aufgesetzte Haarnetz gefahren, so als würde er seinen Schädel auf Hochglanz polieren.
Als ich den Drei-Giraffen-Boss begrüße, gibt er mir zwar die Hand, sieht mich dabei aber an, als wisse er nicht, was das soll. Ich schätze ihn auf Anfang vierzig, und weil ich gerade unbesiegbar bin, schüchtert mich sein Gehabe nicht einmal ansatzweise ein.
Ich sage ihm, dass ich Musiker bin, erst seit wenigen Tagen in der Stadt, und dass ich davor zehn Jahre in den Staaten gelebt habe. L.A. und Portland, Oregon, füge ich hinzu, als wären die beiden Städte meine Adelstitel.
»Und jetzt suchst du ein Lokal, in dem du auftreten kannst«, sagt der Chef, und ich werfe ein »Ge-nau!« in die Luft und mag, wie es sich dreht und glitzert im Licht der Bar. Ein bisschen freut er sich auch, aber abgebrühter, so als sähe er das öfter, und zieht mit dem Finger einen Kreis in der Luft und ich greife in meine Tasche und drücke ihm meine vorletzte Demo-CD in die Hand.
»Hör ich mir an«, sagt er, und seine Stimme geht dabei hinunter, als hätte er sich von mir verabschiedet.
Ich bleibe einfach neben ihm stehen, sehe zu, wie er meine vorletzte CD neben sein Whiskyglas legt, seine Schulter, die mir sonst vielleicht kalt vorgekommen wäre, hier und jetzt aber einfach nur eine Schulter ist, auf meiner Augenhöhe.
»Ist noch etwas?«, fragt er mich.
»Ja«, sage ich, »warum Drei Giraffen?«
»Kenne ich gut«, sagt Karoline, »der Chef kauft die Einlegeblätter für seine Tagesmenüs bei mir.«
»Bei uns«, sage ich, und dann gehen wir zu den Regalen, und sie zeigt mir die Unterschiede zwischen japanischem Reispapier und Büttenpapier aus Fabriano, zwischen beinahe durchsichtigem Papier aus Nepal und handgeschöpftem Papier aus Blankenberg, so fest, dass man den Bogen wie ein Brett gegen die Wand lehnen kann. Ich schreibe genau mit im Kopf. Nicht nur für den Job, auch für einen möglichen Paper Song. Und nach meinem ersten Arbeitstag, der wie im Flug vergeht, trinken wir zusammen ein Glas Wein.
Und das machen wir von da an ziemlich regelmäßig.
Wir sind beide eher spröde, haben aber eindeutig den gleichen Humor. Wenn wir lachen, dann zur gleichen Zeit und über die selben Dinge. Und dabei klingen wir auch so ähnlich, dass unser Lachen verschmilzt. Ich weiß nicht, ob irgendetwas mehr verbindet als so ein Moment, in dem man die eigene Stimme nicht mehr von der des anderen unterscheiden kann.
»Lachgemeinschaften?«, fragt Karoline.
»Ja«, sage ich, »kein Scherz. Hat es gegeben.«
Die Geschichte habe ich einmal gelesen und, weil sie so unglaublich war, auch behalten.
»Das waren Geheimgesellschaften«, sage ich, »mitten im Barock, die verbotene Texte gelesen und gemeinsam über sie gelacht haben. In den Texten wurden auf Teufel komm raus Gott und die Heiligen verspottet, und wenn man die Mitglieder bei diesem blasphemischen Treiben entdeckt hätte, wären sie allesamt auf dem Scheiterhaufen gelandet.«
Eine Woche später sind wir wieder gemeinsam aus. Wir trinken schneller als die Male zuvor und auch mehr und lachen auch lauter. Und da sagt Karoline plötzlich wie aus dem Nichts, das Lachen sogar noch in der Stimme: »Und vor drei Wochen hat mich mein Freund verlassen.«
»Das ist noch nicht lange her«, sage ich, mit vom Lachen noch feuchten Augen, meine Stimme aber ernst, von ihren Worten gegen die Wand gefahren.
»Lange genug«, sagt sie, schiebt einen Geldschein unter ihr noch nicht ganz leeres Glas, nimmt meine Hand und zieht mich hoch von meinem Stuhl, zieht mich quer durchs ganze Lokal und die Straße hinunter und sieht mich nicht mehr an und lässt mich nicht mehr los, bis ich bei ihr im Vorzimmer stehe und sie die Wohnungstür mit dem Fuß hinter uns zudrückt.
Der Chef von den Drei Giraffen hat mir damals nicht verraten, was es mit dem Namen seines Lokals auf sich hat. »Der Name hat dich neugierig gemacht, er ist bei dir hängengeblieben und du bist wiedergekommen. Also ist es ein guter Name«, hat er gesagt.
Ich stehe in Karolines Wohnzimmer, in den eigenen Boxershorts und einem Hemd von ihr, und dem Gefühl, wie das Fremde vertraut wird auf der Haut.
»Bedien dich«, hat sie gesagt, mich vor einen Servierwagen mit Hochprozentigem und ihr Bücherregal gestellt und ist im Bad verschwunden. Die Flasche gluckst beim Einschenken wie ein Täubchen, und ich sehe mir die Rücken an Rücken stehenden Bücher durch einen Fingerbreit Cognac an. Kenne ich – mag ich – interessiert mich – noch nie gehört – und ein Lexikon der Tiere: Giraffen sind die Säugetiere, die mit dem wenigsten Schlaf auskommen. Zwei Stunden täglich sind ausreichend, und die absolvieren sie im Stehen.
Barfliegen, wie sie im Buche stehen.
Gestern habe ich Karoline gefragt, warum sie mich angestellt hat. Eigentlich wollte ich ein Kompliment von ihr hören. Dass sie mich interessant gefunden hat, sympathisch oder zumindest ganz nett. Und was sagt sie? »Du hast den Job bekommen, weil du mich nicht nach deinem Gehalt gefragt hast.« Habe ich übrigens bis heute nicht. Aber morgen weiß ich es. Da ist der Monatsletzte.
23 Uhr 57
Lara
Fahr nicht so schnell.
Christian
Ist doch nichts mehr los um die Zeit.
Lara
Du hast ganz schön was intus. Wenn irgendwo die Polizei steht,
bist du dran.
Christian (wird langsamer)
Zufrieden?
Lara (legt ihm die Hand auf den Oberschenkel)
Sehr.
Lara
Flo war ganz schön fertig heute.
Christian
Wobei ich mir gar nicht sicher bin, was ihn mehr fertiggemacht
hat. Das kaputte Boot oder dass Dio Martha gefeuert hat.
Lara (holt etwas aus ihrer Hosentasche)
Schau, was ich hier habe.
Christian
Warte! Vorne an der roten Ampel.
Lara (hält ihm einen zerknitterten Zettel hin)
Christian
Was ist das?
Lara
Der ist zusammengeknüllt am Klo gelegen. Flo oder Dio wollten
ihn wahrscheinlich in die Muschel werfen und haben nicht gemerkt,
dass er daneben gelandet ist.
Christian
Ich kann’s ohne Brille nicht lesen. Was steht drauf?
Lara
Marthas Telefonnummer.
Christian
Und was willst du damit?
Lara
Na, Martha anrufen und fragen, ob sie bei uns anfangen will.
Christian
Hast du keine Angst, dass sie uns auch die Wohnung zerlegt?
Lara
Wir sind versichert und so heilige Gegenstände wie Flos Schiff
besitzen wir beide nicht.
Christian
Bist du dir sicher?
Lara
Du hast immer gesagt, eine gute Seele wie Martha wäre ein Traum.
Christian
Wie hast du den Abend sonst gefunden?
Lara
War nett wie immer. Aber jetzt auch nicht besonders. Du weißt ja, dass Dio nicht ganz so mein Fall ist. Ich rechne es ihr und Flo aber hoch an, dass sie mich von Anfang an akzeptiert haben. Sie hätten sich ja auch auf die Seite von Kri schlagen und mich als böse Ehebrecherin ablehnen können.
Christian
Flo ist mein ältester Freund. Das hätte er nicht getan. Übrigens scheinen er und Dio gerade ihren zweiten Frühling zu erleben. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich die beiden zuletzt so verliebt gesehen habe. Flo hat den halben Abend Dios Hand gehalten.
Lara
…
Christian
Warum sagst du nichts?
Lara
Ach, ich weiß nicht. Ich gebe dir recht, dass Flo verliebt gewirkt
hat, aber Dio ist mir seltsam vorgekommen. Irgendwie nervös.
Christian
Was dir immer auffällt.
Lara
Sie hat es gut überspielt.
Christian
Und was meinst du, ist los?
Lara
Weiß ich doch nicht.
Christian
Glaubst du, sie hat was laufen?
Lara (sieht zum Fenster hinaus)
Christian
Sag schon!
Lara
Was weiß ich, sie ist mir einfach komisch vorgekommen.
Christian
Mist, 23:57. Ich wollte um Mitternacht im Bett liegen.
Lara
Wir sind doch gleich da, liegst du eben um halb eins im Bett.
Christian
Ich möchte nur ausgeschlafen sein. Morgen habe ich das Treffen mit den neuen Getränkelieferanten, da muss ich einen guten Deal aushandeln, und anschließend kommen die Kinder zu uns.
Lara
Wie lange bleiben sie?
Christian
Wenn Jens nicht wieder die Krise bekommt, bis Sonntagabend.
Lara
Weißt du was? Ich frage Hexe Martha, ob sie nicht gleich morgen Zeit hat. So wie Flo und Dio sie immer beschrieben haben, scheint sie eine beruhigende Wirkung auf ihre Umgebung zu haben. Vielleicht kocht sie für uns, weil Jens ja nichts von mir isst.
Christian
Ha, ein Parkplatz direkt vor dem Haus.
Lara
Die Lücke ist zu klein.
Christian
Wart’s ab.
Lara
Saubere Leistung.
Christian
Dankeschön!
….
Okay, machen wir’s!
Lara
Was?
Christian
Martha fragen, ob sie morgen Zeit hat.
Zwischenluft und Zaubersprüche
Das Theater hatte sich über das feuerpolizeiliche Verbot hinweggesetzt und die Leuchtanzeigen über den Ausgängen abgeklebt. Die Dunkelheit war dadurch so vollkommen, dass sich kein noch so schwacher Schemen aus dem Schwarz löste. Und das wirkte. Die Zuschauer unterdrückten jedes Geräusch, niemand hüstelte, kramte in seiner Tasche oder griff nach seinem Handy. Es war, als würden alle gemeinsam die Luft anhalten – und mit der Luft auch die Zeit.
»Bis neunundneunzig«, hatte der Regisseur gesagt, und Zora zählte stumm ins Schwarz, ließ sich nicht hetzen von der Stille, türmte die Ziffern langsam auf, freute sich, wie der Turm aus Zeit vor ihr wuchs … siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig. Mit einem Knall, den nur sie hörte, stürzte der Zahlenturm in sich zusammen, und Zora begann:
Lötsch gibt an, beim Aufwachen das Gefühl zu haben, vom Tag hämisch angegrinst zu werden. So als würde der Tag ihm nicht das Geringste zutrauen.
Beim Wort angegrinst ging der Spot auf Zora an. Sie trug einen weißen Arztkittel und sprach in ein Diktaphon:
Das sei auch der Grund, so Lötsch weiter, warum er oft den ganzen Tag sein Bett nicht verlasse.
Zora zündete sich eine Zigarette an. Als sie den Rauch langsam Richtung Decke blies, die Kringel tanzten um ihre Gedanken im Licht des Spots, kam aus dem Dunkel plötzlich die Stimme eines Mannes:
Wenn der Tag mich nicht will, ich kann warten.
Nikolaus Kramer war eigentlich Filmregisseur, von der Kritik geschätzt, an den Kinokassen aber nur mäßig erfolgreich. Jetzt inszenierte er erstmals am Theater. Für sein Stück Der Tag beginnt um Mitternacht hatte er monatelang in Psychiatrien recherchiert: Vierundzwanzig Stunden im Leben eines Borderliners.
Lötsch gibt an, schon seit Jahren nur noch in seinem Fauteuil und bei laufendem Fernseher zu schlafen.
Zora hatte sich an ihren Schreibtisch gesetzt, in der Hand hielt sie noch immer das Diktaphon. Dann versank sie plötzlich im Schwarz, ein anderer Spot biss sich in die Dunkelheit, ein Mann saß auf dem Sessel vor Zoras Schreibtisch:
Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal in meinem Bett geschlafen habe. Es ist mir fremd, so unbenutzt, wie es dasteht. Wie in den Musterschlafzimmern eines Möbelhauses. Wo die Betten und die Nachtkästchen und sogar die Bettwäsche und Polster Namen haben, als würden sie leben.
Dieses Mal bleibt der Spot auf dem Darsteller des Lötsch, und Zoras Stimme kommt aus dem Dunkel:
Lötsch gibt an, seinem Bett den Namen René und seinem Nachtkästchen den Namen Kevin gegeben zu haben.
Der Mann sitzt da und sieht mit unbewegter Miene seiner Stimme hinterher, wie einem Kind, das zum ersten Mal alleine über die Straße geht. Erst wenn es ein Satz sicher auf die andere Seite schafft, kommt der nächste:
Alles unbrauchbare Namen für die nicht mehr gebrauchten Dinge.
Als Zora gehört hatte, dass Nikolaus Kramer am Theater inszenieren würde, bewarb sie sich sofort und ohne noch zu wissen, worum es in dem Stück ging. Sie hatte jeden seiner Filme zumindest zweimal gesehen und hätte noch die kleinste Nebenrolle angenommen, um mit ihm zusammenarbeiten zu können. Nur gab es in dem Stück keine Nebenrollen, sondern nur Psychiaterin oder Zuschauerraum. Zora ging zum Vorsprechen, im Rücken ein Jahr, in dem nichts funktioniert hatte, und dann ließ Kramer sie im Dunkeln stehen, und Zora, die nichts so sehr gewohnt war wie die Abwesenheit von Licht, fühlte sich auf Anhieb wohl im tiefen Schwarz, so wohl wie keine vor ihr, und nach ihr wollte Kramer gar keine andere mehr sehen.
Auf der Bühne taucht eine schwarze Katze auf und streift Lötsch um die Beine.
Lötsch erzählt häufig vom Kater seiner alten Nachbarin, der ihr immer wieder entwischt und dann durchs Stiegenhaus streift und an seiner Tür kratzt. Er gibt an, dass es ihm guttue, sich um das Tier zu kümmern. Offensichtlich hat es eine stabilisierende Wirkung auf ihn.
Der Spot wechselt auf Zora, aus der Dunkelheit heraus dringt Lötschs Stimme: Mein Glück kommt auf leisen Pfoten, hört gut und ist schwarz wie Pech.
Eine Zusammenarbeit wie die mit Nikolaus Kramer hatte Zora nicht gekannt. Andere Regisseure waren zur Premiere hin immer unsicherer und hektischer geworden, manche hatten sogar im letzten Moment ihr ganzes Konzept infrage gestellt und dann Tag und Nacht geprobt, um das Stück doch noch irgendwie auf die Bühne zu bekommen. Kramer hingegen war, je näher die Premiere rückte, immer ruhiger geworden. Und als er zufrieden war, hatte er die Proben beendet und Zora und ihrem Kollegen die fünf Tage bis zur Premiere freigegeben.
Zora war mittlerweile aufgestanden und ging hinter ihrem Schreibtisch auf und ab. Wer genau hinsah, merkte, dass sie das Diktaphon nicht mehr hielt, sondern sich festhielt an ihm:
Lötsch erzählt, dass er sich gerne an Orten mit Aussicht aufhält, weil er gerne hoch über oder weit weg von allem ist. Weil er es möge, so Lötsch weiter, wenn zwischen ihm und den Dingen Luft ist.
Und dann fiel ihr Lötsch aus dem Dunkel ins Wort:
Leider ist nicht immer Verlass auf diese Zwischenluft. Dann kommen die Dinge auf mich zu und immer näher und es gibt viel zu viel Welt auf einmal.
Lötschs Stimme machte den Raum eng, rückte näher wie die Dinge, und Zora ging dagegen an:
Die Gedanken, erklärt Lötsch, schauen nur noch kurz vorbei in seinem Kopf, bleiben aber nicht mehr.
Der Spot sprang zurück auf Lötsch, der mit unbewegter Miene dasaß. Seine zunehmend manischer werdende Stimme kam jetzt vom Band. Er nickte zu dem, was er sich sagen hörte. Langsam, als wäre er ein anderer.
Meine Gedanken laufen in alle Richtungen auseinander. Als wären sie auf der Flucht. Ich weiß aber nicht, wovor sie Angst haben. Vielleicht sind sie aber auch auf der Suche nach etwas. Aber was, aber was, aber was? Keine Ahnung. Weiß nicht. Nur weiter. Und weg.
Die Spannung zwischen dem lethargisch dasitzenden Lötsch und seiner sich überschlagenden Stimme war kaum auszuhalten. Die knisterte. Sprühte Funken. Stellte Haare auf. Und dann ging das Licht gleichzeitig mit Lötschs Anfall an, und das gesamte Publikum war offener Mund, große Augen, angehaltener Atem und Hände, die sich um Armlehnen krampften. Sekunden brauchten die Zuschauer, um zu sich zurückzufinden, dann brach der Applaus aus wie eine Explosion. Als wäre das Klatschen nicht Lob, das sein konnte, sondern Befreiung, die sein musste. Das Publikum schüttelte seine Gänsehaut ab, und Zora wusste zum ersten Mal, was Theater ist.




