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Treffen an der Borderline, betitelte das Tagblatt seinen Premierenbericht, den Fred am nächsten Morgen Zora entgegenhielt, als sie im Bademantel in die Küche kam. Sie versuchte, ihm die Zeitung aus der Hand zu reißen, er zog sie aber rechtzeitig zurück.
»Setz dich«, sagte er, schenkte ihr Kaffee ein und las ihr den Artikel von vorne bis hinten vor, wobei er die besten Stellen wiederholte und dabei die Silben dehnte, bis die Worte nicht mehr konnten.
Die Sache mit Fred hatte für Zora zu Beginn nichts Dauerhaftes gehabt. Sie wusste nicht einmal, warum sie bei dem Fest zu ihm hinübergegangen war. Als hätte sie das an etwas erinnert oder neugierig gemacht, der Mann, der aussah, als würde er sich hinter der alten Kastanie vor der Welt verstecken. Stehen geblieben war sie bei ihm, weil seine Überheblichkeit sie gereizt hatte, ihm Kontra zu geben. Dass sie dann mit ihm mitgegangen war, hing aber mit diesem merkwürdigen Moment zusammen, nachdem sie ihm ihren Namen gesagt hatte. Irgendetwas war da in seinem Gesicht passiert. Plötzlich sah er sie mit anderen Augen an. Mit einem Blick, der ihr Größe verlieh und gleichzeitig unheimlich war. Seine Augen hatten etwas entdeckt, von dem sie nichts wusste, und ihr war klar, dass sie diesen Mann nicht früher gehen lassen konnte, bevor sie nicht herausgefunden hatte, was das war.
Zora Gast legt ihre Psychiaterin unaufgeregt an, aber gerade dieser emotionale Minimalismus gibt der Figur eine eisige Intensität. Wirklich ungewöhnlich ist aber das breite Repertoire an fast unmerklichen Gesten und feinen stimmlichen Nuancen, auf das Gast zurückgreifen kann und das sie auch an den richtigen Stellen einzusetzen weiß. Die Entdeckung neuer Talente gehört zu den schönsten Momenten eines Theaterkritikers. Gestern Abend war so einer.
Zora fiel Fred zusammen mit der Zeitung und einem lauten Rascheln in die Arme. Sie verkroch sich in seinen Hals, und er legte die Wange auf ihre Stirn, den Mund ganz nah an ihrem Ohr und flüsterte: »Sag mir deinen Namen.« »Zora Gast«, sagte sie, genau wie sonst auch, wenn sie sich vorstellte, und Fred wiederholte ihren Namen, aber langsamer und getragener, und dann noch einmal und immer wieder, und er hörte nicht mehr auf damit, bis ihr Name sich anhörte, als würde ein mächtiger Magier einen Zauberspruch murmeln.
Unter Palmen
»Als wären sie Außerirdische.«
Sein schneeweißer Bart wucherte so dicht, dass, selbst wenn er sprach, nichts von seinem Mund zu sehen war. Alf hatte schon viel von Martin Walls gehört und gelesen – wer nicht, der sich mit Kraken beschäftigte? – und sich immer gewünscht, einen seiner legendären Vorträge zu besuchen. Walls galt als die Koryphäe, was Kraken betraf. Er war Brite, 80 Jahre alt – das hatte er zu Beginn seines Vortrags erwähnt, als er einen Witz über sein hohes Alter gemacht hatte – und trug einen Cowboyhut.
Alfs Sitznachbar stieß ihn an und fragte ihn in gebrochenem Englisch, was Walls gerade gesagt habe. »Dass das Genom der Kraken im Vergleich zu dem anderer Wirbelloser völlig durcheinander ist«, flüsterte Alf, »so, als hätte man es in einen Mixer gesteckt. Und dass es deshalb auch keine genetische Verwandtschaft mit irgendwelchen anderen Tieren gibt. Als wären Kraken Außerirdische.«
»Tenks«, sagte der Italiener.
»Non c’è di che!«, flüsterte Alf dem kleinen, schlanken Mann mit der eleganten schwarzen Brille zu. Alf und Paolo kannten sich seit dem Studium. Damals war Alf über ein Stipendium nach Neapel gekommen. Er hatte geplant, ein Semester am Ozeanischen Institut der Universitá Federico II. zu bleiben, geworden waren es schließlich zwei Jahre. Zum ersten Mal liefen sich Alf und Paolo in der Vorlesung von Rachel Caldwell über den Weg, und die war es auch, die ihr Interesse für Kraken weckte. Caldwell hatte erzählt, dass Kraken neben ihrem zentralen Gehirn noch voneinander unabhängige Untergehirne in jedem ihrer acht Fangarme besaßen.
»Wenn der Krake schwimmt, arbeiten die Arme perfekt zusammen, und wir versuchen herauszufinden, wie die Kommunikation zwischen diesen Untergehirnen abläuft«, hatte Caldwell gesagt. Dann hatte sie eine Pause gemacht, einen tiefen Atemzug lang und mit schmalen Augen Alf, Paolo und die anderen Studenten, einen nach dem anderen angesehen, als prüfe sie, ob sie ihnen vertrauen konnte.
»Was mich noch mehr interessiert«, sagte Caldwell dann, »ist aber die Frage: Gibt es Momente, in der sich die Arme übereinander wundern und der Krake sich selbst eine Überraschung ist?«
Alf und Paolo verstanden sich auf Anhieb, so wie sich Menschen mögen, die ein Interesse teilen. Und sie blieben auch, nachdem Alf Neapel wieder verlassen hatte, in engem Kontakt. Sie besuchten einander abwechselnd und reichten auch mehrmals gemeinsame Forschungsprojekte ein, die zweimal tatsächlich bewilligt wurden. Einmal verbrachten sie sechs Wochen in der indonesischen Celebessee, wo sie den Coconut Octopus beobachteten, und einmal acht Wochen im israelischen Eilat, wo sie Verhaltensexperimente mit den Männchen des Weißgefleckten Oktopus durchführten.
Nach dem Vortrag gingen Alf und Paolo zu Martin Walls und ließen sich ihre völlig zerlesenen Exemplare von Acht Arme für ein Halleluja signieren, das mittlerweile 25 Jahre alte Standardwerk über Kraken. Danach verließen sie das in die Jahre gekommene neoklassizistische Gebäude der Stazione Zoologica Anton Dohrn. Paolos Wohnung lag in Chiaia, keinen Kilometer entfernt, und sie machten sich zu Fuß auf den Heimweg. Unterwegs kehrten sie noch in einer Bar ein, tranken, an die Theke gelehnt, einen Campari Soda und kauften anschließend in einem Alimentari fürs Abendessen ein.
Paolo lebte seit seiner Studentenzeit in derselben Wohnung. Damals in einer WG, mittlerweile waren aber alle Mitbewohner ausgezogen und er hatte die drei Zimmer für sich allein. Von der alten Einrichtung hatte Paolo nur den großen Küchentisch behalten, ein altes Familienerbstück, an dem er mit Vorliebe kochte oder arbeitete. Beim Kochen mochte er es, wenn die aufgeschlagenen Bücher herumlagen, und beim Lesen, wenn es nach Knoblauch und Basilikum roch.
Als sie beim Essen saßen, leuchtete das Display von Alfs Smartphone auf. Er schmunzelte beim Lesen der eingegangenen SMS und tippte dann eine lange Antwort.
»Wem schreibst du?«
»Einer früheren Klassenkollegin«, sagte Alf. »Wir sind uns vor ein paar Tagen zufällig über den Weg gelaufen.«
Nach dem Essen räumten sie den Tisch ab und holten ihre Aufzeichnungen und Laptops. Seit gut zwei Jahren führten sie unabhängig voneinander ihre Experimente durch, verglichen regelmäßig ihre Ergebnisse und schrieben an einem wissenschaftlichen Artikel, der nur langsam länger, dafür aber immer spannender wurde. Es ging noch immer um Caldwell und ihren letzten Satz über den von sich selbst überraschten Tintenfisch. Beide hatten sie ihre Versuchstiere mit verschiedenen Reizen konfrontiert. Mit Nahrung, Bedrohung, grellen Farben oder Gegenständen, die das Interesse des Kraken wecken könnten. Mit dem gleichen Reiz hatten sie nacheinander jeden der acht Arme konfrontiert und beobachtet, ob sich das Tier unterschiedlich verhielt.
Sie saßen einander gegenüber, ihre Gesichter ins bläuliche Licht ihrer Displays getaucht, und diskutierten Ergebnisse und Formulierungen, Einschätzungen und Schlussfolgerungen. Als sie vielleicht eine Stunde später nach einem besonders langem Hin und Her einen Satz in ihre Computer getippt hatten, nickten sie einander mit einem schmalen Grinsen zu, schoben die Laptops zur Seite und liebten sich mitten auf den aufgeschlagenen Unterlagen. Viele ihrer Fachbücher konnten sie gar nicht mehr zur Hand nehmen, ohne an die eine und andere leidenschaftliche Vögelei zu denken, die Verquickung von Wissenschaft und Lust, von ihren Kraken und ihrer Leidenschaft, war so eng, dass sie sich schon lange nicht mehr das eine ohne das andere vorstellen konnten. Ihre Forschung auf andere Tierarten zu lenken, war für sie so undenkbar wie sich zu trennen.
Zwiebelschneiden
»Jens!«
Jolanda starrt mich völlig entgeistert an, und ich bin auch erschrocken über das, was ich gerade zu Lara gesagt habe. Aber das kann ich natürlich nicht zugeben. Also fahre ich Jolanda auch noch an. Manchmal gibt es einfach kein Zurück mehr, da will man die Wörter, die einem hochkommen, eigentlich schlucken – und was tut man, man schreit sie noch umso lauter heraus.
»Kleine Verräterin«, fahre ich sie an, dass sie heulend in ihr Zimmer abrauscht. Und jetzt stehe ich da, allein im leeren Flur und bin wie eingefroren von dem Schreck über mich selbst, und die eigene Stimme pocht mir wie ein Echo, das nicht leiser werden will, in den Ohren.
»Komm!«
Endlich ein Wort in meinem Kopf, das nicht von mir ist. Ich schaue mich um, wem das Komm gehört, und da steht die neue Putzfrau von Papa und Lara in der Küchentür.
»Was ist?«, frage ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme noch einmal aufflackert. Wie wenn der Wind in eine Flamme fährt. Obwohl sie mich gehört haben muss, sagt sie nichts, sondern schlurft zurück in die Küche in ihrem Kleid, das wie ein Vorhang aussieht, also nichts, was man von morgens bis abends an sich herunterhängen haben will.
Mir einfach keine Antwort geben, geht eigentlich gar nicht, denke ich, und folge ihr nur deshalb, weil ich ihr das auch sagen will, doch da dreht sie sich um, und ich schwöre, dieser Blick von ihr, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Wie ein Alien im Kino, der einen einfriert mit seinem Starren. Als hätten ihre Augen Finger, die mich festhalten.
»Du bist traurig«, sagt sie und schaut dabei direkt in meinen Kopf. So fühlt es sich zumindest an, und ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen.
»Hilf mir, die Zwiebeln zu schneiden«, sagt sie, und für gewöhnlich setze ich keinen Fuß in die Küche, außer um etwas zu essen, aber die Zwiebeln sind einfach die einzige Ausrede, falls ich hier wirklich gleich losheule.
Sie hat schon alles vorbereitet. Zwei Schneidbretter liegen auf dem Tisch mit zwei Messern und dahinter das Netz mit den Zwiebeln. Nur um etwas zu sagen, will ich sie fragen, was wir eigentlich kochen, bekomme aber kein Wort heraus. Die Kehle ist zu, ich greife schnell nach dem Messer und schneide einfach mitten hinein in die erstbeste Zwiebel. Als ich das Brennen in den Augen spüre, ist das wie die Erlösung, und es bricht aus mir heraus. Wasserfälle aus Rotz und Tränen, und diese Martha, die mir mit einem riesengroßen Taschentuch ins Gesicht fährt. Mich schnäuzen wie ein Kleinkind, geht eigentlich gar nicht, aber das fühlt sich so gut an, dass ich es einfach geschehen lasse. Ich bin verschwunden hinter dem Riesenfetzen und will, so lange es geht, unsichtbar bleiben. Als sie das Taschentuch wieder wegnimmt, sehe ich, die heult genauso wie ich – und da heult es sich dann noch leichter. Das ist wie mit dem Lachen. Wenn sie in den Fernsehserien das Gelächter des Publikums einblenden, lacht man mit, egal ob man die Szene gerade komisch findet oder nicht. Wir nehmen die Messer in die Hand, und ohne dass einer von uns auch nur ein Wort sagt, heulen wir den ganzen Zwiebelberg weg.
»Deine Schwester könnte uns auch helfen«, sagt Martha und holt einen Sack Kartoffeln aus dem Küchenkasten. Ich lege das Messer hin und gehe zu Jolandas Zimmer. Leise drücke ich die Klinke herunter. Jolanda sitzt auf ihrem Bett. Sie hat rote Augen, heult aber nicht mehr, sondern starrt aus dem Fenster. Das soll also die Welt sein, sagt ihr Blick, und auch wenn ich nicht allein Schuld habe an ihrem Unglück, gehoben habe ich ihre Stimmung sicher nicht.
»Sorry«, sage ich und wundere mich, wie leicht mir das fällt. Noch vor einer Stunde hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen als mich bei meiner kleinen Schwester zu entschuldigen. Sie ist genauso überrascht und schaut mich an wie einen Fremden. Ich lächle als Zeichen, dass ich es ernst meine, und da springt sie mir in die Arme, so plötzlich und mit so einem Schwung, dass ich nach hinten kippe, und dann kugeln wir über den Boden und halten uns einfach nur, und als wir uns so drehen und festhalten dabei, ist es auf einmal, als würde die Welt endlich auch wieder beginnen, sich zu drehen und die ganze Kacke der letzten Zeit, ganz langsam zwar, aber doch, hinter dem Horizont verschwinden. Wir schauen uns an, und ich merke an ihren Augen, dass es ihr genauso geht wie mir. Dann stehen wir auf, und ich ziehe sie hinter mir her zu Martha in die Küche.
Die Kartoffeln liegen da, zusammen mit zwei Schälern. Ich will mich gerade mit Jolanda ans Werk machen, da deutet Martha zum anderen Ende des Tisches, wo mein Handy liegt. Ich gehe hinüber und schaue auf das Display und keine Ahnung, warum sich Martha auch mit Handys auskennt, auf jeden Fall hat sie Laras Nummer eingegeben, und darunter blinkt der Cursor und wartet ungeduldig auf mein SMS.
Was schreibt man einer Frau, die man gerade »Schlampe« genannt hat? Warum gibt es auch diese verdammten kurzen Schimpfwörter, die einem so leicht über die Lippen gehen? »Prostituierte« heißt genau das Gleiche, das hätte ich aber nie zu ihr gesagt.
Eigentlich weiß ich gar nichts über Lara. Wenn Papa anfangen will, über sie zu erzählen, rausche ich sofort ab. Was will man auch wissen über eine, die unsere Familie zerstört hat?
»Schlampe« ging trotzdem nicht. Schon allein, weil das aus Papa einen … lassen wir das. Liebe Lara! Ist nicht sehr kreativ, aber ein Anfang. Sie hat auch gar keinen schlechten Musikgeschmack. Besser als Papa jedenfalls. Als sie uns heute abgeholt haben, waren sich die beiden nicht einig, welchen Sender sie hören wollen. Wie gewöhnlich liefen Papas zum Abwinken langweilige Songwriter, aber Lara hat einfach weitergedrückt, bis wir bei einer wirklich coolen Hip-Hop-Nummer gelandet sind. Und dann hat sie mitgeshaked vorne am Beifahrersitz, aber nicht so peinlich wie Erwachsene, die auf jugendlich machen wollen, sondern echt locker. Trotzdem habe ich zu Papa gehalten und mich vorgebeugt und zurückgedrückt zu den vollbärtigen Schnarchnasen mit ihren Westerngitarren.
Scheiße, was soll ich schreiben! Sorry ist zu wenig, von Sorry geht Schlampe nicht weg. Das ist, wie wenn man versucht, mit einem Radiergummi Kugelschreibertinte wegzubekommen. Die bleibt. Da reißt eher die Seite ein. Ich war vorher einfach nicht bei mir. Vielleicht schreib ich das einfach so. Liebe Lara! Ich war vorher nicht ganz bei mir. Hört sich scheiße an! Den Daumen auf die Löschtaste. Friss, Cursor, friss! Martha schaut nicht her. Die tuschelt mit Jolanda. Die beiden wüssten jetzt, was schreiben. Scheiße, wenn das ein Krach mit einem meiner Freunde wäre, würde ich einfach ein paar Emojis runterdrücken. Da gibt es so einen Heuler, dem die Tränen waagrecht aus den Augen schießen. Der bringt’s. Da ist alles drin, tut mir leid genauso wie war nur ein Scherz, damit das Ganze nicht so verjammert klingt. Verdammt, ohne diese blöden Emojis bin ich völlig aufgeschmissen. Sind doch praktisch. Einfach die richtige Fresse anklicken, und schon spart man sich eine Menge Herumgesülze. Ein Emoji sagt mehr als tausend Worte. Dafür gibt es sie ja.
Ich schaue zu Martha, die gerade einen Riesenblock Fleisch bearbeitet. Sie schneidet und schneidet und plötzlich zwinkert sie mir komplizenhaft zu, so als wäre der Fleischblock mein Problem und sie dabei, mein Problem kleinzukriegen. Auf einmal ist alles ganz einfach, mit jedem Stück, das Martha absäbelt, tippe ich ein Wort und als der Fleischblock weg ist, drücke ich auf Senden.
Dann brät sie die Zwiebeln an. Das riecht vielleicht gut. Lara hat das SMS vor zehn Minuten bekommen und noch nicht geantwortet. Scheiße, die ist noch immer sauer. Schlampe war einfach too much. Ist zwar ein kurzes Wort, hat aber eine Haltbarkeit wie eine verfickte Konservendose.
»Hi!«
Plötzlich steht Lara in der Tür. Weil die Zwiebeln so laut im Topf zischen, habe ich sie gar nicht gehört. Lara hat auch geheult, ich sehe es an ihren Augen. Ärger entdecke ich aber keinen, allerdings auch kein Ich-hab-dir-verziehen-und-alles-ist-gut-Lächeln wie in den Kinderserien kurz vor dem Abspann. Lara deutet stumm mit dem Kopf Richtung Wohnzimmer, und ich folge ihr. Sie setzt sich auf die Couch, und ich setze mich neben sie, aber mit Sicherheitsabstand. Eine Berührung wäre mir aber zu viel, nur nicht jetzt auf Mutter spielen. Sie scheint das zu kapieren und versucht gar nicht, zu mir herüberzugreifen. »Als du mir heute im Auto den Hip-Hop abgedreht hast und auf die sterbenslangweiligen Gitarrenfuzzis zurückgegangen bist«, sagt Lara, »da sind wir doch kurz bei dem Oldie-Sender hängen geblieben, wo sie diese furchtbare Kitsch-Nummer gespielt haben. Things can only get better. Ein Scheiß-Song, und ich kenne zum Glück nicht einmal die Band, aber als Motto für uns beide ist der Titel vielleicht gar nicht so schlecht.«
Papa kann es nicht glauben, als er nach Hause kommt und uns zusammen in der Küche findet. Nicht nur, dass ich mich freiwillig mit Lara im selben Raum aufhalte, wir reden auch normal miteinander. Papa steht mit offenem Mund in der Tür, und man spürt richtig, wie gut ihm das tut, uns so zu sehen. Lara wird Papa auch nichts von der Schlampe erzählen. Das hat sie mir versprochen, noch bevor ich sie darum bitten konnte.
Beim Essen sitzen wir zum ersten Mal alle beisammen. Papa und Lara haben auch darauf bestanden, dass Martha dableibt. Sie strahlen sie an, als wäre sie eine Heilige. Ist sie ja auch. Obwohl … Heilige …, ich weiß nicht, dafür ist sie mir fast zu unheimlich. Eher so etwas wie eine gute Hexe. Martha hat früher bei Flo gearbeitet, Papas bestem Freund, da muss aber vor kurzem etwas gewesen sein, anscheinend kommen sie gerade darauf zu sprechen.
»Wie ist das mit dem Schiff passiert, Martha?«, fragt Lara.
»Was?« Martha schaut, als hätte sie keinen Dunst, worum es geht.
»Das Schiff«, sagt Lara, »das Ihnen auf den Boden gefallen ist.«
»Mir ist kein Schiff runtergefallen«, sagt Martha.
»Warum haben Flo und Dio Ihnen dann gekündigt?«, fragt Papa.
Und da erzählt Martha, dass Dio gesagt hätte, es wäre wegen der Schwarzanstellung und dass sie Angst hätten deswegen und jetzt offiziell eine Reinigungsfirma engagieren würden. Für mich klingt das nicht weiter seltsam, aber Papa und Lara sehen sich an, als würden sie die Welt nicht verstehen.
Gastauftritt im Bademantel
Als sie lange nach Mitternacht auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung saß und in den Hinterhof mit ihrem rostigen Fahrrad hinuntersah, dachte Zora Gast, wie seltsam, dass sie in den letzten zwei Wochen auch nichts anderes getan hatte als die Jahre davor und doch alles anders geworden war. Ein großes Theater wollte sie engagieren, nicht nur für ein Stück, sondern als fixes Ensemblemitglied, eine Agentur wollte sie unter Vertrag nehmen, und vor zwanzig Minuten war sie von einer Lesung heimgekommen, die ihr mehr eingebracht hatte als früher ein ganzer Monat Kellertheaterspielen.
Fred tauchte mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern hinter ihr auf. Er schenkte ein und sie stießen an.
»Auf Zora Gast«, sagte er und nahm einen langen Schluck, und sie sah ihm zu, wie er da war und doch wieder nicht.
»Du warst gut heute Abend, Zora Gast, wirklich gut«, sagte Fred. Obwohl sie ihn schon oft gebeten hatte, sie nicht dauernd bei ihrem vollen Namen zu nennen, hörte er nicht auf damit. »Sei doch stolz auf deinen Namen«, hatte er einmal gesagt und sie danach lange und mit geschlossenen Augen geküsst, und während dieses Kusses war Zora eifersüchtig geworden, ohne sagen zu können warum.
Was sicher stimmte: Der Erfolg war genau zu dem Zeitpunkt gekommen, als sie Fred kennengelernt und er mit diesem seltsamen Namensspiel begonnen hatte.
Zoras Lesung war die Mitternachtsüberraschung auf einer privaten Geburtstagsfeier gewesen. Der alleinige Erbe einer großen Bierbrauerei, Ernst Münch, hatte mit Begeisterung eine Aufführung von Der Tag beginnt um Mitternacht gesehen und seine Frau hatte daraufhin ohne sein Wissen Zora für den Abend gebucht. Die Feier hatte in Münchs Penthouse stattgefunden, einer Dachgeschosswohnung mitten im Zentrum, mit Panoramascheiben auf die mächtige romanische Kuppel des benachbarten Doms.
»Du hast dir nach deinem Auftritt die Nase am Fenster platt gedrückt«, sagte Fred.
»Ich mag alte Kirchen.«
»Schau an. Zora Gast findet über ihren Erfolg zum Glauben«, ätzte Fred, und Zora stieß ihn an, dass ihm das Glas überschwappte und er sich nach vorn beugen musste, damit seine Hosen keinen Fleck abbekamen.
»Hey«, sagte Fred, stellte das Glas ab und schüttelte den Wein von seiner Hand.
»Man spürt einfach«, redete Zora an seiner tröpfelnden Beschwerde vorbei, »dass die nicht nur für Geld geschuftet haben, sondern dass es denen um alles gegangen ist.«
»Zora Gast – Es ging ihr um alles«, deklamierte Fred Leuchtbuchstaben in den Himmel über dem Hinterhof, ein Zirkusdirektor, der seine größte Attraktion ankündigte.
»So könntest du eigentlich deine Memoiren nennen«, fügte er hinzu und hielt ihr sein Glas hin.
»Jetzt lebe ich meine Memoiren erst einmal«, sagte Zora und trank, ohne mit ihm anzustoßen.
Als Zora aufwachte, war das Bett neben ihr leer und aus der Küche roch es nach Kaffee. Sie griff zu ihrem Handy. Gleich zehn Uhr und fünf Anrufe in Abwesenheit, drei der Anrufer hatten eine Nachricht hinterlassen. Zora wählte die Nummer der Sprachbox, ließ sich zurück auf ihr Polster sinken und hörte mit Blick an die Decke die Nachrichten ab. Das Theater wollte wissen, ob sie sich schon entschieden hätte, man würde sie nämlich gern gleich in der nächsten Premiere einsetzen. Der Intendant eines kleinen Theaters, an dem sie einmal ein halbes Jahr lang für nicht einmal einen Hungerlohn gespielt hatte, gratulierte ihr zu ihrem Erfolg, aber mit einer Stimme, als hätte sie den Erfolg ihm zu verdanken. »Melde dich mal, ich hätte da eine interessante Sache für dich«, sagte die Stimme mit klebriger Gönnerhaftigkeit, und Zora merkte, wie wenig sie den Mann mochte und wie froh sie war, seine Nachricht bedenkenlos löschen zu können. Der dritte Anrufer war der Mitarbeiter eines Hörbuchverlags, der wissen wollte, ob sie Zeit hätte, einen Roman einzulesen.
Zora schlüpfte in ihren Bademantel und ging in die Küche. Hier roch es außer nach frischem Kaffee auch nach Toast, und auf dem gedeckten Tisch standen ein Teller mit Käse, Weintrauben und Walnüssen und ein anderer mit Prosciutto, Salami und Oliven.
»Wow«, sagte Zora und drückte sich an Fred, der am Herd stand.
»Ein Ei?«, fragte er, und Zora nickte, den Kopf an seinem Rücken, sodass er das Nicken spüren konnte. Dann vibrierte das Smartphone in ihrer Bademanteltasche und Zora setzte sich an den Tisch, sah kurz auf das Display und drückte den Anrufer weg.
»Wenn das so weitergeht, nehme ich mir wirklich einen Agenten.«
Das Wasser begann mit diesem sich leise anschleichenden Insektensirren zu sieden. Fred nahm das Glas Orangensaft, das neben der Herdplatte stand, und drehte sich zu Zora.
»Ich könnte das übernehmen«, sagte er.
»Du?«
Zora sah ihn erstaunt an.
»Warum nicht?«
»Du bist Computerexperte«, sagte Zora.
»Ich kenne mich mit Netzwerken aus. Ich kann den Überblick bewahren. Überleg es dir«, sagte er.
»Ich weiß nicht«, sagte Zora.
Sie hatte gestern Abend länger mit der Frau gesprochen, die das Fest für Münch organisiert und auch sie engagiert hatte. Sie war ihr gleich am Telefon sympathisch gewesen. Ein Eindruck, der sich bestätigte, als sie ihr tatsächlich gegenüberstand. Kristine Matthis war eine, die wusste, was sie wollte, und gleichzeitig keine, die sich ihren Weg mit Ellbogen zu bahnen schien. Erfolg ja, aber nicht um jeden Preis. Entschlossen, aber nicht kalt. Gewitzt, aber nicht hinterhältig. So eine wie sie stellte sich Zora vor.
»Ich will eine Frau als Agentin«, sagte sie.
»Du machst einen Fehler.«
Fred hörte sich an, als würde er die Sache persönlich nehmen. Er sah Zora mit einem Blick an, der gleichzeitig Angst hatte und Angst machte.
»Lass es dir einfach noch einmal durch den Kopf gehen, Zora Gast, mehr will ich nicht, nur dass du dir die Sache gut überlegst. Ich bin das Beste für dich, weil ich an dich glaube, Zora Gast, so wie noch nie jemand an dich geglaubt hat, und weil ich weiß, wer du bist, wie es sonst keiner weiß.«




