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Die Straße nach Sidi Ifni führt hoch über dem Atlantik entlang, aber so weit im Landesinneren, dass ich nichts sehe von Strand und Küste. Bei einer Abzweigung Richtung Meer biege ich deshalb kurzerhand ab und folge einer sandigen Piste, in die der Regen tiefe Rinnen gewaschen hat. Sand wirbelt auf, legt sich aufs Seitenfenster und auf die Rückspiegel, und bald habe ich ihn auch im Mund, weil ihn die Lüftung ins Wageninnere bläst. Dann taucht das Ende der Straße auf und ich stelle den Wagen auf einem kleinen Parkplatz ab. Rosa getünchte Stufen führen zum Strand hinunter, zu einem einfachen Hotel und einem Café, weiße Metalltische mit rostigen Scharnieren unter gelben Sonnenschirmen. Was hält mich eigentlich davon ab, einfach hier zu bleiben, zu lesen, zu baden und mich auszuruhen und an nichts zu denken. Kurz fällt alles von mir ab, die Gedanken an meinen Bruder segeln wie Laub zu Boden und ich weiß nur mehr, dass ich am Atlantik stehe, und selbst das hört sich an wie ein Märchen, unglaublich, dass da nichts sein soll außer Wasser und nach Tausenden Kilometern die Küste von Amerika. Mit einem Stolz, als wäre ich Gott am siebenten Schöpfungstag, sehe ich dem Atlantik dabei zu, wie er mit seinen wilden Wogen den schweren Uferkies zum Rollen bringt, ein fortwährendes Murmeln und Klicken. Wenige Dinge gibt es doch noch, bei denen mein Bruder seine Finger nicht im Spiel hat und die mich seitlich an ihm vorbeidenken lassen.
Ein guter Ort hier, jetzt noch ein starker Kaffee, und ich werde zufrieden sein wie schon lange nicht mehr. Ein Bursche in Bermudas, Anfang zwanzig, sitzt mit zwei jungen Frauen an einem Tisch, zwischen ihnen eine Platte mit Seafood, sie essen mit den Händen, puhlen die Garnelen aus ihren Schalen und wischen die fettigen Finger immer wieder ins Papiertischtuch. Ein grelles Scherzen mit vollem Mund ist da im Gang, anzügliche Blicke züngeln im Dreieck, ich lasse einen Sicherheitsabstand und setze mich zwei Tische weiter an den Rand der Terrasse. Zusätzlich drehe ich meinen Sessel so, dass ich das Geflirte hinter meiner kalten Schulter habe, und bestelle einen Espresso. Mein Blick wandert den Strand hinauf und bleibt an zwei Silhouetten hängen, die vor der Brandung tanzen. Eine Frau im Sommerkleid, und wenige Schritte vor ihr tollt ein Hund, und wie sie da versucht, ihm seinen Holzstock zu entwinden und dabei lacht, wirkt sie wie ausgedacht.
Ich habe meine Freundin in den fünfzehn Jahren, die wir zusammen sind, nie betrogen, ja nicht einmal daran gedacht habe ich, aber jetzt, bei dieser Frau in der Gischt und im Sonnenlicht, da beginnt hinter meinem hitzeflirrenden Blick ein Film abzulaufen, wie wir ins Gespräch kommen, sie dann hinaufzeigt zum Hotel und wir schließlich in ihrem Zimmer enden, das Meer im Viereck des Fensters.
Mein Bruder hat sich nie auf längere Beziehungen eingelassen. Wenn das erste Verliebtsein vorbei ist, dann geschieht etwas mit einem, und das will ich nicht, hat er mir einmal gesagt. Der Blick wird dann hart und unnachgiebig. Aber nicht im Umgang mit dem Partner, wie alle behaupten, sondern im Umgang mit sich selbst. Plötzlich stößt man an sich, wo man früher durch sich hindurchgegangen ist, und bevor man es mitbekommt, ist sie dahin, die Lebensgeschmeidigkeit.
Ein Bellen schubst mich aus meinen Gedanken, und als ich die Augen öffne und mir die Hand als Schirm an die Stirn halte, sitzt die Frau im Sommerkleid tatsächlich am Nebentisch, und der Hund zu ihren Füßen trinkt gierig aus einem Plastiknapf.
Hallo, sagt sie plötzlich, ohne aber wirklich zu mir herüberzuschauen. Stattdessen beugt sie sich zu ihrem Hund hinunter und krault ihm das Fell.
Gerade angekommen, fragt sie, ihr Blick immer noch auf dem Nacken ihres Hundes.
Ja, sage ich und schaue auch anstatt zu ihr, dem Hund beim Trinken zu.
Wie lange bleibst du?
Weiß nicht. Ich will eigentlich nach Sidi Ifni und bin nur zufällig hier gelandet.
Ein schöner Zufall, sagt sie und schaut die Küste hinauf, wo die roten Klippen aus dem Atlantik aufsteigen.
Yep. Bin auch ganz zufrieden mit dem Zufall, sage ich. Wie lange bist du schon hier?
Zehn Tage vielleicht. Ich müsste nachschauen. Der Wievielte ist heute?
Ich sage ihr das Datum.
Der Vierzehnte? Dann sind es doch schon zwei Wochen. Wenn das Meer dauernd rauscht, vergisst man die Tage. Wirklich. Je lauter die Umgebung, desto leiser die Zeit.
Möglich, sage ich.
Ist so, sagt sie.
Das ist ein Collie, oder, frage ich. Habe schon seit Ewigkeiten keinen mehr gesehen.
Ja, seit sie Lassie nicht mehr zeigen, sind die völlig aus der Mode. Sind auch nur noch schwer zu bekommen. Fast so, als könnten Haustiere aussterben.
Heile Lassie-Welt, sage ich, wo bist du hin?
Sie lacht, und in dem Moment weiß ich, dass wir miteinander im Bett landen werden.
Sie schaut mich ein wenig zu lange an, ohne etwas zu sagen, und da weiß ich, dass sie es auch weiß. Wie ein stummes Einverständnis steht dieses Wissen zwischen uns, und auf einmal reden wir los, als würden wir uns kennen.
Sie erzählt mir, dass ihr Freund sie nach sechs gemeinsamen Jahren verlassen hat, und ich erzähle ihr, dass mein Bruder verschwunden ist.
Nein, eigentlich versteckt er sich vor mir, sage ich. Also, es ist so eine Art Suche, die er da veranstaltet. Er hinterlässt mir Hinweise und will, dass ich ihn aufspüre.
Hört sich an, als würde er die Regeln aufstellen.
Zumindest versucht er es, sage ich, und meine Stimme klingt flach dabei. Wie wenn man einen Witz erzählt und mittendrin schon weiß, dass keiner lachen wird.
Und was machst du, wenn du deinen Bruder gefunden hast?
Reden. Er hat mir etwas zu sagen.
Was?
Keine Ahnung. Irgendetwas, das ich bisher anscheinend nicht verstanden habe.
Marie, sagt sie ganz unvermittelt, und ich verstehe sie nicht gleich und sehe sie deshalb fragend an.
Ich heiße Marie, sagt sie noch einmal, und ich sage ihr meinen Namen, und wir geben uns die Hand.
Und, was machst du, wenn du nicht gerade durch Marokko fährst?
Ich bin Sänger, sage ich.
Was? In einer Band?
Nein, klassisch. Bariton.
Opern und so?
Nein, nur Konzerte. Ich kann nicht schauspielern. Meistens singe ich im Chor, manchmal gebe ich auch Liederabende. Wir haben ein kleines Ensemble gegründet. Ein Geiger, eine Cellistin, ein Pianist und ich.
Sie zieht die Augenbrauen hoch und weiß offensichtlich nicht, was sie sagen soll, und ich bin mir auf einmal doch nicht mehr so sicher, dass wir miteinander im Bett landen werden.
Wie kommt man auf so etwas, ich meine, Gesang zu studieren?
Ich überlege, ob ich ihr die Geschichte erzählen soll und entscheide mich dagegen.
Ein Zufall, sage ich.
Schon wieder, sagt sie. Ganz schön viele Zufälle in deinem Leben. Ein Zufall, der dich zum Singen bringt, einer der dich ans Meer bringt. Wohin bringt dich der nächste?
Nach Sidi Ifni, sage ich und denke, dass der Zufall den Namen meines Bruders trägt.
Sie taucht einen Finger in ihr Cola und schreibt Sidi Ifni auf die Tischplatte.
Ich war dort, sagt sie. Eine gruselige Stadt. Mauern und Menschen passen nicht zusammen. Die Bewohner gehen durch ihre Straßen, als würden sie nicht hierhergehören. Ich fahre dort nicht noch einmal hin.
Wo würdest du hinfahren, frage ich.
Ich würde hierbleiben.
Ich meine, an meiner Stelle.
Ja, an deiner Stelle.
Mein Selbstvertrauen ist enden wollend, mein letzter Flirt liegt lange zurück, und so dauert es einige Momente, bis ich begreife, dass das jetzt die recht unverhohlene Einladung war, über Nacht hierzubleiben. Sogar als ich Marie später auf ihrem Bett das Sommerkleid über den Kopf ziehe, kann ich es immer noch nicht wirklich glauben. Wann passiert das schon, dass der Tagtraum, den man im Kopf wälzt, Wirklichkeit wird? Einer wie ich glaubt da natürlich, dass ihm seine Sinne einen Streich spielen. Dass er gleich aufwachen wird an seinem Tisch im Strandcafé, weil ein Hund ihm die Zehen abschleckt. Aber nein, der Hund liegt lang ausgestreckt und dösend am Boden neben dem Bett, im Viereck des Fensters das Meer, Lichtstaub, der durchs Zimmer tanzt wie voyeuristische Nymphen, die sich nichts entgehen lassen wollen, und sonst nichts als Haut und Laken.
Magenkrämpfe reißen mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Ich schaffe es gerade noch auf das Gemeinschaftsklo. Ein fürchterlicher Durchfall. Mich räumt es völlig aus. Gleich darauf muss ich mich auch übergeben. Ich bin froh, dass die Toilette am anderen Ende des Gangs liegt und Marie deshalb nichts mitbekommt von diesem Desaster. Irgendwann hocke ich als völlig kraftloses Häufchen Elend in der Duschkabine und lasse mir lauwarmes Wasser über Kopf und Rücken tröpfeln, die Augen brennend und feucht, weil mir noch immer stechende Magenkrämpfe den Atem rauben. Von Marie ist zum Glück weiterhin nichts zu hören. Das wäre mein Horror, wenn sie jetzt an die Tür klopfen und fragen würde, was los sei. Die Übelkeit kommt zurück. Noch ein letztes, leeres Würgen in die Klomuschel, dann klappe ich den Deckel herunter, setze mich und wische mir Gesicht und Augen mit Klopapier trocken. Als ich gerade noch einmal zur Rolle greifen will, fällt mir an der Wand ein Graffito auf.
Ein Gespenst geht um am Atlantik, das Gespenst des …, mehr steht da nicht, das Wort dahinter ist weggekratzt. In dem Moment weiß ich, dass mein Bruder hier gewesen ist und dass dieses Graffito von ihm stammt. Und nicht nur das. Wenn er hier war, dann kennt er auch Marie, und das heißt, dass er auf irgendeine Weise bei alldem, was zwischen Marie und mir vorgefallen ist, die Hände im Spiel hat.
Ich will sofort weg von hier. Mein Gepäck ist im Wagen. Hemd und Hose habe ich an. Was fehlt, sind Schuhe und Socken, die liegen noch in Maries Zimmer. Ich schleiche schon den Gang hinunter, um sie zu holen, als mir der Hund einfällt. Der macht die Sache aussichtslos. Er würde sofort bellen und Marie wecken, und ich habe nicht die geringste Lust, sie noch einmal zu sehen und mit ihr zu sprechen. Also lasse ich Schuhe und Socken da. Fahren kann ich auch bloßfüßig und billige Sandalen kann ich mir im nächsten Ort kaufen.
Das Gespenst am Atlantik. Zuerst habe ich angenommen, mein Bruder meint sich selbst damit. Als ich jetzt barfuß, leichenblass und ausgezehrt im Mondlicht die Stiegen zu meinem Auto hinaufsteige, frage ich mich, ob das Gespenst nicht eher ich bin.
Ich fahre in die Nacht hinein, völlig leer, als hätte mir der Durchfall auch meinen Kopf ausgeräumt. Ein Schatten seiner selbst. Genauso fühle ich mich. Als wäre nichts mehr von mir übrig, nur diese graue Silhouette, die das Mondlicht auf den Beifahrersitz wirft. Dann fängt von einer Sekunde auf die nächste wieder mein Magen zu rebellieren an, und ich schaffe es gerade noch, den Wagen anzuhalten, auszusteigen, mir die Hosen herunterzureißen und mich in die steinige Landschaft zu hocken. Danach bin ich so kraftlos, dass es mir kaum gelingt, den Zündschlüssel herumzudrehen. Ich merke, dass es keinen Sinn mehr hat, weiterzufahren, stelle den Motor wieder ab, kippe den Sitz zurück und schlafe auf der Stelle ein.
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