- -
- 100%
- +
Irgendwann zwischen meinem sechsten und siebten Glas stupste mich Peggy, die sympathisch sächselnde Aufnahmeleiterin, an und fragte:
„Herr Krallmann, menen Se nisch, Sie söllten longsam uf e pure Cola umsteigen?“
„Peggy“, bäuerte ich etwas unappetitlich hervor, „Punkt A, ich bin der Hirni, kannst ruhig ,du‘ sagen und Punkt B, Alkohol ist zwar keine Lösung“, jetzt bekam ich nicht nur Schluckauf, sondern musste zudem kurz, aber intensiv aufstoßen, „Cola aber auch, ups, aber auch nicht. Also pö-prösterchen!“, sprach ich verwaschen wie Harald Juhnke nachts um halb drei an der Hotelbar und führte das Glas weltmännisch zum Mund, wie es vor mir und Harald allenfalls Dean Martin auf der Bühne in Las Vegas gelungen sein mochte.
„Hirni, isch bitte disch.“ Blick und Tonfall waren nun flehend, was ich bei einer knackigen Neunzehnjährigen vermutlich ziemlich aufregend gefunden hätte – nicht jedoch bei einer Fünfundvierzigjährigen vom Fuße des Erzgebirges, die zudem noch den gleichen Namen hat wie das Pflegepferd meiner Cousine Lisa. Seither kann ich Peggy, also das Pferd, nicht mehr am Hals tätscheln, ohne den Geschmack von Jack Daniels, Cola und Erbrochenem auf der Zunge zu haben.
Höre ich seit jenem Abend Namen ostdeutscher Postmoderne, wie Peggy, Mandy oder Doreen, tauchen sie auf, wie von Geisterhand hingezaubert, diese unverkennbaren Symptome eines neunschwänzigen Katers – von leichtem Schwindel kaum zu unterscheiden, für mich, als an Seele und Körper versehrtem RTL-Veteran, jedoch eindeutig spürbar.
Mit exakt diesen Symptomen, nur ungleich intensiver ausgeprägt, hatte ich mich damals im Hotelbett wiedergefunden. Zu gern wüsste ich, wie sich der Dialog zwischen mir und dem Taxifahrer abgespielt haben muss, an den ich mich jedoch partout nicht erinnern kann. Als ich am Morgen erwachte, lag ich, komplett bekleidet, im komfortablen Doppelbett. Meine Jacke fand ich schließlich in der Minibar und die Schuhe fein säuberlich im Schrank, kunstvoll auf zwei Kleiderbügeln arrangiert. Weniger überzeugend war der Anblick des Badezimmers. Nach meiner nächtlichen Ankunft hatte ich offenbar die vielen Gläser Cola mit Schuss noch loswerden wollen und mich, da ich prinzipiell nicht im Stehen uriniere, auf die Toilette begeben. Nie wieder, so viel steht nach meinem Kölnausflug fest, werde ich in einer Quizshow am Joker und damit am falschen Ende sparen und noch viel weniger werde ich jemals wieder vergessen, einen Klodeckel aufzuklappen.
James Bond
Auf dem Parkplatz von LIVE COMMUNICATION finde ich eine kleine Parklücke zwischen zwei schicken Kombis, die offenkundig Teil des firmeneigenen Fahrzeugpools sind und ahne, dass mein Polo von seinen großen Kollegen schon jetzt gemobbt wird.
Es ist genau 8.59 Uhr. Ich beginne meine Karriere als Eventprofi mit einer Punktlandung und bin mir sicher, dass ich sogar Pinella Dahlke vor Begeisterung aus den Frotteesocken hauen werde.
„Herr Krallmann ist jetzt da“, informiert eine junge, dunkelhaarige Dame am Empfang, von der ich erfahre, dass sie Praktikantin ist, eine Kollegin am Telefon. Dann legt sie auf und weist auf eine moderne Ledercouch am Fenster.
„Frau Dahlke ist gleich bei Ihnen. Warten Sie doch am besten da. Möchten Sie vielleicht ein Wasser?“
Ich lehne in Vorfreude auf einen mahlfrischen Cappuccino dankend ab und bewege mich fünf Schritte nach rechts zur Couch, wo bereits ein gewisser Benjamin Ficus auf seinen Termin wartet, dem aber offensichtlich kein Wasser angeboten wurde.
Ich nicke ihm freundlich zu und setze mich. Während ich meinen Blick durch den Empfangsbereich der Agentur schweifen lasse, kommt mir der beklemmende Gedanke, dass Benjamin bereits tot sein könnte. Im Film gerät der, der die Leiche entdeckt, immer gleich in den Kreis der Verdächtigen. Da ich meinen ersten Arbeitstag nicht mit faden Rechtfertigungen und der Suche nach einem Alibi beginnen will, beschließe ich, meinen Verdacht unerwähnt zu lassen.
Auf einem Glastisch vor mir liegen verschiedene Fachzeitschriften rund um die Themen Event, Gastronomie und Marketing, aber auch Society- und Lifestylemagazine, wie Bunte, Vogue oder Cosmopolitan. Ich vermisse Sport- und Auto-BILD und suche instinktiv die Kinderecke mit den Wimmelbilderbüchern sowie den unvermeidlichen Hinweis auf die nächste Grippeimpfung und die Praxisgebühr.
„Sind Sie schon lange hier?“, beginne ich mit der Praktikantin ein möglichst unverfängliches Gespräch.
„Seit acht“, lässt sie mich wissen. Ich schlucke. Entweder steckt ein Plan dahinter oder bei LIVE COMMUNICATION arbeiten vorwiegend Idioten. Nach Darwin überleben nur die Angepassten. Ich will hier überleben, also passe ich mich an.
Ich nicke ihr daher debil zu und sage stolz: „Ich bin seit neun hier.“
„Ich weiß“, sagt sie fröhlich und lächelt etwas schüchtern. Sie fühlt sich nicht einmal ansatzweise verarscht und am liebsten würde ich ihr noch erzählen, dass ich gerade hier auf der Couch sitze, will es am ersten Tag aber nicht gleich übertreiben.
In mir keimt der beklemmende Verdacht, dass in dieser Agentur Benjamin zu Lebzeiten der interessanteste Gesprächspartner gewesen sein könnte, und für einen kurzen Moment kommt mir der Gedanke, dass ich es sogar noch rechtzeitig zur Waschstraße schaffen könnte.
Ich verwerfe diesen absurden Gedanken unverzüglich und wage einen zweiten Anlauf, da ich der Auffassung bin, dass Führungskräfte alle Mitarbeiter genau kennen sollten und ohnehin jeder eine zweite Chance verdient.
„Wie heißen Sie denn?“, frage ich und ertappe mich dabei, wie ich eine Handvoll passender Namen bereits im Kopf habe.
„Whitney.“
Stille!
Okay, ich gebe zu, ich hatte eine Michele oder Chantal auf der Liste, aber Whitney übertrifft meine Erwartungen bei Weitem. Innerlich balle ich eine Becker-Faust und würde mir am liebsten mein P&C-Shirt vom Körper reißen, um es in die Fankurve zu schleudern.
„Und Sie?“
„Immer noch Thomas.“ Ich spüre, wie es mich innerlich fast zerreißt und platze regelrecht vor Vorfreude auf die anderen Kollegen. Wenn Pinella Dahlke und Whitney schon solche Konversationskracher sind, mag ich mir die Geschäftsleitung kaum vorstellen. Prinzipiell könnte ich Whitney jetzt erklären, dass mich die meisten Leute ,Hirni‘ nennen, lasse es aber, um sie nicht neidisch zu machen, da sie diesen Namen sicher binnen kürzester Zeit auch für sich beanspruchen würde.
Für Whitney ist das Gespräch an dieser Stelle offenbar vorerst beendet, denn sie beginnt, ihr Mobiltelefon zu streicheln. Das sieht von meinem Platz aus extrem bescheuert aus, sodass ich aufstehe, um etwas besser sehen zu können. Ich erkenne, dass sie sich offenbar durch die Apps ihres iPhones navigiert. Ihre aufwendig lackierten Fingernagelattrappen machen dabei höchst unschöne Geräusche und ich höre das Display förmlich um Hilfe schreien.
Inzwischen sind dreißig Minuten vergangen, ohne dass Whitney und ich ein weiteres Wort miteinander gewechselt haben. Ich frage mich, wofür Frau Dahlke einen solchen Stress gemacht hat und fürchte, ebenso in Vergessenheit geraten zu können wie Benjamin. Hätte ich doch jetzt nur das Wasser!
Noch ist zwar genug Zeit, um bis zu meinem ersten Meeting um zehn die Verträge zu unterzeichnen, doch hätte ich mich, bevor ich erstmals mein Wort an die Belegschaft richte, gerne noch ein wenig mit den aktuellen Zahlen der Agentur auseinandergesetzt.
„Herr Krallmann“, schreckt es mich aus meinen Gedanken und ich blicke auf. Exakt um 9.42 Uhr erscheint Pinella Dahlke am oberen Absatz einer großzügigen Wendeltreppe und schreitet diese hinab wie Krystle Carrington aus dem Denver-Clan in ihren besten Zeiten. Vor ihrem Bauch trägt sie eine schwarze Mappe und das unvermeidliche Smartphone. Ihr todlangweiliges Businesskostüm wirkt irgendwie unpassend knitterig und während sie die Treppe hinunterstakst, stelle ich bestürzt fest, dass der Reißverschluss ihres Rockes definitiv offen ist. Bloß nicht hingucken! Immer ganz entspannt das Gesicht fixieren! Ich sehe, dass ihre Wangen glühen und ich verwette meinen Arsch darauf, zu wissen, was die gerade getrieben hat. Nur nicht, mit wem. Meine Vorfreude auf den Job wächst mit jeder Stufe der Wendeltreppe, die sie hinabsteigt, wenngleich Frau Dahlke nicht wirklich mein Fall ist. Aber, was soll’s? Ich bin seit über drei Jahren Single und für den Einstieg ist sie allemal in Ordnung.
Ich erhebe mich langsam von der Couch in dem mir inzwischen vertraut gewordenen Wartezimmer und rechne fest mit den Worten ,Der Nächste, bitte‘, bekomme stattdessen aber eine nasskalte, frisch gewaschene Hand entgegengestreckt mit den Worten: „Dann kommen Sie mal mit.“
„Zu dir oder zu mir“, will ich spontan fragen, trotte dann aber nur hinter ihr her, die Wendeltreppe hinauf in ein großzügiges Büro. Vor einem bodentiefen Fenster steht ein Mann Mitte Vierzig und wendet uns den Rücken zu. Er telefoniert und raucht und erinnert mich an eine Parodie auf James Bond. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass Frau Dahlke in der vergangenen Dreiviertelstunde keine Runde auf dem Laufband gedreht hat. Bonds elegante zweireihige Anzugjacke passt nicht ganz zum Stil der dunkelblauen Jeans, wohl aber zu den glänzenden schwarzen, garantiert rahmengenähten Schuhen. Seine Haare sind einen Tick zu lang und mit Haarwachs in Form gebracht. Er beendet sein Telefonat, in dem es offenbar um eine Verabredung zum Kartfahren geht, und dreht sich zu uns um. Während er mich mustert, lutscht er lässig seine Zähne sauber, zieht noch mal an seiner Zigarette und geht mit maskulinem Gang bis zur Kante seines Schreibtisches, wo er stehen bleibt und sein Kinn vorschiebt. Testosteron liegt in der Luft und ich bin mir sicher, dass es nicht meins ist. Für Frauen, die auf Porschefahrer und Puffgänger stehen, ist dieser Typ garantiert das personifizierte Weihnachten. Für alle anderen ein neureicher Prolet. Mit einer zackigen Bewegung schüttelt er seine Rolex hervor und legt die Stirn in Falten.
„Lasst uns hinne machen. Gleich ist Meeting.“
Er streckt mir die Hand entgegen. „Danny Hahn. Und du bist?“
Alles klar, wir sind beim Du. Ich schüttele die Hand, die Minuten zuvor wahrscheinlich noch Frau Dahlkes Hintern umklammert hielt. Ein Odeur aufdringlichen Rasierwassers und Zigarettenrauchs weht mir entgegen. Seine Hand fühlt sich zudem nicht ansatzweise so frisch gewaschen an wie die von Frau Dahlke.
„Thomas Krallmann. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“
Danny Bond Hahn sieht mich fragend an. Dann wandert sein Blick zu seiner Kollegin.
„Das ist doch der Support für Pias Team“, klärt sie ungewohnt temperamentvoll auf. Offenbar gerät sie beim Anblick von Danny schon wieder in Wallung.
Danny Hahn schaut sie fragend an. „Ach, der Hiwi?“
Pinella Dahlke nickt.
Support? Hiwi? Alles klar! Hier weiß eine Hand nicht, was die andere tut. Ich räuspere mich. Damit es nicht noch peinlicher wird, kläre ich die Situation mit wenigen Worten auf.
„Ich war vor zwei oder drei Monaten zum Vorstellungsgespräch bei Herrn Kuhn.“
Danny Hahn macht ein gleichgültiges Gesicht, das er sich garantiert bei den James-Bond-Bösewichten abgeguckt hat. Ich bin mir jetzt sicher, dass er die gesamte DVD-Collectors-Edition im Billyregal hat.
„Herr Kuhn ist nicht mehr bei uns beschäftigt.“ Ich merke, wie die Temperatur im Raum binnen Sekunden gen Gefrierpunkt fällt.
Er lässt den Satz im Raum stehen und überlässt es meiner Fantasie, mir vorzustellen, was mit Herrn Kuhn wohl geschehen sein könnte. Entlassen? Geflohen? Liquidiert? Einen Moment herrscht Schweigen.
Muss ich jetzt was sagen?
Es gibt Situationen, da sollte man einfach nur die Schnauze halten und dennoch redet man sich um Kopf und Kragen. Meine Worte sind nicht wirklich wohlüberlegt, aber offenbar ist genau das Danny Hahns Sprache.
Im Tonfall eines Oberarsches frage ich nämlich: „Was hat er gemacht? Werbekulis geklaut oder in der Agentur ’nen Tripper verbreitet?“
Danny Hahn blickt mich an, als hätte ich ihm eben erzählt, Sean Connery sei schwul und Pierce Brosnan im wirklichen Leben Stewardess bei British Airways. Pinella Moneypenny Dahlke hat plötzlich noch mehr Farbe im Gesicht und droht zu platzen.
„Okay“, denke ich, ,das war’s dann wohl. Dann verbringe ich den Tag halt nicht beim Meeting, sondern im klammen Overall.‘
Danny Hahn beugt sich ein wenig nach vorn, als wolle er mir etwas anvertrauen.
„Der ist mit unserem wichtigsten Kunden zur Konkurrenz nach Düsseldorf.“
Oha. Da lag ich mit dem Tripper wohl gründlich falsch. Womöglich habe ich Alphamännchen Hahn jetzt erst auf die Idee gebracht, dass auch andere in diesem Laden die Schreibtische nicht ausschließlich zum Schriftverkehr gebrauchen. Statt mich jedoch aus der Agentur zu schmeißen, liegt Anerkennung in seinem Blick. Habe ich etwa genau seinen Ton getroffen?
„Ziemlich schlechter Stil, oder?“, frage ich.
„Aber so was von!“, sagt Danny Hahn und blickt mich an, als hätte ich den komplexesten Sachverhalt der Welt endlich durchschaut.
Er überlegt noch einen Moment und wendet sich dann ruckartig an Pinella Dahlke, die immer noch aussieht, als wäre bei ihr eine Klinikpackung Betablocker fällig.
„Komm, lass uns den Vertrag fertig machen.“ Er kneift mir ein Auge zu. Ich freue mich wie ein junger Hund und wedele unauffällig mit dem Schwanz. Das lasse ich jedoch ganz schnell wieder sein, um eine gewisse professionelle Distanz aufrecht zu halten. Das Letzte, was ich schließlich will, ist eine Männerfreundschaft mit Danny Hahn und gemeinsame Videoabende mit gerührtem Martini.
Pinella Dahlke, die knapp am nervösen Zusammenbruch vorbeigeschrammt ist, schiebt mir ein paar Unterlagen herüber und ich setze mich auf einen der Besucherstühle, um die Zeilen zu überfliegen. Wie ein Idiot bin ich nicht in der Lage, mich zur zweiten Zeile vorzuarbeiten, da ich immer wieder in der ersten hängen bleibe. Säße ich nicht bereits auf einem Stuhl, würde ich spätestens jetzt um einen bitten. Nach einer gefühlten Ewigkeit blicke ich auf und sehe die beiden an wie Rudolph Mooshammer, der von Daisy zum Oralverkehr genötigt wird. Mein Mund formuliert ein Wort, das halb Frage, halb Feststellung ist.
„Praktikumsvertrag?!“
Vier große Augen blicken mich an. Pinella Dahlke ergreift als erste das Wort. „Was stimmt denn nicht?“
Ich überlege, ob ich darauf tatsächlich antworten oder kommentarlos gehen soll.
„Das ist ein Praktikumsvertrag“, wiederhole ich betont sachlich und spüre, wie mir die Galle den Hals hinaufkriecht. „Ich hatte mich auf eine Festanstellung beworben.“
Schmierlapp Bond atmet durch und zieht ein Schüppchen. „Das ist bei uns ein ganz normaler Vertrag.“
Meine Verwirrung wächst. „Inwiefern?“
„Solche Verträge haben bei uns fast alle.“
„Alle haben Praktikumsverträge? Sie auch?“
Danny Hahn schiebt brüskiert sein Kinn hervor. „Ich nicht. Ich bin ja ein Leader.“
Ein Leader, so so.
„Und Sie?“, wende ich mich an Pinella Dahlke.
„Ich auch nicht. Ich bin ja …“ Sie stockt. Offenbar hat sie vergessen, was sie hier macht.
,… die, die der Boss poppt‘, vollende ich in Gedanken.
„Und wer hat hier Praktikumsverträge?“, frage ich.
Danny setzt sich in seinen gigantischen Chefsessel, der aber offenbar nicht so teuer war, wie er aussieht und Geräusche macht, um die ihn jedes Furzkissen beneiden würde.
„Die meisten haben hier Praktikumsverträge“, erklärt er mir im Tonfall des Ertappten. „Das sind aber eigentlich keine Praktikanten, sondern die haben Aufgaben wie richtige Angestellte.“
Er sagt dies, als sei es die größte Selbstverständlichkeit der Welt. „Praktikumsverträge lassen sich nur halt besser aufheben“, schließt er seine Erklärung ab.
Ich blicke ihn fragend an. „Die kann man schneller kündigen?“
„Richtig“, raunt Danny, als habe ich die Millionenfrage beantwortet. Um seiner Anerkennung Nachdruck zu verleihen, schnipst er und deutet mit dem Zeigefinger auf mich, als sei ich der Schnellmerker schlechthin.
Ich bin mir sicher, dass er mir nach der nächsten clever beantworteten Frage anerkennend in die Wange kneift und mich spontan zum Mitarbeiter des Tages ernennt.
Gut, normale Angestellte sind in Dannys bunter Welt also Praktikanten. Kommen wir zum nächsten heiklen Punkt meines Vertrages, wenngleich ich weiß, dass Danny die Frage nicht gefallen wird, zumal er doch hinne machen wollte.
„Und werden alle Praktikanten so bezahlt, wie in diesem Vertrag?“
Danny Hahn macht ein spitzes Mäulchen, das einen Tick zu weibisch rüberkommt und sagt fast beleidigt: „Nun, es ist ein Praktikumsvertrag, da wäre ein höheres Gehalt nicht rechtens.“
Ich überlege und nicke dabei anerkennend, als sei seine vollkommen bescheuerte Argumentation bewundernswert schlüssig.
Pinella Dahlke wittert ihre Chance, Tempo in den Vorgang zu bringen und sagt: „Wie gesagt, andere Verträge haben wir hier fast kaum.“
Fast kaum! Ich könnte diese Frau für ihre Blödheit küssen und frage: „Also beinahe selten?“
Sie sagt nichts und blickt mich irritiert an. Ich merke, wie sich ihr Hirn gerade erhängt und aus der Konversation verabschiedet. Könnte sie jetzt Strg, Alt und Entf drücken, sie täte es garantiert. Ich rechne fest mit der typischen Microsoft-Fehlermeldung. Gleich wird sie mich sicher fragen, ob sie den unvermeidlichen Fehlerbericht senden soll.
Ich blicke auf meinen Vertrag und überfliege alles erneut. Soll ich das wirklich unterschreiben? Diese Frechheit auf Papier? Andererseits: Wenn dieser Job auch kein Knaller wird, so bietet sich vielleicht wenigstens eine Perspektive. Bestimmt muss ich nur erst mal reinkommen und kann dann weitersehen. Am liebsten würde ich natürlich aufstehen und wortlos gehen, doch die Alternative sind ein klammer Overall und ein Job, dessen definitiv einzige Perspektive der Aufstieg ins Innenpflegeteam ist. An Sauger, Polsterschaum und Cockpitspray wird bei Wash & Go nämlich noch lange nicht jeder gelassen.
Mit dem verwegenen Mut eines Großstadtabenteurers greife ich zum Stift und schreibe unter den triumphierenden Blicken von Pinella Dahlke und Danny Hahn grimmig entschlossen meinen Namen. Als ich den Kugelschreiber auf den Tisch lege, wird mir klar, dass mir hier wohl kein Cappuccino gereicht wird und seufze. Ich habe mit fünfunddreißig Jahren gerade einen Vertrag unterschrieben und mich an fünf Tagen in der Woche von neun bis achtzehn Uhr an diese Agentur verkauft, um im Gegenzug das fürstliche Gehalt von eintausend Euro im Monat zu kassieren. Brutto wohlgemerkt! Trost spendet mir in diesem Moment der Gedanke, dass ich mich ja immer noch bei der Kocharena bewerben kann oder besser noch in der Pizzeria bei mir um die Ecke – als Spezialist für die kleinen Brötchen.
Der Arschlutscher
Der Konferenzsaal wird beherrscht von einem riesigen Tisch, der in der Form eines Os locker fünfundzwanzig Menschen Platz bietet. Exakt so viele Stühle sind um den Tisch platziert und warten auf ihre Herrchen. Vierundzwanzig, um genau zu sein, denn auf einem Stuhl sitze bereits ich.
„Warten Sie doch einfach schon mal hier“, hatte Pinella Dahlke gesagt, nachdem sie mich schweigend und mit noch immer offenem Reißverschluss am Rock hierher geführt hatte, „die Kollegen werden gleich alle kommen.“
So so, sie werden gleich alle kommen. Ich hatte den schwanzgesteuerten Danny Hahn vor Augen und stellte mir vor, wie die gesamte Belegschaft kollektiv aufstöhnen würde, sagte aber nichts und nickte. Seither sitze ich hier und warte.
Mein Blick ruht abwechselnd auf vier großen Bildern, die jeweils locker als Matratzen französischer Doppelbetten durchgehen könnten. Der Künstler hat die weiß angestrichenen Leinwände mit Hunderten bunter Federn beklebt – einmal mit roten, dann mit blauen, gelben und schließlich, auf dem vierten Bild, mit allen zusammen. Wenngleich den Bildern ein gewisser dekorativer Pfiff nicht abzusprechen ist, erinnern sie erschreckend an das, was an der Volkshochschule entstehen könnte, in Kursen wie „Kreatives Basteln für Unbegabte“, „Grundkurs Farbenlehre – wahrnehmen und gestalten“ oder „Raus aus dem Alltag – ein bunter Workshop für Hausfrauen in den Wechseljahren“.
Ich bin so fasziniert von den albernen Bildern, die bei jedem sensiblen Menschen eine üble Migräne auslösen könnten, dass ich fast meinen jungen Kollegen übersehen hätte, der soeben den Raum betritt und mich mit einem vitalen „Moschen“ begrüßt, der lässigen Version des „Morgen“.
Ich antworte höflich mit „Guten Morgen“, womit die zart sprießende Konversation jedoch schon wieder abreißt, da mein Kollege sich bereits mit seinem Notebook beschäftigt und sich über irgendwas Lustiges, das er dort vorfindet, demonstrativ beömmelt. Okay, noch ein Idiot. Ein paar Versuche hat LIVE COMMUNICATION ja noch.
Als nächstes betreten zwei junge Damen den Raum, die mich überhaupt nicht beachten und aussehen, als gehörten sie eigentlich zu Douglas. Also tue ich es ihnen gleich und verhalte mich so, als wären wir noch immer zu zweit – ich und Kollege Moschen, dessen Heiterkeit inzwischen zu einem miserabelst gespielten, aber wenigstens stillen Lachkrampf ausgewachsen ist. Nicht mal vor dem abgedroschenen Schenkelklopfer macht er halt. Ich kann seinen stummen Schrei nach Aufmerksamkeit regelrecht hören. Wenn ich jetzt jedoch darauf eingehe und ihn danach frage, was es denn dort Lustiges auf seinem Laptop gibt, habe ich den Typ bis zur Rente an der Backe. Wahrscheinlich ist er der, den schon in der Schule keiner mochte. Ich mag die arme Sau irgendwie auch nicht und schätze, dass die beiden Douglas-Tussen wenigstens da auf meiner Wellenlänge liegen.
Nach und nach trudeln immer mehr Kollegen ein und nur die wenigsten nehmen mich wirklich wahr. Darunter sind eine ganze Reihe skurriler Gestalten – blutarme Computer-Nerds, glatzköpfige Kreative, die schwarze Rollis unter dem gleichfarbigen Armani-Anzug tragen und ständig an irgendwelchen Blackberrys rumfingern, und ab und an hübsche Partymäuse, von denen ich später erfahre, dass sie studentische Hilfskräfte sind und im Dienstrang theoretisch noch unter mir rangieren. Danny Hahn jedenfalls rangiert sicher ganz gerne mal über ihnen. Wahrscheinlich sind die rangierwilligen Hollister-Schnecken sogar noch leichter zu kündigen als ich.
Dann betritt ein Typ den Raum, der irgendwie nicht so recht in die Szenerie passen will. Jeans, T-Shirt, Sneakers. Er blickt in die Runde und sagt „Morgen zusammen“, erhält aber nur vereinzelt eine Antwort. Ein unpassend offensives und viel zu lautes „Morgen Boss“ erhält er von dem Kollegen mit dem inzwischen abgeklungenen Lachkrampf, der auf einen freien Platz neben sich deutet.
,Boss?‘, frage ich mich. ,Der Typ? Wie ein Vorgesetzter sieht der nicht gerade aus und keiner nennt seinen Chef allen Ernstes Boss, zumal Danny Hahn hier doch der unangefochtene Leithengst sein muss.‘
Der Typ jedenfalls winkt freundlich ab und ignoriert den freien Platz geflissentlich. Er mag den Affen scheinbar auch nicht. Mir fällt fast ein Stein vom Herzen, denn der Neuankömmling ist hier im Raum der Einzige, den ich spontan als sympathisch bezeichnen würde.
Offenbar denkt er das auch über mich, kommt näher und fragt: „Ist der noch frei?“
„Klar“, sage ich und mache eine einladende Geste.
„Neu hier?“
„Flatschneu“, antworte ich etwas unsicher und frage dann ziemlich dämlich: „Und Sie? Du?“
„,Du‘ ist schon richtig. Gefühlte Ewigkeit. Ein Jahr.“
Klingt ja schon mal super.
„Ich bin Ben“, stellt er sich vor.
„Thomas“, antworte ich. Nach einer kurzen rhetorischen Pause ergänze ich, warum auch immer: „Meine Freunde nennen mich Hirni.“
„Ich glaube, dann nenne ich dich lieber Hirni. Thomas heißt der Vogel da drüben nämlich auch.“ Er deutet unauffällig auf Kollege Moschen. „Thomas Vogel.“
Mir schießen spontan eine ganze Handvoll Mördergags zum Namen ,Vogel‘ durch den Kopf, behalte sie aber für mich und sage stattdessen: „Alles klar. Und warum nennt der dich Boss?“
„Ach das. Ich habe mal den Fehler gemacht, dem Ochsen anzuvertrauen, dass ich gerne Bruce Springsteen höre. Seitdem glaubt der, wir wären so was wie Kumpel.“
„Verstehe. Und was machst du hier so?“
„Konzepte und Planung. So was halt in der Art.“




