Medienkulturelle Manifestationen gegenwärtiger Familienpolitik

- -
- 100%
- +
»Nur durch ein aufwändiges Zusammenspiel von Routinen und Gemeinsamkeit, Verlässlichkeit und Flexibilität lässt sich noch ein gemeinsames Familienleben etablieren. In diesem Rahmen nehmen die Medien vielfältige unterstützende, zum Teil – so unsere These – konstitutive Funktionen für das Doing Family in symbolischer und praktischer Hinsicht ein«28.
Der Terminus »Doing Family« rekurriert dabei auf »Familie als Herstellungsleistung«29. Die damit anskizzierte aktive und agitatorische, konstruktive Vorstellung von Familie »umfasst Prozesse, in denen in alltäglichen und biografischen Interaktionen Familie als sinnhaftes gemeinschaftliches Ganzes hergestellt wird.«30
In der vorliegenden Arbeit wird konzeptionell von einer »Medienkultur«31 ausgegangen – getreu dem berühmten Ausspruch Siegfried J. Schmidts: »Das Programm Kultur realisiert sich als Medienkultur, und man könnte fast hinzusetzen: und als nichts anderes.«32 So ist auch mit Scheffer erstens davon auszugehen, dass »hauptsächlich Medien […] zur Subjektbildung bei[tragen]«33 und zweitens zu betonen, dass »Realitätserfahrung […] überhaupt erst durch eine vorauslaufende mediale Bearbeitung erzeugt und ermöglicht [wird]«34, wobei der Terminus »›Medialität‹ im Sinne von ›grundsätzlich vermittelt‹«35 zu gebrauchen ist. Auszugehen ist also von einer Synchronizität von Medien/Medialität und Lebenspraxis.
Synchronizität von Medialität und Familialität kommt beispielsweise in einem Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung zum Ausdruck. Simultan zur Injektion von Samen in die Vagina bei einem assistiert reproduktiven Verfahren soll das Lied Eye Of The Tiger abgespielt werden:
»Die Spritze mit dem Spendersperma, das sterile Behandlungszimmer, die sachliche Ärztin – das war alles so unromantisch, so wenig feierlich. Darum hatte Kate Elazegui ein Lied mitgebracht. Als die Ärztin ansetzte, den Samen in Kates Vagina zu injizieren, gab sie ihr das vereinbarte Handzeichen, Kate drückte auf die ›Play‹-Taste, lehnte sich zurück und hörte: Eye Of The Tiger.«36
Besonders deutlich ist jene Synchronizität von Medien/Medialität und Lebenspraxis mit familienpolitischem Bezug in einer Sequenz aus Die Pinguine aus Madagascar37 (Penguins of Madagascar, USA 2014, Regie: Eric Darnell und Simon J. Smith, DreamWorks Animation; DVD) inszeniert. Vor einigen Jahren – so gibt es der Animationsfilm vor – rollte ein einzelnes Pinguin-Ei, zuvor vom Schnee verdeckt in seltsam anmutender Reminiszenz an Social Freezing (Einfrieren von Eizellen), eine abschüssige eisige Landschaft in der Antarktis hinunter. Spuren, ja Lebensspuren im Schnee hinterlassend, atemberaubend schnell vorbei an der possentreibenden Pinguin-Karawane, darunter Skipper, Kowalski und Rico. Wie bei allen kulturell relevanten Ereignissen der Gegenwart ist auch innerhalb der filmischen Diegese ein Kamerateam synchron zu den Vorgängen anwesend (P 00:02:25).
Die diegetisch-sichtbare Synchronizität von Medien/Medialität und Lebenspraxis reflektiert unser medienbezogenes Handeln in unserer Medienkultur. Michaela Ott geht diesbezüglich davon aus, dass »unübersichtliche Durchdringungsverhältnisse zwischen medialen Artikulationen und in sie verschlungenen menschlichen Handlungs- und Äußerungsweisen«38 bestehen.
Auf die (kindliche) Frage, ob das den Abhang hinabrollende Ei zurückgeholt werden solle, antwortet ein (erwachsener) Pinguin:
»Tut mit echt leid, Kleiner. Jedes Jahr verlieren wir ein paar Eier – so ist das eben in der Natur« (P 00:02:27).
Die (kindliche) Gegenrede lautet:
»Oh klar, die Natur. Das macht irgendwie Sinn, aber irgendwas irgendwas tief in meinem Innern sagt mir, dass das überhaupt keinen Sinn macht. Wisst ihr was: Ich lehne die Natur ab« (P 00:02:31).
Diegetisch folgt eine pinguineske Geburtshilfe: gefährlich, lebensgefährlich, aufregend, auf Eisbergs Schneide, emotional und medial angestoßen durch einen gewaltigen Stoß des Mikrofons vom Medienteam. Inszeniert wird eine performativ hergestellte Form von Familie, wobei die konventionelle duale und zweigeschlechtliche Elternschaft (Mutter-Vater, männlich-weiblich) unterlaufen wird. Der Startschuss der Geburt, das Zerbrechen der Schale und das Schlüpfen des Pinguin-Babys (Private genannt) ist künstlich (obschon durch ein Missgeschick) herbeigeführt. Ein unabsichtlicher Flügelschlag (nicht etwa eine Blasensprengung oder die Verabreichung bestimmter Hormone) initiiert das »Wunder der Geburt« (P 00:05:52) – nicht ohne Ironisierung romantisch-ästhetisierender Geburtsvorstellungen. Abgelehnt wurde die Natur: Aber was nun? Wo ist die Mutter, der Vater, die Familie? Wer ist die Mutter, der Vater, die Familie? Die Pinguine können sich wohl auf ein emotionales Band einigen, vermutlich eine Form der sozialen Elternschaft:
»Du hast uns, wir haben einander, und wenn das keine Familie ist, dann weiß ich auch nicht« (P 00:06:37).
Die hier zugrunde liegende Annahme einer konstitutiven Verschachtelung von Medien im weiten Sinn und Kultur als Medienkultur sensu Siegfried J. Schmidt kann nicht auf eine Haltung hinauslaufen, die sich mit der Untersuchung verschiedener Aushandlungen »in den Medien« begnügt. Eine solche Haltung würde nämlich erstens einer präjudizierten Einschränkung auf bestimmte Medien, häufig immer noch subtil durch Qualifikationen wie fiktiv, real, technisch, hoch und niedrig geprägt, Vorschub leisten. Zweitens impliziert der Ausdruck »in den Medien« ein latent inhärentes Verbot, Medien jedweden Status und Kultur konstitutiv zusammenzudenken. Angeknüpft werden kann vielmehr an diejenige Forschung zum Themenkomplex Geburt/Familie/Reproduktionstechnologien, die stets auf Grenzverwischungen zwischen Realität und Fiktion, Wissenschaft und Kunst sowie auf die enorme Bedeutung der Medien, Medialität, Diskursivität und Kulturalität verweist (siehe Forschungsüberblick, exemplarisch seien hier Dreysse und Nusser genannt), wobei über den Begriff Medienkultur und die mediensyntagmatische Haltung, in die auch unorthodoxe Medien inkludiert sind, dennoch zu bereits existierenden Untersuchungen eine erkenntnispraktische Verschiebung erfolgt, die noch erläutert wird. Drittens kann der Mediengebrauch nur aktiv sein39. Hier wird ein weiter Medienbegriff40 präferiert. Die Annahme einer Medienkultur führt zu neuen und anderen Erkenntnissen rund um Familienpolitik, indem konzeptionell vielfältige Medien und Kultur zusammengedacht sind. Auf der Grundlage eines konstitutiven Zusammendenkens von Medien und Lebenspraxis kann gerade auf einer ersten Ebene weder eine qualitative Separation (»die Medien«) und Subordination (»indirekt«) noch eine kanalisierende Wirkung (»durch die Medien«) von Medien angenommen werden:
»Die öffentliche Meinung spielt eine große Rolle im Zusammenhang mit der Entscheidung, ob eine Schwangerschaft fortgeführt oder beendet werden soll. Diese kann direkt vertreten werden durch den Partner, die Familie, die beratenden GenetikerInnen/ÄrztInnen oder auch indirekt durch die Medien [Hervorhebungen M.P.].«41
Grundlage der vorliegenden Arbeit sind hingegen medienkulturelle Arrangements. Dazu gehören neben Literatur und Filmen auch Facebook-Kommentare, eine Messe-Topografie oder ein Kalender. Mit Bernd Scheffer gehe ich davon aus, dass »Kunst und Literatur […] (bestenfalls) auf herausgehobener Bühne das Spiel [spielen], das überall stattfindet«42. Betont werden soll damit die stets konstruktive Gestaltungspraxis, oder weniger neutral – keinesfalls aber kokett –, das buchstäbliche, stets vorhandene medial-performative Spiel, gerade auch im Kontext von Familie. Thomä konturiert beispielsweise Elternschaft als verlängerte Theaterprobe, als alltägliches Abenteuer: »Elternschaft hat vielleicht noch am ehesten – jedenfalls was die Unübersichtlichkeit betrifft – etwas von einer Theaterprobe, die nicht enden will; sie ist ein Abenteuer des Alltags.«43 Für dieses Abenteuer, für familiale Identitätsentwürfe werden unterschiedliche Medien benötigt:
»Identitätsentwürfe brauchen Medien, um sich selbst zu entwerfen und um zu wirken. Medien bieten Bühnen für dieses Theater: die Straße, das Lokal, die Zeitung, das Radio, das Kino, das Fernsehen, das Internet. Und jedes dieser Medien bietet für sich selbst wieder eine Vielzahl an unterschiedlichen Bühnen, in denen Aspekte dieser Identitätsentwürfe artikuliert werden können. Jede Stadt hat Straßen ganz unterschiedlicher Funktion, die auch bestimmt, wie sich die Passanten verhalten.«44
Neben der Erfassung der Bedeutung von Medien für die Identitätsbildung geht es demnach um die Betrachtung von so unterschiedlichen Arrangements wie etwa der Straße oder einem Lokal als Medien.
Die Fokussierung auf medienkulturelle familienpolitische Arrangements umgeht bewusst naturphilosophische Fragen45. Dabei soll jedoch auch kein reiner Kulturalismus nach dem Motto ›Alles ist Kultur‹ ausgespielt werden. Das heißt nicht, dass Fragen nach Natur und Kultur sowie nach deren Verhältnis zueinander im Kontext von Familie nicht gestellt werden dürfen oder sollen. Es heißt aber, ich stelle sie nicht, und zwar a priori. Ich kann hier an Bergmann anknüpfen, der stets mittelbar auf Argumentationen mit Natur und Kultur fokussiert: »Es ist aufschlussreich zu verfolgen, wann mit Natur und wann mit Kultur argumentiert wird, wann die biologischen und wann die sozialen Grundlagen von Verwandtschaft herangezogen werden, wann von Substanz und wann von Prozessen gesprochen wird.«46 Bergmann bezieht sich mit dem Begriff »assistierte Authentizität«47 auf die performative Praxis der Authentifizierung, die zur Naturalisierung führt (wobei der materielle und symbolische Aufwand genannt werden). Die Beobachtung einer Kommunikation von Natur und Kultur ist dann vollends kompatibel mit Ullrichs kritischer Einschätzung der Tragfähigkeit einer dichotomen Unterscheidung zwischen Natur und Technik aufgrund der langen Tradition von Eingriffen in den Reproduktionsprozess48 und gemäß Meißners Klassifikation der Bestimmung des natürlichen Kerns eines gesellschaftlichen Phänomens als »müßige[r] Spekulation«49.
Durch die bisherigen Ausführungen und Beispiele wurde verdeutlicht, dass durch die Annahme einer Medienkultur von einer konstitutiven Verschachtelung von Medien und Lebenspraxis ausgegangen wird. Damit ist freilich noch nicht vollends geklärt, wie – ausgehend von dieser Annahme – neue und andere Erkenntnisse bei Fragen rund um Familienpolitik gewonnen werden können. Wie ist es möglich, das theoriegeleitete Beobachten von familienpolitischen Manifestationen in unserer Medienkultur an die Profilierung neuer und anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse – an Medienkulturwissenschaft – zu binden? Unter der oben ausgeführten Voraussetzung ist es ja gerade nicht möglich zu behaupten, in den Medien werde etwas (Neues) gezeigt. Gleichsam ist damit die Annahme einer kanalisierenden Wirkung von Medien (»durch die Medien«) verunmöglicht. Einfach gefragt: Was ist dann aber gerade mit, und nur mit Medien in einem wissenschaftlichen Ansatz möglich? Wären Medien, und nur Medien zur Erkenntniserzeugung nicht nötig, dann wäre dieser Ansatz, der auf Medien rekurriert, obsolet. Sensu Siegfried J. Schmidt wird nun gerade Beobachtung zweiter Ordnung von den Medien erleichtert oder sogar erzwungen50. Omnipräsente, nicht zu stornierende, existente »Kultur als Programm materialisiert sich und ist entsprechend beobachtbar in Anwendungen wie Kunstwerken, Architekturen, Büchern oder Zeitungen«51. Daher fordert Schmidt gerade dazu auf, »möglichst genau die Rolle der Medien zu explizieren.«52
Erst jüngst ist nun eine Studie erschienen, die in medientheoretischer und medienhistorischer Aufarbeitung und Dekonstruktion einen neuen und äußerst fruchtbaren Medienbegriff konzipiert. Neues und Anderes, gerade Wissenschaft, kann in der vorliegenden Arbeit auch deshalb erzeugt werden, weil hinsichtlich des präferierten (weiten) Medienbegriffs auf die vor kurzem erschienene Studie Das Erscheinen des Mediums. Autoreflexivität zwischen Phänomen und Funktionen (2015) von Martin Mann zurückgegriffen wird. Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit erweisen sich mindestens zwei miteinander verbundene Aspekte der Untersuchung von Mann als zentral. Der Autor zeigt, dass dem Kunstwerk Elemente aus dessen Außenraum einkopiert sind, wodurch es sich zu sich selbst verhält53. In Abkehr von der Transparenzthese geht er davon aus, dass »Medien ihr eigenes Medialisieren immer auch aus[stellen]«54 und »ihr Erscheinen zum Erscheinen [bringen]«55. Zum Ausdruck kommt damit eine das Medium als solches im Vollzug stiftende Eigenwendung. Strenggenommen kann erst mit einem erkenntnisleitenden Medienbegriff Medienkulturwissenschaft, und damit die Produktion von Erkenntnissen via Beobachtung einer Medienkultur, betrieben werden. Medienkulturwissenschaft kann sich erst dann erkenntnisorientiert entfalten, wenn die Berücksichtigung der Eigenschaften von Medien, und nur von Medien, einen Mehrwert generiert, den es sonst nicht gäbe. Die Medienkulturwissenschaft könnte ansonsten einfach auf den Terminus Medien verzichten. Anders formuliert: Medienkulturwissenschaft benötigt substantiell die Auseinandersetzung mit Medien als Medien, um einen Unterschied zu erzeugen, um Medienkulturwissenschaft zu sein. In Anlehnung an Mann kann gerade die selbstbedingende Passung der Medien, »nicht rein unauffällig (störungsfrei)«56 zu funktionieren, ein sinnlich wahrnehmbares Phänomen57 zu sein, medienkulturwissenschaftlich gewendet werden, und zwar insofern als »die Störung konventioneller Medienprozesse [hochgradig produktiv] sein kann.«58 Krämer, auf die Mann vielfach zurückgreift59, macht deutlich, dass Medien nicht einfach Sinn und Bedeutung vermitteln60. Sie haben aber laut Krämer eine wichtige Funktion: »Medien phänomenalisieren, sie machen wahrnehmbar.«61 Mann formuliert denn auch in Anschluss an Krämer:
»Sowohl Medium als auch Performanz sind in dieser Perspektive demnach erstens als Ereignis (also als Momente, die bei ihrem Entstehen schon wieder vergehen) und zweitens als Inszenierung (also als gerahmtes Geschehen) zu verstehen.«62
Das Medium ist demnach ereigniskonstituierter Schauplatz63.
Nach Konturierung des verwendeten Medienbegriffs kann nun der erkenntnisleitende Terminus Manifestation erläutert werden. Wenn ich in der vorliegenden Arbeit von familienpolitischen Manifestationen in unserer Medienkultur spreche, dann sind damit herausgehobene, als arrangiert-verdichtet zu kennzeichnende, konstruktiv-spielerische – dadurch nicht minder reale – Momente gemeint, welche die Medienkulturwissenschaft als ostentativ charakterisieren kann. Eine symptomatische familienpolitische Manifestation ist, und zwar insofern, als sie medienkulturwissenschaftlich gesehen als emphatisch gelten darf, eine Sequenz der Folge Onkel Doktor Cooper64 aus der Sitcom The Big Bang Theory (USA 2007-, CBS, Warner Bros. Entertainment; AMAZON VIDEO). Als emphatisch kann nun gerade die plakative Ineinssetzung von ›Schwangerschaft und Krankheit‹ sowie die je perspektivisch-konträre Bewertung von Schwangerschaft und Geburt (ultranüchtern versus emotional) in der Konfligierung aufgefasst werden. Emphase zeigt sich auch durch den dargebotenen Zynismus, wenn ein Motorradunfall des Vaters als glücklicher Umstand kommuniziert wird, der Absenz bei der Geburt des eigenen Kindes erlaubt, oder in der vollends absurden Korrelation der Dauer der Geburt mit der Zeit auf der High School.
Ich gebe nun den Dialog zwischen Sheldon (Jim Parsons), Leonard (Johnny Galecki), Amy (Mayim Bialik) und Penny (Kaley Cuoco) wieder:
»Sheldon: Ich muss gleich weg.
Leonard: Wohin?
Sheldon: Nach Texas.
Amy: Jetzt sofort? Wieso?
Leonard: Ist jemand krank?
Sheldon: Ja, der Uterus meiner Schwester brütet im Moment ein Baby aus.
Penny: Oh, sie ist schwanger. Das ist ja toll. Dann wirst du ja Onkel – Onkel Sheldon.
Sheldon: Was, nein. Ich bin dann Onkel Dr. Cooper.
Amy: Warum hast du nie erzählt, dass sie schwanger ist?
Sheldon: Ich hab dir auch nicht gesagt, dass mein Bruder Nierensteine hat. Willst du alles wissen, was aus den Genitalien meiner Familie kommt?
Leonard: Ich gratuliere, schön für deine Schwester, dass du dabei sein wirst.
Sheldon: Naja, ich springe für ihren Ehemann ein, der sich noch von einem ganz furchtbaren Motorradunfall erholt – der Glückliche.
Penny: Wow. Und wie lange wirst du weg sein?
Sheldon: Tja, der Geburtstermin soll morgen sein. Allerdings hat sie sechs Jahre für die High School gebraucht. Also, wer weiß« (B 00:00:30).
Festgehalten werden kann also, dass eine Verstrickung von ›Schwangerschaft und Krankheit‹, konkurrierende normative Geburtsvorstellungen, eine bestimmte väterliche Absenz-Position via Zynismus sowie Geburtsterminologie qua Absurdität als Echo widerhallen.
Eine weitere familienpolitische Manifestation entfaltet sich herausgehoben durch ein intermediales Arrangement (etwa B 00:03:02 und B 00:03:46), in dem Sheldon innerhalb der Metadiegese via iPad abwertend-normativ die Geburtskonzeption seiner Schwester (»Hausgeburt«) erzählt, wobei diese erneut in der Gegenrede von Raj (Kunal Nayyar) konfligiert wird.
Durch die serielle Verschaltung unterschiedlicher Darbietungen (vom Klingeln bis hin zur Metadiegese) des iPad qua Einstellungsgrößen wird gerade die Aufmerksamkeit auf das iPad gelenkt, und zwar verstärkend, indem ein wunderlicher Okkasionalismus65 (»Fruchtwasserschlitterbahn«) installiert ist. Ich gebe nun den Dialog wieder:
»Penny: Hey, wie geht’s deiner Schwester?
Sheldon: Sie hat seit knapp einer Stunde ihre Wehen.
Amy: Das ist wunderbar, seid ihr im Krankenhaus?
Sheldon: Nein, sie wollte eine Hausgeburt. Ihr Lebensstil gleicht gewissermaßen dem in der Steinzeit, und eine Höhle ist gerade nicht verfügbar.
Raj: Weißt du, viele Leute glauben, dass eine Hausgeburt besser ist, weil die Mutter in einer angenehmen, vertrauten Umgebung ist und ihre Liebenden [sic!] sie pflegen können.
Sheldon: Und dort den Schlafzimmerfußboden in eine Fruchtwasserschlitterbahn verwandeln« (B 00:03:22).
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Geburtskonzeptionen wie etwa eine Hausgeburt und kulturell damit verbundene Klischees (vertraute Umgebung) sowie ihre konträre Kritik und damit einhergehende Konnotationen (wie etwa Fragen zum Lebensstil) als konfligierende herausgehoben sind. Eingedenk der konstitutiven Verschachtelung von Medien und Familienpraxis ist es demnach auch kein Zufall, dass Sheldon durch Aufforderung einer weiblichen Stimme aus dem Off, die zum Familienfoto während des Geburtsvorgangs einlädt, zu diesem Geburtsgeschehen zurückgeholt wird: »Sheldon, komm her! Der Muttermund deiner Schwester ist jetzt vollständig geöffnet und sie will ein schönes Familienfoto, bevor hier alles verblutet« (B 00:03:50). Durch die Inszenierung eines skurrilen und hyperbolischen Vorgangs des Geburtsgeschehens ist die mitkonstituierende Funktion des Fotos markiert. Skurril ist die synchrone Kopplung des vollständig offenen Muttermunds mit einem als ästhetisch sich darstellenden fotografischen Festhalten. Hyperbolisch ist die gleitende Bewegung vom schönen Foto hin zur Szenerie des Verblutens.
Im Kontrast zum klaren Bekenntnis des Pinguins aus dem Film Die Pinguine aus Madagascar (»Du hast uns, wir haben einander und wenn das keine Familie ist, dann weiß ich auch nicht«) manifestiert sich aktuell in unserer Medienkultur ein lebhafter Diskurs über Familialität (»Die neue Unübersichtlichkeit der Familie«66). Da ist medienkulturell beispielsweise die Rede von Regenbogenfamilien (ihren Befürwortern und Gegnern), gespaltener Elternschaft (die Existenz von drei Müttern und zwei Vätern ist möglich67), Single Parenting, Leihmüttern und Samenspendern. Die erste Folge der ersten Staffel der bereits zitierten Sitcom The Big Bang Theory68 zeigt beispielsweise, wie Dr. Leonard Hofstadter und Dr. Dr. Sheldon Cooper eine Samenbank für Leute mit hohem IQ aufsuchen, um einen finanziellen Zuschuss für einen Breitband-Internet-Anschluss zu erhalten. Neben der grotesken Verknüpfung von Samenbank und Breitband-Internet wird auch der deterministisch-monokausale Glaube an Gene persifliert, indem Sheldon seine Bedenken äußert: »Wir begehen einen genetischen Betrug. Es gibt keine Garantie, dass unsere Spermien hochintelligente Nachkommen hervorbringen. Denk doch mal nach. Ich hab eine Schwester mit ziemlich derselben DNA-Mischung, und sie serviert Fastfood« (B 00:01:31).
Im nun folgenden Potpourri medienkultureller Diversität soll gezeigt werden, wie persistent in unserer Gegenwart Familienpolitik verhandelt wird. Nur durch jenen mediensyntagmatischen Zugang, nur durch das Zulassen einer weiten Objektebene kann familienpolitischer Diversität begegnet werden.
In unserer Gegenwart hat sich ein medienkulturelles Koordinatensystem herausgebildet, in dem – so wird vielerorts und allgemein angenommen – die Parameter sozial und biologisch, sowie künstlich und natürlich vielfältig miteinander kombiniert sind. Zu beobachten sind eine Erweiterung der Familie als Sozialisation und eine Eventisierung von engster biologisch-leiblich-genetischer Konturierung der Familie sowie eine scharfe Konkurrenzsituation zwischen den rhetorischen Deklarationen von natürlicher und künstlicher Familie.
In dem Sommerhit Hey Brother (USA 2013, DJ/Produzent: Avicii, Label: Universal Music und PRMD; RADIO), in dem expressis verbis Blutsverwandtschaft gefeiert wird (»Know the water’s sweet but blood is thicker«), wird grenzenlose brüderliche Solidarität, grenzenloses brüderliches Engagement besungen: »Oh, if the sky comes falling down, for you, there’s nothing in this world I wouldn’t do«.
In dem Actionfilm Fast & Furious 7 (USA 2015, Regie: James Wan, Universal Pictures) dagegen erhebt Dom (Vin Diesel) seine Freunde zur Familie. Konstituens ist in diesem Fall eine sozial-familiale Verbindung. Bereits der Trailer zu Fast & Furious 769 (2015) beinhaltet das Aufgehen von Freundschaft in Familie: »Ich habe keine Freunde, ich habe Familie« (00:01:02).
Ein Facebook-Nutzer erweist einem Freund auf seiner Facebook-Seite eine freundschaftlich-familiale Hommage: »Happy to see you, bro! Stay the way you are. God bless you!« Die Anrede »Bro« für einen sehr guten Freund erborgt für Freundschaftskonzepte den Nimbus gerade ›unleugbarer‹, also genetisch-biologischer Verwandtschaft, so dass nicht nur der »Brocode« in How I met your mother (USA 2005–2014, CBS; TV (PRO 7)) zu einer Verflüssigung zumindest familialer Rhetorik-Konzepte führt.
So stellt Dreysse eine sukzessive Ersetzung der biologischen Familie in der populären Kultur fest: »In der populären Kultur der Mehrheitsgesellschaft treffen wir […] zunehmend auf chosen families, die die biologische Familie ersetzen.«70 Dabei verweist sie auch auf die Serie How I met your mother (ohne allerdings auf den »Brocode« einzugehen) und fasst zusammen:
»Das Zerbrechen traditioneller Familienstrukturen in der gesellschaftlichen Realität ebenso wie das Bedürfnis nach nicht hierarchischen, nicht normativen Formen des Zusammenlebens bzw. der Zugehörigkeit scheint zu Vorstellungen von Familie, die selbst gewählt und frei gestaltbar sind, aber emotionale Qualitäten der bürgerlichen Kleinfamilie wie Zugehörigkeit, Verlässlichkeit, emotionale Nähe und Schutz garantieren, zu führen. Sie werden in den erwähnten Fernsehserien [u.a. Big Bang Theory M.P.] als dauerhaft, meist dauerhafter als jedwede durch Biologie, heterosexuelles Begehren oder die Ehe begründete Beziehung, dargestellt, zugleich aber auch als Effekt einer Praxis, eines alltäglichen Tuns, das die familiäre Gemeinschaft immer wieder aufs Neue kreiert und artikuliert. […] In diesem Sinne sind viele der Freundesgruppen in Film und Fernsehen als Formen der Verwandtschaft zu betrachten«71.
Die Auflösung althergebrachter Vorstellungen von Familialität sowie der Wunsch nach egalitären Verbindungen bedingen nun Familienkonzeptionen, die sich nicht mehr biologisch aus sich selbst heraus rechtfertigen, sondern gerade willentlich gestaltet werden. Mediale Darbietungen illustrieren die Viabilität dieser neuen Formen der Verwandtschaft.



