- -
- 100%
- +
„Wie hieß der Kasmenier noch mal?“, fragte er, als sie zurück auf die Landstraße gerumpelt waren und er sich endlich eine Zigarette anzünden konnte. Die ganze Zeit, die sie mit Mister Monny verhandelt hatten, war er standhaft geblieben, jetzt genoss er den Tabak als verdiente Belohnung. „Sarajan?“
„Arojan.“
„Und mit Vornamen?“
„Geworg. Wieso?“
„Nur so.“ Er beschloss, mehr über ihn herauszufinden. „Ich kann mir Namen nicht besonders gut merken.“
„Das kann man trainieren.“
„Wie denn?“
„Jeden Namen, den du hörst, musst du sechzehn Mal wiederholen. Dann kannst du ihn nicht wieder vergessen.“
„Echt? Hast du das ausprobiert?“
Denis schüttelte den Kopf. „Ich kann mir Namen gut merken. Dafür hab ich ein schlechtes Gedächtnis für das, was ich sehe. Wenn du mich fragen würdest, ob Arojan kurze oder lange Hosen angehabt hat, könnte ich dir das ums Verrecken nicht sagen.“
„Ich glaub, Jeans“, sagte Milan, aber beschwören könnte er’s nicht. Das leuchtende Orange von Arojans Hemd hatte alles in den Hintergrund gedrängt. Als er nach Denis’ zweitem Schuss auf die Knie gegangen war, war Milan der Gedanke gekommen, dass er aussah wie ein buddhistischer Mönch in frommer Kontemplation. Gerade Arojans Hemd, knallig und strahlend, trug die Hauptschuld daran, dass sich bei Milan dieses nächtliche Bild so deutlich in die Netzhaut eingebrannt hatte. Er schloss die Augen, riss sie wieder auf, blinzelte. Erreichen konnte er damit nichts. Die Erinnerungen machten, was sie wollten; einmal hatte er zu wenige, ein andermal unangenehm viele, sie ließen sich keine Befehle geben. Man konnte ihnen höchstens ein bisschen auf die Sprünge helfen.
„Arojan, hast du gesagt? Georg?“
„Geworg.“ Denis sprach den Namen langsam und deutlich aus.
„Geworg Arojan“, wiederholte Milan. Sechzehn Mal. Er war neugierig, ob er’s sich merken würde.
Er fuhr übers Feld Richtung Landstraße, den Blick auf den Rückspiegel geheftet. Ihm war klar, dass auch die beiden ihn beobachteten und überlegten, ob er etwas im Schilde führte. Durcheinander waren sie, er hatte sie reichlich irritiert. Sie hatten erwartet, dass er sie über den Tisch ziehen würde, stattdessen hatten sie ein Honorar kassiert, von dem sie nicht zu träumen gewagt hatten. Und nun zerbrachen sie sich den Kopf, was hinter der Aktion stecken mochte und was sie außerdem noch rausschlagen könnten. Bestimmt würden sie wild spekulieren, wer er selbst war. Johnny …
Unwillkürlich musste er lachen. Dass er diesmal ausgerechnet diesen Namen verwendete, lag allein in seiner Abneigung gegenüber Stereotypen begründet. Er liebte die Abwechslung. Es machte ihm keinen Spaß, allzu lange bei ein und derselben Persönlichkeit zu bleiben (die Entscheidung, unter welcher Identität er arbeiten würde, kam immer von oben, da hatte er gar keinen Einfluss), aber in Sachen Pseudonym, Maske, Kleidung, Körpersprache und verbales Arsenal hatte er freie Hand und nutzte dies auch weidlich aus. Alles musste miteinander harmonieren. Jedes kleinste Teilchen musste ins Gesamtbild passen. Es ging dabei um Stil. Nach dem richtigen Stil zu suchen und ihn dann sorgfältig auszufeilen, gehörte zu den Momenten seiner Arbeit, die er am liebsten mochte. Seit jeher war er kreativ und fleißig.
Er schob den Rückspiegel leicht nach oben und korrigierte seine Fahrtrichtung, um sie weiter im Auge zu behalten. Sie fuhren bereits wieder durch den Hohlweg zur Straße zurück. Er machte sich über die zwei nicht die geringsten Illusionen. Zu dem Zwerg hatte er zwar von seinem Knastbrüder-Netzwerk gute Referenzen bekommen, aber er war es gewohnt, sich vor allem nach seinem eigenen Verstand zu richten. Und der sagte ihm, dass er auf der Hut sein musste. Allen beiden fehlte es an gesundem Selbstvertrauen, sie taten raffinierter und erfahrener, als sie’s in Wirklichkeit waren. Bei diesem beschränkten Völkchen hier nichts Ungewöhnliches. Er lebte schon das dritte Jahr in Tschechien und die Kreise, in denen er sich bewegte, galten als erlesen, und doch traf er nur ausnahmsweise auf Menschen von wirklichem Format. Die meisten Tschechen waren Duckmäuser, Schwächlinge, Charakterschweine. Sie wussten nicht, was sie wollten, hielten ihr Wort nicht, auf sie war kein Verlass. Deswegen hatte er auch nicht vor Begeisterung gejubelt, als von oben die Anordnung gekommen war. Er hatte dafür kein Verständnis. Hätten sie Arojan gleich ihm überlassen, dann hätten sie die Garantie gehabt, dass alles laufen würde wie geschmiert. Hatten sie aber nicht, und er hatte sich an die Anweisungen halten müssen. Die waren absolut klar gewesen: Es wurde „tschechische Präzisionsarbeit“ erwartet.
Wieder lachte er vor sich hin, diesmal war es aber eher ein unschönes Grinsen. Er hoffte, dass bei dieser „tschechischen Präzisionsarbeit“ kein Fehler passiert war. Falls doch, müsste er es ausbaden, das kannte er schon von früher. (Zum Beispiel der Patzer mit Kirill Borodin, daran hatte er selber nicht die geringste Schuld gehabt, und trotzdem musst er deswegen bei ihnen antanzen.) Diesmal sah’s nicht nach einem Misserfolg aus. Die Belohnung war unverhältnismäßig hoch, für so viel Geld hätten die Tschetschenen fünf Arojans erledigt, aber es war nötig, sich den beiden gegenüber großzügig zu zeigen. Sie zu ködern. Sie würden ihnen noch zupasskommen. Mit Arojan war das Ganze noch nicht vorbei, er hatte ja nicht allein gearbeitet.
Als er am Feldrand ankam, hatte ihr Auto ungefähr die Hälfte des Hohlwegs zurückgelegt. Er klappte den Rückspiegel wieder in die Ausgangsposition zurück, überquerte vorsichtig den flachen Straßengraben, bog auf die Landstraße ein und fuhr dann Richtung Prag. Nach der ersten Kurve verließ er die Straße wieder. Das Feld war zu Ende, auf einem verwahrlosten Grundstück zeichneten sich zwischen Birken und anderer Spontanvegetation die Ruinen eines ehemaligen Bauernhofs ab. Nach kurzem Überlegen fand er eine Stelle hinter der halb eingestürzten Wand des Kuhstalls. Von hier konnte man bis zur nächsten Kreuzung sehen. Er schaltete den Motor aus und wartete. Allmählich wurde es dunkel, Regen trommelte auf die Motorhaube. Das klang wehmütig. Trübselig in des Wortes wahrem Sinn, vom Fuhrmann bis zum edelsten Poeten, ist unser Lied! – Gram drückt sich aus darin, als ob wir niemals Grund zur Freude hätten. Seine Lieblingspassage aus dem Häuschen in Kolomna fiel ihm ein. Wie immer entlockte sie ihm einen Seufzer. Er kam aus tiefstem Herzen und war nicht Ausdruck von Freudlosigkeit, sondern von Wertschätzung für die Schönheit, die ihm Poesie im Allgemeinen und die von Puschkin im Besonderen vermittelte. Gewaltsam riss er sich von ihrem Zauber los und konzentrierte sich wieder voll auf seine Umgebung. Er hatte beschlossen, den beiden nicht zu folgen, sondern sich nur abzusichern, dass sie nicht ihm folgten. Einen Moment später tauchten sie auf. Sie fuhren vorbei und bis zur Kreuzung weiter, wo sie auf den Zubringer zum Prager Autobahnring abbogen. Dort verschmolzen dann die Heckleuchten ihres Wagens mit der Kette aus Rücklichtern.
Er ließ den Motor wieder an. Ihm fiel ein, dass er immer noch die Brille aufhatte. Die benutzte er als Accessoire zu Johnnys Gesicht. Damit sie glaubwürdig wirkte, hatte sie optische Gläser, zwar schwach, aber über längere Zeit da durchzuschauen, machte müde. Er nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Noch ehe er auf die Landstraße zurückfuhr, überlegte er kurz, ob er auf dem Heimweg Musik hören oder lieber ein paar Telefonate erledigen sollte. Schließlich entschied er, dass es am nützlichsten wäre, mit seinem Konversationskurs weiterzumachen, den er sich aufs Handy geladen hatte. In letzter Zeit büffelte er bei jeder passenden Gelegenheit Deutsch und seiner Lehrerin zufolge machte er Fortschritte. Wenn er nicht nachließe, konnte er hoffen, dass sich ihm bald neue Möglichkeiten eröffnen würden. So viele Sprachen du sprichst, so oft bist du Mensch, hieß es doch.
Er griff nach seinem Telefon und ging in die Audiothek. „Gefällt es Ihnen in Berlin? Leben Sie hier?“, fragte eine Frauenstimme. „Berlin ist wunderbar“, antwortete er und achtete dabei peinlichst auf eine korrekte Aussprache. Akzentfreies Hochdeutsch. „Ich bin beruflich hier. Meine Arbeit führt mich immer wieder an neue, interessante Orte.“
1
2
3
4
5
Auch nach einem halben Jahr treten die Ermittlungen zum gewaltsamen Tod von Geworg Arojan auf der Stelle. Den vermuteten Auftragsmord hat die Polizei nach wie vor nicht ausgeschlossen. Morde an Journalisten sind überall auf der Welt zu einem Bestandteil einer Einschüchterungstaktik im Kampf um Einfluss, Macht und Geld geworden. Europa kann sich allein in den letzten zwei Jahrzehnten mit bereits 45 Fällen von ermordeten Journalistinnen und Journalisten „brüsten“, wobei es trotz Überführung der Täter bei den meisten nicht gelungen ist, die Personen zu enthüllen, die sich tatsächlich hinter den Verbrechen verbergen.
www.echoderzeit.cz
Kommt gut mit Krisensituationen klar. Geht Problemen nicht aus dem Weg. Zielstrebig. Beharrlich. Von derartigen Charakterisierungen wimmelte es nur so in Štěpán Chytils Arbeitszeugnissen. Im Prinzip pflichtete er ihnen bei. Er besaß die Eigenschaften eines ausdauernden zweikeimblättrigen Unkrauts. Er war unverwüstlich wie Klee. Auch ein kalter Tag, der nach Auspuffgasen und dicht am Boden verharrendem Rauch stank, ein außerordentlich scheußlicher Märzmontag ohne die geringste Aussicht auf Sonne, konnte den stellvertretenden Direktor des Amts für Ein- und Ausfuhrkontrolle und EU-Parlamentskandidaten (verheiratet, Vater eines gerade volljährigen Sohnes, schütter werdendes Haupthaar, leicht erhöhter Cholesterinspiegel) nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Seit dem Morgen hatte er Halsschmerzen und alles, was er berührte, wirkte provozierend schleimig, als wäre die Welt mit dem Sperma eines starken feindlichen Männchens bedeckt. Trotz alledem wurde er die Überzeugung nicht los, dass die irdische Existenz das Beste war, was der Kosmos zu bieten hatte. Die Existenz als privilegiertes menschliches Wesen. So ein Wesen war Štěpán, und mit seinen vierundfünfzig Jahren hatte er nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass sich irgendetwas verändern würde.
Als Ökonom kannte er natürlich das Pareto-Prinzip und wandte es erfolgreich in seinem Beruf an. Er war in der Lage zu berechnen, welche Menge an Energie er in was investieren musste und welche Zinsen ihm das einbrächte. Nie hatte er sich die Frage gestellt, ob die 80-zu-20-Regel auch außerhalb der Arbeit galt. Die Behauptung, dass 80 % der Folgen auf 20 % der Ursachen beruhen, und zwar auf allen Ebenen menschlichen Handelns, hätte er als nicht verifizierbare Theorie abgelehnt. Sich mit solchen Gedankenkonstrukten zu befassen, hielt er für überflüssig. An der Vergangenheit ließ sich nichts mehr ändern. Man konnte sie nicht ungeschehen machen und auch nicht wieder in sie zurückkehren. Die Ursachen waren bereits entstanden. Sie waren fest in Štěpáns Schicksal verkeilt und er, versunken im Rücksitz eines Wahlkampf-Vans der ČMD, der Tschechisch-Mährischen Demokraten, rückte auf der Zeitachse in Richtung der logischen Folgen vor. Langsam, aber unaufhaltsam.
„Wohin?“, fragte der Chauffeur.
„In die Zentrale“, schlug Milada Pecková vor.
„Da wird keiner sein“, vermutete Libor Fára. „Fahr direkt zum Vereinshaus.“
Štěpán sah auf die Uhr: halb eins. Znojmo – Qualitätsstadt mit Prädikat, verkündete das schlammbespritzte Ortseingangsschild, das sie gerade passierten. Es fiel Schneeregen, auf der Fahrbahn hatte sich Glatteis gebildet. Nach dem warmen Februar war der Rückfall in den Winter ärgerlich, aber Štěpán hatte keine Zeit, darauf zu achten. Er konzentrierte sich voll auf seinen Wahlkampf. Die Tour durch Mähren war ein wichtiger Teil davon. Die morgendliche Veranstaltung am Gymnasium in Humpolec hatte in inspirierender Atmosphäre stattgefunden, das Schulorchester hatte die Ode an die Freude gespielt und die zahlreichen Fragen ließen vermuten, dass die Schüler um gute Noten in Gesellschaftskunde kämpften. Viele von ihnen – höchstwahrscheinlich aus dem Abschlussjahrgang – hatten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Fokus, insbesondere die Meinungsfreiheit. Sie wollten wissen, woher Štěpán seine Informationen bezog, was er von Online-Medien und von Bloggern hielt. Sie testeten, ob er bestimmte Namen und Portale kannte. Natürlich kam die Sprache auch auf Geworg Arojan und sein tragisches Ende. Die Studenten verglichen ihn mit dem ein Jahr zuvor ermordeten slowakischen Journalisten Ján Kuciak und fragten Štěpán, ob die beiden seiner Meinung nach dafür zahlen mussten, dass sie keine Angst gehabt hatten, die Wahrheit zu schreiben. Auch Štěpáns Ansichten zur Selbstzensur interessierte sie.
Er antwortete wohlüberlegt. Wies sie auf die Fallstricke der Freiheit im Internet hin und auf die Wichtigkeit einer journalistischen Ethik. Erläuterte ihnen, dass die sogenannte Selbstzensur manchmal auch ein Bemühen um Objektivität sein konnte. Als sie ihn fragten, wie er sich mit seinem Sohn verstünde, versicherte er, dass sie ein gutes Verhältnis hätten. Er verriet ihnen, dass er mit Richard oft diskutiere und in regem Meinungsaustausch stehe. Dass sie vor ein paar Tagen ein paar Ohrfeigen ausgetauscht hatten, darüber schwieg er vernünftigerweise.
Die anschließende Versammlung in der Stadtbibliothek war vom Klub aktiver Senioren organisiert worden, der Altersdurchschnitt im Publikum bewegte sich um die achtzig Jahre und die Konzentrationsfähigkeit war dementsprechend. Viele Augenpaare, in die Štěpán von seinem Rednerpult aus schaute, schlossen sich im Verlauf seines Auftritts. Hier und da war auch ein Schnarchen zu hören. Das war auch an den vorausgegangenen Tagen in Jihlava, Třebíč und Kounice nicht anders gewesen. Der älteren Generation wurde bei Wahlen eminente Wichtigkeit beigemessen, sie machte ein Viertel aller Wahlberechtigten im Land aus. Pecková und Fára hatten vom ČMD-Wahlkampfmanager die Anweisung bekommen, sich bei den Veranstaltungen für die Silver Ager besonders große Mühe zu geben, aber Štěpán wurde den Eindruck nicht los, dass das EU-Parlament eine Institution war, die den Denkmustern mährischer Greisinnen und Greise zuwiderlief. Der Hauptgrund, aus dem sie die Wahlkampfveranstaltungen in großer Zahl besuchten, war der Imbiss, der zum Schluss gereicht wurde und ihren Schlummer wie von Zauberhand vertrieb.
Hier in Znojmo würde sich die Reihe schläfriger Kaffeekränzchen nicht fortsetzen, das war Štěpán klar. Der Vorsitzende des ČMD-Ortsvereins hatte am Telefon geprahlt, dass der große Saal im Vereinshaus nicht nur voll sein werde, sondern dass auch eine hitzige Debatte auf dem Programm stehe. „Das wird für Sie kein Kinderspiel, Herr Ingenieur. Es kommen ein paar Lokalgrößen, die kein Geheimnis aus ihren dezidierten Ansichten über die Politik aus Brüssel machen. Die treiben Sie in die Enge, damit müssen Sie rechnen“, hatte er ihn gewarnt.
Vor dezidierten Ansichten hatte Štěpán keine Angst, was ihm Sorgen bereitete, war der Zustand seiner Stimmbänder. Nach einer nicht auskurierten Entzündung und einem Dutzend Versammlungen spürte er ein schmerzhaftes Spannen im Rachen und erste Anzeichen von Heiserkeit. Sein Gegenmittel war, dass er bei seinen Auftritten die Mikrofone vom Tontechniker auf volle Lautstärke aussteuern ließ, aber das Kratzen im Hals wurde immer schlimmer, und sie hatten noch nicht einmal die Hälfte der Wahlkampftour absolviert. Ostrava, Zlín, Olomouc und weitere mährische Städte erwarteten sie erst noch. Štěpán hatte für jede Station eine maßgeschneiderte Rede ausgearbeitet. Er konnte noch nicht wissen, dass er die meisten seiner Ansprachen, die ihn viele Stunden Arbeit gekostet hatten, nie halten würde und dass die Gründe dafür viel gravierender wären als überanstrengte Stimmbänder.
„Vor einer Woche hat sie eine Versammlung im Großen Saal in der Lucerna gehabt.“ Fára zeigte auf eins der Konkurrenzplakate, die die Ortsumfahrung von Znojmo säumten. Zora Opasková – DIE STIMME, auf die Europa hört, verkündete ein Schriftzug unter dem Kinn einer jungen Frau. Die war nicht nur gutaussehend, sondern ihrem Gesicht war auch erkennbar Intelligenz eingeschrieben. Laut Wahlforschung fand sie vor allem in Städten Rückhalt, unter eher jungen Menschen mit höherer Bildung.
„Ich war sie mir anhören“, redete Fára weiter. „Eine Stimme hat sie, das muss man ihr lassen. Sie hat über den ganzen Saal hinweggeschrien. Ohne Mikro.“
„Sie kann ziemlich sarkastisch sein. Habt ihr gehört, was sie verkündet hat?“ Pecková drehte sich auf dem Vordersitz um, ein amüsiertes Funkeln in den Augen. „Wenn schon Genderquoten, dann für Männer. Von denen würden dadurch viele endlich eine Chance kriegen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt auch mal zum Zug kommen. Hat die Opasková gesagt.“
„Wenn ich ’ne Frau wäre, würde ich mich von solchen Quoten beleidigt fühlen“, verkündete der Chauffeur.
„Biste aber nicht, also“, stauchte Pecková ihn zusammen. Sie pflegte zu ihm ein kameradschaftlich-unmittelbares Verhältnis, genauso wie Fára. Štěpán blieb lieber etwas auf Abstand. Er kandidierte fürs EU-Parlament mit Unterstützung der Tschechisch-Mährischen Demokraten, war aber kein Parteimitglied. Pecková und Fára hatten ihn zwar so weit gebracht, dass sie sich inzwischen duzten, aber damit war’s für ihn dann auch vorbei mit den Vertraulichkeiten. Während er die Karriereleiter hinaufgeklettert war, hatte er sich ein zuverlässiges Gespür für den Umgang mit Kollegen erarbeitet. Beim Amt für Ein- und Ausfuhrkontrolle duzte er lediglich diejenigen, die ihm das von sich aus angeboten hatten, und nur, wenn sie in der Firmenhierarchie auf dem gleichen Level waren wie er. Niemals trank er mit Leuten aus dem Büro Alkohol oder verbrachte mit ihnen seine Freizeit, und er vermied Gequatsche auf den Fluren. Dadurch wurde er als Mensch mit Noblesse verbucht, aber der wirkliche Grund seiner verbalen Diszipliniertheit war seine heimliche Furcht, dass ihm der Sinn für Humor fehlte und irgendjemand darauf kommen könnte. In einer Nation, die sich selbst voller Stolz als ein Volk von lauter Schwejks bezeichnete, war das ein schlimmeres Handicap als chronischer Mundgeruch.
„Opasková hat sich in die erste Liga hochgekämpft, und dazu hat sie keine Krücke gebraucht“, sagte er. „Die ist gut.“
Ihre Bewegung DIE STIMME befand sich im politischen Spektrum rechts von der ČMD, aber Štěpán spürte, dass Zora Opasková seine direkte Widersacherin war. Eine gefährliche obendrein. Sie hatte einen guten Draht zu Bevölkerungsgruppen, die anzusprechen ihm nicht gelang. Aufmerksam verfolgte er ihre Reden, kannte ihre Standpunkte, in ihrem Wortschatz fand er seine eigenen Ausdrücke wieder (die geistvolleren). Unablässig suchte er nach einer Möglichkeit, sich selber treu zu bleiben und sich dabei trotzdem von ihr abzugrenzen.
„Die hat Eier in der Hose“, verkündete Pecková.
„Gutes Wahlkampfmotto“, befand der Chauffeur. Štěpán sah im Rückspiegel sein Gesicht. Es war ernst, er schien über die Verwendbarkeit des Slogans tatsächlich nachzudenken. Zora Opasková – hat Eier, auf die Europa schaut. Štěpán wandelte den Schriftzug auf dem Plakat ab, das in diesem Moment an seinem Fenster vorbeiglitt und hinter der Heckscheibe verschwand.
„Wir legen unser Material aus und dann gehen wir was essen, oder?“, schlug Fára vor. Er war jünger als Štěpán, aber alles an ihm schien abgenutzter zu sein. In den immer leicht triefenden Glubschaugen sah man deutlich die Spuren von all den Rückziehern, die er in seinem Leben machen musste, und auch von all denen, die ihn erst noch erwarteten. Während der letzten beiden Monate, als sie im Zuge des Wahlkampfs miteinander gearbeitet hatten, hatte Štěpán oft Fáras Urteilsvermögen und seinen Überblick über die tschechische Politikszene zu schätzen gewusst, gleichzeitig waren ihm aber auch seine Bildungslücken nicht entgangen. Er war ein „lowbrow“, wie Bert van Boxen gesagt hätte, Štěpáns langjähriger holländischer Freund. Vielleicht hätte der sogar „domkop“ gesagt oder „partijfanaat“. Štěpán beneidete Bert um seinen Mut zur politischen Inkorrektheit, die er selbst sich nach allen Regeln der Kunst in seiner Funktion nicht erlauben durfte. Bert allerdings pfiff auf die Regeln, und gerade das hatte ihn möglicherweise bis auf den Ministerposten in Den Haag befördert. Falls Štěpán bei den Wahlen Erfolg hätte und einen Sitz im Europäischen Parlament einnehmen würde, könnte er mit Bert viel häufiger in Kontakt sein als bisher. Darauf freute er sich.
„Wo wird denn hier anständig gekocht?“ Pecková drehte sich zum Chauffeur um, der, wie sich in den letzten Tagen gezeigt hatte, reichhaltige Gastrokenntnisse quer durchs Land hatte und ihnen ein nützlicher Ratgeber war.
„Im Navarra“, sagte er, ohne zu zögern. „Da hab ich super gegrilltes Schweinemedaillon gegessen.“
„Ich hab keinen Hunger“, redete Štěpán sich raus. Er musste mal eine Weile allein sein. „Ich vertret mir ein bisschen die Beine.“
Er beschloss, auf die Post zu gehen und unterwegs in irgendeinem Bistro Station zu machen. Der Besuch auf der Post war nicht dringend, er hätte ihn auch verschieben können, aber sein schlechtes Gewissen nagte an ihm. Schon ein Vierteljahr hatte er kein Geld geschickt, und wie üblich, wenn er mit den Zahlungen nachlässig war, tauchte beim Einschlafen Eržikas Bild vor ihm auf. Seltsam war, dass es auch nach Jahren nichts von seiner Strahlkraft verloren hatte. Štěpán nahm es in diversen Aspekten präziser wahr als das Bild seiner Frau. Alle Muttermale waren an ihrem Platz, das mahagonifarbene Haar war nicht verblichen, und wenn sie mit ihren fein geschnittenen Lippen den linken Mundwinkel hob, verursachte das bei ihm nach wie vor das gleiche Stechen in der Brust. Es war ein minimalistisches Lächeln voller Vertrauen. Auf dem Foto in dem vergilbten Papprahmen lächelte sie allerdings nicht. Sie hatte es zu ihrem neunzehnten Geburtstag in einem Atelier in Košice anfertigen lassen und unten rechts in die Ecke geschrieben: Für meinen geliebten Štěpán – Eržika. Er hatte es in einer Schreibtischschublade zu Hause in seinem Arbeitszimmer aufbewahrt (ein abseits gelegener Raum neben der Garage, den er als sein Revier betrachtete, er machte selbst sauber und ging davon aus, dass er dort nichts hatte, was den anderen Haushaltsangehörigen einen Vorwand geboten hätte, hineinzugehen), bis er festgestellt hatte, dass nicht einmal dieses Territorium sicher war. Jetzt lag das Foto im Safe.
„Keine Angst, ich bin rechtzeitig wieder da“, versicherte er Fára und machte sich auf den Weg zur Post am Horní náměstí. Er schlug ein forsches Tempo an, das Alleinsein war befreiend. Gleichzeitig machte er sich Vorwürfe. Nicht einmal beim Flyer-Auslegen half er ihnen. Die werden sagen, dass ich kein Teamplayer bin, dachte er. Sein ganzes Leben lang hatte er im Team gearbeitet, zuerst für die Niederländisch-Tschechische Handelskammer, später in verschiedenen Bereichen des Industrie- und Handelsministeriums bis hin zu seiner jetzigen Position beim Amt für Ein- und Ausfuhrkontrolle, aber Teamgeist besaß er nicht. Im Prinzip war er elitär. Er glaubte, dass es zwischen Menschen angeborene Unterschiede gab, die man nicht vom Tisch wischen konnte und die dem Schlaueren, Fähigeren oder sonstwie Berufenen das natürliche Recht gaben, die Zügel in der Hand zu haben. Das war keine populäre Ansicht und er bemühte sich, sie zu verbergen, aber nicht immer gelang ihm das auch. Nicht einmal vor seinem Sohn konnte er sie geheim halten.
Als er an Richard dachte, griff er nach seinem Handy. Er war neugierig, ob er diesmal rangehen würde. In letzter Zeit knirschte es ordentlich zwischen ihnen; Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung und hatten ein zunehmend gröberes Kaliber. Vor Štěpáns Abreise aus Prag waren sie heftiger aneinandergeraten als üblich. Die Anschuldigung, die ihm Richard um die Ohren gehauen hatte, war so unverschämt gewesen, dass Štěpán in die Luft gegangen war. Er hatte seinem Sohn eine Ohrfeige verpasst, und der (energiegeladene neunzehn Jahre, ideales Verhältnis von Muskelmasse und Körperfett, gesundes Selbstbewusstsein, schlagfertige Reflexe) hatte sich, ohne zu zögern, revanchiert. Štěpán war froh, dass sie allein zu Hause gewesen waren, andererseits war ihm klar, dass er sich vor Ehefrau und Vater mehr zusammengerissen hätte und die Situation nicht so eskaliert wäre. Auch Richard hätte sich besser im Griff gehabt. Er liebte seine Mutter und seinen Großvater und benahm sich in ihrer Gegenwart Štěpán gegenüber weniger bockig. „Noch ’n Diskussionsbeitrag, Pa?“, hatte er mit einem verächtlichen Grinsen gesagt, die Antwort allerdings nicht mehr abgewartet. Er schloss sich in seinem Zimmer ein, fing an zu pfeifen und kam bis zu Štěpáns Abreise nicht mehr heraus. Alle folgenden Anrufe ließ er unbeachtet. Einschließlich des jetzigen. Es machte sogar den Eindruck, als hätte er sein Handy ausgeschaltet. Eine Stimme verkündete, der angerufene Teilnehmer sei momentan nicht erreichbar.




