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„Kasper dich ruhig aus, mein Lieber“, nuschelte Štěpán in seinen Schal. „Das wird dir schon noch vergehen.“
Er steckte das Telefon wieder ein und ging weiter. Wie die meisten Väter war er überzeugt davon, seinen Sohn gut zu kennen. Er hatte großen Wert auf seine Erziehung gelegt. Von klein auf hatte er ihm beigebracht, was er selbst als lebenswichtig erachtete: nicht dem Selbstmitleid zu verfallen und Ängste zu überwinden. Seinen Zielen kompromisslos, aber clever zu folgen. Nicht gegen den Wind zu pinkeln. Er liebte ihn, und auch wenn er es ihm nicht sagte, ging er davon aus, dass Richard von seinen Gefühlen wusste und sie erwiderte. Die momentane Rebellion bedeutete ganz sicher nichts anderes als den Versuch, sich selbst zu beweisen, dass er inzwischen erwachsen war. Physisch und intellektuell war das nicht zu leugnen, aber der emotionale Teil seines Wesens steckte noch mitten im Reifungsprozess. Bisher hatte er sich keinen Schutzpanzer zugelegt. Es bestand die Gefahr, dass ihn der erste Lebenskonflikt unheilbar verwunden würde.
Ich war neunzehn, als ich erfahren habe, was Liebe auf Leben und Tod bedeutet, wurde Štěpán bewusst, und wie üblich packte ihn die Verblüffung, wie viel Zeit seit damals verflossen war und wie wenig ihn diese Zeit verändert hatte. In gewisser Hinsicht kam er sich immer noch vor wie damals, als er auf dem Bahnhof in Moskau aus dem Waggon gesprungen war und zum ersten Mal die stickige Luft jener Stadt eingeatmet hatte, die sein Leben unwiderruflich beeinflussen sollte. Ein Leben, das ohne jenes ohrenbetäubende Bremsen des internationalen Schnellzugs vor fünfunddreißig Jahren völlig anders abgelaufen wäre. Es hätte darin Eržika nicht gegeben, aber auch nicht die Zerrissenheit, die sie ausgelöst hatte. Gerade die Erinnerungen daran, was er in Richards Alter selbst durchgemacht hatte, hielten Štěpán zu väterlicher Nachsicht an. Er versuchte, die konfrontative Haltung seines Sohnes gelassen zu nehmen. Sein neuester Auftritt allerdings hatte ihn kalt erwischt. Richards punktgenau platzierte Kränkungen zeigten, dass er etwas entdeckt hatte, was er nicht hätte entdecken sollen.
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Richard machte einen Schritt. Und noch einen. Konzentriert, mit maximaler Vorsicht. Das Wasser reichte ihm stellenweise bis zu den Knien, anderswo bis zur Hüfte. Der Grund bestand aus glatten Steinen, die unter den Füßen wegrutschten und das Gehen genauso erschwerten wie die reißende Strömung selbst. Es war März und er watete nackt und barfuß durch einen Gebirgsfluss, aber schon längst nahm er die Kälte von Wasser und Luft nicht mehr wahr. Nur den Krampf in den erhobenen Armen, die den Tornister mit der Kleidung und der Waffe umklammerten. Lewan war inzwischen am anderen Ufer, Richard hatte noch ein paar Meter.
Er schaute auf Martins trainierten Rücken vor sich und überlegte, ob dem genauso die Arme abstarben. Falls ja, ließ er sich nichts anmerken. Alles, was er sich hier zumutete, nahm er mit absoluter Selbstverständlichkeit hin. Es war Martin gewesen, der den Kontakt hierher in die Slowakei und zur Patrola aufgetan hatte, kurz nach Geworgs Tod. Dem Mord an Geworg, präzisierte Richard in Gedanken. Hauptsache nichts verschleiern, keine Euphemismen. Geworg Arojan war hinterhältig aus dem Weg geräumt worden, bei Lewan Manusch hatte dazu nicht viel gefehlt. Deswegen wateten sie gerade durchs eiskalte Wasser. Das war unerlässlicher Bestandteil der Entscheidung, die sie getroffen hatten. Einer Entscheidung, die ihre Leben von Grund auf verändern würde. Schon heute Nacht.
Ein Stück entfernt schrie ein Vogel und Martin blieb stehen. Mit einer Kopfbewegung deutete er an, dass irgendwas los war. Richard richtete seinen Blick aufs Ufer. Lewan kauerte hinter einer Gruppe von Kiefern und schaute mit dem Fernglas zum Fuß des Berges, der das Tal abschloss.
„Das Team von Karol“, verkündete er, als Richard bei ihm angekommen war, und reichte ihm das Fernglas. Richard hielt es sich vor die Augen. Es dauerte einen Moment, bis er die vier Gestalten in den Tarnanzügen ausmachen konnte. „Sie haben uns noch nicht entdeckt.“
Er sprach an der Grenze zum Flüstern, obwohl das angesichts der Umstände überflüssig war. Das Wasserrauschen übertönte alle Geräusche. Richard gab Martin das Fernglas zurück und zog sich hastig an. Mit Blicken schätzte er die Entfernung zur Ruine der Mühle.
„Das packen wir“, befand er. Aus dem eingestürzten Dach ragten zwei Schornsteine, an einem von ihnen würden sie ihre Standarte hissen. Von der gesamten Patrola waren sie in der kürzesten Zeit am dichtesten ans Ziel herangekommen. Den Hauptverdienst daran trug Lewan. Er hatte sie nicht geschont, aber auch sich selbst nicht. Seit dem brutalen Überfall letztes Jahr (eine gebrochene Rippe, Muskelfaserriss, Bluterguss im Knie) war er in seiner Beweglichkeit immer noch eingeschränkt und hatte sicher auch noch Schmerzen, aber er ließ sich nichts anmerken. Er war fünf Jahre älter als Richard, in Sachen Selbstbeherrschung allerdings trennten sie Jahrhunderte. Die tausendjährige kasmenische Geschichte von Überlebenskämpfen war für Lewan auf jedem Schritt eine Stütze, das kasmenische Blut in seinen Adern trieb ihn an wie Benzin mit hoher Oktanzahl. Richard erinnerte er an einen kantigen, unverwüstlichen Offroader.
„Hier lang.“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Mühlgraben. „Martin sichert uns.“
Ideal wäre es, wenn sie Adam dabei hätten; sie würden ihn an den Kiefern postieren und er könnte das andere Ufer überwachen. Aber sie hatten ihn nicht dabei. Das Anwaltssöhnchen hatte sich ins Hemd gemacht. Nicht wegen der heutigen Aktion, sondern aus Angst davor, was danach käme. Sie hatten einen detailliert ausgearbeiteten Plan. Adam hatte ihn ein halbes Jahr lang mit ihnen vorbereitet, aber im letzten Moment war er auf die Bremse gestiegen. Ohne Vorwarnung. „Sorry, Jungs“, hatte er eine halbe Stunde vor ihrer Abreise aus Prag gesagt, sichtlich zerknirscht vom eigenen Verrat. „Seid nicht sauer, ich pack das nicht. Ich weiß, Geworg hätte sich’s verdient, aber ich bin ein Versager. Ich schätz mal, ich hab bis jetzt einfach nur mein Maul aufgerissen.“ Sie waren nicht sauer gewesen. Kein vorwurfsvolles Wort war gefallen. Vielleicht hatten sie alle nur ihr Maul aufgerissen, das würde sich noch rausstellen. Mut war keine messbare Größe und Versagertum schon gar nicht. Ein Schissometer gab es nicht. Jeder musste selber in den Spiegel schauen. Manch einem hob sich bei diesem Anblick der Magen, aber das gehörte dazu.
Richard kam unwillkürlich der Gedanke, was wohl sein Vater sagen würde, wenn er ihn jetzt sehen könnte. „Das hast du von mir“, verkündete er ab und zu über eine von Richards Eigenschaften (ausnahmslos ging es um Charakterzüge, die sein Vater schätzte) und klopfte seinem Sohn stolz auf die Schulter. „Du bist genau wie ich“, versicherte er ihm. Richard hoffte, dass das nicht so war. Sein Vater hatte keinen Schimmer von der Patrola. Von nichts, was in Richards Leben eine wichtige Rolle spielte. Als er letztes Jahr seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert und verkündet hatte, dass er für die gesamten Sommerferien mit einer humanitären Mission nach Kambodscha gehen würde, hatte ihn sein Vater gefragt, wozu er dort nütze wäre. Das hatte er nicht bissig gemeint, sondern todernst. Er hielt Richard für einen ratlosen Grünschnabel, auf den er nach wie vor ein Auge haben sollte, dem er schlaue Ratschläge geben und die Welt erklären musste. Seine Welt. Ihm war nicht klar, dass sich ihre Welten immer weiter voneinander entfernten. Als Richard aus Kambodscha zurück war, konnte er dieses Auseinanderdriften nicht mehr aufhalten. Und wollte es auch nicht.
Geduckt ging er hinter Lewan her und checkte die Umgebung ab. Er bemühte sich, absolut geistesgegenwärtig zu sein. „Mindful“ hatte Geworg das immer genannt, und obwohl er diese Achtsamkeit intensiv trainiert hatte, konnte ihn das nicht vor der Hinrichtung bewahren. Wie immer, wenn er sich Geworgs Ende vorstellte, biss Richard unwillkürlich die Zähne zusammen und seine Halsmuskulatur spannte sich an.
Er schluckte, um die Spannung zu lösen, und konzentrierte sich darauf, durch das Bett des Grabens zu gehen. Allerdings konnte er seine Gedanken nicht im Zaum halten, schon bald landeten sie wieder bei seinem Vater. „Was willst du damit beweisen?“, hatte der Richard angewidert gefragt, als er vor einiger Zeit die Hanteln in seinem Zimmer entdeckt hatte. „Denkst du, dass Muskeln dich zu einem richtigen Kerl machen?“ Damals waren sie noch in der Lage gewesen, miteinander zu kommunizieren, und Richard hatte versucht, seinen Standpunkt zu erläutern. Vergeblich. Sein Vater hatte vor Stärke Respekt, aber nur vor so einer, die Macht, Einfluss und Karriere bedeutete. „Mach dein Abitur und den Eignungstest fürs Studium, das ist der Ausgangspunkt zum Erfolg“, predigte er. Sich körperlich in Schuss zu halten, hielt er für ein Anzeichen von Primitivität. Niemals hätte er freiwillig Sport gemacht. Die Rekruten aus der Patrola hätte er als Hohlköpfe abgestempelt. Er hätte gesagt, dass sie mit diesen Kriegsspielen nur irgendeinen Minderwertigkeitskomplex therapierten.
Richard schüttelte den Kopf. Sein Vater rümpfte über die Kriegsspiele zwar die Nase, hatte aber selber eine Pistole. Die hatte er in seiner Schreibtischschublade versteckt und Richard hatte sie sich heimlich ausgeborgt. Eine Makarov 9 mm. Wunderschön brüniert, hartverchromter Lauf, Magazinauswurf mit dem Daumen, für Richards Hand wie geschaffen. Präzise. Total verliebt war er in sie. Er hatte Munition aufgetrieben, und wann immer es möglich war, gingen er und Martin damit schießen. Jedes Mal reinigte er sie anschließend und legte sie zurück an Ort und Stelle. Er verhielt sich umsichtig, aber sein Vater war höchstwahrscheinlich hinter seine Ausleihaktionen gekommen, denn er hatte sich einen Safe zugelegt, und Richard hatte lange gebraucht, bis er wieder an die Pistole rangekommen war. Bei jeder passenden Gelegenheit spielte er mit der Ziffernfolge rum (ein paarmal musste er schleunigst durchs Fenster in den Garten verschwinden, damit ihn Opa oder Ma nicht erwischten), er dachte schon, dass er aufgeben müsste, doch schließlich hatte er den Code geknackt. Nach kurzer Freude stellte sich Zorn ein. Und Bedauern. Das, was er im Safe außer der Pistole noch fand, bestätigte seine frühere Vermutung: Sein Vater war ein Scheißkerl. Falls Scheißkerl sein zu den nötigen Qualifikationen für einen Kandidaten zum Europaparlament gehörte, dann hatte Ing. Štěpán Chytil eine reale Chance, gewählt zu werden.
Aus dem Augenwinkel sah er Martin. Der war auf seiner Position angekommen und machte ein Zeichen, dass er ihnen Deckung geben würde. Er war von ihnen allen der beste Schütze. Außerdem der schnellste Läufer. Und damit nicht genug, er konnte am besten Mädchen rumkriegen. Eigentlich brauchte er sich überhaupt nicht anzustrengen, sie rannten ihm auch ohne Rumkriegen nach, obwohl sie wussten, dass seine Mutter Lehrerin war, was ihn eindeutig hätte disqualifizieren müssen. Tat es aber nicht. Noch vor einem Jahr hatte Richard ihn um seinen Erfolg bei den Mädchen beneidet, jetzt nicht mehr. Jetzt hatte er selber die allerhübscheste Freundin: Veronika. An einer anderen hatte er kein Interesse. „Weißt du, dass es noch nie mit einem Jungen so war wie mit dir?“, hatte sie ihm letzten Sommer anvertraut (ein leicht heiserer Kontra-Alt, hinterm Ohr eine Margerite, ihre Augen so goldgrün wie das Gras, in dem sie lagen), und ehe er sich den Kopf zerbrechen konnte, wie viele von diesen Jungen es in ihrem Leben wohl gegeben hatte, fügte sie bedeutungsschwer hinzu: „In meinem Kämmerlein wirst du der Erste sein.“ Das Lachen blubberte zwischen ihren Schneidezähnen durch jene Lücke heraus, von der sie behauptete, dass sie total bescheuert aussehe und dass sie für sie als angehende Schauspielerin ein Nachteil sei. Richard fand das sexy. Beim Küssen ließ er seine Zunge dorthin gleiten, und immer, wenn er sich in Gedanken Veronikas Gesicht vorstellte, tauchte als Allererstes diese erregende Zahnlücke auf. Auch jetzt.
Sie erklommen den Sockel der Mühle, wo die Treppe losging. Der untere Teil fehlte. Lewan hängte sich die Flinte über die Schulter, schwang sich auf das Podest über seinem Kopf und stieg geduckt nach oben. Richard folgte ihm. An der Stelle, wo die Treppe abknickte, fiel sein Blick nach unten. Martin kauerte an dem Mäuerchen in Feuerposition und schaute durch eine Lücke, die durch herausgebröckelte Steine entstanden war. Als hätte er gespürt, dass Richard ihn ansah, hob er für einen Moment sein Gesicht und zog eine Grimasse. Er hatte davon ein endloses Arsenal, eine perverser als die andere.
Lewan griff nach der Schutzbrille, die ihm unterm Kinn hing, und setzte sie sich auf dem Weg nach oben auf. Richard tat dasselbe, obwohl er hoffte, dass er keinen Treffer abbekäme. Er war sich sicher, dass er sich auf Martins Deckung verlassen konnte. Sie kannten sich seit der sechsten Klasse und einer hatte den anderen noch nie im Stich gelassen. Sie waren auf derselben Wellenlänge. Nach dem Mord an Geworg hatte es keine Woche gedauert, und beide wussten, was ihnen bevorstand. Da gab es nichts zu diskutieren.
Richard fuhr mit der Hand in seine Innentasche, um sich zu überzeugen, dass er dort die zusammengefaltete Standarte hatte.
„Ich geb dir von da aus Deckung, Martin von unten. Deine einzige Aufgabe ist die Standarte. Halt dich nicht mit Schießen auf“, befahl Lewan und schaute nach unten. Martin machte mit Daumen und Zeigefinger ein Okay-Zeichen, legte aber die Hand sofort wieder an den Abzug.
„Lauf!“ Lewan gab das Signal und Richard rannte los. Vorsichtig balancierte er über die verwitterte Mauerkrone und versuchte, nicht abzurutschen. Dabei tauchte vor seinem inneren Auge Veronika auf. Sie ging vor ihm her, in ihrem Sommerkleid, unter dem sich deutlich die geigenförmigen Hüften abzeichneten, sie war barfuß und hatte die Haare auf dem Scheitel zusammengebunden, sodass man nicht nur ihr kleines Schwalben-Tattoo sah, sondern auch die feinen Härchen auf dem gebräunten Hals. Eine erregende Vision, die aber für diesen Moment absolut unpassend war. Schnell verscheuchte Richard sie wieder.
Er gelangte ans Ende der Mauer, ergriff einen verrosteten Träger und zog sich an ihm zum obersten Stockwerk hinauf, dem ehemaligen Dachboden. Praktisch war er am Ziel. Er hockte sich hin, hob den Blick – und erstarrte. Mit dem Rücken zu ihm kauerte dort jemand in einem nassen Tarnanzug, in der Hand hielt er eine Standarte und befestigte sie gerade am Schornstein. Von der anderen Seite bekam er vom Kommandeur der ersten Mannschaft Deckung. Adams Abwesenheit hatte also doch verhängnisvolle Folgen gehabt. Hätte er bei den Kiefern Wache geschoben, dann hätte er die erste Mannschaft nicht den Fluss überqueren lassen.
Richard durchströmte ein Gefühl von Bitterkeit. Es war so intensiv, dass ihm übel wurde. So ähnlich wie bei einem schlimmen Kater. Unwillkürlich schoss ihm durch den Kopf, dass die Niederlage in der simulierten Schlacht um die Mühle, die er mit Lewan und Martin gerade erlitten hatte, eine Warnung sein könnte. Vielleicht war das ein Vorzeichen dafür, wie es ihnen in den Schlachten ergehen würde, bei denen nicht mehr mit Plastikkugeln geschossen würde. Er zuckte weg, um aus dem Schussfeld zu kommen, aber zu spät. Er registrierte einen Treffer am Helm. Gleich danach noch einen, unterm Ohr. Trotz des Schutztuchs tat es höllisch weh.
„Adam, du Idiot“, zischte er wütend. In voller Lautstärke rief er dann: „Ich bin tot.“
Der heutige tschechische Nachwuchs ist verwöhnt, hat Angst vor harten Lebensbedingungen. „Ein Minimum an Anstrengung und Verantwortung, ein Maximum an Erlebnissen“, so das beunruhigende Ergebnis einer Umfrage unter Schülern der Oberstufe an Gymnasien und Sekundarschulen in 25 tschechischen Städten.
Aus einem Bericht des Meinungsforschungsinstituts Horizont
Alena hörte auf, den steifen Nacken ihres Schwiegervaters zu massieren, wischte sich die fettigen Hände an einer Serviette ab und ging ans Handy.
„Chytilová.“
Auch wenn sie sich ganz ruhig meldete, reagierte ihr Herz mit erhöhter Pulsfrequenz. Sie konnte nichts daran ändern. Schon seit achtzehn Jahren versuchte sie, diesen unangenehmen konditionierten Reflex loszuwerden, aber vergeblich. Eine unbekannte Telefonnummer löste jedes Mal die gleiche automatische Antwort ihres Organismus aus.
„Ich bin’s.“ Am anderen Ende war Hankas energische Stimme.
„Von wo rufst du denn an?“
„Aus dem Lehrerzimmer.“
„Schon zurück?“, wunderte sie sich. „Wann bist du wiedergekommen?“
„Vor ein paar Minuten.“
Hanka Formánková war eine langjährige Freundin von Alena und die Mutter von Richards bestem Freund. Sie unterrichtete an dem Gymnasium, das ihre beiden Söhne besuchten. Dass sie sofort nach der Rückkehr von ihrem Seminar anrief, geschah definitiv nicht nur aus Höflichkeit, da war sich Alena sicher.
„Ist was?“, fragte sie und ging mit dem Telefon ins Esszimmer nebenan.
„Das wüsst ich selber gerne. Richard und Martin sind heute nicht hier aufgetaucht.“
„Nicht? Aber Richard hat mich doch in der Pause angerufen …“
„Nicht von der Schule aus“, unterbrach Hanka sie.
„Das hat er aber behauptet.“
„Quatsch. Geschwänzt hat der. Genau wie Martin.“
„Warum sollten sie?“
„Wahrscheinlich haben sie was Interessanteres auf dem Programm“, tippte Hanka. Sie machte sich weder über ihren Sohn noch über irgendeinen anderen Angehörigen des männlichen Geschlechts die geringsten Illusionen.
„Richard hat heute früh vor zehn angerufen. Ich hab ihn gefragt, wie sein Englisch-Test ausgefallen ist, und er hat gesagt, gut.“
„Der hat überhaupt keinen geschrieben.“
Alena schaute auf den Wandkalender, der über dem Esstisch hing, und rekapitulierte in Gedanken: Heute war Montag. Am Freitag war Hanka nach Pilsen zu ihrem Methodikseminar gefahren und Richard hatte sich bei Martin einquartiert. Martins Vater war schon seit drei Wochen auf der Suche nach sich selbst, bei irgendeiner Zootechnikerin, und es sah nicht so aus, als ob er bald an den heimischen Herd zurückkehren würde. Die Jungs hatten beschlossen, die leere Wohnung der Formáneks zu nutzen, um sich in Ruhe auf die schriftlichen Abiprüfungen vorzubereiten.
„Ich hab bei Martin mehrere Nachrichten hinterlassen, aber er stellt sich tot. Ich hab den Verdacht …“ Hanka senkte ihre Stimme. Wahrscheinlich wollte sie nicht, dass irgendein anderer Lehrer sie hörte. „Vielleicht waren sie aus, sie haben’s übertrieben und jetzt müssen sie ausschlafen.“
Sie spielte auf die zurückliegende Phase übermäßigen Alkoholkonsums ihrer Söhne an (die zweite Hälfte der elften und fast die ganze zwölfte Klasse), als die beiden ausgetestet hatten, was sie vertrugen. Und sie vertrugen viel – danach zu urteilen, was Alena zu Ohren gelangte und was zweifellos nur einen kleinen Bruchteil der Wirklichkeit darstellte. Richard vertraute sich ihr nicht an, und sie hatte nicht den Mut, ihn auszufragen. Vor ungefähr anderthalb Jahren hatte sie beim Saubermachen in seinem Zimmer ein Tütchen Gras gefunden. Sie war entsetzt gewesen, eine Weile hatte sie überlegt, was sie tun sollte. Dann hatte sie sich einen Joint gebaut, ihn im Garten geraucht und auf die Wirkung gewartet. Und die kam schnell, es war super Qualität. Sie hatte beschlossen, mit Richard zu reden. Als sie das nächste Mal allein zu Hause waren (wichtige Dinge besprach sie mit ihm prinzipiell unter vier Augen), fragte sie ihn, wie lange er schon kiffte. „Ich hab’s ein paarmal ausprobiert“, sagte er in einem Tonfall, der die ganze Angelegenheit in ein triviales Licht rückte. „Ach Ma, Experimentieren ist ein notwendiger Bestandteil der Erkenntnis.“ Sie vermutete, dass er neben Hanf und Alkohol auch noch mit allem möglichen anderen herumexperimentierte, und immer war sie wie gelähmt vor Panik, wenn er zu einem Konzert oder einer „Party“ abdampfte. Er spürte ihre Befürchtungen und versuchte, sie zu zerstreuen. „Keine Angst, ich hab das unter Kontrolle“, versicherte er ihr jedes Mal. Auf diese Versicherungen gab sie nichts; es war eher ihr Instinkt, der ihr einflüsterte, dass sie ihm vertrauen konnte, dass das nur vorübergehende Ausschläge waren, die auch wieder abklingen würden. Von klein auf trug er eine Art Keimzelle von Ernst und Verantwortungsgefühl in sich. Die Reise nach Kambodscha letztes Jahr hatte das nur bestätigt.
„Ich glaub nicht, dass sie unterwegs waren. Damit sind sie doch durch.“
Vom anderen Ende drang ein nachsichtiges Lachen an Alenas Ohr.
„Ein Kerl ist niemals mit irgendwas durch. Der will immer alles wieder von vorn ausprobieren“, versicherte ihr Hanka, die gründlich vom Verlauf ihrer Ehe belehrt worden war (vier Krisen inklusive der, die sie gerade durchmachte). „Als Richard dich angerufen hat, wie hat er sich denn da angehört?“
„Normal.“
„Was hat er gesagt?“
„Dass sie gestern Abend Pizza essen waren, dann haben sie angeblich noch eine Weile gelernt und sind schlafen gegangen.“ Erst jetzt, als sie sich die Unterhaltung wieder ins Gedächtnis zurückrief, fiel ihr auf, dass sie so ganz normal nicht gewesen war. Richard war beim Telefonieren meist sachlich, kurz angebunden. Diesmal hingegen hatte er fast schon zu viel geredet.
„Er hat sich ganz normal angehört“, sagte sie noch einmal, in einem Ton, der keinen Zweifel zuließ. Hanka konnte sie damit vielleicht überzeugen, aber ihren eigenen Körper überlisten nicht. Auf einmal war es wieder da: das Kribbeln im Bauch. Es kam genauso wie vor achtzehn Jahren – scheinbar ohne Grund.
„Das hat keinen Sinn, jetzt hier rumzuspekulieren. Ich hab gleich eine Sitzung, die kann ich leider nicht sausen lassen. Ruf Richard an. Wenn er rangeht, soll er Martin ausrichten, dass er sich umgehend bei mir melden soll!“, sagte Hanka energisch und legte auf.
Alena rief sofort bei Richard an. Ausgeschaltet. Sie schrieb ihm eine SMS, er möge sich bei ihr melden, und setzte drei Ausrufezeichen, die sie nach kurzem Überlegen wieder löschte und durch einen Smiley ersetzte; so würde er das Maß ihrer Sorge nicht mitbekommen. Sie vor Štěpán zu verbergen, hatte sie nicht vor. Sie wählte seine Nummer und konnte in sich kaum die nervöse Furcht bändigen, dass er nicht ans Telefon gehen würde. Er hatte jeden Tag mehrere Wahlkampfveranstaltungen, auf ihre Anrufe und Nachrichten reagierte er manchmal erst Stunden später. Diesmal hob er zum Glück sofort ab. Ehe er losredete, musste er sich räuspern.
„Ich wollte dich gerade anrufen.“
Seine Stimme war heiser, aber wie üblich beruhigend. Durch sie erschienen alle Hindernisse ohne Ecken und Kanten, als würde sie sie unter Wasser in einem Schwimmbecken sehen. Sie verließ sich auf ihren Mann. Genauso hatte sie sich einst auf sich selbst verlassen, aber diese Zeiten waren längst vorbei. Sie wusste nicht einmal mehr, wie sich das anfühlte: innere Sicherheit. Stattdessen hatte sie Štěpán. Er war die Stütze ihres Lebens, sie konnte alles bei ihm abladen, es erschütterte ihn nicht. Auch wenn sie sich manchmal fragte, ob es in seinem Leben nicht noch eine andere Frau gab. Eržika Tatarková, dieser Name tauchte manchmal in ihren Gedanken auf. Schnell floh sie immer wieder vor ihm, aber vergessen konnte sie ihn nicht.
„Wo bist du gerade?“, fragte sie.
„In Znojmo. Ich geh gleich was essen. Zu Hause alles in Ordnung?“
„Hast du mit Richard gesprochen?“
„Ich hab ihn angerufen, aber er geht nicht ran. Warum?“
„Ich glaube, er hat sein Telefon ausgeschaltet. Ich mach mir Sorgen.“
„Wenn unser erwachsener Sohn sein Handy mal abschaltet, dann bricht doch die Welt nicht zusammen, oder?“, sagte er ironisch.
„Er ist nicht in der Schule gewesen. Martin auch nicht. Die zwei haben sich irgendwo verkrochen.“
„Hast du schon mit Veronika gesprochen?“
„Das hab ich als nächstes vor.“
„Bestimmt weiß sie was von ihm. Und wenn nicht, dann ruf seine Kumpels an. Ein paar Nummern hast du doch, oder?“
Sie hatte zig Nummern. Mit krankhafter Sorgfalt notierte sie sich die Kontaktdaten aller Freunde und Mitschüler von Richard. So benahm sie sich schon jahrelang. Genau genommen seit dem Moment, als ihr erster Mann auf einer Landstraße bei Harrachov aus der Kurve gekommen war und innerhalb von Sekunden sein Leben und das ihrer gemeinsamen Tochter beendet hatte. Entsprechend dem Beschluss des Scheidungsrichters durfte er Johanka jedes zweite Wochenende abholen, aber Alena hatte sie ihm diesmal außerplanmäßig mitgegeben. Es herrschte Tauwetter und es war klar, dass schon in ein paar Tagen auf den Pisten im Riesengebirge kein Schnee mehr liegen würde. Johanka hatte sich dieses letzte Skiwochenende mit ihrem Vater regelrecht erbettelt. Seit der Zeit kam Alena keine Maßnahme übertrieben vor, nichts, was ihre Liebsten vor dem hinterlistigen Schicksal beschützen könnte. Štěpán kannte ihre Angststörung und hatte anfangs versucht, sie zu bekämpfen, allmählich war ihm aber klargeworden, dass gegen die Logik ihrer Phobien vernünftige Argumente nicht ankamen.




