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„Ich ruf dich gleich an, wenn die Versammlung vorbei ist“, versprach er und fügte eindringlich hinzu: „Vor allem keine Panik. Alles gut.“
In Gedanken wiederholte sie die zwei Wörter wie eine beruhigende Beschwörungsformel, während sie Veronikas Nummer wählte. Štěpán hatte recht, über ihren Sohn konnte niemand besser informiert sein als seine Freundin. Seine erste richtige Beziehung. Die drei oder vier Mädchen, die vorher durch sein Leben gehuscht waren, hatten keine Spuren hinterlassen, er redete auch nicht über sie. Von Veronika hingegen sprach er gern und mit Begeisterung. „Ich muss mir überhaupt keine Mühe geben, damit ich ihr interessant vorkomme. Sie nimmt mich so, wie ich bin. Und ich sie auch. Wir wollen uns nicht gegenseitig ummodeln. Ist doch super, oder?“ Alena nickte lächelnd und verspürte eine Traurigkeit. Die euphorische Phase der Beziehung, die ihr Sohn gerade durchlebte, konnte nicht ewig dauern. Die Verliebtheit würde früher oder später verfliegen, die Gefühle würden sich vielleicht vertiefen, aber gleichzeitig auch verkomplizieren. Das war immer so, alle Paare mussten da durch. Auch Alena und Štěpán.
„Ahoj, Alena hier. Stör ich?“
„Ahoj! Brauchst du was?“ Obwohl sie sich erst vor Kurzem aufs Duzen geeinigt hatten, bereitete das Veronika nicht die geringsten Schwierigkeiten.
„Ich kann Richard nicht erreichen. Weißt du, wo er ist?“
„Keine Ahnung.“
„Habt ihr euch gestritten?“
„Nein.“
„Wirklich nicht?“
„Ich schwör’s.“
„Hat er dich heute angerufen?“ Ihr fiel auf, dass das wie ein Verhör klang, und sie entschuldigte sich schnell. „Tut mir leid, dass ich dich nerve.“
„Überhaupt nicht, aber wenn ich nicht in zwei Sekunden im Seminar bin, krieg ich Ärger. Und der wird noch größer, wenn ich mit dem Telefon am Ohr da reinmarschiere.“
„Sag nur noch schnell, wann du mit Richard das letzte Mal … Hallo? Veronika?“
Die Verbindung war abgebrochen, eine Antwort kam nicht mehr. Alena spürte, dass ihr Bauchkribbeln an Intensität zunahm. Vielleicht war Veronikas Hektik echt gewesen, aber wenn sie sie nur gespielt hatte? Vielleicht hatte sie das Gespräch nur so schnell wie möglich beenden wollen. Aber warum? Wusste sie vielleicht etwas, das sie nicht sagen wollte?
„Alena“, drang an ihr Ohr. „Kommst du mal bitte für einen Moment?“
Sie ging wieder aus dem Esszimmer. Ihr Schwiegervater stand im Flur gegen den Kleiderständer gelehnt, er hatte die alte Jacke an, die er immer im Garten trug, und versuchte mit Mühe, seine Ferse in einen Stiefel zu quetschen. Obwohl er mit einem Schuhanzieher nachhalf, bewältigte seine schwindende Muskulatur so eine Aufgabe nicht mehr.
„Papa, warum hast du mich denn nicht gleich gerufen“, fragte Alena vorwurfsvoll und ging in die Hocke, um ihm beim Schuhe Anziehen zu helfen. Es kostete sie keinerlei Überwindung, ihm bei körperlichen Verrichtungen zu assistieren, die er wegen seiner Erkrankung nicht mehr alleine schaffte. Es wurden immer mehr, einige davon relativ heikel. Vor einem Jahr hatte sie ohne Bedauern ihre Arbeit als Trainerin aufgegeben (seit sie selber nicht mehr zu Wettkämpfen fuhr, war sie vom Schwimmen längst nicht mehr so besessen wie früher) und stand nun ihrem Schwiegervater ganztägig zur Verfügung. Sie begleitete ihn zur Kirche, brachte ihn zu seinen Heilbädern, machte mit ihm Gymnastik. Dass sie sich um ihn kümmerte, akzeptierte er mit angenehmer Selbstverständlichkeit, fast fröhlich.
„Warum soll ich dich denn rufen? Ich muss in Form bleiben“, wischte er mit einem Lächeln ihren Vorwurf beiseite. „Falls Štěpán in dieses Europarlament kommt, erwarten uns anstrengende Reisen. Ich will nicht nur das Brüsseler Rathaus und das Manneken Pis mit eigenen Augen sehen, sondern auch das Straßburger Münster.“
Er sprach mit jugendlicher Begeisterung. Tatsächlich wollte er sich nicht eingestehen, dass sein fortschreitendes Leiden ihn an der Verwirklichung seiner Reisepläne hindern könnte.
„Nur bei Richard solltest du ein gutes Wort einlegen“, fügte er hinzu.
„Wieso?“
„Neulich hat er zu mir gesagt, dass er nicht mit uns mitfährt. Brüssel und Straßburg interessieren ihn angeblich nicht. So ein Quatsch! Er könnte dort studieren.“
„Papa, noch hat Štěpán die Wahl nicht gewonnen, und Richard hat sein Abi noch nicht gemacht …“ Sie beendete den Satz nicht. Verdutzt starrte sie hinter dem Rücken ihres Schwiegervaters auf den offenen Schuhschrank. Da fehlte was. Aufmerksam ließ sie ihren Blick über die einzelnen Regalbretter schweifen, bis sie’s hatte: Richards Bergschuhe waren weg. In Prag trug er sie nie. Sollte er sie also mit zu Martin genommen haben, hieße das, dass sie zu einer Tour aufgebrochen waren.
Sie holte einen Stuhl, stieg darauf und öffnete die Tür des oberen Stauraums. Sie erstarrte. Das Bauchkribbeln verwandelte sich in echten Schmerz. Jetzt konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr einreden, dass alles gut war, es hatte keinen Zweck mehr, die Panik zu unterdrücken. Das Fach, wo das Zelt hätte sein sollen, war gähnend leer. Auch der große Rucksack fehlte. Und Richards Windjacke, die er sich für Kambodscha gekauft hatte. Das mit den Vermutungen hatte sich also erledigt. Die Jungs kurierten keinen Kater aus. Sie waren irgendwo hingefahren. Fragte sich nur, wohin. Die Geheimhaltungsstufe, die ausgeschalteten Telefone und die raffinierten Verschleierungsmanöver, mit denen sie ihre Abreise getarnt hatten, ließen nichts Gutes ahnen.
„Russland hat seine gegen die Interessen der Tschechischen Republik gerichteten Aktivitäten ausgeweitet. Die Tätigkeit der russischen Geheimdienste hat zugenommen, es liegen ebenfalls Beweise für Cyberspionage und eine Hybridkampagne vor, mit der der Kreml versucht, die Euroskepsis zu stärken“, warnt der BIS. Einige unserer Politiker haben Zweifel an diesen Rückschlüssen. Mit diversen Bonmots wies auch der Staatspräsident die Warnungen des Inlandsgeheimdienstes zurück: „Dass Russland der Beelzebub ist, der Feuer und Schwefel speit, kleine Kinder frisst und vorhat, auch uns zu schlucken, ist ein altes, oft wiederholtes Ammenmärchen. Ich selbst habe es schon so oft gehört, dass es mir inzwischen vorkommt wie das Summen einer Mücke. Wir wissen alle, wenn sich eine aufdringliche Mücke nicht verjagen lässt, gibt es wirksamere Methoden, wie man sie loswird …“
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Die Ermittlungsakte auf dem Tisch hatte abgewetzte Deckel und einen respektablen Umfang. Beide Kriminalpolizisten lenkten den Blick während ihrer Unterhaltung unbewusst dorthin.
„Wie geht’s dir?“, fragte Kriminaldirektor Zdeněk Karoch.
„Ach, lass das Theater.“
Die abgemagerte Gestalt von Kriminalrat Miroslav Vačkář, der kahle Kopf, die eingefallenen Wangen und die blauen Flecken auf der Haut sprachen für sich.
„Wann bist du dran?“
„In einer Woche.“
Es ging um die Immuntherapie. Nach den vorausgegangenen Behandlungsformen, die nur begrenzt angeschlagen hatten, sollte das ein weiterer Versuch sein, Vačkářs gestörte Blutbildung zu regenerieren.
„Zieh’s nicht so in die Länge. Spätestens im Juni rechne ich wieder mit dir.“ Zdeněk kannte Vačkář gut genug, um zu wissen, dass es ihm lieber war, die Krankheit zu bagatellisieren, als Mitgefühl gezeigt zu kriegen. „Mirek, ich will dich zurückhaben, bevor alle anfangen, ihren Urlaub zu nehmen, klar?“
„Du hast gut reden, du kennst die elende Mistsau nicht.“ Vačkář verzog das Gesicht. Den Namen „elende Mistsau“ hatte sich seine Leukämie zweifellos verdient, aber an der Verheerung, die sie anrichtete, änderte das nichts. Bei der letzten Untersuchung durch den Polizeiarzt war noch alles in bester Ordnung gewesen. Vačkář zog zuverlässig wie ein Packesel, man konnte ihm alles aufladen. Und das tat Zdeněk auch. Er schonte ihn nicht, denn er konnte ihn wirklich gut leiden. Denen, die er am liebsten mochte, verlangte er immer das Meiste ab.
„Schon zweimal hat sie das Feld geräumt und ich hab mir, blöd wie ich bin, eingeredet, dass ich gewonnen hab, aber sie ist wiedergekommen.“
„Diesmal vertreibst du sie.“
„Das hoff ich sehr.“ Vačkářs Blick blieb an der voluminösen Akte hängen. „Ich hab die ganze Zeit geglaubt, dass ich das noch abgeschlossen kriege, eh ich mich in die Klinik leg, aber ich hab mich überschätzt. Das ärgert mich.“
Dass es ihm seit letztem September nicht gelungen war, den Fall Arojan abzuschließen, war mehr als ein Grund zum Ärgern. Verursacht hatte das gar nicht so sehr seine Krankheit, sondern vielmehr seine Einstellung ihr gegenüber. Er log sich selbst und sein Umfeld an. Er gab vor, in besserer Verfassung zu sein, als er es tatsächlich war.
„Ich hab mich überschätzt“, wiederholte er. „Tut mir leid.“
Seine Zerknirschung und das Asche-aufs-Haupt-Streuen sorgten bei Zdeněk für ein schlechtes Gewissen. Er war sich sehr wohl bewusst, dass einen Teil der Schuld auch er trug. Das Morddezernat hatte über lange Zeit mit einem Mangel an Humankapital gekämpft; jedes Mal, wenn er mühsam wen ergattert hatte, verlor er sozusagen prompt jemand anderen, und der Leidensweg ging wieder von vorne los. Er wusste nicht, ob dies das Schicksal aller Chefs war oder ob es als sein persönlicher Fluch auf ihm lastete, aber er musste damit leben und unablässig nach neuen Auswegen suchen. Einige davon waren relativ unkonventionell. Den Einfall, mit dem Vačkář zu ihm gekommen war, fand Zdeněk anfangs an den Haaren herbeigezogen, aber nachdem er einige Tage darüber nachgedacht hatte, musste er zugeben, dass er keine bessere Alternative sah, und ließ sich darauf ein.
„Die Alte macht das fertig“, sagte er.
Hauptkommissarin Marta Alte war eine bewanderte Kriminalistin, aber bisher hatte sie fast ausschließlich in Fällen von häuslicher Gewalt ermittelt. Für diese sogenannten Hausschlachtungen hatte Zdeněk niemand Besseres. Der Mord an Arojan war allerdings ein anderes Kaliber und es war schwer zu sagen, wie sie damit zurande kommen würde. Sie war intelligent, außer an der Polizeiakademie hatte sie auch mal eine Zeitlang Psychologie an der Uni studiert, aber um ihr Wissen so richtig zur Geltung zu bringen, fehlte ihr das gewisse Etwas. Sie ließ Ambitionen vermissen, konnte nicht auf Risiko gehen, stach weder durch Entschlossenheit noch durch polizeilichen Instinkt hervor. Dagegen zeichnete sie sich durch Ausdauer, systematisches Vorgehen und einen Sinn fürs Detail aus. Und wenn das auch auf den ersten Blick keine so faszinierenden Eigenschaften zu sein schienen, waren gerade sie im gegenwärtigen Stadium des Arojan-Falls gefragt: das Material, das Vačkář mit seinem Team zusammengetragen hatte, gründlich sichten und sortieren, wenn nötig es um neue Beweise und Aussagen ergänzen, dafür sorgen, dass jemand Konkretes beschuldigt wird, und gleichzeitig mit Samthandschuhen vorgehen wie immer, wenn Angelegenheiten von nationalen oder ethnischen Minderheiten im Spiel waren. Das war keine leichte Aufgabe, aber Marta Alte wäre auch nicht alleine.
„Was ist mit der Verstärkung, die sie dir vom organisierten Verbrechen versprochen haben?“
„Irgendein Jukl.“
„Jukl?“ Vačkář runzelte beim Nachdenken die Stirn. „Kommt mir bekannt vor.“
Es klopfte und die Sekretärin schaute zur Tür herein.
„Die Frau Hauptkommissarin“, verkündete sie.
„Soll reinkommen.“
Kaum war sie da, wurde sich Zdeněk intensiver als sonst ihrer Farblosigkeit bewusst. Hässlich war sie definitiv nicht, aber ein Charisma hatte sie wie eine graue Maus. Eine alternde graue Maus. Im Winter, als er ihr zum Fünfundvierzigsten gratuliert und bei dieser Gelegenheit einen Kaffee mit ihr getrunken hatte, war ihm aufgefallen, dass in ihrem Haar hier und da eine weiße Strähne durchblitzte. Seit jener Zeit waren es sichtbar mehr geworden. Sie versteckte sie nicht. Im Dezernat munkelte man von einer gerade zerbrochenen Beziehung zu einem a) Maler, b) Musiker, c) Schriftsteller, d) Filmemacher. Obwohl der Flurfunk mit mehreren Versionen der Geschichte aufwarten konnte, stimmten diese aber in einem Punkt ausnahmsweise überein: Angeblich sei Marta Alte seit der Trennung recht verschlossen. Die hat die Flinte ins Korn geschmissen, befand Zdeněk, sonst würde sie ihrer äußeren Erscheinung definitiv mehr Aufmerksamkeit widmen.
„Ich bin ein bisschen eher gekommen, schlimm?“, fragte sie und drückte ihm die Hand, die er ihr hingestreckt hatte. Er war unfähig, sich zu merken, ob nun zuerst die Frau dem Mann die Hand gab oder der Vorgesetzte seiner Untergebenen, also richtete er sich nach seiner momentanen Stimmung.
„Du kommst genau richtig. Setz dich.“
Sie reichte auch Vačkář die Hand und nahm Platz. Ihr Blick landete fast umgehend auf der Akte.
„Arojan“, sagte Zdeněk. „Letzten September. Mitten in der Nacht zwischen Müllcontainern erschossen. Du bist im Bilde?“
„Natürlich weiß ich, was in dem Zusammenhang alles los war. Das ganze Tamtam und die Demos und der Journalistenstreik, aber im Detail hab ich das nicht verfolgt.“
„Das hier sind die Ergebnisse von Mireks sechsmonatiger Arbeit.“ Zdeněk klopfte mit den Fingern auf die Akte. „Wie du weißt, geht er sich jetzt für einige Zeit zu den Ärzten erholen.“
Sie schenkte Vačkář einen Blick voller Mitgefühl.
„Ich drück die Daumen“, sagte sie. „Dass das alles gutgeht.“
„Es muss“, antwortete der lakonisch. „Mir bleibt nix anderes übrig. Ich hab vom Chef die Anweisung gekriegt, wieder gesund zu sein, bevor die Urlaubszeit losgeht.“
„Ich überlege gerade, wem ich den Arojan-Fall übergeben soll.“ Zdeněk drehte sich zu Marta um.
„Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“
Er schob die Akte in ihre Richtung. Sie ließ weder Überraschtsein noch irgendeine andere Reaktion erkennen, schaute nur nachdenklich auf das Konvolut. Sie sagte gar nichts und Zdeněk kam der beunruhigende Gedanke, dass sie ihm aus irgendeinem Grund, den zu respektieren er gezwungen wäre, den ganzen Packen über den Tisch zurückschieben könnte und er eine andere, noch weniger befriedigende Lösung finden müsste. Aber das waren verfrühte Befürchtungen. Sie legte die Hand auf die Akte (mit einer Geste, die sehr besitzergreifend wirkte) und blickte auf.
„Und wer arbeitet mit mir da dran?“
Es klopfte erneut, die Sekretärin kam wieder ins Büro.
„Kommissar Jukl“, verkündete sie.
Zdeněk sah auf die Uhr. Heute hatten alle den Hang, zu früh zu kommen.
„Bitten Sie ihn um ein paar Minuten Geduld“, sagte er und wartete, bis die Tür sich hinter der Sekretärin wieder geschlossen hatte. „Das Präsidium hat uns aufgefordert, dass wir mehr mit den anderen Abteilungen kooperieren sollen“, erläuterte er anschließend. „Jukl ist vom organisierten Verbrechen.“
Marta brauchte einen Moment, ehe sie seine Mitteilung für sich sortiert hatte.
„Willst du damit sagen, dass der mein Partner wird?“
„Der Mord an Arojan ist keine …“ Zdeněk verkniff sich den Ausdruck Hausschlachtung, den sie als Herabwürdigung ihrer bisherigen Arbeit hätte auffassen können, und wählte lieber eine andere Formulierung. „Du weißt ja, das ist ein heikler Fall – auch wenn die größte Aufregungswelle schon abgeklungen ist. Die Streiks und Demos haben Gott sei Dank an Anziehungskraft eingebüßt. Angesichts dessen, dass in der Zwischenzeit in der EU mindestens fünf andere Journalisten ermordet worden sind, ist Arojan nur noch eine vertrocknete Pizza. Die Medien sind scharf auf saftigere Brocken. Außerdem ist er Kasmenier gewesen.“
„Er hat seit seiner Kindheit hier gelebt. Und hatte die tschechische Staatsbürgerschaft“, warf Vačkář ein.
„Das ist den meisten von unseren Mitbürgern herzlich egal. Protest äußern, das ist denen wichtig, aber sich jetzt übertrieben wegen so einem Zuwanderer zu engagieren? Dazu haben alle genug eigene Probleme.“ Zdeněk fiel auf, dass er in einer Ecke gelandet war, wo er nicht hinwollte, und legte den Rückwärtsgang ein. „Wir brauchen einen konkreten Beschuldigten. Nicht wegen der Öffentlichkeit, nicht wegen den Medien, sondern weil das unser Job ist. Beim Präsidium fangen sie langsam an zu nerven.“
„Steckt hinter dem Mord was Politisches?“, fragte Marta. Sie hatte die Frage an niemanden direkt gerichtet. Vačkář übernahm das Antworten.
„Arojan war Investigativjournalist. Außer dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Russland eingedroschen hat, ist er mit den Bonzen hierzulande auch nicht gerade pfleglich umgegangen. Guck dir mal dem sein Portal an, dann begreifst du, dass die Riege an potenziellen Mördern ziemlich groß ist. Und das macht den ganzen Fall verflixt kompliziert. Ich muss zugeben, dass wir nicht weiterkommen. Wir haben einen Kreis von Verdächtigen, aber keine direkten Beweise.“
„Und Kommissar Jukl hat mit politisch angehauchten Fällen Erfahrungen?“, fragte sie.
„Ansonsten hätten sie ihn uns nicht geschickt.“ Zdeněk stand auf. Er hatte Marta ins kalte Wasser geschmissen, nun sollte sie auch schwimmen. Als er die Tür öffnete, erhob sich aus dem Sessel ihm gegenüber ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann. Zdeněk erkannte ihn sofort wieder. Vor einer Weile war Jukls Foto in wohl allen tschechischen Medien aufgetaucht, im Zusammenhang mit verdächtigen öffentlichen Aufträgen, bei denen der Hejtman der Region Ústí nad Labem seine Finger im Spiel hatte. Um jenem Rieger auf die Schliche zu kommen, waren die Ermittler aus der Staatlichen Zentralstelle organisierte Kriminalität unter anderem über seine Ehefrau gegangen. Auf die hatten sie Jukl angesetzt, und der hatte sich dieser Aufgabe mit einem Eifer angenommen, der weit über seine Dienstpflichten hinausging. Während die seriösere Presse vorsichtig von „ausgefallenen Praktiken der SZOK“ geschrieben hatte, war in den Boulevardblättern Jukl mit James Bond verglichen worden und man hatte nicht mit Details gegeizt – über seine Affäre mit Riegers Ehefrau, über Riegers nächtliche Eifersuchtsszene vor dem Hotel Romantika, über die Flucht der halbnackten Frau Riegrová durch den Hinterausgang, über die anschließende Prügelei zwischen den beiden Männern und über Jukls ausgeschlagene Zähne. Welche es gewesen waren, hatten die Medien nicht erwähnt. Wahrscheinlich die oben in der Mitte, schätzte Zdeněk, als Jukl bei der Begrüßung lächelte und perfekte Schneidezähne vorzeigte.
„Jukl.“
„Karoch.“
„Entschuldigung, ich bin zu früh“, sagte Jukl so ähnlich wie zuvor Marta.
„Besser als zu spät“, befand Zdeněk. Er hatte keine Zweifel, dass sie ihm Jukl geschickt hatten, um ihn für eine Weile aus der Schusslinie zu nehmen. Gängige Praxis, um Pannen zu kaschieren.
Als Hauptkommissarin Alte und Kommissar Jukl sich die Hände schüttelten, machten beide ein verbindliches Gesicht. Es war sogar mustergültig verbindlich, wie Zdeněk nicht übersehen konnte. Ihm war klar, dass die Kombi aus alternder grauer Maus und jungem Deckhengst nicht ideal war, allerdings konnte er da nichts tun. Er leitete keine Partnervermittlung, sondern ein Morddezernat.
„Wir sind froh, dass wir Sie hier bei uns haben“, sagte er zu Jukl. „Ich hoffe auf eine für beide Seiten Gewinn bringende Zusammenarbeit.“
„Ich auch“, antwortete Jukl und lächelte wieder. Mochte seine gute Laune nun spontan sein oder antrainiert, sie wirkte jedenfalls ansteckend.
„Im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen werden Sie in mein Dezernat versetzt“, sprach Zdeněk weiter. „Das ist natürlich nur eine vorübergehende Maßnahme. Sie gilt, solange Sie am Fall Arojan arbeiten. Pro forma.“
„Pro forma arbeiten? Also nur so tun, als ob? Sollen wir den Fall nicht aufklären?“, fragte Jukl und sein sympathisches Lächeln kippte ins Provokante. „Nur damit ich weiß, was von mir verlangt wird.“
Junge, wenn du dem Rieger so in die Visage gegrinst hast, als du ihm Hörner aufgesetzt hast, kannst du froh sein, dass es bloß bei ausgeschlagenen Zähnen geblieben ist, dachte Zdeněk.
„Sie sollen den Mörder von Geworg Arojan finden“, sagte er ruppig. „Das wird von Ihnen verlangt. Und schon im Voraus mache ich Sie darauf aufmerksam, dass bei uns nicht James Bond gespielt wird. Wir setzen andere Vorgehensweisen ein. Am Anfang müssen Sie sich vielleicht erst ein bisschen orientieren, aber Sie brauchen keine Angst zu haben, irgendwas zu fragen. Hauptkommissarin Alte ist eine hervorragende Kriminalistin. Sie genießt mein vollstes Vertrauen. Unter ihrer Führung werden Sie eine Menge lernen.“
Auf jeden Fall was anderes als im Hotel Romantika, ergänzte er in Gedanken. Die Genugtuung, die er beim Anblick von Jukls kleinlauter Miene empfand, zerstreute Zdeněks vorausgegangene Verdrießlichkeit restlos. Es ist doch nicht zu verachten, wenn man gleich am Anfang ein bisschen mit der Peitsche knallt, dachte er zufrieden. Er ist zur Strafe hier, also soll er’s auch schön auslöffeln, dieser Deckhengst!
„Forschung und moderne Technik haben das Potenzial, eine friedliche Entwicklung auf der ganzen Erde zu sichern“, erklärte Jiří Rak, Leiter einer tschechischen Unternehmerdelegation bei einem Treffen mit führenden Fachleuten und Spitzenkräften der elektronischen Industrie aus allen Teilen der Welt auf der internationalen High-Tech-Messe im chinesischen Shenzhen. „Seien wir aufgeschlossen, seien wir vorurteilsfrei, seien wir grenzenlos!“
Aus einer Sonderbeilage von Česká Ekonomika
Helga Apoštolová, Vorsitzende der Bewegung DIE STIMME, schaltete den Rechner aus und erhob ihre fünfundsiebzig Kilo aus dem Bürostuhl. Sie sah sich in einer Fensterscheibe und ließ den Blick erfreut auf sich ruhen. Ihr Gewicht war auf eine überdurchschnittliche Körpergröße verteilt, dadurch wirkte sie insgesamt nicht korpulent, sondern opulent. Sie sah aus wie eine edle Vollblut-Rennstute.
„Was machst du denn hier?“, fragte sie ihren Stellvertreter Viktor Duba, der gerade zur Tür hereinkam. Sie warf einen Blick auf die Wanduhr. „Hast du etwa vor, heute hier zu schlafen?“
„Da fragt die Richtige“, konterte er ihre Ironie. „Du Workaholikerin.“
Sie hatten einander nichts vorzuwerfen. Beide waren sie von ihrer Arbeit besessen, nur jeder anders. Helga glich mit dem hohen Arbeitspensum ihr ruhiges, harmonisches Familienleben aus, das ihr keine wirklichen Herausforderungen zu bieten hatte. Rennstuten brauchten aber Herausforderungen, das lag in ihrem Charakter. Helga liebte ihren Mann, unterstützte die erwachsene Tochter und hütete aufopferungsvoll die Enkeltochter, aber ihr Elan hätte gereicht, sich um ein Dutzend solcher Familien zu kümmern, bloß war das schlecht hinzukriegen – ihr blieb also nichts anderes übrig, als bei der Arbeit Höchstleistungen abzuliefern. Analog dazu agierte auch Viktor in Übereinstimmung mit seinem Naturell. Von seinem aschkenasischen Vater hatte er nicht nur die dunklen Locken geerbt, sondern auch die Ansicht, dass ein Jude am besten in einem Café aufgehoben war. Obwohl sein Jüdischsein nicht matrilinear war und er nach der Halacha nicht zum auserwählten Kaffeehausvolk gehörte, machte ihn nichts glücklicher, als an einem x-beliebigen Ort, wo es gesprächige Menschen gab, bei einem Espresso zu sitzen, ihnen zuzuhören und alles im Gedächtnis zu vermerken. Die gesammelten Informationen waren für ihn Kapital, Prestige und Arbeitsmittel gleichermaßen. Er benutzte sie mal mit Noblesse, mal mit rücksichtsloser Direktheit, immer aber objektiv, wie es ihm der ethische Kodex als Journalist gebot. Dass er von seinem eigentlichen Beruf in letzter Zeit auf Politik umgesattelt hatte, hatte seine Prinzipien nicht verändert, nur ihre Reihenfolge. Zweckgerichtete Rücksichtslosigkeit hatte jetzt Vorrang.
„Ich war auf ’ner Party“, berichtete er. „Dort ist nicht nur hervorragender Wein in Strömen geflossen, sondern ich hab auch eine außerordentlich wertvolle Information aufgetan.“
„Ist das nicht ein Widerspruch? Die Ströme von Wein und die wertvolle Information?“
„In vino veritas.“
„Um was geht’s denn?“
„Um eine mögliche Diskreditierung der Tschechisch-Mährischen Demokraten.“
„Erzähl.“
Helga schenkte Viktor einen Blick voller Erwartung und Respekt. Er war zehn Jahre jünger als sie, aber sie wusste ganz genau, was für ein Juwel sie an ihm hatte. Seit er zum Vizevorsitzenden gewählt worden war, hatte sich DIE STIMME aus dem politischen Bodensatz freigestrampelt und ein Steigflug hatte eingesetzt. Nach außen hin gab es dafür keinen anderen Grund als die systematische Arbeit und die Energie, die Helga Apoštolová als Vorsitzende investierte. In Wirklichkeit stand hinter dem Aufstieg der Bewegung Viktor Duba. Drei unschätzbare Vorzüge zeichneten ihn aus: Er hatte keine Ambitionen auf die Führungsrolle, er war fähig, die Erfolge von DIE STIMME und auch die Fehlgriffe der Konkurrenz medial in Szene zu setzen, und er konnte genau die Punkte aufspüren, die den Nerv der kommenden Generation trafen. Er formulierte sie in klaren Schlagworten: Freiheit und Diversität, Recht auf Individualität, Umweltschutz. Er ließ eine große Meinungsumfrage unter Achtzehn- bis Dreißigjährigen durchführen, aus der hervorging: 85 Prozent der jungen Menschen wollten anderen helfen und die Welt zum Besseren verändern, aber ohne die alten Rezepte. Sie waren besessen von ihren eigenen Erfahrungen. Die Welt, in der sie aufgewachsen waren, sahen sie nicht mehr vom Říp aus, diesem Hügel mitten im böhmischen Kessel, von dem herab einst der sagenhafte Urvater Čech sein künftiges Land gesehen und für gut befunden hatte. Der Horizont der jungen Generation war weit, und Naivität lag ihr fern.




