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„Er ist neunzehn“, sagte sie sanft. „Ein Haufen Leute in seinem Alter machen schon längst, was sie wollen. Manche wohnen nicht mal mehr zu Hause.“
„Aber Richard wohnt doch bei uns.“
„Ja, allerdings hat er sein eigenes Leben. Er will sich da nicht reinreden lassen. Er will seine Probleme selber lösen.“
„Probleme? Hat er Probleme?“ Diesmal lag in Alenas Stimme unverhüllte Panik. Sie presste Veronikas Hand so stark, dass sich der Ring von Richard in den Nachbarfinger eingrub. „Egal, was es ist, er muss doch deswegen nicht abhauen!“
„Er ist nicht abgehauen.“ Veronika schaute ihr in die bettelnden Augen und dachte fieberhaft nach, wie viel sie sagen durfte, um sie zu beruhigen, dabei aber keinen Verrat zu begehen, als sie die Durchsage der Inspizientin rettete.
„Das war das zweite Zeichen, die Pause ist zu Ende“, kam es aus dem Lautsprecher über ihren Köpfen. „Fortsetzung der Vorstellung in fünf Minuten.“
„Ich muss mich fertigmachen.“ Veronika ging rückwärts los. Dann machte sie wieder einen Schritt nach vorn und umarmte Richards Mutter ganz fest. Sie hatte das nicht vorgehabt, konnte sich aber der Flut von Emotionen nicht erwehren. Sie durchlebten einen außergewöhnlichen Augenblick, einen Schlüsselmoment ihres Lebens, sie musste ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Es war unmöglich, das nüchtern zu spielen. Alena hatte die breiten Schultern einer Schwimmerin, aber ihre Ohnmacht weckte in Veronika den Beschützerinstinkt.
„Mach dir keine Sorgen“, flüsterte sie ihr ins Ohr. „Er meldet sich.“
„Wann denn?“
„Weiß nicht, bestimmt … bestimmt bald.“ Aus Furcht, noch mehr zu verraten, löste sie die Umarmung und stürzte in ihre Garderobe. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Dass die Unterhaltung mit Richards Mutter ihr so zu schaffen machen würde, hätte sie nicht gedacht; sie war der Meinung gewesen, gut darauf vorbereitet zu sein. Aber eine Sache war es, die einzelnen Schritte im Voraus zu planen, eine ganz andere Sache, sie auch umzusetzen. Und die Hauptaktion stand ihr erst noch bevor. Für einen Moment bekam sie vor Angst weiche Knie, aber sofort rief sie sich zur Räson. Zur Angst gab es keinen Grund. Sie war mit Richard alles detailliert durchgegangen, auf alle Fragen hatte er ihr eine Antwort gegeben, jede Unsicherheit zerstreut. Er wusste, was er tat und warum er es tat, und Veronika hatte seine Gründe akzeptiert. Nicht ohne anfängliche Einwände, aber er hatte sie überzeugt. Wo Worte nicht ausreichten, hatte er sie durch die Sprache seines Körpers ersetzt. Und durch sein vielsagendes Pfeifen – damit hatte er sie noch jedes Mal rumgekriegt. Ein Rest von Zweifel war trotzdem in ihr zurückgeblieben, und je länger das Schweigen dauerte, desto mehr Raum gewann die Ungewissheit. Richard hätte vor der Vorstellung anrufen sollen, aber das hatte er nicht. Sie hoffte, dass er sich danach melden würde. Wenn nicht, musste irgendwo ein Fehler passiert sein.
Quae bello est habilis, veneri quoque convenit aetas.
(Nur Jugend, die zum Kriege taugt, eignet sich auch zur Liebe.)
Quamlibet extinctos iniuria suscitat ignes.
(Unrecht schürt selbst längst verloschene Flammen.)
Ille movet bella, qui narrat falsa novella.
(Wer falsche Kunde gibt, löst Kriege aus.)
Lateinzitate für die Oberstufe
Richard stieg die steilen Stufen zum Unterdeck hinab und suchte mit den Augen zwischen den geparkten Autos den grauen Opel. Vor Lewan und Martin hatte er so getan, als gehe er nur seine Zigaretten holen, aber in Wirklichkeit wollte er sich überzeugen, dass alles in Ordnung war. Gestohlen wurde überall, zweifellos auch auf Fährschiffen. Die Regina Aquae war außerdem wahrlich kein Schiff der Luxusklasse und tat auch nicht so. Sie gehörte einer Billigfährlinie, der Fahrpreis war bis an die unterste Grenze gedrückt und die Zusammensetzung der Passagiere, die Sicherheitsvorkehrungen und die angebotenen Dienstleistungen waren dementsprechend. „Was zu verzollen?“, plärrte beim Einschiffen ein Mann in verschossener Uniform durch jedes Autofenster. Die Antwort wartete er nicht ab, zeigte nur mit der Hand, wo man hinfahren sollte, und wandte sich schon dem Nächsten zu. „Wir haben’s geschafft. Beim Ausschiffen wird keiner mehr nach irgendwas fragen“, sagte Lewan, der diese Überfahrt nicht zum ersten Mal absolvierte. Auf seine Informationen konnte man sich verlassen und der zeitliche Ablauf war bis jetzt absolut perfekt. Richard verspürte ihm gegenüber immer größeren Respekt – und gleichzeitig Scham. Er schämte sich auch vor Martin. Alle beide hatte er im Unklaren gelassen.
Das Parkdeck war still und nur spärlich beleuchtet. Als er zwischen den Autos durchging, sah er hier und da einen schlafenden Fahrer, in einigen Transportern waren die Vorhänge zugezogen und es drangen Geräusche nach draußen, bei denen er sich ausmalen konnte, was drinnen vor sich ging. Die Fähre war ein Ort reger Geschäfte, sie verschaffte auch Prostituierten regelmäßige Einnahmen. Meist stiegen sie zu den Fahrern in die LKW-Kajüten ein, aber wenn sie sich einen Klienten anlachten, der keine Kajüte hatte, fanden sie eine andere Lösung. Lewan zufolge (der behauptete, das nicht aus persönlicher Erfahrung zu wissen) waren sie in dieser Hinsicht außerordentlich erfindungsreich. Richard hatte zuvor ein paar von ihnen an der Bar sitzen sehen. Die unterschiedlichsten Typen, Nationalitäten und Altersstufen, von ganz jungen Frauen bis hin zu solchen, denen die Regina Aquae offenbar als letzte Karrierestation diente. Eine von ihnen hatte Richard angelächelt, als er an ihr vorbeigekommen war, und ihm von ihrem Barhocker aus fröhlich etwas in einer Sprache zugerufen, die er nicht verstand. Sie hatte ein breites tatarisches Gesicht mit schwarzen Augen und schien den Schelm im Nacken zu haben. In diesem Moment hatte sie ihr Tagespensum hinter irgendwelchen zugezogenen Gardinen wahrscheinlich schon absolviert.
Lewans Opel stand am entgegengesetzten Ende des Parkbereichs. Nach der mehrstündigen Fahrt durch Regen und Schneematsch war er bis ans Dach mit Schlamm bespritzt. Richard schloss auf, beugte sich in den Wagen und ließ seinen Blick durch das Innere gleiten. Alles schien unangetastet zu sein. Er nahm ein Päckchen Zigaretten aus dem Handschuhfach, ging um das Auto herum und öffnete die Heckklappe. Die Decke, mit der sie die Ladung abgedichtet hatten, rutschte ihm auf die Füße und die Lampe, die ihm entgegenkam, fing er im letzten Moment auf, ansonsten waren alle Sachen in Ordnung und an ihrem Platz. Ganz obenauf lag der dunkelgrüne Bodyguard, Martins struppiges Plüschkrokodil, das sie aus Jux mitgenommen hatten, mit seinen phosphoreszierenden Augen überwachte es das Ganze. Richard schob es beiseite und griff zwischen die Isomatten. Er ertastete den Verbandskasten, lüftete den Deckel und schaute hinein. Der Anblick erfüllte ihn mit tiefer Zufriedenheit. Dort waren Dinge, von denen er wusste, dass sie ihm zupasskommen würden und dass er mit ihnen umgehen könnte. Die Expedition nach Kambodscha letztes Jahr hatte ihm nicht nur Inspiration geboten, sondern auch reichlich Praxis.
Er griff nach dem Beutel mit Reis, schnürte ihn auf und steckte die Hand hinein. Eine Weile tastete er mit den Fingern zwischen den Körnern herum, bis er die Pistole gefunden hatte. Er holte sie nicht heraus, es genügte ihm, zu wissen, dass sie da war. Sie war die Quelle seiner Sicherheit und seiner Nervosität. Wenn sie bei der Zollkontrolle gefunden worden wäre, hätte das ihrer ganzen Aktion höchstwahrscheinlich den Todesstoß versetzt.
Er zog die Hand aus dem Reisbeutel und band ihn wieder zu. Vorzumachen brauchte er sich nichts; er hatte sich benommen wie der letzte Trottel. Unbesonnen hatte er gehandelt, nicht alle möglichen Konsequenzen bedacht – sein größter und häufigster Fehler. Den er andauernd wieder machte, und auch die sechsmonatige Ausbildung bei der Patrola hatte ihm nicht geholfen, ihn abzustellen. „Obacht bei Entscheidungen. Du hast die Tendenz, voreilig Schlüsse zu ziehen, manchmal sind das bei dir wirklich Kurzschlusshandlungen. In Krisensituationen kann das nicht nur dich das Leben kosten, sondern auch andere“, hatte Cehlár gesagt, als er ihm das Diplom überreichte. Dabei hatte er ihn durchdringend angesehen, als würde er bis ins Mark seiner Knochen schauen können. Richard würde interessieren, ob er von ihrem Plan etwas ahnte.
Er schloss das Auto ab und machte sich auf den Rückweg. Dabei überlegte er, wann er Martin und Lewan das mit der Pistole sagen sollte und wie sie’s auffassen würden. Martin dürfte eine Grimasse ziehen und die ganze Angelegenheit mit ein paar Sticheleien abtun. Lewans Reaktion war schwer abzuschätzen. Er nahm nichts auf die leichte Schulter. Jeden Schritt durchdachte er weit im Voraus, bis ins kleinste Detail und in vielen Varianten. Mathematiker, Perfektionist, Schachspieler. Dank der Umsicht, die er offenbar in seiner DNA hatte, konnte er Gefahren erfolgreich eingrenzen, verhindern konnte er sie aber nicht. Beweis dafür war eine brutale Prügelattacke vor einem halben Jahr gewesen. Ausfälligkeiten per Telefon oder in den sozialen Netzwerken war Lewan gewohnt. Er kannte die Arbeit von Trollen, kannte auch die hasserfüllten Reaktionen manipulierter Gehirne. Jede Art von Fake News, jede Desinformation war geeignet, seinem Renommee zu schaden. Sie hatten ihn schon lange im Visier. Je mehr er sich engagierte, desto mehr bewarfen sie ihn mit Dreck. Todesdrohungen waren an der Tagesordnung. Trotzdem hatte er nicht damit gerechnet, dass sich mitten im Zentrum von Prag, ein Stück vom Altstädter Ring entfernt, wo es von Polizeistreifen nur so wimmelte, zwei Vermummte auf ihn stürzen, ihm die Brieftasche rauben und ihn so zurichten würden, dass er beinahe hops gegangen wäre. „Das mit der Brieftasche war nur Tarnung“, verkündete er, nachdem die Ärzte ihn halbwegs wieder zusammengeflickt hatten. „Um Geld ist es den Schweinen nicht gegangen. Das sollte eine letzte Warnung für mich sein.“
Wenn wir uns mit der Abreise nicht beeilt hätten, dann hätte Lewan ein ähnliches Ende gefunden wie Geworg, von Schüssen durchlöchert neben Müllcontainern, dachte Richard, während er die Stufen hinaufstieg. Martin fand er auf dem Mitteldeck. Er saß im Speiseraum neben einer jungen Frau in einer Motorrad-Lederjacke.
„Das ist Swetlana aus Kiew“, begrüßte er Richard. „Sie studiert Mikrobiologie, letztes Jahr ist sie über ein Stipendium bei uns in Tschechien gewesen. Sie ist wahnsinnig schlau, du kannst mit ihr in jeder Sprache reden, in der du willst.“
Sein Tonfall legte nahe, dass er und Swetlana sich bereits intensiv angefreundet hatten. Dazu hatten ihm knapp zwanzig Minuten gereicht. Martin hatte irgendwas (Richard wusste nicht, ob es das kommunikative Talent war, der vorlaute Charme oder irgendeine andere, weniger augenfällige Eigenschaft, vielleicht der Geruch seines Schweißes), dem das andere Geschlecht nur schwer widerstehen konnte.
„Freut mich sehr, Swetlana aus Kiew“, sagte Richard auf Tschechisch. „Ich bin Richard aus Prag.“
Sie grinste ihn an.
„Strč prst skrz krk!“, skandierte sie den wohl berühmtesten tschechischen Zungenbrecher vom Finger, der durch den Hals gesteckt wird. Aber noch ehe er ihre Sprachkenntnisse würdigen konnte, presste sie sich – wie um das Gesagte zu unterstreichen – die Hand auf den Mund, sprang auf und rannte aus dem Raum.
„Das ist schon das zweite Mal. Sie verträgt das Geschaukel nicht“, erklärte Martin. „Deswegen hat sie einen flauen Magen.“
„Und warum steigt sie dann auf ein Schiff?“ Richard setzte sich ihm gegenüber.
„Sie hat in Kasmenien eine Großmutter. In Gregoripol. Die will sie auf ihr Motorrad setzen und mit nach Kiew nehmen. Sie hat Angst um sie. Angeblich wird schon in den Bergen hinter der Stadt geschossen. Bloß macht das Motorrad der Großmutter mehr Angst als der Krieg, und Swetlana weiß jetzt nicht, ob sie sie überreden kann.“
„Wenn die Front schon bei Gregoripol ist, dann müssen wir unsere Pläne ändern, oder?“
„Hat Lewan auch gesagt.“
„Wo ist er?“
„Telefonieren … Irgendwo draußen.“
„Ich schau mal nach ihm.“ Richard stand auf. „Bleibst du hier?“
„Glaub schon, Swetlana will mir ihre Schweinchen zeigen.“
Richard hatte das Gefühl, sich verhört zu haben. „Was will sie dir zeigen?“
„Sie sammelt Glücksschweine. Dreihundert hat sie schon. Aus Plüsch, Porzellan, Seife, Marzipan … Eins hat sogar Vitali Klitschko für sie gezeichnet. Sie zeigt mir die Fotos in ihrem Handy.“
„Dreihundert Glücksschweine?“ Richard war immer wieder baff, auf was für Schwachsinn scheinbar rationale Menschen (eine Mikrobiologin!) so abfuhren.
„Na dann wünsch ich gute Unterhaltung.“
„Gib mir mal die Autoschlüssel. Ich will ihr als Revanche meinen Bodyguard zeigen.“
Richard musterte Martins Gesicht, aber das deutete in keinster Weise an, dass er etwas anderes im Sinn hätte, als das Gesagte. Er reichte ihm den Schlüssel.
„Vergiss nicht, wieder abzuschließen“, erinnerte er ihn noch beim Weggehen. „Wir treffen uns dann hier.“
Draußen wehte ein kalter Wind, an Deck waren ein paar vereinzelte Passagiere. Richard ging zwischen ihnen hindurch Richtung Heck. An der Passage von Odessa nach Jeremesch bestand bei Weitem nicht so großes Interesse wie an der in die Gegenrichtung. Heutzutage flohen die Menschen aus Kasmenien; früher fuhren sie dorthin in Urlaub, um die schöne Natur zu erleben, im Hochgebirge wandern zu gehen oder uralte Kulturdenkmäler zu besichtigen. In letzter Zeit war niemand scharf auf dieses Reiseziel. Es war eine Überfahrt gegen den Strom.
Lewan stand an der Reling und telefonierte mit angespannter Miene. Genauso wie damals, als … Richard kam der Samstagmorgen im September plötzlich in allen Details wieder ins Gedächtnis zurück. Er hatte verschlafen und war leicht verspätet an der Sporthalle eingetroffen, wo sie immer Basketball trainieren gingen. Martin, Adam und die anderen waren schon da. Sie standen am Eingang herum und Richard sah ihnen ihre Aufregung an. Lewan drehte sein Handydisplay zu ihm hin. Kasmenischer Journalist Arojan heute Nacht in Prager Außenbezirk erschossen, meldete die Überschrift. Richard blickte in Geworgs markantes Gesicht und in seinem Kopf lief im Verlauf von wenigen Sekunden ihre ganze Freundschaft ab wie ein Film. Vom ersten Zweikampf um den Ball unterm Korb hier in der Halle über die Debatten in der Küche von Lewans Mutter bei frisch gebackenem Chatschapuri oder in Geworgs kleiner Wohnung (die gleichzeitig als Redaktion und Aufnahmestudio diente) bis zu dem Moment, als Richard seinen ersten Text mitbrachte. Er war stilistisch holprig gewesen und unnötig aggressiv, aber Geworg hatte nur gesagt: „Beim nächsten Mal besser formulieren und weniger um dich beißen, du Haifisch“, und dann den Beitrag unverändert auf seinem Portal veröffentlicht. Seit dem Tag hatte Richard ihm unter dem Pseudonym RiShark zig weitere geliefert. Als er an jenem Vormittag vor der Sporthalle die Abbildung von Geworg angesehen hatte, hatte er direkt körperlich gespürt, wie es sein eigenes Leben aus den Angeln hob.
Er ging bis ans Heck der Fähre und griff zum Telefon. Es war Zeit, Veronika anzurufen. Er hatte vorgehabt, ihr schon im Hafen eine Nachricht zu schicken, aber aus Aberglauben hatte er es immer wieder verschoben. Bis wir an Bord sind, bis wir ablegen, bis sicher ist, dass uns nichts mehr aufhalten kann, hatte er sich gesagt. Jetzt, mit Blick auf die dunklen Wassermassen tief unter sich, spürte er diese Sicherheit. Er rauchte fertig, schnippte die Kippe über die Reling, und während das Telefon schon Veronikas Nummer wählte, stieg er die hintere Treppe zum Oberdeck hinauf. Es war leer, hier war der Wind noch stärker als unten.
Veronika ging nach dem ersten Läuten ran. „Und wie steht’s?“, stieß sie hervor.
„Gut steht’s.“ Der Wind pfiff ihm um die Ohren, er konnte sich kaum selber hören. „Wir sind auf der Fähre.“
„Wie war …“ Er konnte sich denken, dass sie nach dem bisherigen Verlauf der Reise fragte.
„Bis jetzt läuft alles glatt. Wie sieht’s bei euch aus?“
„Die Formánková hat Adam in die Mangel genommen. Bis jetzt hat er sich nicht verquatscht – behauptet er zumindest.“
„Und Mama?“ Normalerweise benutzte er diesen Ausdruck sozusagen in Anführungszeichen. Bei „Mama“ musste man ein Auge zudrücken, „Mama“ machte sich übertriebene Sorgen, für „Mama“ war er immer noch ein Küken, über das sie ihre schützenden Flügel ausbreitete. „Mama“, sagte er zu ihr oft mit einer Mischung aus Liebe und Ironie, wenn sie grundlos in Panik verfiel. „Mama, immer schön ruhig bleiben, okay? Einfach mal tief durchatmen.“ Jetzt war von Ironie in seiner Stimme keine Spur mehr. Geblieben war nur die Liebe und das Bedürfnis, das Wort laut auszusprechen.
„Zuerst hat sie mich angerufen und dann ist sie zu mir ins Theater gekommen. Ein bisschen …“ Veronika zögerte.
„Was?“
„Sie war echt runter mit den Nerven.“
„Hat sie geheult?“
„Fast. Sie hat mir erklärt, dass Abhauen zu nichts führt. Ich hab ihr erklärt, dass du nicht abgehauen bist, dass du dir nur über was klar werden willst und dich bei ihr meldest. Machst du das?“
„Mal sehn.“ Sie würde am Telefon weinen und versuchen, ihn zu überreden. Schon von ihren Emojis war ihm ganz blümerant, Tränen und Bitten würde er nicht ertragen. „Ich meld mich bei ihr, wenn wir in Gregoripol sind.“
„Und das ist wann?“
„Nicht so schnell, wie wir dachten.“ Über die sich ausdehnende Frontlinie und über Bombardierungen wollte er mit Veronika nicht reden. Bis jetzt war sie zwar ziemlich cool gewesen, aber er wollte nicht sondieren, wie belastbar die äußere Hülle ihrer Coolness war.
„Und die Briefe“, fragte sie. „Wann soll ich die verteilen?“
„Weiß nicht, das muss ich noch mit den Jungs diskutieren. Ich schick dir ’ne Nachricht.“
„Schick mir ’n Selfie.“
„Nein.“
„Warum denn nicht?“
„Das Thema hatten wir doch schon.“ Die Abmachung war klar und alle hatten eingewilligt: ein Minimum an Telefonaten, keine Videos, keine Fotos. Schon Nikola, ein Basketballkumpel, der in gewisser Weise ihre Vorhut war und ihnen eine Menge wertvolle Tipps gegeben hatte, hatte sie gewarnt, dass man aus unschuldigen Selfies eine ganze Menge Informationen rauslesen konnte, und Informationen konnten missbraucht werden, man musste auf sie aufpassen. Auch mit Nachrichten wäre bald Schluss. Lewans Onkel Erasim hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass bei einigen Einheiten Handys verboten waren und dass in vielen Hochtälern überhaupt kein Empfang war. Davon hatte Richard Veronika nichts erzählt. Er wollte sie nicht unter Stress setzen. Sie stammte aus einer Familie von Theaterleuten, ihr Horizont und ihre Emotionalität waren definiert von den Brettern, die die Welt bedeuteten. Am eigenen Leib hatte sie wenig erfahren, aber sie hatte alles bereits auf der Bühne gesehen. Richard hatte sie unter Verdacht, dass sie sich den Krieg wie eine Inszenierung vorstellte – wem’s nicht gefiele, der könnte sich in der Pause seine Sachen schnappen und nach Hause gehen.
„Fotos sind ein Risiko“, erinnerte er sie.
„Zugvögel auch?“
Ehe er fragen konnte, wie sie das gemeint hatte, meldete sein Handy schon eine neue Nachricht.
„Ich hab das Gefühl, dass sie schon bei dir gelandet ist“, sagte Veronika. „Willst du nicht nachsehen?“
Er sah nach. Und sein Puls beschleunigte sich. Der Anblick der Schwalbe, die sich Veronika auf den Nacken tätowieren lassen hatte, rief die unmittelbare Erinnerung an ihre letzte gemeinsame Nacht hervor. An einige Momente, die für ihn (und er glaubte, dass das auch für sie galt) die Entdeckung neuer Welten bedeutet hatten. Sie waren so fantastisch gewesen, dass er seine bevorstehende Abreise kurz bereut hatte.
„Ist sie eingetrudelt?“
„Sie ist da.“
„Schwalben sind treu, aber eifersüchtig“, ermahnte sie ihn. „Also sei auf der Hut!“
„Du auch“, zickte er zurück. Mit gespieltem Misstrauen fügte er hinzu: „Wo bist du überhaupt, was machst du dort, und wer macht mit?“
Sein Verhör amüsierte sie. „Ich steh vorm Theater an der Haltestelle und wart auf meine Bahn. Außer mir sind ’n paar Touris hier, die starren in ihre Handys und wollen den Weg zum Vyšehrad erklärt haben. Willst du’s ihnen nicht sagen? Dein Englisch ist besser.“
Ihr leicht heiserer Kontra-Alt bescherte Richard eine Gänsehaut. „Die sollen sich in die Siebzehn setzen“, empfahl er. „Take tram number seventeen, das kriegst du auch hin. Ach so, und noch was … Du weißt schon.“
„Was?“
Er berührte den Ring; unbewusst drehte er ihn am Finger einmal herum. „Das weißt du nicht?“
Einen Moment war Ruhe, dann sagte sie: „Ich dich auch.“
An der Grenze zum Flüstern war ihre Stimme ohne Konkurrenz.
„Gute Nacht, meine Liebste“, verabschiedete er sich (Gänsehaut überall) und beendete das Telefonat. Noch ein paar Sekunden hielt er das Handy ans Ohr gepresst, um Zeit zu gewinnen, damit er von der Prager Straßenbahnhaltestelle zurück auf das windige Schiffsdeck umschalten konnte. Dann ging er zu Lewan.
„Wie sieht’s aus?“, fragte er. „Hast du mit deinem Onkel gesprochen?“
„Angeblich kommen wir nicht über die Kural-Talsperre.“
„Wieso?“
„Die wird von Soldaten bewacht.“
„Haben die Angst, dass die jemand in die Luft jagt?“
„Einen Versuch hat’s schon gegeben. Da haben sie lieber die ganze Gegend abgeriegelt.“
„Gibt es einen anderen Weg, wie wir nach Gregoripol kommen?“
„Mein Onkel schlägt vor, dass wir uns gleich, wenn wir von Bord sind, rekrutieren lassen. Direkt in Jeremesch. Das bedeutet …“
„Dass wir mit der Armee weiterfahren“, begriff Richard. „Genial!“
Ihm wurde klar, dass sich die Zeit, die er als Zivilist verbrachte, dadurch erheblich verkürzen würde. Ihm blieben eher Stunden als Tage. Er spürte ein Stechen unter den Rippen. „Genial“, sagte er noch einmal.
Der brutale Überfall auf den Friedensaktivisten Lewan Manusch nach seinem Auftritt bei der Prager Demonstration gegen die weltweite Aufrüstung im letzten Jahr ist bis heute nicht aufgeklärt worden. Das ist nur ein weiterer Fall, der den Unwillen unserer Polizei beweist, sich mit einer Art von Kriminalität zu befassen, deren Opfer Angehörige ethnischer Minderheiten in Tschechien sind. Das augenfälligste Beispiel für diese Einstellung ist der Mord am Journalisten Geworg Arojan, bei dem der Täter nach wie vor nicht ermittelt wurde. Unfähigkeit, Schlamperei oder Absicht?
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Seine Augen waren müde, obwohl er nicht durch optische Brillengläser schaute. Heute war er nicht Johnny, sondern Jewgeni. Fast den ganzen Tag hatte er am Rechner gesessen – eine bombensichere Methode, sich die Augen zu ruinieren. Jetzt therapierte er sie mit dem Blick auf unbewegliche Objekte. Kilometerweise beige Fliesen, eine Batterie von Kassen, Hunderte Dosen mit Hundefutter, endlose Reihen Tiefkühltruhen.
Er mochte Orte, die nicht schliefen. Manchmal nachts fuhr er in einen Hypermarkt, einfach so, nicht um einzukaufen. Er ging dann immer durch die langen Reihen zwischen den Regalen und dachte über die Menschen nach, denen er hier begegnete. Es waren überraschend viele. Sonderlinge, Workaholics, denen tagsüber keine Zeit zum Einkaufen blieb, Schlaflose, Eigenbrötler. Er überlegte, in welche Kategorie er sich selbst einordnen würde. Ein bisschen in alle. An Insomnie litt er zwar nicht, aber er hatte ein außerordentlich geringes Schlafbedürfnis, einen Teil der Nacht war er regelmäßig auf. Manchmal nutzte er diese Zeit zum Lesen, am liebsten von Lyrik (die Verse von Puschkin verschwanden niemals von seinem Nachttisch), wenn nötig, arbeitete er, ab und an übte er Deutsch, aber meist sortierte er seine Gedanken. Jewgeni schlief nicht, schweifte nur durch die Gedanken wie durch einen Hain … In der Stille der Nacht ließ sich so eine mentale Durchsicht am besten bewerkstelligen. Anschließend kam er sich jedes Mal so vor, als hätte er in sich drin aufgeräumt. Heute Nacht allerdings räumte er nicht auf, heute hatte er zu tun.
Am Ende des Gangs mit den Haushaltwaren blieb er stehen und schickte einen kurzen Blick zur Heimwerkerabteilung. „Sein Mann“ war bereits da. Er stand bei den Bohrmaschinen, eine hielt er in der Hand und betrachtete sie. Es sah so aus, als hätte er tatsächlich Interesse an ihr. Als er die näherkommenden Schritte hörte, schaute er hoch.




