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Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr, und im selben Moment wurde ihm klar, dass sich ein Pfad zum Tod aufgetan hatte. Die Binsen schwankten, Schatten stürzten auf ihn zu. Während er durch das Ried zu seinem Versteck rannte, entdeckte er einen weiteren Schatten vor sich. Als er einen Haken schlug, hörte er etwas, das wie Lachen klang.
Die Stimme, die er heute Morgen am Telefon gehört hatte, sprach jetzt aus der Dunkelheit. Sie hatte sich verändert, war von jahrelangem Hass oder Krankheit entstellt. Er versuchte, ihren genauen Ursprung zu orten, den schwarzen Umriss, der die still ausschwärmenden Schatten auf die Beute lenkte.
Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so viele Verfolger sein würden. Die große Zahl erfüllte ihn mit Grauen. Was wäre, wenn sie alle Sühne von ihm forderten und ihn aufteilten, ein Stück von ihm für jede ihrer ganz persönlichen Versionen von Hölle wollten? Wie viele Tode konnte ein Mensch ertragen?
Als ihn ein schwerer Gegenstand im Gesicht traf und sein Mund sich mit Blut füllte, ließ er alle Hoffnung fahren. Ein zweiter Schlag drosch ihm das linke Auge wie einen Nagel in den Schädel.
Sein verbliebenes Auge irrlichterte umher, während die Schatten an seiner Kleidung rissen, bis sein Oberkörper entblößt war, und Schlag auf Schlag auf ihn einprasselte. Dann Totenstille, als sie innehielten und Atem schöpften. Die Arme schützend an den nackten Oberkörper gepresst, versuchte er sich wegzurollen. Seinen Körper nahm er nur noch als Schmerz wahr.
»Du mörderisches Dreckschwein«, sagte die bekannte Stimme nah an seinem zwinkernden Auge. Ein kaltes Lächeln zerschnitt dünne Lippen.
»Ich hab Jordan nicht umgebracht, wenn ihr das glaubt«, winselte er.
»Aber du hast mit denen, die’s getan haben, gemeinsame Sache gemacht«, entgegnete die Stimme. Sie schien von Speichel zu triefen, bereit, das kalte Mahl zu verschlingen, das gleich serviert werden würde.
»Ich wollte nur der Familie helfen. Wiedergutmachen, was passiert ist.«
Zu verletzt, um sich zu bewegen, begann er um Gnade zu flehen.
»Ich geb auf«, flüsterte er. »Ich geb auf.« Es wirkte eher wie ein an ihn selbst gerichtetes Versprechen.
Aber die Schatten ließen nicht von ihm ab, bis es fast dämmerte. Sie schlugen und traten auf ihn ein, als hätten sie jahrelang auf diese Gewalt verzichtet und genössen das Fest jetzt umso mehr.
Nachdem sie fertig waren und die Insel verlassen hatten, versammelte sich ein Krähenschwarm um das Opfer. Sobald die ersten hellen Flecken der Dämmerung am Himmel erschienen, begannen die Krähen zu zetern, als würden sie sich mit dem Krächzen über den schrecklichen Anblick beschweren, und übertönten damit den üblichen Morgenchor. Nur gab es kein Publikum, sie zu hören. Dünner Regen setzte ein und senkte sich wie ein Vorhang über den Informanten und die Insel, die ein Rückzugsort für Wasservögel war.
2
Dem angehenden Polizisten hatte man eröffnet, dass er als Rekrut erst mal viel Zeit in Gesellschaft Betrunkener verbringen würde. Als er am Samstagabend einen Notruf entgegennahm, dämmerte ihm, dass das grotesk untertrieben gewesen war. Der junge Officer hatte gerade mit einem Kollegen eine Runde durch die Pubs von Armagh City beendet. Er war unruhig, weil er den Trubel nach Schankende nicht gewohnt war, wenn wankende Betrunkene ihn durch die Scheiben des Streifenwagens anglotzten und ihr Grölen und Lachen durch das kugelsichere Glas drang. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass der Pulk auf den Straßen herumtollender junger Leute einem vergifteten Organismus ähnelte, der freudig dem eigenen Tod entgegentanzte.
Abgestoßen hatte ihn der Anblick der Körperflüssigkeiten, die in Gassen und gegen Mauern plätscherten – der schäumende Schwall, der sich bei nächtlichen Exzessen auf die Straßen der ehrwürdigen Kirchenstadt ergoss. Auf dem Beifahrersitz kam er sich vor wie ein Taucher in einem Unterwasserkäfig, dem es vor den vorbeischwimmenden grinsenden Haien graute.
»Jetzt hindert sie nichts mehr, die Sau rauszulassen«, hatte der ältere Officer neben ihm bemerkt.
Die nordirischen Landstädte waren keine stummen, gehemmten und konfessionell getrennten Inseln der Nüchternheit mehr. Für seinen Kollegen waren diese Darbietungen eines ungezügelten Nachtlebens jedoch eher ein Plädoyer für die heilsame Kraft von ein klein bisschen Terror. Über die Paramilitärs und die schießwütigen Soldaten konnte man sagen, was man wollte, aber sie hatten gewusst, wie man Gesindel in die Schranken wies.
In der Ruhe der Leitstelle hörte der Rekrut jetzt einer sorgenvollen Anruferin zu und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen betrunkenen Angehörigen handelte, der nicht nach Hause gekommen war. Er vermutete, dass auch die Anruferin nicht mehr nüchtern war. Fast hätte er den Hörer ein Stück vom Ohr weghalten müssen, um sie besser zu verstehen. Er zog einen Notizblock zu sich. Hinter dem schrillen Zetern bemerkte er einen letzten Rest von Selbstbeherrschung in der Frauenstimme, doch ihre übliche Contenance war von einer Welle der Empörung fortgespült worden. Er nahm ihre Angaben auf und prüfte, wo sich der nächste Streifenwagen befand.
Danach zog er eine kugelsichere Weste an und trat hinaus in den schützenden Schatten des Wachturms, um sich eine Zigarette anzuzünden. Leider war die Kollegin, die sonst Telefondienst machte und mit der er immer plauderte und flirtete, um diese Uhrzeit nicht mehr da. Die Langeweile zu ertragen, während man stundenlang auf den neuen Morgen wartete, war eine berufliche Fähigkeit, die der junge Officer erst erlernen musste.
Er drückte die Zigarette aus und traf eine Entscheidung. Immer wieder hatte Inspector Celcius Daly die Diensthabenden der Nachtschicht angewiesen, ihn bei ungewöhnlichen Vorkommnissen anzurufen, vor allem an Wochenenden. Die Schwemme alkoholbedingter Vergehen war jedoch nicht weiter ungewöhnlich. Diese Anweisung, die stets mit einem Blick seiner müden, wie zum Gebet nach oben wandernden Augen verbunden war, bewirkte, dass die anwesenden Polizisten alle etwaigen Schwierigkeiten allein zu bewältigen versuchten. In diesem Fall entschied der Rekrut aber anders, selbst wenn er damit Dalys Zorn auf sich ziehen sollte.
Celcius Daly hatte bis spät in die Nacht im Cottage seines Vaters am Torffeuer gesessen und Whiskey getrunken. Der Torf stammte von einem schimmligen Haufen, den sein Vater im Sommer des Vorjahrs gestochen hatte. Der alte Mann hatte sämtliche Torfstücke mindestens fünf Mal gewendet, ehe er sie ins Haus trug, und dennoch waren sie noch nass. Der feuchte Rauch hatte sich im Raum verteilt und bei Daly einen Hustenanfall ausgelöst. Daraufhin hatte er einen Dufflecoat angezogen und war vors Haus gegangen, wo die Luft klar und rein, aber auch kalt war.
Er sah, wie der Mond aufging, und zusammen mit dem Frost legte sein Licht einen silbrigen Raureifschimmer auf die Grate der Ackerfurchen, wo sein zweiundachtzigjähriger Vater bis eine Woche vor seinem Tod Kartoffeln gezogen hatte. Erneut füllte Daly sein Glas und kehrte zurück, um die im Mondlicht glänzenden Erhebungen zu betrachten, als wären es die Rippen eines hungrigen Tiers. Angetrunken, wie er war, fand er die Mondscheinszenerie wohl unterhaltsam. Es wurde fast drei Uhr nachts, bis er ins Bett wankte.
Das Telefon riss ihn aus dem Schlaf. Sein Magen war sauer, und seinem Mund entwich ein Fluch. Gerade hatte er einen bemerkenswerten Traum gehabt – eine Reihe Lottokugeln rollte in sein Blickfeld, und als wäre es eine Prophezeiung, leuchtete eine nach der anderen auf. Gebannt sah er zu, wie sie nacheinander fielen: 49, 11, 21, 7 …
Das Erste, was er nach dem Aufwachen tat, war, die Zahlen auf die Rückseite eines alten Fotos zu schreiben, das er in der Schublade des Nachtkästchens gefunden hatte. Leider hatte der Anruf die weiteren Glückszahlen abgeschnitten. Er versuchte, sich die fehlenden zwei Zahlen zu erschließen, aber die Gewissheit hatte ihn verlassen. Als er sich die Augen rieb, verschwanden die Zufallszahlen in der elementaren Zwecklosigkeit, die sich in der tiefen Nacht über alles legt. Er begriff, dass es mitten in der Nacht war und er allein im Bett lag.
Obwohl er und seine Frau sich bereits vor sechs Monaten getrennt hatten, überraschte es ihn, wenn er in Nächten wie dieser aufwachte, wie tief das Gefühl von Einsamkeit war. Das schwache Glimmen des Weckers war das einzige Licht im Raum – 3:50 zeigte er an. Die Bars sind längst geschlossen, und die meisten Feiernden müssten zu Hause sein, dachte er. Vielleicht war ein Ehekrach ausgeartet oder eine Schlägerei unter Betrunkenen auf der Straße hatte ein böses Ende genommen? Aber egal, was es war, er konnte sich auf einen Morgen mit flauem Magen einrichten. Immerhin hatte er noch nicht lang genug geschlafen, um den Katerkopfschmerz zu spüren.
Er stieg aus dem Bett und hob ab.
»Hallo, was gibt’s?«
»Ich hoffe, ich störe nicht, Sir«, sagte die Stimme.
»Nein, gar nicht«, antwortete er mit einem Seufzen und starrte auf die hingekritzelten Zahlen. Für einen Augenblick fühlte er sich betrogen. Was hatte es ihn, über die Jahre gesehen, gekostet, solche Anrufe anzunehmen? Reumütig dachte er an seine Frau und die bevorstehende Scheidung, und kurz überlegte er, dass eine glückliche Ehe mehr wert war als jedes Vermögen.
»Es hat sich was Ungewöhnliches ereignet.«
»Ein Toter?«
»Nein, eigentlich nicht. Eine alte Frau aus Washing Bay hat angerufen. Jemand hat ihre Hintertür aufgebrochen und ist in ihr Haus.«
»Ein Raub?«
»Nein. Ein paar Kleidungsstücke und Medikamente fehlen, aber deswegen hat sie nicht angerufen.«
»Sollen wir vielleicht das Versicherungsformular mit ihr ausfüllen?«, fragte Daly verdrießlich. Hatte ihn der Rekrut etwa bloß wegen eines verbockten Einbruchs aufgescheucht?
»Sie war kurz vorm Durchdrehen. Ich hab versucht, sie zu beruhigen. Sie hat behauptet, die Einbrecher hätten ihren älteren Bruder entführt. Einen gewissen David Hughes.«
Daly überlegte. »Ach? Haben die eine Lösegeldforderung dagelassen?«
»Davon hat sie nichts gesagt. Aber sie klang panisch. Ihr Bruder ist krank. Er hat Alzheimer. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.«
»Besteht vielleicht die Möglichkeit, dass er mal musste und sich verlaufen hat?«, fragte Daly genervt. Leider brachte man den Grünschnäbeln auf der Akademie keinen gesunden Menschenverstand bei.
»Sie behauptet, allein könnte er das Haus nicht mehr verlassen.«
»Okay. Sagen Sie den Leuten draußen, sie sollen vor dem Haus auf mich warten. Wir bilden einen Suchtrupp. Wer weiß? Vielleicht ist der alte Knabe irgendwo eingenickt. Hoffen wir, dass er nicht allzu weit gekommen ist.«
Daly schlüpfte in Hemd und Hose. Sein Mund war trocken, und er spürte, dass Kopfschmerz im Anmarsch war. Dass er es mit dem Whiskey übertrieben hatte, merkte er endgültig, als er sich nach seinen zusammengeknäulten Socken bückte. Ein Blick auf sein trübes Spiegelbild im Fenster verriet mehr über seinen momentanen Zustand, als er wissen wollte.
Das Cottage seines Vaters befand sich am Südufer des Lough Neagh. Im Winter ähnelte die Landschaft einer Miniaturtundra, so viele arktische Gänse bezogen hier ihr Winterquartier. Der Mond hatte sich in der kurzen Spanne, in der Daly geschlafen hatte, verzogen, durch das kleine Fenster war nichts mehr von ihm zu entdecken.
Anfang Februar und an Morgen wie diesem war der Lough am dunkelsten und vollsten. Auch die Felder und Moorflächen, die sich bis ans Ufer erstreckten, lagen jetzt im Dunkeln und ließen sich ohne die Orientierung an Hecken und Feldwegen kaum unterscheiden. Überall gab es Schlammlöcher, die so tief waren, dass ein Mensch bis zur Hüfte darin einsinken konnte. Die Landschaft war ein Flickenteppich aus Leben und Tod, den man nur mit Bedacht betreten durfte, selbst wenn man jung und kräftig war. Zumindest war es in den vergangenen Tagen trocken geblieben, dachte Daly. Er hoffte, dass die Flüsse in diesem Winter keine schlimmen Hochwasser führen würden. Erst vor sechs Monaten hatte ein Sturm mit heftigem Regen die Landschaft um den Lough geflutet und Daly zu einer unfreiwilligen Verlängerung der Totenwache für seinen Vater gezwungen. Der Blackwater River war über die Ufer getreten und hatte die Straße zum Cottage überschwemmt. Die Gemeindekirche, nur eine halbe Meile entfernt, war von der Außenwelt abgeschnitten gewesen und hatte nur noch auf einer kleinen grünen Insel aus dem Wasser geragt.
Selbst für irische Verhältnisse hatte die Totenwache lang gedauert. Durch die winzigen Fenster eines Schlafzimmers im ersten Stock sahen die Trauernden, wie ein tiefer Himmel sich ihrer Betrübnis annahm. Als der Regen aufhörte, breitete sich über alles eine merkwürdige Stille. Erst am nächsten Morgen, als die Sonne durch die Wolken brach, zog sich das Wasser langsam zurück.
Als der Leichenwagen auf der von glänzenden grünen Stechpalmen gesäumten Straße davonfuhr, war die Erleichterung der Trauergesellschaft fast mit Händen zu greifen. Daly folgte ihm mit seinen Verwandten und den Nachbarn in einem sich weit dahinziehenden Leichenzug. Die nasse Straße vor dem Leichenwagen strahlte wie der hellste Ort auf Erden. Jemand riss einen Witz über das alte Auto seines Vaters, das aus dem Hof gespült worden und auf einem Heuhaufen gestrandet war. Daly fiel ein, dass sein Vater den Motor immer bis zum Anschlag hochgejagt hatte, ehe er morgens zur Messe fuhr.
Er zwängte seine Füße in Gummistiefel und stieg in sein Auto. Um vier Uhr morgens war die winterliche Dunkelheit jenseits der Windschutzscheibe etwas Absolutes, eine Sackgasse in der Nacht. Er fuhr am Seeufer entlang bis nach Bannfoot und bog nach links in Richtung Autobahn ab. Dabei warf er einen Blick in den Rückspiegel. Kein Auto weit und breit. Am Kreisverkehr stellte er die Heizung niedriger und suchte im Radio nach einem Wetterbericht. Ein DJ mit rauer Stimme sprach Gälisch und legte Motown-Songs aus den Sechzigern auf. An den Rändern seines Bewusstseins stiegen vage Erinnerungen an Diskoabende in Gemeindezentren auf.
Er öffnete das Fenster einen Spalt, um einen klareren Kopf zu bekommen, und nahm die Autobahn nach Westen. Der alte Mann muss losgelaufen und irgendwo in einen Graben gefallen sein, dachte er. Wahrscheinlich ist er den Weg früher unzählige Male gegangen – eine kleine Wanderung über die altbekannten Furchen und Senken seiner Felder, nur am Tag und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.
Er setzte an, einen Wagen mit jungen Leuten zu überholen. Ein Bursche, offensichtlich betrunken, lehnte sich aus dem Fenster und bedachte den Detective mit einer obszönen Geste. Daly fuhr vorbei, ohne sich von der bevorstehenden Aufgabe ablenken zu lassen. Es würde nur ein kleiner Suchtrupp werden, wenn er nicht auch die Nachbarn einspannen konnte. In seiner zwanzigjährigen Laufbahn hatte er schon einige Suchtrupps zusammengestellt und wusste, dass die Leiche einer vermissten Person oft erst nach tagelanger Suche aus einem Fluss oder See gefischt wurde. Er hoffte, dass sie nicht zu spät kamen oder dass zumindest der schützende Mantel der Senilität dem alten Mann den schlimmsten Schrecken erspart hatte.
Daly staunte, wie abgelegen das Bauernhaus war. Hätten seine Verwandten dort gelebt, hätte er bei den ersten Anzeichen von Krankheit einen Umzug ins nächste Dorf veranlasst. Seine Scheinwerfer beleuchteten einen grasbewachsenen Feldweg, der anscheinend nicht allzu oft befahren wurde. Ein Warnschild vor Maul- und Klauenseuche, das nur unerlässliche Besuche gestattete, blitzte vor ihm auf. Er fuhr weiter; der letzte Ausbruch der Seuche lag über drei Jahre zurück.
3
Daly parkte in einem Hof hinter dem Wohnhaus. Den Versuch, ein paar kleine Anbauflächen daneben abzusperren, hatten ein unablässiger Wind und hungrige Tiere zunichtegemacht, die immer wieder Lücken in den Zaun gerissen hatten und darüber hinweggetrottet waren. Stellenweise hatte sich der Boden in schlammigen Morast verwandelt.
Die Anzeichen des Verfalls waren unübersehbar. Er zeigte sich im Durcheinander des Hofs voll rostiger Landmaschinen, in dem von Brombeeren und Unkraut halb überwucherten Garten und dem die Felder erobernden Schlehdorn. Von den Mauern blätterte die Farbe ab, auf dem Dach fehlten einige Ziegel. Dieselbe Vernachlässigung und der allmähliche Verfall waren auch beim Cottage seines Vaters nicht zu übersehen. Überall auf dem Land entlang des Seeufers standen solche verfallenden Häuser, geduckt hinter dunklen Hecken aus Schlehdorn, Weißdorn oder Holunder.
Als Daly ausstieg, schlug ihm muffiger Geruch entgegen, in den sich der übersüßliche Duft verfaulender Zwetschgen mischte. Sofort stürzte eine hagere Mittsechzigerin in einem schweren Morgenmantel auf ihn zu. Trotz der Dunkelheit und des Winds, der Eliza Hughes die grauen Haare ins Gesicht blies, war das Angstleuchten ihrer Augen sofort erkennbar. Im ersten Moment dachte Daly, sie sei verrückt, aber als sie zu sprechen begann, klang sie klar und bestimmt.
»Ich hab in den Schuppen und auf den Feldern nachgesehen. Nirgends eine Spur von ihm. Es ist zu spät, er ist längst verschwunden.«
Sie führte Daly ins Haus, und nachdem sie kurz mit einem Schlüssel herumgefummelt hatte, schloss sie die Tür zum Schlafzimmer des Vermissten auf. Daly kam der Raum eher wie ein Verhörzimmer als ein Schlafzimmer vor. An den nackten Wänden war weder ein Foto noch anderer Wandschmuck, das Fenster war winzig, und von der Decke hing eine grelle nackte Glühbirne. In der Raummitte stand ein vergittertes Bett, auf dem Boden davor lag eine Sensortrittmatte. Auf einer kleinen Kommode stand eine heruntergebrannte Kerze, deren Stummel von einem Häufchen Asche und verbranntem Papier umgeben war. Etwas an der Kerze kam Daly merkwürdig vor, aber er wusste nicht, was.
»Was ist passiert?«, fragte er.
»Ich hab David zur gleichen Zeit wie immer ins Bett gebracht und die Gitter festgemacht und die Sensormatte angeschaltet. Wenn er aufgestanden wäre, hätte der Alarm losgehen müssen.«
»Sie war sicher angeschaltet?«
Sie nickte.
»Ihr Bruder ist krank?«, fragte Daly nach einem weiteren Blick durch das Zimmer.
»Er ist dement. An manchen Tagen weiß er nicht mehr, wer er ist, und verwechselt mich mit unserer Mutter. Ich hab schon eine Pflegehilfe beantragt, aber Sie wissen ja, wie das heute mit den Sozialdiensten ist. Aber David könnte sich nie in das Leben in einem Pflegeheim einfügen.«
Als Daly die Hintertür kontrollierte, sah er, dass sie mit einem Hebeleisen aufgebrochen worden war. Der Schluss, dass Einbrecher ins Haus eingedrungen waren, lag nahe. Er nahm Eliza beim Arm und führte sie zum Küchentisch.
»Setzen wir uns«, sagte er. »Es scheint, dass in Ihr Haus eingebrochen wurde, Miss Hughes. Haben Sie nach den Wertsachen gesehen?«
»Hier gibt’s nichts, was irgendeinen Wert hätte. Sie haben nur seine Medikamente und ein paar seiner Anziehsachen mitgenommen«, entgegnete sie.
»Könnte es nicht sein, dass Ihr Bruder aufgewacht ist und in seiner Verwirrung einfach den Einbrechern gefolgt ist?«, schlug Daly vor.
Sie stand auf und setzte Teewasser auf. »Sie haben ihn mitgenommen. Sie beobachten uns schon seit Wochen.«
»Wer?«
»Keine Ahnung. Aber letzte Woche gab’s nachts einen schweren Sturm. Eine Kuh wurde davon wuschig und ist durch den Weidezaun gebrochen. Unseren ganzen Garten hat sie zertrampelt und die Blumentöpfe umgeschmissen. Ich hab sie zurück auf die Weide gescheucht und den Besitzer angerufen.«
Sie reichte Daly eine Tasse dünnen Tee.
»Als ich draußen war, hab ich bemerkt, dass jemand ein Loch in die Hecke geschnitten hat. Auf dem Boden waren Zigarettenkippen und Fußspuren. Seitdem hab ich das Gefühl, dass sich draußen im Dunkeln jemand rumtreibt, der da nichts verloren hat.«
»Haben Sie irgendwas Wertvolles im Haus?«
»Nichts, was mehr als Erinnerungswert hätte. Mein Bruder hat sein Leben lang nichts anderes gemacht, als in die Kirche zu gehen, sich um den Hof zu kümmern und im Winter Enten zu jagen. Seine Felder waren für ihn der Garten Gottes. Die Arbeit war sein Leben.«
Daly nickte, dachte im Stillen aber an die vielen ledig gebliebenen Bauern, nach deren Tod man kleine unter der Matratze gehortete Vermögen fand.
»Wenn Ihr Bruder gegen seinen Willen fortgebracht wurde, dann hätte er doch sicher Lärm gemacht oder sich gewehrt?«
Ausdruckslos sah sie ihn an. »Wenn er nicht bewusstlos war.«
»Haben Sie eine Idee, wer so was mit ihm tun könnte?«
»Nein. David stand sich mit allen gut. Bevor er krank wurde.«
Daly ging auf einen zweiten Blick in das karge Schlafzimmer. Offenbar hielt das Alter wenig Trost und angenehme Überraschungen bereit. Vielleicht hatte der alte Mann das Fortschreiten seiner Krankheit und den Tod gefürchtet und war davor abgehauen? Daly erinnerte sich, wie oft er schon überlegt hatte, ob es nicht besser wäre, sich aus seinem Leben zu verabschieden, zumindest für eine Weile.
Eliza Hughes blieb in der Küche, als Daly hinaus in die Dunkelheit ging. Zwischen den niedrigen Schuppen strich der Strahl seiner Taschenlampe über verrostetes Gerümpel, ein umgedrehtes Ruderboot und allerlei landwirtschaftliche Geräte. Aus einem Korb Saatkartoffeln flitzte eine Mäusekolonie, und aus dem Schatten starrte ihn ein schwarzes Augenpaar an, das einer Ratte gehören musste. In der Luft hing Terpentingeruch. Er entdeckte nichts, was ihm bei der Suche nach dem Vermissten weiterhelfen würde.
Im Hof stieß er auf Officer Harland und Officer Robertson, die in den umliegenden Feldern gesucht hatten.
»Bisher nichts Auffälliges, Sir«, sagte Harland.
»Rufen Sie die Nachbarn an und informieren Sie sie, dass David Hughes vermisst wird«, sagte Daly. »Fragen Sie, ob jemand was gesehen oder gehört hat. Und bitten Sie sie, in ihren Schuppen und Scheunen nachzusehen. Es ist kalt heute Nacht. Wenn er da draußen unterwegs ist, sucht er bestimmt einen Unterschlupf.«
Wenn sie ihn nicht in der nächsten Stunde fänden, dachte Daly, müssten sie einen Spürhund anfordern und dazu einen Hubschrauber, der den weiteren Umkreis abflog. Mit seiner Taschenlampe untersuchte er die Hecke, die den Garten hinter dem Haus begrenzte. Dabei entdeckte er zwischen dicken Ästen eine Lücke, durch die der Wind ungehindert blies. Hier waren die Äste sauber herausgeschnitten worden, die Wunden noch frisch. Von dieser Stelle bot sich ein fast freier Blick auf die Hintertür.
Auf dem Rückweg zum Haus war die reglose Silhouette von Eliza Hughes im Küchenfenster zu sehen. Daly fühlte sich zu größerer Eile angespornt. Er lief mit der Taschenlampe in der Hand hinaus in das wellige Weideland, wo er immer wieder in schlammige, eisige Löcher trat. Der Mond kam hinter den Wolken hervor, und sein Licht, das durch die Bäume fiel, war so blau und kalt, dass Daly meinte, es in der eisigen Luft schmecken zu können.
Als er in einem verborgenen Graben umknickte, stürzte er kopfüber in ein Schlehdorndickicht. Rasch drehte er das Gesicht weg, um einem knorrigen Ast auszuweichen, und für den Bruchteil einer Sekunde sah er im Strahl seiner Taschenlampe etwas Weißes aufblitzen. Es flog an seinen Augen vorbei und war im nächsten Moment verschwunden, nur ein paar gefrorene Wassertropfen fielen von höheren Ästen herab. Deutlich hörte er ein Flattern zwischen den schwankenden Ästen. In dem Dickicht musste sich etwas verfangen haben. Aber was immer es war, es gab keinen Hinweis auf den alten Mann oder seine mutmaßlichen Kidnapper. Er kam sich vor wie ein Hund, der einer verflüchtigten Fährte folgen sollte.
Er arbeitete sich tiefer in das Schlehdorndickicht hinein. Als er auf einen versteckten Hohlraum stieß, schnappte er überrascht nach Luft. Etwas Gelbes winkte ihm zu, riesig wie zwei Clownshände. Erschrocken wich er zurück und tastete nach der Taschenlampe. In ihrem Schein sah er, dass jemand ein Paar Haushaltshandschuhe auf Zweige gesteckt hatte. Zum ersten Mal seit seinem Eintreffen fühlte er sich verunsichert. Er riss sich zusammen und untersuchte den Rest der Hecke. An den Zweigen hingen noch weitere Gegenstände – ein Wecker, eine alte Batterie, Tüten mit Nägeln und Draht. Als er die Taschenlampe auf den Boden richtete, streifte der Strahl über winzige, kaum wahrnehmbare Erhebungen. Er kniete sich auf den Boden und legte die Taschenlampe auf einen Stein. War das wirklich, wofür er es hielt? Dann sah er auf jeder Erhebung plumpe Kreuze mit einer Beschriftung. Namen und Daten: OLIVER JORDAN gest. 1989, BRIAN UND ALICE MCKEARNEY gest. 1984, PATRICK O’DOWD, gest. 1985.




