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Die Erhebungen waren sehr klein und sahen danach aus, als hätte ein Kind Friedhof gespielt, und nicht nach einer echten Gedenkstätte. Als Daly mit bloßen Händen darin grub, fand er nichts außer verrottenden Blättern und Erde. Ihm schien, als würde kurz ein Vorhang zur Seite gezogen, um das unheilvolle Bild eines kranken Geists aufscheinen zu lassen. Beim Aufsehen entdeckte er, dass alte Zeitungsausschnitte auf Dornen gespickt waren, wie Votivgaben für eine heidnische Gottheit. Die meisten Zettel waren durchnässt und vom Wind zerfetzt. Er nahm einen ab. Es war ein alter Bericht über eine Bombe, die nicht hochgegangen war. Ein anderer Ausriss war ein Artikel über eine Detonation, die ein sechsjähriges Mädchen und eine Nonne getötet hatte.
Plötzlich war er wie elektrisiert. Als hätte er in einem Lift die Aufwärts-Taste gedrückt und wäre mit der Kabine direkt in Hughes’ verwirrten Verstand gefahren. Plötzlich war er sicher, dass die Gedanken des alten Manns den engeren Kreis seines Gartens und seiner Felder verlassen hatten und weiter hinausgewandert waren.
Wieder im Cottage, übergab er Eliza Hughes die gelben Haushaltshandschuhe.
»Ich nehme an, die gehören Ihnen. Sie waren an einer Art Gedenkstätte in der Hecke, mit improvisierten Gräbern und Kreuzen.«
Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Du meine Güte, David und seine verrückten Spiele.«
Mit müdem Blick sah sie ihn an. »Inspector Daly, die Demenz hat den Kopf meines Bruders zu einem Rummelplatz gemacht, auf dem er den ganzen Tag Achterbahn fährt. Er vergisst nicht nur immer mehr und vergisst, wo er ist. Seit er diese Krankheit hat, hat er auch eigenartige Marotten, unter anderem hängt er alte Zeitungsausschnitte in der Hecke auf. Immerzu redet er von der Vergangenheit und behauptet, er sieht Geister. Seit ein paar Wochen bastelt er aus allem, was er in die Finger kriegt, Kreuze. Aus Bändern, Stöcken, Blumen oder Seilen. Ich versuch, alles wegzuräumen, wenn Besuch kommt, aber ich kann ihm ja nicht permanent hinterherlaufen. Und dann schreibt er immerzu irgendwelche Botschaften. Wirklich schreckliche Sachen, die ich lieber nicht wiederhole. Voller Flüche und Verwünschungen.«
Daly beschloss, nicht nachzuhaken. Die Frau war offenkundig in einer schrecklichen Situation. Ohne Beistand musste sie miterleben, wie der bröckelnde Verstand ihres Bruders tagtäglich weiter verfiel. Er rieb sich die Augen und stand auf.
»Wir tun unser Bestes, um Ihren Bruder zu finden, Miss Hughes«, versprach er. Schweigend und ihren Morgenmantel eng um sich ziehend, sah ihm Eliza nach, als er ging.
Draußen war es noch dunkel, und die Äste des Schlehdorns krallten sich an den Wind. Die umherhuschenden Lichtkegel zeigten ihm an, wo seine Officer die Felder absuchten, die sich bis zum unsichtbar daliegenden Seeufer erstreckten. In wenigen Stunden würde es dämmern. Wenn sie Hughes nicht bald fänden, würde er an Unterkühlung sterben. Nur Gott wusste, was im Kopf des alten Manns vor sich ging.
Auf dem Weg zurück zum Auto begann das Handy in Dalys Tasche zu klingeln. Er kannte die Nummer nicht und ging ran.
»Wo ist dein schwarzer Anzug, Celcius?«, fragte eine vertraute Stimme.
»Anna«, rief er überrascht und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. »Wo bist du?«
»In deinem Haus. Ich hab den Ersatzschlüssel unter dem gebrochenen Pflasterstein gefunden. Im Schrank und in der Kommode ist der Anzug nicht.«
»Was machst du denn da?«
»Der Schwiegervater meiner Schwester ist am Donnerstag gestorben, und heute Vormittag ist Beerdigung in Dublin. Ich wollte, dass du mich begleitest, aber jetzt ist es zu spät. Ich hab deinen Traueranzug nirgends gefunden.«
»Der ist in der Reinigung.«
»Ich denke oft an dich, Celcius. Das wollte ich dir längst sagen. Aber ich muss jetzt los.«
»Ich bin mit einem Fall beschäftigt. Kannst du nicht noch eine Stunde warten?«
Die bisherige Zärtlichkeit in ihrer Stimme wurde von der bekannten Entschiedenheit verdrängt. »Nein. Ich muss sofort los. Meine Schwester wartet auf mich. Und du bist ja immer mit irgendeinem Fall beschäftigt.«
»Einen Moment noch. Kannst du mir einen Gefallen tun?«
Sie seufzte. »Was denn?«
In einem verzweifelten Versuch, das Gespräch zu verlängern, drückte Daly das Telefon fester an sein Ohr. Sein Atem ging schneller, hektischer, als wäre er in einem Raum eingesperrt, in dem die Luft immer dünner wurde.
»Kannst du für mich einen Lottoschein ausfüllen?«, sagte er, ehe sie auflegte. »Ich hab so ein Gefühl, dass das unsere Glückszahlen sein könnten – 49, 11, 21, 7. Die zwei letzten kannst du dir aussuchen.«
Es gab eine Pause, während sie die Zahlen notierte.
Als sie wieder sprach, war die Zärtlichkeit in ihre Stimme zurückgekehrt. »Ist das jetzt der neue romantische Daly?«, fragte sie.
»Wie meinst du das?«
»Die Zahlen – rückwärts gelesen ergeben sie das Datum unseres ersten Rendezvous. Sieben Uhr am zwölften November 1994. Hätte nicht gedacht, dass du dich daran erinnerst.« Sie hielt kurz inne. »Ich ruf dich an, wenn die Zahlen gezogen werden. Bye, Celcius.«
Bei der Rückkehr in das Cottage seines Vaters empfingen Daly die Dämmerung mit drohendem Regen und ein aufziehender Kater. Doch eine Lücke hatte die Sonne noch in den Wolken gefunden und warf einen Lichtstreifen auf tief liegendes Moorland und Hecken. Auf dem Weg zur Tür drängten sich ihm einige Einzelheiten mit schmerzlicher Klarheit auf: die hellen Steinmauern, eine Fensterscheibe, in der sich das flammende Morgenlicht spiegelte, das Whiskeyglas, das weiß vor Reif im Schatten unter dem Vordach stand.
Bereits beim Eintreten ins Haus spürte er ihre Anwesenheit. Sie hatte sich die Mühe gemacht, im Wohnzimmer etwas Ordnung zu schaffen, Kleidungsstücke zusammenzulegen, benutzte Tassen und Teller wegzuräumen und die Zeitungen und CDs in ein Regal zu legen.
Er empfand einen Stich, weil sie sich die Zeit genommen hatte, sich den Gegenständen im Raum zu widmen, nicht aber auf ihn hatte warten oder das Gespräch fortsetzen wollen. Statt sich richtig zu verabschieden, hatte sie ihn mit diesem aufgeräumten Zimmer zurückgelassen, dessen Luft von ihrem Parfüm und einer unguten Stille erfüllt war. Die Erinnerung an ihre Stimme schrammte an den Rändern seines Katers entlang. Vielleicht hätte er den Anruf der Leitstelle doch ignorieren sollen, in seinem Verhau bleiben und auf ihr Kommen warten sollen?
In den ersten Monaten ihrer Trennung, als Anna bei ihren Eltern in Glasgow lebte, hatte Daly sie oft angerufen. Der Gedanke hatte ihn gequält, sie könnte mit einem anderen Mann zusammen sein. »Da ist niemand, dem wir die Schuld geben können, außer uns selbst«, hatte sie immer wieder gesagt. Aber ihm war es schwergefallen, ihr das zu glauben, und gefangen im Denken eines Detective, war er überzeugt gewesen, ein unbekannter Täter habe ihre Liebe zerstört. Diese Reaktion war in mancher Hinsicht irrational gewesen, gespeist von Selbsttäuschung und Wahn.
In den ersten Monaten hatte er tagtäglich auf die Post mit den Scheidungsunterlagen gewartet, aber sie kam nie. Er bot das gemeinsame Haus in Glasgow zur Vermietung an und bewarb sich um eine Versetzung nach Nordirland. Er hatte gehofft, nach Belfast zu kommen, aber zu seiner Überraschung wurde er nach Armagh geschickt, die Stadt, in der er aufgewachsen war. Zu der Zeit war es ihm sinnvoll erschienen, in das leer stehende Cottage seines Vaters zu ziehen.
In einem anderen Telefongespräch hatte er gefragt, was sie von ihm verlange. Sie hatte geantwortet, er müsse beweisen, dass er auch ein Leben jenseits seines Berufs habe. Noch in Glasgow kam er zu der bitteren Erkenntnis, dass er, zerrieben zwischen Lust an der Ermittlerarbeit und Papierkram, diesem Anspruch nicht gerecht werden konnte. Sie hätte genauso gut einen Beweis für die Existenz einer vierten Dimension fordern können. Mittlerweile würde er wohl sogar die Zeit krümmen, um zu retten, was er mit ihr gehabt hatte.
Er ging in die Küche und öffnete irgendeine Dose. Er hatte keine Lust, das Etikett zu lesen, aber es roch, als würde Anna es höchstens an ihre Katze verfüttern. Nach ein paar Bissen ließ er die Gabel in der Dose stecken, stand auf und schleppte sich ins Bett.
4
Die namenlose Stimme am anderen Ende der Leitung sprach wenig und beendete das Gespräch rasch. Father Jack Fee hörte sich die nüchtern aufgezählten Tatsachen an, denen nichts von einer Tragödie anhaftete, und legte dann ebenfalls auf. Es war fünf Uhr morgens, und er saß in seinem kalten Arbeitszimmer. Während der Troubles war er Vikar in einer Gemeinde im Grenzgebiet gewesen, daher wusste er, was der Überbringer der Nachricht meinte. Der Mann hatte mit großer Autorität gesprochen, auch wenn die Nachricht selbst nicht schlüssig war und man ihn vielleicht zum Narren halten wollte. Aber für Father Fee war sie traurig und mehr als das – bestürzend. Er ging zu seinem Schreibtisch und schrieb die Worte nieder. Es war seine Pflicht als Priester, den Anweisungen zu folgen, auch wenn das Priesterseminar ihn auf so etwas nicht vorbereitet hatte.
In einem Baum auf Coney Island wartet ein Toter auf Sie.
Das klingt wie eine makabre Aufgabe bei einer Schnitzeljagd, dachte er. Bis er sich gewaschen, angezogen und sein Gebetbuch und die heiligen Öle eingepackt hatte, war die Dämmerung aufgezogen. Er öffnete die Haustür und ging hinaus. Der Morgen roch nach feuchtem Moos. Aus den tiefen Wolken, die über den tristen Himmel zogen, tröpfelte es leicht. Beneidenswert, mit welch stiller Zielstrebigkeit sich Wolken bewegen, dachte er.
Ein grauer Star hatte Father Fee auf einem Auge fast erblinden lassen. Das bedeutete auch, dass er nicht mehr selbst Auto fahren konnte, sondern auf die Hilfe eines Gemeindemitglieds angewiesen war. Die ihm heute bevorstehende Prüfung wollte er seinem üblichen Fahrer jedoch ersparen. Mit einem Stoßgebet zum heiligen Christophorus fuhr er mit seinem zehn Jahre alten Renault über die schlaglochübersäten ländlichen Straßen bis zu dem Ring der Townlands, die Munchies genannt wurden.
Bisher hatte er insgesamt sechs Ermordeten die Letzte Ölung gegeben. Anrufe hatten ihn an Straßengräben oder stille Waldflecken geleitet, wo ihre Leichen lagen, mit Düngersäcken über dem Kopf und die Hände mit Paketschnur gefesselt. Alle sechs waren als Spitzel gegeißelt worden, während der Troubles eine hochgefährdete Spezies.
In der schlechten alten Zeit war seine Gemeinde für ihn weniger ein sicherer Hafen einer gottesfürchtigen Schar gewesen als vielmehr das Niemandsland zwischen zwei Armeen, Schauplatz für IRA-Überfälle und Patrouillen der British Army. Die herkömmliche Unterscheidung zwischen richtig und falsch hatte für die Mitglieder seiner Gemeinde wenig Bedeutung gehabt, es kam nur darauf an, was für das Überleben notwendig war oder nicht.
Durch ein dichtes Birkenwäldchen kam Father Fee in das Townland Derryinver mit einem weiten Blick über den Lough Neagh. Er manövrierte den alten Wagen durch eine Abfolge von Kurven, die den Einheimischen zufolge selbst einem Häretiker den Teufel austreiben konnten, und fuhr, knirschend schaltend, an der Maghery Church vorbei. In der Ferne waren vage die Umrisse der schneebedeckten Sperrin Mountains zu erkennen. Dann beschleunigte er und rollte durch eine Landschaft, die mit ihren dichten Hecken und abfallenden Feldern auch ein Naturschutzgebiet für Scharfschützen darstellen konnte.
Es war passend, dass dies eine seiner letzten Aufgaben vor dem Ruhestand sein sollte. Die achtundvierzig Jahre seines Berufslebens waren ein einziger trauriger Gang durch sämtliche Fegefeuer dieser verfluchten Provinz gewesen. Vielleicht würde er, wenn er vom Totenbett aus zurückblickte, erkennen, dass die Troubles ihm das Priesteramt gerettet hatten, vor allem gegen Ende zu, als sich die Verbrechen, die ihm seine Gemeindemitglieder beichteten, wie ein Knäuel Schlangen um seine Seele legten. Da war es leicht gewesen, Gut und Böse zu unterscheiden und sein eigenes Abgleiten in spirituelle Gleichgültigkeit zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.
Als er in den Maghery Park einbog, kam sein Wagen dort, wo nicht gestreut worden war, auf einer Eisplatte ein wenig ins Rutschen. Ein Fischer, der gerade mit seinem Boot anlegte, sah auf und winkte ihm zu. Father Fee überspielte sein ungutes Gefühl, stieg aus und erkundigte sich freundlich nach dem Befinden der Mutter des Manns, die schwer erkrankt war.
Es war ein langer, dunkler Winter mit viel zu vielen wolkenverhangenen Himmeln gewesen. Doch am Ufer des Lough stach Father Fee die grelle Spiegelung in den Augen und ließ sein Starauge tränen. Die hellen Wellen schwappten gegen das Fischerboot und ließen kleine Lichtbogen um den dunklen Rumpf laufen.
Der Priester bat den Fischer, ihn nach Coney Island überzusetzen. Dann ließ er sich schwerfällig auf der Holzbank nieder und spielte mit den Dosen der heiligen Öle und dem Weihwasserfläschchen in seiner Rocktasche. Er war froh um den Sonnenschein, während sie hinausruderten. Die Ruderblätter tauchten nur so tief ein, dass sie mit jedem Schlag mehr Licht als Wasser herausschöpften. Die Helligkeit ließ Father Fee für den Moment alle beängstigenden Gedanken an das Kommende vergessen, und er war zufrieden, dem Fischer beim Rudern zuzusehen und sich mit ihm verbunden zu fühlen. Menschenfischer, Fischer verlorener Seelen, dachte er im Stillen. Er ließ ein paar Worte über das Wetter fallen, hütete sich aber, den Grund für diese Fahrt oder etwas von seiner Angst zu verraten.
Er hatte schon mehrere an abgelegenen Stellen versteckte Informantenleichen gefunden, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend und von Ranken und Unkraut umschlungen. An diesen x-beliebigen Orten, wo sein Blick von blühenden Pflanzen und durch die Hecken raschelnden Vögeln abgelenkt wurde, waren sie schwer auszumachen gewesen. Doch sobald er die Insel betrat, ahnte er, dass es dieses Mal anders sein würde. Wer auch immer die Leiche hier abgelegt hatte, hatte einen Hang zur makabren Inszenierung. Der Leichnam war groteskerweise sitzend in einer Baumhöhle hindrapiert, Kopf und Schultern waren nach vorne gesackt, auf dem fahlen Gesicht lag ein Ausdruck verhärmter Erschöpfung. Father Fee erkannte auf den ersten Blick, dass es eines seiner älteren Gemeindemitglieder war, ein regelmäßiger Kirchgänger noch dazu. Er hatte sich schon gewundert, warum er ihn seit Wochen nicht gesehen hatte.
Traurig schüttelte der Priester den Kopf. Ein weiteres menschliches Opfer des gewaltsamen sozialen Schiffbruchs, der Troubles hieß, war angespült worden. Obwohl das Bomben seit mehr als einem Jahrzehnt beendet war, kam es noch immer scheußlich oft vor, dass konfessionelle Konflikte und Mord sein Priesterleben beeinträchtigten.
Wenn er vom Altar aus auf seine kleine Gemeinde blickte, dachte Father Fee oft an ihre Ängste und Hoffnungen, an ihre Familien und ihren Alltag, die kleinen Lasten auf ihren Schultern und in ihren Herzen. Seit dem Waffenstillstand hatten sich viele Paramilitärs hier am Seeufer niedergelassen – manchmal sogar ganze Familien. Einige hatten in der Politik ein neues Betätigungsfeld gefunden, andere waren dem Alkohol verfallen, und ein paar hatten zu Gott gefunden. Letztere waren jene, deren Gewissen von dem gequält wurde, was sie gesehen und getan hatten. Durch das Sakrament der Beichte wurde ihnen die Gnade Gottes zuteil, aber ihre Unsicherheit zwang sie dazu, sich dessen immer wieder zu vergewissern. Sie waren die verlorenen Schafe seiner Herde, die jetzt an jedem Tag in der Woche zuverlässig zur Messe kamen, sich großzügig an den Kollekten beteiligten und sich sogar erboten, ihm eine Reise nach Rom und in das Heilige Land zu ermöglichen. Bei Beerdigungen legten sie ihm die groben Hände auf die Schultern und flüsterten: »Sehr schön, Herr Pfarrer.«
Auf den Stationen des Kreuzwegs sah er sie, gespiegelt in den verglasten Bildern von Christus und seinem Leidensweg auf dem Kalvarienberg, alle hinter sich versammelt.
Wenn er sie vom Altar aus betrachtete, machte sich sein grauer Star besonders unangenehm bemerkbar.
Er sah den Erpresser mit kaltem Blick hinter der Mutter mit dem kleinen Kind sitzen, und in den letzten Reihen saß der herzlose Mörder neben dem alten Ehepaar, dessen Söhne alle in Amerika lebten.
Die furchtbaren Verbrechen spukten immer durch seine Gedanken.
Und dann war da Joseph Devine gewesen.
Zu seinem Gesicht, wenn es nachdenklich nach oben zu der Figur am Kreuz gerichtet war, hatte sich Father Fee beinahe zärtlich hingezogen gefühlt. Zu diesem alten Mann, der mit seinem Gewissen rang. Alle Kraft floss in den letzten Kampf gegen die Stimmen in seinem Kopf.
Seine Gedanken wanderten zurück zu Devines letzter Beichte. Es war ein ungewöhnliches Gespräch zwischen Beichtvater und Beichtendem geworden. Begonnen hatte es damit, dass Devine berichtete, er habe sich nicht über die Taufe der Enkelin eines Freunds freuen können.
»Father, ich habe überhaupt nichts dabei empfunden«, hatte er geflüstert. »Selbst lächeln ist mir schwergefallen. Ich habe es auch nicht über mich gebracht, das Baby im Arm zu halten.«
Father Fee hatte geschwiegen, es wollte ihm keine tröstliche Antwort einfallen. Obwohl sie durch ein Metallgitter getrennt waren, schien Devines Gesicht sehr nah zu sein. In seinem Atem leichter Alkoholgeruch.
»Habe ich denn Grund für meine Befürchtungen?«
»Was sind denn deine Befürchtungen?«
»Dass ich nie meinen Frieden finden werde?«
Die Frage beunruhigte Father Fee. Ehe er antwortete, rieb er sein krankes Auge.
»Warum solltest du keinen Frieden finden? Gottes Gnade ist unerschöpflich. Du musst nichts weiter tun, als vor Gott ein vollständiges Bekenntnis abzulegen.«
»Das tue ich jeden Monat, Father.«
Der Priester schwieg.
Dann sagte er mahnend: »Du erzählst mir nicht die ganze Wahrheit. Du bist heute nicht wegen dieser Taufe zu mir gekommen. Dich plagt etwas anderes. Aber ich weiß nicht, was. Vielleicht schämst du dich zu sehr, um es zu sagen. Ich weiß es nicht. Der Einzige, der das weiß, bist du. Und Gott.«
»Sonst plagt aber nichts mein Gewissen, Father«, entgegnete Devine ein wenig aufsässig.
»Warum bist du dann hier?«
Und dann fielen die Worte, die Father Fee erwartet hatte. Erfreut stellte er fest, dass Scham noch immer eine wirksame Kraft war. Es kam selbstverständlich darauf an, aus welcher Gemeinschaft man stammte und wie viel Bedeutung die Meinung anderer hatte. Aber in diesem Land begegnete man Informanten immer noch mit größter Verachtung. Father Fee hatte sogar Leute sagen hören, dass man seine Nachbarin vergewaltigen konnte und es bald vergessen würde, aber wenn der Großvater Spitzel gewesen war, bliebe man noch als Enkel sein Leben lang Außenseiter.
Im Halbdunkel des Beichtstuhls spürte Father Fee Devines Blick.
»Ich dachte, ich könnte die vergangenen Taten hinter mir lassen, aber die Stimmen verschwinden nicht. Ich habe für die britischen Sicherheitsdienste spioniert. Für Geld. Wegen meiner Informationen kamen Menschen ums Leben.«
Aufmerksam lauschte Father Fee dem Geständnis. Mit einem Seufzer wappnete er sich.
»Wie oft ist das vorgekommen?«
»Öfter, als ich mich daran erinnere.«
»Und empfindest du Reue über deine Taten?«
»Am Anfang ja, da hab ich mich schuldig gefühlt. Da hat mir mein Gewissen keine Ruhe gelassen. Aber allmählich ist die Scham verschwunden. Und es stimmt ja, dass die Männer, die durch meine Mithilfe umkamen, gefährlich und gewalttätig waren. Keiner von denen war unschuldig.«
Den Priester beschlich ein Gefühl tiefer Müdigkeit. Es war, als suchte er krampfhaft nach einem Ausweg aus einem Albtraum.
Devine wartete geduldig auf Absolution durch den Priester, doch statt sie zu erteilen, schloss Father Fee nur die Augen. Der Hunger seiner Gemeinde nach Vergebung von Sünden erschien ihm unersättlich, ein Schlund, den er bis in alle Ewigkeit füttern musste. Sein Mund war trocken, in seinem Kopf pochte es. Der Priester meinte nicht einfach mit der üblichen Formel fortfahren zu können. Licht drang durch den Schlitz unter der Beichtstuhltür. Als er auf seine Hände blickte, bemerkte er überrascht, dass sie zitterten. Vielleicht sollte das die letzte Beichte sein, die ich abnehme, dachte er. Morgen rufe ich den Diözesansekretär an und bitte um meine Versetzung in den Ruhestand.
Schließlich ergriff er doch noch das Wort. »Normalerweise schlage ich zur Buße Gebete vor, aber in deinem Fall weiche ich davon ab. Du bist zu mir um Vergebung gekommen, aber das ist hier nicht so einfach. Ehe ich dich von deinen Sünden lossprechen kann, musst du dafür Buße tun.«
Dann erläuterte er die ungewöhnliche Aufgabe, die ihm als Sühne vorschwebte.
Schließlich segnete er Devine und schloss das Sprechgitter. Die Beichte war beendet. Er hörte, wie Devine stotterte und etwas zu sagen versuchte. Er glich einem Kind, dem keine weiteren Fragen mehr einfielen.
Danach fühlte sich der Priester seltsam beschwingt. Nach Jahren braver Pflichterfüllung, in denen er sich gegenüber dem Willen Gottes hintangestellt hatte, empfand er diese Abweichung vom Beichtritus wie eine Befreiung. Jetzt musste er Männern, die gemordet oder Beihilfe dazu geleistet hatten, das Leben nicht mehr einfach leichter machen.
Vor Devines Leiche redete sich Father Fee ein, dass alles, was geschehen war, Vorsehung war. Selbstverständlich hatte er sich nicht vorstellen können, dass Devine ermordet werden würde, aber in dem Umstand, dass er als Erster bei dem Toten sein durfte, sah er das Walten einer höheren, vielleicht sogar göttlichen Gerechtigkeit. Jetzt konnte er Devine mit den Sterbesakramenten versehen und ihm die Beichte abnehmen.
Der Priester kniete sich auf den Boden und legte dem Mann behutsam die Hand auf die Stirn. Dann sprach er die Worte, die er schon so oft gesprochen hatte.
»Möge Gott, der Allmächtige, dir seine Gnade zuteilwerden lassen, dir deine Sünden vergeben und dir das ewige Leben schenken.«
Das Gebet dauerte nur wenige Sekunden. Danach streifte sein Blick eine alte Hortensie, die vom Gewicht der durchweichten Blüten des Vorjahrs niedergedrückt war. Tief gebeugt waren ihre Zweige, die diese Überfülle an toten Blüten kaum zu tragen vermochten. Er fragte sich, warum die Natur den Strauch seine riesigen Blütenstände nicht abwerfen ließ, wenn sie verblüht waren, um es ihm leichter zu machen. Eine verzweifelte Sehnsucht nach den ersten Frühlingsboten ergriff ihn, nach einem zarten Schneeglöckchenblatt oder einer Blattknospe kurz vor dem Aufbrechen, aber der Strauch taugte dafür nicht, so wenig wie ihm der Ballast, der sich über die Jahre in seinem Kopf angesammelt hatte, half.
Wasser trat in sein krankes Auge, und dann fing auch das gesunde an zu tränen. Devines Leiche verschwamm vor seinem Blick wie ein Dorn, der sich nicht fassen und herausziehen ließ.
5
Nachdem sie den wackligen Bootsanleger hinter sich gelassen hatten, riet der Fischer Celcius Daly, sich zurückzulehnen und die Landschaft zu genießen. Beim Hinausrudern aus der Mündungsbucht tat sich im Norden die weite Seefläche des Lough Neagh auf, während die Uferlinie immer zerklüfteter wurde. Bald sah Daly die Umrisse von Coney Island, und als das Boot sich der Insel näherte, entdeckte er den verkohlten Eichenstumpf, die ein Blitz in Brand gesetzt hatte. Eine Gruppe von Männern und Frauen, teils in Schutzanzügen, wuselte zwischen den geschwärzten Baumteilen hin und her. Als der Fischer an einer Schilffläche vorbeiruderte, flog eine Seeschwalbe mit zunehmend gereiztem Keckern auf sie zu.
Der schlanke, schnittige Fiberglasrumpf des Polizeiboots, des einzigen, das hier im Einsatz war, blockierte fast den gesamten Anlegesteg. Daly gelang es, auf die Planken zu springen, ohne sich ein Bein zu brechen. Er war froh, wieder halbwegs festen Boden unter den Füßen zu haben.
»In der Regel machen Leichen keine Geräusche«, warnte Ruari Butler, der heranschlendernde Rechtsmediziner, den Detective zur Begrüßung. »Aber ich fürchte, hier haben wir es mit einem sehr speziellen Fall zu tun.«
Er zeigte Daly den Tatort mit einer Beflissenheit, als ob er ihn durch ein Naturschutzgebiet führen würde. Unbeholfen tastete Daly hinter dem großen Mann nach dem Absperrband, um darüberzusteigen, und stolperte leicht.




