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Auf den ersten Blick entdeckte Daly nichts Auffälliges. Der Körper eines barfüßigen älteren Manns war sitzend gegen einen verkohlten Baumstumpf gelehnt. Seine Miene war entspannt, der Mund stand leicht offen, und die Zunge hing heraus, als hätte sie versucht, dem Tod ihres Wirts zu entwischen. In der Luft hing der Duft überreifer Schlehen, und das Surren der um die Leiche schwirrenden Fliegen erweckte den Anschein, als würde sie leise schnarchen. Kein sichtbares Anzeichen für ein Verbrechen, bemerkte er. Es könnte auch der tragische Unfall eines alten Manns sein, der wie jeden Morgen barfuß hierhergekommen war und sich in dieser Baumhöhle ausgeruht hatte, als ihn der Tod ereilte.
Aber bei genauerem Hinsehen war offensichtlich, dass Teile der Leiche versengt waren und man kaum zwischen menschlichen Sehnen und verbranntem Holz unterscheiden konnte. Die schwarzen, im Feuer geschrumpften Gliedmaßen des Opfers und die verkohlten Äste waren ineinander verschlungen, als hätte sich der Körper um die Überreste eines deformierten Zwillings gewickelt. Eine Untersuchung des Kopfs ergab vielfache stumpfe Verletzungen und Reste klebrigen Bluts. Der Hinterkopf war grießig wie ein durch den Fleischwolf gedrehter Knorpel.
Um die Leiche schwirrten Kriminaltechniker, die fleißig fotografierten, Haarproben nahmen und mikroskopisch kleine Beweisstücke aus dem Gebüsch klaubten, um ein brutales Stück Vergangenheit zu heben und zu katalogisieren. Nach getaner Arbeit würden sie damit abmarschieren und es in den Regalen eines forensischen Labors einlagern.
Butler sprach zu ihm, aber Daly konnte seinen Worten kaum folgen, weil er zu sehr mit diesem Anblick beschäftigt war. Manche Detectives vermochten alle Einzelheiten eines grausamen Mords aufzusaugen wie ein Hochleistungsstaubsauger, aber Daly gehörte nicht dazu. Butler bemerkte sein Unbehagen. Um ihm zu helfen, die Fassung wiederzuerlangen, richtete der Pathologe den Blick auf das Südufer des Sees und fing wie zum Spaß an, die dortigen Townlands des County Armagh aufzuzählen: Clonmakate, Columbkille, Maghery und Derrylileagh.
Der Schauder, der Daly in die Eingeweide gefahren war, war jedoch schwächer ausgeprägt als die professionelle Rivalität im Umgang mit Unangenehmem, die ihn mit Butler verband, und so ärgerte er sich ein wenig über dessen taktvolle Ablenkung von seiner Schwäche.
»Wie lang ist die Leiche hier?« Daly blickte auf das entspannte Profil des Gerichtsmediziners.
»Zum Glück wurde das Opfer gefunden, bevor der eigentliche Verwesungsprozess eingesetzt hat oder sich die Wildtiere hier daran haben gütlich tun können.«
»Dann hätte es für ihn ja kaum besser laufen können, was?« Dalys Ton war eisig.
»In gewisser Hinsicht ja. Für eine Leiche ist so ein Wildschutzgebiet kein guter Aufenthaltsort.«
»Und was wäre einer?«
Unbeeindruckt von Daly wie von der Leiche, ging Butler behutsam um einige Holzstücke herum, allein auf den Fortgang seiner Gedanken und Schlussfolgerungen konzentriert. Ähnlich wie die Mathematik machte der Tod die Dinge einfacher. Herauszufinden, wie etwas geschehen war, bedeutete, die Dinge mit klarem, nüchternem Blick zu betrachten und den Schleier der Gefühle zu lüften.
»Immerhin hat er die Sterbesakramente bekommen«, bemerkte Daly.
»Freundlicherweise verabreicht durch Father Jack Fee aus Maghery. Kennen Sie ihn?«
»Nein. Ich bin kein regelmäßiger Kirchgänger. Aber ich werde ihn besuchen.«
»Er sagt, der Tote ist Joseph Devine, ein frommes Mitglied seiner Gemeinde. Offenbar hat Mr. Devine keine näheren Verwandten. In seiner Jacke war eine Brieftasche mit einem Führerschein und mehreren Bankkarten.«
Die Wellen von einem vorbeifahrenden Motorboot klatschten gegen den Anlegesteg. Die beiden Männer sahen zu, wie das Boot um das Inselufer kurvte und aus ihrem Blickfeld verschwand.
»Das Opfer wurde durch eine Reihe von Schlägen gegen den Kopf, ausgeführt mit einem stumpfen Gegenstand, getötet«, fuhr Butler fort. »Außerdem wurden seine Gliedmaßen angezündet, möglicherweise um ihn zu foltern. Dabei diente Baumharz als eine Art Brennstoff. Den genauen Todeszeitpunkt werden wir nicht mehr herausfinden, aber grob geschätzt dürfte er nicht länger als vierundzwanzig Stunden zurückliegen.«
Mit einer Pinzette drückte der Gerichtsmediziner auf die Brust des Opfers. Es folgte ein Zischen, und aus dem Hals der Leiche kam ein Geräusch. Ein anhaltendes raues, vogelartiges Gurgeln. Es war eines der merkwürdigsten Geräusche, die Daly je gehört hatte. Hoch, wild, unmenschlich.
Er sah Butler beinahe flehend an. »Was zum Teufel war das?«
»Erkennen Sie’s nicht?«
Butler öffnete den Mund des Opfers. Er hatte die Kehle schon eingehend untersucht. Geschickt fummelte er mit der Pinzette einen kleinen Metallgegenstand heraus und hielt ihn vor Daly in die Höhe.
»Eine Entenpfeife. Steckte knapp über dem Kehlkopf.«
Die Anspannung auf dem Gesicht des Detective nahm etwas ab.
»Nach dem Trauma in der Mundhöhle zu schließen, wurde sie dem noch lebenden Opfer gewaltsam eingeführt.«
Er schwieg einen Moment wie ein Schauspieler, der sich die Bühne zurückerobert. »Weil die Leiche so theatralisch zur Schau gestellt wurde und weil ein Priester über den Fundort informiert wurde, kann man wohl davon ausgehen, dass hier irgendwelche Paramilitärs die Hand im Spiel hatten.«
»Für diese Vermutung haben wir noch keine Beweise«, knurrte Daly.
»Für die Medien ist das auch ohne Beweise ein gefundenes Fressen.«
Daly zuckte die Achseln. »Vielleicht bringt uns der Rummel ja ein paar brauchbare Hinweise.«
»Einen kann ich jetzt schon bieten. Offenbar war sein Tod für die Mörder von großer Bedeutung.«
»Wieso?«
»Verbrennen, foltern und dann totschlagen, dazu eine tief in den Hals gerammte Entenpfeife. Nach meiner Erfahrung werden nicht viele Opfer so zugerichtet. Eine Kugel in den Schädel wäre doch viel einfacher und effektiver gewesen.«
Daly war nörgelig. »Also sind unsere Hauptverdächtigen Paramilitärs mit kranker Fantasie und einem Faible für Entenjagd.«
Butler deutete ein schiefes Lächeln an. Dann wandte er sich der Leiche zu und setzte seine Arbeit fort, während Daly – froh, dem gruseligen Anblick des verkohlten Baumstumpfs zu entkommen – sich auf den Weg machte, um die übrige Insel in Augenschein zu nehmen. Eigentlich hätte er am Tatort bleiben und den Kriminaltechnikern zur Hand gehen sollen, aber er musste einen klaren Kopf bekommen. Außerdem war hier Butler für die Spurensicherung verantwortlich, und der würde keinen Stein auf dem anderen lassen.
Zurück am Ufer, nahm Daly ein paar tiefe Atemzüge Seeluft und sah zu, wie die Wolkenschatten über das Wasser huschten. Weiter unten im Süden verschwanden die Mourne Mountains im abnehmenden Winterlicht mit einem letzten violetten Schimmer am Horizont.
Coney Island war ein wilder, merkwürdiger Ort, an den nur vom Sturm überraschte Fischer oder wagemutigere Vogelbeobachter kamen. Während der elisabethanischen Kriege war die Insel von den Anführern des O’Neill-Clans als Zuflucht genutzt worden, und sie war nach einer Hexe benannt, die angeblich für die englische Königin spioniert hatte. Der Legende nach hatte sie Red Hugh O’Neill vergiftet, während sie seine Wunden nach einer Schlacht versorgte. Hexe, Mörderin und Spionin in einer Person, dachte Daly. Im Vergleich zu Miss Coney war Mata Hari eine Pfadfinderin.
Während er am Ufer entlangwanderte, legte er sich einen Plan für die Ermittlungen zurecht und überdachte die einzelnen Schritte. Nach der Spurensicherung am Tatort würden sie damit beginnen, die am Lough lebenden und arbeitenden Menschen zu befragen. Sie würden versuchen herauszufinden, wie der Tote auf die Insel gekommen war und wie die Mörder dorthin gelangt und wieder verschwunden waren. War jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Waren plötzlich fremde Boote oder Autos in der Gegend gewesen? Am Seeufer gab es zwei Gemeinden, eine protestantisch, die andere katholisch, beide in tiefem Argwohn miteinander verbunden. Alles, was auch nur im Entferntesten ungewöhnlich gewesen war, war garantiert von jemandem bemerkt worden.
Er kam an einen Kiesstrand mit wunderbar rund geschliffenen Kieselsteinen, und während er dort entlangspazierte, spielte er mit dem Gedanken, ein paar davon auf das Boot des Fischers zu schaffen. Damit könnte er den vernachlässigten Garten seines Vaters etwas hübscher machen. Eine Möwe tauchte ins Wasser und kam mit einem zappelnden Aal im Schnabel heraus. Im See wimmelte es von Leben, dachte er, aber genauso war dort der Tod zu Hause. Vielleicht war die Zivilisation hinter dem Lough ja nur seiner Fantasie entsprungen?
Zum Leben war Nordirland kein so übler Ort mehr, sprach er sich Mut zu. Möglicherweise war das Essen nicht so gut, und es gab auch hier schlechte Menschen, aber durch den Friedensprozess wurde das viele Leid, das in den vergangenen vierzig Jahren entstanden war, langsam geheilt.
Auf den Kieselstrand folgte dichtes Röhricht, das weit in den Lough hinausreichte. Beim Blick auf den Zerrspiegel der Seefläche schauderte es ihn. Dieser Mord war besonders grausam gewesen, und er befürchtete, dass sich die Ermittlungen lange hinziehen und schwierig werden würden. Die Mörder waren einige Risiken eingegangen, offenbar weil sie sicher waren, auf dieser unbewohnten Insel ungestört zu bleiben. Hatten sie ihr Opfer hierhergelockt, oder war es zu einem vereinbarten Treffen gekommen?
Er bemerkte eine Spur aus abgeknicktem Schilfrohr und kürzlich aufgewühltem Schlamm, die in das Röhricht führte. Als er darauf zuging, flog ein Schwarm Enten aus Nestern auf. Es waren flinke, vorsichtige Wesen, und ihre Körper waren für eine schnelle Flucht gebaut. Kurz blieb er stehen und betrachtete versonnen ihre gewandten Bewegungen, die sich im Wasser verdoppelten. Der einfachste Weg, um Ordnung ins Chaos zu bringen, dachte er plötzlich, war, zu warten, bis sich wieder Stille einstellte.
Im Röhricht stieß er auf eine Vogelbeobachtungshütte. Sie war nicht so klapprig und besser gebaut als jene, die er aus seiner Kindheit kannte. Im Innern fand er ein Fernglas. Eigentlich, dachte er, dienen Vogelbeobachtungshütten eher dazu, sich vor anderen Menschen zu verstecken, damit die das idiotische Verhalten von Ornithologen und Entenjägern nicht mitkriegen. Das Fernglas war von überraschend guter Qualität – keines der alten Dinger, wie er auf den ersten Blick vermutet hätte. Er nahm es und betrachtete damit die Uferlinie, eine verschlungene Gruppe von Wurzeln und Felsen, die über ihrem Spiegelbild schwebte. Er hatte weder Stift noch Block, um die Tiere zu notieren, die er entdeckte, aber zur Vogelbeobachtung war er ja nicht gekommen. Sein Blick blieb an einem heruntergekommenen Cottage hängen, halb versteckt unter Bäumen, die Hintertür einen Spaltbreit offen. Außer dem Haus war am Ufer kein Anzeichen von menschlichem Leben zu sehen.
Daly blinzelte. Das Gesicht des Toten hatte sich so tief in sein Gedächtnis eingebrannt, dass er dessen Umrisse in den dunklen Bäumen und ihrem Spiegelbild darunter wiederentdeckte. Er setzte das Fernglas ab. Er wusste nicht einmal, wonach er suchte. Genauso gut konnte er einen Märchenwald nach Spuren eines Ungeheuers absuchen.
Er trat aus der Hütte und ging den Pfad durch das Röhricht zurück. Ein durchweichtes, blutiges Ding fiel ihm ins Auge. Weil er es für einen toten Vogel hielt, stupste er mit dem Schuh dagegen. Doch es erwies sich als der erste Hinweis, der ihn auf die Spur der Täter führen konnte. Es sah aus wie ein blutiger Tauchhandschuh, und er hob ihn auf, um ihn in eine Asservatentüte zu stecken. Vielleicht hatte der Angreifer ihn ausgezogen, um besser zupacken zu können. Daly begriff, dass der Überfall sehr genau geplant und mit großem Aufwand durchgeführt worden war. Dann fragte er sich, wie lange es gedauert haben mochte, bis das Opfer gestorben war.
Als der Fischer Daly zum Festland zurückruderte, war es später Nachmittag geworden. In immer mehr Cottage-Fenstern erschien Licht. Von Mücken umschwirrt, traten sie an Land. Der Fischer meinte, im Winter seien sie nicht so schlimm wie die Sommermücken. Jetzt könnten sie nur einmal stechen.
6
Am Rand des Fahrwegs, der zu dem abgelegenen Cottage führte, zwängte sich eine Schar Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen durch die Lücken in einer Schlehdornhecke. Daly und die an der Einfahrt zum Cottage postierten Uniformierten begrüßten sich mit einem kaum merklichen Nicken. Dabei sah er aus dem Augenwinkel, wie Detective Derek Irwin gelangweilt gegen einen rostigen Schubkarren trat.
Bereits seit sieben Uhr morgens beaufsichtigte Irwin die Spurensicherer, die rund um Joseph Devines Cottage zugange waren.
»Ich dachte schon, Sie lassen uns hängen«, sagte er grußlos, als er Daly bemerkte. Irwin war nicht am Fundort der Leiche gewesen, entsprechend ungetrübt war sein forscher Blick. Es hatte den Anschein, als könnte jeden Moment unterdrückte Wut aus dem Detective herausplatzen.
»Wirklich prima hier. Ich dachte, Sie hätten es heute früh eilig mit dem Anfangen. Nach Ihrem Anruf bin ich sofort aus dem Haus gestürzt, ich hab nicht mal gefrühstückt.«
Im Licht von Irwins funkelnder Gereiztheit war Dalys Miene ein dunkler Granitblock. Dieser kleine Zornesausbruch ließ ihn nicht einmal blinzeln.
»Kein Grund zur Panik«, sagte Daly kühl. »Devines Mörder sind nicht erst vor ein paar Minuten zur Hintertür raus. Im echten Leben sind Verbrechen nicht so simpel.«
Irwin schnitt ein verächtliches Gesicht und zog sein Handy aus der Tasche, das zu klingeln begonnen hatte. »Ist privat«, verkündete er, neigte den Kopf mit den langen Locken zur Seite, und im nächsten Moment waren alle Empörung und Müdigkeit aus seiner Stimme verschwunden: »Hi Poppy. Hey, ich hoffe, ich hab dich gestern Nacht nicht aufgeweckt. Hat ewig gedauert, bis ich ein Taxi bekommen hab.« Er senkte die Stimme zu einem rauen Flüstern. »Kann ich heute Abend kommen? Sag bloß nicht Nein, das würde mich in tiefste Depressionen stürzen.« Das Handy gierig an den Mund gedrückt, entfernte er sich ein paar Schritte weiter.
Irwin war mindestens zehn Jahre jünger als Daly und stand für die Art von Jugend, von der Daly innig hoffte, er habe sie hinter sich gelassen. Die vielen SMS, die Irwin bekam, und seine geflüsterten Telefonate ließen auf ein bewegtes Sexualleben schließen. Dabei mochte Daly die Energie und das Ungestüm, mit dem sich Irwin ins Leben stürzte, obwohl er die Tage meist mit Routineermittlungen zu Sachbeschädigungen und Hauseinbrüchen verbrachte. Allerdings zeichnete sich der junge Detective auch durch einen Mangel an Geschick und Umsicht aus, der Daly befürchten ließ, er könnte manchmal mehr mit den Verwicklungen seines Liebeslebens beschäftigt sein als mit den Problemen eines Falls.
Irwin kehrte zurück und klappte sein Handy zu.
»Sie sehen scheiße aus«, sagte er nach einem prüfenden Blick auf Daly. »Wegen der vielen Wochenenden allein steht der Kessel ziemlich unter Druck, was? Ich glaube, Ihr Problem ist, dass Sie nicht genug unter Leuten sind.«
Dalys Trennung von seiner Frau war allen Kollegen bekannt. So etwas ließ sich bei der Polizei kaum verbergen. Nur wer glücklich liiert war, eilte freitagabends mit einem fröhlichen Lächeln nach Hause. Daly quittierte Irwins Bemerkung mit einem Nicken, als hätte sie ihm ein Quäntchen Trost beschert.
»So was wie Treue gibt’s heut nicht mehr«, fuhr Irwin mit einem Zwinkern fort. »Wir spielen doch alle dauernd Bäumchen wechsle dich. Jeder ist Single, die Verheirateten nur nicht so oft.«
Daly wandte sich ab. Das Unbehagen über seine gescheiterte Ehe behinderte ihn wie ein gebrochener Flügel. Das Ende seiner Beziehung mit Anna hatte sie wieder zum Dreh- und Angelpunkt all seiner Gefühle gemacht, genau wie damals, als er angefangen hatte, um sie zu werben. Er hoffte, dass das vorübergehend war und nur so lange anhielt, bis er sich an den freien, glamourösen Lebensstil eines Junggesellen gewöhnt hatte, den Irwin inszenierte.
Als er jedoch sah, wie der jüngere Detective die Einfahrt hinaufschlenderte, sich dauernd mit der Hand durch die dichten Haare fuhr und den Text eines Popsongs halb trällerte, halb brummte, fragte er sich, welche Peinlichkeiten ihm noch bevorstanden, bis er dieses Ziel erreichte.
Ein junger Uniformierter mit ängstlichem Gesichtsausdruck hob das Absperrband an, um sie ins Cottage zu lassen. Das Eintreten in das Haus eines Mordopfers empfand Daly ähnlich wie den Einbruch in eine Kirche. Weil damit die Ruhe und die Unversehrtheit jener vier Wände verletzt wurden, die eigentlich die grausame Welt draußen halten sollten.
»Devine muss jemand mit ziemlich guten Kontakten zu Paramilitärs auf die Zehen getreten sein«, meinte Irwin. Sein Eifer kehrte zurück. »Was meinen Sie, welche Truppe das war? Die Real IRA, die Continuity IRA, die INLA oder die echte, irre, voll geheime IRA?«
»Nicht alle Arschlöcher auf der Welt sind republikanische Paramilitärs«, erwiderte Daly. »Aber wenn ich in diesem Fall wetten müsste, würde ich auch auf sie setzen.«
Die Eingangstür wies keinerlei Spuren eines gewaltsamen Eindringens auf, und weder in der Diele noch in einem der vollgestellten Zimmer schien es einen Kampf gegeben zu haben. Devine war so überstürzt aufgebrochen, dass er nicht einmal die Hintertür zugemacht hatte. Der Telefonhörer lag neben der Gabel, und in der Spülküche stand ein Topf mit klumpigem Porridge auf der Kochplatte.
»Jedes Haus erzählt eine eigene Geschichte«, sagte Daly.
Irwin steckte einen Finger in den Porridge und probierte. »Na, dann sieht mir die hier stark nach Goldlöckchen und die drei Bären aus.«
Die beiden Detectives traten ins Wohnzimmer, dessen gesamte Inneneinrichtung sich aus den 1950ern bis ins Heute gerettet hatte: Auf einer schweren Anrichte standen ein Röhrenradio und, als sentimentale Souvenirs aus dem katholischen Irland, ein religiöser Aufstellkalender und eine Flasche mit Weihwasser aus Knock. Außerdem gab es ein Porträt des vormaligen Papsts und eine Figur der Jungfrau Maria. Selbst die Lichtschneise, die von der Sonne durch das Zimmer geschnitten wurde, schien in der Vergangenheit festgefroren zu sein. Nur der Papst war, wie Daly bemerkte, staubfrei. Im Ringen um Gleichstellung hatte er gegenüber der verstaubten Marienfigur offenbar noch einen Vorteil.
Daly nahm die Marienfigur in die Hand und blies eine Spinnwebe weg. Marias Augen waren leer, ihre Gesichtszüge wirkten hagerer als die auf den Heiligenbildern, an die er sich erinnerte, so als hätte diese Jungfrau zu viele schlaflose Nächte erlebt. Oder bildete er sich das nur ein? Vielleicht war es auch eine Folge dessen, dass so viele verlorene Seelen Nachtwache hielten und Hunderte Male inbrünstig Marienlieder sangen.
Was die Haushaltsführung betraf, so war Devine nicht über Junggesellendurchschnitt hinausgekommen. Unter dem Küchentisch stand eine Kiste, aus der die leeren Stout-Flaschen ragten. In einem Gästezimmer gab es ein durchgesessenes Sofa, dessen mitgenommene Polster unter einer alten Decke lagen, und einen abgewetzten schwarzen Ledersessel. Das gesamte Cottage war mit grünem Linoleum mit Fliesenmuster ausgelegt, das nach Jahren der Abnutzung aber nur noch an wenigen Stellen zu erkennen war.
Das Einzige, was nicht den Eindruck eines verwehenden Lebens hinterließ, war eine Sammlung von Enten, die in einem Büfett und auf der tiefen Fensterbank in der Küche verteilt war. Beim ersten Blick auf die Enten stockte Daly kurz der Atem, weil er sie zunächst für echt hielt. Sie waren aus Holz geschnitzt und wirkten handbemalt. Als er näher trat, spiegelte sich das Zimmer im Glanz ihrer Glasaugen.
»Lockenten!«, entfuhr es Daly. »Nur wer allein lebt, kann seine Hobbys richtig ausleben.«
»Die sehen aus wie Antiquitäten. Sie könnten sogar ein bisschen was wert sein«, meinte Irwin und nahm eine in die Hand. Als der Kopf zu nicken anfing wie der einer fressenden Ente, hätte er sie vor Überraschung beinahe fallen gelassen.
»Jedenfalls könnten sie die Entenpfeife in Devines Hals erklären.«
»Nämlich?«
»Die Mörder fanden das wohl irgendwie witzig. Ein kranker Humor, aber die Pfeife passt zu Devine. Die Mörder müssen wissen, dass er ein Faible für Entenjagd hatte.«
Daly fiel ein, dass der vermisste David Hughes ebenfalls passionierter Entenjäger war. Hier schälte sich ein Muster heraus.
»Das ist doch pervers«, sagte Irwin angewidert. »Und ich dachte, die republikanischen Paramilitärs täten nichts anderes mehr als Blumensträuße binden und für Menschenrechte eintreten.«
Als es klingelte, fuhren beide herum.
Irwin ging nachsehen. Gleich darauf kam er mit verbissener Miene zurück.
»Keiner da. Wahrscheinlich ein dummer Scherz von einem Kollegen.«
Das Haus war bereits nach Fingerabdrücken abgesucht worden, alle Türgriffe, Gläser, Schubladen und Fensterscheiben waren mit Pulver eingepinselt worden. Es waren nur die Abdrücke von einer Person gefunden worden. Das war ungewöhnlich, aber Daly hatte schon geahnt, dass Devine ein Eigenbrötler gewesen war.
»Der nächste Nachbar hat angegeben, dass Devine Anfang letzten Jahres in diese Bruchbude gezogen ist«, sagte Irwin.
»Was, denken Sie, war der Grund dafür?«
Statt zu antworten, öffnete Irwin die Hintertür. Eine Böe blies einen Schwung altes Laub und trockene Ahornsamen über die Schwelle. Als Daly hinausging, eröffnete sich ihm ein weiter Blick auf den Lough Neagh mit seinen verzweigten, von Bäumen gesäumten Buchten. Er sah mehrere Landzungen, die er nicht genau erkannte, weil sie sich im windumtosten Nichts verloren. Es war der ideale Ausguck für einen Wilderer, nicht einsehbar und geschützt vor dem Treiben auf den Straßen, Feldern oder Dörfern. Der kurze, von undurchdringlichen Hecken gesäumte Weg zum Ufer glich einem Pfad an die Ränder des menschlichen Daseins. Am Himmel über ihm quäkte ein Schwarm Gänse mit lang gestreckten Hälsen im Winkelflug. Dalys Blick folgte der fliegenden Formation und wanderte dann zum Horizont, als hätten ihn alle Naturphänomene dorthin gelotst. Er gestattete sich einen Moment müßigen Schauens, ehe er ins Haus zurückkehrte.
Die friedliche Stimmung wurde durch das erneute Läuten der Türklingel gestört.
Irwin machte ein verdrießliches Gesicht, als er durch den Gang stapfte. Dieses Mal blieb er länger weg.
»Es ist mir schleierhaft, was für Knallköpfe die heute in den Dienst lassen«, sagte er bei seiner Rückkehr. »Keiner will’s gewesen sein.«
»Vielleicht ist es gar nicht die Türklingel«, sagte Daly und fing an, durch die Zimmer zu gehen und zu lauschen. Er sah in der dunklen Diele und im Wohnzimmer nach. Die Marienfigur und das Papstfoto standen still, auch die Lockenten bewegten sich nicht. Nur Staubteilchen schwebten in einem Sonnenstrahl, ein uraltes feines Staubgespinst.
Wieder klingelte es, nicht allzu laut, aber fordernd, Aufmerksamkeit heischend. »Ich weiß, dass da jemand ist. Warum antwortet niemand?«, schien das Läuten zu sagen. Dalys Nackenhaare sträubten sich.
»Glauben Sie an Geister?«, hörte er Irwin hinter sich fragen.
»In manchen Nächten glaub ich nicht mal an mich selber«, erwiderte Daly. »Aber hierfür muss es eine rationale Erklärung geben. Vielleicht hat Devine eine Art Alarmanlage, die ständig ausgelöst wird?«
Er nahm den Telefonhörer und legte ihn dann auf die Gabel. Die Leitung war stumm.
Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf in eine Dachkammer. Dort lag ein Stapel Papier auf einer Kommode, vor allem Rechnungen und Broschüren für Lockenten und mehr Jagdausrüstung. Zu zweit durchsuchten sie die Kommodenschubladen und griffen auch in die Taschen von Hosen und Hemden. Am Boden einer Schublade lag ein geöffneter Umschlag. Daly zog ein Foto und eine handgeschriebene Einladung heraus. Sie galt der Versammlung eines Vereins von Entenjägern und stammte aus dem Vorjahr. Darauf stand: Nach dem Mittagessen und der Musik hält unser Vorstand David Hughes einen Vortrag. Das Foto zeigte eine Gruppe älterer Männer mit massenhaft toten Enten vor einer Art Unterstand oder Schuppen. Nachdem er den Pass und den Führerschein gesehen hatte, erkannte Daly das Mordopfer sofort. Er stand in der ersten Reihe, und mit seinem misstrauischen, traurigen Blick in einem Gesicht ohne Lächeln wirkte er wie ein Mensch, der am Rand seines eigenen Grabs kniete.




