Schule aus, Neuseeland ruft 2.

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Wasserlöcher in der Wüste
Der Einstieg ins Campingleben ist gemeistert. Wir schauen uns noch weitere Wasserlöcher der West MacDonnell Ranges an. Eines ist schöner als das andere – trotz des unglaublich kalten Wassers springe ich in eines hinein. Ich kann mich im Wasser kaum bewegen, die Beine schmerzen, so niedrig ist die Temperatur. Doch immerhin bin ich frisch gewaschen. Von Alice Springs zum Uluru sind es über den legendären Stuart Highway knapp 500 Kilometer – durch Sand, Staub und lebensfeindliche Umgebung. Am Rand stehen Kühe der gigantischen Farmen. Immer wieder liegen verrostete Wagen am Straßenrand, teils bis zu fünfzig Meter weit von der Straße ab. Pannenfahrzeuge? Diebesgut? Ein Zug kommt uns entgegen. Genaugenommen ein Road Train, einer der langen Lkw, die Sprit und Lebensmittel zu den Orten Australiens bringen. Mit drei Anhängern und bis zu 100 Meter Länge sind sie die einzige Versorgungsmöglichkeit und gleichzeitig eine echte Gefahr. Vor allem bei Nacht bremsen die Trucks für nichts und niemanden. Vor uns liegen zehn Kilometer schnurgerader Asphalt, der am Rand aufbröckelt.
Es ist spannend, im Outback zu fahren. Dort, wo man die anderen Fahrzeuge lässig mit dem Heben von zwei Fingern grüßt. Dort, wo die Sonne den Van erhitzt. Dort, wo man 250 Kilometer fährt, ohne auch nur die Chance zu haben abzubiegen. Irgendwann wird selbst diese surreale Umgebung langweilig. Wir fahren 90, dann 100. Irgendwann arbeite ich mich an die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h heran. Wir verlassen den Stuart Highway und widmen uns dem Lasseter Highway, der die Ost-West-Verbindung zum Uluru, dem Ayers Rock, darstellt. Und dann sehen wir ihn. Groß liegt der rote Fels im platten Land. Wahnsinn! Er müsste noch über 100 Kilometer weit weg sein und doch sehen wir ihn schon aus der Ferne. Bei einem Aussichtspunkt halten wir an, machen etliche Bilder. Die Stimmung ist wieder oben, alle Müdigkeit der letzten Stunden Fahrt sind vergessen. Mit neuem Elan geht es wieder auf die Piste – unser Ziel, bei Sonnenuntergang am Berg zu sein, scheint plötzlich wieder möglich. Immer weiter und weiter geht die Straße. Den großen Berg sehen wir schon längst nicht mehr, da geht uns ein Licht auf: Was wir sahen, ist nicht der Uluru, sondern eines der am häufigsten irrtümlich fotografierten Objekte der Welt. Der Mount Conner! Bis zum eigentlichen Ziel sind es tatsächlich noch viele Kilometer hin. Endlich erreichen wir den Uluru-Kata Tjuta National Park, wo neben dem Uluru auch die Olgas (Kata Tjuta) liegen. Wir sind überrascht, als wir gebeten werden, jeweils 25 Dollar für den Eintritt zu bezahlen – damit hatten wir nicht gerechnet. Egal, jetzt wollen wir auch hinein. Vor uns liegt der wohl bekannteste Stein der Welt. Groß, abgerundet, rot – und touristisch überlaufen. Auf dem Parkplatz treffen wir zwei deutsche Backpacker, die wir schon in Alice Springs kennengelernt hatten. Mit Robin und Johanna schauen wir uns den Sonnenuntergang an. Wir bleiben länger als alle anderen und verlassen als eines der letzten Autos den Nationalpark. Zum Sonnenaufgang wollen wir uns wieder treffen, Robin und Johanna gehen auf den teuren Campingplatz in Yulara, dem Ort nur für Touristen, außerhalb des Nationalparks. Maria und ich suchen stattdessen ein Fleckchen zum Campen – irgendwo am Straßenrand.

Mietvan mit politischem Statement
Mit voller Konzentration durchschneide ich die schwarze Nacht. Die Mittellinie liegt direkt unter uns, mindestens jeder zweite Blick gilt dem Straßenrand: Wir dürfen nach Sonnenuntergang nicht mehr fahren, so steht es im Mietvertrag. Zu groß ist die Gefahr, dass Kängurus vors Auto hüpfen oder ein Road Train uns umfährt. Mit 40 km/h schleichen wir über den leeren Lasseter Highway und finden einen „Parkplatz“, also eine sandige Fläche, neben der Straße. Wir stellen uns neben die drei anderen Vans und steigen aus. Sterne! Über uns funkelt der Himmel nur so von Himmelskörpern. Die Schleier der Milchstraße ziehen sich von Horizont zu Horizont. Es ist unglaublich, faszinierend. So viele Sterne im Schwarz der australischen Outback-Nacht. Nur für diesen Moment würde ich die gesamte Reise nochmals machen – aber wir sind ja erst am Anfang.

Gang durch die „Olgas“
Neben dem Uluru im Morgengrauen, den unwirklichen, steilen Wänden der Kata Tjuta, den eiförmigen und abgerundeten Bergen im Nichts des Outbacks besuchen wir den Kings Canyon. Während wir den Highway Richtung Kings Canyon Resort fahren, ein Dörfchen wie Yulara am Ayers Rock, nur noch kleiner, sehen wir kaum ein Auto. Lediglich der Mietwagen von Robin und Johanna fährt im Rückspiegel mit uns. Am Straßenrand liegen immer wieder Tierskelette und große Kothaufen – es leben hier wohl mehr Kamele als Menschen. Die Kings Creek Station ist eine Anlaufstelle, genau genommen fast die einzige auf der 170 Kilometer langen Asphaltpiste zwischen Lasseter Abzweigung und Kings Canyon. Unser Plan, an der Station aufzutanken, wird vom Spritpreis zertrümmert: 3,40 Dollar pro Liter, statt 1,70 Dollar in Alice Springs. Der Treibstoff muss reichen – weiter geht’s. Die Luft ist trocken und heiß. Die Sonne knallt auf uns herab. Wir sind am Kings Canyon, vor uns erhebt sich die erste Kette des Gesteinsmassivs. Sofort sitzen Fliegen in unseren Gesichtern, krabbeln in Nase, Augen und Mund – ekelig. Die kleinen Insekten gibt es überall im Outback. Zwar stechen oder beißen sie nicht, sind dafür aber unglaublich nervig. Mit kleinen Ästen wedeln wir uns den Weg durch die Schluchten und Täler. Allerdings geht es hauptsächlich bergauf: Eine lange Treppe führt über die roten Gesteinsplatten hinauf. Erstmal etwas trinken. Trotz des gerade endenden Winters haben wir über dreißig Grad. Im Sommer sollte man die Wanderung nicht mehr nach zehn Uhr machen, weil es unterwegs kein Wasser gibt. Wir wandern weiter. Echsen huschen über den trockenen Boden. Es fällt nicht schwer zu glauben, dass hier unter den steinigen Brocken oder in den Schlitzen Schlangen, Spinnen oder andere gefährliche Tiere leben.

Im Outback wird es im Sommer gerne unerträglich heiß
Irgendwo zwischen Dürre und toller Fernsicht liegt der Garden of Eden. Nach einer Stunde Wanderung auf dem Kings Canyon Rim Walk, der an höchstens mageren Sträucher vorbeiführt, liegt dieses Wasserloch am Ende eines Sackgassenweges in einem kleinen Tal. Die Vegetation gedeiht hier wie im Regenwald: große Bäume, verwunschenes Unterholz und darin ein moosiger Bach. Schwimmen kann man hier bestimmt, Krokodile soll es meines Wissens hier nicht geben. Doch auch für Nicht-Planschende lohnt sich der „Side Walk“ zu den Reflektionen der kleinen Wellen des Wassers an den steilen Felswänden darum herum.
Tierwelt im Outback

Känguru oder Wallaby?
Das Tier des australischen Outbacks bleibt uns übrigens lange Zeit verborgen: Anscheinend sind wir die einzigen, die unterwegs kein Känguru sehen. Als wir eines Abends mit Julius und Luisa sowie Robin und Johanna auf einem Campingplatz nächtigen, kommen ein paar Urlauber und berichten von den soeben gesichteten Springtieren. Und wir? Wir sehen einfach keine! Am letzten Abend fahren wir zum botanischen Garten in Alice Springs, wo man wildlebende, kleine Kängurus beobachten kann. Wir gehen den kleinen Pfad bis ganz nach oben und sehen – wieder keine. Wir wollen schon wieder zurückgehen, als plötzlich etwas über einen großen Stein hoppelt – ein Känguru! Oder vielleicht auch nur ein Wallaby, wie die kleinen Känguru-Arten genannt werden. Egal, es springt herum und hat sogar einen Beutel mit einem Jungen darin. Das zählt!

Emu-Besuch zum Aufstehen
Neben Dingos und zahlreichen Rindern sehen wir auch einen Großen Emu. Der große Vogel stolziert über den Campingplatz von Curtin Springs, wo es auch einen kleinen Laden und eine Tankstelle gibt. Schlangen und Spinnen bleiben uns zum Glück, oder leider, verwehrt. Dafür machen wir Bekanntschaft mit den Millionen von Schmeißfliegen und einigen beunruhigend großen Wespen, die an einer Wasserstelle bei den Kata Tjuta die durstigen Wanderer vom Wassertank abhalten. Wir sehen auch einige freilebende Wellensittiche, die mit ihrem grünen und gelben Federkleid im Schatten der Olgas toben.
Die vielen verschiedenen Vögel des Landes fallen einem auch in Sydney sofort auf. Morgens wird man nicht von Amseln oder Spatzen geweckt, sondern von einem mir gänzlich unbekannten Vogelgezwitscher, das in meinen Ohren mehr wie ein Kreischen und Quietschen klingt. In den Straßen von Sydneys Vororten braucht man nur in die Bäume zu schauen, wo bunte Papageien, Kakadus und andere Federtiere sitzen. Insgesamt gibt es über 800 Vogelarten in Australien.
Vom Kings Canyon könnten wir den Weg zurück zu den West MacDonnell Ranges über eine 140 Kilometer lange Strecke abkürzen. Allerdings führt diese nicht asphaltierte Straße durch Niemandsland, und wir dürfen noch immer keine ungeteerten Wege fahren. Wir entscheiden uns daher schweren Herzens gegen dieses einmalige Abenteuer und machen uns wieder den ganzen langen Weg, über Lasseter und Stuart Highway zurück. Die Geländewagen, die Vans und die Busse – alle grüßen auf dem Weg nach Alice Springs, wo wir letztlich in den Flieger nach Sydney einsteigen. Auch wir verewigen uns zum Abschluss im Innenraum des Wicked-Campers: Schon viele Mieter folgten dem Aufruf, mit Kuli oder Filzstift in den Teppich zu schreiben. Die Abnahme des Wagens verläuft problemlos – wohl auch, weil ich mein Fahren auf der rechten Straßenseite noch gerade rechtzeitig bemerkt habe, sonst hätte ich in der Innenstadt von Alice Springs einen Frontalzusammenstoß verursacht. Zwei Tage bleiben uns jetzt in Sydney, um Felix, ein weiterer Freund aus der Heimat (irgendwie tummelt sich ganz Witten hier unten) zu treffen, die Blue Mountains und die Strände zu genießen – dann reicht es aber auch mit der Stadt, die uns beiden ja gar nicht so sehr zusagt.

Eukalyptus und blauer Dunst – die Blue Mountains
Australien, es ist ein riesiges Land. Ein Land, das wohl wie kein zweites ist. Mit Sydney und vor allem mit dem Outback haben wir zwei Orte gesehen, die ganz oben auf der Touri-Liste stehen. Viele weitere Kilometer Einsamkeit und einige weitere Städte verbleiben für unsere nächste Reise. Doch nun geht es erst einmal zu unserem eigentlichen Ziel: Neuseeland.
Erste Schritte im schönsten Land unseres Planeten

Der erste Tag in Neuseeland verabschiedet sich mit einem Strahlen auf unseren Gesichtern
Erste Schritte im schönsten Land unseres Planeten
Schon lange bevor wir die schneebedeckten Gipfel der Southern Alps aus dem Flugzeugfenster sehen, verfolgen wir den Flug nach Neuseeland auf dem Bildschirm. Wir haben Glück und sitzen in der Boeing 777 von Sydney nach Christchurch am Fenster. Kaum überfliegen wir die Küste, da sind wir schon über hohen Bergen. Oben Schnee, in den Tälern grün-braunes Gestrüpp. Noch wenige Minuten, dann sind wir endlich dort, wo wir die nächsten Monate verbringen werden. Es gibt kein Zurück mehr und das ist gut so.

Die Southern Alps von oben

Landeanflug Christchurch
„Was ist eigentlich, wenn bei der Landung ein Erdbeben ist?“, fragen wir uns, während wir uns im Landeanflug über grünen Wiesen mit weißen Wollknäueln auf vier Beinen befinden. Christchurch, mir bislang nur aus den Erdbeben-Berichten bekannt, ist für uns aber das Tor nach Neuseeland – und das mit festem Boden. Der Flughafen der 300.000-Einwohner-Stadt ähnelt einem Provinzflughafen Deutschlands, hat dafür aber sehr gründliches Zoll-Personal: Nachdem alle Fragen auf den Einreisezetteln beantwortet sind und die Einreisestempel in unseren Pässen glänzen, warten wir auf unsere Rucksäcke. Mit dem Gepäck geht es dann in die Schlange für die Einreisekontrolle – wir kennen diesen etwas nervigen, aber wohl nötigen Umstand bereits aus Sydney. Neu ist allerdings, dass schon während wir unsere Rucksäcke gerade wieder tragbar machen, Sicherheitspersonal mit Spürhunden entlang schlendert. Der schwarzweiß gefleckte Hund ist richtig süß. Er findet aber beunruhigend viel Gefallen an Marias Trageutensil. Jetzt finde ich ihn nur noch bedingt süß! Die Folge: Unsere Einreisekarten bekommen einen kleinen Vermerk mit großem Ausmaß: Am ersten Schalter müssen wir alle Lebensmittel ausräumen. Nutella, Gewürze und Tee sind kein Problem. Meine Wanderschuhe werden sicherheitshalber gereinigt – ein angenehmer Service. Weniger angenehm sind die Fragen der Beamtin. „Haben Sie wirklich keine frischen Lebensmittel dabei?“ Durch die Androhung von mehreren hundert Dollar Strafe kommen wir dann doch ins Grübeln, gehen mehrfach unseren Packvorgang durch und sind uns dann sicher: Wir haben nichts Frisches dabei. Trotzdem wird unser gesamtes Gepäck gefilzt und dann durch einen Scanner geschickt. Kein Fund. Alles gut, wir können nach fast anderthalb Stunden endlich aus dem Sicherheitsbereich raus. Von wegen. Wieder wird uns einer dieser „süßen“ Hunde zum Verhängnis: Kurz bevor wir durch die Schiebetür nach draußen wollen, schnuppert nochmals einer an Marias blau-lila Rucksack und bellt. Der diensthabende Chefbeamte räumt daraufhin höchst persönlich den kompletten Rucksack aus – findet letztlich aber, wie auch die Male zuvor, doch nichts. Immerhin sind die neuseeländischen „Grenzbehörden“ freundlich und geben uns schon gleich Tipps mit, was wir in Christchurch machen können. Mit zwei Stunden Verspätung betreten wir endlich den öffentlichen Bereich des Christchurcher Flughafens, wo wir bereits erwartet werden.
Fiona kommt direkt auf uns zu. „Maria und Philip?“ Ja, das sind wir! Fiona Prest ihr Mann und die drei Söhne sind eine der Familien, die wir noch in Deutschland ausfindig gemacht haben. Marias Cousin lebte einst bei der Familie im Christchurcher Ortsteil Avonhead als Austauschschüler. Nun sind wir für einige Nächte eingeladen. Wie viele es aus den angedachten „zwei, drei Übernachtungen“ im Spielzimmer der Familie werden sollten, ist schon fast unangenehm. Doch die Familie ist offen, freundlich und hilfsbereit – wohl, auch weil sie wissen, wie es ist, in einem gänzlich unbekannten Land anzukommen: Sie immigrierten vor einigen Jahren aus Afrika nach Mittelerde.
Für uns sind Fiona und Gary mit ihren drei Söhnen jedenfalls die kostenlose und deutlich herzlichere Alternative zu einer teuren Organisation. Gleich am Anfang helfen uns Fiona und Adam, der mittlere Sohn, dabei, die Zeitungen nach inserierten Backpacker-Autos zu durchschauen. Denn das steht als Erstes an: der Kauf eines Wagens. Außerdem werden wir im Verlauf der nächsten Tage viele informative und nette Abende zusammen mit der Familie verbringen. Die Freundlichkeit und Offenheit unserer neuen Bezugspersonen ist überwältigend. Mit dabei ist auch Paul, der damalige Austauschschüler der Familie. Der Kieler ist im selben Alter wie wir und bereits seit einigen Wochen in Neuseeland.

Der wird es nicht, …
Noch am ersten Abend suchen wir über die Internetseiten gumtree.co.nz, eine kostenlose Kleinanzeigenplattform, und trademe.co.nz, eine Versteigerungsseite, nach einem passenden Wagen. Direkt nehmen wir Kontakt mit den ersten Backpackern auf und verabreden uns für den nächsten Tag. Fiona bringt uns zum ersten Treffen: Zwei US-Amerikaner sind kurz vor Ende ihrer Reise und wollen uns ihren alten Mazda mit Vierradantrieb verkaufen. Die von meinem Vater erstellte Liste mit zu überprüfenden Punkten versuche ich durchzugehen. Der babyblaue Wagen ist aber nicht nur dreckig und unaufgeräumt, sondern fällt auch ansonsten durch zusammengebastelte Technik und rostiges Gehäuse auf. Nach einer Probefahrt – zum ersten Mal im städtischen Linksverkehr und fast mit einem Unfall – will ich unsere Verhandlungstaktik anwenden. Aber anstatt so zu tun, als wäre Maria der Preis viel zu hoch, unterhält sie sich lieber mit der Freundin des Verkäufers. So wird das nix. Dennoch halten wir uns das Angebot offen.
Weiter geht es: Der Herbergsvater eines Hostels in Christchurch soll auch Wagen verkaufen. Als wir ihm von unserem Budget erzählen, zerstört er unsere Illusionen. „Unter 3500 Dollar bekommt ihr nichts, was einigermaßen vernünftig ist“, sagt er. Unsere Grenze liegt bei 3000 Dollar. Schließlich entscheiden wir uns gegen eine seiner ohnehin nur rustikal ausgebauten Karren und suchen weiter, schauen uns einen Toyota Townace in der Innenstadt an, machen eine Testfahrt mit einem weiteren, diesmal allradbetriebenen Toyota Townace und besichtigen den kleinen Geländewagen einer Australierin, die ihre Schrottlaube für 1500 Dollar irgendwie loswerden will. All diese Angebote verwirren uns zwar kräftig, helfen uns letztlich nicht weiter – mit Ausnahme der zuletzt genannten Australierin. Vor lauter Frustration, dass sie noch immer keinen Kunden hat, und das zwei Tage bevor sie abreist (um ehrlich zu sein, der Albtraum eines jeden Backpackers), drückt sie uns einen Flyer in die Hand. „Der Automarkt dort hat zig Autos. Aber alle teuer“, sagt sie und schiebt noch hinterher: „Müsst euch halt entscheiden, wie viel ihr anlegen wollt.“ Ein Hoffnungsschimmer. Denn all die bisherigen Wagen haben uns nicht komplett zugesagt – so langsam wollen wir aber Fortschritte sehen, denn es sind mittlerweile schon vier Tage seit unserer Ankunft vergangen. Am nächsten Morgen steigen wir in den Linienbus und fahren in die Innenstadt. Am zentralen Busbahnhof ausgestiegen, laufen wir nach Süden und versuchen uns im Straßensystem der Christchurcher Innenstadt zurechtzufinden, was keine leichte Aufgabe ist. Schließlich finden wir aber den Car Market in der Battersea Street.

… aber das ist jetzt unser: Eddie!
Gemeinsam mit Richard, dem Verkäufer dort, laufen wir durch die Halle mit Vans, die ehemalige Backpacker für Miete dort haben stehen lassen. Richard, der also nur Vermittler ist, zeigt uns einige Wagen: Manche sind zu klein, andere zu alt oder zu teuer. Gute Wagen sind schon reserviert oder ich traue den Vierrädern noch nicht mal mehr fünf Kilometer zu, so alt sehen sie aus. Enttäuschung macht sich bei Maria und mir breit. Schon wieder kein geeigneter Wagen? Richard grinst und macht nebenbei die Seitentür auf: Weitere vierzig Backpacker-Karren stehen dort und warten auf den zukünftigen Besitzer. Und unter dieser großen Auswahl findet sich tatsächlich auch ein Wagen, der unsere Aufmerksamkeit erregt. Ein Toyota Hiace von 1988, mit 256.000 Kilometern auf den Achsen – doch ansonsten klasse. Hoffnungsvoll nehmen wir den Wagen auf eine Probefahrt mit. Schon bald steht fest: Der soll es sein! Glücklich halten wir zum Mittagessen an und inspizieren den Wagen von innen. Ein großes Bett zum Aufklappen, dazu noch Platz, um sich drinnen hinzusetzen; viele Ausrüstungsgegenstände und eine gute Musikanlage bietet der Wagen auch. Also lassen wir ihn vom Mechaniker des Car Market überprüfen. Er – als dazugehöriger Mechaniker natürlich – gibt grünes Licht. Über die nächsten Tage hinweg verhandeln wir mit den Verkäufern via E-Mail: Da noch einiges am Wagen repariert werden muss, wollen wir nicht einfach den geforderten Preis bezahlen, sondern müssen uns erst mit den Vorbesitzern, die seit vier Monaten schon wieder zu Hause in Frankreich sind, einigen. Für die entscheidenden Mails stehe ich nachts um halb drei neuseeländischer Zeit auf und wir erhandeln einen guten Preis: 4000 Dollar, inklusive der nötigen Reparaturen. Auch für die Erneuerung des neuseeländischen TÜVs, dem WOF (Warrant of Fitness), müssen noch einige Dinge getan werden. Denn der Wagen hat zwar noch zwei Monate die Zulassung, doch jetzt kommen die Vorbesitzer noch für die Auffrischung auf – so die Regeln des Car Market. Es dauert dann noch weitere fünf Tage, bis die Frontscheibe gewechselt, der Rost entfernt und die Abblendlichter ausgewechselt sind.

Mitten in der City: Earthquake-Ruinen
All die Vorbereitungen und die Reparaturen haben deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen, als ursprünglich erwartet, aber wir haben die zwölf Tage in Christchurch genutzt: Wir eröffneten ein Bankkonto, beantragten die Steuernummer (IRD-Nummer) und unternahmen auch einiges. Die Metropole der Südinsel wirkt im Jahr 2013 auf uns so, wie ich mir eine deutsche Großstadt 1948 vorstelle. Wo in den Straßen keine Löcher sind, da ist der Asphalt wellig. In der Innenstadt stehen nur noch wenige Gebäude der ehemaligen Vorzeigestadt. Wo die Ruinen des Erdbebens schon abgeräumt sind, befinden sich nun (teure) Parkplätze. Es wäre aber gelogen zu behaupten, dass schon alle eingestürzten Häuser beseitigt wären. Nur an wenigen Stellen sitzt noch ein Stein auf dem anderen, da, wo Christchurch einmal blühte und lebte. Städtebaulich bietet die Stadt nun großes Potenzial – doch soweit ist es noch nicht. Das zweite, das große Erdbeben, liegt jetzt zwei Jahre zurück, aber noch immer sind ganze Straßenzüge gesperrt. In ehemaligen Cafés sehe ich die unangetastete Möblierung, die Kaffeetassen stehen noch auf den Tischen. Daneben ein Bekleidungsgeschäft mit angezogenen Ausstellungspuppen im Schaufenster. Spätestens beim Anblick der ehemaligen Kathedrale, mit eingestürztem Turm und nur durch einen Bauzaun gesichert, versteht man, dass das Beben in den Köpfen der Bewohner noch allgegenwärtig sein muss. Viele der Innenstadtstraßen sind noch gesperrt, und das neue Einkaufszentrum befindet sich in bunten Schiffscontainern – „Restart Mall“ (Neustart Einkaufszentrum) hat man den verzweifelten, aber auf seine Art gelungenen Versuch getauft. Bei einem späteren Aufenthalt in Christchurch besuchen wir in dieser Restart Mall auch das Museum Quake City. In den Räumlichkeiten wird alles rund um Neuseelands Erdbebenanfälligkeit und die möglichen Folgen erklärt. Besonders deutlich werden die beiden starken Erschütterungen in Christchurch am 4. September 2010 und am 22. Februar 2011 dargestellt. Ich empfehle jedem den Besuch, der einen Einblick in diesen Einschnitt in der Stadtgeschichte und im Leben vieler Neuseeländer bekommen möchte. Leid vermischt sich im Museum mit Hoffnung, Interessantem und Glücklichem – die Trauer spielt aber eine entscheidende Rolle. Eine kuriose Geschichte in der Cashel Street 99 ist hingegen die des Bieres. Auch in der lokalen Brauerei fiel der Strom aus, als der Boden zitterte. Der Brauvorgang wurde unterbrochen, das Bier dadurch deutlich stärker als üblich. Was also tun mit dem „flüssigen Gold“? Man war erfinderisch und verkaufte die Charge als Erdbebenbier. Der Alkoholanteil stimmte am Ende mit dem Wert auf der Richterskala über ein – 6,3.

Die schöne Kathedrale: eingestürzt und abgezäunt

Sonne, Sand, Sumner. Der Stadtteil grenzt an das Meer und die Port Hills.


