Schule aus, Neuseeland ruft 2.

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Direkt am ersten Tag bringt uns Fiona in die Port Hills. Die kleine Hügellandschaft trennt Christchurch von der Banks Peninsula ab. Einige Tage später fahren wir noch mal mit Paul, dem Gastschüler, in das Luxus-Naherholungsgebiet. Es ist unser erster Gang durch die saftig grünen Wiesen Neuseelands. Der Weg schlängelt sich entlang des Meeres und führt neben zwei ehemaligen Geschützposten des neuseeländischen Militärs an unzähligen Schafen mit ihren Lämmern vorbei. Auch sonst lernen wir Paul zu schätzen – er wird über die zehn Tage, die wir zu Beginn bei den Prests verbringen, zu unserem ersten Freund, den wir hier finden. Paul und ich verbringen viele Abende damit, uns die Bälle auf der Tischtennisplatte in unserem Zimmer gegenseitig zuzuschlagen, oder Maria und ich treffen uns mit ihm in der Stadt.

Ein Spaß: Tischtennis-Duelle mit Paul
Als wir unseren Wagen von der Werkstatt wenigstens schon mal über Nacht mitnehmen dürfen, treffen wir uns abends mit Paul am Strand in Sumner und kochen dort auf unserem Campingkocher. In der folgenden Nacht schlafen Maria und ich testweise das erste Mal im Van – zwar nur vor der Haustür unserer Gastgeber, aber man muss ja irgendwo anfangen. Mitten in der Nacht wackelt der Wagen. Ich werde wach und wecke Maria. „Wer rüttelt da am Van?“, frage ich im Halbschlaf. „Hm … Das ist bestimmt ein Erdbeben“, antwortet Maria abgeklärt. Klar, also schlafen wir weiter. Am nächsten Morgen frage ich Fiona und Gary, die aber beide nichts gespürt haben. Sie nennen mir jedoch die Internetseite www.geonet. co.nz, die alle Erdbeben und Vulkanaktivitäten Neuseelands aufzeichnet. Und tatsächlich: In der Nacht hatte in Christchurch der Boden gewackelt. Stärke: 3,2 auf der Richter-Skala. Kein starkes Beben, aber durch die Stoßdämpfer des stehenden Wagens durchaus zu spüren. Danach unterhalten wir uns länger mit Fiona und Gary darüber, wie man im Falle eines starken Erdbebens handeln soll. Es ist sinnvoll zu wissen, dass man sich in einen Türrahmen stellen, die Matratze über den Kopf ziehen oder unter den Küchentisch krabbeln soll. Zum Glück müssen wir das neu gewonnene Wissen nicht anwenden: Wir selbst sollten von diesem Tag an bis zur Abreise kein weiteres Beben mehr spüren.

Campen auf Asphalt in New Brighton …
Einen Tag bevor endlich alle Reparaturen abgeschlossen sind und wir Christchurch endlich verlassen können, sagen wir Fiona, Gary und den Jungs „Tschüss“. Zwar hätten wir noch bleiben dürfen, aber wir wollen selbst die größte Gastfreundschaft nicht übermäßig strapazieren, dem sind wir nach zehn Nächten zweifelsohne nahe. Wir bedanken uns mit einem Gutschein über ein Essen für alle in einer netten Pizzeria und fahren los. „Wenn etwas ist oder ihr nochmals in Christchurch sein solltet, meldet euch“, sagen Fiona und Gary noch durchs Autofenster. Mal schauen … Austauschschüler Paul ist jedenfalls traurig und auch mir werden die abendlichen Tischtennisduelle fehlen.
Weiter geht es mit den Reparaturen unseres Wagens: Mechaniker Gary bringt uns zu seinem Kollegen – dem Rostentferner. Auf dem Rückweg machen wir uns Gedanken über den nächsten Schlafplatz. Die kommerziellen Campingplätze in Christchurch sind uns mit Preisen über 30 Dollar viel zu teuer. Kostenlose oder günstige Campingplätze des Department of Conservation (DOC) gibt es nicht. Diese findet man im ganzen Land an zahlreichen Stellen – der nächste von Christchurch aus ist allerdings knapp 25 Kilometer entfernt. Also was tun? Doch wieder zurück zur Familie in Avonhead? Das können wir ihr eigentlich nicht zumuten. Glücklicherweise gibt uns der Mechaniker einen Tipp: In der Nähe seines Hauses sei ein Parkplatz direkt am Strand. Dort sei es zwar auch verboten zu campen, aber im Sommer stünden da immer die Surfer mit ihren Vans über Nacht. Zwar haben wir momentan höchstens Frühling und wir sind auch ganz bestimmt keine Surfer, aber wir wollen es trotzdem probieren. Um 16 Uhr holen wir den Wagen ab, fertig ist er noch immer nicht, aber wir können ihn über Nacht nutzen. Mit unserem beweglichen Bett machen wir uns auf zum beschriebenen „Parkplatz am Strand“: New Brighton.

… dafür aber mit direktem Blick auf Meer und Sonnenaufgang
Die große geteerte Fläche mit Toiletten und kalten Duschen liegt direkt neben dem langen Betonpier New Brightons und der dazugehörigen Bücherei. Als wir ankommen, stehen tatsächlich einige Vans und auch gewöhnliche Pkw auf dem Abstellplatz. So ganz vertraue ich dem Mechaniker nicht, denn bei unseren Reisevorbereitungen hatten wir des Öfteren von verhängten 200-Dollar-Strafen gehört. Sicherheitshalber gehe ich zu einem der Vans und frage nach. „Jaja, das ist kein Problem. Um 22 Uhr wird zwar die Schranke zu gemacht und erst morgens um sieben Uhr wieder geöffnet, aber die sagen nichts“, lautet die Antwort in gebrochenem Englisch – Franzosen. Unsere europäischen Nachbarn können meist nur auf sehr eingeschränkte Englischkenntnisse zurückgreifen, wie sich im Laufe der sechs Monate zweifelsfrei herausstellt, aber trotzdem nett. Mit uns sind auch vier Deutsche gekommen, die wir über die letzten Tage am Car Market kennen gelernt hatten. Jan, Hannah, Jonas und Lennart kommen aus Dülmen und haben sich kurzfristig dazu entschieden, zwei Vans zu kaufen. Erst mal wollen sie daher auch weiter zusammen reisen. Wir werden sie noch deutlich öfter wiedersehen, als wir an diesem Abend denken. Gemeinsam verbarrikadieren wir uns an diesem ersten Abend gegen den Wind, bauen eine Wagenburg, kochen zusammen und genießen am nächsten Morgen einen rot-orangenen Sonnenaufgang.
Als die Sonne ihr Farbenspiel beendet hat, fahren wir zum letzten Mal zum Car Market – wenigstens vorerst. Während wir wieder auf den Rostentferner warten, gehen Maria und ich in ein nahes Kino. „Blue Jasmin“ – den Film verstehen wir immerhin größtenteils, unser Englisch ist eben auch noch nicht so berauschend. Der Reaktion des ansonsten deutlich älteren Publikums (es war Senioren-Tag im Kino …) nach zu urteilen, war der Streifen aber gut.
Nach dem Kino, gegen 14 Uhr, machen wir uns auf den Weg zur Werkstatt, der Wagen ist fertig! Auf dem Weg kommen wir bei einem Imbiss vorbei und bestellen uns unsere ersten neuseeländischen Fish'n'Chips. In einer alten Zeitung eingewickelt liegt ein verschnörkeltes Stück Meerestier neben dicken, goldenen Pommes, gesalzen mit leckerem „Chicken Salt“, einer Gewürzmischung aus Meeressalz und Kräutern. Es ist frisch und schmeckt vorzüglich. Schade nur, dass wir mit diesem auch noch sehr günstigen Mittagessen die besten Fish'n'Chips der kommenden sechs Monate gleich als Erstes probieren. Bis zu unserer Abreise aus Auckland essen wir keine vergleichbare Variante des Fastfood-Klassikers. Ein Besuch dieses Fischladens ist daher ein Muss: „Kumea's Delicatessen“ in der Shakespeare Road 9 gehört einem Zyprer und versteckt sich in einem kleinen Hinterhof.
Wir haben in Christchurch eigentlich schon alles gesehen: Der Botanische Garten ist vor allem im Sommer einen Besuch wert und das kostenlose Canterbury Museum ist für Backpacker ein guter Zeitvertreib. Auch nach Lyttelton sind wir gefahren, dem ehemals größten Hafen der Südinsel. Als wir dort aus dem Linienbus aussteigen, sind wir etwas enttäuscht: Vom Charme, den unser Reiseführer beschreibt, ist nicht viel zu spüren. Auch in Lyttelton sind viele der sehr steilen Straßen kaputt, Häuser renovierungsbedürftig und die Straßenzüge verlassen – außer einer Touristengruppe, die gemeinsam mit uns aus dem Linienbus gestiegen ist, sehen wir nicht viele Leute. Und der Hafen? Der hat seit dem Erdbeben seine wirtschaftlichen Probleme, wie wir später erfahren. Zwar liegen dort noch immer viele Holzstämme am Pier, doch übergroße Frachtschiffe fehlen. Nach einem kleinen Gang, der vor allem die sehr steilen Straßen hinauf geht, verabschieden wir uns wieder vom Überseehafen. Wir wollen ja ohnehin noch hier bleiben. Und besuchen stattdessen die sich in einem perfekten Zustand befindenden Einkaufszentren außerhalb der Innenstadt. Die „Riccarton Mall“ bietet alles, was das (Shopping-)Herz begehrt. Und auch die „Northgate Mall“ glänzt mit modernem Gebäude und vielen Läden – vom Supermarkt über Bekleidungsgeschäfte bis hin zum Fitnesscenter und einer Bücherei.

Der Überseehafen in Lyttelton wirkt überraschend „little“
Als wir den Wagen dann abholen können, bezahlen wir den Mann bar auf die Hand und fahren einkaufen. Denn es soll noch an diesem Tag endlich losgehen. Das erste Ziel: Little River auf der Banks Peninsula. Für dort haben wir uns noch von zu Hause aus eine Wwoofing-Stelle organisiert. Wwoofing, das ist Arbeiten auf einer Bio-Farm, und als Bezahlung gibt es Unterkunft und Verpflegung – so wenigstens die Idee des Internetnetzwerkes, für dessen vollständige Nutzung man sich gegen jährliche Gebühr anmelden muss. Faktisch sieht Wwoofing in Neuseeland aber anders aus: Zwar gibt es auch noch Bio-Farmen, aber auch viele andere Bauernhöfe oder Leute, die Helfer für alle möglichen Arbeiten gebrauchen können, suchen nach arbeitswilligen Wwoofern. So hat auch unsere erste Station die Wwoofing-Regeln etwas abgewandelt: Wir haben uns für den Little River-Campingplatz entschieden, wo wir drei (statt üblicherweise vier) Stunden am Tag arbeiten sollen. Als Bezahlung gibt es dafür dann auch nur eine der Campinghütten (cabins) und kein Essen.
Top und Flop: Wwoofing in Little River und Waimate

Das saftige Grün der Banks Peninsula
Top und Flop: Wwoofing in Little River und Waimate
Wir verlassen Christchurch in Richtung Banks Peninsula. Voller Vorfreude, dass es endlich richtig losgeht, nehmen wir die Port Hills in Angriff. Bald wird uns klar: Schnell geht es mit unserem Van keine Berge hinauf. Die recht steilen Straßen kämpft sich unser „Super Custom Limited“ mit knapp über 30 km/h hoch. Wenn die Steigung dann noch zunimmt, sind die 30 km/h die absolute Höchstgeschwindigkeit. Doch wir haben ja Zeit … Langsam bricht die Dämmerung herein und der ohnehin schon starke Wind entwickelt sich zu einem Sturm. Ich kämpfe gegen die Böen, die uns und den Wagen von der linken Spur immer wieder auf die rechte drücken. Doch da will ich gar nicht hin! Ich versuche mich ja momentan an den Linksverkehr zu gewöhnen. Mit fortschreitender Zeit nimmt der Sturm zu, die Böen nehmen zu, die Kurven werden enger und die anderen Autos werden weniger. Vielleicht hätten wir uns doch besser für den stärker befahrenen, aber längeren State Highway 75 entscheiden sollen. Dafür ist es jetzt zu spät. Wir hatten schließlich bewusst die kürzere und landschaftlich schönere Strecke gewählt – dafür ist der Weg offenbar ungemütlicher und zeitlich länger. Und auch als wir die Port Hills endlich hinter uns lassen und auf den State Highway abbiegen, windet es noch stark. Die fortgeschrittene Dämmerung und der starke Wind zwingen mich dazu, auf der Mittellinie zu fahren. Von den beiden großen Seen, dem Lake Ellesmere und dem Lake Forsyth, bekomme ich kaum etwas mit. Mein Augenmerk gilt den Bäumen, die sich am Straßenrand bedrohlich im Wind biegen. Der Lake Ellesmere ist mit 180 Quadratkilometern der größte See Canterburys. Er hat mit unter drei Metern eine geringe Wassertiefe und keinen ständigen Abfluss – daher wird das Wasser, falls der Wasserspiegel zu sehr steigt, durch künstliche Kanäle abgelassen. Diese werden bei Bedarf von den Landwirten der Region durch das sehr schmale Stück Land zwischen See und Pazifik gebaut. Jetzt peitscht der Wind das Wasser in hohen Wellen über die Oberfläche. Einfach nur weiterfahren. Ein großer Ast fliegt über die Straße. Weit kann es doch nicht mehr sein, oder? Irgendwann wird es so dunkel, dass ich die Baumspitzen nur noch erahnen kann – zu spät, um nach umstürzenden Bäumen Ausschau zu halten.

Little River, ein Campingplatz mit Idylle

Erst am zweiten Tag treffen wir unseren Wwoofing-Host Marcus
Als wir endlich in Little River, dem ersten kleinen Örtchen auf der Banks Peninsula, ankommen, biegen wir rechts ab und fahren durch ein Tal mit düsteren, großen Tannen zum Campingplatz. Diesen verschluckt gerade die Dunkelheit, während über uns der Wind in den Wipfeln tost. Im Lichtkegel der Scheinwerfer folgen wir der Aufforderung eines Schildes und läuten die kleine Schiffsglocke an der Anmeldung – nichts tut sich. Um uns herum herrscht absolute Dunkelheit. Kein Licht und außer dem Rauschen der schwarzen Tannen kein Geräusch. Noch mal läuten – immer noch nichts. Auch auf meinen Anruf hin melden sich sowohl im Festnetz als auch auf dem Handy des Campingplatz-Besitzers nur die Anrufbeantworter. Das fängt ja klasse an: Kein Wwoofing-Gastgeber, eine geschlossene Anmeldung, kein Licht, und wo sind eigentlich die anderen Camper? Niemand hier. Waren wir zu voreilig, jemand Fremdem unsere Zusage zu geben? Mit Taschenlampen machen wir uns auf den Weg über den verlassenen Platz, vorbei an den leeren cabins, in denen wir uns eigentlich schon mit Licht, Heizung und etwas Leckerem zu essen gesehen hatten. Kalt ist es nämlich Anfang September auch noch. Schließlich finden wir eine Hütte, in der Licht brennt, und klopfen an. Es öffnet ein überraschter Herr mit einem blauen „Autobahn“-T-Shirt. Immerhin jemand, der unsere Sprache spricht. Falsch gedacht, stellt sich schnell heraus – er ist nur Fan der gleichnamigen Band. Der Besitzer des Campingplatzes ist er leider nicht, dieser sei samt Frau in Christchurch beim Einkaufen. Er selbst ist nur ein Freund der Familie und lebt in dieser Hütte. Aha. Und wir? Von uns hatte er zuvor nichts gehört. Also gehen wir auf die Suche nach einem Schlafplatz: Die einzige nicht verschlossene Kabine ist ein Gartenhäuschen mit Bett, zwei Gemälden, einem Kühlschrank und Laub. Denn die Tür war vom Wind aufgeweht worden. Naja, aber wir sind froh: Immerhin haben wir eine Unterkunft mit Strom und sogar einer wärmenden Elektroheizung. Wir geben uns zufrieden. Kochen müssen wir allerdings in der offenen „Küche“ des Campingplatzes – zwei Kochstellen samt Regenwasserversorgung unter einem Holzdach. Der Lampion schwingt im Wind. Dann geht es in unser Nachtdomizil. Das Elektrogebläse taut uns und die Hütte langsam auf. Allerdings hauen die Äste der umstehenden Bäume auf das kleine Wellplastikdach. Eine Stunde später hat der Sturm auch im Tal des Campingplatzes richtig losgelegt. In Abständen von wenigen Sekunden kündigen sich die Böen an, bis sie dann die Bäume um unser Häuschen herum erreichen und die Äste unheilvoll auf das Plastikdach einschlagen. Die Deckenlampe flackert, durch die Holzwände zieht der Wind herein und die Eingangstür wird zunächst mehrfach aufgeweht. Ich weiß nicht, bei wie vielen Böen ich in dieser Nacht dachte, dass nun einer der Bäume umknickt. Von Stürmen in der Heimat wusste ich, wie schnell das gehen kann. An Schlaf denke ich daher lange nicht. Während Maria neben mir unruhig einschläft, warte ich immer die nächste Böe ab und noch eine und noch eine. Gegen halb drei am Morgen lässt der Sturm endlich nach und keine kleineren Äste fliegen mehr gegen die Holzwände oder das Dach.

Unser „Lohn“: Bett und Küche in dieser Hütte
„Heute Nacht wäre ich gerne in meinem warmen Bett in Witten und nicht hier, irgendwo im Nirgendwo auf der Banks Peninsula“, schreibe ich an diesem Abend in mein kleines Tagebuch. Völlig übertrieben? Naja, uns ist zwar nichts passiert. Doch als wir am nächsten Morgen die Handys einschalten, haben wir mehrere SMS und verpasste Anrufe von der Familie in Christchurch auf dem Display. Der Sturm hatte in Christchurch und der gesamten Region Canterbury mächtig zugeschlagen: eingedrückte Fenster, abgedeckte Dächer oder umgekippte Bäume in Christchurch. Und als wir später auf dem Campingplatz endlich den Besitzer, Marcus, treffen, berichtet er, dass viele Bäume auf der Straße gelegen hätten, als er am vorherigen Abend gegen 22 Uhr aus Christchurch gekommen sei. Dieselbe Route, die wir nur zwei Stunden eher gefahren waren. Außerdem erfahren wir in den nächsten Tagen, dass zahlreiche Menschen im Westen der Südinsel für Tage ohne Strom waren und am Haast Pass, der die Westküste im Süden mit dem Rest des Landes verbindet, zwei Kanadier in dieser Nacht von einer Schlammlawine mitgenommen wurden – wir hatten also richtig Glück.

Direkt am Zeltplatz fließt ein Bach entlang
Wir treffen also endlich den Besitzer. Marcus, ein junger und etwas wuseliger Mann, hat sich mit dem Kauf des Campingplatzes vor etwa zehn Jahren einen Lebenstraum erfüllt. Er erklärt uns alles und zeigt uns unsere neue, richtige Unterkunft. Eine der einfachen Hütten, die aber eine eigene, kleine Küchenzeile und neben einem Schlaf- auch einen Wohnbereich haben. Ganz wichtig: Wir bekommen auch den Zugang zum Wlan-Netzwerk, was für den Kontakt mit zu Hause nicht zu unterschätzen ist. Außerdem stellt Marcus – der generell immer nur über den Campingplatz rennt, anstatt zu gehen – uns Noemie und Fabien vor. Das Backpacker-Paar ist ebenfalls als Wwoofer auf dem Little River Campingplatz. Nach abgeschlossenem „Umzug“ aus der winddurchlässigen Gruselbude der ersten Nacht in unsere neue Hütte geht es an die Arbeit: Während Maria und Noemie eine der besagten Hütten (oder cabins) anstreichen müssen, ziehen Fabien und ich los, um einen der kleinen Bäche zu säubern, Unkraut zu jäten und ein Beet umzugraben. Dann will Marcus mit uns gemeinsam große Holzscheiben als Sitzgelegenheiten zu einer Feuerstelle transportieren.

Maria setzt den Wanderweg instand
Zu dritt hieven wir die schweren Stücke in einen alten Van und laden sie an der richtigen Stelle ab. Nach der zweiten Fuhre rutscht der Van vom Pfad ab und landet mit dem rechten Hinterrad in dem kleinen Bach. Nach halbstündigem Rätseln und Ausprobieren steht fest: Das war‘s erst mal mit dem Van. Wir müssen mit der vorherigen Arbeit weitermachen und Marcus versucht einen Bekannten mit einem Geländewagen aufzutreiben – was dann auch irgendwann im Laufe des Tages funktioniert. Nach dem Mittagessen und einem kurzen Päuschen geht es wieder an die Arbeit. Fabien und ich müssen nun Zäune und Treppenstufen an den zahlreichen Wanderwegen, die vom Campingplatz durch Buschwerk die Hügel hinauf führen, reparieren. Schon am Ende des ersten Arbeitstages tut mir alles weh. Allerdings haben wir viereinhalb Stunden gearbeitet und können diese „Überstunden“ die nächsten Tage abstottern – denn an diesen arbeiten wir weiter an den Wanderwegen. Allerdings ist unsere ehrgeizige Arbeit nur ein Anfang: Marcus, der immer mal wieder vorbeischaut, uns lobt und auch mit anpackt, könnte eine ganze „Wwofing-Armee“ gebrauchen, wie Fabien es treffend formuliert.

Fabien und ich reparieren Zäune
Während die körperliche Arbeit an den Wanderwegen noch Spaß macht, zählt die Aufgabe, die Plumpsklos für die nächsten Gäste zu putzen zu den unschöneren Wwoofing-Arbeiten. Ein Plumpsklo zu putzen ist tatsächlich nochmals eine Stufe schlimmer, als es zu benutzen.
Die Nachmittage nutzen wir, um die Banks Peninsula zu erkunden. Hoch und runter gehen die kurvenreichen Straßen – und das mitunter steil. Dafür bietet sich einem immer wieder ein toller Blick, teils in nur spärlich bewohnte Buchten. Akaroa, der Hauptort der Insel und im Sommer ein Touristenmagnet, ist auch eines unser Ausflugsziele. Wir laufen dort nicht nur durch die kleinen Straßen, die dank der französischen Besiedlung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch immer französische Namen haben, sondern schauen uns auch nach Jobs um. Wir fragen in der Touristen-Info, in Geschäften und Cafés. Alle verweisen uns allerdings an eine kleine Arbeitsagentur oder sagen, wir sollten im Sommer zur Hauptsaison wiederkommen.

Im Sommer sind die Parkplätze hier voller!
Bei der Jobvermittlung fragen wir nicht an, denn dort hatte schon Marcus für uns angerufen. Das plötzliche Interesse an einem bezahlten Job kommt in erster Linie vom Kauf des Wagens – denn der hatte ja mehr Geld gebraucht als ursprünglich kalkuliert. Außerdem hatten wir einen heißen Tipp von unserem Rostentferner in Christchurch bekommen: Wir sollten in Akaroa in einem bestimmten Hotel nach Jack fragen. Der Mitarbeiter kenne viele örtliche Farmer und habe häufig Jobs zu vergeben. Was für eine Chance! Sich über Kontakte vom Rest der Backpackermasse herauszuheben, klingt in unseren Ohren vielversprechend. Auch, wenn ein Job zu diesem Zeitpunkt noch nicht zwingend notwendig ist, ergibt es für mich Sinn, zu arbeiten, solange noch Puffergeld da ist und nicht damit zu warten, bis der Notgroschen aufgegessen ist. Als wir gleich nach unserer Ankunft in das Hotel gehen, ist Jack allerdings nicht zu finden. Er arbeite erst in drei Stunden, so die Auskunft des nur mäßig freundlichen Personals. Also überbrücken wir die Zeit: Wir besichtigen den alten Friedhof, schauen uns einige der alten Häuschen (wobei „alt“ in diesem Falle immer relativ zu betrachten ist) an und gehen zum Akaroa Lighthouse. Der kleine Leuchtturm ist den kurzen Weg wert – oder man macht es so wie drei asiatische Touristen: Im Van hinfahren, aussteigen, drei Fotos mit beeindruckenden Sprung-Einlagen machen, die daraufhin auch ich mehrfach darbiete, und weiter geht es. Sie laufen noch nicht einmal die zwanzig Meter um den Turm herum …

Akaroa Harbour
Drei Stunden später finden wir uns wieder an dem Hotel ein. Ansprechpartner Jack ist noch immer nicht da. Wir sagen seiner Kollegin unser Anliegen und sie führt uns in die angeschlossene Kneipe, wo wir warten sollen. Um uns herum raue Farmer, die auf die Fernsehbilder des dazugehörigen Wettbüros starren. Zehn Minuten später betritt ein älterer Mann die Bar und wird kurz von seiner Kollegin auf uns aufmerksam gemacht. Wir fühlen uns nicht wirklich wohl – und Jack gibt sich auch nicht die Mühe, dies zu ändern. Nachdem er uns weitere Minuten warten lassen hat, kommt er zu uns rüber. „Ihr wollt also einen Job? Irgendwelche Erfahrungen?“. Kein Hallo, keine weiteren Fragen – nichts. Vollkommen perplex verneine ich. Er brummelt irgendetwas vor sich hin und fordert uns auf, unsere Namen und Handynummern zu notieren. Er melde sich dann in den nächsten Tagen bei uns, sagt unser Geheimtipp, dreht sich um und geht ohne ein weiteres Wort. Überrascht und mit einem unguten Gefühl im Bauch sehen wir zu, dass wir schnell aus dem Laden herauskommen und fahren wieder Richtung Little River Campingplatz. Wir sind uns einig: Auf seine Jobvermittlung können wir auch gut verzichten. Gemeldet hat sich Jack aber ohnehin nie mehr bei uns.

Spielplatz in Okains Bay: Wie in „alten“ Schulzeiten
An einem anderen Tag sind wir die „Touristen-Strecke“ der Banks Peninsula gefahren. Die ruhige Straße führt über den Mittelkamm der Halbinsel und bietet tolle Panoramen in die vielen Buchten hinein. Wir machen einen Abstecher nach Okains Bay hinunter. Die Fahrt in die kleine Bucht lohnt sich. Das Mini-Örtchen war einst richtig im Aufschwung, wie eine Informationstafel am verlassenen Strand verrät. Bei abblätternder Farbe lese ich, dass die einst so wichtige Käsefabrik den letzten Käse in den 1960er-Jahren auf den Markt brachte; und das einzige Hotel, in dem Gäste aus nah und fern unterkamen, brannte bei einem Unfall ab – allerdings geschah dies schon 1880. Jetzt gibt es nur noch einen riesigen Campingplatz, dessen Spielplatz wir kindisch verunsichern. Wir denken uns noch, dass der Platz direkt am Strand schön und für die Abgeschiedenheit ziemlich weitläufig sei, denn Camper sind hier Mitte September kaum zu sehen. Später erfahren wir, dass der Campingplatz „Okains Bay“ einer der größten auf den Banks Peninsula ist und für die Sommermonate teils schon Wochen vorher gebucht werden muss. So kann man sich täuschen …



