Schule aus, Neuseeland ruft 2.

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Auch für Bergsteiger ist der Aoraki/Mount Cook eine gerne gewählte Herausforderung. Die Erstbesteigung fand 1884 durch drei Einheimische statt. Sir Edmund Hillary übte schließlich 1948 zusammen mit seinem Kollegen Tenzing Norgay am Mount Cook für seine Everest-Expedition. Bekanntermaßen erfolgreich: Hillary und Norgay waren 1953 die nachweislich ersten Menschen auf dem Everest.
Wer nicht der große Bergsteiger ist, dafür aber das nötige Kleingeld hat, kann mit einem der zahlreichen Unternehmen einen „Scenic Flight“ buchen. Die nicht ganz billigen Panoramaflüge starten im Flugzeug oder im Helikopter von allen möglichen Orten. Uns fehlen allerdings sowohl die bergsteigerischen Ambitionen und Fähigkeiten als auch besagtes Kleingeld, so dass wir lediglich an den vielen Werbetafeln für das teure Panorama vorbeifahren. Im Mount Cook Village wollen wir das „Sir Edmund Hillary Alpine Centre“ besuchen. Das Museum – so erfahren wir vor Ort – ist allerdings nicht ganz billig. Daher entscheiden wir uns dazu, das Geld zu sparen und stromern stattdessen nur durch den Souvenir-Shop. Vielleicht die falsche Entscheidung, denn so sitzen wir später wieder im Wagen und sind von unserem eigenen Tagesprogramm enttäuscht. Wir waren weder wandern noch im Museum. Immerhin entscheiden wir uns spontan, dem Wegweiser zum Tasman Glacier zu folgen. Über eine kurvige Schotterpiste – zu diesem Zeitpunkt noch ein Novum und eine Besonderheit für uns – fahren wir zum Parkplatz und laufen den 15-minütigen Weg bergauf. Oben bietet sich uns nicht nur ein toller Blick auf die Rückseite des Mount Cook, sondern auch ein See mit Eisbergen. Eisberge? Also fast: Der Tasman Glacier verlief einst durch das gesamte große Tal bis zum Lake Pukaki. Heute, im Jahr 2013, ist das Eis schon weit zurückgeschmolzen. Dort, wo der Gletscher noch vor wenigen Jahren war, lag er allerdings waagerecht in seinem Becken. Durch die Erderwärmung taute er daher nicht wie andere Gletscher, von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Dadurch wirkt es heute so, als würden die letzten Eisreste wie Eisberge aus dem Gletschersee des bereits geschmolzenen Eises herausragen. Außerdem brechen immer wieder größere Eisbrocken vom Ende des Gletschers ab und schwimmen dann im Lake Tasman, dem beschriebenen See, bis sie wegschmelzen. Ein Naturschauspiel, das so äußerst selten ist und wohl in wenigen Jahren gänzlich verschwunden sein wird. Drumherum liegt viel Geröll, das durch das schmelzende Eis freigelegt wurde. Dieses Geröll bedeckt aber nicht nur Erde, sondern vor allem Tonnen von Eis, das es gleichzeitig gegen die Sonneneinstrahlung schützt. Man geht davon aus, so lernen wir, dass der Gletscher an manchen Stellen noch etwa 600 Meter dick ist. Wir verlassen den Tasman Glacier und fahren weiter. Anstatt am DOC-Campingplatz „White Horse Hill“ zu nächtigen, fahren wir wieder entlang des Lake Pukaki in Richtung State Highway nach Cromwell, wo unsere nächste Wwoofing-Stelle liegt.

Manche Aussichten in Neuseeland müssen einfach nicht kommentiert werden!
Nach einigem Überlegen ringen wir uns dazu durch, zum ersten Mal wild zu campen. Wir parken den Van auf einem kleinen Schotterplatz, etwa doppelt so groß wie der Wagen. Auf der einen Seite die Straße, von der man uns erst im zweiten Moment sehen kann, auf der anderen Seite ein toller Blick auf den unter uns liegenden Lake Pukaki. Uns ist etwas mulmig zumute. Dürfen wir nun hier campen oder riskieren wir 200 Dollar Strafe? Sehr vorsichtig kochen wir mit zugezogenen Vorhängen und machen unsere Campinglaterne bei jedem sich nahenden Auto aus. Wir wollen schließlich nicht erwischt werden, und ein wenig unheimlich ist dieses Campen im Nirgendwo auch. Letztlich kommen insgesamt vielleicht drei oder vier Autos vorbei. Allerdings rauscht der Wind immer wieder über die umliegenden Hügel, so dass wir alle paar Minuten aus Angst vor einem Auto oder Bus das Licht ausknipsen. Zum Essen setzen wir uns in die offene Seitentür. Über dem Wagen leuchten Millionen von Sternen, die Milchstraße erstreckt sich über weite Teile des Himmels. Wären wir vom Sternenhimmel im australischen Outback nicht derartig verwöhnt, würde ich wohl aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.
Unter diesem Himmel ist das Wildcampen unfassbar berauschend. Allein im schwarzen Nichts der neuseeländischen Nacht. Die nächsten Menschen sind mindestens zehn Kilometer in alle Richtungen entfernt. Ein solches Erlebnis von Weite, Stille und Einsamkeit kostet anfangs Überwindung, aber hat man sich dran gewöhnt, wird es zu einem reizvollen und wunderschönen Abenteurer-Erlebnis mit einer gewissen Romantik, die unsere Zeit, unsere Gesellschaft weitestgehend verlernt hat.

Sonnenaufgang beim Wild Campen
Ein rotglühender Himmel weckt uns am Morgen. Noch ist kein Auto auf der achtzig Kilometer langen Sackgasse unterwegs gewesen. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich im Osten über die Bergkette hinter dem See. Ein atemberaubender – und das ist keine Floskel – Sonnenaufgang am Lake Pukaki. Dazu der Blick auf den angeleuchteten Aoraki/Mount Cook, von dessen Spitze in einer großen Wolke der Puderschnee gepustet wird. Keine Worte unserer Sprache können diese Atmosphäre beschreiben, keine Bilder zeigen die Pracht dieses Moments zur Gänze. Und wir haben es erlebt!

Lachsfütterung
Bald geht es weiter zurück zum State Highway und nach Twizel, das auf der Strecke liegt. Das kleine Städtchen, das sich laut Reiseführer von einer Bauarbeitersiedlung zu einem kleinen Touristenort gehamstert hat, beeindruckt nur wenig. Abgesehen von zwei (!) der kleinen Four Square Supermärkte gibt es noch einige Geschäfte, die um einen Platz herum im Quadrat angeordnet sind. Wir nutzen die öffentliche Toilette, um uns frischzumachen und loggen uns dann im kostenlosen Internet ein. Dabei sitzen wir auf dem Marktplätzchen und lauschen dem lokalen Radiosender. Blechern tönt das aktuelle Programm, mit einer interessanten Musikmischung aus aktuellen Pop-Hits und Country-Musik aus alten Lautsprechern. Der gesamte Platz wird beschallt. Warum sich der Radiosender einen Bungalow mit der Toilette teilt, bleibt mir unerschlossen – so bescheiden ist das Programm jedenfalls nicht. Bei Twizel liegt auch eine der vielen Lachsfarmen, die ihre Fische in den künstlichen und hochgelegten Kanälen zwischen den Seen aufziehen. Dort kann man kostenlos einige Lachse füttern, die in einem großen Netzkäfig im Kanal schwimmen, und zwar den ganzen Tag im Kreis, denn viel Platz ist hier nicht. Das Füttern ist dennoch amüsant, da die Lachse beim Fressen aus dem Wasser herausspringen.

Eddie kämpft am Abgrund
Aller guten Dinge sind drei – so ist es auch bei den blauen Seen in der Mitte der Südinsel. Nach Tekapo und Pukaki besuchen wir daher auch den Lake Ohau. Es ist der kleinste der drei Wasserreservoirs und Energieträgern und liegt vom State Highway etwas abgelegen, so dass sich kaum Touristen und keine Busse hierher verirren. Wir hatten ursprünglich mal vor, eine Wanderung an einem der steilen Hänge, die um den See herum liegen, zu machen – allerdings sehe ich an der Straße ein Hinweisschild auf das Lake Ohau Skifield. Schon vor unserer Ankunft in Neuseeland wollte ich gerne einmal in dieser Zeit Ski laufen, quasi im deutschen Sommer. Ist dies nun meine Chance? Schnell google ich mit dem Handy das Skigebiet: Ein kleines Gebiet mit nur zwei Liften und erschwinglichen Preisen. Geöffnet ist es auch, wie ich über das Telefon herausfinde. Maria, die weniger skibegeistert ist, gibt ihr „okay“ und möchte so lange im Wagen oder auf einer Hütte warten. Also nichts wie hin! Wandern können wir ja danach immer noch. Da die Pisten oberhalb des Sees liegen, etwa 400 Meter höher, muss man hinauf fahren. Direkt nach der Abzweigung ist die Straße nicht mehr asphaltiert, sondern führt über Felsen und Schotter. Schafft unser Van das? Sicherheitshalber rufe ich nochmals an. „Natürlich, da sind viele Vans auf dem Parkplatz“, lautet die Antwort. Also los. Noch bevor es bergauf geht, müssen wir durch einen etwa 25 Zentimeter tiefen Fluss. Na klasse! Wir machen das, was wir zu Hause nie gemacht hätten und fahren durch die Furt. Den Wagen treiben wir mit streckenweise unter 15 Kilometern pro Stunde den Berg hinauf. Die Straße, eine Schotterpiste, anderthalb Autos breit und ohne jegliche Leitplanken oder dergleichen, ist ein Abenteuer und erst recht ein Riesenerlebnis. Auch der Blick ist das Ganze definitiv wert! Nach 35 Minuten erreichen wir den Parkplatz und stellen uns zwischen zwei große Geländewagen. Ich sehe weit und breit keinen einzigen Van – egal, wir haben es geschafft und ich will auf die Piste. Von Skiern und Schuhen über eine vernünftige Ski-Jacke bis hin zu Brille und Handschuhen – alles kann ich mir im Lake Ohau Skifield leihen. Das international besetzte Team ist freundlich und offen. Als ich endlich auf den Schnee komme, ist natürlich der einzige Sessellift gerade kaputt. Also fahre ich einige Male den kurzen Schlepplift. Dann geht es endlich bis ganz nach oben. Der Blick ist sensationell und sogar die Sonne kommt heraus. Durch schweren Frühlingsschnee drehe ich meine Kurven und kann die Augen nur schwer vom unter mir liegenden Blau des Sees abwenden. Für nur zwei Lifte bietet das Skigebiet eine bemerkenswert große Auswahl an Pisten – fast alle der insgesamt vierzehn möglichen Pisten sind zwei Wochen vor Saisonende noch geöffnet. Während sich zur Hochsaison um die 350 Skiverrückte die Pisten herunterstürzen, sind es heute nur 30. Jeder Skiläufer muss sich eintragen. Daher bin ich eindeutig der Letzte, der nach drei Stunden doch noch vor dem Regen flüchtet, denn dieser hatte irgendwann eingesetzt und dem Schnee zugesetzt. Feierabend für heute – auch für die Angestellten. „Der Regen hört eh nicht mehr auf“, sagt der Kanadier und nimmt meine Skischuhe wieder an sich. Im Regen fahren wir dann also wieder den Schotterweg hinunter. Wasser und Schlamm fließen fast schneller den Berg hinab als wir rollen. In aller Vorsicht kommen wir unten wieder an. Hinter uns ist auch schon der Kleinbus mit dem Personal drin – sowas gibt’s vermutlich auch wirklich nur in Neuseeland. Noch eine letzte Bemerkung zu der Straße: Wir hatten noch Glück! Üblicherweise liegt auf dem Weg dick Schnee. Ohne Ketten sei dann dort kein Hochkommen – aber keine Sorge: Schneekettenverleih (inklusive Montage) gibt es in der dazugehörigen Lake Ohau Lodge am Fuße des Berges.

Lake Ohau Skifield: Piste mit Seeblick
Und was bleibt von diesem Erlebnis außer im deutschen Sommer mal Ski gefahren zu sein? Ein Name für unseren Van! Ab sofort nennen wir den Toyota „Eddie“. Benannt ist er nach dem bereits erwähnten Bergsteiger Sir Edmund Hillary. Denn Eddie klettert die Berge genauso schnell hinauf wie einst Hillary den Everest oder Cook erklomm – also wir meinen dieselbe Geschwindigkeit.
Weiter geht's. Denn an Wandern ist bei dem Regen nicht mehr zu denken. Kurz vor Omarama am State Highway 8 folgen wir einem Schild zu den Clay Cliffs. Die Sandsteinformation sieht aus wie gewundene Stachel. Über Jahrtausende wurde der Sand unter größeren Kieselsteinen weggespült, so dass daraus diese Stachelgebilde entstanden. All der Sand befindet sich dafür nun auf der Straße – Eddie, unser Van, hängt darin kurz fest. Halb rutschend, halb rollend kommen wir aber rückwärts nochmals raus. Das Gelände ist in Privatbesitz, weswegen am Beginn der Straße eine Box steht mit der Bitte, fünf Dollar zu bezahlen. Die Box ist so ehrlich, dass man die fünf Dollarnote wieder herausziehen und dazu noch weitere stibitzen kann. Man müsste den roten Metallkasten mal dringend wieder leeren! Trotzdem ist es typisch Neuseeland: Es gibt viele, viele Straßenverkäufe mit „honesty box“ (Ehrlichkeitsbox). Teilweise liegt sogar eine Liste dabei, in die man sich eintragen kann, wenn man gerade kein Geld dabei hat.

Felsen aus Sand: die Clay Cliffs
Omarama selbst bietet außer (für uns zu teure) Entspannung in Fässern mit heißem Wasser, Segelfliegen und teurem Sprit nicht viel. Wir fahren daher weiter den Lindis Pass hinauf, der Canterbury mit Otago verbindet. Die Straße ist hier stark befahren und führt durch um diese Jahreszeit braunes Grasland.

That is my road!
Danach geht es durch felsige Täler, wieder bergauf und bergab. Wir unternehmen hier nicht allzu viel, abgesehen von einem Päuschen an meiner Straße: „Philips Road“ ist ein kleiner Seitenweg, der ansonsten aber auch nicht viel bietet. Da unser Tank fast leer ist, peilen wir Tarras an. Über fast 100 Kilometer ist dieser Ort ausgeschildert. Als wir ankommen, besteht er aus einer Tankstelle, einem Café und einer Töpferei. Das Benzin ist hier natürlich noch teurer als in Omarama – Pech gehabt. Mit nur halb vollem Tank fahren wir entlang des Lake Dunstan bis nach Cromwell, wo wir uns im ersten größeren Supermarkt seit drei Tagen für das Abendessen eindecken. Bald wird uns klar, dass es hier schwer werden dürfte, einen Job zu finden. Unsere Hoffnung lag in den Weinbergen und Obstplantagen – aber Ende September sind diese noch kahl und in den letzten Zügen der Winterstarre. Wir suchen dann erst mal unsere Wwoofing-Stelle: Cairnmuir Station liegt 15 Minuten außerhalb von Cromwell in Bannockburn.
Wwoofing in Cromwell

Farmleben pur!
Wwoofing in Cromwell

Lecker!
Wir kommen auf der Farm an – kurz vor knapp, denn wir sollten um vier Uhr spätestens dort sein, war uns gesagt worden. Mit 15.50 Uhr sind wir also quasi zehn Minuten zu früh. Unsicher suchen wir das Haus. Am Straßenrand stehen zwei Hausnummern, es gehen zwei Schotterwege davon ab. Wir wollen gerade zu dem unteren Haus fahren, das mehr nach Farm aussieht, da winkt eine Frau vom oberen aus. Also doch zum anderen. Wir stellen Eddie vor der Tür ab und werden von Jackie begrüßt. Sofort herzlich und sehr freundlich und das, obwohl sie eigentlich auf heißen Kohlen sitzt: In einer halben Stunde will sie mit ihrem Mann Alistair und den beiden Kindern Blake und Georgia für den Abend ausgehen. Alistair ist allerdings noch auf der Farm unterwegs – Männer eben. Wir verbringen also unseren ersten Abend weitestgehend allein auf Cairnmuir Station. Mit uns ist nur der Wach- und Haushund Hiedi. Wir machen uns ein aufwendiges Essen in der großartigen Küche: Steak mit geschmorten Pilzen und Kartoffeln. Und nach der ersten Dusche seit drei Tagen schmeckt diese Mahlzeit noch besser. Kurz: Wir fühlen uns so richtig wohl! Als die vier zurück sind, müssen wir im Internet zeigen, wo wir wohnen. Das Interesse an uns ist groß, die Distanz untereinander von Anfang an klein. Wer hätte an diesem Abend gedacht, wie viel Zeit wir noch hier mit dieser Familie verbringen würden …
Am nächsten Morgen beginnt die Arbeit. Weil die Schafschur, wobei wir laut Jackie helfen sollen, erst am folgenden Tag beginnt, kriegen wir eine Aufgabe im Garten: Unkraut jäten. „Arbeitet nicht zu hart, es ist Sonntag“, gibt uns Alistair auf den Weg. Da ich mir das Quad, ein allradgetriebenes Geländefahrzeug, einfach nehmen soll, wie Alistair schon am Abend zuvor gesagt hatte, bringen wir das gezupfte Unkraut damit zum Kompost. Bald wird klar, was unsere Hauptaufgabe bei der Familie ist: Als erste Wwoofer bei Jackie, Alistair und den Kindern überhaupt bringen wir in erster Linie internationales Flair in das Haus. Abends nimmt Alistair uns mit auf die Farm, wo wir die Schafe zusammentreiben– also eigentlich treiben mehr seine vier Schäferhunde und wir schauen nur zu. Trotzdem ist es interessant. Bei der Fahrt über den Farmweg in Alistairs Geländewagen rennt ein Kaninchen über den Hügel. Mit seinem Jagdgewehr erlegt er das Tier, denn Kaninchen sind in Central Otago eine schreckliche Plage – vor allem für die Farmer und Obstplantagen. Doch dazu später mehr. All dies ist schon am zweiten Tag sehr faszinierend und macht Vorfreude auf mehr. Die nächsten Tage müssen wir auf der Farm arbeiten. Zwar haben unsere Aufgaben nichts mit den Schafen zu tun, aber wir dürfen den Schafscherern zuschauen: Die Scherer eines externen Unternehmens arbeiten zu lauter Musik, wie am Fließband. Während von hinten Schafnachschub in das scheunenartige Wellblechgebäude getrieben wird, scheren vorne vier Personen je ein Schaf. Sie brauchen unter einer Minute, um die Wolle an einem Stück abzubekommen und schneiden dabei nur selten in die Haut. Anschließend wird das große Stück Wolle auf einer Art Tisch ausgebreitet. Dabei singt Queen „We will rock you!“ aus dem alten Radio. Auf dem Tisch zupfen einige Frauen die Ränder des Wollstücks ab und legen die Wolle zu einem kleinen Paket zusammen, das von einer anderen Person in Qualitätsstufen eingeordnet wird. Alistair hat Glück gehabt, er habe den besten dieser Qualitätsbestimmer in ganz Neuseeland bekommen. Quasi die Top-Rating-Agentur der neuseeländischen Landwirtschaft. Qualität wird bei Alistair ohnehin sehr groß geschrieben: Die Wolle seiner 4500 Merinoschafe geht an Icebreaker, ein sehr bekanntes Unternehmen, das nur Merino-Mode herstellt.

Schafe scheren im Akkord

Frisch geboren auf Cairnmuir Station
An den nächsten Tagen müssen wir Sperrmüll bewegen, der dann in unserem Beisein mit Benzin zum Brennen gebracht wird, oder mit dem Quad in die Berge fahren, um Pinienbäume mit Handsägen zu fällen – harte Arbeit, die wir aber bei all dem Drumherum gerne machen. Denn wir fahren nicht nur allein mit dem Quad über Bruchteile der 6800 Hektar großen Farm, sondern erleben auch mit, wie ein wenige Minuten altes Lamm seine ersten Stehversuche macht. Die Pinienbäume, die sich in den teils steilen Tälern überall verstecken, sind für die Farm ein Problem. Sie vermehren sich stark und machen außerdem das Weideland kaputt. Für uns sind sie bei starkem Wind ein harter Gegner. Manche sind noch recht dünn, andere haben einen Durchmesser von über dreißig Zentimeter. Daher befreien wir einige der Nadelbäume nur von ihren Ästen und lassen den Stamm stehen – besser als gar nichts. An anderen Tagen brauchen oder eher dürfen wir gar nicht auf die Farm: Wir machen nochmals Gartenarbeit, bei der uns Sohn Blake hilft. Dabei können wir über die Außenmusikanlage auf der Terrasse Radio hören. Damit geht die Arbeit gleich viel besser. Genauso wie das Putzen, das ebenfalls auf unserem Dienstplan steht.

Mit einer Motorsäge wäre es einfacher …
Alistair kündigt schon am zweiten Tag an, seine Farmkollegen nach Jobs für uns fragen zu wollen. Leider haben diese um die Jahreszeit aber nichts zu tun. Da wir die Nachmittage ohnehin meist frei haben, wollen wir nach Clyde und Alexandra, zwei kleinen Städten östlich von Cromwell. Also machen wir uns auf den Weg, folgen weiter dem Ufer des Lake Dunstan bis nach Clyde. Rechts von uns, auf der anderen Seite des schmalen Sees, liegen die Hügel von Cairnmuir Station, unserer Wwoofing-Farm. Am Clyde Dam, dem Staudamm des Lake Dunstan, stoppen wir bei einem Aussichtspunkt. Schon über die letzten 15 Kilometer war mir bei Eddie ein neues Geräusch, ein Schlagen, aufgefallen. Vorsichtshalber schaue ich an diesem Aussichtspunkt unter den Wagen. Dort finde ich zwar nicht den Grund für das neue Geräusch, dafür tropft es aber aus dem Wagen wie ein nur halbherzig zugedrehter Wasserhahn. Plop. Plop. Plop. Verdammt! Was jetzt? Dass wir Probleme mit dem Kühlwasser haben, war uns ja schon bekannt. Am Anfang in Christchurch hatten wir sogar mal den Straßenservice des AA (neuseeländischer ADAC) wegen überhitzten Motors rufen müssen: Der Kühlwassertank war leer – ich hatte nur den Überlauf kontrolliert. Doch dass das Wasser nur so herausläuft, ist neu. Wir gehen also zu Fuß nach Clyde, damit sich der Wagen zum Nachfüllen des Kühlwassers abkühlen kann. Meine Stimmung ist mal wieder am Boden. Da lief in den letzten Tagen alles so reibungslos und jetzt das. Immerhin gibt es in Clyde im Mini-Supermarkt leckeres Eis samt Schokoüberguss, was Marias und meine Laune wieder etwas hebt. Und auch sonst ist Clyde ein nettes Örtchen am Fluss mit dem Ambiente einer amerikanischen Westernstadt. Denn es entstand einst wie viele andere Siedlungen Central Otagos im Goldrausch der Region. Außerdem liegt Clyde nahe dem See, hier beginnt der beliebte „Otago Central Rail Trail“, und das Städtchen profitiert davon, dass der stark befahrene State Highway 8 über eine Umgehungstrasse um das Dorf herumgelenkt wird. Alexandra müssen wir für heute streichen und wir fahren zurück nach Cromwell, um den Wagen zu einer Werkstatt zu bringen. Die Diagnose: Kaputte Wasserpumpe. Die Reparatur kostet uns um die 500 Dollar. Danach brauchen wir immerhin nicht mehr das Kühlwasser ständig nachzufüllen. Schmerzen tut diese stolze Summe trotzdem. Außerdem müssen wir uns überlegen, was wir als Nächstes machen. Denn die ursprünglich vereinbarten „drei bis vier Tage wwoofen“ sind vorbei. Jackie redet jetzt zwar von vielen weiteren Tagen, aber spätestens nach der teuren Reparatur könnten wir nun wirklich mal einen gut bezahlten Job gebrauchen.

Am Clyde Dam tropft das Wasser aus unserem Kühler
Unsere ganze Hoffnung liegt daher beim erneuten Versuch, Alexandra zu erreichen. Denn dort wollen wir uns bei „Seasonal Solutions“ bewerben, einer Jobagentur, die die Arbeit an Saisonkräfte vermittelt. Den Tipp dazu hatten wir in der Touristen-Info, der iSite, in Cromwell bekommen, und auch Alistairs Freunde von Farmen, Weinbergen und Plantagen beziehen darüber ihr Personal. Obwohl die Agentur vor zwei Tagen auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht hatte, dass momentan keine Jobs zur Verfügung stehen, sind wir optimistisch – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. In Alexandra angekommen, schauen wir uns zunächst das kleine Museum in der iSite an. Hier wird auch die große Kaninchenplage weiter thematisiert: Da es für die eingeschleppten Tiere keine natürlichen Fressfeinde gibt, vermehren sie sich ins Unendliche. Daher jagt auch Alistair die Kaninchen, denn sie fressen nicht nur sein Gras, sondern durchlöchern auch alles. Es gibt Wettkämpfe und die Farmer bezahlen Jäger – quasi Kopfgeldjäger für Kaninchen. Ein Team von Männern hat einmal in drei Nächten mehr als 10.000 Kaninchen geschossen. Die Gruppen arbeiten dabei mit Motorrädern und Helikoptern.
Anschließend gehen wir direkt zur Agentur und stellen uns vor. Sobald wir unsere Daten vollständig abgegeben haben, spricht die Frau von zwei Jobs auf einem Weinberg – in Bannockburn! Und das für zwei Monate Vollzeit. Yes!! Was für eine Überraschung! Am nächsten Tag treffen wir uns mit dem Manager des Weinbergs Terra Sancta. Wir kriegen die Jobs und haben noch drei Wochen Zeit, bis es losgeht. Eventuell können wir auch schon eine Woche eher anfangen. Klasse! Bis zum Jobbeginn reicht auch noch das Geld von zu Hause und dann haben wir 40 Stunden die Woche garantiert. Zwei Monate sind uns zwar eigentlich zu lang, aber wir wollen jetzt nicht wählerisch sein. Der Weinberg liegt nur etwa zehn Minuten mit dem Auto entfernt von unserer Wwoofing-Farm – wir kennen die Gegend also schon. Wo nun der Grundstein für unsere weitere Zeit in Cromwell gelegt ist, müssen wir uns Gedanken über die Unterkunft machen. Eine Wohnung mieten kommt eigentlich nicht in Frage und ein Hostel ist zu teuer. Außerdem haben wir ja Eddie zum Schlafen und wollen uns daher nach Campingplätzen umschauen. Der, für den wir uns dann schließlich entscheiden, liegt nahe an unserer Farm und hat eine gute Entfernung zum Weinberg. Der Campingplatz-Besitzer bietet uns einen guten Preis an – eindeutig sind die Saisonarbeiter hier ein gutes Geschäft. Wir dürfen zusammen für 140 Dollar die Woche auf dem Campingplatz bleiben. Doch dazu sollte es nicht kommen.



