Schule aus, Neuseeland ruft 2.

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Blake mit Hund Hiedi
Beim Abendessen bieten Alistair und Jackie uns an, ein Zimmer, unser Zimmer, bei ihnen im Haus zu mieten. Was für ein Glück! Wir geben vor, darüber nachzudenken. Doch eigentlich steht die Entscheidung längst fest. Unglaublich. Wir dürfen zwei Monate lang mit Alistair, Jackie und den Kindern Blake und Georgia auf der Farm leben, mit ihnen zusammen essen und kochen und die Nachmittage und Abende verbringen. Dieses nette und für uns auch noch vergleichsweise günstige Angebot läutet zwei der besten Monate meines Lebens ein. Sehr glücklich und euphorisch berichten wir unseren Eltern via Skype von den Neuigkeiten. Auch sie sind total überrascht und freuen sich für uns mit. Mit der Gewissheit, dass wir wiederkommen, brechen wir aus Cromwell auf, um die kommenden drei Wochen bis zum Jobbeginn noch zu reisen. Vorher ist zuerst mal ein Haarschnitt bei mir fällig: Da uns ein Friseurbesuch zu teuer ist, legt Maria Hand an – letztlich werden sie aber einfach mit dem Rasierer gestutzt. Der Abschied von der Familie ist herzlich aber kurz – wir sind ja bald schon wieder da. Bevor es richtig zurück auf die Straße geht, werfen wir die ersten Postkarten ein. Sie übermitteln die frohe Botschaft, einen Job gefunden zu haben. Ich werfe meine Karten natürlich in den falschen Kasten, den für die nationale Post …

Alistair sortiert seine Merinos
Sonne im Regenwald: Fiordland mal anders

Wanderwege gibt es hier viele
Sonne im Regenwald: Fiordland mal anders

Kawarau Gorge
Das erste Reiseziel ist Fiordland im Südwesten der Insel. Wir fahren durch die Kawarau Gorge mit den vielen Weinbergen und Obstplantagen des Gibbston Valley. Die felsigen Hügel oder Berge sind nur in Ansätzen zu erkennen, da es so neblig und wolkig ist. Dazu regnet es noch in Strömen. Dennoch halten wir kurz an der Kawarau Bridge – der ersten kommerziellen Bungee-Anlage Neuseelands. Wir bewundern kopfschüttelnd die Verrückten, die sich für 180 Dollar 43 Meter in die Tiefe stürzen. Zwei Sekunden freier Fall, ein lauter Schrei und das war‘s. Natürlich sind sie nicht aufgeschlagen, sondern der Sprung ist schlicht so schnell schon wieder vorbei. Auch wenn es nur 43 Meter sind, uns ist es definitiv zu hoch – und zu teuer. Also geht es weiter: Wir sparen uns den Abstecher nach Queenstown und Arrowtown, da wir hierfür noch genug Zeit haben werden, wenn wir in Cromwell leben. In Frankton müssen wir über eine einspurige Brücke, die eine Ampelreglung hat – es ist für uns die erste Ampel seit Christchurch und dementsprechend überrascht sind wir. Es geht die kurvenreiche Straße zwischen den felsigen Remarkables, einer Gebirgskette samt Skigebiet auf der linken Seite und dem Lake Wakatipu auf unserer rechten Seite, entlang. Auf dem nassen Weg, vorbei an Schafen, Kühen und vielem Rotwild, nach Te Anau, dem Hauptanlaufspunkt in Fiordland, ist uns beiden flau im Magen. Während es bei mir dabei bleibt, müssen wir für Maria zweimal mit Warnblinklicht am Straßenrand stoppen. Jetzt einen Magen-Darm-Virus? Wir können uns Schöneres vorstellen. Glücklicherweise bleibt es aber bei den beiden Notpausen. Trotzdem beenden wir diese Reiseetappe eher als ursprünglich geplant. Der günstige DOC-Campground wäre noch weitere anderthalb Autostunden entfernt gewesen. Stattdessen verbringen wir die Nacht in der Possum Lodge, einem kleinen Campingplatz am Lake Manapouri.

Nebel über Lake Manapouri
Fiordland – das ist eine große Region mit hohen, teils schneebedeckten, Bergen und unzähligen Fjorden, von denen aber nur zwei über den Landweg zugänglich sind: Doubtful Sound und der Klassiker Milford Sound. Doch auch ohne diese beiden Fjorde bietet die Region vieles: Mehrtageswanderungen – darunter mit dem Milford Track, dem Routeburn Track und dem Kepler Track drei der neun Great Walks Neuseelands – Bootstouren, zig Tages- oder Kurzwanderungen, Glühwürmchenhöhlen oder einfach nur relativ einsame DOC-Campingplätze. Diese und noch viele weitere Touristenangebote gibt es nicht grundlos. Daher wundert es nicht, dass es von Touristen nur so wimmelt. Wer Fiordland allerdings etwas ruhiger erleben will, der fährt nicht nur von Te Anau nach Norden bis zum Milford Sound, sondern auch nach Süden bis nach Invercargill. Wir starten also vom Lake Manapouri aus, der sich uns in mystischem Sonne-und-Wolken-Mix zeigt. Bei den vielen Touristenangeboten ist es gar nicht leicht, sich zu entscheiden. Ohnehin haben Maria und ich Schwierigkeiten, Entscheidungen zu fällen: Der viertägige Kepler Track klingt zwar interessant und ist wohl auch sehr lohnenswert – ärgerlicherweise hatte ich nur meine Regenjacke bei der Familie in Christchurch vergessen, wie mir erst jetzt auffällt. Und den Kepler Track ohne Regenjacke zu laufen ist keine gute Idee. Eine achtstündige Tagestour zum abgelegenen Doubtful Sound, inklusive des Besuchs eines der größten Kraftwerke Neuseelands, des „West Arm“, erscheint uns ebenfalls reizvoll. Schließlich ist der Doubtful Sound der größte Fjord Neuseelands und um einiges länger und breiter als der bekanntere Milford Sound. Allerdings ist uns die Tour mit über 200 Dollar pro Person zu teuer. Also wollen wir eine Bootsfahrt durch besagten Milford Sound machen, der kleiner, aber durch die steil abfallenden Klippen genauso beeindruckend oder sogar noch beeindruckender sein soll. Nur erkunden wir den Fjord mit dem Kajak oder einer Bootsfahrt? Maria würde gerne kajaken, allerdings habe ich noch nie in einem solchen Paddelboot gesessen. Wir entscheiden uns für die Bootstour und wollen auf dem Weg einige der kürzeren Wanderungen machen. Wer nicht eine der Touren mit dem Bus von Queenstown oder Te Anau bucht, ist gut beraten, vorher die Straßenverhältnisse zu überprüfen: Die Straße zum Sound ist des Öfteren wegen Schnee- oder Schlammlawinen gesperrt. Zwar sieht man am Rand immer wieder Stellen, wo der Asphalt von Bäumen und Felsbrocken begraben wurde, aber die Straße ist frei. Für die knapp 100 Kilometer soll man zwei Stunden einplanen – wir brauchen mit Sicherheit länger. Zu allem Überfluss knackt es beim Tanken in Te Anau plötzlich, und von meinem Sicherheitsgurt sind nur noch Einzelteile übrig. Ich fahre die nächsten Kilometer also nur mit Gurt zur Zierde und hoffe, dass uns keine Streife begegnet und ich keinen Unfall baue – ein Airbag fehlt Eddie nämlich ohnehin.
Milford Track: Wo die Berge die Wolken kitzeln
„Der Milford Track ist ein Klassiker“, sagt Marcel Hainke. Gemeinsam mit seiner Freundin Lisa Schönhoff hat mein Freund diesen Great Walk gemacht: Vier Tage für 53 Kilometer im tiefsten Fiordland. Die Wanderung ist nicht nur ein Klassiker, sie gilt auch als eine der schönsten Wanderungen der Welt. Das ist nicht nur dem vielen Wasser geschuldet, das in großen Wasserfällen immer wieder in der Nähe des Weges hinunterstürzt. Auch die Vielfalt sei beeindruckend: „Von ruhigen Flussläufen, wo man barfuß ins kalte Fiordland eintauchen kann, geht es über weiches Moos hinauf auf die steilen Berge“, sagt der 25-jährige Marcel. Gerade die Southern Alps mit dem Schnee auf ihren Spitzen und den tiefen Schluchten dazwischen seien absolut beeindruckend gewesen. „Der Punkt da oben auf dem Gipfel in etwa 1200 Meter Höhe – einfach toll. Diese Eindrücke könnten aus einer Werbung stammen!“
Dass es in Fiordland häufig regnet, ist keine Neuigkeit. Im Jahr kommt es an durchschnittlich 200 Tagen nass vom Himmel. Marcel und Lisa hatten Glück: Die ersten drei Tage hatten sie Sonnenschein und Wolken, aber keinen Regen. Denn sind die Klamotten einmal nass, läuft es sich nicht nur unangenehm – man bekommt sie auch nicht mehr trocken. Und das, obwohl der Milford Track keine Alternative zum immerhin bescheidenen Luxus lässt: „Es gibt keine Campingplätze, nur Hütten“, erklärt Marcel. Darin seien die Nächte kurz – aber die Abende umso lustiger, da man sich immer mit denselben Personen den Ess- und Schlafbereich teile. Denn die Wanderung kann man nur vom festen Startpunkt aus, dem Glade House am Nordufer des Lake Te Anau, beginnen, und dann geht man in Richtung Milford Sound, wo der Weg an einem Punkt des Fjordes endet, den man mit einer gewöhnlichen Touristen-Bootstour gar nicht kennenlernt.
Da es keinen Gegenverkehr gibt, wirke der Great Walk sehr leer. „Man bewegt sich nun mal immer in dieselbe Richtung“, so Marcel. Doch der Wanderstrom hat auch seinen ganz klaren Nachteil: Einmal mit einem Schnarcher im Schlafsaal, immer mit diesem Schnarcher im Schlafsaal – und eine schlaflose Nacht kann bei dem Fußmarsch mit viel Gepäck auf dem Rücken sehr nervig sein.
Bei aller Schönheit der Landschaft, Abenteuerlust und Abgeschiedenheit. Wenn es hier regnet, dann regnet es. An Marcel und Lisas viertem Tag schüttet es dann auch. „Dadurch war für uns der letzte Tag der anstrengendste. Auf dieser Etappe kam noch nervliche Erschöpfung hinzu“, so Marcel. Stellenweise, so erzählt der Wittener, mussten sie durch knietiefes Wasser waten. Spätestens nach drei Stunden wurde es nur noch von Schritt zu Schritt schlimmer. Doch da bleibt nur die Flucht nach vorne. Im Nachhinein kann man dann aber mit Stolz behaupten, den bekannten Milford Track gemeistert zu haben.
Für den Milford Track muss man die Hüttenplätze, genauso wie für die anderen Great Walks auch, reservieren. Da es bei dieser Viertageswanderung aber keine Campingplätze gibt, ist die Anzahl der Matratzen auch gleichzeitig die Kapazitätsgrenze. Die Folge: Gerade im Sommer ist es schwer die begehrten „Hüttenpässe“ zu bekommen. Schon Wochen vorher sind normalerweise alle vergriffen und man kann nur mit Glück noch einzelne Tickets bekommen. Im Winter lässt sich die Route einfacher begehen – allerdings nur, was die Belegung angeht: Ansonsten ist es ausgesprochen gefährlich, im Winter den Track zu wandern. Schnee, enorme Lawinengefahr, schnelle Wetterumschwünge und nur wenige Wanderer.
Kommerzielle Wanderführer bieten ihre Touren auch aus diesem Grund üblicherweise nur im Sommer an. Für knapp 2000 Dollar (pro Person) werden bei diesen Touren Naturerlebnis mit Luxus-Feeling verbunden. Die Unternehmen nehmen einem die Last von den Schultern, anstelle von rustikalen Hütten warten komfortable Lodges am Wegesrand und statt trockenen Nudeln oder Haferschleim gibt es ein aufwendiges Abendessen. Inwiefern der gesamte Track mit diesem Rundum-sorglos-Paket noch das ist, was er eigentlich darstellt, bleibt jedem selbst überlassen.

Der Track schlängelt sich durch Fiordland

Tierähnliches Holz
Also nehmen wir die Straße nach Milford in Angriff und stoppen schon bald für unseren ersten Gang am Lake Mistletoe. Ich mache es an diesem Tag Maria mal wieder nicht einfach, bin mit der Reiseplanung der nächsten Tage unzufrieden. Immerhin finden wir bei der Wanderung im moosigen Wald nicht nur einen Baum, der wie ein Einhorn aussieht, sondern Maria entdeckt auch eine freilebende Stabheuschrecke. Es gibt zwischen Te Anau und dem Milford Sound knapp zehn DOC-Campingplätze, die alle mit sechs Dollar pro Person erschwinglich sind – und dies wird noch nicht einmal immer kontrolliert. Wir entscheiden uns für die erste Nacht in den Tiefen Fiordlands für einen Campingplatz direkt am Fluss. Sofort wollen wir das Gewässer erkunden und laufen entlang des Ufer zum Informationsbrett. Auf dem Rückweg versinke ich im Morast: Mein Wanderschuh ist voller Wasser. Auf Sonne zum Trocknen kann ich heute vergeblich warten – es ist bewölkt, und die Dämmerung setzt sowieso schon eine Stunde später, gegen sechs, ein. Die Idee, ein romantisches Lagerfeuer zu entfachen, scheitert am durchnässten Holz. Der Schuh muss also über Nacht irgendwie anders trocken werden.

Holzähnliches Tier
Kaum haben wir es uns in unseren Campingstühlen bequem gemacht, müssen wir in den Van flüchten: Schon vorher hatten wir an anderen Stellen auf der Südinsel Bekanntschaft mit den sogenannten Sandflies gemacht. Kleine, fruchtfliegenartige Geschöpfe, die es überall gibt, wo keine Meeresbrandung in der Nähe ist. Besonders gern haben sie aber feuchte Gebiete, weswegen Fiordland ideal für sie ist. Sandflies beißen unangenehm in die Haut, um an Blut zu kommen. Während dies normalerweise nur einen Juckreiz von wenigen Minuten auslöst, hat unser Körper aber zwei Schwachstellen, die auch die Fliegen kennen, wie wir an diesem Abend feststellen müssen. An Knöcheln und Handgelenken, wo kaum Fett vorhanden ist, schwillt die Haut an und es juckt höllisch. Frustriert warten wir im Van, bis die Sonne untergeht und so die Sandflies verschwinden. Kaum sind diese auch tatsächlich weg, beginnt es aber zu regnen. Kochen unter freiem Himmel klappt heute nicht mehr. Wir stellen die Töpfe zum ersten Mal im Wagen auf die Gasflammen. Mit bangen Blicken verfolgen wir, wie der Wasserdampf vom Reiswasser in die Klimaanlage und die Innenverkleidung zieht, kochen wir auf engem Raum – aber es funktioniert.
Am nächsten Morgen scheint zwar die Sonne und mein Schuh ist wieder trocken, aber es ist klar, dass längere Wanderungen an den Sandfly-Bissen an Marias Knöcheln scheitern werden. Rot und dick angeschwollen ist die dünne Haut an den Gelenken. Wir wollen es dennoch versuchen und machen den Summit Key-Weg. Der Pfad durch Regenwald voller Moos ist auch das Ende des dreitägigen Routeburn Track. Für die angeschlagenen drei Stunden bergauf, vorbei an Wasserfällen und unter umgekippten Bäumen hindurch, brauchen wir nur zwei Stunden. Oben angekommen, erfüllt sich nicht unsere Hoffnung, dass wir durch die Wolken kommen und den einmaligen Ausblick genießen können. Stattdessen peitscht uns der Wind ins Gesicht und wir blicken in den Nebel. Alles ist nass, teils hat das Department of Conservation, das die unzähligen Wanderwege in bestem Zustand hält, Holzstege in den Sumpf gebaut. Die Wolkenmasse ist dicht. Nur für einen Moment reißt das wabernde Weiß um uns herum doch noch auf und wir erhaschen kurz die Aussicht auf die hohen, weißen Gipfel uns gegenüber. Warten auf bessere Sicht erscheint zwecklos. Doch kaum steigen wir wieder hinab, zeigt sich die Sonne. Was sich uns jetzt für ein Blick geboten hätte, ist nur Spekulation, aber ich will es eigentlich auch gar nicht wissen …

… und dann rissen die Wolken doch noch auf.
Entlang der Straße zum Milford Sound schauen wir uns noch den Mirror Lake an, der im Vergleich zu anderen Seen mit Spiegeleffekt wohl nur den Vorteil hat, dass hier deutlich mehr Touristen vorbeikommen. Genau genommen halten endlos viele Wohnmobile, Mietwagen und Reisebusse an. Außerdem gehen wir noch zu den Marian Falls, welche kein Wasserfall im eigentlichen Sinne, sondern mehr ein extremer Wildwasserbach sind. Da Marias Knöchel keine weiteren Wanderungen mehr erlauben, fahren wir weiter, um uns am Sound den Sonnenuntergang anzugucken. Kahle Felswände, herabstürzendes Wasser und immer wieder Zonen mit absolutem Halteverbot wegen Steinschlaggefahr. So stellt sich die Straße auf den letzten dreißig Kilometern dar. Der Höhepunkt dieser Strecke ist ein steiler und langer Tunnel – sowohl geografisch als auch vom Erlebnisgehalt. Der Homer Tunnel hat nur eine Fahrspur. Fünfzehn Minuten muss man daher warten, bis die Ampel auf grün springt. Direkt nach dem Tunnel fängt es nicht nur wieder an zu regnen, sondern es geht auch weiter bergab. Kurve um Kurve schlängelt sich die Straße den Berg hinunter. Die Felswände rechts und links sind überzogen von dünnen, weißen Fäden: alles kleine Wasserfälle. Teils war die Straße erst vor Kurzem verschüttet gewesen – erkennbar an den noch am Rand liegenden großen Felsbrocken. Endlich erreichen wir Milford Sound. Doch wer hier wie wir ein kleines, nettes Dörfchen erwartet, wird enttäuscht: Außer ein Paar Ferienhäusern, zwei Lodges, einem Souvenirshop und dem Hafen bietet der Ort nur Parkplätze und eben diese atemberaubende Szenerie.

Wunderschön! Wäre da nur nicht der Massentourismus …
Zufällig steigt Paul, der Austauschschüler aus Christchurch, aus dem letzten Reisebus des Tages. Was für eine Überraschung! Er macht als Schulausflug eine Tour über Nacht und freut sich ebenfalls, uns zu sehen. Wir schauen noch dem Boot hinterher, das im Fjord im Regen verschwindet und der Dunkelheit entgegen schwimmt. Dass es in Milford regnet, ist bei über durchschnittlich 182 Regentagen im Jahr keine Besonderheit. Dennoch hoffen wir auf gutes Wetter am kommenden Tag, als wir zu einer der beiden Lodges fahren und uns dort eine Parkbucht für die Nacht mieten. Draußen schüttet es wie aus Kübeln. Wir sind froh, im warmen und gemütlichen Aufenthaltsbereich der Lodge zu sitzen. Neben zwei deutschen Mädchen (eines ist Hanna, die wir später noch wiedertreffen werden) lernen wir noch einen Franzosen kennen, der auch einen Toyota Hiace von 1988 hat. Seiner hat zwar nicht all die technischen Spielereien, die unser Eddie hat (Einparkhilfe, elektrische Spiegel, elektrische Schiebedächer, digitaler Tacho, …), dafür aber dieselben Fehler: Bei beiden Wagen kann man während der Fahrt den Schlüssel problemlos abziehen, die Schiebetür hakt immer wieder, und außerdem müsse er seine Scheibe immer mit der Hand hochschieben, erzählt er lachend. Nach einem lustigen Abend und einer heißen Dusche rennen wir alle in unsere Vans. „Warum ist es hier nass?“, kommt es mir nachts um drei im Traum. Irgendwas tropft mir auf die Stirn, ich wache auf. Mein gesamtes Kopfkissen ist feucht – irgendwie war Wasser in den Wagen gekommen. Der Vorhang war in der Heckklappe eingeklemmt worden und hatte so Wasser hinein gelassen. Ich muss also in den Regen und die Tür auf- und zumachen. Nach einer Minute sitze ich wieder im Wagen. Pitschepatsche nass. Der Regen hämmert auf das Blechdach. Und morgen soll die Sonne scheinen? Na, das kann ja was werden!

Regenbögen im Wasserfall
Blauer Himmel und Sonne machen den Milford Sound noch beeindruckender und wir dürfen auch noch mit dem Boot hinaus auf den Fjord. (Also „dürfen“ ist gut, wir haben vorher auch viel Geld bezahlen „dürfen“.) Wir haben Glück und einen der wenigen reinen Sonnentage im Jahr erwischt. Zu unserer Linken ragt der 1692 Meter hohe Mitre Peak in den Himmel. Er entwächst direkt dem Wasser. Die vielen kleinen Wasserfälle sind schon fast langweilig im Vergleich zu den wenigen gigantischen, wo ständig unzählige Liter Wasser hinunter stürzen. Der Fjord selbst besteht aus dunklem Salzwasser und birgt vermutlich in seinen 400 Metern Tiefe viele Lebewesen. Das Gestrüpp oder die Bäume an den steilen Felswänden sind eigentlich schon in die Wellen gefallen, halten sich nur noch mit kräftigen Wurzeln so gerade eben an der Wand fest. Die gesamte Szenerie ist beeindruckend und dank der Erklärungen des Bordpersonals fühlt man sich der Natur noch näher. Wir schippern durch Meereswasser vorbei an den Süßwasserfällen. Oberhalb hängen die Gletscher. Die Sonne erobert gerade den Fjord – sie braucht doch recht lange, bis sie hoch genug steht, um über die steilen Berge in den schmalen Meeresarm hineinzuscheinen. In den ersten Sonnenstrahlen des Morgens sonnen sich einige Robben auf einem Felsen. Klick, klick, klick. Die Touristen lassen ihre Fotoapparate arbeiten. Einen Felsvorsprung weiter bricht sich die Sonne in den Wasserfällen – es entstehen farbenfrohe Regenbögen. Dann fährt der Kapitän den Bug unter einen der Wasserfälle. Wer möchte, kann sich eine der roten Regenjacken überziehen und sich unter das Wasser stellen. Der Druck ist enorm, dazu kommen Winde vom stürzenden Wasser. Ein Erlebnis, nach dem es erst einmal etwas zu trinken gibt: Die Crew hatte Wassergläser aufgestellt, die nun mit frischem Bergwasser gefüllt sind.

Achtung, nass!
Fast hätten wir vor lauter Wasser das Pinguin-Trio verpasst, das neben dem Boot herschwimmt: Es sind Tiere der seltenen Art Gelbaugenpinguine. Weil wir eine der ersten Bootsfahrten dieses Tages gebucht hatten, strömen erst bei unserer Rückkehr die Touristen in den Hafenterminal. Dazu fliegen alle paar Minuten kleine Propellermaschinen oder Helikopter den Mini-Flughafen Milford Sound an. Es kommt Leben in diese eigentlich so wilde Natur, die Touristen belästigen und belasten Flora und Fauna, bis es am Abend wieder still werden wird. Bis es am nächsten Morgen wieder weitergeht. Irgendwie müssen ja die etwa 500.000 Besucher pro Jahr herkommen …

Ein furchtloser Kea
Auf dem Weg zum Wagen läuft ein Kiwi über den Parkplatz. Total überrascht, denn die Nationaltiere sollen nur noch äußerst selten zu sehen sein, schieße ich einige Fotos. Wir fahren weiter und wundern uns über das eigene Glück. Später erfahren wir: Nicht alles, was ein bisschen wie ein Kiwi aussieht, ist auch gleich einer. Wir hatten nur einen der deutlich häufigeren, frecheren und nervigeren Wekas gesehen. Diese Vögel können ebenfalls nicht fliegen, sind aber alles andere als menschenscheu, was wir im Verlauf unserer Reise noch erfahren werden. Dafür sehen wir aber einige Kea – und diesmal auch echte und nicht nur ähnliche Tiere. Die Exemplare der letzten Bergpapageienart rennen auf dem Parkplatz einiger Wasserfälle herum, springen auf die Autos und sind eine große Attraktion. Während die Vögel in diesem Fall nur im Kreis laufen, sind sie normalerweise ein echtes Problem: Sie picken die Gummidichtungen der Autos heraus oder zerstören die Rucksäcke und Zelte der Wanderer. Ich rege mich in diesem Moment aber nur über eine asiatische Familie auf, die ihren teuren Geländewagen auf dem Parkplatz abstellt, damit sich drei der vier den verwunschenen Farnwald und die Wasserfälle anschauen können. Währenddessen lassen sie den Wagen für mindestens zehn Minuten laufen. Warum das Fahrzeug weiter Abgase in die Luft pusten muss – und das inmitten eines wundervollen Nationalparks – leuchtet mir nicht ein, weswegen ich den Fahrer zur Rede stellen will. Ich lasse es dann aber doch bei meinem Groll und wir steigen lieber wieder in Eddie ein.

Gut, dass man viel Zeit hat … im Urlaub
Zurück Richtung Te Anau müssen wir natürlich auch wieder durch den Homer Tunnel. Diesmal geht es für uns nur bergauf. Eddie, so erwähnte ich bereits, ist bergauf nicht der schnellste. Wir warten über zehn Minuten an der roten Ampel. Um uns herum fließt das Wasser die steilen Felswände hinunter. Die Ampel springt um: Grün, los geht’s. Von den Autos vor uns sind schon nur noch die Rücklichter erkennbar. Wasser tropft von überall auf den Wagen und am Rand liegen Gesteinsbrocken. Denn der 1954 eröffnete Tunnel hat nur den mehr oder weniger harten Fels als Wand. Mehrere Jahrzehnte dauerte einst der Bau des über 1200 Meter langen Durchgangs, der um 1930 herum zunächst eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme darstellte. Die Ampelanlage ist übrigens nur zur Hochsaison im Sommer geschaltet – wartende Autos wären im Winter einer zu großen Gefahr von Lawinen ausgesetzt. Da ein gegenseitiges Passieren zweier Autos platzmäßig knapp möglich ist, lässt sich die Ampel in den kalten Monaten ausschalten. Als wir endlich vom grellen Licht geblendet das Ende erreichen, zeigt die Ampel für die Gegenseite noch eine Minute an – wir haben also 14 Minuten für den Tunnel gebraucht. Aber wir haben es geschafft und fahren die lange und kurvige Straße wieder zurück bis Te Anau. Das grüne Moos bedeckt stellenweise den gesamten Asphalt. Wir haben wirklich Glück gehabt mit dem Wetter. Für eine Schaf-Familie müssen wir hingegen unterwegs nochmals anhalten. Das Muttertier samt beiden Lämmern war offenbar ausgebrochen. Unsere Einfangversuche scheitern kläglich – ausgebrochene Schafe sind in Neuseeland eindeutig keine Seltenheit.



