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Noch zur Jahrtausendwende hatten wir im Alltag eine Grunddosis an Pausen. Etwa, wenn wir an der Haltestelle auf den Bus oder am Treffpunkt auf Freunde warteten. Diese Mikropausen erlaubten es, in uns hineinzuhören, runterzukommen und Gedanken schweifen zu lassen. Heute sind wir nicht mehr meistens offline oder nur ab und zu gezielt, sondern immer und überall online. Die Wolke Internet ist stets um uns herum. Seit wir überall und jederzeit reflexartig unsere Smartphones zücken und unsere ständig hungriger werdenden Hirne mit Informationsschnipseln füttern, sind Pausen rar geworden. Wir haben stattdessen den Eindruck, dass immer weniger Zeit fürs Hier und Jetzt bleibt. Wir fühlen uns rastlos und erleben die Gegenwart kaum mehr unmittelbar. Das Smartphone erlaubt uns, jedes Gefühl von Langeweile reflexartig zu überbrücken und sofort wegzuklicken. Das ist verführerisch, doch verlernen wir damit gleichzeitig auch das Warten und die Fähigkeit, geduldig zu sein.
Insbesondere Kinder brauchen aber Phasen der Langeweile. Solche Zeiten sind nötig, um sich selbst motivieren zu lernen, und ermöglichen Kreativität. Wenn alles vorgegeben ist, wenn Anregung und Unterhaltung mit einem Klick sofort verfügbar ist, fehlt der Raum, den man selbst füllen darf, kann und muss. Geduld ist eine wichtige Grundlage für die Herausbildung von manuellen oder technischen Fertigkeiten, ebenso für die Entwicklung von Ideenreichtum.
Wenn wir Momenten des Müßiggangs einen Wert beimessen wollen, sollten wir dann nicht zeitweise bewusst auf die digitale Berieselung verzichten? Können oder wollen wir es uns leisten, vorübergehend nicht erreichbar zu sein? Wird einst, wie uns die Zukunftsforschung prognostiziert, als fremdbestimmt oder gar charakterschwach gelten, wer in jeder freien Minute auf sein Smartphone starrt?[2]
Welche Rituale ermöglichen uns, bewusst offline zu gehen und zu bleiben? Es gibt verschiedene Angebote, wie etwa den technikfreien Zufluchtsort der Stille im Zehnten Arrondissement, mitten in Paris[3]. Am Eingang wird das Smartphone in einen Spind geschlossen. Der anschließende Rundgang durch fünf Räume verspricht absolute Ruhe und Entschleunigung. Dies soll Reflexion ermöglichen und helfen, die Angst davor zu verlieren, dass man für andere nicht erreichbar ist. Wer zu einer gesunden Balance zurückfinden möchte, kann sich auch zu einem Digital Detox Retreat anmelden, einer mehrtägigen Technikkarenz in der Natur. Wer sich zu Hause vom Stress der dauernden Vernetzung erholen möchte, kann eine Auszeit-App[4] installieren und damit für bestimmte Zeiträume Kontakte und Kommunikationskanäle gezielt einschränken. Während man sich digital ausklinkt und den Fokus auf die wesentlichen Dinge lenkt, vertröstet die App Anrufende mit einer Mitteilung. Sich digital entschlacken kann auch, wer sein Smartphone gegen ein einfaches Gerät eintauscht, dessen Funktionsumfang sich aufs Telefonieren und Simsen beschränkt.[5] Es geht auch weniger radikal. Hier eine Liste von Empfehlungen, wie Sie der zunehmenden Fremdbestimmung durch das Smartphone einfach und ohne finanziellen Aufwand entgegenwirken können:
Richten Sie im Eingangsbereich Ihrer Wohnung einen Handyparkplatz ein, der gleichzeitig auch Ladestation ist. So nehmen Sie körperlich Distanz vom Gerät, verbannen es vom Esstisch und aus dem Schlafzimmer.
Lassen Sie sich morgens wieder von einem klassischen Wecker aus dem Schlaf holen. So vermeiden Sie es, vor dem Einschlafen als Letztes und nach dem Aufwachen als Erstes die neusten Mitteilungen oder Informationen abzurufen.
Unterstützen Sie gutes Einschlafen, indem Sie das Gerät eine Stunde vor dem Zubettgehen beim Handyparkplatz aufladen. So verzögern die Blaulichtanteile des Bildschirms nicht die Ausschüttung des schlafanstoßenden Hormons Melatonin.
Verordnen Sie sich selber eine digitale Diät, dosieren Sie ihre Erreichbarkeit. Definieren Sie handyfreie Zeiten, beispielsweise während gemeinsamen Mahlzeiten. Lassen Sie das Handy im Auto oder in der Handtasche, wenn Sie sich mit jemandem zum Mittagessen oder Nachtessen treffen. Gönnen Sie sich das kleine Abenteuer eines handyfreien Tages (wenn Sie Ihre nächsten Angehörigen im Voraus darüber informieren, wird sich niemand Sorgen machen müssen).
Legen Sie sich wieder eine Armbanduhr ums Handgelenk. Sie werden Ihr Smartphone weniger oft zücken. Wer sich per Smartphone über die aktuelle Uhrzeit informiert, bleibt oft unfreiwillig noch bei den neusten Nachrichten hängen.
Schalten Sie den Signalton für eintreffende Nachrichten aus oder stellen Sie das Gerät standardmäßig auf lautlos.
Beschränken Sie das Lesen von E-Mails und digitalen Kurznachrichten auf einmal pro Stunde. Oder nutzen Sie die Möglichkeit automatischer Antwortfunktionen, beispielsweise: »Danke für Ihre Nachricht. Ich beantworte meine E-Mails einmal täglich, und zwar immer vor 10 Uhr morgens. Ich werde mich bei Ihnen melden.« Das entschleunigt, schließt aber die Möglichkeit nicht aus, tatsächlich Dringendes und wirklich Wichtiges ausnahmsweise in kürzeren Intervallen zu beantworten. Dadurch reduzieren Sie Unterbrechungen und können sich konzentrierter Arbeit oder entspannter Freizeit widmen.
Die Sicht auf die Vorteile und Gefahren des Smartphones und dessen Omnipräsenz mögen individuell sein. Gedanken und Fragen wie die oben stehenden können zu verschiedenen Schlüssen und Antworten führen. Doch erst indem wir Erwachsenen den Umgang mit Smartphone und Social Media überhaupt reflektieren, können wir zu bewussten Nutzerinnen und Nutzern und damit zu guten Vorbildern werden.

DIE EINEN HEULEN RUM, ANDERE SPUCKEN GIFT UND GALLE, SIE IST BLIND VOR LIEBE, ALLE SIND WIR ÜBERFORDERT: WILLKOMMEN IM DIGITALEN LEBEN!
David Bauer, Autor
Viele Jugendliche wünschen sich ein Smartphone, weil sie damit schnell, einfach, ortsunabhängig und praktisch kostenlos mit ihren Freundinnen und Freunden Kontakt pflegen können. Besonders beliebt sind Chatgruppen. In diesen plaudern, planen, lachen, klagen, lernen und verabreden sie sich. Chats sind für Jugendliche eine selbstverständliche Verbindung zu ihrer Gleichaltrigengruppe, sie stillen das entwicklungsbedingt starke Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Die kurzen Nachrichten und Statusupdates wirken einzeln vielleicht banal und unbedeutend, in ihrer Aneinanderreihung zeigen sie aber, was läuft, was beschäftigt und wie es Freundinnen und Freunden geht. Smartphones, Apps und Chats bieten jedoch auch rund um die Uhr die Möglichkeit, jemanden auszuschließen oder fertigzumachen.
Der folgende Einblick in einige Apps hat nicht zum Ziel, deren Nutzung detailliert zu beschreiben. Dies wäre aufgrund zahlreicher Updates und Veränderungen einerseits wenig sinnvoll, anderseits informieren einschlägige Webseiten und Blogs kompetent, aktuell und ausführlich. Der folgende Einblick zeigt auf, welche Möglichkeiten, Dynamiken, Sachzwänge und Gefahren mit den jeweiligen Apps verbunden sein können.
Gruppenchats werden von den Nutzerinnen und Nutzern selbstständig eingerichtet und verwaltet. Eine virtuelle Gruppe kann eine ganze Klasse umfassen oder nur Teile davon. Eine Gruppe kann sich auch klassenunabhängig, beispielsweise themen-, interessen- oder cliquenbezogen, formieren. Die zurzeit populärste Smartphone-Applikation mit Gruppenchatfunktion ist WhatsApp (WA). Eine WA-Chatgruppe entsteht, indem eine Person aus ihrer Kontaktliste Mitglieder auswählt und so eine Gruppe definiert. Weil die gründende Person entscheiden kann, wer zur Gruppe gehört und wer nicht, kommt ihr eine verantwortungsvolle Aufgabe zu. Sie erhält das Administrationsrecht und kann damit entscheiden, wer der Gruppe zugefügt wird, welche Mitglieder aus der Gruppe entfernt werden und welche einen Status als Administrator oder Administratorin erhalten. Will eine Person mit diesem Status die Gruppe löschen, muss sie vorher alle Teilnehmenden aus der Gruppe entfernen. Das geschieht aus Angst vor Widerspruch oder unangenehmen Fragen oft ungern. Tritt jemand mit Administrationsrecht einfach aus, besteht die Gruppe weiter, und der Status geht nach dem Zufallsprinzip an eines der verbliebenen Gruppenmitglieder über.
Wer von der Admin-Person einer Gruppe zugefügt wurde, wird per Mitteilung vor vollendete Tatsachen gestellt: Man kann weder aktiv einer Gruppe beitreten noch eine Einladung ablehnen und wird unter Umständen Mitglied einer Gruppe, deren Gesprächsthemen man nicht goutiert oder zu der man gar nicht gehören möchte. Austritt ist nur durch Eigeninitiative möglich, wobei diese selten ergriffen wird. Einerseits schmeichelt es vielen, einer Gruppe zugefügt worden zu sein. Anderseits bedeutet ein Austritt auch Verzicht auf Teilhabe an einem Informations- und Diskussionsfluss, der jetzt oder allenfalls später relevant sein könnte.
Jugendliche gehören oft zahlreichen Chatgruppen an. Schnell kumulieren sich auf diesem Endlosförderband von Sprachfragmenten Hunderte von Mitteilungen, Anfragen und Informationsschnipsel. Die unüberschaubare Menge kann ablenken, belasten und erschöpfen, sie kann Stress, Unsicherheiten und Fragen wie folgende auslösen:
–Was läuft, was könnte ich verpassen?
–Was gibt es Neues, was wird berichtet, wer und was ist angesagt?
–Fallen Kommentare über mich oder meine engsten Freundinnen und Freunde? Auf wessen Seite stelle ich mich?
–Was habe ich zu dem, was berichtet wird, zu sagen?
–Will ich der Onlinekommunikation meine permanente Aufmerksamkeit widmen, oder klinke ich mich temporär aus?
–Verpasse ich dadurch Relevantes oder den richtigen Moment, mich zu Wort zu melden?
Ein Gruppenchat kennt weder klare Regeln noch einheitliche Abmachungen. Die fehlende Aufsicht und Moderation bewirkt, dass sich in der Masse aller Mitteilungen auch Gerüchte, Erniedrigungen, Beleidigungen, Drohungen und Obszönitäten in Windeseile verbreiten. Schnell schaukelt sich etwas hoch, was nicht einfach rückgängig gemacht werden und was in der direkten Begegnung – beispielsweise auf dem Schulweg, dem Pausenhof oder im Schulzimmer – eskalieren kann.
Ähnlich gefährliche Dynamiken entwickeln sich auch über Apps wie Yik Yak und Jodel (die Apps mögen verschwinden, oder ihre Namen können sich ändern, Angebote ähnlicher Art bleiben vermutlich bestehen). Diese Gruppen formieren sich nicht durch die Kontaktliste der die Gruppe gründenden Person, sondern durch die räumliche bzw. geografische Nähe der Nutzerinnen und Nutzer. Wer die App installiert hat, kann ortsbezogen, aber anonym Kommentare lesen und abgeben. Beispielsweise können im Großraum des Schulareals Auskünfte zum Schulbetrieb oder Freizeittipps eingeholt werden. Die Anonymität soll authentisches, unvoreingenommenes und ungehemmtes Mitplaudern fördern. Wer sich durch die Beiträge scrollt, trifft auf ein Sammelsurium an vereinzelt seriösen, oft humorvollen und leider auch respektlosen Beiträgen. Nicht selten ähneln die Beiträge Kritzeleien an den Türen öffentlicher Toilettenanlagen. In den Vereinigten Staaten kamen Apps, die eine anonyme Teilnahme ermöglichen, in die Schlagzeilen, weil ihnen der Ruf anlastet, Cyberbullying zu begünstigen. Um der Problematik entgegenzutreten, bietet Yik Yak beispielsweise einen Geofence an. Dieser virtuelle Zaun bewirkt, dass im Umkreis der Schule keine Kommunikation über diese App erfolgen kann.
Die App Ask.fm ist wie ein Frage- und Antwortspiel konstruiert. Sie ermöglicht es den Nutzerinnen und Nutzern, sich besser kennenzulernen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Inspiration zu finden. Anonymes Fragen mag Schüchternen den Kontakt mit Gleichaltrigen erleichtern. Es öffnet aber auch eine Bühne für Intrigen und andere Dramen. Fragen wie »Drei Gründe, warum Ella nie einen Freund finden wird?« oder »Hässlichste Person der Klasse?« provozieren verletzende Antworten. Im Zusammenhang mit Jugendsuiziden und vorhergehenden Kommentaren wie »Soll Bleichmittel saufen!«, »Stirb!«, »Soll sich Krebs holen!« rief gar der ehemalige britische Premierminister David Cameron zum Boykott der App auf. Inzwischen geben sich deren Macher geläutert, betreiben ein »Safety Center« und weisen auf schützende Einstellungen hin, beispielsweise auf die Möglichkeit, das Erhalten anonymer Fragen zu deaktivieren.
Eine weitere App namens Snapchat (SC) basiert auf dem Grundprinzip, dass Text-, Bild- oder Filmaufnahmen nach spätestens zehn Sekunden wieder verschwinden. Während auf Facebook, Instagram und Twitter Likes oder Herzen gesammelt werden, fehlt SC diese Bewertungsfunktion. Sehen und gesehen werden – das Prinzip, das die meisten sozialen Netzwerke prägt – ist auf SC nicht möglich. Der Austausch von Alltagsschnipseln ist spontan und wird nicht aufgezeichnet. Dies führt dazu, dass, im Gegensatz zu Facebook und Instagram, kein Profilierungszwang besteht und keine ausgefeilte Onlinepersönlichkeit konstruiert werden muss. Stattdessen kann auch mal über ein eigenes Missgeschick geschmunzelt werden, denn der Snap ist ja gleich wieder weg. Die Sicherheit ist aber trügerisch, denn:
–Per Screenshot kann die temporäre Nachricht trotzdem gespeichert werden. Zwar wird der Absender oder die Absenderin automatisch informiert, dass ein Screenshot gemacht wurde – es lässt sich aber nichts dagegen tun.
–wenn der Flugmodus eingestellt wird, lässt sich ein Screenshot machen, ohne dass die App den Absender oder die Absenderin darüber informieren kann.
–mit einer zusätzlichen App lassen sich alle SC-Nachrichten speichern, ohne dass die sendende Person benachrichtigt wird.
–SC-Nachrichten lösen sich nicht in Nichts auf, sondern werden nur so gespeichert, dass sie für Laien schwierig auffindbar sind. Mit etwas Know-how und Aufwand ist es möglich, die Nachrichten aufzustöbern.
Digitale Nachrichten sind oft mit Emojis[6] angereichert. Emojis werden täglich milliardenfach verschickt und dienen dazu, mit einem Smiley, einem Augenzwinkern oder einer Träne in aller Kürze und Prägnanz ein Gefühl auszudrücken. Die scheinbar kindlichen Bildchen sind in den letzten Jahren zu einer universellen visuellen Sprache der digitalen Kommunikation geworden und erfreuen sich nicht nur bei Jugendlichen großer Beliebtheit. Viele Nutzerinnen und Nutzer kommunizieren bevorzugt mit den japanischen Ideogrammen. Das ist insofern nachvollziehbar, als Emojis helfen, sprachliche Barrieren zu überwinden, und dem eigenen Ausdruck auf einfache Art eine emotionale, oft humorvolle Färbung zu geben. Anderseits können Sendende und Empfangende die Bildschriftzeichen leicht sehr unterschiedlich interpretieren. Verwirrung stiften diesbezüglich die unterschiedlichen Bildcharaktere der verschiedenen Gerätehersteller, Betriebssysteme und Social-Media-Plattformen. So kann das Emoji mit der offiziellen Bezeichnung grinning face with smiling eyes (grinsendes Gesicht mit lächelnden Augen) durch das unterschiedliche Design verschiedene Deutungen auslösen, wenn sich ein Grinsen in eine Grimasse verwandelt oder ein breites Lachen zum Zähneknirschen wird. Im Gewusel des Gruppenchats sind dadurch Missverständnisse, Verstimmungen und Gehässigkeiten programmiert.
Digitale Kommunikationsangebote basieren oft auf durchaus positiven Grundgedanken, sind gleichzeitig aber auch Plattform für Missverständnisse und negative Handlungen. Entscheidend ist, was die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer aus den Angeboten machen. Sie entscheiden mit ihrem Verhalten und jedem Klick darüber, ob sie respektvoll oder verletzend handeln.
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