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Das Kind sitzt mit dem Hannele in der Küche unter dem Tisch. Es hört den Vater schreien. Es drückt sich an die um vier Jahre ältere Schwester. Die Mama reißt die Küchentür auf. Der Vater kommt mit der Mistgabel hintendrein. Er will auf die Mama einschlagen. Die Nale, mit dem Weihwasser in der Hand, besprengt den Vater. „Joseph, sei riahwig, Joseph, hear au, na, isch dejs a Elend.“
Die Mama schiebt den tobenden Vater in die Vorratskammer und sperrt die Tür zu. Die beiden Kinder unter dem Küchentisch sind starr vor Schreck. Sie hören, wie die Nale jammert: „Na, was isch denn in Joseph gfahrn, in Bua, und mih hat er wellen mit Ratzngift vergiftn!“ Ausnahmsweise ist sie mit ihrer Schwiegertochter solidarisch und sagt: „Und dih hat er mit der Mischtgabl derschlagn wellen. Na, isch dejs a Kreiz, er dertoalt sig’s nimme!“
Inzwischen reißt der Vater die Gitterstäbe beim Fenster in der Vorratskammer heraus, steigt hinaus, läuft schreiend bis zum Dorfplatz.
Er wird zum zweiten Mal mit der Rettung nach Hall gebracht.
Er bekommt viele Elektroschocks zur Ruhigstellung. Nach drei Wochen, Mitte Juni, hat die Mama unterschrieben, dass er, wenn er will, wieder mit dem Zug heimkommen kann.
Es ist Heumahd und es hat eine große Hitze. Die Mama ist mit den Kindern auf dem Feld. ’s Hansele ist bereits dreizehn, seine Halbschwester zehn Jahre alt. Sie müssen der Mama wie Knecht und Magd bei der Arbeit helfen. Sogar das Hannele ist mit auf dem Feld, denn es muss mit einem Zweig die Bremsen bei den Kühen vertreiben. Schon von weitem erkennt die Mama ihren Mann. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und einen schwarzen Hut. Er lobt seinen Sohn und streicht sogar seiner Stieftochter über den Kopf. ’s Hannele hebt er auf und gibt ihm einen Kuss.
Dann bittet er vor den Kindern seine Frau um Verzeihung und verspricht, dass er ab jetzt mit allen gut sein werde. Auch verspricht er seiner Frau, ab jetzt nicht mehr gewalttätig zu sein. Er zieht seine Anzugjacke aus und beginnt, Heu aufzuladen.
Zwei Wochen geht alles gut. „Mamele hie, Mamele hea“, sagt er zu seiner Frau und folgt ihr wie ein kleines Lämmchen.
Von einem Tag zum andern wird er wieder rebellisch. Er schmeißt alle Leitern beim Heustock um, lässt alle Heuwägen über die Tennenbrücke auf die Wiese hinunter, und die Schubkarren zieht er alle aus dem Wagenschuppen auf den Weg hinaus.
Der Tate beginnt wieder beim Sonntagsgottesdienst zu weinen, blickt immer wieder zum Chor hinauf, wo seine Frau singt. In der darauffolgenden Nacht läuft er Stiege auf, Stiege ab und schlägt alle Türen zu. In den folgenden Tagen wird er immer unruhiger. Am dritten Tag läuft er einige Male am Tag zum Bürgermeister, einmal mit seinem selbst geschriebenen Lebenslauf, den er pathetisch vorliest. Dann wieder bringt er ihm den Stadelschlüssel und sagt: „Jetzt musst du weitermachen.“ Am selben Abend alarmiert die Mama den Bürgermeister und die Gendarmerie. Schon von weitem hören sie Hilferufe und ein wüstes Geschrei. Vor dem Haus ist ein großer Auflauf der Nachbarn. Der Tate steht splitternackt auf der Gasse, deklamiert und gestikuliert zum Gaudium der Zuschauer. Später sagt er auf die Frage des hinzugekommenen Arztes, weshalb er sich ausgezogen habe: „Ich bin unschuldig, ich bin noch nicht geboren!“ Mit Mühe wird er vom Bürgermeister, dem Sprengelarzt und dem Gendarmeriebeamten ins Auto geschoben.
Das Kind ist drei Jahre und drei Monate alt.
Vor dem Haus beim Gartenzaun liegen Baumstämme, das Holz für den nächsten Winter. Ein Auto kommt, Männer stecken den Vater hinein. Die Mama hält das Kind auf dem Arm. Die Nale schluckt: „Joseph, Joseph“, die Tür zum Gendarmerieauto geht zu. Die Mama stellt das Kind auf den Boden und fährt mit nach Hall. Es ist der 28. Juni 1951.
Jahre später wird das Kind das Gedicht wahrnehmen, das der Tate geschrieben und an die Tür beim Wagenschuppen gehängt hat:
Pflug und Wagen unter Dach.
Schütze alles vor Schnee und Regen,
dann kannst du dich ruhig
schlafen legen.
Zum Namenstag schreibt der Vater der Mama jedes Jahr eine Karte von der Landesheil- und Pflegeanstalt. „Liebste Hanni“ steht darauf.
Obwohl sich sein abnormes Verhalten über Jahre hingezogen hat und 1951 eskaliert, geben seine Mutter und seine Schwester der Mama die Schuld daran. Auch der Bürgermeister sagt bei einer Unterredung beim Arzt, dass die zweite Ehe von Anfang an unglücklich gewesen sei, weil beide Charaktere einfach nicht zusammenpassen würden, seine Frau wegen ihrer Unordnung und Schlampigkeit bekannt und er als Ordnungsfanatiker und Pedant verschrien sei. Doch die Mama musste immer wieder vom Tate Schläge erdulden, und bei ihrer letzten Entbindung 1949 fallen dem Arzt ihre vielen blauen Flecken auf. Dies teilt er auch dem Bürgermeister mit.
Auf Anraten des Bürgermeisters holt ihn die Mama nicht mehr auf eigene Verantwortung heraus. Die Nale und Vaters Schwester sehen es nicht gern. Ein so gescheiter Mann im „Narrnhaus“. Es ist eine Schande für die ganze Verwandtschaft. Die Nale besucht den Vater alle zwei Wochen. Zweimal im Jahr nimmt sie abwechselnd seine Kinder mit. Trotz allem Durchgestandenen besucht auch die Mama den Tate immer wieder.
Mit zwölf Jahren wird das Kind im ersten Gedicht, das es der toten Mama widmet, schreiben: „Sie hatte so schöne, schwarze Haare, sie waren nur ergraut vom Kummer all der Jahre …“
Das Kind ist acht. Die Fahrt mit dem Zug in die Hauptstadt ist wunderbar. Es sieht zum ersten Mal eine Stadt. Die Nale hält es an der Hand. Zum ersten Mal steigt das Kind in eine Straßenbahn, im Volksmund heißt sie „die Haller“. Es geht quer durch die Stadt, vorbei an Feldern, bis zur nächsten Stadt. Sie steigen aus, gehen aufwärts bis zu einem großen, gelb gestrichenen Haus. Rundherum ist eine Mauer, neben dem Eingang ein Wärterhaus. Die Nale meldet sich an.
„Heute geht es dem Sohn schlecht. Ob da die Kleine mitgehen kann?“, meint der Wärter.
„Dejs tuet nicht, dejs Madl verschteaht dejs nouh nit“, sagt die Nale.
Sie gehen über den Weg. Die Nale läutet an der Tür. Ein anderer Wärter sperrt von innen auf, schnell wieder hinter sich zu. Keine Türklinken! Die Tür zum Besuchszimmer steht offen. Männer mit kahlgeschorenen Köpfen sitzen an den Tischen. Einige haben Besuch. Die Männer starren das Kind an. Das Kind hat Angst, es hält sich an der Hand der Nale fest.
„Nein, er ist nicht da. Heute ist er in der ‚Geschlossenen‘.“ Sie gehen dem Wärter durch einen schmalen, hohen, langen Gang nach. Wieder keine Türklinke. Der Wärter sperrt auf, sperrt zu. Männer gehen den Gang auf und ab. Auch sie haben die Köpfe kahlgeschoren, gestreifte Hosen und Überjacken. Aus manchen Zimmern hört das Kind Schreien, Murmeln, eigenartige Laute. Dem Kind ist unheimlich zumute. Die Angst lässt es steif werden. Da, der Tate?! Er erkennt die Nale, rennt auf sie zu, kniet vor sie hin, murmelt: „Bittschia, tue mih auße.“ Dem Kind greift ein komisches Gefühl ans Herz. Der Nale kommen die Tränen. Sie setzen sich in eine Ecke. „Schaug, ih han ’s kluene Madele mit. Kennsch es nouh?“ Der Vater murmelt einige unverständliche Worte. Die Nale hat Tabak und Zigarettenpapier mitgebracht. Der Tate lächelt. Das Kind schaut seinen Vater an. Dejs isch der Tate, denkt es sich.
Der Wärter kommt, nimmt dem Tate Tabak und Zigarettenpapier ab. „Wenn Sie wieder in der offenen Station sind, bekommen Sie den Tabak“, sagt er. Der Vater versteht nicht, will den Tabak nicht hergeben, wird zornig. Die Nale redet ruhig auf ihn ein. Das Kind gibt ihm die Hand. Sie müssen gehen.
Draußen kommt es dem Kind ganz hell vor. In der Straßenbahn verlässt es die Angst. In der Hauptstadt geht das Kind mit der Nale in ein Spielzeuggeschäft. Es hat noch nie so viele Spielsachen gesehen. Es zeigt auf den bunten Ball. Anschließend geht es mit der Nale über eine kleine Stiege in eine Konditorei hinunter. Das Kind darf sich etwas aussuchen. Es zeigt auf die Cremeschnitte. Noch fünfzig Jahre später wird die erwachsene Frau mit Cremeschnitte den Besuch beim Vater verbinden.
Sie fahren mit dem Zug heim. Die Nale bringt das Kind bis vor die Haustür, hinein geht sie nicht mehr. Nales Tochter hat ihr in ihrer Nähe ein Erkerzimmer besorgt. Das Essen bekommt die Nale bei ihrer Tochter. Und einmal hört das Kind, wie die Mama zum Nachbarn sagt: „Bein Krawattl han ih se packt und über die drei Staffl oche auf’n Weg gstellt. Noche han ih zu ihr gsejt: Bei dear Tür kimmsch du mir nimme eiche, hasch ougrichtet gnueg!“
Liesele,
meine kleine Schwester, noch nie habe ich so bewusst an dich gedacht. Immer war ich die Kleine, der „Mulli“, die nach dem Tod der Mama niemand nehmen wollte. Liesele, von der Nale hast du deinen Namen bekommen. Vielleicht wollte die Mama doch noch einmal ein Zeichen setzen, obwohl ihr die Nale das Leben schwer genug machte. Oder hat der Tate ein Machtwort gesprochen? Doch er war mit anderen Problemen beschäftigt. 1949, am 17. März, bist du geboren, fast genau auf den Tag ein Jahr nach mir. Hat man dich nicht so wie mich gleich nach der Geburt „ausgestattet“, damit du überleben könntest? Doch vermutlich hat die Mama gleich nach der Geburt gesehen, dass du wenig Chance zum Überleben hast. Nur fünf Monate alt bist du geworden. Am Kindergrabstein kein Name von dir eingraviert. Namenlos! Zu groß war die Schande. Niemand hat davon gesprochen, doch irgendwie ist dieses schreckliche Wort ein paar Jahre später auch an meine Kinderohren gelangt. Wasserkopf! Wie oft hab ich mir als Kind an den Kopf gegriffen, gedrückt und gehorcht, ob ja kein Wasser drinnen ist. Erst als erwachsene Frau begriff ich, dass du missgebildet warst und nicht überlebensfähig. Die Leute im Dorf haben später zu mir gesagt: „Ja, dei Vater hat halt det schue gschpunnen. Vielleicht hat dejs ’s Liesele geerbt kejt.“
Wie schön wäre es gewesen, wenn ich eine um ein Jahr jüngere Schwester gehabt hätte! Ob auch du mit mir nach dem Tod von Mama zur Bäuerin gekommen wärst? Die andere Halbschwester, Tates Kind bei der Magd, bin ich erst mehr als sechzig Jahre später suchen gegangen. Zu groß war dieses Tabu.
Liesele, Franzele, Loisele, alle drei seid ihr tot. Ihr seid „Engelen“, hat man gesagt. Diese ziehen die Mütter in den Himmel hinauf, wenn das Jammertal zu schwer auf ihnen lastet. Liesele, du und die Brüder, ihr habt die Mama viel zu früh hinaufgezogen. Das große Elend kam erst nachher. Vielleicht hat euch auch Mamas Totgeburt des ersten Kindes nach der Hochzeit geholfen, sie in den Himmel hinaufzuziehen. Im achten Monat schwanger, ist die Mama durchs „Schopploch“ in den Stall hinuntergefallen. Ein hoher Blutverlust die Folge. Die Mama lang krank, trotzdem im Jahr darauf wieder schwanger.
Jedes Jahr ein Kind, ein schizophrener Mann, die viele Arbeit und dann noch du, Liesele. Für dich hat die gesunde Substanz nicht mehr ausgereicht. Liesele, meine kleine Schwester, nur das Wort Wasserkopf ist bis jetzt von dir geblieben. Heute spüre ich zum ersten Mal einen Strom Zärtlichkeit für dich.
Am See kommt leichter Wind auf. Die Wellen spielen miteinander Fangen. Die große Schwester beginnt zu lachen.
„Wie gut, dass die Mama so viel Humor gehabt hat. Ich weiß noch gut, wie sie wieder singen und pfeifen angefangen hat. Als dein Vater eine Zeitlang in der Landesheil- und Pflegeanstalt war und sie die Alte vor die Tür gesetzt hat, ist endlich wieder der Humor bei ihr durchgekommen. Sie hat auch sehr gut Witze erzählen können. Wenn unserer Mama ein Witz eingefallen ist, hat sie alles liegen und stehen lassen und ist den Steig bis zum Hohen Haus hinaufgelaufen und hat den Nachbarn durch das offene Küchenfenster ihren neuesten Witz erzählt. Weil sie eine laute Stimme hatte, haben die anderen Nachbarn auch mithören können. Ihren Lieblingsnachbar hat sie mitten in der Nacht holen können, wenn es bei der Geburt eines Kalbes Probleme gab.“
„Am Sonntagnachmittag hat sie sich ins Bett gelegt. Sie hat sehr gern Liebesromane gelesen. Vielleicht hat sie das Lesen auch mir vererbt. Einmal sollten das Hannele und ich, während sie im Bett gelesen hat, auf die ‚Pipelen‘ im Freigehege aufpassen. Aber wir sind auf den Kirschbaum gestiegen und haben die reifen Kirschen gegessen. Als die Mama aufgestanden ist und in den Hühnerhag geschaut hat, hat sie laut zu weinen angefangen, weil eine Ratte den Drahtzaun durchgebissen und allen Pipelen beim Genick das Blut ausgesaugt hat. Das ist eins der wenigen Bilder, die mir von der Mama geblieben sind: sie, vor dem Hühnerhag weinend, und alle Pipelen tot. Jahre danach habe ich mich noch geschämt, wenn dieses Bild in mir aufgestiegen ist.“
„Am schlimmsten war es für sie, wie sie das vierzehnjährige Hansele geholt haben. Wir waren in der gleichen Klasse und ich bin sehr erschrocken, wie die Alte ihn während der Schulstunde abgeholt hat. Sie ist direkt mit ihm zum Zug und mit ihm in das Dorf zu seiner Tante gefahren. Später sollte er deren Bauernhof erben. Der Oberlehrer muss es gewusst haben, denn er hat es geschehen lassen. Es war mitten im Heumahd. Aber der Mama hat niemand etwas von der Aktion gesagt. Ich weiß noch gut, wie sie geschrien hat: ‚Sou lang han ih ihn kennen in Arsch oputzn, iats, weil er mir a Hilf war, tien sen weck.‘ “
Bald darauf kommt der Brief vom Abt des Klosters. Der Ärger wird haushoch. In dem Brief wird der Mama mit Herbst die Pacht gekündigt. Kein Mann mehr am Hof, nicht einmal ’s vierzehnjährige Hansele. Der Mama wird eine Wohnung über dem Klosterschweinestall und Mitarbeit in der Klosterlandwirtschaft angeboten. Sie nimmt den Brief, läuft direkt zum Abt ins Kloster. Dem Abt verschlägt es Stimme und Gehör. Im Dorf sagen die Leute: „Ma hat se bis in Kloaschtergartn oche schreien kheart.“ Die Kündigung wird zurückgezogen. Die Mama kann mit ihren drei Mädchen auf dem Hof bleiben.
Die Klosterkirche ist innen bereits renoviert. Während des Krieges waren rund um das Grab der Landesfürsten Hunderte Südtiroler Aussiedler untergebracht. Ob der Boden in Südtirol zu heiß geworden war oder sie „heim ins Reich“ wollten, für viele endete die Reise knapp vor dem Hochaltar. So manch einer spähte im Dorf nach einem Mädchen und hatte Glück dabei.
Vor dem Krieg gab es im Dorf vor allem „Schwarze“, zu erkennen am Besuch des Sonntagsgottesdienstes, oder heimliche „Nazi“. Während des Krieges waren die „Nazi“ öffentlich, die „Schwarzen“ heimlich. Zum Gottesdienst gingen viele trotzdem. Nach dem Krieg gab es keine „Nazi“ mehr, nur Heimkehrer, die ihre Pflicht getan hatten. „Kleaschterer“, Klosterbewohner, gab es vor und nach dem Krieg. Die Patres wurden nach der Besetzung Österreichs durch Hitler bis auf den Dorfpfarrer vertrieben.
Die Frauen unterstützten ihre Männer oder schwiegen.
„Sozi“ gab es noch keine im Dorf. Sie kamen erst mit dem Bau der neuen Siedlung zwischen Straße und Eisenbahn.
Das Dorf hält den Atem an. Bei einer Gemeinderatswahl eine kommunistische Stimme! „Dejs kann lei der Zuezochne in Bahnwärterhäusl sein“, vermuten die Leute. Kommunisten sind gefährlich. „Dia gloubm gar nicht“, heißt es.
Das Dorf ist geprägt vom Lauf des Kirchenjahres.
Das Kind geht jetzt zur Schule.
Dieses Jahr darf das Kind zur Weihnachtsmette mitgehen. Zum ersten Mal betritt es die Stiftskirche im Kloster. Es ist wie ein Märchen, die ganze Kirche eine Schatztruhe aus Gold und Edelsteinen, gleich am Anfang ein Gitter mit lauter schmiedeeisernen, bemalten Rosen. Mit Herzklopfen geht das Kind mit der Mama durch das bereits offen stehende Tor. Leise Orgelmusik, goldverzierte Gestalten, Engel mit Flügeln, bunte Bilder an den Wänden, von der Kirchendecke grüßt freundlich die heilige Maria mit dem goldenen Apfel in der Hand, um ihren Kopf ein Kranz von zwölf Sternen. Ein eigenartig süßer Geruch, der dem Kind fast den Atem nimmt, erfüllt die Kirche. „Pass au, dass nit stolpersch, und mach dei Maul wieder zue“, flüstert die Mama dem Kind ins Ohr und zeigt zu den Mädchenbänken vorne links vom Altar im Mittelschiff. Das Kind drängt sich in die erste Reihe. Die Augen beginnen ihm zu tränen, das Kind glaubt, im Himmel angekommen zu sein, fehlt nur noch das genügend Bravsein. Ein roter Teppich bedeckt den Boden des Altarraumes. Doch nicht genug. Ein langer, roter Teppich liegt vor dem Altar, an den verschnörkelten Chorstühlen der Patres entlang bis zum Hochaltar ganz vorne im Hauptschiff der Kirche. Durch ein schmiedeeisernes Tor, das die Geistlichkeit normalerweise von den Menschen trennt, kommt der erste Ministrant. Er hält ein großes Kreuz hoch, auf dem der tote Jesus hängt. Eine lange Schar rot gekleideter Ministranten folgt ihm, der Zeremonienmeister an ihrer Seite. Es folgen die Novizen und die Patres. Dem Kind bleibt der Atem stehen. Durch das schmiedeeiserne Tor schreitet der Abt des Klosters. Er neigt seinen Kopf, damit die Mitra nicht am Tor hängen bleibt. Über der Alba trägt er ein goldbesticktes Messgewand, goldglänzende Schuhe, weiße Handschuhe mit einem goldenen Ring am Finger. Ein Pater nimmt ihm die Mitra ab. Darunter hat er eine kleine, runde, weiße Kappe auf. Ob er darunter kahlgeschoren wie der Tate ist?
Die Orgel ertönt laut, die Glocken läuten, alle stehen auf. „Dominus vobiscum.“ – „Et cum spiritu tuo.“ – „Oremus …“ Die fremde Sprache klingt im Ohr des Kindes. So hat der Abt bestimmt nicht mit der Mama geredet, als sie mit dem Kündigungsschreiben ins Kloster gelaufen ist und ihm „das Maul“ angehängt hat. Das Kind schüttelt den Kopf. Es kann nicht glauben, dass dieser himmlische Bote, viel prachtvoller als der heilige Nikolaus, derselbe Abt gewesen sein soll.
Alle knien nieder. Der Abt setzt sich. Am besten gefallen dem Kind die goldbestickten Schuhe, die weich wie Patschen sind. Das Kind trägt daheim Wollsocken mit aufgenähter Ledersohle.
Die Leute im Mittelschiff und die Kinder in den Seitenbänken dürfen sich setzen. Der Zeremonienmeister gibt das Zeichen dazu. Dann setzt er dem Abt die Mitra auf. Der geht zum Ambo und beginnt zu sprechen. Die Don-Bosco-Schwester bei den Mädchenbänken legt den Finger auf die Lippen. Die Mädchen müssen trotzdem lächeln, denn beim Abt schlägt beim Sprechen irgendwo die Zunge an. „Dear isch lei nouh ‚krowatisch‘ redn gwehnt“, sagt später die Mama.
Der Abt redet von Jesus, wie arm er geboren sei, nur in einem Stall sei für ihn und seine Mama Platz gewesen. Ins hat der Abt ouh lei an Platz übern Schweistall gebm wellen, denkt sich das Kind. Bei der Wandlung kein Huster in der Kirche. Der Abt flüstert einige unverständliche Worte, hebt die große Hostie, dann den Kelch hoch. Ab jetzt ist Jesus im Brot und im Wein, sagt beim Religionsunterricht der Pater. Deshalb müssen ab jetzt die Leute in der Kirche besonders still sein. Auf die Frage, ob der Abt ein Zauberer sei, sagt die Mama: „Ma woaß dejs nie aso genau.“
Alle schlagen sich auf die Brust. Der Abt bricht die große Hostie auseinander und beginnt sie zu zerkauen. Die Kälte knirscht in der Kirche. Er trinkt aus dem goldverzierten Kelch, den ihm ein Pater hält. Die Patres, die Novizen, die Ministranten knien vor dem Abt nieder, strecken die Zunge heraus und bekommen eine Hostie. Die Leute knien beim „Speisgitter“ nieder. Der Reihe nach strecken sie die Zunge heraus. Das Kind darf daheim nicht die Zunge herausstrecken. Die Mama sagt, das sei frech. Ein Ministrant hält sogar einen goldenen Teller unter die Zunge. Kein Stück der Hostie darf auf den Boden fallen, das wäre eine große Sünde. Die Mama kommt, streckt dem Abt die Zunge heraus. Der Abt legt die Hostie darauf. Die Mama muss ein wenig lächeln, denn sie hat den Abt seit ihrem Schreiausbruch nicht mehr gesehen. Auf dem Heimweg fragt das Kind die Mama: „Warum sein alls lei Buebm Minischtrantn?“
„Dejs woaß ih ouh nit. Denk nit so viel nach, siesch geaht’s dir wie dein Vater.“
„Mama, wenn du nit mit’n Prälat gschriern hasch, hattn mir ouh lei an Stall kejt.“
Die Mama lächelt beim Betreten der warmen Stube. Vor dem Schlafengehen wird der Weihnachtszelten angeschnitten. Er schmeckt dem Kind gut.
Für das neue Jahr lernt die Mama mit dem Kind einen Neujahrsvers mit einem besonderen Wunsch an die Nachbarinnen:
Ih wünsch dir a guets nuijs Jahr
’s Christkindl auf’n Altar
zwoa Engelen, weswegn?
Dass die Hennen recht guet legn!
Die Nachbarinnen freuen sich über Mamas guten Einfall. Das Eiergeld ist oft genug das einzige Bargeld, über das die Frauen verfügen. Ein Gedicht kann sonst kein Kind beim „Nuijahrsabgwinnen“ aufsagen. Das Kind bekommt deshalb Anerkennung und hat ein paar Groschen mehr als die anderen Kinder im Beutel.
Die Mama gewinnt dem beschwerlichen Leben meistens eine heitere Seite ab. Sie verkleidet das Kind als Tirolerbub zum „Maschgern“ gehen und lehrt ihm auch wieder einen neuen Reim:
Bin a lustiger Bue
lass in Teixl kue Rueh
und die Engelen in Himml
dia lachn darzue.
Bin a lustiger Bue
brauch gar oft a Paar Schueh
und a trauriger Narr
hat oft lang an uan Paar.
Wie lang wird das Kind von diesen ersten Erfahrungen mit Himmel und Engeln und Fröhlichkeit zehren? Die Mama hat nicht einmal vor dem „Teixl“ Angst und vermittelt dies auch ihren Kindern.
Die große Schwester darf zum ersten Mal zum Faschingsball ins Dorfwirtshaus gehen, denn sie ist im Jänner sechzehn geworden. Auch die Mama überkommt die Verkleidungslust. Sie leiht sich von der Klosterküche den größten Kochlöffel aus und kommt als Koch „vermaschgert“ ins Wirtshaus. Die große Schwester wundert sich den ganzen Abend, warum ihr immer ein Koch nachspioniert. Beim geringsten Annäherungsversuch eines Dorfburschen bekommt dieser den Kochlöffel zu spüren. Der Mama entgeht einfach nichts.
Im Mai kommt das Hannele weinend vom Religionsunterricht nach Hause.
„Mama, niemed will fiar d’ Rosi Firmgotl machen!“
„Warum nit?“
„Die Kinder habm ihr ‚Kommunistnfratz‘ nachgschriern. Mama, was isch a Kommunist?“
„Hear lei zun plearn au, Hannele. Ih mach der Rosi Firmgotl. Dejs war decht nouh schiander. Lei weil der Alte Kommunist isch, weard ’s Madl woll decht gfirmt wearn kennen. Wo kam’ mir denn da hin!“
„Mama, was isch a Kommunist?“
„Dia verhoaßn ’s Paradies auf dear Walt. War nit aso schlecht, weil wer woaß schue, ob’s wahr isch, was ins die Kleaschterer fiar a Paradies verhoaßn. Amol auf dear Walt han ih’s nouh nit gfundn. In gscheideschtn war, wenn’s in Paradies kuene Manderleit gab, weil dia bringen lei ’s Unglück in d’ Walt.“
Die Mama lässt dem Hannele zur Firmung ein wunderschönes, rotes Kleid mit Plisseerock beim Dorfschneider nähen. Auch für die Rosi bezahlt die Mama den Schneider. Vier Jahre später trägt das Kind dieses Kleid beim Tor zum Rosengitter in der Stiftskirche. Es darf für den Neupriester vom Dorf das Festgedicht aufsagen. Das Kind betont beim Satz „Du bist am Ziel“ das „Du“ anstatt das „Ziel“. Die Don-Bosco-Schwester kann es dem Kind trotz ihres Einsatzes nicht mehr abgewöhnen.
Zwischen „Heimahd“ und „Gruemet“, dem zweiten Heuschnitt, geht die Mama mit großen Gummistiefeln in die Klosteräcker Unkraut jäten. Davon kann sie den Schneider bezahlen. Am Morgen schafft sie den Kindern die Arbeit an. Die Johannisbeeren müssen gepflückt werden. Das ist Kinderarbeit. Den Kindern der „Summerfrischler“ aus Wien füllt die Mama einen Zuber mit Wasser ein. Seit Jahren vermietet sie die leer stehenden Kammern an eine Wiener Großfamilie.
Die große Schwester übernimmt das Kommando bei der Arbeit. Das Kind organisiert sich zum Johannisbeerenpflücken Nachbarskinder. „Noche, wenn mir toun habm, was die Mama ougschaffn hat, kennen mir ouh spielen.“ Ein Gewitter kommt. Alle Kinder, auch die „Summerfrischler“, laufen in den Heustadel. Normalerweise ist es verboten, in den Heustadel zu gehen. Die Kinder klettern auf den Heustock und balgen sich. Die Regentropfen klatschen auf die Dachziegel. Wohlig warm ist es im Heu. Die Kinder bauen sich zwei Kammern. Eine Heuwand ist die Mauer. Die Kleineren spielen „krank sein“. Das Kind hat Fieber. Der Doktor muss das Kind untersuchen. Aus einem Heubuschen formt der „Summerfrischlerbub“ ein Abhörgerät. Das Kind muss die Bluse aufknöpfen. Das Heu kitzelt auf der Brust. „Die Lunge ist in Ordnung.“ Vielleicht hat das Kind Blinddarmentzündung? Der Bub tastet den Bauch ab. Irgendwie kommt er dabei zwischen die Beine des Kindes. Er beginnt es abzutasten, zu streicheln. Es kitzelt eigenartig. Ein Schauer läuft über den Rücken des Kindes, es kribbelt im Bauch.




