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Plötzlich das Gesicht vom Hannele über der Heuwand. „Was tiets denn ejs da? Ziech dir gach die Unterhose auche und oche von Heistock!“ Das Kind wird rot, schämt sich, nicht nur, weil die Mama den Heustadel verboten hat.
In der Beichtvorbereitung hört das Kind das erste Mal das Wort „berühren“. Es ist eine Sünde, sich selbst zu berühren. Ebenfalls darf man sich von niemandem „berühren“ lassen. Das Kind traut sich nicht zu fragen, was berühren eigentlich ist. Wenn das Kind mit seiner Schwester rauft, berühren sie einander auch, doch dazu sagt man „angreifen“. Wenn die Mama erregt ist, kommt ihr die Hand aus, dazu sagt man „watschen“. Wenn sich das Kind in der Nacht fürchtet, greift es nach der Hand der Schwester, dazu sagt man „Hand hebm“. Wenn der alte Rentner, dem die Mama Kost und Kammer gibt, auf der Hausbank sitzt und über das Knie des Kindes hochstreicht, sagt er, das sei „Kinder streichlen“. Das hätten die Kinder gern. Das Kind mag es trotzdem nicht. Bei der Erstbeichte lässt das Kind „berühren“ einfach aus.
Zur Erstkommunion macht eine Südtiroler Aussiedlerin, die seit dem Krieg im Haus wohnt, dem Kind mit der Brennschere Stopsellocken. Um ein Haar verbrennt sie dem Kind dabei die Haut. Das Kind bekommt um ein Haar einen Wutanfall. Es kribbelt im Bauch. Es treibt dem Kind die Tränen in die Augen. Doch heute darf das Kind nicht zornig werden, denn Jesus mag keine schwarze Seele. Zur Erstkommunion morgen muss es ohne Sünde sein, sagt die Don-Bosco-Schwester. Es gelingt dem Kind, den Zorn zu verdrücken. Die Locken fallen wunderschön. Für die Nacht setzt die Mama dem Kind ein Haarnetz auf.
Am Erstkommuniontag trägt das Kind das weiße Erstkommunionkleid vom Hannele. Die Mama hat weiße Strümpfe gekauft, für weiße Schuhe hat das Geld nicht gereicht. Das Kind schämt sich mit den schwarzen Schuhen. Hauptsache, keine schwarze Seele!
Die Musikkapelle spielt zum Einzug in die Pfarrkirche. Die Hostie bleibt am Gaumen kleben. Ob dies eine Sünde ist? Anschließend sind die Kinder mit den Eltern, Paten und Patinnen bei den Don-Bosco-Schwestern zum Frühstück eingeladen. Das Kind hat noch nie einen so schön gedeckten Tisch gesehen. Jedes Kind bekommt einen eigenen, kleinen Gugelhupf. Beim ersten Bissen löst sich die Hostie vom Gaumen. Das Kind schluckt gleichzeitig mit dem Gugelhupf Jesus hinunter. Es muss laut lachen. Später wird der Pfarrer zum zukünftigen Mann der inzwischen erwachsenen Frau sagen: „Da habe ich das Kind zum ersten Mal lachen gesehen!“
Der große Bruder ist vom Dorf seiner Tante auf Besuch gekommen. Das Kind freut sich sehr, dass an seinem Erstkommuniontag der große Bruder da ist. Er ist inzwischen achtzehn Jahre alt. Er bringt als Geschenk eine richtige Schachtel voll Bonbons. Das Kind fällt dem Bruder um den Hals. Das Kind ist jetzt reich. Es holt unter dem Bett den alten Koffer hervor und schüttet die Bonbons zu den Keksen. Es hat sich nämlich zum „Gotlpack“ zu Ostern so viel Kekse gewünscht, dass es von Ostern bis Allerheiligen jeden Tag drei Stück essen kann. Die Patin, die Schwester vom Tate, hat dem Kind diesen Wunsch erfüllt. Nun kommt noch für viele Tage ein Bonbon dazu. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen: jeden Tag drei Kekse essen und viele Tage ein Bonbon dazu. Die Mama nimmt dieses Gefühl nicht so ernst. Drei Wochen später nimmt sie einen Sack voll Keksen zum Kartoffelanbau mit aufs Feld. Als das Kind die fehlenden Kekse im Koffer bemerkt, bekommt es einen Wutanfall und wird in den Dorfbach gehängt.
Jetzt muss nicht nur die Wut, sondern regelmäßig die schwarze Seele reingewaschen werden. Jeden Monat zur Beichte gehen. Das Kind nimmt es sehr ernst. Das Gewissen erforschen ist eine schwere Arbeit. Die fünf B, die der Pater im Religionsunterricht aufzählt, verfolgen das Kind bis ins Bett: „besinnen, bereuen, bessern, beichten, büßen“. Jedes Mal vor der Beichte sagen: „O lieber Vater im Himmel, ich habe dich durch meine Fehler in Gedanken, Worten und Werken beleidigt.“ Das Kind kann nicht verstehen, warum Gott beleidigt ist, und sagt sich: Ich bin beleidigt, weil das Hannele immer bevorzugt wird, weil es der Mama und der Nale schöntut. Ich bin beleidigt, weil mich die Mama mit der großen Schwester in den Dorfbach hängt. Das soll ich auch noch bereuen? Bessern geht sowieso nicht, weil die Wut von selbst kommt. Beichten muss ich gehen. Die Buße gibt der Pater auf. Büßen mag ich nicht, aber ich muss, sonst bleibt die Seele schwarz, fertig!
Heute gehen die Erstkommunionkinder zum ersten Mal gemeinsam mit den anderen Volksschulkindern zum Beichten in die Stiftskirche. Sechs wunderschön geschnitzte Beichtstühle sind zur Auswahl da. Bei jedem hängt ein Schild mit dem Namen des Paters. „Na, zun Prälat geah ih nit, zum Schluss kennt er mih und gibt mir nouh die Straf fiar d’ Mama au.“ Es geht zum Pater mit dem fremdländisch klingenden Namen. Ein roter Samtvorhang dient als Tür. „Ich habe mich selber berührt.“ Endlich hat das Kind das ihm fremde Wort gesagt. Der Pater fragt nach. Das Kind stottert. Von den Bänken her hört es die Kinder tuscheln. Zu lang im Beichtstuhl ist vermutlich eine Todsünde. Der schaurige Satz, den die Don-Bosco-Schwester im Handarbeitsunterricht immer wieder zu den Mädchen sagt: „Ich weiß nicht wann, ich weiß nicht wo, ich weiß nicht wie, aber das weiß ich, wenn ich in einer Todsünde sterbe, bin ich verloren für ewig“, geht dem Kind durch den Kopf. Der Pater beruhigt das Kind. Er spürt die Not des Kindes. Nein, sterben brauche es deswegen nicht, doch soll es morgen an die Pforte kommen.
Mit hochrotem Kopf kommt das Kind aus dem Beichtstuhl. Es schlägt die Hände vor das Gesicht, betet die Buße. Zum Pater geht es nicht. Es schämt sich. Am Herz-Jesu-Freitag geht das Kind nicht zur Kommunion. Die Don-Bosco-Schwester schüttelt den Kopf. Das Kind kann nicht sagen, dass es eine schwarze Seele hat, weil es nicht zum Pater gegangen ist und die Lossprechung nicht gültig ist.
In der Nacht träumt das Kind von den armen Seelen. Sie kommen und ziehen das Kind an den Haaren. „Na, ih han kuene Bluemen in Freithof ogrissn“, schreit es im Traum. „Drahn dih um und schlaf weiter“, sagt die große Schwester. Das Kind wacht schweißgebadet auf, kann lange nicht einschlafen, traut sich fast nicht zu atmen. Es hat noch nie im Friedhof Blumen abgerissen, trotzdem hat es Angst. Die armen Seelen könnten sich irren und das Kind wieder an den Haaren ziehen. „Ich weiß nicht wann, ich weiß nicht wo, ich weiß nicht wie … verloren für ewig.“
„Ich will nicht tot, nicht verloren sein. Ich will mich nicht mehr selbst berühren und von niemandem berühren lassen!“ Irgendwann schläft das Kind ein.
Im Garten blühen die Pfingstrosen. Dunkelrote, hellrote, weiße Pfingstrosen, den ganzen Gartenzaun entlang. Die Mama kommt mit Korb und Schere, schneidet jede zweite Blüte ab. Ein Korb voll mit Pfingstrosenköpfen. „Geah darmit zu die Kloaschterfrauen oche und bring ene dia Bluemen fiarn Umgang.“ Dem Kind beginnt es im Bauch zu kribbeln. Heute hat die Don-Bosco-Schwester in der Schule die Erstkommunionkinder zum Blumenstreuen vor dem „Himmel“ ausgesucht. Nur die Allerbravsten sind dabei.
„Voarn ‚Himml‘ muess ma brav sein, in Himml sowieso, aber vielleicht kimm ih ouh drou, wenn ih so viel Pfingschtroasnköpf bring und wenn sogar dia verschtrittnen Nachbarsbuebm untern ‚Himml‘ giahn darfn.“ Unter dem „Fronleichnamshimmel“, einer Art Baldachin, haben der Abt und der Pater, der Pfarrer ist, sowie zwei Ministranten Platz. Die vier Stangen, die den „Himmel“ halten, werden von vier angesehenen Bauern vom Dorf getragen. Die Ministranten läuten mit ihren Glocken, damit die Leute früh genug niederknien, wenn der Abt mit dem Allerheiligsten vorbeizieht.
Als das Kind der Don-Bosco-Schwester die vielen Pfingstrosenköpfe bringt, freut sie sich, beginnt sie zu zerpflücken, in die kleinen Rosenstreukörbe zu verteilen. „Sag deiner Mama Vergelt’s Gott.“ Sonst sagt die Schwester nichts.
Das Kind kämpft auf dem Heimweg mit den Tränen. Die alte Hausbewohnerin macht ihr am Abend wieder Stopsellocken. Dieses Mal verbrennt sie das Kind nicht. Die Mama füllt dem Kind in allen Pfingstrosenfarben einen wunderschönen Blumenkorb. „Strahn se hintn nachn ‚Himml‘. D’ Weiberleit brauchn ouh an Bluementeppich.“
„D’ Weiberleit brauchn an Bluementeppich“, summt die Mama den ganzen Abend vor sich hin.
Die letzten Sonnenstrahlen werfen ihre Schatten voraus. Die Bäume spiegeln sich im See. Die beiden Schwestern erkennen sich im Spiegel.
„Das alles direkt Heraussagen haben wir beide von unserer Mama. Das Hannele ist ganz wie die Alte. Bei ihr geht auch alles hinten herum.“
„Wenigstens jetzt nach der langen Zeit könntest du ‚Nale‘ sagen. Bei mir und beim Hannele hat sie nach dem Tod der Mama nie schlecht über sie geredet.“
„Du willst es immer noch schöner sehen. Du warst ja noch klein und hast dich anpassen müssen, und geträumt hast du immer schon gern.“
„Vor ein paar Jahren ist mir im Traum der Schluss von meinem Gedicht eingefallen, das ich mit fünf gedichtet habe:
D’ Mama
tuet
schimpfn
schreien
Arsch otatschn
Luller gebm
Bett eiche
warfn –
kimpt nit
Die Nachbarn und die Mama haben gelacht, wie ich den Vers aufgesagt hab. Viele Jahre ist mir der Schluss nicht mehr eingefallen. Vor ein paar Jahren hab ich einen Traum gehabt: Ich liege in der Stube in meinem Kinderbett und schaue der großen Stubenuhr beim Weiterticken zu. Immer und immer wieder schlägt das große Pendel hin und her. Ich hab gewartet und gewartet. Als ich aufgewacht bin, hab ich gewusst, dass der Schluss ‚kimpt nit‘ heißt. Von einem Tag zum andern war wirklich Schluss, ist sie nicht mehr gekommen. Das ‚kimpt nit‘ war das Trauma meiner Kindheit. Zuerst zu einer Amme, dann hat die Mama die ganze Arbeit machen müssen, war auf dem Feld, hat wenig Zeit gehabt, später ist sie wirklich nicht mehr gekommen. Sie ist einfach umgefallen und tot gewesen.“
Die Frau erstarrt. Ein Schauer durchfährt sie. Im Bruchteil einer Sekunde ist der Schmerz wieder da. Das „kimpt nit“ ist wahr geworden. Die Mama stirbt viel zu früh, von ihrer Ersatzmutter, der Mutter Kirche, ist die Frau abgenabelt, ist aufgewacht, hat ausgeträumt.
„Wie konnte ich die Mutter Kirche als Ersatzmutter wählen?“ Das Bild von der ersten Weihnachtsmette an der Hand der Mama steigt hoch, der Duft des süßen, schweren Weihrauchs liegt wieder in der Luft. Süß und schwer, bis die Frau die Schwere beinahe erdrückte. „Was hasch iats kejt? Ausgschaugt hasch, as wie wenn iats und aber zun plearn oufangen tasch!“
„Es geaht schue wieder.“
„Ja, kemen isch viel andersch.“
Wenn die Mama auf dem Feld mit der Arbeit fertig ist, geht sie schnell ins Kloster Korn schneiden. Das kann sie besser als die Männer. Dabei bekommt sie auch so manches Problem mit, das der Klosterschaffer mit dem Abt hat.
Einmal, beim „Gruemet“, brauen sich die Regenwolken am Tschirgant zusammen. Kein einziger Taglöhner auf dem Klosterfeld. Das „Gruemet“, bereits gewendet und dürr, liegt in langen Reihen bereit zum Aufladen und Einbringen. Doch die Taglöhner bleiben nach dem Mittagessen im Gesindehaus sitzen. Sie sind entschlossen, nicht mehr um ihren Hungerlohn zu arbeiten. Der Schaffer geht in Gottes Namen zum Abt. Die Leute warten. Mit hochrotem Kopf kommt der Schaffer nach kurzer Zeit zurück. „Seids halt decht so guet und tiets hein nouhamol dejs Gruemet ei. Der Prälat hat nouh kue Oahr fiar enker Ouliegn, aber ih wears ihn schue voarzue beiderbringen.“
Murrend stehen die Leute auf und schaffen es gerade noch vor den ersten Regentropfen. Das „Gruemet“ ist trocken im Klosterstadel. Hinter vorgehaltener Hand macht die Aussage des Prälaten im Dorf die Runde: „Sie, Herr Schaffer, sind fürs Wohl des Klosters und nicht fürs Wohl der Leute zuständig!“
„Woasch nouh, was d’Mama drau gsejt hat?“
„Ja, vo’r Kanzl oche preding se umkeahrt as wie se salber tien!“
„Asiamol isch ihr ouh dertrunnen: Je nachner bein Kloaschter, umso nachner bei’r Höll.“
„Na, gschissn hat sig inser Mama voar die Kleaschterer nicht.“
Annatag, Hochsommer, der heimliche Frauentag.
Die Mutter Anna ist den Frauen im Dorf vertraut. Ein Stück den Berg hinauf im Wald steht die St.-Anna-Kapelle. Das Tosen des Dorfbachs ist zu hören. Unzählige Steine hat er im Lauf der Jahrhunderte mit ins Dorf gebracht. Baum, Stein und Quelle, uraltes Wissen um die Anwesenheit des Göttlichen immer noch im Unbewussten der Frauen da, obwohl den Frauen über Jahrtausende männliche Vorstellungen vorgesetzt, übergestülpt, aufgesetzt wurden. Der Annatag gehört den Frauen. Die Mutter Anna ist eine von ihnen, die es mit ihrem Mann Joachim vermutlich auch nicht immer leicht hatte.
Die Frauen gehen den steilen Weg zur St.-Anna-Kapelle hinauf. Im Wald überkommt sie eine innere Ruhe. Sie sind endlich bei sich selbst. Der Pater vom Kloster gehört dazu. Heute ist der Weg für alle gleich beschwerlich und steil. Kein schmiedeeisernes, rosenverziertes Gitter trennt den Hochaltar von den Menschen. Rosen wachsen meistens nur im Garten, das wirkliche Leben spricht selten eine Rosensprache.
Das Kind spürt beim gleichmäßigen Murmeln der Gebete ein unsichtbares Band, das alle verbindet, ein wohliges Gefühl des Dazugehörens, des Zusammengehörens beim gemeinsamen Singen.
Nach der Andacht bezahlen die Frauen den Frauendreißiger, ihr Frauenopfer. Früher einmal war der Frauendreißiger auch die Bezeichnung für die Zeit zwischen 15. August und 8. September, der besten Zeit im Jahr, um Heilkräuter zu sammeln. Der Stern Spica, der hellste Stern am Abendhimmel, war am 15. August zum letzten Mal zu sehen. Die Griechen feierten da das Fest der Göttin Artemis. Am 8. September erschien der Stern wieder am Abendhimmel. Die Frauen im Dorf kennen den 15. August nur mehr als Hohen Frauentag – Maria Himmelfahrt, und den 8. September als Mariä Geburt. Uralter Frauenkult vereint mit christlicher Kultur.
Annatag – Namenstag – ein wichtiger Tag. Hatschend und lachend kommen die Frauen heim.
Am späten Vormittag des Annatags hat die Mama das Kind zum Klostergärtner geschickt. Drei Nelkensträuße soll das Kind kaufen. „Sag’n, ih kimm amol darfür jetn.“ Das Kind geht durch ein breites Tor. Ein schwerer, süßer Duft kommt ihm entgegen. Dieses Mal nicht vom Weihrauch, nein, Nelkengeruch, Nelkenschwere des Hochsommers. Ein Nelkengeruchsnebel liegt über den Salatköpfen, Krautköpfen. Eine süße Schwere steigt in den Kopf.
Der Klostergärtner beginnt den ersten Strauß zu binden. Das Kind sitzt auf einer Steinstufe, mitten im Garten, und sieht dem Gärtner dabei zu. Es schaut zu den riesigen Zwiebeltürmen hinauf. Wozu braucht man so hohe Türme? Vielleicht wachsen sie bis in den Himmel? Der Pater erzählt doch immer vom Himmel; doch nur, wenn man nicht sündigt, kommt man in den Himmel.
„Ich weiß nicht wann, ich weiß nicht wo, ich weiß nicht wie, aber das weiß ich: Wenn ich in einer Todsünde sterbe, bin ich verloren für ewig.“
Kommt der Himmel? Der Gärtner umhüllt den ersten Nelkenstrauß mit Schleierkraut. Annatag. Kein Schleier dazwischen: für einen Augenblick Himmel.
Da, der Schatten eines Pferdes samt Reiter über dem für den Wintersalat vorbereiteten Beet. Woher kommt er? Wohin reitet er? Das Kind setzt sich auf den Rücken des Pferdes, schiebt den Reiter zur Seite. Lautlos verschwindet er im Schatten. Das Kind weiß noch nicht, dass man den Reiter nicht zur Seite schieben kann, dass es für Frauen keinen Platz im Sattel gibt. Nichts weiß es noch vom Herausschleudern aus jeder Sicherheit, vom Hinunterfallen ins Nichts, hinein in die bodenlose Angst, obwohl es jetzt bereits manches Mal vor Schreck erstarrt; vor allem, wenn es allein einen Mann sieht.
Das Kind wird lange Zeit dem Reiter nachlaufen, mitreiten, so gut und schnell es möglich sein wird. Es wird sich anstrengen, mitzukommen. Der Reiter auf dem Klosterdach wirft seinen Schatten.
Jetzt reitet das Kind schnell mit den drei Nelkensträußen zur „Gotl“. Die Mama war heute Morgen gut aufgelegt. „Kouf drei Sträuß und geah! Schluss iats mit’n Unfriedn.“
Im Frühjahr hat die Tochter von der Gotl geheiratet. Die Mama und die Kinder vom Tate sind zur Hochzeit eingeladen, nur die große Schwester nicht. Sie ist und bleibt Mamas lediger Balg. Der Balg der Magd, Vaters Seitensprung, ist auch nicht dabei. Nur die legal zur Welt gekommenen Kinder, ’s Hansele, ’s Hannele und das Kind.
Die große Schwester wundert sich, dass die Mama zwölf Leinenhandtücher mit gesticktem Monogramm der ersten Frau vom Tate aus dem großen Wäschekasten holt und als Geschenk für die Braut mit einer Schleife zusammenbindet. Die Mama ist entschlossen, die angeheirateten Familienbande endlich wieder zu normalisieren. Darum kommt sie mit vollen Händen zur Hochzeit. Der Wäschekastenschlüssel gehört seit dem Rausschmiss der Nale ihr. Lang hat ihr die Schwägerin diesen Rausschmiss nachgetragen, denn seither muss diese mit ihrer Mutter zurechtkommen. Auch das klare Nein der Mama zur Rückkehr ihres Mannes aus Hall hat jahrelang für Verstimmung gesorgt. Nun hat die Hochzeit der älteren Tochter von der Gotl des Kindes manches zurechtgerückt.
Das Kind auf den Stufen im Klostergarten ist längst ein Stück über alle Berge geritten; vor den Augen die Erinnerung an die Mama bei dieser Hochzeit. Die Mama trägt ein graues Kostüm, eine weiße Spitzenbluse und einen grauen Hut mit einem zarten, durchsichtigen Schleier vor den Augen. Für das Kind ist die Mama die Allerschönste, ist es das schönste Kleid, das sich später hinter den Schleier der Erinnerung schiebt, das sich immer wieder einmal vor die „Schreckensaugen“ der Mama schieben wird. Das Kind lächelt. Bei dieser Hochzeit hat dem Kind die Cremetorte geschmeckt. Zum ersten Mal im Leben eine Cremetorte, ansonsten zwei Mal im Jahr Cremeschnitte nach Tates Besuch.
Die Mama hat nur zum Streuselkuchenbacken Zeit. Die Zeit, die ihr übrig bleibt, dient sie auf dem Klosterfeld ab, auch für die drei Nelkensträuße.
Von den drei Nelkensträußen ist einer für die Gotl, einer für eine Tochter der Gotl, die Anna heißt, und einer für die alte Frau Anna, die Mutter des Bräutigams. Das Kind spürt ein Kribbeln im Bauch. Es hat Angst, in das neue Haus von Gotls ältester Tochter zu gehen. Warum? Vielleicht eine Vorahnung? „Nein, auf dem Pferd hab ich keine Angst“, summt das Kind vor sich hin.
„Was tramsch?“, fragt der Klostergärtner. „Da hasch die drei Sträuß zompt Schleierkraut.“
Das Kind erschrickt. Kein Reiter im Beet – davongeritten. Das Kind steht auf. Beim Hinausgehen sieht es ein Schneefeld wie ein großer Fisch in der Mitte der gegenüberliegenden Bergkette. Was macht ein Fisch am Berg? Ein Fisch ist nur im Wasser. Das hat das Kind in der Schule gelernt. Im Trockenen kann ein Fisch nicht überleben. Das Kind hat noch nie einen so großen, weißen Fisch gesehen. Im Dorfbach, in den es bei Wutanfällen hineingehängt wird, sind Ratten.
Ratten sausen dem Kind über die Füße, wenn es in der Nacht vom Haus durch den Vorstall zum „Patschklosett“ gehen muss. Ein schreckliches Gefühl, und dazu noch im dunklen Vorstall. Das Kind beginnt zu verhalten. „Bachelen“ darf es in den Nachttopf, der unter dem Bett steht.
Kürzlich mussten die Kinder sogar zwei Tage in Mamas großen Nachttopf „bachelen“. Dann die große Tat der Mama: Ein Tischlerschüler aus der Berufsschule im Kloster kommt und pfeift der großen Schwester, die inzwischen fünfzehn ist und einen festen Busen hat. Die große Schwester ist noch im Stall. Die Mama zieht rasch den Store am Fenster beiseite, der Inhalt des vollen Nachttopfs klatscht mitten in das Gesicht des jungen Mannes. Wau – weg ist er. „Nit schue wieder a Mannets“, hört das Kind die Mama sagen. Was heißt das, „nit schue wieder …“?
Wie überlebt der Fisch am Berg?
Warum geht der Fisch am Berg nicht ein?
Das Kind dreht sich noch einmal um, nimmt die Stufen im Klostergarten wahr und geht.
Viele Jahre später sitzt die Frau mit Schülern und Schülerinnen des Stiftsgymnasiums bei einer Lesung im ehemaligen Klostergarten – inzwischen wächst hier nur noch Gras – auf denselben Stufen und spricht über Texte und den Fisch. Der Fisch ist inzwischen zum Delfin geworden. Nur ein heißer Sommer vermag ihn etwas abzumagern. Ansonsten bleibt sein Bauch das ganze Jahr voll und weiß. Aus seinem Maul sprudeln Worte, immer wieder, immer wieder aufs Neue ein uraltes Wort: „kimpt“.
„Kimpt nit?“ Sie will – sie weiß gar nicht, dass sie will – doch sie muss das Haus zurückkaufen. Heute in der Nacht kauft sie es zurück. Sie lässt sich nicht davon abhalten. Es ist neu renoviert, ist sicher viel zu teuer, doch es ist ihr Haus. Das Haus, in das sie so oft gehen wollte. Sie musste es in größter Not verlassen, und als sie es endlich noch einmal betreten wollte, war es abgerissen, dem Erdboden gleichgemacht. Damals hat sie geweint, zornige Tränen. Niemand hat ihr gesagt, dass das Haus abgerissen wird. Jetzt betritt sie das Haus. Der Ruf der Nachbarin: „Aber da lejt ja der Stampfer drei“ kostet sie nur ein Achselzucken: „Und – dann liegt er eben drinnen!“ Er gehört zu ihrem Haus, hat immer dazugehört, obwohl sie sich nicht an ihn im Haus erinnern kann. Sie öffnet die Kammertür. Wie oft wollte sie diese Tür öffnen, noch einmal die Mama sehen; ein einziges Mal mit geschlossenen Augen, mit gefalteten Händen, mit Frieden um die Lippen – eine ganze Kindheit lang. Nicht dieses schreckliche Gesicht, sondern das Gesicht der Mama, der wirklichen Mama, wie sie war. Doch es kam nicht, nie mehr. Jetzt schaut sie hinein. Mamas Bett ist leer. Daneben liegt der Tate, friedlich, entspannt, zufrieden. Ein Lächeln um seine Lippen. Der Tate, der sich mit drohenden Bildern in ihr Leben eingemischt hat, obwohl er nicht im Haus war, liegt da. – Ich kaufe das neu renovierte Haus samt meinem Vater. Der Entschluss der Frau steht fest. Jetzt, heute, ist es so weit. Mehr als sechzig Jahre ist es her, seit der Vater das Haus verlassen musste.
Die Frau wacht auf, ein sattes Kribbeln im Bauch, der Tate aufgenommen, endlich mit ihr im Haus – „kimpt“.
Am See hören die Schwestern von weitem Glockengeläute. Die Kuhglocken erinnern an längst entschwundene Zeiten.
„Wie gern hab ich Kühe gehütet! Auf dem Feld hab ich träumen können, so lang ich wollte. Die Kühe haben ihr Futter selber gefunden und ich hab dem Zug zugeschaut, wenn er ganz unten im Tal vorbeigefahren ist. Ich hab mir immer gedacht, dass hinter dem Tschirgant die Welt anfängt, eine Welt, in der die Mädchen dasselbe tun können wie die Buben. Ich wollte ja so gern ministrieren.“
„Ich hab wie ein Mann arbeiten müssen. In der Früh, noch vor der Schule, bin ich mit der Mama in den Stall gegangen. Mit zwölf hab ich schon melken können. Ich hab der Mama auch bei der Geburt eines Kalbes geholfen. Zum ‚Tolm‘ hatte ich eine besondere Beziehung, weil ich ihn mit der Mama aus dem Bauch der Kuh gezogen hab. Am Sonntagnachmittag bin ich die zwei Stunden auf die Alm gelaufen und hab dort den ‚Tolm‘ besucht. Er hat mich von weitem erkannt und ist mir entgegengelaufen. Im Sommer nach dem Tod der Mama bin ich oft zweimal die Woche auf die Alm und hab beim ‚Tolm‘ geweint, weil ich sonst niemanden an mich drücken konnte. Das Hannele hat nicht so viel arbeiten müssen. Sie ist immer schon die ‚Gescheite‘ gewesen und hat Hausaufgaben machen müssen. Sie ist zu den Don-Bosco-Schwestern in die Heimstunde gegangen und hat sich so weit wie möglich von der Arbeit gedrückt. Nur am Abend hat sie mit dir abwechselnd den Stall ausmisten und die Kühe striegeln müssen. Du hast das immer gern getan, obwohl du erst acht Jahre alt warst.“
„Oft hab ich mir überlegt, wo die Stubenuhr und die große Weihnachtskrippe hingekommen sind. Die Weihnachtskrippe hat die Mama im Herbst vor ihrem Tod dem Rauchfangkehrer verkauft. Mit dem Geld hat sie eine neue Couch gekauft. Wir Kinder waren sehr aufgeregt, als der Nachbar mit einem Lieferauto die neue Couch gebracht hat. Im Winter haben wir zu viert in der Stube geschlafen, weil das übrige Haus kalt war. Du und ich haben hinter dem Ofen geschlafen, das Hannele und die Mama auf der neuen Couch. Das Hannele war Mamas Goldschatz. Manchmal haben auch zwei Nachbarmädchen mit mir hinter dem Ofen schlafen dürfen. Dann bist du auf der Ofenbank gelegen. Ich hab noch eine Erinnerung, wie die Mama in der Früh nach der Stallarbeit in die Stube kommt und ruft: ‚Was sell ih enk hein kochn?‘ ‚Powidltatschgerln‘, haben wir gesagt. Die Mama hat immer gekocht, was wir Kinder gern mögen haben.“
„Wo die Stubenuhr hingekommen ist, weiß ich auch nicht. Tagelang war Tür und Tor offen. Die zirbenen Möbel hat mein Onkel für mich aufbewahrt. Etwas von den übrigen Möbeln hat die Bäuerin geholt, zu der du gekommen bist. Es hat dann ungefähr drei Wochen gedauert, bis der Onkel das Vieh verkaufen können hat.“




