ROCK IM WALD - Ein Norbert-Roman

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„Nein, das ist ihr Künstlername. Er stand auf der Rückseite der Karte.“
„Du hast Candrine Cooks Visitenkarte in der Hand gehalten?“
„Yep!“ Wie sie ihn ansah! Als handelte es sich bei dem Fetzen bedruckten Karton um eine Reliquie! Es war, als würde ein wenig von dem Glanz dieser Schriftstellerin, an die er Nacht für Nacht seine Frau verlor, plötzlich auf ihn abfärben.
„Wow!“
„Yep!“ Laura musste ja nicht wissen, dass er eigentlich stinksauer auf die Frau war. Für die Bücher, die sie schrieb. Obwohl er noch nie eins davon gelesen hatte.
„Und?“
„Was und?“
„Wie heißt sie?“
„Catrin irgendwas.“
„Catrin irgendwas?“
„Ich kann mich nicht mehr genau erinnern.“
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
„Himmel, Laura! Sie hieß Catrin irgendwas.“
„Wo ein Catrin ist, da ist sicher noch mehr. Bitte!“
„Kannst du sie nicht einfach googeln?“
Laura sprang wortlos auf und eilte ins Haus.
Oh nein, nicht das auch noch! Wenn seine Frau am Rechner saß, dann wurde es meist teuer, weil sie irgendwann auch etwas online bestellte. Er sprang auf und eilte hinter ihr her. Sie hatte sich gerade hingesetzt und wollte den PC hochfahren, da ergriff er ihre Hände.
„Catrin Stechler.“ Das sollte ja wohl reichen.
Laura schüttelte ihn ab. „Super, so finde ich sie leichter.“
„Willst du mir allen Ernstes sagen, dass du seit Jahren die Bücher von ihr liest und dich noch nie dafür interessiert hast, wer dahinter steckt?“
„Naja“, sagte Laura aufgeregt, während das Windows-Kleeblatt über den Monitor flackerte und die Erkennungsmelodie erklang. „Ich hätte nie gedacht, dass sie eine Deutsche sein könnte. Normalerweise kommen doch die ganzen tollen Romane aus Amerika. Was soll ich auf einer englischen Webseite?“
„Jetzt tu nicht so, als könntest du kein Englisch.“
„Was regst du dich denn so auf, Ben? Ich hab mich nie drum gekümmert, aber jetzt kümmere ich mich. Wolf fand sie süß, das ist doch wohl Grund genug, oder? Stell dir vor, wir laden sie mal hierher ein und überraschen Wolf dann damit!“
Ben stöhnte auf. Das war sicher genau das, was sich sein Bruder wünschte: einen Abend mit seiner verheirateten Reisebegleitung … und deren Mann.
Laura klickte sich bereits durchs Internet. „Wow, sie ist bei Facebook, schau mal!“
Er riss die Arme hoch und rief laut: „Ein Skandal! Ruf die Kirchenältesten zusammen! Eine Autorin, die bei Facebook ist!“
„Blödmann!“ Laura vertiefte sich bereits in die Meldungen, die auf der Autorenseite von Candrine Cook erschienen.
Er dagegen starrte auf ihr Foto. Kein Wunder, dass sein Bruder gelächelt hatte. Die Frau war ja bezaubernd!
„Ach du Scheiße!“, murmelte Laura.
„Was ist?“
„Ich glaube, du solltest deinen Bruder anrufen. Sofort!“
Kapitel 11
Wenn der Anlass nicht so entsetzlich gewesen wäre, sie hätte die Fahrt beinahe genießen können. Die Landschaft war wirklich wunderschön, die Nachmittagssonne, die zwischen dichten Wolken immer wieder hervorblitzte, ließ die grünen, dicht bewaldeten Hügel wie gemalt erscheinen.
Mit einem Seufzer zwang sich Catrin, all ihre Aufmerksamkeit dem Verkehr zu widmen. Ihr Navi führte sie über kurvenreiche Straßen durch Ortschaften, die noch viel kleiner waren als die, in der sie lebte. Meine Güte, wer zog denn hier freiwillig hin? Sicher nur radikale Aussteiger, die von selbstgeerntetem Gemüse träumten.
Inzwischen fuhr sie längst nicht mehr so schnell, wie es vielleicht erlaubt gewesen wäre, sondern versuchte, links und rechts der Fahrbahn Ausschau zu halten nach einem schwarz-braunen Hund mit weißer Blässe auf der Brust. Konnte es sein, dass Diva hier in der Nähe umherirrte?
Die Straße, auf der Catrin nun schon seit einigen Kilometern fuhr, führte relativ steil bergauf. Sobald sie oben auf der Kuppe angekommen war, suchte sie einen Platz, an dem sie anhalten konnte. Ihr Navi sagte ihr, dass sie bald am Unfallort sein musste. Wenn Diva lebend aus dem Wrack entkommen und nicht zu schwer verletzt war, dann war nicht auszuschließen, dass sie sie von hier oben aus vielleicht sehen konnte.
Ihr Handy ignorierte sie. Sie hatte es so eingestellt, dass jede Nachricht, die über Facebook kam, nun mit einem Signal angekündigt wurde, aber das war keine gute Idee gewesen. Als sie von der Autobahn fuhr, hatte sie zum ersten Mal angehalten und die Nachrichten gelesen. Es konnte ja sein, dass jemand Diva bereits entdeckt hatte. Dann begriff sie jedoch, dass sie sich mit ihrem Hilfeschrei keinen Gefallen getan hatte. Ihre Fans waren vollkommen außer sich, ihre Seite wurde mit gut gemeinten aber belanglosen Postings überflutet.
„Wir lieben dich und sind bei dir!“
„Hier, ein Schutzengel für die liebe Fellnase!“
„Wir drücken dir so die Daumen!“
„Wie kann ich helfen?“
„Oh, du Arme! Ich sende dir alle Kraft, die ich habe!“
So ging es weiter und weiter. Hundertfach. Tausendfach. Unmöglich, aus all den Nachrichten vielleicht die eine herauszufiltern, die helfen konnte! Verdammt! Und wie oft ihr Aufruf geteilt worden war! Mehr als vierzig Mal!
Inzwischen ignorierte sie das ständige Klingeln.
Langsam drehte sich Catrin um die eigene Achse und ließ den Blick schweifen. Wälder, Wälder und noch mal Wälder, die bergauf und bergab nahtlos ineinander überzugehen schienen. Buchstäblich. Soweit das Auge reichte.
Eine bodenlose Verzweiflung wallte in ihr auf. Angesichts der endlosen Weite, in der ihre schwangere Hündin verlorengegangen war, überfiel sie tiefste Mutlosigkeit. Wie in Gottes Namen sollte sie, sollte überhaupt irgendjemand in diesem Meer aus endlosen Verstecken Diva finden?
Catrin lehnte sich an ihren Wagen und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Wenn Diva verletzt war und sich irgendwo in ein dichtes Gestrüpp zurückgezogen hatte, um sich die Wunden zu lecken, dann würden hundert, nein, tausend Menschen sie hier nicht aufspüren. Niemals! Und was, wenn der Schock des Unfalls die Wehen ausgelöst hatte?
Diese endlosen Felder! Erst jetzt fiel ihr auf, dass auf den Äckern dort unten im Tal die Hölle los war. Es wurde gemäht oder geerntet oder weiß der Geier was gemacht – und zwar mit riesigen Maschinen. Oh nein! Sie hatte schon so viel darüber gelesen, wie viele Kitze Jahr für Jahr starben, weil sie von den Mähdreschern gehäckselt wurden! Junge Rehe, oft erst wenige Tage alt, die ihre Mütter in dem Glauben, im hohen Gras seien sie in Sicherheit, dort ablegten, während sie Futter suchten.
Diva war zwar kein Rehkitz, aber sie war sicher völlig verwirrt und verängstigt. Unter Garantie spazierte sie nicht an einer Landstraße entlang, wenn sie überhaupt noch laufen konnte, sondern hatte sich versteckt. In einem der Wälder oder in einem der Felder. Beides wäre ihr Todesurteil.
Was sollte sie bloß tun?
Catrin stieg wieder in ihren Wagen, obwohl ihr das völlig verrückt vorkam. Wenn sie jetzt zur Unfallstelle fuhr, dann war sie an dem Ort, zu dem Diva niemals zurückkehren würde. Nicht nach dem Schock. Wie sollte sie bloß ihre Spur finden? In welche Richtung war sie gelaufen? Die Rettungskräfte hatten nicht einmal einen Hund am Unfallort gesehen und die waren sicher nur wenige Minuten nach dem Crash dort erschienen. Da war Diva wahrscheinlich schon weiß Gott wo!
Vielleicht hatte sich über Facebook längst jemand gemeldet, der hier in der Nähe wohnte und vielleicht sogar einen Hund hatte, der auf das Suchen anderer Hunde spezialisiert war? Catrin wusste, dass es solche Leute gab, und dass Suchhunde tolle Dinge hinbekamen, jedenfalls mit Menschen. Aber sie wusste auch, dass es viele Schwätzer gab, die sich zwar damit brüsteten, einen Suchhund an der Leine zu führen, vor Ort aber dann mehr Schaden anrichteten, als dass sie halfen. Erst letztens hatte sie irgendwo gelesen, wie so eine angebliche Suchhundestaffel einen entlaufenen Rüden verfolgte, bis dieser in seiner Not auf eine Autobahn rannte, wo er nach wenigen Sekunden überfahren wurde.
Und sie hatte den Leuten auch noch genau gesagt, wo sie hin sollten! Ihr wurde siedend heiß bei dem Gedanken, was alles schon an sicher gut gemeinten Aktionen angelaufen war und was sie jetzt nicht mehr bremsen konnte, weil sie einfach keine Zeit hatte, sich einzuloggen und das zu steuern. Nein, sie musste zum Unfallort, so schnell wie möglich. Vor allem aber musste sie vor irgendwelchen Helfern dort eintreffen. Ach, hätte sie doch eben nur mal kurz überlegt und nicht schon wieder so impulsiv gehandelt! Würde sie das denn nie lernen?
Sie startete den Wagen und nahm die Fahrt wieder auf, überließ es dem Navi, Entscheidungen für sie zu treffen, und zermarterte sich das Hirn. Verdammt, wen kannte sie hier? Außer Norbert niemanden und den hatte sie ja bereits informiert. Es musste doch noch jemanden geben, sie hatte doch erst letztens noch …
Die Vollbremsung, die sie machte, ließ ihren Wagen ausbrechen, nur mit Mühe konnte Catrin ihn abfangen.
Sie kannte jemanden, der hier lebte. Jemanden, der ihr seinen Vorrat an Papiertaschentüchern überlassen hatte, als ihr die Tränen kamen. Jemanden, der ihr mit leiser Stimme einen Kaffee gebracht und dann kilometerweit mit ihr geschwiegen hatte. Jemanden, dem sie zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder eine Visitenkarte in die Hand gedrückt hatte, weil etwas in ihr hoffte, ihn wiederzusehen. Irgendwann.
Und der ihr seine gegeben hatte, ehe er aus ihrem Leben verschwand.
Kapitel 12
„Ränger!“
Catrin erschrak. Die Frau klang aber streng.
„Guten Tag, hier spricht Catrin Stechler. Ich bin auf der Suche nach Herrn Wolf Ränger, aber ich habe nur seine Hamburger Nummer, vielleicht können Sie mir weiterhelfen? Es handelt sich um einen Notfall.“
„Wer spricht denn da?“
„Catrin Stechler“, wiederholte sie.
„Woher kennen Sie denn meinen Exmann? Sind Sie eine Mandantin?“
Ups. „Ja, wir haben beruflich miteinander zu tun“, log Catrin.
„Und da gibt er Ihnen diese Privatnummer?“ Die Frau lachte hämisch auf. „Na, der ist ja drollig!“
„Er hat mir seine Karte gegeben, da steht leider nur diese eine Nummer drauf“, sagte Catrin. „Ich brauche seine Handynummer.“
„Seine Handynummer?“ Wieder hörte sie die Frau lachen, aber es klang wirklich alles andere als freundlich, sondern eher so, als habe sie noch ein Hühnchen mit ihrem Mann zu rupfen. Vielleicht war es besser, wenn sie einfach wieder auflegte. Mit so einem Mist verschwendete sie nur kostbare Zeit.
„Herzchen! Er hat dort, wohin er gefahren ist, meistens keinen Empfang. Nicht mal Strom, um genau zu sein. Nichts eigentlich, außer Mücken und anderes Ungeziefer.“
„Haben Sie dann vielleicht eine Adresse für mich?“ Eine Chance würde sie der Schnepfe noch geben. Catrin wühlte im Handschuhfach nach einem Kugelschreiber.
„Eine Adresse? Vergeben die dort inzwischen Adressen?“ Wieder dieses böse Lachen.
Kein Wunder, dass Wolf Ränger im Zug so unglücklich gewirkt hatte. Seine Ehe musste die Hölle gewesen sein.
„Also, haben Sie eine oder nicht?“, fragte Catrin ungeduldig.
„Nun werden Sie mal nicht frech, Fräulein!“
Wenn Catrin eins nicht leiden konnte, dann waren es Menschen, die sie Fräulein nannten.
„Frau Ränger“, sie gab ihrer Stimme, die vorher unsicher geklungen hatte, etwas von der schneidenden Schärfe, die gelegentlich Türen öffnete, welche vorher verschlossen gewesen waren. „Es geht hier um Leben und Tod, und wenn Sie nicht möchten, dass ich Sie wegen unterlassener Hilfeleistung belange, dann bitte ich jetzt in aller Höflichkeit ein letztes Mal um Ihre Kooperation. Wir müssen Herrn Ränger sprechen, so schnell wie möglich.“
Das Wir suggerierte starke männliche Partner, das wusste sie, und es verfehlte auch jetzt seine Wirkung nicht.
„Schon gut. Ich gebe Ihnen die Nummer. Haben Sie etwas zu schreiben?“
„Ja, habe ich. Ich höre?“
Sie schrieb mit. „Vielen Dank, Frau Ränger. Und nun eine Adresse, wenn ich bitten darf.“ Sie sah durch das Seitenfenster ihres Autos. „Wenn wir Ihren Mann telefonisch nicht erreichen, dann muss einer von unseren Leuten zu ihm fahren.“
Es konnte nicht schaden, wenn Frau Ränger das Gefühl hatte, als stünde hinter ihr und ihrem Anliegen eine Armee an einflussreichen Helfern.
„Versuchen Sie es mal bei seinem Bruder. Eine andere Adresse haben wir nicht.“
Aha, Frau Ränger war nun auch im Plural unterwegs. Zeit, das Gespräch zu beenden, ehe es zu voll in der Leitung wurde. Schnell notierte sich Catrin die Adresse.
„Herzlichen Dank, Frau Ränger.“
„Darf ich fragen, worum es geht?“
„Das werden Sie aus der Presse erfahren. Auf Wiederhören.“
Catrin legte auf und musste trotz ihrer Anspannung lächeln. Schön, dann würde die Hexe in den nächsten Tagen wenigstens etwas zu tun haben, wenn sie die Zeitungen durchwühlte, auf der Suche nach einem Skandal, in den ihr Exmann verwickelt war.
Sie legte den Gang ein und gab Gas. Gleichzeitig wählte sie.
„Komm schon, geh ans Telefon“, murmelte sie und hatte Mühe, die engen Kurven einhändig zu nehmen.
The person you have called is temporarily not available.
“Mist!”, fluchte Catrin.
Sie haben Ihr Ziel erreicht, nuschelte ihr Navi plötzlich.
„Das sehe ich“, murmelte Catrin und fuhr rechts ran. „O mein Gott, das sehe ich!“
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