Bilder aus dem Berliner Leben

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Nun den Hügel hinab, und wir sind wieder in der vollen Bewegung des Sonntags vor dem Tore, in der Landsberger Allee. Dies ist eine jener Berliner Vorstadtstraßen, die sich unbemerkt ins freie Feld verlaufen. Eine bejahrte Windmühle mit einem Müllerhäuschen steht neben einem ungeheueren Eckhaus neuester Konstruktion, welches zwanzig Fenster Front und fünf Stockwerke hat, gegenüber ist Baugrund, über welchem sich ein unbegrenzter Horizont wölbt. Die Schornsteine des böhmischen Brauhauses63, zierlich wie die Türmchen der Alhambra, ragen in die Luft neben den gewaltigen Schloten der Patzenhoferschen Brauerei64. Gärten sind rechts und links, in welchen Tausende Platz finden können und heut, an dem warmen Sommersonntagabend, wohl auch Platz gefunden haben. Wandernde Massen bedecken das Trottoir. Vier, fünf Weißbierlokale liegen hier in einer Reihe nebeneinander, jedes mit dem altehrwürdigen Motto: »Hier können Familien Kaffee kochen.« Die Zeit des Kaffees ist indessen vorüber und die des Abendbrotes gekommen. An langen Tischen unter den Kastanien haben sich ganze Haushaltungen niedergelassen und sprechen dem Imbiss zu, welchen die sorgliche Mutter aus Körben und Papieren heraus wickelt. Denn in diesen Lokalen bringt man sich sein Essen mit. Außerdem kann man im Garten und vor demselben alles Mögliche zur Vervollständigung des Mahles haben: in dem Bretterhäuschen am Eingang »warme Würstchen« frisch aus dem brodelnden Kessel, in der Bude gegenüber Kuchen und Gebäck, von der Alten auf der Straße Radieschen. »Et sind de letzten vor dies Jahr«, sagt sie, »aber et ist ooch wat Juts.« Die »Weiße«65 geht von Hand zu Hand; selbst die Kinder, die sich im Hintergarten tummeln, kommen zuweilen gelaufen und nehmen einen Schluck, wobei sie das große Glas ganz kunstgerecht zu führen wissen. Neben dem Hausherrn steht noch ein Kümmel extra, neben der Hausfrau liegt nicht selten ein Milchfläschchen für den mitgebrachten Säugling, und fast auf jedem Tische sieht man einen Blumentopf. Im Hintergarten ist die Schaukel, die Würfelbude, die Kegelbahn, die Rutschbahn, die Kaffeeküche mit Waschkörben voll Tassen und Kannen, und ein Verschlag, hinter welchem Hühner gackern, Tauben fliegen und ein Hund an der Kette liegt. »Der Hund beißt«, ist mit großen Buchstaben an die Bretterwand geschrieben. Zufrieden und müßig sitzen diese Leute beisammen. Die Frauen stricken, die Männer spielen Karten. Kein übermäßiger Lärm und Tumult ist hier wie vor den Toren im Norden und Süden Berlins; und am Montag, wo doch sonst überall »blau« gemacht wird, sind diese Lokale fast leer. Die Bevölkerung des Nordostens ist eine gesetzte. Man sieht es diesen Familien wohl an, dass sie, wenn nicht Überfluss, doch auch keinen Mangel haben, dass das Handwerk sie nährt. Ihre Vergnügungen sind von einer ruhigeren und solideren Beschaffenheit als diejenigen der meisten andern Vorstädte, und die Landsberger Allee hat nichts von dem jahrmarktsartigen Aussehen der Hasenheide und wenig von den künstlerischen Verlockungen des »Praters«66 vor dem Schönhauser Tor. Indessen ganz darf dergleichen nicht fehlen, wo man sich am Sonntag vor dem Tore belustigt. Kinder, Dienstmädchen und Lehrjungen wollen doch auch ihren Teil haben, und wenn man einen Hof durchschreitet, vor welchem ein Steinmetz Grabdenkmäler und kniende Engel aufgestellt hat, so kommt man auf einen offenen Platz, der am Alltag still, am Sonntag aber äußerst belebt ist. Da dreht sich das Karussell, das über und über mit Glasflittern behängt ist, und »Pluto, der Höllensohn«67 erscheint mit nackten Armen, in einem karmesinfarbnen Trikot und eine feuerrote Hahnenfeder an der Mütze68. »Sie werden sagen«, ruft er aus, »wie es möglich ist, dass ein menschliches Wesen, geschaffen aus Fleisch und Blut, geschmolzenes Blei trinken und ein glühendes Eisen mit seiner Zunge kühlen kann.« Es muss aber doch wohl möglich sein; denn nicht wenige Neugierige, die lange gezögert, diesem letzten Appell aber nicht widerstehen konnten, folgen ihm, als er unter der Gardine seines Zeltes verschwindet, um das Wunder zu verrichten. Ein anderes Publikum hat sich um einen Tisch versammelt, hinter welchem ein Mann steht in einem hellkarierten Sommeranzug, mit einem gestrickten roten Fez69 auf dem Kopf und einer blauen Troddel daran. Der Mann hat eine Elektrisiermaschine70 und daneben einen Kasten, der mit einem Tuch verhüllt, mit Fotografien schöner Jünglinge und Jungfrauen geschmückt ist und die Inschrift trägt: »Ein Blick in die Zukunft.« Dieser scheint für die Dienstmädchen, welche das Geheimnisvolle lieben, die größere Anziehungskraft zu haben. Der Mann spricht in einem salbungsvollen Tone, wie Propheten tun; aber immer dazwischen, namentlich wenn die Lehrjungen ihn ärgern, fällt er in seinen Berliner Jargon zurück; denn sowohl er als Pluto, der Höllensohn, sind mit Spreewasser getauft. Den Geist, welcher in dem verhängten Kasten administriert, nennt er den »kleinen Mann von Amsterdam«; und er redet ihm zu: »Komm herauf, kleiner Mann, komm herauf.« Dann wendet er sich an sein weibliches Auditorium71: »Hier können Sie sehen, ob Sie Glück haben in der Liebe, in der Ehe oder in der Lotterie. Vielleicht haben Sie Anverwandte ... wart ick will dir, verfluchter Junge, willste woll nich drängeln – marsch raus mit dir, oder ick steche dir eene, det de fliegen sollst wie ‘n Luftballon – – Vielleicht haben Sie Anverwandte in Amerika, über Land oder Meer, oder es stirbt Ihnen eine alte Tante und hinterlässt Ihnen ein paar hundert Taler Geld. Oder vielleicht kommt ein alter oder neuer Liebhaber; ich brauche nur zu sagen: kleiner Mann von Amsterdam, und Sie erhalten einen Brief, signalisiert, fotografiert und adressiert.« – Hierauf wendet er sich zu der Elektrisiermaschine. »Wer von den Herrschaften will sich einmal elektrisieren lassen. Das stärkt die Nerven, ist gut für den Rheumatismus, für Leib-, Kopf- und Zahnweh und kostet nicht mehr als zehn Pfennige die Person.« Ein junger Mann tritt vor, legt seinen Obolus72 auf den Teller und wird elektrisiert. Aber obwohl der Künstler mit dem roten Fez die Kurbel dreht, bis ihm die Stirne feucht wird, behauptet der junge Mann, er fühle noch immer nichts. Ich habe das Ende dieses interessanten Experimentes nicht abgewartet; denn unaufhörlich wogen die Menschen hin und her und tragen mich unaufhaltsam in ihrem Strome mit fort.
Kaum einer von ihnen, der nicht einen Blumentopf in der Hand hält. Die Liebe dieser Leute zu den Blumen ist so groß, dass Blumenstöcke in jedem Weißbiergarten ausgewürfelt werden oder um ein billiges zu kaufen sind. Es sind natürlich nur die geringern Sorten, die man hier sieht, meist Fuchsien, Nelken und Goldlack; aber alles ist voll davon und überraschend die Menge von Blumenläden und Blumenkellern, die fast Haus bei Haus in dieser Gegend das Trottoir stellenweis in ein Blumenparterre verwandeln. Und noch eins wird demjenigen auffallen, der zuerst an einem Sonntage hierherkommt; wer unter den ihm Begegnenden keinen Blumentopf trägt, der wird sicher, alt oder jung, Mann oder Weib, Mädchen oder Knabe, eine Gießkanne in der Hand haben. Es ist ein schöner Gräberkult, der hier vor dem Tor an den Sommersonntagen gefeiert wird. Hier draußen sind die großen Kirchhöfe der Georgen-, der Parochial- und der Petrigemeinde, und sie alle, namentlich aber der erstere, sind bis Sonnenuntergang mit Hunderten von Menschen gefüllt, welche den Rasen und die Blumen der Gräber begießen und zum stillen Besuch derer kommen, die darin schlafen. Von einer ernsten Schönheit ist der Petrikirchhof; eine dunkle Lindenallee beschattet ihn, und unter dem Grün verschwinden fast die Denkmäler. Der Parochialkirchhof dagegen schimmert wie ein Garten, wie ein Rosengarten in dieser mittsommerlichen Zeit, und hohe Bäume, majestätische Pappeln, rauschen darüber im Abendwind. Der Kirchhof der Georgengemeinde ist der größte, und da er vorzugsweise der dieser Gegend ist, auch der besuchteste. Gleich vorn, dicht neben dem Eingang, an besonders geehrter Stelle, von einem Gitter umfasst, erhebt sich das Grab, in welchem Büsching mit den Seinen ruht, und die Grabsteine, welche man von der Gollnowstraße hierher gebracht, sind an der Mauer befestigt worden. Sie sind mit einem Porträt Büschings und Figuren in halberhabener Arbeit bedeckt, die man nicht gerade für Kunstwerke halten kann. Die von Büschings Amtsnachfolger Gedike verfasste Grabschrift: »Hier im Schoß der Erde schlummert ihr Beschreiber« habe ich nicht mehr finden können. Es soll noch eine alte Anverwandte der Familie leben und zuweilen hierherkommen, um nach den Gräbern zu sehen. Sonst schlummern keine Berühmtheiten hier, da diese vielmehr von je, wie man weiß, im Westen Berlins gelebt haben, gestorben und begraben sind. Aber mancher tüchtige Mann, manche brave Frau ruht hier nichtsdestoweniger; Männer und Frauen, deren Ruhm darin besteht, ein gutes und nützliches Leben geführt zu haben, und die darum in den Herzen der Ihrigen, wenn nicht in den Blättern der Geschichte, fortleben. Viele von den besten Namen des alten und eigentlichen Berlins, seines Handels- und Gewerbestandes, liest man auf diesen Grabsteinen; und man sieht es diesen Gräbern wohl an, dass die Liebe, die sie geschmückt hat und täglich neu pflegt, durch keinen Zwang der äußeren Verhältnisse beschränkt wird. Auch Denkmale, die durch ihre geschmacklose Überladenheit auffallen, sind nicht hier. Aber der kostbarste Blumenflor prangt, so weit man blicken kann. Knien und Zypressen wachsen neben den Gräbern, und Palmen und Orangenbäume stehen in mächtigen Kübeln daneben. Jede Grabstätte gleicht einem kleinen grünenden, blühenden Garten, welcher durch ein zierliches Kettchen abgeschlossen wird; manche Frau sitzt hier gern in Gedanken, wo jetzt die Bank steht und einst, zur Seite des voraufgegangenen Gatten, auch sie ruhen wird. Kaum ein Grab, an welchem nicht liebende Hände geschäftig; mit dem Schwarz der tiefen Trauer mischen sich in den Baumgängen die lichteren Sommerkleider, die Gießkannen wandern hinauf und herunter, während die Sonne sich strahlend zum Niedergang neigt über dem Friedrichshain.
Und soll ich an dieser kahlen, schwarzen Bretterwand vorübergehen, welche sich zwischen dem Georgenkirchhof und den beiden andern eine Strecke weit die Friedenstrasse hinabzieht? »Städtischer Begräbnisplatz« steht über dem niedrigen Pförtchen, welches wohl nur angelehnt ist, aber doch selten geöffnet wird. Denn es ist der Armenkirchhof – und wer kommt zu den Armen, wer besucht sie – mögen sie nun leben oder tot sein? Keine Blumen, keine Gießkannen – nur vereinzelt ein paar Menschen, die sich in dem öden Raum zu verlieren scheinen. Die hier ruhen, die meisten von ihnen, mögen wohl weder Freunde noch Verwandte haben; sie lebten einsam und sie starben einsam in dieser großen Stadt, und die Stadt ließ sie hier begraben. Was konnte man mehr für sie tun, als ihnen diese paar Fuß Erde geben – ihnen, die bei Lebzeiten nicht einmal soviel hatten? Und doch ist es ein trauriger Anblick, sie so daliegen zu sehen, ohne Hügel ohne Rasen, Grab flach neben Grab, jegliches mit einem schwarzen Pfahl zu Häupten und einer Nummer daran. Wer nennt auch die Namen der Armen und was kann es nützen? Sie kommen, sie gehen, ihre Spur ist verloren. Welch ein elend Ding das Leben ist, wenn die Tröstungen der Natur, der Liebe, der Schönheit ihren täuschenden Schein nicht darüber ausbreiten, das sieht man auf solch einem Armenkirchhof. Sogar die Bäume, die da und dort herumstehn, sind vom Blitze gespalten und haben kein Grün mehr. Wüst ist diese Stätte, nackt auch im Sommer. Das schöne Wort Victor Hugos: »L’été c’est la saison des pauvres«73 ist nicht wahr für die Toten. Unkraut wuchert umher und Gestrüpp, Riedgras mit Brennesseln untermischt; Steine liegen zusammen mit Wurzeln abgestorbener Bäume, die Wege sind aufgewühlt, und im Sande muss man waten, wenn man zu den Gräbern will. Manchmal sieht man eine Reihe von sechs oder sieben, die noch nicht einmal ordentlich wieder zugeschüttet sind. Nur selten ist ein Kreuz von Eisen, dessen Inschrift aber längst unleserlich geworden. Die paar Blumen und welken Kränze kann man zählen. Häufiger ist ein seidenes Band mit Worten bedruckt wie diese: »Trauer ist unser Los.« An einem der Gräber sah ich ein schwarzes Brettchen, auf welches eine nicht sehr geübte Hand mit weißer Ölfarbe geschrieben hatte: »Hier ruhn die geliebte Mutter und Schwester.« Auch hier kein Name, wie wenn der Sohn, der Bruder mitten in seinem Schmerz gefühlt habe, dass es sich für den Armen nicht zieme, seinen Namen auf das Grab zu setzen. Eine schauerliche Trostlosigkeit weht über diesem Gottesacker, und es ist doch auch »Saat von Gott gesät, am Tage der Garben zu reifen«74. Aber wo bleibt die Hoffnung, wenn das Vertrauen fehlt, wo selbst der Glaube, wenn die Seele stumpf, das Gemüt öde geworden; und wer vermöchte solchen beunruhigenden Fragen auszuweichen, auf welche diese Tausende von namenlosen Gräbern ihm wahrlich keine Antwort geben!75
Jetzt ist die Sonne hinunter, und nur noch das Abendrot flammt an den Himmelssäumen; ein langes, warmes Abendrot, welches die Häusermassen von Berlin mit einem sanften, schwindenden Rot färbt. Dies ist die Stunde, wo Hunderte von Gasflammen auf einmal mit ihrem weißlichen Licht zu kämpfen beginnen gegen die Dämmerung des Sommerabends, welche nur langsam scheidet und im Verblassen noch die Schildinschriften in den Straßen matt erglänzen macht. Dies ist auch die Stunde, wo ich meinen Sonntagspaziergang in dem schönen Garten des Böhmischen Brauhauses zu beschließen pflege. Da bin ich unter Handwerksmeistern, Hauseigentümern, Kaufherren, Fabrikanten, lauter guten Genossen und dezenten Leuten, welche, wenn sie die Woche hindurch ihr Werk gefördert, sich am Sonntag auch etwas gönnen mögen und welche, wiewohl sie von dem letzten Grund der Dinge wahrscheinlich nicht mehr wissen als ich, dennoch recht vergnügt und wohl bei Leibe sind – Männer außerdem, die gar nicht wenig vorstellen in ihrem Bezirke und der Stadt. Sie zu sehen ist ein Trost für mich. Sie haben schmucke Frauen und hübsche Töchter, sie lassen sich ihr Beefsteak schmecken und trinken ihr Seidel76 dazu, sie rauchen ihre Zigarre, zahlen, wenn’s elf geschlagen, und gehen nach Hause, wie die Väter vor ihnen getan und die Kinder – will’s Gott – nach ihnen tun werden. Durch die Bäume des Gartens schimmert der blaue Himmel, über das offene Feld herauf kommt der Mond; und da mag man nun sagen, was man will: So lang es noch frohe Menschen gibt, ist gut sein auf der Welt. Wir können an ihrem Laufe nichts ändern, und das Bild eines mäßigen bürgerlichen Glücks ist mir das liebste von allen Bildern aus dem Berliner Leben.
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