- -
- 100%
- +
Inwieweit diese Gebilde politisch effizient182 und stabil waren, ist schwierig zu beurteilen. Der politische Output dieser Beeinflussungspraktiken steht denn auch nicht im Fokus der Untersuchung, da empirische und methodische Grundlagen für die Messbarkeit von Erfolg und Misserfolg fehlen. Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass kein Automatismus zwischen Zahlung und Leistung (bzw. politischem Erfolg) bestand. Die Frage nach der Stabilität der Verflechtung hingegen wirft ein quellenkritisches Problem auf, das nicht ignoriert werden kann. Klientelistische Beziehungen waren zwar häufig von Dauer, 183 dennoch handelte es sich bei solchen Netzwerken auch um prekäre, ephemere Gebilde. Insbesondere an deren äusseren Rändern handelte es sich, so scheint es, partiell um synaptische Verbindungen, die nur kurz aufblitzten und sich dann wieder auflösten. Denn auch einmalige Zahlungen (sogenannte «Schenkinen») an verschiedenste Empfänger gehörten zur diplomatischen Praxis der Gesandten, ohne dass dadurch eine dauerhafte Beziehung zwischen einem Patron und einem Klienten konstituiert worden wäre. Bei diesen Zahlungen scheint der Verdacht auf einfache Bestechung in der Tat gerechtfertigt zu sein.184 Mit Blick auf die Quellen erweist sich die Unterscheidung in der Praxis jedoch als schwierig bis unmöglich. Die in Kapitel III.2 grafisch festgehaltenen Netzwerke von 1512/13 stellen aus diesen Gründen eine zeitlich begrenzte, gewissermassen fotografische Momentaufnahme dar, wobei insbesondere deren Kapillaren einem steten Wandel unterlagen. Ohnehin scheint eine messerscharfe Abgrenzung einfacher gesellschaftlicher Kommunikation vom Netzwerkbegriff nicht immer möglich. Der Netzwerkbegriff, der suggeriert, dass etwas Bestehendes lediglich sichtbar gemacht werden müsse, hat die Tendenz, die Nähe des Konzepts zur trivialen gesellschaftlichen Kommunikation zu kaschieren.185 Um beide Bereiche einigermassen sinnvoll voneinander unterscheiden zu können, ist der kontinuierliche Ressourcenaustausch zwischen Patron und Klient entscheidend. Dabei wirkte die Logik, dass Patron und Klient bezüglich des Leistungsaustauschs nie quitt waren, stabilisierend auf die Beziehung.186
1 Streit um Mailand und gescheiterte Friedensgespräche – Vorgeschichte
Im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts wurde Italien zum Ziel der expansiven Pläne Frankreichs und Spaniens. Beide Länder hatten in jener Epoche bereits ein hohes Mass an monarchischer Konzentration erreicht und strebten mit der Herrschaft über Italien die Verfügung über den Reichtum der Handelszentren und über die Agrarproduktion im Norden und in der Mitte Italiens an. Die Herrschaft über die Halbinsel versprach die Sicherung der Vormacht im Mittelmeer und war gleichzeitig der Schlüssel zur europäischen Hegemonie.1 1494 war die Konsolidierung der französischen Monarchie im Innern so weit abgeschlossen, dass Karl VIII. einen Feldzug nach Neapel in Angriff nehmen konnte. Mit diesem Feldzug beabsichtigte er, die angiovinischen Ansprüche auf die Herrschaft des Hauses Anjou in Neapel mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Der Gegensatz zwischen den Valois und Habsburg wurde nach dem Konflikt der beiden Häuser um das burgundische Erbe (1477–1493) nun auf der Apenninenhalbinsel fortgesetzt und brachte das fragile italienische Staatensystem in kurzer Zeit zum Einsturz.2
Die Jahre zwischen dem Zug Karls VIII. nach Neapel 1494 und dem Sieg von König Franz I.in Marignano 1515 zeichnen sich durch zahlreiche militärische Kampagnen sowie eine ausserordentlich dynamische Koalitions- und Bündnispolitik der involvierten Machtblöcke aus. Bereits 1494 kam Frankreich neben der Überlegenheit seiner Artillerie und seiner schweren Kavallerie auch der Einsatz eidgenössischer Reisläufer zugute.3 Bis 1509 lieferten die Orte dem französischen König die begehrten Söldner. In den Jahren zwischen 1509 und 1511 kam es allerdings zu einer aussenpolitischen Neuausrichtung der eidgenössischen Orte. Diese wandten sich von Frankreich ab, worauf die 1509 abgelaufene Soldallianz von 1499 nicht mehr erneuert wurde. Es folgten ein Bündnisschluss mit dem Papst 1510 und 1511 der Abschluss der Erbeinung mit Maximilian I.4 Der 1512 aus eigenen machtpolitischen Antrieben unternommene Pavierzug führte zur Kapitulation Cremonas, Pavias und Mailands sowie der Vertreibung der Franzosen aus der Lombardei. Dadurch spitzte sich der Konflikt um den Zankapfel Mailand merklich zu.5 Am 29. Dezember 1512 setzten die Eidgenossen ohne Rücksicht auf die Interessen des Kaisers, den formellen Oberlehensherren Mailands, Massimiliano Sforza, Sohn Ludovico Sforzas, als mailändischen Herzog ein.6 Im Gegenzug verlangten die Eidgenossen und die Drei Bünde von Mailand Geldzahlungen und Gebietsabtretungen (Lugano, Locarno, Maggiatal, Domodossola, Veltlin, Drei Pleven).7 Der französische König Ludwig XII. zeigte sich allerdings keineswegs gewillt, den Verlust des Herzogtums, auf das er erbrechtliche Ansprüche geltend machte und das er immerhin seit der Eroberung im Jahr 1499 zu halten vermochte, hinzunehmen.8 Eine militärische Kampagne gegen die Eidgenossen kam für das unterlegene Frankreich zu jenem Zeitpunkt jedoch nicht infrage. Vielmehr wandte sich Ludwig auf diplomatischem Weg an seine Widersacher, um das reiche und verkehrspolitisch bedeutsame Südalpengebiet zurückzugewinnen. Er ersuchte bei den vom Papst zu Beschützern der Freiheit der Kirche erhobenen Eidgenossen um Friedensverhandlungen. Damit begann eine Phase erhöhter diplomatischer Geschäftigkeit in den einzelnen Orten und an den eidgenössischen Gesandtenkongressen. Seit Juli 1512 haben sich verschiedene Dynasten für eine Vermittlungstätigkeit zwischen der Eidgenossenschaft und dem französischen König anerboten. An einer solchen Annäherung konnte Papst Julius II., der grosse Gewinner des Sommers 1512, kein Interesse haben und mahnte die Eidgenossen eindringlich, nicht auf die Vermittlungsangebote Savoyens oder Lothringens einzugehen.9 Der Papst schien mit seinem Anliegen bei den Boten durchzudringen. Die angebotenen Dienste wurden zwar an den Tagsatzungen verhandelt, blieben jedoch folgenlos. Es gelang den Orten nicht, sich auf einen Bedingungskatalog für die Friedensgespräche zu einigen. Die eidgenössischen Boten traktandierten die Angelegenheit bis im Herbst desselben Jahres weiter, jedoch ohne realistische Aussicht auf Erfolg.10 Daraufhin nahm Frankreich mit den Eidgenossen direkt Kontakt auf und sandte seinen Marschall Gian Giacomo Trivulzio an die Tagsatzung, um dort für Frieden und Geleit zu werben.11 Tatsächlich zeichnete sich seit November eine Wende in der Haltung der Tagsatzung ab, die aber nicht einzig auf die Leistungen des geschickten Diplomaten und fähigen Militärs zurückzuführen sind. Zu diesem diplomatischen Erfolg beigetragen haben massgeblich auch die Aktivitäten der Prinzessin von Oranien.12 Unbesehen des lautstarken Protests des Papstes (bzw. seines Interessenvertreters Kardinal Matthäus Schiner) und dem Widerstand des besorgten Mailänder Herzogs stellte die Tagsatzung am 22. Dezember 1512 Frankreich die Zulassung einer Gesandtschaft in Aussicht und verfasste einen auf den 23. Dezember datierten Geleitbrief, der die Bedingungen für den Aufenthalt der Gesandtschaft festhielt. Die Tagsatzung verlangte die Räumung von Lauis (Lugano) und Luggaris (Locarno) und untersagte die Anwerbung von Reisläufern während des Aufenthalts der Gesandten.13 Wie ist diese diplomatische Wende der Eidgenossen zu erklären?
Den Darstellungen des Berner Chronisten Ludwig Schwinkhart zufolge hatten die Franzosen das Geleit mit Geld erkauft. Dieses «wardt ouch geteilt allen denen, die reyerer vnd regenten oder vo(e)gt warendt».14 Ausführlicher werden die Ereignisse in der Chronik Anshelms beschrieben.15 Philiberta von Luxemburg, Prinzessin von Oranien und Gemahlin von Johann von Châlon, habe Ende Juli ihren Hofmeister Simon de Courbouson16 in die Eidgenossenschaft geschickt, der, so Anshelm, «mit stillen worten und kronen so vil zu(o)wegen bracht» habe.17 In welchem Ausmass das Wirken Courbousons die Verhandlungen konkret beschleunigt hatte, ist schwierig abzuschätzen. Es ist durchaus denkbar, dass die ausgeteilten Gelder Bewegung in die stockenden Verhandlungen brachten. Jedenfalls erschien am 11. Februar 1513 die französische Gesandtschaft unter der Leitung des Feldherrn Louis de La Trémoille, Fürst von Talmont und Gouverneur von Burgund, vor den eidgenössischen Boten in Luzern. In seinem Gefolge befanden sich Claude de Seyssel, Bischof von Marseille, Imbert de Villeneuve, Präsident des Parlaments in Dijon, Gaucher de Dinteville, Bailli von Troyes, und Jean de Baissey, Gruyer von Burgund.18
Das Misstrauen gegenüber den französischen Gesandten war von Anbeginn der Gespräche gross, denn gleichzeitig mit ihrem Auftritt vor der Tagsatzung erreichten die Boten erste Warnungen aus Mailand, die Franzosen beabsichtigten, erneut in Mailand einzufallen.19 Aus diesem Grund schien es den eidgenössischen Boten ratsam, der im Geleitbrief verschriftlichten Vereinbarung Nachdruck zu verleihen. So sah sich La Trémoille zur Besiegelung eines von Courbouson ausgestellten Dokuments genötigt, das den anwesenden französischen Gesandten sämtliche Söldnerrekrutierungen auf eidgenössischem Gebiet untersagte.20 Eine Annäherung zwischen Frankreich und der Eidgenossenschaft kam während der Verhandlungen nicht zustande. Die Machtpolitik der Orte konfligierte in hohem Mass mit den Interessen Frankreichs im oberitalienischen Raum. So beharrten die Eidgenossen auf der vollständigen Räumung der beiden Schlösser Mailand und Cremona und forderten die Aufgabe aller Ansprüche Frankreichs in der Lombardei. Einzig Asti sollte allenfalls dem König überlassen werden.21 Mit Spannung erwarteten insbesondere der Papst und der Kaiser den Ausgang der Verhandlungen. Nachdem der Kirchenstaat bereits im Januar gegen die Zulassung von französischen Gesandten protestiert hatte, agierten auch die kaiserlichen Diplomaten, die ihrerseits 6000 eidgenössische Söldner begehrten, gegen einen französisch-eidgenössischen Ausgleich.22 Es war für die Grossmächte evident, dass Ludwig XII. den Verlust des lombardischen Gebiets, auf das er erbrechtlichen Anspruch erhob, niemals akzeptieren würde. Das «nahm man gewiss nur in der Schweiz an».23
Mit Unterstützung Trivulzios, der zwischenzeitlich unter dem Vorwand privater Angelegenheiten nach Luzern gereist war, 24 wurden die Pensionen an die anwesenden Boten ausgeteilt. Diese politischen Beeinflussungsversuche sollten durch die getrennte Unterbringung der Gesandten in Luzern verhindert werden: «Sr. de la Tremouille est loigé à ung bout de la ville et le Sr. Jehan Jacques à l’autre, et qu’ils ne peustant aller ny converser ny parler les ungs avec les autres… et sont les six principaulx de l’ambassade en six maisons separées l’ung de l’autre, et comme les ungs ne osent parler avec les autres».25 Bis Februar 1513 soll La Trémoille 15 000 Dukaten an einflussreiche Magistraten ausgeteilt haben.26 Obwohl einige Orte dem Anliegen Frankreichs inzwischen weniger ablehnend gegenüberstanden, zeigte sich, dass das Interesse Frankreichs an Verhandlungen abnahm.27 Die Anzeichen für eine erneute militärische Konfrontation der beiden ungleichen Kontrahenten verdichteten sich. Mit diplomatischen Mitteln war Mailand für die Eidgenossen nicht zu halten.
Im Februar 1513 begannen die Rüstungen unter Gian Giacomo Trivulzio und dem Marquis von Montferrat. Unter dem Oberbefehl von Louis de La Trémoille sollten Trivulzio, Charles de Bourbon und Robert de la Marck den französischen Ansprüchen in der Lombardei gewaltsam Geltung verschaffen.28 Aus einem späteren Geständnis von Imbert de Villeneuve geht hervor, dass für dieses Vorhaben geplant gewesen sei, 12 000 eidgenössische Knechte anzuwerben.29 Diesbezügliche Gerüchte mehrten sich und wurden im März offiziell bestätigt. Nachdem der mailändische Herzog die Tagsatzung am 15. März darüber informiert hatte, dass sich in Lyon unter eidgenössischer Beteiligung französische Truppen sammeln würden, erreichte die eidgenössischen Boten am 21. März ein Schreiben Zürichs, das die Präsenz von Eidgenossen auf französischer Seite bestätigte und vor weiteren Rekrutierungen warnte.30 Die mit diesen Nachrichten konfrontierten französischen Gesandten wiesen noch am 15. März sämtliche Anschuldigungen von sich. Derweil wurden die Orte umgehend von der Tagsatzung angewiesen, weitere Werbungen für Frankreich zu verhindern und bereits angeworbene Krieger zurückzuhalten.31
Am 1. April entliess man La Trémoille aus den Verhandlungen. Er wurde mit einem von der Tagsatzung gefassten Beschluss zum König geschickt und angehalten, sich «im besten vermögen» dafür einzusetzten, «dz sölcher friden beslossen vnd vom küng angenommen werd».32 Bis Pfingsten sollte er mit einer Antwort vor der Tagsatzung erscheinen. Der übrigen Gesandtschaft wurde das Geleit in der Zwischenzeit verlängert, «damit die vnsern niendert hinloufen vnd wir Eidgnossen deß dester sicherer sient».33 Doch das Gegenteil geschah. Die Franzosen intensivierten ihre Werbeanstrengungen und reisten von Luzern aus nach Solothurn, Freiburg und Basel, um dort interessierten Kreisen lukrative Hauptmannstellen anzubieten.34 Vier Tage nach der Abreise La Trémoilles gestatteten die eidgenössischen Boten in Zürich dem Herzog von Mailand den Zuzug von 4000 Kriegern.35 Dies kam dem Abbruch der Verhandlungen gleich.
Das Verhalten der Tagsatzung – einzig Zürich verlangte am 15. März aufgrund der Werbungen der Franzosen konsequenterweise die Aufkündung des Geleits – ist aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbar.36 Abweichende Interessen der Orte hinsichtlich der Expansionspolitik in Italien und divergierende Interessen, Abhängigkeiten und Loyalitäten innerhalb der politischen Eliten dürften gleichermassen zur Eskalation des Konflikts beigtragen haben. Nur wenige Monate nach Pavia befanden sich die Eidgenossen erneut im Krieg mit Frankreich. Die eidgenössischen Rüstungsanstrengungen liefen seit April auf Hochtouren.37 Den Orten gelang es dabei jedoch nur mit Mühe, die in Richtung Frankreich ziehenden Kriegsknechte zurückzuhalten. Am 6. Juni kam es vor den Mauern des westlich von Mailand gelegenen Städtchens Novara zur Schlacht, aus welcher die Eidgenossen erneut siegreich hervorgingen. Das Heer Ludwigs XII. umfasste 14 000 Mann mit einem grossen Anteil von Reiterei und Artillerie. 4000 Eidgenossen trotzten diesem Aufmarsch in Novara bis sich am 5. Juni das zweite, ebenfalls ungefähr 4000 Mann umfassende Aufgebot mit diesen vereinigte. Daraufhin wichen die Franzosen nach Ariotta zurück. Am frühen Morgen des 6. Juni wurde das Heer der Landsknechte aufgerieben und die französische Infanterie und Reiterei in die Flucht geschlagen.38
Trotz diesem Sieg bildete die Schlacht den Anlass für die gewaltsamen Untertanenproteste in der Eidgenossenschaft. Auslöser waren Gerüchte, wonach die Eidgenossen in Novara «grossen schaden entpfiengend».39 Gleichzeitig, so berichtet unter anderem der Luzerner Chronist Renward Cysat, ging «ein sag vnd geschrey vß, wie ettlich der räten zuo Lucern ein heimliche practick vnd verräterischen anschlag wider dieselbigen Eidtgnoßen, so domalen vor oder zuo Nauerren gelegen, gegen dem künig von Franckrych söllten gemacht vnd dahin geschriben haben, namlich das der künig die Eidtgnoßen nun dapfer angryffen vnd sy nütt entsitzen söllte, dann es wären nur kuemelcher vnd ein schlecht, vnachtbar volck».40 Mit Praktik und Verrat benennt Cysat diejenigen Gegenstände beim Namen, welche den aussenpolitischen Ereignissen in Italien ihre innenpolitische Sprengkraft in Bern, Luzern, Solothurn und Zürich verliehen. Verrat und grosser Schaden, schreibt auch Anshelm, veranlassten die Knechte dazu, den dafür verantwortlichen Schelmen zu drohen und auch in der Heimat «etlich darum zu(o) ersu(o)chen».41 Daraufhin kam es zu ersten kleineren Protestaktionen der Untertanen in Luzern, gefolgt von vereinzelten, räumlich begrenzten Aktionen in Solothurn und in Bern.42 Obgleich die lokalen Proteste unterschiedliche Dynamiken und Charakteristiken aufwiesen, hatte der Widerstand eine grenzübergreifende Struktur. Der erste gewaltsame Massenauflauf empörter Untertanen fand am 26. Juni 1513 in Bern statt. Es folgten die Belagerungen Luzerns am 4. Juli 1513 und Solothurns am 3. August 1513. Um die Rekonstruktion dieser Ereignisse soll es im Folgenden gehen. Anschliessend kommen die Ereignisse in Zürich im Umfeld von Marignano zur Sprache.
2 Der Könizer Aufstand in Bern
Bereits mehrere Monate vor den Pensionenunruhen machten Reden über die korrupten Praktiken verschiedener Magistrate die Runde in der Eidgenossenschaft. So seien der Solothurner Niklaus Conrad und der Luzerner Petermann Feer die grössten Bösewichte in der Eidgenossenschaft, gaben im Februar 1513 mehrere Befragte vor dem solothurnischen Rat zu Protokoll.43 Solche diffusen Verdächtigungen nahmen in Bern mit den Verstrickungen der Familie Hetzel erstmals deutlichere Konturen an – und erhielten mit Hans Rudolf Hetzel, Vogt zu Erlach, ein prominentes Gesicht. Der Sohn des Berner Altvenners Kaspar Hetzel liess sich von den Franzosen als Hauptmann anwerben und hatte heimlich 2000 Reisläufer zusammengezogen.44 Hans Rudolf unterstützte damit ausgerechnet jenen Kriegsherrn, gegen den die Eidgenossen in Mailand Krieg führten.
In Bern war die Empörung darüber gross: «Pfuch der grossen schand, die du uns hast ton!», schrieb der zutiefst verstörte Vater seinem Sohn, nachdem er erfahren hatte, dass dieser mit dem Feind kollaborierte.45 Die Vorwürfe, die der Altvenner an Hans Rudolf richtete, waren in der Tat gravierend: «Des ersten, des va(e)nlis halb, das du verkleibt hast, hat man dir bim eid boten miessig zegon; hastu brochen; demnach zu(o) unsern vigenden gezogen, ouch ufgewiglet und gelt ussgen, wer das tu(o)t, halt man fu(e)r ein schelmen». Dann ermahnte er ihn mit väterlicher Autorität: «ist dir din kopf feil, so kum har!» Hetzel verstieg sich dabei zu folgender Verwünschung: «ha(e)t si [die Mutter, PR] dich im ersten bad ertra(e)nkt!» Trotz seinem Zorn unterliess es der Altvenner nicht, sich bei seinem nunmehr «verlornen sun» zu vergewissern, dass dieser ihm doch vor seinem Aufbruch noch selbst gesagt habe, dass er nach Grandson und nicht nach Frankreich reite.46 Vor Rat und Burgern beteuerte der Altvenner eindringlich, «dass ich nu(e)t drum gewisst» und auch dass «ich mich nit um die Franzosen versehen hon verdienet.»47 Die geradezu panische Reaktion des Altvenners war nicht unberechtigt, wie sich noch herausstellen sollte.48 Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass die Verstrickungen einzelner Akteure zwischen Politik, Geschäft und Familienbanden selbst zu Brüchen innerhalb eines Familienverbands führen konnten.
Der unerlaubte Auszug von Hans Rudolf Hetzel und die beunruhigenden Nachrichten aus Italien führten in Bern zu gewaltsamen Protesten gegen die französische Partei in den Räten, die sich kurz darauf vor den Zinnen und innerhalb der Stadt bedrohlich manifestierten. Ihren Anfang nahmen die Unruhen am 26. Juni 1513 an der Kirchweihe im nur wenige Kilometer vor Bern gelegenen Dorf Köniz.49 Dort hatten verschiedene anwesende Ratsherren die Empörung über den offenen Verrat des jungen Hetzels mit Reden über die Bestechlichkeit einzelner Ratsherren vorsätzlich angeheizt. Ein Zeuge gab in einer Kundschaft von 1520 über die Ereignisse an der Kirchweihe zu Protokoll: «wo min herren nit hinuß kommen, so wa(e)rent sÿ nie in die statt kommen, dann sÿ daruor nit ein wort, sonnders sobald min herren kommen, do fiengent sy all an zu(o)reden vnnd wisten dis von dem vnnd der von dem gellt zesagen.»50 Problematisch war ausserdem, dass an der «Chilbi» auch Reisläufer anwesend waren, die sich für einen Zug Kaiser Maximilians gegen den französischen König hatten anwerben lassen. Es ist anzunehmen, dass die Gewaltbereitschaft der Anwesenden dadurch drastisch gesteigert wurde.51
Der Berner Rat war offenbar auf mögliche Ausschreitungen anlässlich der Kirchweihe gefasst gewesen und entsandte noch an diesem Sonntagmorgen Boten in die Ämter, welche die Bestrafung (Todesstrafe) unerlaubterweise ausgezogener Reisläufer in Hetzels Auszug und ein Pensionenverbot in Aussicht stellten.52 Diese Ankündigung erreichte Köniz allerdings zu spät, um dort die erhitzten Gemüter noch beruhigen zu können. 300 Kirchweihbesucher zogen bewaffnet nach Bern, drangen – nach hastig gemachten Zusagen der Umzugsteilnehmer am Stadttor, auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten und am selben Tag die Stadt wieder zu räumen – in die Stadt ein und veranstalteten dort vor den Augen der Obrigkeit ein bedrohliches Spektakel. Der als Franzosenfreund bekannte Venner Peter Dittlinger, der vom Rat beauftragt gewesen wäre, mit den Aufständischen am Stadttor zu verhandeln, war kurzerhand geflohen. In der Stadt überfielen die Aufständischen die Häuser der «deutschen Franzosen» und «Kronenfresser». So bezeichnete später der Berner Chronist Valerius Anshelm die Empfänger französischer Pensionen unter den Ratsherren.53
Zunächst suchten die Eindringlinge das Haus des ebenfalls als «Franzosenfreund» bekannten Löwenwirts Michel Glaser auf, dem jedoch, wie Dittlinger, die Flucht gelang. Während der Plünderung seines Hauses fand er Schutz in der Freistätte des Johanniterhauses in Buchsee. Auch vor dem Haus des Altvenners Hetzel spitzte sich die Lage bedrohlich zu. Der Besitz Hetzels wurde unter den Augen seiner Ehefrau – der Altvenner selbst hielt sich zum Zeitpunkt der Ereignisse als Vermittler in den Unruhen in Solothurn auf – geplündert.54 Auffallend friedlich ging es dagegen vor dem Haus des von zahlreichen Mächten mit Pensionen ausgestatteten und einflussreichen Magistraten Wilhelm von Diesbach zu. Mit viel rhetorischem Geschick und reichlich Freiwein gelang es dem langjährigen Schultheissen, seine Haut, sein Haus und sein Mobiliar vor den Aufständischen zu retten.
Als Schultheiss Jakob von Wattenwyl und Junker Albrecht vom Stein unter Sturmgeläut die Bürger der Stadt unter dem Berner Banner an der Kreuzgasse versammelten, zeichnete sich eine Wende zugunsten der Obrigkeit ab.55 Doch anstatt zu flüchten, stellten sich auch die Eindringlinge in die Reihen der Berner Stadtbürger. Nach Meinung der Landleute gehörten sie «eben so wol darzuo, als die in der stat; si ha(e)ttid nit vermeint, dass man so(e)lte wider si die paner ufgericht und gestu(e)rmt haben […].»56 Nachdem sich die Situation beruhigt hatte und sich die Räte und Burger im Rathaus eingefunden hatten, machte die Obrigkeit den Aufständischen erste Zugeständnisse. Altschulteiss Wilhelm von Diesbach verkündete den obrigkeitlichen Beschluss, dass man bereit sei, die von den Aufständischen vorgebrachten Anschuldigungen gerichtlich zu prüfen. Bedingung sei jedoch, dass die Aufständischen die Stadt unverzüglich verlassen und von weiteren Anschlägen absehen würden. Gegen Abend räumten die Aufständischen die Stadt. An einen friedlichen Ausgang des Konflikts glaubte die Obrigkeit allerdings nicht mehr. Bern rüstete sich zum Krieg gegen seine Untertanen.
Nachdem sich die Könizer Kirchweihbesucher nach ihrem Zug in die Stadt wieder nach Köniz zurückgezogen hatten, warteten sie dort an der Nachkirchweihe auf Zuzug. Tatsächlich erhoben sich nun auch die Berner Oberländer aus Frutigen, Aeschi, Unterseen, Thun und dem Simmental und schlossen sich den bislang mehrheitlich aus den Dörfern der stadtnahen Landgerichte stammenden Aufständischen an. Die Oberländer machten sich zunächst auf den Weg nach Klein-Wabern.57 Gleichzeitig wurde Trachselwald geplündert und Brandis belagert, wobei die hitzigen Emmentaler, Burgdorfer und Wangener nur knapp von einem Weiterzug vor die Mauern Berns abgehalten werden konnten. Lediglich Hasli, Aarberg und Huttwil hielten noch zur Stadt. Die Boten von Hasli und Aarberg waren es schliesslich, die am 29. Juni von der nun unter massivem Druck stehenden Obrigkeit die Zusage erhielten, dass die obrigkeitlichen Pensionenempfänger bestraft werden und dass diese ihre von Frankreich erhaltenen Kronen umgehend an die Stadt abgeben würden. Mit diesen wenig konkreten Zusagen gaben sich die Oberländer indessen nicht zufrieden. Immerhin konnten Gesandte des Rats, unter anderem Kaspar Wyler und Stadtschreiber Niklaus Schaller, sie zu einem Umzug von Klein-Wabern nach Köniz überreden.
Die Beilegung der Unruhen fiel zunächst eidgenössischen, von der Tagsatzung nach Bern entsandten Vermittlern zu. Die Mission stand unter erheblichem Erfolgsdruck, denn die Ereignisse hatten mittlerweile auch bei den Untertanen in den benachbarten Orten Luzern und Solothurn Eindruck gemacht.58 Entsprechend entgegenkommend zeigten sich die Vermittler (aus Zürich, Luzern, Zug, Freiburg, Solothurn, Biel und La Neuveville) gegenüber den Anliegen der Untertanen. Der Preis für die schnelle Einigung war hoch, was zeigt, wie schwierig die Lage für die Berner Obrigkeit geworden war. Nachdem die Stadt bereits am 1. Juli in einem Schreiben an die Landschaft ihren Willen bekräftigt hatte, gegen den freien Reislauf und die heimlichen Pensionen konsequent vorzugehen, sah sie sich am nächsten Tag zu weiteren Konzessionen genötigt.59 Der Berner Rat bekräftigte am 2. Juli nicht nur seine Bereitschaft, die Pensionenempfänger zu bestrafen, sondern sagte den Aufständischen auch die Übernahme der angefallenen Verpflegungskosten von 2000 Pfund sowie Straffreiheit zu. Der Stadt blieb lediglich das Recht, über die angeklagten Berner selbst zu richten. Gemäss der Einschätzung von Anshelm wäre dieser materielle Schaden allein noch zu verkraften gewesen, wenn nicht «einer loblichen und bisshar unverlezten stat Bern an ir hohen achtung und herlikeit ewiger und unwiderbringlicher schad da entsprungen wa(e)re.»60




