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Das änderte sich ebenfalls mit dem Eintreffen der Punk-Welle auf dem deutschen Festland. Plötzlich spielte der soziale Status des Einzelnen keine Rolle mehr. Es war völlig einerlei, ob der kleine Punk aus gutem Hause oder aus einer völlig verwahrlosten Wohnsituation im Jugendheim kam. Die Bewegung und die Musik vereinten die Kids.
Dass diese kurzen Momente des großen Zusammengehörigkeitsgefühls nicht von Dauer sein sollten, war schon damals abzusehen. Dennoch, so erinnert sich Matthias, als die „Arbeiterpunks“ plötzlich auf die „angepunkten“ bessergestellten Jugendlichen trafen, und man zusammen feierte, dass sich die Balken bogen, seien das tolle Momente gewesen: „Und plötzlich betrat man also diese fetten Häuser und Bungalows, die man allerhöchstens mal beim Vorbeifahren sah, und feierte dort drin krasse Partys. Das war natürlich auch nicht zu verachten.“
Man kann sich die Szenerie bildhaft vorstellen, ohne dabei gewesen zu sein: Holzgetäfelte dunkle Wohnzimmer mit schweren, teuren Eichenmöbeln. Perserteppiche, deren Besitzer schon die Krise bekamen, verschüttete man nur Leitungswasser auf dem sündhaft teuren Stoff, und Einbauküchen, deren Elektrogeräte allein schon teurer waren als die gesamte Wohnungseinrichtung der Röhrs.
Und die Hausherren standen auch oft gefährlich nahe am Rande des plötzlichen Herztodes, als sie – sonnengebräunt und erholt aus dem Urlaub kommend – die Ergebnisse und Hinterlassenschaften der ungebetenen Partybesucher begutachten und aufräumen mussten.
„In diesem Umfeld haben sich Heiko und ich immer wieder aufgehalten, bis es uns irgendwann langweilig wurde. Die Waldrandgebiete im Taunus waren toll, die Feten in den großen Villen ebenso, aber wir hatten irgendwann das Gefühl, dass wir raus in die Großstadt mussten. Nach Frankfurt. Und dort nach Sachsenhausen. Einige aus unserer Clique schlossen sich an, andere hatten überhaupt keine Lust darauf. Das hat sich dann auch schon direkt nach Abenteuer angefühlt, um ehrlich zu sein. Beim ersten Mal hatten wir noch richtiges Herzklopfen, als wir am Hauptbahnhof ankamen. Klar, man ist natürlich auch als Nicht-Frankfurter sofort aufgefallen. Die ganze Bewegung war ja gerade frisch, steckte sprichwörtlich noch in den Kinderschuhen, da hat man natürlich die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ist ja logisch. Am Anfang dachten wir eigentlich noch, naiv wie wir waren, dass man uns vielleicht in dieser großen Stadt gar keine Beachtung schenken würde, weil es ja dort – so stellten wir uns das jedenfalls vor – wahrscheinlich an jeder Ecke einen Punk geben musste. Weit gefehlt. Schon nach unseren ersten Besuchen stellten wir ganz schnell fest, dass dem ganz und gar nicht so war. Es gab natürlich schon damals eine gewisse Anzahl an Punks, aber das waren noch so wenige, dass sie sich optisch nicht ins Gesamtbild von Frankfurt einfügen ließen, ohne dabei jemanden zu stören.
Es war inzwischen Februar 1981 geworden, und ich lebte zu der Zeit mit meiner Familie schon in Frankfurt-Bonames. Das war ein Graus. Eigentlich war ich nie zuhause. Es ging nicht, man ist dort automatisch krank geworden, zwischen diesen ganzen Hochhäusern und dem ewigen Sich-in-die-Arme-Laufen der Gangs. Eines Samstags – wir sind immer am Wochenende nach Sachsenhausen gefahren, um uns dort mit den anderen Jungs und Mädels zu treffen – ist es dann passiert.
Wir kommen am Hauptbahnhof in Frankfurt an, gehen zur Straßenbahn, um auf die andere Mainseite zu fahren, und an der gegenüberliegenden Haltestelle stehen zwei ziemlich punkig aussehende Typen. Einer von den beiden Jungs hatte wild abstehende, grün gefärbte Haare. Stachelig wie ein Igel. Die ganze verfranste Lederjacke hing voller ‚Anarchy‘-Patches. Der andere hatte Springerstiefel und einen übel aussehenden Mantel an, eine Aktentasche dabei und rief zu uns beiden rüber: ‚Ey, wo wollt ʼn ihr hin?‘“
Zwei Punks, die zusammengehörten, eine kleine Gruppe bildeten und sich hier offensichtlich bestens auskannten, trafen auf eine leicht verloren wirkende andere Zweiergruppe, die dafür aber auch verdächtig schwer nach Punk aussah. Das konnte doch eigentlich nur eine von Fortuna höchstpersönlich eingefädelte Verkettung gänzlich unwahrscheinlicher Zufälle sein. Heiko und Matthias nahmen den Ball jedenfalls auf.
„Und so ging das ganze Beschnuppern und das Kennenlern-Ritual knappe drei Minuten hin und her, ehe die Straßenbahn angefahren kam“, erinnert Gonzo sich heute.
Als die Tram anhielt und sich schon die Türen öffneten, rief der dunkelhaarige Typ mit den Springerstiefeln und dem Pennermantel, der sich den beiden kurz und hektisch, mit starkem hessischen Dialekt als Stephan vorgestellt hatte, Matthias und Heiko zu sich rüber und fragte, wohin sie denn überhaupt vorhätten zu fahren.
„Na, nach Sachsenhausen“, antworteten sie ihm.
„Ne, vergesst das mal“, sagte er. „Kommt ins JUZ Bockenheim. Nehmt die Linie 18, fahrt bis eine Station nach der Messe, und da ist dann das JUZ direkt auf der anderen Straßenseite. Da gehtʼs ab.“
Dann stiegen die beiden ein und verschwanden. Und erst mal entschwanden sie auch für ein paar Stunden aus dem Wichtigkeitsradius von Matthias.
Heiko und er fuhren auch diesen Samstag nach Sachsenhausen, schüttelten Hände und tranken Bier. Ihm waren die liebgewonnenen Kneipen hier wichtiger als irgendein Jugendzentrum. Doch je weiter der Tag voranschritt, desto häufiger geriet er ins Nachdenken. Sachsenhausen war schön, aber Frankfurt war verdammt noch mal so viel größer als dieser Stadtteil mit seinen alten Kaschemmen, sodass sich ein Gedanke in sein Hirn einnistete, der sich nicht mehr ignorieren ließ, je näher der Abend kam.
„Heiko, wir müssen später dorthin fahren. Ins JUZ.“
Mehr Worte bedurfte es nicht. Ihm gingen diese beiden Typen nicht mehr aus dem Kopf. Die sahen nicht nur nach Punk aus (das taten inzwischen alle – auch die aus gutem Hause), die rochen und sprachen auch so. Das war filzig, das war echt. Die verkörperten exakt das Lebensgefühl, das er während seiner Reisen nach Frankfurt immer gesucht hatte, aber bislang noch nirgendwo finden konnte. Er spürte intuitiv, dass er dem Rat dieses Typen, der Stephan hieß und diesen dreckigen Pennermantel trug, unbedingt folgen musste …

Denn wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen
(Johann Wolfgang von Goethe)
Rückblick. Sechzehn Jahre zuvor. Matthias erblickte am Montag, den 16. April 1962, als Ältester von vier Brüdern der Familie Röhr das Licht der Welt. Zur selben Zeit wurde etwa 6.500 Kilometer westlich, in Washington D.C., Ian MacKaye geboren. Beide kannten sich nicht. Sie würden sich auch niemals kennenlernen. Doch verband sie nicht nur dasselbe Geburtsdatum, sondern auch die spätere Liebe zur Musik. Insbesondere zum Punk, zu Ted Nugent und zur Gibson SG.
MacKaye sollte in den kommenden Jahren eines der ersten Punklabels in Washington gründen, während jemand, der sich Gonzo nannte, in Frankfurt fast zeitgleich auf drei Jungs traf, deren Band Böhse Onkelz hieß. Doch bevor Geschichte überhaupt zu Geschichte werden konnte, musste zunächst mal die Gegenwart zur Vergangenheit werden.
Die sechziger Jahre galten gemeinhin als das Jahrzehnt des Aufbruchs, des Widerstands und der Veränderung. Drei Schlagwörter. Sie klangen gut. In ihnen lag so viel Freiheit und der Wille, sich weiterzuentwickeln. Wenn man ein Ausrufezeichnen hinter sie setzte, konnte man sie gar als direkte Aufforderungen verstehen, die es dringend umzusetzen galt.
Wie ein roter Faden zogen sie sich durch das Leben von Matthias „Gonzo“ Röhr. Ein Leben, das nicht nur zu Beginn permanent in Bewegung war. Schon als die ersten Schritte selbstständig gegangen werden konnten, begann er damit, die Welt um sich herum noch viel genauer zu erkunden. Eine Welt, die auch noch ohne Tablet, UHD-Sender und Smartphones ganz wunderbar funktionierte.
Ein Kind durfte noch ganz und gar ein Kind sein. Ohne Eltern, die wie Helikopter um die Kleinen herumflogen. Die dabei immer besorgt aussahen. Immer aufpassten. Immer ängstlich waren. Die Familie war stets die kleinste Einheit des Daseins. Sie bildete das zentrale Element, an der sich jedes Familienmitglied ausrichtete und die Sicherheit gab. Die entbehrungsreiche Zeit nach dem Krieg, die Flucht der Eltern und Großeltern aus Schlesien und Thüringen hatte die Sippen ohnehin zusammengeschweißt. Eine Verbindung von Generationen, die so stark war, dass kein Blatt Papier dazwischen passte und keine Krise das Fundament zum Wanken bringen konnte.
„In meiner Kindheit waren wir den ganzen Tag unterwegs“, erinnert sich Matthias. „Erst wenn die Straßenlaternen angingen und meine Mutter uns vom Balkon zum Abendessen rief, sind wir nach Hause gegangen.“
Kind sein bedeutete nicht App-Store, sondern unbeschwert die Welt zu entdecken. Wenn der Fernseher überhaupt angemacht wurde, dann allerhöchstens einmal die Woche, um Flipper zu gucken. Ansonsten traf sich Matthias mit seinen Freunden, und das bei jedem Wetter. Sie spielten Cowboys & Indianer, voll ausgestattet mit Pfeil und Bogen, und lernten dabei spielend, wie man Lagerfeuer machte, sich in der Natur verhielt und dass ein Schnitt mit dem Messer beim Schnitzen stark bluten konnte. Keiner fragte, ob dieses Treiben politisch korrekt sei. Sie bauten Seifenkisten, bei denen ihnen erst während der Fahrt auffiel, dass sie die Bremsen vergessen hatten. Alle tranken aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen. Das Leben kannte kein Netz und keinen doppelten Boden. Jeder gebrochene Zeh, jede Schnittwunde und jede Beule gehörte dazu und war Teil des Kindseins.
In den Grundschulen in Eschborn und ab der dritten Klasse in Kelkheim war das Tablet noch eine kleine Tafel mit Griffel und Schwamm. Erst in der zweiten Klasse in Kelkheim kamen die ersten Hefte zum Einsatz. In den Sommermonaten trugen die Jungs jeden Tag kurze Lederhosen. Die Dinger waren praktisch, bequem und mussten eigentlich nie gewaschen werden. Mit einem kleinen Fahrtenmesser in der Tasche fühlte man sich stets für alle Hindernisse der Natur bestens gerüstet.
Die ersten Lebensjahre verbrachte Matthias in der Eschborner Lilienthalstraße. Dort standen in diesem Neubaugebiet, dicht an dicht, dreistöckige Häuser. Und direkt gegenüber lag eine große, fette G.I.-Kaserne.
Die Eschborner Bevölkerung bestand damals noch zu einem Teil aus Amerikanern, die dort stationiert waren. Auch einige Nachbarn von Matthias hatten amerikanische Wurzeln. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war etwas über zwei Dekaden vorüber, und aus den Feinden wurden langsam Freunde. Die größten Schutthaufen waren längst weggeräumt, und der Wiederaufbau der zerbombten Städte war fast abgeschlossen. Krauts und Amis passten gut zusammen, und so manche von den Schrecken des Krieges alleingelassene und traumatisierte Witwe verliebte sich in die großen, starken Jungs.
Matthiasʼ damals bester Freund und unmittelbarer Nachbar hingegen war kein Amerikaner, sondern Pakistani und hieß Gigi Dorani. Bei Familie Dorani gab es Lebensmittel, die der junge Matthias Röhr nur aus Erzählungen kannte. Cornflakes und Erdnussbutter zum Beispiel. Beim Probieren dieser Köstlichkeiten jagte eine Geschmacksexplosion die nächste, und alles schmeckte für ihn nach der großen, weiten Welt. Eine ferne Welt, die ihn noch Jahre später magisch anziehen sollte.
Matthiasʼ Vater Joachim war gelernter Kaufmann, der in Frankfurt-Höchst einen kleinen Lebensmittelladen führte. Wenige Jahre später wechselte er zu einem zentraleren Büdchen im Westend – direkt an der Messe. Die damals in Westend ansässigen Fabriken waren voller Arbeiter, die schon morgens mit einem anständigen Herrengedeck (ein belegtes Brötchen und eine Flasche Bier) von Vater Röhr versorgt wurden.
Seine Mutter kümmerte sich aufopferungsvoll um die Familie, die – neben Matthias als Ältestem – zu dieser Zeit noch zwei weitere Söhne umfasste. Den ein Jahr jüngeren Stephan und den drei Jahre jüngeren Martin. Der vierte Sohn Karsten wurde erst ganze zehn Jahre nach Matthias, im Jahr 1972, geboren.
Joachim Röhr arbeite viel und war fast nie zuhause. Sein Tag begann früh morgens um fünf und endete meist erst spät abends gegen dreiundzwanzig Uhr. Der gleiche Trab, von montags bis samstags und sonntags noch einmal halbtags. Matthias und seine Brüder bekamen ihren Papa kaum zu Gesicht. Für das familiäre Oberhaupt war das zwar bitter, aber alternativlos, schließlich hatte er eine damals fünfköpfige Familie zu ernähren. Und fünf Mäuler aßen eine ganze Menge. Die Butterbrote schmierten sich nicht von allein, sondern mussten sauer verdient werden. Das war kein Blumenpflücken. Nicht damals und auch nicht heute.
Ganze zwei Urlaube sprangen dank dieser Schufterei heraus – einer zu Besuch bei Verwandten in der DDR und einer an der Nordsee. Die restlichen Jahre war Matthiasʼ Vater, den er als konservativ, aber weltoffen beschreibt, in seiner Trinkhalle am Schuften. Arbeitszeiten, die es praktisch unmöglich machten, auch noch die Erziehung der Söhne zu managen.
Das erledigte seine Frau. Ein großes Herz voller Mutterliebe, das hin und wieder wütend wurde, wenn der alte Herr am Wochenende den Teilzeit-Vater heraushängen ließ und gern auch ein Wort bei der Erziehung mitreden wollte. Schließlich waren das stolze Jungs – echte Röhrs, und wenn er nicht wusste, was für seine Söhne am besten war –, wer dann?
Matthias war kein einfaches Kind. Schon in den Kinderschuhen ein kleiner Rebell, sorgte er früh für die ersten grauen Haare seiner Mutter. Hatte er wieder einmal etwas ausgefressen, bestand ihre letzte Möglichkeit nur in der Drohung, dass es „vom Vadda, sobald der zuhause ist, richtig Ärger geben wird“!
Wenn der allerdings das Büdchen abgeschlossen hatte und daheim eintraf, war es meistens viel zu spät, um irgendjemanden auszuschimpfen. Das wusste Matthias nur zu gut. Dementsprechend sorglos verschob er die Grenzen des Sag- und Machbaren. Manchmal aber, da ließ sich eine Standpauke einfach nicht vermeiden. Lange Arbeit hin oder her. Und nicht selten war dieses Gewitter für Matthias reinigend und nachhaltig. Die Autorität des Alten konnte nicht angekratzt werden. Es genügte ein böser Blick, um seinen Ältesten zum Schweigen zu bringen.
Handgreiflichkeiten gab es selten. Selbst, wenn zu dieser Zeit innerhalb der Familien noch oft die Hand ausrutschte, ruhte sie bei Joachim Röhr meistens in der Hosentasche.
Ohnehin genossen die Jungs viele Freiheiten, die sie in und mit der Natur auslebten. Alle Röhrs liebten das Land, die Wälder und die Wiesen ringsherum. Und Hessen hatte von derlei viele im Angebot.
Die Großeltern, die in der Umgebung wohnten, waren genauso gern an der frischen Luft. Und schon früh zeigte der gesamte Familienverband diesen Söhnen, welcher Wert in ihrer Umwelt lag und wie sie damit umzugehen hatten. Das, was andere Gleichaltrige bei den Pfadfindern oder im Rahmen einer „Stadtranderholung“ – selten freiwillig – lernen mussten, sogen Matthias, Martin und Stephan aus eigenem Antrieb auf. Baum- und Pflanzenkunde, Pilze. So viele verschiedene Pilze. Waldwanderungen. Spaziergänge bei Wind und Wetter.
Bald kannte Matthias jeden Stein und hatte mindestens einmal seinen Namen in jede Rinde eines jeden Baumstammes geritzt, den es weit und breit gab.
Sonntagnachmittag war ein beliebter Ausflugszeitpunkt. Wenn der Vater den Kiosk an der Messe geschlossen hatte, wurde nachmittags den Söhnen Kultur vermittelt. Dann ging es oft zum Niederwalddenkmal am Rande des Landschaftsparks Niederwald. Das am 28. September 1883, nach sechs Jahren Bauzeit eingeweihte Denkmal, erinnerte an die Einigung Deutschlands 1871. Seit 2002 ist es sogar Teil des UNESCO-Welterbes.
Das Deutsche Eck – der Zusammenfluss von Rhein und Mosel, dem Koblenz seinen Namen verdankte – war ebenfalls ein beliebtes Tagesziel der Familie. Das Ehrendenkmal für Kaiser Wilhelm I., das im August 1897 eingeweiht wurde und den majestätischen Hintergrund der Landzunge von Koblenz bildete, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Übrig blieb nur der Sockel, der allerdings noch immer für viel Aufmerksamkeit sorgte. Erst später, 1993, konnte eine Kopie des alten Reiterstandbilds auf selbigen gehoben werden.
Matthiasʼ Vater liebte die gemeinsamen Unternehmungen mit seiner Familie. Wo Vater Rhein auf Mutter Mosel traf, waren Vater und Mutter Röhr mit ihren Söhnen nicht weit.
Er selbst war gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mit seiner Familie geflüchtet und hatte später von Pfungstadt, südwestlich von Frankfurt, aus regelmäßig wochenlange Fahrradtouren über Koblenz und Mainz mit seinem Bruder unternommen. Diese Liebe zur deutschen Kultur und Natur gab er später auch an seine Kinder weiter.
Obwohl er durch die Selbstständigkeit nur sehr wenig Zeit hatte, nutzte er die ihm verbleibende an den Sonntagen intensiv mit den Menschen, die er liebte. Das glich ein bisschen das spärliche Zusammensein unter der Woche aus. In Matthiasʼ Erinnerung waren das die Tage, an denen er seinem Vater so nahe war wie sonst nie.
Die erste große Liebe im Leben des Matthias Röhr war eine, die er auch direkt von seinem Vater Joachim und dessen Brüdern Horst und Helmuth geerbt hatte. Eine, die nach Benzin und verbranntem Gummi roch. Die Lust auf alles, was vier oder zwei Räder besaß und von ihm gelenkt werden konnte.
Matthiasʼ Lieblingsauto war, neben den Mercedes-Modellen, die sein Onkel Horst bevorzugt fuhr, der von 1938 bis 1970 produzierte Opel Kapitän. Zunächst als Mittelklassewagen gestartet, stieg der Sechszylinder im Jahr 1964 in die Oberklasse der deutschen Automobil-Landschaft auf. Der 2,6-Liter-Motor mit 125 Pferdestärken erschien in drei Ausstattungsvarianten, deren Spitzenmodelle „Admiral“ und „Diplomat“ waren.
Der Opel „Diplomat“ war ein absoluter Hingucker und für Matthias ein unfassbar großes Auto. Selbst zu fünft auf der Rückbank fand sich noch Platz für Gepäck. Matthias liebte dieses lässige Auto. In der Regel erneuerte sein Vater alle zwei Jahre seinen Fuhrpark, und Matthias nahm jedes Mal, wenn der Alte einen fabrikneuen Schlitten das erste Mal vor der Einfahrt parkte, begeistert auf dem Fahrersitz Platz und stellte sich vor, damit in die große, weite Welt zu fahren.
Die Röhrs waren eine große Familie. Der Opa und die Oma väterlicherseits lebten in Frankfurt-Westhausen. Der Großvater war Zöllner gewesen. Ein Beruf, der es ihm und seiner Gattin ermöglichte, eine nagelneue Dienstwohnung zu beziehen. Auch wenn es nur drei knapp bemessene Zimmer gab, so war die Wohnung ein echter Glücksfall und in den Nachkriegsjahren keine Selbstverständlichkeit des Mittelstandes.
An den Wochenenden bewirtschafteten beide zwei Kleingärten einer Gartenkolonie. Genau dort, wo heute das Rödelheimer Autobahnkreuz entlangführt. In einem Garten gab es so ziemlich alle Früchte, die man auf heimischem Boden ernten konnte, und im anderen eine große Scheune, in der Kleinvieh untergebracht war.
Die Familie von Matthiasʼ Vater bestand neben ihm noch aus zwei weiteren Söhnen und einer Tochter. Alle vier hatten später fast zu selben Zeit geheiratet und wurden wiederum, im Abstand von wenigen Jahren, ihrerseits Eltern. Daraus entstand eine Gruppe nahezu gleichaltriger Jungen und Mädchen, die sich regelmäßig bei Oma und Opa zuhause oder im Garten trafen. Während die Frauen gemeinsam kochten, die Väter im Wohnzimmer saßen und ihr Bier tranken, spielten die Kinder zusammen nebenan. Es war ein bisschen so wie im Lied „Haus am See“ von Peter Fox.
Regelmäßiges Schlachten der herangezüchteten Karnickel gehörte genauso zum familiären Leben wie die Karnickelpfote, die Matthias von seiner Oma als „Glücksbringer“ in die Hand gedrückt bekam.
Um das familiäre Dickicht besser durchschreiten und deren Mitglieder einigermaßen auseinanderhalten zu können, hatten Matthias und seine Brüder die jeweiligen Omas und Opas nach Wohnorten unterteilt. Die „Rödelheim-Oma“ war Helena Röhr, geborene Jakubowsky. Die Großmutter mütterlicherseits wurde liebevoll „Zeilsheim-Oma“ genannt.
Eines Tages brachte es die „Zeilsheimer-Oma“ fertig, Matthias für drei Wochen zu „kidnappen“. Dass er darauf so gar keine Lust hatte, störte seine Granny herzlich wenig. Aus welchem Antrieb es geschah, weiß er bis heute nicht genau. Vermutlich mochte es die Oma gestört haben, dass der Junge, ihrer Meinung nach, nichts von seiner Mutter hatte. Oder aber ihre Motivation rührte von ganz anderen Dingen her. Vielleicht traute sie ihrem Schwiegersohn und ihrer Tochter zu wenig zu? Oder sie befand, dass die Familie mit den beiden anderen Söhnen schon schwer genug zu schuften hatte. Die Auflösung dieses Rätsels blieb jedenfalls für immer ein Geheimnis.
Matthiasʼ Vater und seine Mutter hatten große Mühe, ihren Sohn wieder mit nach Hause nehmen zu dürfen. Die Oma wollte das Kind partout nicht hergeben und lenkte nur durch jede Menge gutes Zureden ihrer Tochter ein. Das Ganze zog familiär derart große Kreise, dass das Verhältnis zwischen der „Zeilsheim-Oma“ nebst Familie und der „Rödelheim-Oma“ nebst Familie fortan zerrüttet war. Keine Entschuldigung konnte dieses Zerwürfnis wieder geradebiegen. Fortan sahen alle Röhr-Söhne ihre Großmutter nur noch sehr selten.
Matthias war in der Grundschule ein guter Schüler. Seine damaligen Zeugnisse schmückten fast ausschließlich Bestnoten. Zensuren, die darauf zurückzuführen waren, dass er die Schule noch sehr ernst nahm. Gewissenhaft und fokussiert lernte er die ersten Jahre seiner schulischen Laufbahn all das, was von ihm verlangt wurde. Und er hörte auch noch zu.
So gut, dass Matthias einst gar als einziger Schüler die Anweisungen seiner Lehrerin verstand. Eine Mitteilung, die ganz klar besagte, dass der Unterricht am darauffolgenden Tag erst um zehn, statt um acht Uhr beginnen würde. Matthias tat, wie ihm geheißen, und betrat um Punkt zehn das Klassenzimmer. Doch, und bei dem Anblick wurde ihm kurz übel, war selbiges schon bis auf den letzten Platz mit seinen Mitschülern gefüllt. Alle Augen richteten sich auf ihn. Getuschel von Klaus-Peter, hinter vorgehaltener Hand lautes Gekicher von Andrea und Daniela.
Kurz bevor Matthias im Erdboden versinken konnte, nahm ihn Fräulein Meier in den Arm und versicherte ihm, dass er offenbar der Einzige sei, der ihr richtig zugehört habe. All seine Klassenkameraden seien hingegen schon um acht Uhr erschienen. Das war ein Rampenlicht, in dem er dort stand, das ihm ganz und gar nicht schmeckte.
Nach dem Umzug seiner Eltern und dem dazugehörigen Schulwechsel von Eschborn auf die Kelkheimer Pestalozzischule in der zweiten Klasse hatte er seinen ersten großen Auftritt. Ein Umstand, den er seiner Mutter zu verdanken hatte.
Frau Röhr hatte als gelernte Schneiderin zwar ein Auge für Kleidung, verfehlte an jenem Tag jedoch den üblichen Klamottenstil der Kelkheimer Grundschule um Längen, indem sie Matthias an seinem ersten Schultag in der neuen Schule mit Anzug und Krawatte dorthin schickte. Was das für ein achtjähriges Kind bedeutete, das dringend Anschluss suchte, kann man sich mit wenig Phantasie ausmalen.
Baldo Bauer, seines Zeichens Klassenstärkster und „Leader of the pack“, kam oberlässig daher. Schulterlange Haare, Jeans und T-Shirt. Baldo überholte Matthias auf dem Weg zur Schule regelmäßig mit einem geklauten Mofa. Knatter, knatter, knatter.
Der Typ musste einem Hippie-Elternhaus entsprungen sein, so alternativ war der drauf. Auf jeden Fall beeindruckte er auf ganzer Linie. Eines Tages geriet er ins Visier Bauers. Vor der versammelten Klasse entbrannte ein ausgewachsener Ringkampf, an dessen Ende der kleine Röhr, zu seinem eigenen Erstaunen, Baldo mit einem gekonnten Fausthieb aus dem Nichts ins Tal der Tränen schlug. Der blieb kurz benommen liegen, akzeptierte ihn aber fortan, und beide wurden sogar Freunde.
Die Eichendorffschule, eine Gesamtschule in der Lorsbacher Straße in Kelkheim, auf der Matthias ab der fünften Klasse den Realschulzweig besuchte, war ein großer grauer Klotz. Hässlich, keinerlei Fröhlichkeit ausstrahlend. Vielmehr das genaue Gegenteil: morbider Bunkerstil-Charme, der wenig einladend aussah. Für damalige Verhältnisse galt das Gebäude jedoch als die Crème de la Crème unter den hessischen Schulbauten. Versehen mit elektrischen Türen und Jalousien, der modernsten Ausstattung und einem riesigen Pausenhof. Man benötigte fünfzehn Minuten bei normalem Gehen und, je nach konditioneller und körperlicher Verfassung, mindestens vier Minuten vierzig im Sprint, um ihn einmal komplett zu umrunden.




