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Als später ein Trauergast nach dem anderen ein Häufchen Erde auf den Sarg der Klaff-Großmutter warf, machte unsere Schwester einen Schritt nach vorne und hielt die blaue Spielzeugangel über das offene Grab. An einer dünnen Nylonschnur baumelte der Plastikhaken. Mutter zog unsere Schwester zurück.
Auf der Rückfahrt musste Vater tanken und stellte danach das Auto in der hintersten Ecke des Parkplatzes ab. Mutter hockte sich auf eine Bank und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Wir setzten uns zu ihr und streichelten ihren Rücken. Unterdessen rammte unsere Schwester die Spielzeugangel in den Abfalleimer neben der Bank, stieg wieder ins Auto und schnallte sich an. Vater rauchte zwei Zigaretten in der Abendsonne.
»DER KLAFF-GROSSVATER«, sagte Mutter endlich, »hatte eine sehr schwere Lungenentzündung.«
Sie ergriff die beiden großen Holzgabeln, die in der Schüssel vor ihr steckten.
»Will noch jemand Salat?«
Wir klopften mit dem Löffel gegen die Tischkante. Einmal, zweimal, dreimal. Wir trommelten auf dem Gebetswürfel herum, schlugen gegen das Wasserglas, gegen die Salatschüssel, gegen die Schale mit den Heidelbeeren.
»Hör auf damit!«
Mutter riss uns den Löffel aus der Hand.
»Willst du nicht irgendwas spielen?«
Wir ahnten die Lüge.
Zu Kriegsbeginn hatte der Klaff-Großvater als uk gegolten, als unabkömmlich für den elterlichen Hof. Er wurde erst im Frühling 1941 eingezogen und diente danach in verschiedenen Einheiten an der deutsch-sowjetischen Front, geriet in Gefangenschaft, floh nach Kriegsende aus dem Lager und marschierte zu Fuß von Russland nach Hause. Als er ankam, war er abgemagert und einsilbig. Er entzog sich der Umarmung seiner Frau, trat in die Stube und leerte seine Manteltaschen aus: ein vereister Schneeball, zwanzig Schilling Handgeld, zehn Zigaretten und die Bescheinigung der Heimkehrerstelle: entlaust und seuchenfrei. Die Granatsplitter in der Schulter und seine Erinnerungen behielt er für sich. In den Jahren der Besatzung zerstachen Engelmacherinnen mit Stricknadeln die Fruchtblasen vergewaltigter Mädchen. Ein dürrer Ochse brach auf dem Feld zusammen und verreckte unter Großvaters Stockschlägen. Die abgetragenen Kleider der Erwachsenen wurden umgenäht für die Kleinen, einmal pro Woche Baden in der Scheune – erst die Eltern, danach die Kinder im selben Wasser. Der erste Traktor, die erste Melkmaschine, Stallbau, Erziehung durch Gürtel und Teppichklopfer, Mitte der Sechziger ein Badezimmer, Mitte der Siebziger ein hauseigener Fernseher. Am 27. Oktober 1976 erhängte sich der Klaff-Großvater im Stall. Gefunden wurde er von seiner ältesten Tochter, unserer Mutter. Sie stand im Mittelgang, zwischen brüllenden Kühen und rasselnden Ketten, und legte den Kopf in den Nacken.
DIE ORDENSFRAU BEUGTE sich zu uns herab.
»Ich bin Schwester Aloisia.«
Ihr Atem roch nach Knoblauch.
»Deine Mutter ist nur schnell beim Doktor. Du wirst sehen, sie ist im Nu zurück!«
Schwester Aloisia führte uns ins Spielzimmer des Kinderhorts. Neben einem Regal, in dem Bilderbücher mit dicken Kartonseiten standen, lehnte einsam ein Steckenpferd an der Wand. Zwei Buben saßen auf einem Kuhfell und stießen Dinosaurierfiguren gegeneinander. Ein Mädchen machte Brummgeräusche, während es mit einer Hand ein Spielzeugauto über den Vorhang gleiten ließ. Auf dem Türstock klebten Sticker mit den Zeichentrickhelden aus dem Dschungelbuch. Wir kratzten eine Weile an Baghira herum. Eine Dinosaurierfigur traf uns zwischen den Schulterblättern. Die Buben auf dem Kuhfell lachten. Schwester Aloisia drehte sich um und schmunzelte.
»Na, habt ihr es lustig miteinander?«
Wir gingen auf die andere Seite des Raumes und drückten die Stirn gegen einen Fensterrahmen. Farbe blätterte ab. Das Mädchen setzte das Spielzeugauto auf dem Fensterbrett ab, steckte sich einen Lacksplitter in den Mund und suchte mit herausgestreckter Zunge sein Spiegelbild im Glas. Schwester Aloisia stellte sich in die Mitte des Spielzimmers und verschränkte die Finger vor ihrem Bauch.
»Muss jemand aufs Klo?«
MUTTER HATTE EINE dünne, biegsame Metallplatte zwischen das Leintuch und die Matratze unseres Bettes geschoben. Aus der Platte führte ein Kabel zu einem Apparat auf dem Boden. Wurde die Platte nass, schlug der Apparat Alarm. Hielt die Blase in der Nacht den Harn nicht, wurden wir von einem Piepsen geweckt, das so schrill war, dass jedes Mal auch die Eltern und unsere Schwester davon erwachten. Der Apparat verhinderte nichts. Er brachte bloß vier Menschen um den Schlaf. Wir machten ins Bett, bis wir dreizehn waren. Niemals, wenn wir auswärts übernachteten.
»Am Muskel liegt es jedenfalls nicht«, sagte der Urologe.
Das Ultraschallbild zeigte eine Blasenwand, die stellenweise einen Zentimeter dick war.
»Hältst du untertags oft den Harn zurück?«
Wir zuckten mit den Achseln.
»Nein, das tut er nicht«, sagte Mutter.
Der Urologe gab uns einen Kalender mit. Darin sollten wir notieren, an welchen Tagen wir ins Bett machten und an welchen nicht, Stern, Minus, Minus, Stern, Minus, wie oft am Tag wir aufs Klo gingen und wie viel Harn wir dabei ließen. Er überreichte uns einen Messbecher, 150 ml, 400 ml, 250 ml. Von der Psychologin bekamen wir die Aufgabe, ein Bild anzufertigen, von uns und allem, womit wir Zeit verbrachten.
Daheim zeichneten wir mit Bleistift unseren Kopf in die Mitte eines weißen Blattes. Rundliches Gesicht, Seitenscheitel, schmaler Mund. Um den Kopf ordneten wir kleine Gedankenblasen an. In jede Gedankenblase zeichneten wir uns selbst in einem anderen Zusammenhang. Wir im Klassenzimmer. Wir mit Speedy vor dem offenen Käfig. Wir über ein dickes Buch gebeugt. Wir im Hort neben vier Dinosaurierfiguren. Wir in Großmutters Stube, ein Monster malend. Wir auf einem Bett, an dessen Unterseite große Tropfen austreten. Zuletzt zeichneten wir ein großes Pflaster auf die linke Wange unseres Selbstporträts. Mutter wurde gefragt, ob wir geschlagen würden.
Wir konnten uns lediglich an einen etwas festeren Klaps auf den Hintern erinnern. Wir spielten in der Sandkiste neben der Auffahrt. Irgendwann langweilte uns das Lego-Raumschiff und wir begannen Sand auf die Windschutzscheibe von Vaters Auto zu schaufeln. Mutter kam aus dem Haus und riss die Augen auf.
»Du bist wohl wahnsinnig geworden!«, rief sie und rannte mit erhobener Hand auf uns zu. Wir erschraken, drehten uns um und liefen los. Nach wenigen Schritten allerdings blieben wir stehen, verharrten mit hochgezogenen Schultern.
Der Schlag tat nicht weh und Mutter bereute ihn sofort. Wir trösteten sie. Vater sah fern.
»AIDS! AIDS!«, KREISCHTE ein Bub und pikste einem Mädchen mit einem Tintenkiller in den Rücken. Kurz darauf knallte ein Federpennal gegen die dunkelgrüne Tafel. Die Klasse war in hellem Aufruhr. Wir stützten die Arme auf dem Tisch ab, hielten uns die Ohren zu und schauten nach vorne zur Lehrerin. Die saß noch immer mit versteinerter Miene und verschränkten Armen hinter dem Pult und wartete darauf, dass die Klasse sich beruhigte. Als ihr Blick auf uns fiel, lächelte sie kurz.
»Aids!«, rief der Bub wieder und stach seinem Sitznachbarn mit einem Geodreieck in den Ellenbogen. Schallendes Gelächter.
Die Lehrerin stand endlich auf und schrie: »Haltet den Mund!«
Die Lehrerin, die Nachbarin, der Pfarrer, Mutter und Vater. Man lobte uns. Weil wir so folgsam und tüchtig und hilfsbereit waren. Weil wir schon so gut lesen und schreiben konnten. Weil wir so tolle bunte Bilder malten und uns Bibelverse merkten. Wir hätten uns nicht gewundert, wäre eines Abends ein Engel durchs Fenster in unser Zimmer geschwebt, um uns zu eröffnen, dass wir Gottes Sohn sind. Wir hätten ihn bloß gefragt, was genau unsere Aufgabe ist.
»ICH BIN EIN Haifisch«, sagte unsere Schwester, rückte dicht an uns heran und machte ihren Mund weit auf. Sie hatte einen Zahn zu viel. Einer ihrer Eckzähne hatte sich in zweiter Reihe eingeordnet, anstatt den Milchzahn zu verdrängen.
»Und du bist ein Delfin«, sagte sie, bevor sie sich wieder ihren Stofftieren zuwandte.
Hinter uns raschelte es im Stroh. Speedy nuckelte an der Wasserflasche.
»Warum?«, fragten wir.
Unsere Schwester stellte ihre Stofftiere in Stirnreihe auf und ließ den Haken ihrer blauen Spielzeugangel vor den Knopfaugen eines Teddybären baumeln.
»Weil ich es sage.«
Wir malten uns aus, wir wären ein Delfin. Einer, der so tut, als wäre er ein Schwarm von kleinen Delfinen.
DIE KINDER DER Siedlung spielten Fußball auf der Spielplatzwiese, die hundert Meter vom Haus entfernt lag, auf halbem Weg zwischen Garten und Fluss. Sie spielten, bis es dunkel wurde. Wir hingegen sollten um 16 Uhr zu Hause sein.
»Weil ich es so will«, sagte Mutter.
Wir fügten uns. Aber die anderen Kinder gaben nicht auf. Ohne uns waren sie eine ungerade Anzahl.
»Warum darf er nicht so lange spielen wie –«
»Weil ich es nicht will!«
Mutter fasste den Ärmel unseres Maradona-Trikots, zog uns zu sich ins Haus und drückte die Tür ins Schloss. Vater rief aus dem Wohnzimmer: »Lass ihn doch mit den anderen spielen! Wenn der Bub sich nicht bewegt, wird er noch zum Fass.«
Als Vater uns zum ersten Mal sah, soll er gesagt haben: »Na, den traue ich mich auch anzugreifen.«
4650 Gramm. Bei unserer Geburt waren wir das schwerste Kind der Station. Unsere Schwester war weniger robust auf die Welt gekommen. Sie hatte ihre ersten Tage in einem Inkubator verbracht. Als Kind hatte sie die Dinge kaum berührt. Über Stunden hinweg war es ihr genug gewesen, in einer Ecke zu sitzen. Manchmal hatte sie mit einem Zirkel gespielt oder Konservendosen gestapelt. In späteren Jahren lernte sie Schacheröffnungen. Auf ihrer Blockflöte trug sie nur widerwillig Lieder vor. Lieber spielte sie Tonleitern auf und ab oder stoppte, wie lange sie eine einzelne Note halten konnte. Oft schaute sie bloß, und niemand konnte sagen, wohin. In die Augen von Menschen blickte sie so gut wie nie.
»Du spürst sie kaum«, meinte Mutter oft. »Sie geht im Haus herum wie ein Geist.«
NEBEN DEM WALDWEG glitzerte ein Rinnsal. Wir streckten im Gehen den Arm aus, streiften mit den Fingerkuppen über Farnblätter, Tannenzapfen, rote Beeren.
»Das sind Vogelbeeren«, sagte Mutter. »Die darf man nicht essen. Die sind giftig.«
Unsere Schwester eilte voraus.
»Komm jetzt«, sagte Mutter und nahm unsere Hand. »Großmutter wartet schon mit den Palatschinken auf dich. Und ich muss wieder zurück nach Hause und deine Schwester noch in die Musikschule bringen.«
Unsere Schwester hielt plötzlich an.
»Dort oben ist der Aschbach-Großvater verrückt geworden«, sagte sie und deutete den Hang hinauf. Wir konnten dort oben nur Felsen und Brennnesseln erkennen.
»Halt den Mund!«, rief Mutter. »Du machst deinem Bruder doch Angst!«
Unsere Schwester ballte ihre Fäuste und stapfte weiter, murmelte aufgeregt vor sich hin, doch wir konnten kein Wort verstehen. Mutter drückte unsere Hand.
»Großvater war nicht verrückt«, sagte sie.
»Was ist da oben?«, fragten wir Mutter.
»Nichts«, sagte sie. »Da ist nur Wald.«
In Aschbach schliefen wir bei offenem Fenster unter einer dicken Tuchent. Die Matratze war durchgelegen und das Bettgestell quietschte bei der geringsten Bewegung. Der Wind blähte die Vorhänge. Sprühregen. Der Lampenschirm schwankte. Ein Keramikengel ging zu Bruch. Ein Blitz erhellte den Raum, das lange Messer mit dem Hirschhorngriff schien sich von der Wand zu lösen. Wir zogen die Tuchent über den Kopf. Ein anderes Tier stieg aus der Erde herauf. Es hatte zwei Hörner wie ein Lamm, aber es redete wie ein Drache.
DIE MITSCHÜLER PRUSTETEN los, die Lehrerin ermahnte uns lautstark: »So nicht, mein Lieber! Was glaubst du, wo du hier bist?«
Wir wussten nicht, was wir falsch gemacht hatten, stammelten, bekamen kaum Luft. In der Pause sperrten wir uns auf der Toilette ein und kratzten uns, bis die Schulglocke zum Beginn der nächsten Stunde läutete.
Daheim küsste Mutter die wunden Stellen, schmierte unsere Arme mit Pflegecreme ein und bereitete einen Bananensplit für uns zu.
»Weißt du«, sagte sie, während wir die letzten Reste der Schokoladensauce vom Tellerrand schabten, »man rülpst nicht, wenn andere dabei sind. Das ist unhöflich.«
Wir durften die Blätter des Philodendrons mit der Sprühflasche befeuchten und danach ins Zimmer unserer Schwester gehen, um dort Speedy mit dem Zeigefinger über den Kopf zu streicheln. Wir nahmen den Stehkalender zur Hand, den Vater uns aus dem Büro mitgebracht hatte, und trugen darin sorgfältig den Stundenplan für den Rest des Semesters ein. Den knallroten Zug auf der ersten Seite des Kalenders übermalten wir mit einem Gorilla, dessen Maul größer als der Rest seines Körpers ist. Krullax treibt sein Unwesen im Wimmermoor.
DIE ASCHBACH-GROSSMUTTER saß in der Stube vor dem Mostkrug und schnarchte leise. Als wir über den knarzenden Holzboden auf sie zugingen, öffnete sie die Augen. Wir zeigten ihr, was wir unter der Dachbodenstiege gefunden hatten.
»Das ist ein Bowlingkegel«, sagte sie. »Wo kommt denn der her?«
Sie ergriff den Kegel und musterte ihn. Wir stopften den Putzfetzen, in den der Kegel eingeschlagen gewesen war, in die Hosentasche.
»Warst du heimlich im Wald?«, fragte Großmutter.
Wir verstanden die Frage nicht, schüttelten den Kopf.
»Unsereins spielt kein Bowling«, sagte Großmutter. »Das spielen nur Amerikaner.«
Ächzend erhob sie sich und warf den Kegel in die Glut. Funken schwebten durch die Stube. Das Ofentürchen quietschte, als Großmutter es schloss.
»Was wir machen, das heißt Kegeln«, sagte Großmutter, kämpfte kurz mit ihrem Gleichgewicht, setzte sich wieder auf ihren Stuhl und schenkte sich randvoll Most ein.
»Neun Kegel sind genug«, sagte sie, kicherte und nahm einen großen Schluck.
Uns schossen Tränen in die Augen.
Am Abend durften wir Zweige mit einem Taschenmesser anspitzen. Großmutter schnitt die Knackwürste ein und zeigte uns am Sternenhimmel den Gürtel des Orion und das W der Kassiopeia. Ihr Gesicht flackerte im Schein des Lagerfeuers.
Zwei Tage später knieten wir vor einer roten Schale voller Playmobil im Hof. Großmutter trat aus dem Haus. »Um sechs holt dich dein Vater ab«, sagte sie. Ihre Holzpantoffeln klapperten bei jedem Schritt. Eine Weile sah sie uns zu, wie wir die Playmobilmännchen auf einem Riss im Beton postierten. Dann bückte sie sich und stellte die Figur, die wir gerade zurück in die Schale gelegt hatten, wieder vor uns hin. Der Figur fehlte ein Arm.
»Man muss auch mit Behinderten spielen.«
Eine rostige Eisenstange ragte aus dem Wasser, von Seerosen umringt. Auf einem Stein hockte reglos eine schlammfarbene Kröte. Zwei Steine weiter saß der Kater, mit zuckendem Schwanz und aufgerichteten Ohren. Er beobachtete die Wasserhüpfer, die mit jedem ihrer Sprünge feine Wellenkreise lostraten. Es sah aus, als würde es regnen. Wir ließen uns auf dem Tischtuch nieder, das Großmutter auf dem Steg ausgebreitet hatte.
»Aber fall mir ja nicht in den Tümpel«, sagte sie, verließ den Garten, zog das Gatter zu und verschwand hinter der Hausecke.
Eine Weile befühlten wir die Rillen im Stegholz. Wir bemerkten, dass die Kröte ein Bein vor das andere gesetzt hatte. Von fern kam das Plätschern der Bäche und wir hörten darin die Stimmen von Frauen und Kindern, einen Traktor, Blasmusik, das Zischeln einer Schlange.
Wir erwachten. Immer noch lagen wir auf dem Tischtuch vor dem Tümpel, doch unser Kopf ruhte nun auf einem Polster und ein grober Leinenvorhang bedeckte uns. Wir schlugen den Stoff zur Seite und kratzten uns an den Schienbeinen.
Wir liefen durch den Garten, kletterten auf den weißen Findling, warfen den Putzfetzen in die Luft und fingen ihn wieder, umrundeten den Tümpel, hüpften von Trittstein zu Trittstein, bis wir das Gatter erreichten. Dort brockten wir ein paar Walderdbeeren und kehrten in den Hof zurück. Der Kater wärmte sich auf dem Misthaufen den Bauch. Wir gingen in die Scheune und stellten uns tot.
Unsere Schwester zeichnete gerade das Muster des Teppichs ab, als wir ihr Zimmer betraten. Ein schmales Rahmenband, Zackenlinien, Dreiecke, im Zentrum eine flache Raute. Langsam tastete sich ein Weberknecht über das Poster, das die Werte und Zugformen der Schachfiguren erklärte. Speedy lag rücklings im Käfig und rührte sich nicht. Seine Schnauze stand offen. Napf und Trinkflasche waren leer, das Stroh dunkel und klebrig. Unsere Schwester erhob sich, legte Block und Kugelschreiber parallel zueinander auf ihren Schreibtisch.
»Hattest du eine gute Zeit bei Großmutter?«, fragte sie und verließ das Zimmer.
WIR VERSPÜRTEN DRUCK in der Brust und in den Ohren setzte ein Rauschen ein, das erst nach Stunden abklang. So gut wir konnten, beschrieben wir Mutter, was wir empfanden: »Hühnerfleisch macht da alles schwer und eng und dann kommt es bei den Ohren heraus.«
Mutter zerzauste uns die Haare.
Tags darauf stellte unsere Tante einen dampfenden Teller vor uns hin und sagte: »Lass es dir schmecken!«
Mutter fügte hinzu: »Das ist Kalbsragout. Ganz was Feines!«
In der Küche unserer Tante hingen zwei gerahmte Fotografien. Die eine zeigte einen Sternennebel, die andere einen tibetischen Mönch mit tiefen Lachfalten. Nach drei Bissen fühlten wir, wie der Druck in der Brust stärker wurde. Wir wollten unsere Tante nicht beleidigen. Wir wollten unsere Mutter nicht beschämen. Wir aßen auf.
»Und? Hat es dir geschmeckt?«, fragte unsere Tante.
»Ja«, pressten wir hervor.
»Und weißt du was?«, sagte Mutter. »Das war Hühnchen.«
UM DEN KLEINEN grünen Tisch waren Plastikhocker angeordnet: vier große Fliegenpilze.
»Steh auf«, sagte unsere Schwester.
Wir nahmen unser Heft, gingen ein Stück durch die Wiese und ließen uns auf dem Rand der Sandkiste nieder. Unsere Schwester umrundete die Fliegenpilzhocker und zählte die weißen Punkte auf den roten Sitzflächen. Immer und immer wieder. Wir schrieben unterdessen einen Brief an uns selbst. Dass wir alt genug sein wollen, um alleine auf den Spielplatz zu gehen. Dass Vater ein gebückter Riese ist und gelbe Zähne hat. Dass die Drachen in der Bibel kein Feuer spucken. Dass wir in der Speisekammer einen Papiersack mit harten Brotwürfeln entdeckt haben, und Mutter heute mit uns Enten füttern geht. Dass Mutter große Angst hat dick zu werden, aber keine Angst zu verhungern. Dass unsere Tante gesagt hat, dass wir im Sternzeichen Stier sind. Dass Stier ein Erdsternzeichen ist. Dass Speedy so groß wie ein Stier sein wird, wenn er zurückkommt, um Rache zu üben.
»Zweimal zwölf und zweimal vierzehn«, sagte unsere Schwester. »Zweiundfünfzig.«
KLUMPEN FÜR KLUMPEN zog Mutter aus der Waschmaschine.
»Fertig«, sagte sie und wischte sich an ihrem Rock ab.
Sie blieb auf dem Schemel sitzen und starrte in die Trommel. Wir griffen nach den Henkeln der Zinkwanne.
»Lass nur«, sagte Mutter. »Mama macht das schon.«
Sie begann zu weinen. Wir streichelten sie, spürten die Wirbelsäule durch den Stoff ihrer Bluse. Mutters Körper bebte.
»Ich fühle mich wie hinter Glas«, sagte sie und drosch die Tür der Waschmaschine zu.
Wir weinten auch. Wenn uns die Lehrerin zurechtwies, wenn wir uns im Garten an der Buchenrinde die Handflächen aufschürften, wenn wir auf dem Schotterweg stürzten. Man wunderte sich über unsere Tränen, die vielen Tränen. Andere Kinder verlachten uns, nannten uns ein kleines Baby, eine Mimose. Wir weinten nie, wenn Mutter uns bat, noch ein wenig bei ihr zu bleiben.
»ACHTUNG, DAS BRENNT jetzt ein bisschen«, sagte unsere Tante, »aber du bist ja schon groß und stark, nicht wahr?«
Sie kniete sich vor uns hin, desinfizierte die Wunden an unseren Knien und bedeckte sie mit bunten Pflastern. Das Brennen wich allmählich einem dumpfen Pochen. Hinter unserer Tante saß unsere Schwester und übermalte alle Seiten eines Zauberwürfels mit schwarzem Lackstift. Als kein Fleckchen Farbe mehr zu sehen war, setzte sie den Würfel in den leeren Mäusekäfig und zog die Einweghandschuhe ab. Unsere Tante verschloss die Hausapotheke und richtete sich auf.
»War gar nicht schlimm, oder?«
SCHWESTER ALOISIA BEFAND, dass die Actionfiguren, die der Bub mit der Igelfrisur von zu Hause mitgebracht hatte, zu furchterregend aussahen.
»Die bekommst du nachher wieder«, sagte sie und nahm Skeletor und Battle Cat an sich. Während Schwester Aloisia sich streckte, um die Figuren auf ein Regalbrett zu stellen, packte der Bub das Steckenpferd und brüllte es an: »Du dummes Scheißertier, du bist so dumm, du bist so dumm wie ein Schwein!«
Schwester Aloisia kam zu spät. Das Steckenpferd wurde gegen einen Bettpfosten gedroschen und krachend enthauptet.
»Du dummes Scheißerschwein!«
Schwester Aloisia zog den Buben am Ohr und verschwand mit ihm in der Garderobe des Horts.
»Ich bin sehr gespannt, was deine Mutter dazu sagen wird!«
Die weiße Tür dämpfte das Kreischen des Buben ab.
»Wendolin freut sich sicher, dass du so lieb zu ihm bist«, sagte Schwester Aloisia, legte ihre raue Hand in unseren Nacken und lächelte.
Wir hockten auf dem Kuhfell und kraulten die Wollmähne des Steckenpferdes. Unsere Finger waren übersät mit grauen und gelben Filzstiftstrichen. Wir hatten gerade einen Zyklopen gemalt, dessen Pelz aus Metallspänen und Sonnenlicht besteht. Um den Hals des Steckenpferdes war eine dicke Schicht aus Klebeband gewickelt.
»Ist Wendolin nicht tot?«, fragten wir.
MUTTER RUHTE AUF dem Sofa. Vater hatte die Fernbedienung in der Hand. Rings um die Obstschale stapelten sich alte Zeitungen. Auf dem Parkett lag ein loses Blatt mit einem Kreuzworträtsel. Vater hatte Drudensterne in die Kästchen der obersten Reihe gekritzelt.
Wir saßen auf einem zerschlissenen Fauteuil zwischen unseren Eltern und verfolgten, wie Vater alle fünf Sekunden auf einen neuen Sender umschaltete. Irgendwann begannen Mutters Lippen zu zittern, sie griff sich an die Stirn, schluchzte laut auf. Es schnürte uns die Kehle zu. Wir sind nicht alleine mit Mutter, sagten wir uns, Vater ist da. Er wird sich um sie kümmern. Vater starrte auf den Fernseher, drückte auf irgendeine Ziffer der Fernbedienung, das Bild wurde kurz schwarz.
»Wird schon wieder«, sagte er.
Der Arzt hatte es bereits mehrfach mit Nachdruck empfohlen und Mutter wochenlang mit der Entscheidung gehadert. Nie wieder hatte sie in die geschlossene Abteilung gewollt. Mit geröteten Augen stieg sie zu Vater ins Auto. Wir sperrten die Haustür ab, ließen uns im Keller ein Bad ein, lagen bei Kerzenschein im warmen Wasser. Ab und an holten wir Luft, tauchten mit dem Kopf unter, sprachen blubbernd ein Wort aus. Fell. Welle. Delfin. Die Haut an den Fingerkuppen wurde schrumpelig. Wir hörten, wie die Haustür geöffnet wurde. Mutters Stimme. Schritte auf der Stiege. Mutter öffnete die Tür zum Badezimmer und schaltete das Licht an.
»Ihr braucht mich doch!«
Unsere Schwester war mit ihrer Klasse in Rom.
Tief in der Nacht gingen wir in den Keller hinunter und legten uns mit einem Schlafsack in die leere Badewanne. Unser eigenes Kratzen weckte uns. Wir hielten unsere Unterarme in das Licht der Leuchtstoffröhre. Striemen, rot und feucht, von den Ellenbeugen bis zu den Handgelenken. Wir stiegen aus der Wanne, stellten uns vor das Waschbecken und ließen kaltes Wasser über die Arme laufen. Das betäubte den Juckreiz für einige Minuten. Danach legten wir uns wieder in die Wanne, deckten uns mit dem Schlafsack zu und versuchten einzuschlafen. Bis wir den Juckreiz erneut spürten, aufstanden, den Wasserhahn aufdrehten.
Mutter saß mit verschränkten Armen am Frühstückstisch und beobachtete uns. Die Marmeladesemmel, die sie uns gemacht hatte, rutschte uns aus der Hand, der Teller schepperte.
Mutter sagte: »Ich gebe dir zehn Schilling für jeden Fingernagel, den ich dir abschneiden kann.«




