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Eine Basketballliebe
John Cox mag vielleicht die Beziehung seiner Tochter zu Jellybean missfallen haben, doch ihre Verbindung, aus der drei äußerst erfolgreiche Kinder hervorgingen, würde für Jahrzehnte halten. Die Geschichte von Pam und Jelly sollte auch ein bestimmendes Element im Leben ihres berühmten Sohnes werden, von der Kinderstube bis hin zu der tiefen Kluft, die später das Leben der Familie prägen sollte.
Laut Pams Erinnerungen bemerkte sie Joe das erste Mal, als sie noch Kinder waren, da beider Großeltern nahe beieinander wohnten. Damals hätte sie sich nie für ihn interessiert, meinte sie einmal zu einem Reporter.
Joe kannte Pam nur durch Chubby, erklärt Gilbert Saunders. Ihr Bruder und Joe Bryant waren beide sehr umgänglich und hatten großes Talent. Jelly und Chubby verstanden sich richtig gut und sahen die Welt durch die Augen von jungen Basketballspielern. Chubby war ein Jahr unter Jellybean und Mo Howard in der Schule und sie spielten oft gegen- und miteinander. Chubby wollte immer so gut wie die beiden sein. Er wollte tun, was die beiden taten. Und um das zu erreichen, musste er Punkte machen. Joey hatte einen der höchsten Punktedurchschnitte in der Public League. Chubby war immer knapp dahinter, er war ein sehr, sehr guter Spieler, erinnert sich Mo Howard. Jahre später, als Howard den jungen Kobe Bryant spielen sah, erinnerte er ihn an Pams Bruder. „Dieses leicht angeberische Gehabe, das man am Anfang von Kobes Karriere sah, das war Chubby Cox“, sagt Howard.
Etwas ungewöhnlich war allerdings, wie sehr Pam Cox ihren Bruder verehrte. „In ihren Augen konnte Chubby nichts falsch machen“, erinnert sich Vontez Simpson. Es wurde bald klar, dass Chubby Cox von seinen Eltern und seiner Schwester mit so viel Liebe und Aufmerksamkeit überhäuft wurde, dass sein Vater beschloss Sonny Hill um Hilfe zu bitten.
„Die Cox Familie überließ mir ihren Sohn“, erzählt Sonny Hill. „Chubby kam aus einer besseren Familie. Er war so sehr verwöhnt worden, dass es der Familie nun reichte und sie ihn zu mir in die Liga schickten, um mehr Disziplin und Struktur in sein Leben zu bringen.“ Es war also nicht nur das angeberische Gehabe, das Chubby Cox und sein Neffe Kobe teilten. Beide waren sie die Lieblinge in ihren Familien und wurden von vorne bis hinten bedient.
Die Cox Familie lebte in einem Vorstadthaus, das einst Muhammed Ali gehört hatte. Ein recht exklusives Heim mit Swimmingpool und Poolhaus, welches sich die Familie aufgrund John Cox’ Rang bei der Feuerwehr und der Anstellung seiner Frau Mildred als Staatsbedienstete leisten konnte.
„Das waren hart arbeitende Leute, die ihren Kindern ein gutes Leben bieten konnten“, meint Mo Howard. „Sie hielten sich nicht für besser als andere, sie behandelten alle gleich.“ Einige dachten, dass all diese Annehmlichkeiten und Chubbys attraktive Schwester der Grund waren, warum Jellybean so viel Zeit dort verbrachte. „Ich denke, der materielle Erfolg der Familie war nicht der Grund“, sagt Howard. „Joey war immer der Gleiche, egal ob mit oder ohne Luxus. John Cox war allerdings jemand, der es nicht besonders gerne sah, wenn Fremde bei ihm abhingen und in seinem Pool schwammen. Doch es war nicht nur der Pool. Mr. Cox wollte einfach nicht, dass irgendwer in sein Haus kam, an seinem Tisch aß und mit seiner Tochter ausging“, erzählt Gilbert Saunders.
Pam Cox erinnerte sich in einem Interview einmal, dass sie sich das erste Mal während eines Spiels zwischen Villanova, wo ihr Bruder spielte, und La Salle, Joes Team, ihrer Gefühle für Jellybean bewusst geworden war. Die Familien saßen auf gegenüberliegenden Rängen und als sie aufstand und hinüber zu Joes Familie ging, um Big Joe Bryant zu begrüßen, sah sie, wie Jellybean bereits auf dem Weg zu ihren Eltern war, um Hallo zu sagen. Es war einer dieser Momente, erzählte sie später.
Joe war damals ein Rohdiamant, erklärt Saunders. „Pam war da, um ihn zu schleifen. JB war nicht gerade die erste Wahl in den Augen ihres Vaters, aber er war dazu bereit, sich von Pam formen zu lassen. Und so machte Pam etwas aus ihm. Mit ihrer Heirat setzte sie auch ein Zeichen.“
„Irgendwann zogen Jelly und Pam in ein winziges Apartment in Germantown, einem Stadtteil Philadelphias, und das, obwohl Pam leicht in der Luxuswohnung ihrer Eltern hätte bleiben können. Sie liebte Joe eben für das, was er war, egal was ihr Vater davon hielt“, erinnert sich Saunders. Die Tatsache, dass Jellybean als Nummer 14 in der ersten Runde des NBA-Drafts von den Golden State Warriors gewählt wurde, entspannte das Verhältnis zu ihrem Vater ein wenig. Damals hatten die Warriors gerade die NBA-Meisterschaften gewonnen. Somit schien dies ein vielversprechender Anfang für Jellybeans junge Karriere zu sein. Auch Joes Familie war glücklich darüber. Doch leider verliefen die Vertragsverhandlungen zwischen dem Team und Jellybeans Agenten, Richie Phillips, nicht sehr glücklich. Die Warriors boten ein Jahresgehalt von etwa 100.000 Dollar, was Phillips nicht akzeptierte. Und je länger der Sommer dauerte, desto ruhiger wurde es um die Vertragsgespräche. Während dieser Zeit voller Ungewissheit über Joes Zukunft heirateten Pam und Joe. Es war nur eine kleine Hochzeit mit den engsten Freunden und Familienmitgliedern im Haus eines guten Freundes. Schon bald stellte sich heraus, dass Pam bereits schwanger war.
Der Vertrag
Damals waren die Teams der NBA dazu verpflichtet, einem Spieler, den sie gedraftet hatten, spätestens bis Anfang September einen Vertrag vorzulegen. Wenn dies nicht geschah, verloren sie die Rechte an dem Spieler und der Spieler konnte sich als Free Agent deklarieren.
„Wenn du dem Spieler keinen Vertrag vorgelegt hast, hast du die Rechte an ihm verloren“, sagt Pat Williams, der damalige Manager der Philadelphia 76ers. „Dann hast du auch den Spieler verloren. Eines Tages bekomme ich einen Anruf von Richie Phillips, einem ehemaligen stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt in Philadelphia, der auch Sportler und auch die Schiedsrichtergewerkschaft im Baseball vertrat. Richie und ich waren Freunde und er war Jellybeans Agent.“ Phillips fragte Williams wegen dieser Regelung und erzählte ihm, dass er noch nichts von den Warriors gehört hätte.
Williams war erstaunt. Die Rechte an einem ErstrundenDraftpick zu verlieren, wäre ein richtig grober Schnitzer gewesen. Franklin Mieuli, der damalige Besitzer der Warriors, die 1962 von Philadelphia nach Kalifornien gezogen waren, war eng mit dem Management der Sixers befreundet. Williams wusste, dass die Sixers Mieuli nicht vor den Kopf stoßen wollten und schlug vor, noch ein paar Tage zu warten und zu sehen, ob der Vertrag vielleicht noch zugestellt werden würde.
Ein paar Tage später meldete sich Phillips wieder und teilte Williams mit, dass sie noch immer keinen Vertrag bekommen hätten. Phillips wendete sich auch an die New York Knicks, die schnell ihr Interesse bekundeten. Williams ging zum Besitzer der Sixers, Irv Kosloff, und informierte ihn über die Lage: Warriors Manager Dick Vertlieb hatte kein Angebot abgegeben.
Kosloff zögerte, doch Williams erklärte ihm, dass Joe Bryant sicher bei einem anderen Verein unterkommen würde. Bryant, ein junges Talent, der gerne für Philadelphia spielen würde.
Inzwischen hatte Jack McMahon, der Assistenzcoach der Sixers, Jellybean in der Baker League beobachtet und seine Klasse erkannt. Der Trainerstab war nun geschlossen dafür, Joe Bryant unter Vertrag zu nehmen. Nachdem das Team zwei Jahre zuvor mit 937 die schlechteste Saison hingelegt hatte, die es jemals in der NBA gegeben hatte, waren sie nun mithilfe von Trainer Gene Shue dabei, eine neue Mannschaft aufzubauen. Dazu brauchten sie so viele junge Spieler, wie sie bekommen konnten. „Und so begannen wir mit den Verhandlungen“, sagt Williams.
Als Free Agent hatte Jellybean Bryant nun ein Druckmittel. „Wir glaubten daran, dass er das Potenzial zu einem Starspieler hatte“, erklärt Williams. „Wir waren auf der Suche nach Talenten. Joe war ein Held in Philly. Dazu hatte er das Glück, mit Richie Phillips einen Agenten zu haben, der mit allen Wassern gewaschen war. Und Richie hatte mit Jelly den absoluten Volltreffer gelandet.“
Die 76ers hatten selbst zwei großartige Spieler gedraftet, den 18 Jahre alten Darryl Dawkins und den 21jährigen Lloyd Free (später auch als World B. Free bekannt). Dawkins, die Nummer fünf im Draft, hatte einen Siebenjahresvertrag für 1,4 Millionen Dollar unterschrieben, von denen er im ersten Jahr knapp über 100.000 Dollar ausbezahlt bekam.
Joe Bryant, der als Vierzehnter gewählt wurde, bekam einen Dreijahresvertrag für 900.000 Dollar, wobei er 300.000 Dollar pro Saison einstrich. Das war schon etwas Besonderes, wenn man bedenkt, dass die Chicago Bulls erst zwei Jahre zuvor ihrem Veteranen Tom Boerwinkle nur 45.000 Dollar pro Jahr zahlten und beim Gedanken ihrem Fanfavoriten Jerry Sloan ein Jahresgehalt von 60.000 Dollar zu zahlen ins Schwitzen kamen.
„Das war ein ziemlicher Brocken damals“, sagt Williams. „Schlussendlich kamen wir ins Geschäft. Beide Seiten unterschrieben den Vertrag und wir gaben eine Pressekonferenz. Das machte Schlagzeilen in Philly. Der örtliche Lokalmatador spielte nun bei den Philadelphia 76ers.“
Zu Hause in der Willows Avenue versammelte Big Joe die gesamte Familie. Das ganze Herzblut, das er in das Basketballspiel seines Sohnes gesteckt hatte, trug plötzlich Früchte jenseits seiner Vorstellungen. „In der Nacht als er den Vertrag mit den 76ers unterschrieb, waren wir alle zusammen und weinten und dankten Gott dafür“, sollte sich Big Joe später daran erinnern. Jellybean erklärte Reportern, dass seine Spiele in Sonny Hills Baker League der Grund waren, warum er nun 800.000 Dollar mehr verdiente, eine Aussage, die Sonny Hill danach immer wieder wiederholen würde.
Der Verlust eines Erstrunden-Draftpicks war ein herber Rückschlag für die Warriors. NBA-Teams leben davon, junge Talente auszubilden. Trotz der Tatsache, dass die American Basketball Association in der folgenden Saison aufgelöst werden würde und dadurch eine Menge junger Talente frei wurden, war der Verlust eines Erstrundenpicks wegen eines solchen Formfehlers eine peinliche Angelegenheit, den das Team nicht gerne publik machen wollte. Aus diesem Grunde versuchte man von Seiten der Warriors diese Sache als Spielertausch darzustellen.
„Ich weiß gar nicht, was wir von den Sixers für Joe Bryant bekommen haben“, log Al Attles später. „Dick Vertlieb hat das abgewickelt. Ich wollte Joe.“
Auch wenn Joe einen hochdotierten Vertrag besaß, so waren es unsichere Zeiten für viele professionelle Basketballer. Neben der Auflösung aller ABA-Teams kürzte die NBA auch die Zahl der Spieler bei den eigenen Teams um eins, was den Verlust weiterer Rosterplätze bedeutete. Das Timing und die Umstände waren fast perfekt für Joe Bryant, nachdem er La Salle verlassen hatte. Wenn er es bis dahin noch nicht gewusst hatte, so machte es ihm spätestens dieser unglaubliche Vertrag klar, dass man von ihm erwartete sofort zu einem Starspieler zu werden.
„Wir hatten ein ganzes Arsenal an jungen Talenten zusammen“, sagt Pat Williams. Die Basketballfans in Philadelphia erkoren Jellybean zu ihrem Favoriten und feierten die Tatsache, dass einer von ihnen nun ein Sixer war. „Alle waren gespannt“, erinnert sich Mo Howard. „Joe wird nun in Philly spielen, er wird ein Sixer. Wir wussten, dass einer aus dem Team auf der Bank sitzen musste. Und derjenige würde dort wegen Joey Platz nehmen müssen.“ Das warf eine Frage auf: Wen würde Jelly ersetzen?
Kapitel 5
DAS BOMBENKOMMANDO
In den Augen von Paul Westhead und Mo Howard war Joe Bryant das Toptalent in der NBA. Mit Jellybean im Kader hatten die Sixers nun abgebrühte Veteranen als Starter und eine sehr junge Reserve direkt dahinter.
Fixstarter waren natürlich die starken Veteranen des Teams, Spieler wie Billy Cunningham, Steve Mix und George McGinnis. Dahinter kamen dann die blutjungen Rookies, unerfahren und mit sehr wechselhaften Leistungen. Das war auch der Grund, warum sie nur begrenzte Spielzeit erhielten.
Die jungen Talente, die von der Bank zum Einsatz kamen – Free, Dawkins und Bryant – machten sich bald einen Namen als „Bomb Squad“, also Bombenkommando, da sie dazu neigten, von fast jeder Position am Court auf den Korb zu werfen. Als jahrelanger lokaler Fanfavorit hatte Bryant natürlich große Erwartungen, doch seine erste Saison in der NBA sollte ihn schnell wieder auf den Boden der Realität zurückholen.
„Joe erhielt seine Minuten am Spielfeld“, erinnert sich Pat Williams. „Es war allerdings nicht leicht für ihn, die Spielzeit zu bekommen, die er gerne gehabt hätte. Er war ein Showman. Er brachte die Massen zum Toben, wenn er auf dem Feld war.“
Sein damaliger Trainer war Gene Shue. „Gene war ein alter Hase und hatte es nicht leicht mit all diesen jungen Spielern, die wir ihm plötzlich aus dem Nichts vor die Nase gesetzt hatten“, sagt Williams.
Wie die meisten Trainer zu dieser Zeit war Shue nicht gerade ein Pädagoge. Das war nicht Teil des Jobs, so wie heute, da NBA-Teams viele junge Spieler verpflichten. 1975 war Probasketball die Domaine von erwachsenen Männern.
„Gene war ein Basketballveteran, der von seinen Spielern erwartete, dass sie wissen, was sie da tun“, sagt Pat Williams. „Er war selbst Profi gewesen und war nun schon seit langer Zeit Trainer. Er gab vor, wie das Spiel zu spielen war und er erwartete von den Spielern, dass sich alle an seine Vorgaben hielten. Doch jetzt hatte Shue eine Horde junger Spieler, die alle den Ball verlangten und spielen wollten.“ Dass Shue Bryant nur sehr unregelmäßig einsetzte, erboste die Journalisten bei der Tribune, die ja die Zeitung für die afroamerikanische Gemeinde war.
„Wir waren erstaunt“, sagt Mo Howard, „wir verstanden nicht, dass niemand erkannte, was für ein Basketballer Joey war. Die Leute kamen zu den Spielen, nur um Joey zu sehen. Ein Wurf aus der Mitteldistanz oder ein Pass hinter dem Rücken zu einem Mitspieler und schon saß er auf der Bank. Ein schneller Konter, bei dem er den Wurf nahm und verfehlte und er saß auf der Bank. Das waren wir hier in Philly nicht gewohnt.“
Und so wurde Jellybeans lokaler Fanclub schon bald zu einer Last für ihn. Egal wohin er ging, musste Bryant erklären, warum er kaum Spielzeit bekam, was ihm natürlich schwerfiel, da er es selbst nicht wirklich wusste. Zum ersten Mal in seinem Leben war er mehr Zuseher bei dem Spiel, das er so liebte, als Spieler. Und die Frustration darüber stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Sowohl Shues Faible für Bryant, als auch seine Verärgerung über die Situation waren selbst in einem Interview 40 Jahre später noch immer zu hören. „Joe bekam schon seine Minuten, doch das waren alles noch Kinder damals, erinnerte sich Shue. Sie wollten immer mehr Spielzeit, doch die gab es einfach nicht. Ich mochte Bryant. Es gab nur einfach nicht genug Spielminuten für Joe, um sein ganzes Potenzial auszuschöpfen und so bekam er eben immer nur Kurzeinsätze von der Bank aus.“
Bald schon wurden die Sixers von den Medien unter Druck gesetzt, dann von den Fans – und das, während sie versuchten, ihr Team nach der desaströsen 1973er Saison neu aufzubauen. Shue war engagiert worden, um das Team wieder konkurrenzfähig zu machen, doch die Fans wollten Bryant sehen.
In seiner ersten Saison mit den Sixers gewann Shue 25 Spiele. In seiner zweiten waren es dann bereits 34 und in Bryants erster Saison war er auf dem Weg zu 46 Siegen und einem Platz in den Playoffs.
Man hatte die Hoffnung, dass Jellybeans Verpflichtung ein altes Problem, das die Stadt im professionellen Basketball hatte, lösen könnte. Dieses hatte 1946 mit dem Titelgewinn der alten Philadelphia Warriors in der allerersten NBA-Saison, die jemals gespielt wurde, begonnen. Damals gewann Philadelphia dank eines weißen Sprungwurfwunders aus Kentucky namens „Jumpin’“ Joe Fulks. Im Jahr 1956 gewannen sie erneut den Titel mit weißen Stars, allen voran Paul Arizin, Neil Johnston und Tom Gola, der einer von mehreren lokalen Spielern aus der Stadt im Team war. „Das Team fand jedoch keinen Draht zu den Menschen in Nord Philadelphia, mit ihrer mehrheitlich farbigen Gemeinde – und gerade dort kamen exzellente Spieler her“, erklärt Dick Weiss.
„Anfang der sechziger Jahre holten sie dann Wilt Chamberlain ins Team, was ihnen half deutlich mehr Karten zu verkaufen“, ergänzt er. „Noch heute sagen die Menschen hier in Philadelphia, dass Wilt der wohl beste Spieler war, der jemals gespielt hat.“
Obwohl sie spielerisch sehr erfolgreich waren, wurden die Warriors nach der 1962er Saison – in der Chamberlain einen Durchschnitt von unfassbaren 50,4 Punkten und 25,7 Rebounds pro Spiel hatte – an die Westküste verkauft. Im März hatte der von allen in der Stadt geliebte „Wilt the Stilt“ ein Spiel bestritten, in dem er 100 Punkte erzielt hatte. In dieser Saison schaffte es das Team auch in die Conference-Finals. Die Warriors nach so einer erfolgreichen Saison in eine andere Stadt zu verlegen war „der Todesstoß“, wie es Frank Fitzpatrick vom Philadelphia Inquirer damals beschrieb.
Während die Warriors nach Kalifornien zogen, kamen die Syracuse Nationals nach Philadelphia und wurden zu den 76ers. Sie holten Chamberlain wieder zurück ins Team und gewannen 1967 zusammen mit ihm die Meisterschaft, nur um ihn in der Saison darauf gleich wieder an die Lakers zu verkaufen.
Als Basketballfan in Philadelphia hatte man es damals eben nicht leicht und so hofften die Sixers wieder mehr Fans zurückzugewinnen, indem sie ein lokales Talent aus Philly verpflichteten. Doch da Jellybean nicht viel Spielzeit bekam, stieg die Frustration der Fans weiter an, erklärt Weiss.
Viele der spielerischen Probleme der ersten Saison waren der Jugend, dem Mangel an Erfahrung und der spielerischen Inkonsistenz der drei jungen Talente geschuldet. Rookies bekommen normalerweise mehr Zeit, sich an die schnellere Spielweise in der NBA zu gewöhnen, doch Fans und Medien setzten den Verein unter Druck, Joe spielen zu lassen.
Zur damaligen Zeit waren Slam Dunks oder sogenanntes „Showboating“ – also offen zu zeigen, wie überlegen man dem Gegner ist – noch sehr verpönt. Dinge, die man oft mit Bryants Spielstil verband. Doch um überhaupt die Chance zum „Showboating“ zu bekommen, musste er erst einmal am Feld stehen. Im Jänner erlitt Billy Cunningham, einer der Stars des Teams, eine Knieverletzung, was Bryant mehr Spielzeit verschaffte. Bryant blieb seiner gewohnten Art, eine Show abzuziehen, treu. Mal um Mal zog er zum Korb, sprang ab, segelte durch die Luft und stopfte den Ball in den Korb, was seine direkten Gegner immer schlecht aussehen ließ. Auch Gegner wie den 2,10 m großen Elmore Smith von den Milwaukee Bucks.
Im Februar erklärte Bryant vor einer Horde ungläubiger Journalisten, dass er sich noch immer Hoffnungen auf die Trophäe für den besten neuen Spieler des Jahres mache. „Ich habe mir diese Ehrung zum Ziel gesetzt.“ Doch sie würde ihm verwehrt bleiben. Die Trophäe ging an Alvan Adams, der mit einem Durchschnitt von über 19 Punkten und 9 Rebounds pro Spiel seine Phoenix Suns bis ins NBA-Finale brachte.
Der Prozess
Drei Wochen nach Ende der Saison wurde Jellybeans Leben aufgrund seiner Fahrerflucht und Verhaftung auf den Kopf gestellt. Das war etwas, womit niemand gerechnet hatte, weder Big Joe noch Sonny Hill oder Bryants Freundeskreis und seine Fans – und schon gar nicht er selbst.
„Er war am Boden zerstört“, erinnert sich der ehemalige Sixers General Manager Pat Williams. „Er rechnete mit dem Schlimmsten. Dass seine Karriere nun vorbei sei und er in seiner Heimatstadt in Ungnade fallen würde. Es war der reinste Albtraum für ihn.“
Damals kam es nicht selten vor, dass man für ein einfaches Drogendelikt sofort für längere Zeit ins Gefängnis wanderte. Dann war da natürlich noch die Sache mit der Gefährdung der Öffentlichkeit. Joe Bryant war mit seinem Wagen ohne Licht durch die Stadt gerast und hatte sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert, wobei erheblicher Sachschaden entstanden war. Rechnete man das zum Besitz von Kokain dazu, so konnte ein Richter ohne weiteres ein Exempel an ihm statuieren und er hätte sich nicht einmal beklagen können. Sofort nach dem Vorfall gab seine Frau Pam einem Tribune Reporter ein Interview, in dem sie schwor „bis zum bitteren Ende“ an Joes Seite zu stehen.
Einige dachten wohl, dass John Cox jetzt endgültig der Schlag treffen würde, doch die Cox Familie war im August 1974 bereits einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, als Chubby wegen Handtaschenraubes angeklagt worden war. Glücklicherweise konnte sein damaliger Anwalt – ein gewisser Richie Phillips, der im Jahr darauf Joes Agent werden sollte – einen Freispruch für Chubby in allen Anklagepunkten erwirken.
Nach Joes Anklage fand sich Phillips in einer Doppelrolle als Agent und Anwalt wieder, in der er sich recht wohlfühlte. Reportern erklärte er voller Selbstvertrauen, dass er davon ausging, dass alle Anklagepunkte gegen seinen Klienten fallengelassen werden würden – was recht erstaunlich war, wenn man an die erdrückende Beweislast dachte.
Die erste Anhörung vor Gericht war für Anfang Juni anberaumt. Trotz der drakonischen Strafen, die routinemäßig für Drogenvergehen ausgesprochen wurden, hielt man Kokain zur damaligen Zeit für keine besonders gefährliche Droge. Obwohl diese Droge schon lange im Umlauf war, hatten es die südamerikanischen Drogenkartells in den 1970ern geschafft, sich am amerikanischen Markt zu etablieren und überschwemmten das Land mit dem weißen Pulver, das unter den Wohlhabenden des Disco Zeitalters so hip und beliebt war. Die American Psychological Association hatte die Droge noch nicht offiziell als süchtig machend eingestuft und sie war fast an jeder Ecke erhältlich, ganz besonders in der NBA, wo die neue Gehaltsstruktur den Spielern viel Geld beschert hatte.
Im Jahr 1976 „verschnupften“ bereits einige Spieler einen Teil ihres Geldes, wenn man so sagen will. Es dauerte nicht lange, bis der NBA der Ruf von Drogenmissbrauch anhaftete. „Jeder nahm es“, erinnert sich Sonny Vaccaro. „Und ich meine wirklich jeder. Die ganze NBA-Kultur basierte damals auf Drogen.“
Philadelphia war eines der vielen Teams, die sich nun im Sog einer sich immer schneller verändernden Populärkultur wiederfanden. Der Fall Jellybean war einer der ersten, der das Problem an die Öffentlichkeit brachte. „Eine Menge Leute in Philly machten sich Sorgen um ihn; sie mochten ihn und wollten ihn nicht untergehen sehen“, erklärt Dick Weiss, der damals viel über die 76ers berichtete. „Keiner sprach damals darüber. Würde so etwas heute passieren, ginge es durch alle Medien. Doch damals war es Teil der Kultur.“
Wie auch immer, Bryants Verhaftung machte Schlagzeilen. Der Vorfall ließ ihn beinahe verzweifeln, doch neben Richie Phillips als seinem Anwalt gab es da noch einen weiteren wichtigen Faktor, der ihm half: seine Freundschaft mit Sonny Hill, in dessen Liga, wie erwähnt, viele Bewährungshelfer und andere Gerichtsmitarbeiter tätig waren. Und Hill würde es nicht zulassen, einen Spieler zu verlieren, den er selbst von den Straßen Philadelphias gerettet hatte.
Phillips hatte bereits zwanzig Leumundszeugen organisiert, die als Fürsprecher für Bryant auftreten sollten, eine Taktik, die bei einer ersten Anhörung noch nie eingesetzt worden war. Auf der Liste standen auch Bryants Coach und der General Manager des Teams. Zwar war das Team gerade verkauft worden, doch der damalige Eigner Irv Kosloff hatte viel für Jellybean übrig und erschien als Leumundszeuge vor Gericht, genauso wie Joeys früherer Leichtathletiktrainer Reverend Eugene Festus, ein ehemaliges Mitglied der berühmten Harlem Hellfighters – einem US Infanterieregiment im ersten und zweiten Weltkrieg, das nur aus Afroamerikanern bestand – und der selbst eine Legende in Philadelphia war.
Die Staatsanwaltschaft brachte eine Flut an Beweismittel ein, doch in der Verhandlung Commonwealth gegen Joseph Washington Bryant III kam Richter J. Earl Simmons schnell zu dem Schluss, dass kein ausreichender Verdacht für die Polizei bestanden hätte, Bryants Wagen zu durchsuchen. Das war eine erstaunliche Entscheidung, vor allem wenn man an Bryants Verhalten in der besagten Nacht denkt.




