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Am Ende wandte sich der Richter mit folgenden Worten an Bryant: „Ich erwarte mir, dass Sie von nun an ein unbescholtenes Leben führen. Sie sind ein hochrangiges Mitglied unserer Gemeinde und ich erwarte, dass Sie sich auch so verhalten. Sie sind ein Vorbild für die Jugend in Philadelphia. Ich hoffe, dass Sie sich diese Rolle als Vorbild weiterhin verdienen.“
„Der Verein stand zu ihm“, erinnert sich Pat Williams. „Joe war geknickt, aber unglaublich erleichtert und dankbar. Ich vermute, die ganze Sache hat ihm den Schock seines Lebens versetzt.“
Am nächsten Tag titelte die Delaware County Times „Bryant kommt ungeschoren davon“, eine Meinung, die auch von anderen lokalen Medien geteilt wurde. Zumindest eine leichte Strafe hätte ihm gebührt, meinten sie.
Zwar gab es keine offizielle Strafe, doch das Gespenst der Ereignisse jener Nacht sollte Bryant während seiner ganzen Karriere verfolgen. Für ihn war dies die schlimmste Strafe, die er bekommen konnte, eine Strafe, für die es keine Bewährung gab.
Mit der Zeit wurde aber deutlich, dass die Entscheidung des Gerichts auch die Familie gerettet hatte. Wäre der Richter nicht so nachsichtig gewesen, hätte Joe Bryant leicht eine Gefängnisstrafe absitzen müssen und es hätte wohl nie einen Kobe Bryant gegeben. Fans der Los Angeles Lakers wären nie in den Genuss der außergewöhnlichen Persönlichkeit des Mannes gekommen, der sich selbst die schwarze Mamba nennen würde.
Kapitel 6
KOBE BEAN
Im November 1977 legten die 76ers eine Siegesserie von 41 Spielen hin. Am Freitag vor Thanksgiving besiegten sie die Boston Celtics klar mit 121112. Sofort nach dem Spiel flogen sie zurück nach Philadelphia, wo sie innerhalb von drei Tagen ihre nächsten beiden Spiele, nämlich gegen Milwaukee und Houston, gewannen. Danach ging es nach Detroit, um gleich am nächsten Tag, Thanksgiving Day, wieder im Flugzeug zu sitzen. Irgendwann dazwischen fanden Joe und Pam Bryant Zeit, mit ihrem dritten Kind schwanger zu werden. Sharia hatte bereits 1976 das Licht der Welt erblickt und ihre zweite Tochter Shaya 1977. Genau neun Monate nach den Heimspielen vor Thanksgiving, kam ihr erster und einziger Sohn auf die Welt, am 23. August 1978, gerade nachdem Joe wieder einen erfolgreichen Sommer in der Baker League gehabt hatte.
Der Stammbaum der Bryants hatte schon drei Generationen an Josephs hervorgebracht. Auch die Coxes hatten bereits drei Johns in Folge. Doch anstatt die Familientraditionen fortzusetzen, entschieden Pam und John ihren Sohn Kobe taufen zu lassen, angeblich, da sie während Pams Schwangerschaft ein köstliches Dinner in einem japanischen Steakhaus genossen hatten. Wie sie beide einmal später sagten, gefiel ihnen der Klang des Namens, vor allem da sie es Ko-bie und nicht wie im Japanischen Ko-be aussprachen. Und da sie nicht ganz auf eine namentliche Verbindung zwischen Vater und Sohn verzichten wollten, gaben sie ihrem Sohn einen Mittelnamen, der an den Spitznamen seines Vaters erinnern sollte: Bean. Wie in Kobe Bean Bryant. Als ob man weitere Beweise dafür benötigt hätte, wie verrückt das Paar war, würden einige Beobachter später einmal anmerken.
Doch es waren die Siebziger, ein Jahrzehnt in dem eine neue Generation sich über die Grenzen vergangener Traditionen hinwegsetzte. Indem sie ihren Sohn Kobe Bean nannten, trafen Joe und Pam Bryant genau den Zeitgeist dieser Ära. Und sie waren ja schließlich auch ganz begeistert von dem Steak gewesen. Abgesehen davon würde sich dieser Name natürlich als die perfekte Wahl für ein Alleinstellungsmerkmal und bei der Vermarktung erweisen und ihren Sohn zu einem dieser Stars machen, die nur unter ihrem Rufnamen bekannt sind. Anfangs verwendeten die Zeitungen in Philadelphia noch beide Vornamen, wenn sie über den Sohn der Bryants berichteten, so wie in „der junge Kobe Bean ist ein vielversprechendes Talent“. Bei genauerer Betrachtung macht der Name Sinn, denn Fleisch vom Kobe-Rind ist äußerst kostbar, wird nach einer ganz besonderen Methode gezüchtet und verarbeitet und ist eine der am meist geschätzten und außergewöhnlichsten Marken, so wie Kobe Bean Bryant selbst.
Was jedoch viel wichtiger war als der Name, war seine Abstammung, wie Paul Westhead anmerkt. „Pam kam aus einer Sportlerfamilie. Chubby konnte schon was, er war sehr sportlich und hatte wirklich Talent. Zugegeben, er war kleiner als Joe, doch er war ein sehr guter Basketballspieler. Wenn man dann an Kinder denkt, die aus so einer Verbindung hervorgehen, so könnte man sagen, dass Kobe eine Menge Talent bei seiner Geburt mitbekommen hat.“
Neben den entsprechenden genetischen Voraussetzungen beginnt die Entwicklung großer Athleten meist mit einer sehr ehrgeizigen und perfektionistischen Mutter. In dieser Hinsicht ist Pam Cox Bryant allerdings ein wenig ein Rätsel, da sie anders als Deloris Jordan, Michael Jordans Mutter, niemals ein Buch schrieb, nie auf dem Cover einer Zeitschrift zu sehen war oder überallhin mitkam. Stattdessen hielt Pam sich meist hinter der Bühne auf. In den für ihren Sohn prägenden Jahren zeigte sie ein besonderes Talent dafür, aus dem Hintergrund die Fäden zu ziehen, was ihr sowohl die Bewunderung als auch den Zorn von Freunden und Familie einbrachte. Obwohl sie sehr attraktiv und intelligent war, Charme hatte und einen Sinn für die feinen und schönen Dinge im Leben, bevorzugte sie es, genauso wie schon ihr Vater zuvor, das Rampenlicht, in dem ihr Sohn stand, zu meiden.
Das vielleicht beste Beispiel für ihren Perfektionismus war ihre Familie. Ihre drei Kinder waren immer gepflegt, gut angezogen und sehr gut erzogen. Beide Töchter sowie auch der Sohn hatten schon vom Kindergartenalter an exzellente Manieren, sprachen ordentlich und benahmen sich vorbildlich. „Würden alle ihre Kinder so erziehen wie die Bryants, gäbe es viel mehr produktive Menschen auf der Welt“, meint Leon Douglas, Joes Teamkamerad in der italienischen Liga, der hautnah miterlebte, wie Pam ihre Kinder erzog.
Trotzdem sagten Familienangehörige und Freunde, dass Pam ihrem Sohn Kobe die meiste Aufmerksamkeit und Liebe zukommen ließ und eine enge Verbindung zwischen Mutter und Sohn bestand. „Als Pam endlich einen Sohn hatte, war sie überglücklich“, meint ein Freund der Familie. „Verstehen sie mich nicht falsch, sie liebte ihre beiden Töchter, doch Kobe war der Mittelpunkt der Familie, um den sich alles drehte. Vielleicht war es auch, was Joe wollte und sie wollte Joe nicht verlieren. Er war der Sohn, dem sie alles mitgeben konnten.“
Die Art, wie Pam als Teenager ihren Bruder Chubby verhätschelte, war also nur die Generalprobe für das Hauptevent, nämlich die Erziehung ihres Sohnes. „Als Kobe auf die Welt kam, erstrahlte Pam vor Glück“, erinnert sich Mo Howard. „Sie liebte ihren Sohn abgöttisch und gleich danach kam Chubby. Wie sie Chubby verhätschelt hatte, war schon heftig. Doch nun hatte sie ihren eigenen Sohn.“
Wenn es darum ging, das perfekte Familienbild zu wahren, war Pam gnadenlos. „Egal wie es innerhalb der Familie aussah, für uns erschien alles perfekt“, erklärt ein Freund der Familie. „Wenn sie über jemanden sprach, dann war immer alles vorbildlich. Sie versuchte alles so darzustellen, als wäre es perfekt. Kobe. Ihre Töchter. Einfach alles.“ Und diese Perfektion schloss Pams eigenes Verhalten mit ein. „Sie sah immer sehr attraktiv aus, war extrem nett und umgänglich, und so verhielt es sich auch mit ihren beiden Töchtern.“
Dieser Perfektionismus erstreckte sich auch auf die Leistungen, die sie von ihren Kindern erwartete. Die individuellen körperlichen und sportlichen Begabungen ihrer Kinder durften keine Entschuldigung sein. Sie erwartete von ihnen, dass sie ihre Hausaufgaben machten und sich pflichtbewusst und verantwortungsbewusst verhielten. Von Geburt an wuchs Kobe in einer Familie auf, die von anderen bewundert wurde und nicht nur in den Zeitungen von Philadelphia, sondern überall, wo sie hingingen.
Pat Williams erinnert sich, wie die Bryants ihren Sohn stolz ins Spectrum, die Basketballarena der Sixers, mitnahmen: „Die Leute fragten mich häufig: ‚Woran erinnerst du dich bei Kobe Bryant?‘ Und ich sagte dann immer, ich erinnere mich an seine Großeltern, wie sie ihn in den Armen hielten oder mit ihm im Kinderwagen zu den Spielen kamen. Man kann fast sagen, dass er im Spectrum aufwuchs. Sein erstes Lebensjahr verbrachte er bei den 76ers.“
Gilbert Saunders erinnert sich, wie er zufällig auf Joe und seinen kleinen Jungen traf, als er aus dem Fahrstuhl stieg. Der kleine Kobe Bean saß in einem Tretauto. „Es war ein kleiner Mercedes.“ Jellybean war ganz der stolze Papa – wenn er da war.
Später war Kobe Bryant für seine Vater-Sohn-Beziehung bekannt, die sich aus der Liebe beider zum Basketball ergab. Doch aufgrund Joes Bekanntheitsgrad und den Reiseverpflichtungen eines Profisportlers während Kobes Kindheit, verwundert es nicht, dass Kobe Beans erste und engste Bindungsperson Pam Bryant war. Selbst seine Schwestern bezeichneten Kobe als ewiges Muttersöhnchen.
Kobe nahm viel von Pams Persönlichkeit an, weit weg von der lebensfrohen Lebenseinstellung seines Vaters. „Von der Begeisterung her, der Liebe zum Basketball, bin ich mehr wie mein Vater“, sagte Bryant 1999. „Doch am Platz bin ich mehr wie meine Mutter. Sie hat das Temperament eines Pitbull Terriers“, erzählte er und klatschte dabei laut in die Hände, „gewinnen um jeden Preis. So vereine ich das Beste aus beiden Welten.“
Zum Großteil teilten Mutter und Sohn sehr nette Eigenschaften, doch eben auch ein Verhalten, das sie in Sekundenschnelle eiskalt erscheinen ließ. Diese Kälte konnte recht abschreckend auf andere wirken. In Kombination mit plötzlichen, heftigen Wutausbrüchen verwendeten sowohl Mutter als auch Sohn diesen Aspekt ihrer Persönlichkeiten, um andere wissen zu lassen, wie weit sie gehen durften.
Die stärkste Triebfeder war jedoch Perfektionismus. Tex Winter, der als Trainer eng mit Jordan und Bryant zusammenarbeitete, meinte oft, dass Perfektionismus wohl die wichtigste aller Eigenschaften war, welche diese beiden Athleten teilten. Blickt man auf Bryants Erfolge zurück, so kann man getrost sagen, dass seine Mutter es war, die ihn zu der Person machte, die er heute ist.
Championship Blues
Auch wenn der Familienzuwachs Joe Bryant sicherlich glücklich machte, rief der Verlauf seiner Basketballkarriere wohl eher gegenteilige Emotionen in ihm hervor. Während der Off-Season 1977 schloss das Team einen Multimillionen-Dollar-Vertrag mit Julius „Dr. J“ Erving ab, der von den New York Nets kam, gerade als sich die ABA auflöste. Damit rutschte Joe in Gene Shues Rotation noch weiter nach hinten. Seine schon bisher magere Spielzeit, über die sich Jellybean als Rookie beschwert hatte, wurde auf einen Schlag noch einmal fast um die Hälfte gekürzt.
„Er hatte seine Momente“, sagt Pat Williams. „Wir wussten, dass Joe Bryant außergewöhnliches Talent besaß und wir alle waren uns sicher, dass wir mit diesem Schwung an jungen Spielern in eine rosige Zukunft blickten. Doch wir hatten eben auch eine Veteranentruppe, die noch über ihnen stand. McGinnis, Julius Erving, Steve Mix, Harvey Catchings und wir wollten Darryl auch weiter aufbauen. Wir hatten einfach schon zu viele Talente im Kader.“
Wenn er spielte, war Jellybean ein Teil des berüchtigten Bomb Squad, des Bombenkommandos – was nicht gerade zu seiner Entwicklung beitrug. „Der zweiten Garnitur war alles egal, sie mussten sich ja hinter Erving und den anderen einreihen. Deswegen gingen sie immer aufs Ganze, wenn sie ins Spiel kamen. Daher rührt wahrscheinlich auch Joes schlechter Ruf“, meint Mo Howard.
„Ich fragte Joe einmal, was bei den Sixers los wäre“, erzählt Vontez Simpson, „denn sie hatten ja echt viele Talente. Er meinte dann zu mir, dass sie niemanden in der Mannschaft hätten, der als Vorbild diente und ihnen ihre Grenzen aufwies. Das Team hatte viele junge Spieler, die viel Geld verdienten und ordentlich Party machten nach den Spielen.“ Trotzdem schafften es die Sixers ins NBA-Finale, wo sie sich jedoch den Portland Trailblazers, nachdem sie bereits 2-0 in der Serie vorangelegen waren, noch 4-2 in Spielen geschlagen geben mussten.
Da die Probleme vom Ende der vorangegangenen Saison auch in der neuen Saison weiterbestanden, wurde der neue Besitzer der 76ers, F. Eugene Dixon, immer unzufriedener mit Gene Shue, der einer der ersten Coaches war, der einen Agenten engagierte – den immer präsenten Richie Phillips. Eines Tages befahl Dixon seinem General Manager, Shue zu entlassen und den früheren Sixers Coach Billy Cunningham anzuheuern.
Cunningham brachte eine bestimmte Pragmatik mit. Joe Bryants Leistung in den vergangenen Playoffs war gut genug, dass sein Vertrag für weitere zwei Jahre verlängert wurde. Zwei Saisonen, in denen Coach Cunningham und seine Assistenten Chuck Daly und Jack McMahon die „Bomb Squad“-Atmosphäre im Team eliminierten.
Nachdem das Bombenkommando weitgehend entschärft war, schaffte es Philadelphia 1979 wieder in die Playoffs. Während einer auf Messers Schneide stehenden Serie gegen San Antonio brachte Cunningham Joe Bryant ins Spiel und musste mitansehen, wie dieser sofort einen weiten Wurf nahm, der den Korb verfehlte und im Gegenzug zu einem Korb für die Spurs führte. Cunningham holte Jellybean sofort wieder vom Spielfeld, doch die Sixers verloren das Spiel.
Vier Jahre lang hatte Joe bei Interviews immer wieder geklagt, dass er getradet werden wollte. Und nun ergab sich die Gelegenheit dazu.
Während der Vorbereitung auf die nächste Saison versuchte das Management der Sixers Bryant an ein anderes Team zu verkaufen. Doch es fand sich kein Abnehmer. Im Oktober schließlich, als die Saison bereits in den Startlöchern stand, bot Gene Shue den Erstrundenpick seines Teams für das Jahr 1986 an, um dafür Joe Bryant von Philadelphia zu erwerben.
In seinen ersten vier Jahren in der NBA hatte Jellybean bei den Sixers Kurzeinsätze auf allen fünf Positionen gehabt und gute Leistungen als Guard, Forward und sogar als Center gezeigt.
Rückblickend meinte Pat Williams einmal, dass Bryant flexibel einsetzbar war, aber eben nicht gut genug, um auf einer Position wirklich hervorzustechen. Für einen top Guard war er nicht schnell genug, für einen herausragenden Forward fehlte ihm die Athletik und er war nicht kräftig genug regelmäßig Center zu spielen.
Dazu kam noch, dass seine Leistungen nicht konstant genug waren, was sehr frustrierend war. In einem Spiel war er genial und im nächsten kam dann wieder fast gar nichts von ihm. Außerdem war die Partyatmosphäre in Philadelphia nicht gerade ideal für eine junge Familie mit drei Kindern, von denen das älteste gerade einmal vier war. Der Umzug nach San Diego gefiel Pam schon aufgrund des besseren Wetters und auch das Klima auf dem Platz sollte besser werden.
Kapitel 7
DER HOFNARR
Die Clippers gehörten damals dem Filmproduzenten Irv Levin und dem New Yorker Anwalt Harold Lipton. Gene Shue war mit dem Versprechen nach San Diego gekommen, schnellen und aufregenden Basketball spielen zu lassen. In seinem ersten Jahr bei den Clippers erreichte Shue den fünften Platz in der Western Conference mit 43 Siegen. Die Erwartungen stiegen noch weiter als das Team im September 1979 Center Bill Walton verpflichtete und ein Monat später Jellybean.
Mit der Wiedervereinigung mit Shue bekam Joe Bryant nun auch regelmäßige Einsätze und damit auch eine wichtige neue Identität – die des Rollenspielers. Nun, da er nicht mehr unter diesem Druck stand ein Starspieler zu sein, wie es in Philadelphia der Fall gewesen war, lebte er sich schnell in San Diego ein und punktete zweistellig.
Zum ersten Mal begriff Bryant auch den Erwartungsdruck, dem er in seiner Heimatstadt permanent ausgesetzt gewesen war. Nun konnte er klarer denken, meinte er. „Den Superstar zu geben, ist einfach nicht mein Ding.“
Obwohl er nicht mehr im Rampenlicht stand, hatte er weiterhin große Momente, in denen er selbst Superstars wie Kareem Abdul-Jabbar und Bostons Larry Bird einfach an die Wand spielte.
Walton spielte aufgrund seiner Fußverletzung, die er sich am Anfang der Saison zugezogen hatte, nur 17 Spiele und so kamen die Clippers auf mickrige 35 Siege, was auch die Zahl der Stadionbesucher in der Diego Sports Arena unter 6. pro Spiel sinken ließ. Die Besitzer entließen Shue nach der Saison und bestellten Paul Silas als neuen Trainer, der bei den Clippers seinen ersten Job als Headcoach antrat. Silas hatte sich als Spieler einen Ruf als harter, smarter Profi erarbeitet, nachdem er mit den Boston Celtics zwei Meistertitel als Forward an der Seite von Dave Cowens gewonnen hatte.
Im Frühling 1980 sah Joe Bryant wie ein 2,10 m großer Point Guard namens Magic Johnson die Lakers in sechs Spielen zu einem Sieg über Philadelphia im NBA-Finale führte. Johnson spielte während dieses Showdowns sowohl als Guard, als auch als Center und Forward. Er verkörperte genau den Typ Spieler, der Jellybean immer sein wollte. Damit kehrte auch seine Frustration zurück und die hypothetische Frage, wie alles hätte anders sein können.
„Ich vermute, Joe war seiner Zeit ein wenig voraus“, sagte Sonny Hill in einem Interview im Jahr 2015. „Das war alles noch bevor man Spieler seiner Größe in der Liga hatte. Das ist, warum er sich immer als der erste in der Art von Spielern wie Magic Johnson sah.“
„Redet man von Magic Johnson, dann spricht man von einem der besten Basketballspieler aller Zeiten. Joe war nicht einmal annähernd so gut“, sagt Gene Shue. „Ja, da gab es ein paar Ähnlichkeiten im Spiel, doch Joe war mehr ein Perimeter-Spieler: er konnte mit dem Ball umgehen, er konnte passen. Doch in der NBA war er nie der Mann, zu dem man sagte: ‚Ok Joe, wir wollen, dass du das jetzt die ganze Zeit machst.‘“
„Niemals der Star.“ Das war eine Phrase, die Joe Bryant seine gesamte Karriere verfolgen würde und ein Gedanke, der seinen Sohn dazu antreiben sollte, das genaue Gegenteil zu tun. „Ich will einfach nur der Star sein“, würde Kobe Bryant immer wieder und wieder zu Beginn seiner Karriere sagen.
Obwohl Jellybean für die Clippers spielte, trug sein kleiner Sohn eine winzige Lakers-Jacke. Der frische Wind, welcher da Einzug in den Sport gehalten hatte, war bereits zu spüren und Joe Bryant hatte mit den Lakers und Magic Johnson bald ein neues Ideal gefunden, so wie sein Sohn in den Jahren danach.
Jellybean blieb jedoch nichts anderes übrig als aus der Ferne zusehen und so weiterzumachen wie bisher. „Jeden Tag, den ich bei Auswärtsspielen verbrachte, rief ich zu Hause an und sprach mit Pam und den Kindern“, sagte er damals. „Und ich rief auch immer meinen Vater an, egal ob wir gewonnen oder verloren hatten.“
Währenddessen kümmerte sich seine Frau weiter um den jungen Haushalt und die Erziehung der Kinder. Es brauchte schon eine Frau mit besonderem Willen, die Finanzen zu verwalten und einen NBA-Ehemann auf dem Pfad der Tugend zu halten, erinnert sich Pat Williams. „Pam hielt die Familie am Laufen. Joe war ein unglaublich liebenswerter Kerl. Er konnte aber auch unberechenbar sein.“
Die Filmmontage über die Bryant-Familie in den 1980ern umfasste Erinnerungen an den kleinen Kobe, wie er einen Ball in einen winzigen Plastikkorb wirft, während er seinen Vater im Fernsehen für die Clippers spielen sieht. Am Anfang von Joes dritter Saison in San Diego war Kobe schon größer und so auch der Korb. Das brachte ihm auch die erste Schlagzeile seiner Karriere in der Philadelphia Tribune ein: ‚Bryants Sohn – Dunking als Dreijähriger?‘, fragte die Zeitung damals.
Allem Anschein nach hatte er sich das Trampolin seiner Schwestern ausgeborgt. Jahre später behaupteten seine beiden Schwestern, dass ihr Bruder bereits damals auch schon begann seine linke Hand zu trainieren.
„Er lief im Haus herum und dribbelte den Ball durch die Gegend. Ich wollte, dass er einmal Arzt wird“, erinnert sich Big Joe. „Er sagte zu mir: ‚Opa, ich will Basketballer werden.‘ Darauf sagte ich dann immer: ‚Aber als Basketballer schwitzt man dauernd und wird ganz müde.‘ Und er antwortete: ‚Opa, das sollen ja Basketballer auch, schwitzen und müde werden‘.“
Besser ging’s nicht
Das erste Mal in seiner Karriere war Jellybean kein Ersatzspieler mehr, der darauf hoffen musste, die eine oder andere Spielminute zu bekommen, sondern bekam volle Spielzeit jedes Spiel. Wie Cunningham in Philadelphia, so war auch Silas ein Trainer, der keine extra Showeinlagen duldete und trotzdem hatte der nun 26-jährige Jellybean seine beste Saison unter dem Rookiecoach mit einem Schnitt von 11,6 Punkten, 2,3 Assists und 5,4 Rebounds bei 28,8 Minuten Spielzeit pro Spiel. Allerdings war es nicht einfach für Silas, Bryant im Zaum zu halten.
Die Clippers brachten es auf 36 Siege und Bryant gab dem Team ein gewisses Flair, das dem Publikum gefiel, zumindest behauptete er dies immer in seinen Telefonaten mit Big Joe.
Doch die guten Zeiten waren nach der Off-Season vorbei, als Immobilienmagnat Donald Sterling das Team kaufte. Obwohl dieser mit seinem Vermögen prahlte, als er das Team erwarb, machte sich Sterling schnell einen Namen für seine Sparpolitik und kaum nachvollziehbaren Entscheidungen, die einen langwierigen und schmerzhaften Prozess in Gang setzten und das Franchise an den Rand des Abgrunds brachten.
Nachdem er einige Spieler abgestoßen hatte, um Gehalt einzusparen, rutschten die Clippers am Ende der Saison 1981/82 auf 17 Siege ab, denen 65 Niederlagen gegenüberstanden. Während der Saison hatte sich Jellybean darüber beschwert, dass das Team nicht in der ersten Klasse flog, so wie es in der Vereinbarung zwischen der Spielergewerkschaft und der Liga festgelegt war. Als das Management keine Reaktion zeigte, drohte er zusammen mit dem Team eines der nächsten Spiele zu boykottieren. Zwar konnte ihn Silas von der Idee mit dem Boykott abbringen, doch der Schaden war angerichtet und das Frontoffice der Clippers würde dies nicht vergessen. Es sah fast so aus, als wäre Joe auf einer persönlichen Mission gewesen seine Karriere absichtlich in den Sand zu setzen.
Nun stand auch noch „Clubhouse Lawyer“ – also ein Spieler, der ohne gefragt zu werden immer gleich die Regeln zitiert – als weitere negative Eigenschaft in seinem Lebenslauf.
Der einzige Lichtblick für ihn in diesem miserablen Jahr war wohl der kleine Kobe und seine Ballbehandlung beim Clippers Training. „Ich sah ihn in der Arena spielen“, erzählte Silas dem Sportjournalisten Jonathan Abrams einmal. „Er war noch ein kleines Kind damals.“
Jellybean erholte sich von den Niederlagen, indem er an seinen freien Tagen mit Kobe zu den Spielen der Lakers ging. „Kobe ist beinahe vier und schon ein großer Junge“, sagte Jelly damals. „Ich habe ihn zu ein paar Lakers Spielen mitgenommen und ihn den Spielern vorgestellt. Er ist ein großer Fan von Magic Johnson.“
Übersetzt hieß das natürlich, dass Joe Bryant selbst ein Fan von Magic war. Der hünenhafte Guard der Lakers verkörperte alles, was Bryant selbst sein wollte, doch nie sein konnte.
Nach Ende der Saison wurde Joe zusammen mit einem Zweitrundenpick der Clippers gegen einen Zweitrundenpick an die Houston Rockets abgegeben. Dies bedeutete auch, dass er von einem Team, mit dem es bergab ging, zum nächsten Verein, der sich am absteigenden Ast befand, wechselte – auch wenn Bryant dies anfangs noch nicht wusste. Er dachte, er würde dort einfach von Moses Malone, der zu den Sixers gegangen war, übernehmen und absahnen. Die Rockets wurden von Del Harris trainiert und hatten es 1981 ins Finale der NBA-Meisterschaften geschafft. Doch für die Saison 1982/83 hatten sie sich vorgenommen mehr Spiele zu verlieren, damit sie eine bessere Chance im darauffolgenden Draft hätten, um den Star der University of Virginia, Ralph Sampson, zu picken. Somit fielen die Rockets auf eine 14-68 Saison und Joe fiel mit ihnen.
Nach dieser Saison, seiner achten als Profi, wurde deutlich, dass niemand in der NBA an Jellybean interessiert war, obwohl er erst 28 Jahre alt war und am Zenit seiner Karriere. Zurückblickend meint Jerry West: „Er hat seine Karriere einfach weggeworfen.“ Paul Westhead wunderte sich, warum sein Collegestar nie ein wirklich respektierter NBA-Spieler wurde. Er hatte den Verdacht, dass die Ursache dafür, dass man ihn nie wirklich ernst nahm, in seinem Spitznamen lag und seine Verhaftung wegen Drogenbesitzes das Übrige dazu getan hatte.




