- -
- 100%
- +
Bob Ryan, der damals für den Boston Globe über die NBA berichtete, beschrieb Joe Bryant als den „Klassenclown“. Eine Ansicht, die viele teilten.
Nachdem die Saison 1983 vorüber war, zog er sich vom Sport zurück und begann Autos für den Besitzer der Rockets, Charlie Thomas, zu verkaufen. Zuerst gefiel es ihm, einen ordentlichen Beruf auszuüben, hatte sein ganzes Leben bis jetzt doch nur aus Basketball bestanden. Er mochte es, mit den Leuten zu reden und Autos, Pick-Up-Trucks und Lieferwägen zu verkaufen. Allerdings befand sich das Land zu dieser Zeit in einer Rezession, was hieß, dass die Zinsraten hoch waren und der Verkauf von Autos nur schleppend lief. Joe Bryant hatte keinen Collegeabschluss und kannte nichts anderes als Basketball.
Es waren schwere Zeiten für die Bryants, die wieder zurück nach Philadelphia zogen. Das einzige, das Joe noch neben seiner Familie hatte, war seine Freundschaft mit Sonny Hill. Er spielte weiterhin in der Baker League, wo er sein ganzes Showtalent ausleben konnte und ihn die Leute noch immer liebten. Zusätzlich begann er sogar als Trainer in der Sonny Hill Liga zu arbeiten, was ihm sehr viel Spaß machte. Hill wusste, dass noch eine Menge Basketball in Bryant steckte und begann Joe langsam dazu zu ermutigen, über eine Fortsetzung seiner Karriere in Europa nachzudenken. Dort war gutes Geld zu verdienen, erklärte er Joe.
In vielerlei Hinsicht war dies das Letzte, was Pam Bryant sich erhofft hatte. Immerhin war sie es, die sich die ganzen Jahre um die Familie kümmern musste und die Umzüge von Philly nach San Diego und dann weiter nach Houston organisiert hatte, und dabei eine Ehe mit einem selten anwesenden NBA-Ehemann am Leben erhielt. Und nun kam ihr Mann einfach so daher und erzählte ihr davon, dass sie wieder alles zusammenpacken und über den großen Teich nach Europa ziehen sollten?
Es dauerte einige Monate, bis sie sich mit der Idee abgefunden hatte. In der Zwischenzeit lebten sie immer noch in Houston, wo Joe weiter versuchte Autos zu verkaufen. Als sie später einmal danach gefragt wurde, was ihr an Houston gefallen hätte, sagte Pam gequält: „Die Pferde“. Gerade sie, bei der immer alles perfekt war, tat sich schwer etwas Interessantes zu finden, das sie über ihre Zeit in Texas sagen konnte.
Joe hatte sich nun endgültig dazu entschlossen, nach Italien zu gehen. Doch auch seine Kinder erzählten ihm, wie schwierig es für sie war, nach jedem Umzug wieder neue Freunde zu finden.
Schlussendlich verkaufte Joe seiner Familie den Plan, indem er ihnen sagte, dass es nur ein kurzes Jahr wäre und sie es als Gelegenheit betrachten sollten, ein anderes Land kennenzulernen. Dazu kam, dass sie das Geld brauchten. Pam hatte einen teuren Geschmack und sie wollte unbedingt ihr schönes Vorstadthaus behalten. „Sie hasste den Gedanken, Philadelphia wieder zu verlassen“, erinnert sich Joe. Doch am Ende gab sie widerwillig nach.
In diesem Sommer im Jahr 1984, kurz vor ihrer Abreise nach Italien, sah sich Kobe die Vorbereitung des US-Olympia-Teams für die Sommerspiele in Los Angeles im TV an. Das Olympiateam bestritt seine Vorbereitungsspiele gegen Spieler aus der Profiliga. Das war das erste Mal, dass ihm ein Spieler namens Michael Jordan auffiel. „Das Olympiateam bestand nur aus Collegespielern“, erinnert er sich. „Sie waren mitten in der Vorbereitung zu den Olympischen Sommerspielen und spielten gegen ein Profiteam. Da war dieser eine Spieler, der den Ball nahm und begann einen Konter zu laufen. Dann sprang er ab, segelte an Magic vorbei und stopfte den Ball in den Korb. Das war unmöglich, das konnte nicht wahr sein. Wer war dieser Typ? Den mag ich nicht, denn ich hielt zu Magic. Das war, glaube ich, das erste Mal, dass ich ihn sah.“
Kapitel 8
ITALIA
Das dunkelhäutige Gesicht scheint sich zu amüsieren, ein eingefrorenes Halbgrinsen vor einem Hintergrund aus weißen Spielern in einem Basketballcamp in Italien. Er steht allein in der rechten unteren Ecke des Fotos vor zwei Reihen strahlender italienischer Gesichter. Sie sind alle älter als er, doch der Ausdruck auf seinem Gesicht zeigt einen jungen Kobe Bryant, der bereits weiß, dass er schon jetzt ein weit besserer Spieler ist, als jeder einzelne der anderen jemals sein würde. Sie alle überragend steht ein lächelnder Joe Bryant, der besondere Gasttrainer des Camps. Während Jellybean immer lächelte, war Kobe das Gegenteil, vor allem wenn er am Platz stand, erinnern sich Freunde aus dieser Zeit.
„Seine Miene war immer ernst, wenn er spielte“, erinnert sich Michella Rotella, einer der älteren Jungen, der oft gegen den jungen Bryant auf einem Platz im toskanischen Dorf Ciriglio spielte. „Kein Lächeln. Immer hochkonzentriert.“
„Wenn es um Sport ging, war er immer todernst, immer angespannt“, meint Kobes Schwester Sharia.
„Kobes Mentalität war immer auf den Sieg fokussiert“, sagt Jacomo Vittori, ein anderer Freund aus Kindheitstagen in Italien.
„Als er acht war und ich elf, spielten wir in derselben Liga“, erzählte Sharia 1999. „Während wir alle Spaß beim Spiel hatten, wollte er nur gewinnen. Einmal, als wir 30 Sekunden vor Ende des Spiels mit zwei Punkten zurücklagen, rief er die ganze Zeit: ‚Gebt mir den Ball!‘. Es ging ihm nur ums Gewinnen. So war er eben schon immer.“
Das erste Mal als Kobe merkte, dass er Spiele allein entscheiden konnte, „war, als ich neun oder zehn war und bei den Junioren spielte. Wenn das Spiel auf der Kippe steht und du mit dem Rücken zur Wand, dann gebe ich nicht auf, sondern kämpfe. Entweder man kämpft oder man läuft davon und ich war schon immer ein Kämpfer.“
Jahre später meinte einer seiner Trainer bei Los Angeles, dass seine Zeit in Italien ihn gelehrt hatte, sich nicht auf seine unerfahreneren und weniger begabten Mitspieler zu verlassen, sondern nur auf seine eigenen Stärken. Als er bei den Lakers begann eigensinnig zu spielen, meinten einige seiner Coaches hinter vorgehaltener Hand, dass Bryant „wieder zurück in Italien wäre“.
„Er war wirklich egoistisch“, erinnert sich Jacomo Vittori und fügt hinzu, dass dieser Egoismus daher rührte, dass Kobe spielerisch einfach um so viel besser war als die anderen. „Das konnten alle sehen. Er war der einzige Farbige am Feld. Natürlich fiel es jedem auf. Er hatte richtig Talent.“
Das war auch die Zeit, in der sich gewisse Persönlichkeitsmerkmale, die er mit seiner Mutter teilte, erstmals bemerkbar machten. Er war ihr Nesthäkchen und sie liebte es, ihren Kobe herauszuputzen wie einen kleinen Gentleman, dass er fast wie ein Miniaturerwachsener aussah.
Pam Bryant hatte eine gewisse Umgangsform und selbst als kleiner Junge sah man starke Ähnlichkeiten in Kobes Verhalten. Italien und eine größtenteils europäische Kinderstube würden ihn immer leicht befremdlich erscheinen lassen, vor allem im amerikanischen Profibasketball.
Als man ihn am Beginn seiner NBA-Karriere einmal fragte, wie ihn die Zeit in Italien geprägt hätte, antwortete Bryant: „Ich springe hoch. Alles andere an mir ist italienisch.“
Das Leben in Italien tat den Bryants gut. Joes Tricks und Pässe, die in Philadelphia immer so bejubelt worden waren, kamen in Italien gut an. Gleich nach dem ersten Spiel begriff Joe, dass er hier seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte und wieder die Zuneigung der Fans, die ihm so fehlte, bekam. Die Italiener waren ganz begeistert von seinem Können am Ball und beschrieben Joes Spielweise immer mit dem gleichen Wort – „Schönheit“.
Italien war wirklich ein ganz spezieller Ort für Joe Bryants junge Familie und brachte sie einander wieder näher. Gleichzeitig wurde hier aber auch die Basis für Dinge gelegt, von denen die Familie noch nichts wissen konnte, Dinge, die inmitten des Glücks, das sie in Italien gefunden hatten, schwer zu verstehen gewesen wären, Dinge, die eine gewisse Kälte in ihr Leben bringen würden, Dinge, die der junge Kobe übernehmen und sich zu eigen machen würde.
So wie in den Vereinigten Staaten mussten die Bryants auch in Italien mehrmals umziehen, was eine gewisse Entfremdung förderte, ein Thema, das sich durch Kobes gesamtes Leben ziehen sollte. Als Kind hatte er es schwer, Freunde zu finden. Kaum hatte er endlich welche, war es auch schon wieder Zeit ‚Ciao!‘ zu sagen. Ihr erstes Heim in Italien hatten die Bryants in Rieti, wo Kobe kurz nach seinem sechsten Geburtstag auch mit der Schule begann. Sharia war damals gerade acht, Shaya sieben.
Rieti war eine kleine Gemeinde etwas nordöstlich von Rom gelegen und bekannt für den Stamm der Sabiner, deren Frauen der Legende nach von den Römern geraubt worden waren. Der malerische Ort liegt am Fluss Velino sowie an einem idyllischen See und grenzt im Süden an die Sabiner Berge. Mehrere Päpste hatten ihren Wohnsitz in diese Region verlegt.
Die Bryants lebten sich schnell ein. Der Verein stellte ihnen ein Haus und einen Wagen zur Verfügung. Zwar konnten sie kein Italienisch, doch die Kinder verbrachten ihre Nachmittage damit, sich gegenseitig mittels Wortspielen die Sprache beizubringen. Innerhalb von wenigen Monaten führten sie bereits ein angenehmes Leben in einer Welt, die so anders war als die, die sie zurückgelassen hatten. Für die Bryants war es aber auch eine wichtige Erfahrung in puncto zwischenmenschlicher Beziehungen.
„Wir hatten es sehr gemütlich dort“, sagte Kobe einmal. „Wir haben uns gleich eingelebt. Das Rückgrat ist die Familie. Wenn das einmal passt, ist alles andere auch gut. Das ist die Einstellung, die wir in Italien entwickelt haben. Egal, ob du 50 Punkte machst oder null, deine Familie steht hinter dir. Die Italiener machen das genauso. Es sind sehr warmherzige Menschen.“
Und so wurde Kobes Familie zum Fundament des Selbstvertrauens, das ihm sein Vater immer wieder versuchte mit auf den Weg zu geben. Joe Bryant erzählte später einmal, dass er es immer bereut hätte, zu wenig Vertrauen in sich selbst gehabt zu haben und nannte dies auch als einen der Gründe für sein Versagen. Für ihn war es wichtig, dass sein Sohn nicht die gleiche Schwäche haben würde. Ein weiterer Faktor für Kobes Selbstvertrauen war, dass er schon in frühester Kindheit dem Sport ausgesetzt war, was auch Fahrten zu den Spielen im Teambus mit seinem Vater einschloss. Jedes Profiteam hatte sein eigenes Jugendteam. Für das Jugendteam zu spielen und seinen Vater beim Training zu beobachten, half Kobe sein Spielverständnis zu entwickeln.
Im Nachhinein betrachtet war seine Zeit in Italien die wohl beste Basketballschule, die man sich vorstellen konnte. „Ich begann drüben auch Baseball zu spielen“, sagte er in einem Interview. „Das war großartig, da ich zum ersten Mal die grundlegenden Dinge von Anfang an lernte. Ich glaube, die Kids, die hier in den Staaten aufwachsen, lernen zuerst einmal diese ganzen Tricks, die so toll aussehen. In Italien bringen sie dir die Grundlagen bei und lassen diesen ganzen anderen Nonsens weg.“ Auch das zeigt, dass er über ein geschärftes Bewusstsein für den „Nonsens“ verfügte, der die Karriere seines Vaters ruiniert hatte.
Einige Coaches würden dem später einmal widersprechen und sagen, dass er sich gerade dadurch seine eigene Welt schuf, die ihn zu einem unbeliebten Mitspieler machen sollte. Doch auch seine Kritiker mussten zugeben, dass ihm diese Zeit auch in spielerischer Hinsicht half sich zu verbessern. „Ich denke, dass in Italien der Grundstein zu seiner Spielweise gelegt wurde“, meint Leon Douglas, Joes Teamkollege aus der italienischen Liga. „Dort konnte er alles ausprobieren und jeden einzelnen Aspekt des Spiels erlernen.“
Etwas anderes, das Bryant aus Italien mitgenommen hatte, war, dass er mit unglaublichem Willen und beinahe manischer Akribie daranging, sein Repertoire zu erweitern, wenn er meinte, dass ihm gewisse spielerische Skills fehlten. Eigentlich hörte er nie auf an sich zu arbeiten, wenn es um Basketball ging, das war schon als Kind so. Wenn er nicht gerade selbst spielte, sah er sich Videos von NBA-Stars an, erinnert sich Vittorio, der viele Stunden mit Kobe in seiner Kindheit verbrachte. „Kobe wollte immer nur Basketball spielen. Immer.“
Während der nächsten Jahre zeigte sich, dass er verstanden hatte, wie wichtig es war, immer fokussiert zu bleiben und er hatte bereits das entwickelt, was er später als „den Code“ bezeichnen würde. Kobe wusste schon früh, dass er Basketballprofi werden wollte, was wiederum bedeutete, dass er dieses Ziel nie aus den Augen verlieren durfte. Italien erwies sich dabei als ein wesentlicher Bestandteil, der ihn zu dem Spieler machen sollte, der er sein wollte. Neben den netten Menschen und der entspannten Atmosphäre spürte man auch viel Leidenschaft, egal wo man hinblickte. Von den zahllosen Renaissance Kathedralen und Kirchen bis hin zu den Basketballstadien vollgepackt mit singenden und tanzenden Fans. Sowohl diese Erfahrung als auch Joes Hartnäckigkeit waren es, die Kobes unverwüstlichen Glauben an sich selbst befeuerten.
Je größer sein Selbstvertrauen wurde, desto weniger beachtete er seine Mitspieler. Einige seiner damaligen Teamkameraden erinnerten sich über die Jahre immer wieder daran, wie geringschätzig sie sich von ihm behandelt fühlten. Sie beschwerten sich so lange, bis die italienischen Trainer begannen Bryant auf die Bank zu setzen, um den anderen Spielern auch Gelegenheit zu geben sich zu profilieren. „Ich war oft in Schwierigkeiten damals, andauernd den Mund offen und dumm gequatscht, was die älteren Burschen noch mehr verärgerte“, erinnert er sich.
Während dieser ersten Jahre in Italien, erkannten die Bryants bereits die Zukunft ihres Sohnes und begannen ihn auf seinem Weg zu unterstützten. „Sie haben dort Minikörbe für die Siebenjährigen“, erzählte Joe damals. „In einem Spiel erzielte Kobes Team 22 Punkte, von denen er selbst 16 warf. Danach holten sie ihn in die Altersgruppe der Zehnjährigen hinauf und auch dort war er besser als die anderen. Er hat einen gelben Gürtel in Karate und Baseball trainiert er auch.“
Zeit mit der Familie
Als Fremde in einem fremden Land lernten die Kinder der Bryants und ihre Eltern, was es hieß, aufeinander angewiesen zu sein. „Wir mussten uns einer anderen Kultur anpassen“, erinnert sich Kobe. „Meine Familie und ich mussten uns zusammenraufen. Es war als besuchte man eine andere Welt. Wir kannten niemanden in Italien und hatten nur einander. Also muss man zusammenhalten.“
Auch Joe Bryants Leben als Basketballer änderte sich aufgrund des kulturellen Unterschieds. Obwohl Fußball in Südeuropa weitaus populärer war, zeigten die Italiener doch ein bemerkenswertes Interesse an ihren lokalen Basketballteams. Italienische Vereine durften nur ein Maximum von zwei Amerikanern in der Mannschaft haben. Die Gehälter, die gezahlt wurden, waren für die Legionäre aus Übersee zufriedenstellend, genauso wie der Spielplan, der viel mehr Zeit für die Familie ließ als der Spielplan der NBA, wo es zwischen drei und fünf Spielen pro Woche gab und man permanent auf Achse war.
In Italien lag der Schwerpunkt auf den Trainingseinheiten, von denen es normalerweise immer zwei pro Tag gab, etwas das im amerikanischen Profibasketball undenkbar wäre. Spiele gab es in der Regel nur einmal pro Woche, meist sonntags, und die Saison dauerte von Oktober bis Mai.
„Ich kann die Kinder zur Schule bringen und sie am Nachmittag wieder abholen“, erklärte Joe der Philadelphia Tribune. Während sich Jellybean in der NBA wie in einem Käfig vorgekommen war, begann er sich in der italienischen Liga recht schnell wohlzufühlen. Langsam avancierte er dort zum Star mit einem Durchschnitt von 30 Punkten pro Spiel (man muss erwähnen, dass er die meisten Spiele gegen Spieler im Alter von 18 oder knapp darüber spielte). Wenn er Lust hatte und seine Show abziehen wollte, war das kein Problem dort. Auf den Rängen stimmten die Fans Gesänge über sein Können an. Einer dieser italienischen Schlachtgesänge, den sich Kobe gemerkt hatte, ging etwa so: „Wer ist besser als Magic oder Jabbar? – Joseph, Joseph Bryant!“.
Über den Winter 1987 erzielte Joe im Schnitt 37,8 Punkte für Rieti. Sein größter Fan blieb jedoch sein Sohn, der ihn zu vielen seiner Trainings begleitete. „Er spielte mit so viel Charisma“, erzählte Kobe später einmal über die Jahre, die sein Vater in Europa gespielt hatte. „Er brachte mir bei, das Spiel zu genießen.“
Der Umzug nach Italien bewirkte nicht nur, dass Joe mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen konnte, sondern hatte auch sehr positive Auswirkungen auf seine Ehe mit Pam. „Pam und ich verbringen nun viel mehr Zeit miteinander als zu meiner Zeit in der NBA“, vertraute er einem Reporter 1986 einmal an. „Wir sind nun auch beste Freunde. Freunde und Liebende. Wir gehen gemeinsam laufen und trainieren zusammen im Fitnessstudio. Wir joggen für fünf oder sechs Meilen. Pam läuft ihre acht bis 10 Meilen. Vielleicht melden wir uns nächstes Jahr bei einem Rennen an. Eigentlich wollte Pam nicht weg aus Philadelphia, doch jetzt fühlt sie sich richtig wohl.“
Neben Basketball nahmen Kobe und seine Schwestern Ballettunterricht, und Shaya fand genauso viel Gefallen am Karatetraining wie ihr Bruder. Die Schulen, die sie besuchten, waren katholisch und wurden von strengen Nonnen geleitet, die den Kindern eine erstklassige Erziehung angedeihen ließen.
„Meine Kinder können schon so gut Italienisch, dass sie sogar im landesweiten Fernsehen interviewt wurden“, sagte Joe. „Mein Vater muss sie immer darin erinnern, Englisch zu sprechen. Pam und ich sind gerade dabei, die Sprache zu lernen. Den Sportteil kann ich bereits lesen. Die italienischen Zeitungen gehen nicht gerade zimperlich mit ihren Fußballern um, wenn sie ein schlechtes Spiel hatten.“
Fußball war mit Abstand Sport Numero Uno in Italien. Sogar die wenigen öffentlichen Basketballplätze, die es gab, mussten immer wieder als kleine Fußballfelder herhalten. In seiner Zeit in Übersee wurde Kobes Einzelgängertum, das er mit seiner Mutter teilte, noch ausgeprägter. Er ging auf den Sportplatz und begann allein Werfen zu üben und an seiner Technik zu arbeiten. Wenn ein paar italienische Kinder auftauchten und spielen wollten, teilte er den Platz mit ihnen. Wenn dann noch mehr hinzukamen, dauerte es meist nicht lange, bis sich eine Mehrheit fand, die doch lieber Fußball spielen wollte. Das war dann auch der Punkt, an dem Kobe sein Training beenden musste und sich ihnen anschloss. Mit seinem sehr schlanken, hochgewachsenen Körper war er der ideale Tormann. Einige seiner Freunde von damals erinnern sich, dass er auch ein wirklich guter Stürmer war, was sich an seiner Beinarbeit und seinen Dribbelkünsten zeigte.
Fußball begann ihm richtig Spaß zu machen und so wurde er auch zu einem lebenslangen Fan, doch selbst dieser Sport vermochte den eisernen Griff des Basketball, in dem er gefangen war, nicht zu lösen.
Schlussendlich war es Pam und nicht Joe, die einen Korb zu Hause aufstellen ließ, was seinen Fanatismus für den Sport noch schneller wachsen ließ und seine Tendenz, sich von anderen Kindern zu isolieren.
Seine Großeltern in Philadelphia versuchten die Verbindung der Familie zur amerikanischen Kultur am Leben zu erhalten, indem sie viele Videos von Sportereignissen, meist Basketball, und verschiedene TV-Sendungen, speziell die Cosby Show, schickten. Angeblich war Kobe von dem, was er auf den Videos sah, so beeindruckt, dass er eine Zeit lang Breakdance machte. Was jedoch weitaus wichtiger war, waren die Basketballspiele, von denen er etwa 40 pro Saison zugesandt bekam.
„Sie sandten uns alle möglichen TV-Serien und Filme“, erinnert er sich. „Doch, worauf ich mich immer am meisten freute, waren die Basketballspiele. Ich brauchte die Videos, denn drüben hätte ich bis drei Uhr früh aufbleiben müssen, um sie zu sehen, aber ich hatte am nächsten Tag Schule. Das kam also nicht in Frage. So musste ich eben auf die Videos warten. Ich wartete immer ungeduldig auf den Postboten, dass er die Kassetten in unseren Briefkasten legte.“
Bald schon abonnierte Joe einen Service, der Videos von Spielen lieferte. Joe und Kobe sahen sich die Videos gemeinsam an, und passten besonders auf die Details auf, wie Beinarbeit – eine Einführung in Drop-Steps, Jab-Steps und V-Cuts – sowie die unterschiedlichen Offensiv- und Defensivstrategien der Teams in der NBA und ihrer Stars.
„Ich habe mir alle angesehen, von Magic Johnson über Larry Bird bis hin zu Michael Jordan und Dominique Wilkins“, erinnert sich Bryant. „Ich habe mir ihre Moves angesehen und in mein Spiel übernommen.“
Und so begann er sich anzugewöhnen, Spielmitschnitte zu studieren, normalerweise eine Aufgabe der Assistenztrainer. Als er dann in die NBA kam, verbrachte Kobe jeden Tag Stunden damit, seine eigene Leistung und die seiner Gegner bis ins kleinste Detail zu analysieren. Weit genauer und akribischer als es irgendein anderer NBA-Profi jemals tun würde.
In Italien pausierte der junge Kobe das Video und verlangsamte die Geschwindigkeit, um sich eine Sequenz nach der anderen anzusehen, wobei sein Vater oft daneben saß und ihn auf die wichtigsten Details hinwies. Wenn Joe nicht da war, studierte Kobe die Videos allein und verinnerlichte ganze Abläufe, vor allem jene, die Absichten und Tendenzen von Spielern verrieten. Im Alter von neun Jahren hatte er sein erstes Scouting-Video über einen recht unbekannten Guard der Atlanta Hawks namens John Battle zusammengestellt.
Zu dieser Zeit hatte auch Michael Jordan begonnen der NBA seinen Stempel aufzudrücken, doch der unangefochtene Star im Haushalt der Bryants, während Kobes Kindheit, war Magic Johnson. „Ich wollte damals nur Magic sehen“, erinnert er sich. „Alleine der Enthusiasmus, den er ausstrahlte, wenn er spielte. Er liebte es, auf dem Platz zu stehen, das konnte man sofort erkennen. Seine Pässe waren der reinste Wahnsinn.“
Die Lakers waren damals auf dem Höhepunkt angelangt und hatten dank Johnsons unglaublicher Ballkünste in den 1980ern einen Dauerplatz in der Finalserie der NBA gebucht. Das machte das L.A. Franchise zum Liebling der TV-Stationen. Kobes Zimmer glich einem Schrein für Magic Johnson, dominiert von einem riesigen Poster des Lakers-Point-Guards. Es war kein Zufall, dass Kobes Vater Johnson immer als Beispiel für den kompletten Basketballer zitierte.
Auf dem Fernseher daheim spielte er Magics Highlights rauf und runter, worüber einige seiner Kritiker später recht überrascht waren, da sich so wenig von diesem großen Passgeber in Bryants eigenem Spiel als Profi wiederfand. Obwohl Joe Kobe Videos von sich selbst aus vergangenen Tagen anbot, brauchte Kobe sie nicht.
Joe spielte eins-gegen-eins mit Kobe, wann immer er konnte, doch mit so vielen Trainingseinheiten war es unmöglich für Joe, Kobes unstillbaren Durst nach Basketball zu befriedigen.
Also begann Kobe, allein gegen sich selbst zu spielen. Er nannte es „Schattenbasketball“. „Ich spiele gegen meinen eigenen Schatten.“ Dazu bedurfte es auch unglaublicher Fantasie, die NBA-Stars, deren Bewegungen er von den Videos her auswendig kannte, zu visualisieren. Ähnlich wie Jerry West, der 40 Jahre davor – als dürrer Junge aus den Bergen Virginias – Stunden damit verbracht hatte, alleine am Korb zu trainieren.
Kapitel 9
DAS ROTE FAHRRAD
Jeden Sommer packten die Bryants ihre Sachen und flogen zurück nach Philly, wo Joe in der Baker League spielte und gleichzeitig als Coach in der Sonny Hill Liga aushalf. Nach zwei Saisonen in Rieti, zogen die Bryants für die Saison 1986/87 nach Reggio Calabria, einer Küstenstadt an der Südspitze Italiens mit einem ähnlichen Klima wie San Diego. Nach der nächsten Off-Season in Philadelphia kehrte die Familie nach Italien zurück und wieder einmal in eine neue Stadt. Kobe war nun in ein Alter kommen, in dem er bereits Aufgaben am Court übernehmen konnte.
Joes neues Team war in Pistoia, ein kleines aber geschichtsträchtiges Städtchen in der Toskana, das sich gerade auf seine Saison in der zweiten italienischen Liga vorbereitete. Auf Empfehlung seines Sohnes hatte der Präsident von Olimpia Pistoia, Piero Becciani, Joes Vertrag von Reggio Calabria um für Italien sagenhafte 150 Millionen Lire (damals etwa 115.000 Dollar) erworben. Das Team aus Pistoia hatte sich hohe Ziele gesetzt und wollte mit einer Offensivattraktion beim Publikum punkten und das Momentum der Begeisterung zum Bau einer neuen Halle nutzen. Leon Douglas, der zweite Amerikaner, der für die Saison 1987/88 vom Team unter Vertrag genommen wurde, erinnert sich, dass die Verpflichtung von Joe und ihm Pistoias letzter verzweifelter Versuch war, das Team zu retten, welches im ersten Jahr seine Heimspiele nicht einmal zu Hause austragen konnte. Stattdessen musste die Mannschaft für ihre Heimspiele in das mehr als 40 Kilometer weit weg gelegene Florenz reisen.




