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Bryant war die Offensivunterhaltung, die sie brauchten, um die Fans zu begeistern, sagt Douglas und fügt hinzu, dass er acht Jahre lang gegen Joe in Italien gespielt hatte und dabei war, als Joe einmal 70 Punkte in einem Spiel erzielte.
„Er hatte ein ganzes Arsenal an Waffen“, meint Alessandro Conti, der im Marketing- und Kommunikationsbereich des Vereins tätig war. „Joe Bryant war eine Berühmtheit im italienischen Basketballsport. Pistoia musste viel Geld auf den Tisch legen, um ihn zu bekommen.“
Das Risiko hatte sich gelohnt. Wo auch immer Pistoia spielte, kamen enthusiastische Fans in Scharen und feuerten Joseph Bryant an.
Sie verehrten ihn wie einen Gott, erinnert sich Jacomo Vittori, Kobes Freund aus der Kindheit. „Alles, was er tat oder sagte, war, als käme es aus Gottes Mund. Kobe hatte das gleiche Selbstvertrauen.“
Vittori lernte Kobe im ersten Jahr kennen, als sie beide als Putzkommando für das Team in den Pausen fungierten und Schweiß und Schmutz vom Parkett in der Halle in Florenz wischten. „Er war eines der Kinder, die den Schweiß vom Parkett wischten“, sagt Leon Douglas.
„Als Balljunge war ich immer knapp am Spielgeschehen“, erinnert sich Kobe. „So bekam ich ein Gefühl für die Geschwindigkeit und Körperlichkeit des Spiels.“
Jene, die ihn sahen, erinnern sich an Kobe als einen Jungen, der das Rampenlicht liebte. So sehr, dass er sogar rauslief, um den Boden aufzuwischen, obwohl es gar nicht nötig war, nur weil er das Publikum brauchte. In der Halbzeit ging Kobe auf den leeren Court und übte sein Schattenbasketball sowie seine Dribblings und Würfe. Oft auch unter Applaus und zum Erstaunen der Zuseher, die ihre Fähnchen schwangen, sangen und Vater und Sohn zujubelten.
„Wenn eine Auszeit genommen wurde, warf mir der Referee den Ball zu“, erzählt Bryant. „Dann habe ich ein wenig gedribbelt, bin aufs Parkett, machte einen Korbleger und ein paar Freiwürfe, bis das Spiel wieder weiterging.“ „In der Halbzeit unserer Spiele gab es immer die Kobe-Show“, erinnert sich Douglas. „Er ging raus und begann zu werfen. Als wir nach der Halbzeit aus der Kabine kamen, mussten wir ihn quasi vom Court jagen.“
Jahre später spielte Kobes ehemaliger Teamkollege von den Lakers, Metta World Peace, sein erstes Spiel in der italienischen Liga vor einer jubelnden Menge in Pistoia. Gleich nach dem Spiel rief er Kobe an und sagte zu ihm: „Gut, jetzt weiß ich, warum du so spielst, wie du spielst.“
Die amerikanischen Fans sind nicht annähernd so leidenschaftlich wie die Fans in Italien, sagt Leon Douglas über Pistoia. Alessandro Contis Freundin bestätigt das. Sie reiste in die USA und sah sich ein Spiel im Madison Square Garden an, dem angeblichen Mekka des Basketballs, und war erstaunt, dass ein Großteil der Fans dort das Spiel gar nicht richtig mitverfolgte.
„Diese Leidenschaft der Fans in Italien prägte Kobe in seiner Jugend“, sagt Conti.
„Er wuchs hier in Pistoia auf und sah unsere Fans“, erklärt Jacomo Vittori. „Hier hat er gelernt, alles zu geben und zu kämpfen.“
„Viele Kids kommunizieren oder reden kaum mit anderen, wenn sie jung sind“, meint Leon Douglas. „Sie sind introvertiert. Kobe war überhaupt nicht introvertiert. Er kommunizierte. Er wusste, wie man mit Erwachsenen umging. Er war vielleicht noch ein Kind, doch er konnte sein Verhalten je nach Bedarf im Handumdrehen an Erwachsene sowie an seine Altersgenossen anpassen.“
Kobe hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, im Mannschaftsbus zu den Spielen mitzufahren. Er hatte schon so viele Videos gesehen, dass ihm bewusst war, dass sein Vater für einen zweitklassigen italienischen Verein spielte, weit abseits des Glanzes der NBA.
„Einmal sagte Kobe etwas sehr Tiefsinniges“, erinnert sich Douglas. „Er sagte: ‚Wenn ich einmal älter bin, zeige ich euch, wie man spielt.‘ Er sagte, dass er einmal ein großer Spieler werden würde. Dieser Gedanke war schon damals tief in ihm verankert.“
„Ich erinnere mich an den kleinen Kobe und seine wunderbare Familie“, sagt Eugenio Capone, der damals auch für Pistoia spielte. „Ich werde nie vergessen, wie Joe nach dem Training oder einem Spiel mit ihm eins-gegen-eins spielte oder mit ihm den Umgang mit dem Ball und Werfen übte. Sie hatten viel Spaß dabei, aber gleichzeitig war es ein richtig ernstes Training.“
Während dieser Zeit war Joe stets Freund und Begleiter. Die Enttäuschung über seine eigene Karriere bestärkte ihn darin sicherzustellen, dass seinem Sohn dieses Schicksal nicht wiederfahren würde. Doch so sehr Joe auch einen erfolgreichen Sohn wollte, so war es doch Kobes eigene Motivation, die ihn antrieb.
„Mein Vater kam niemals zu mir und sagte: ‚Komm Junge, du musst jetzt dies oder das machen‘“, erklärt Kobe. „Ich ging zu ihm und suchte seine Hilfe, wenn ich sie benötigte.“
Kobe hatte seine eigenen Vorstellungen, was Basketball anbelangte und diese Träume wurden durch ganz andere Dinge angefacht als den Einfluss seines Vaters.
Ciriglio
Mit dem Umzug nach Pistoia suchten Joe und Pam ein Zuhause, wo sie mehr Ruhe hätten, abseits des hektischen Treibens der Stadt, und fanden es in einer großen Villa in dem kleinen Dorf Ciriglio, am Ende einer sich auf einen Hügel hinaufwindenden Straße. Es war ein idyllisches Fleckchen Erde. Die Einwohner dort sprechen noch immer davon, als Joe Bryant zum ersten Mal ins Dorf kam, eigenartig über das Lenkrad seines Volvo Kombi gebeugt, und einen Zwischenstopp im örtlichen Café einlegte, wo er einen Cappuccino in einer riesigen Tasse bestellte.
„Joe Bryant war wie der Bürgermeister von Ciriglio“, sagt Roberto Maltinti lachend. Sein Lächeln, seine Anwesenheit in den örtlichen Cafés, seine wunderbare Familie und seine schon beinahe legendäre Persönlichkeit halfen ihm, schnell die Herzen der Menschen zu erobern. Noch Jahre später dachten die Dorfbewohner sowie der Teambesitzer gerne an die Bryants zurück.
Maltinti erinnert sich, dass Kobe seinen ersten Werbevertrag im Alter von neun Jahren erhielt. Die Liga hielt gerade ihr All-Star-Spiel in Rom ab und Kobe bot sich als Balljunge an. Maltinti hatte nichts dagegen, verlangte aber, dass Kobe dabei einen Pulli mit dem Logo von Maltintis Firma tragen sollte. Kobe erklärte sich einverstanden, doch er war ein guter Verhandler. Er wollte ein neues Fahrrad. Am Morgen nach dem Spiel rief er bei Maltinti an. „Ich will ein rotes Fahrrad“, sagte er.
Endlich hatte Kobe einen fahrbaren Untersatz. Damit konnte er den kurzen Weg von Ciriglio den Berg hinunter bis zum Basketballplatz vor der Schule zurücklegen, um dort mit den älteren Burschen des Dorfes Basketball zu spielen. An Tagen, an denen niemand anderer dort war, spielte er eben wieder gegen sich selbst. „Er kam heim, machte seine Hausaufgaben und verließ dann das Haus und tat so als wäre er Dr. J“, erzählt Leon Douglas.
Maltinti erinnert sich daran, dass Mutter und Sohn sich sehr ähnlich waren. Der Teambesitzer selbst war ein großer Bewunderer von Pam Bryant. Sogar Jahre später schwärmte er noch immer von ihr.
Pamela war wie ein Feldwebel, sagte Maltinti 2015 in einem Interview. „Sie war das Oberhaupt der Familie, der Boss. Sie war wunderschön, freundlich, aber auch knallhart.“
Die Villa der Bryants war so groß, dass sie nach ihrem Auszug in zwei Häuser aufgeteilt wurde. Pam richtete das Haus ein und schmückte es, speziell zu Weihnachten, wo sie einen Ort der absoluten Ruhe daraus machte, erzählt Maltinti. Jahre später, als er hörte, dass die Familie sich entzweit hatte, bot er ihnen an, über Weihnachten wieder nach Ciriglio zu kommen, um in dieser friedlichen Atmosphäre wieder zueinander zu finden.
Vittori verbrachte viel Zeit mit den Bryants in Ciriglio – so viel, dass Shaya Bryant seine erste Freundin wurde. Er erinnerte sich auch daran, dass Kobe sehr oft bei den Vittoris aß. „Er liebte Pasta“, sagt Vittori. Kobe beeindruckte Vittoris Eltern mit seinen Manieren, die sich allerdings nicht bis auf den Basketballplatz erstreckten.
„Er hat dir nie den Ball zugespielt“, lacht Vittori. „Aber er wollte immer spielen. Immer. Er wollte einen Wurfwettbewerb.“
Diese Wurfwettbewerbe waren für ihn wie ein Traum, der Realität wurde. Dabei waren seine Gedanken weit weg in der NBA und er zählte die letzten Sekunden auf der Uhr hinunter, in denen er gegen Jordan, Magic, Dr. J, seinen eigenen Vater oder wen auch immer den entscheidenden Korb erzielt.
Kobe arbeitete hart daran, die Bewegungsabläufe der NBA-Stars zu studieren und kopieren. Später sagt er dann, dass ihn diese Spieler nicht besonders beeindruckten, da er ihre Moves selbst ausführen konnte. Und ja, das konnte er.
Die Kinder der Bryants verbrachten viele Nachmittage im Haus der Vittoris und manchmal, wenn Joe sie abholen kam, brachte er Vittoris Mutter Blumen mit. Genauso oft verbrachte Vittori Zeit oben in Ciriglio bei den Bryants.
Es lief zwar nicht alles perfekt beim Team in Pistoia, doch Joe Bryant und Leon Douglas schafften es, dem Club dabei zu helfen, seine Ziele zu erreichen. Als sie für ihre zweite Saison bei dem Verein zurückkamen, stand dort bereits eine 5.000 Zuseher fassende Arena. Es war ein niedriges Gebäude ähnlich einer Quonsetbaracke, doch den Leuten im Ort gefiel es. „Die Halle war immer ausverkauft“, erzählt Alessandro Conti.
Joe Bryant hatte wieder eine starke Saison, doch er gab Maltinti keine Chance, ihm einen neuen Vertrag anzubieten. Stattdessen unterschrieb er bei Reggio Emilia und damit waren die Bryants wieder einmal unterwegs zu neuen Ufern.
Auch dort gab es eine Jugendmannschaft und Kobe legte wieder das gleiche Verhalten an den Tag: er trainierte hart, war aber immer noch abgehoben in der Kabine. Auf dem Parkett wollte er alles selbst machen, sodass sich seine Teamkollegen überflüssig vorkamen. Er war so viel besser als die anderen, so entschlossen, dass es fast unmöglich für ihn war, seine Mitspieler zu verstehen. Letztlich begannen sie es ihm übel zu nehmen, dass er so eigensinnig spielte.
Kobe erzählte später einmal, dass sie zu ihm sagten: „Hier in Italien bist du gut, aber wenn du wieder zurück in Amerika bist, wird das anders sein. Das ist ein ganz anderes Spiel da drüben“.
Damit hatten sie nicht unrecht, zumindest am Anfang. Als Kobe im Sommer wieder in Philadelphia war und als Elfjähriger in der Sunny Hill League spielte, erzielte er keinen einzigen Korb in all seinen Spielen. Gut, er spielte in einer höheren Klasse, in der seine Gegner alle älter waren als er, doch er wurde regelrecht in Grund und Boden gespielt.
„Kobe wuchs quasi in dieser Liga auf“, sagte Tee Shields, der schon Joe in der Sonny Hill League trainiert hatte, einmal zu Reportern. In einer seiner ersten Saisonen in Hills Liga sah sich ein Berufsberater die Spieleranträge durch, um zu sehen, wo es Probleme geben könnte und bemerkte, dass Kobe unter Karriereziel „NBA“ eingetragen hatte. Das war genau eine dieser unrealistischen Erwartungen, vor denen die Sonny Hill League die jungen Burschen bewahren wollte. Für Sonny Hill war Basketball nur der Köder, der die Burschen von den Versuchungen und Schwierigkeiten auf Philadelphias Straßen fernhalten sollte. Natürlich war der Sport auch wichtig, doch der Schwerpunkt lag darauf, den Jugendlichen realistische Zukunftsaussichten aufzuzeigen. Der Berater hatte schon sehr oft diese Antwort gelesen. Viele junge Spieler dachten, sie wären auf dem Weg zu NBA-Ruhm und dem großen Geld. „Die Chance, es in die NBA zu schaffen, liegen etwa bei eins zu einer Million“, meinte der Berufsberater zu Kobe, „du solltest dir also etwas anderes für deine Zukunft überlegen“.
„Dann werde ich eben der eine aus der Million sein“, soll Kobe darauf geantwortet haben. Magic Johnson hatte es ja auch geschafft, genauso wie Michael Jordan. Warum sollte er es also nicht schaffen?
Das war genau diese Art von Selbstvertrauen, die ihm sein Vater beigebracht hatte. Später gab es einige Stimmen, die diese Einstellung als reine Arroganz bezeichneten. Andere wiederum waren voller Bewunderung für jemanden so jungen, der so zielstrebig war, ganz zu schweigen von seiner Begabung, egal wie viele Punkte er als Elfjähriger erzielt hatte.
Doch für Kobe selbst war diese Antwort nur logisch. Er wurde dazu erzogen, sich nicht als durchschnittlich zu sehen. Er wusste nur allzu gut über seinen Stammbaum Bescheid.
„Mein Vater und Onkel Chubby verbrachten viel Zeit mit mir“, erzählte Bryant einst über seine Jugend. „Sie trainierten mit mir Werfen, Rebounds zu fangen und wie man verteidigt. Darüber hinaus motivierten sie mich, immer alles zu geben.“
Insgesamt verbrachte Joe Bryant acht Saisonen in Europa als Spieler und Trainer in Italien, Spanien und Frankreich. Diese Erfahrung bedeutete auch, dass der junge Kobe viel herumgereist war und viele Orte und Sehenswürdigkeiten kennengelernt hatte: von den Alpen über den Vatikan bis hin zum Forum Romanum und den romantischen Kanälen Venedigs. Erst Jahre später, als sie auf diese Zeit zurückblickten, verstanden die Amerikaner, die in Italien gespielt hatten, wie entspannt dort alles war, egal für wen sie spielten. Joe erinnerte sich, wie er abends mit der Familie durch die örtlichen Straßen bummelte und Eiscreme aß – Erinnerungen, an denen sich die Familie Jahre später festhalten konnte, als sich die Dinge zum Schlechten wendeten.
Im August 1991 fasste Joe den Plan, zumindest noch eine Saison weiterzuspielen. Zu dieser Zeit schien auch Pam sich damit abgefunden zu haben, in Übersee zu leben. Sie konnte bereits exzellent italienisch kochen und hatte viel Europäisches in ihren Lifestyle übernommen. Dazu hatte sie auch noch ein gutes Auge für Design. „Es ist wundervoll in Italien“, sagte sie damals. „Die Menschen hier sind so nett und jeder kennt jeden. Dass Joe dort spielen darf, ist Glück im Unglück.“
„Ich muss sagen, dass meine Frau immer an meiner Seite stand in Italien“, gestand Joe der Tribune. „Ich liebe sie dafür, dass sie sich so gut um mich und unsere Familie kümmert.“
Das Ende ihrer schönen Zeit in Italien erreichte die Bryants in Form eines Anrufs mitten in der Nacht im Herbst 1991. Kobes Großeltern informierten die Familie, dass Magic Johnson öffentlich bekannt gegeben hatte, sich mit HIV infiziert zu haben und er sich deshalb vom Basketball zurückziehen würde. Am nächsten Morgen erzählten Pam und Joe Kobe davon, ohne dabei zu sehr in die Details der Krankheit zu gehen, die den Star der Lakers zum Rücktritt gezwungen hatte. Das war aber egal. Der damals 13-Jährige war am Boden zerstört. Er weinte, wollte kaum etwas essen und trauerte über eine Woche. „Ich versuchte zu verstehen, was da passiert war“, sagt er später einmal. Er wusste nicht, was dieses HIV war. Also versuchte er es herauszufinden. „Ich weinte. Ich wusste nicht, worum es dabei ging. Also las ich einige Bücher und borgte mir einen Film zu dem Thema aus, um mehr herauszufinden. Als Kind weißt du nicht, wie du damit umgehen sollst. Ich hatte die Hoffnung, ihm irgendwie helfen zu können. Es war wirklich eine schwere Zeit für mich.“
Joe hatte die Saison bei einem kleinen Verein in Frankreich begonnen, während seine Kinder eine Schule gleich über der Grenze in der Schweiz besuchten. Er hätte ewig weiterspielen können in Europa – oder zumindest noch für zwei weitere Saisonen – hatte er den Eindruck, als Spezialist für Sprungwürfe bei dem einen oder anderem Team. Doch trotz ihres komfortablen Lebens in Europa hatte Pam langsam genug davon, von Stadt zu Stadt zu ziehen und sie verspürte Heimweh. Außerdem mussten die Kinder zurück in die Staaten und ihre schulische Ausbildung abschließen.
Joe machte sich wieder einmal Sorgen über ein Leben nach seiner Zeit als Profi, hatte er doch keinen Collegeabschluss. Vielleicht könnte er es als Trainer probieren? Nach sechzehn Jahren Profibasketball hängte er seine Schuhe an den Nagel, nur wenige Tage nachdem Johnson seinen Rücktritt erklärt hatte. Jellybeans Basketballreise brachte ihn, soweit es ging. Nun war Kobe an der Reihe und sein Weg begann immer schneller nach oben zu führen.
Im Sommer 2013 besuchte Kobe Ciriglio, mit Rucksack und pastellfarbenem Leibchen. Er posierte für Fotos neben dem Ortsschild und besuchte den kleinen Basketballplatz zwischen den Bäumen, auf dem er immer gespielt hatte, der allerdings schon halb verfallen war, genauso wie das verlassene Fußballfeld darunter. Die Zeit war auch hier nicht stehengeblieben.
In Pistoia besuchte er zusammen mit seinem Bodyguard die alte Basketballhalle, die gebaut worden war, als er zehn war. Er ging schnurstracks nach oben und wusste noch genau, wo die Türe war, durch die er immer ohne Schlüssel in die Halle gelangt war. Er ging die Galerie der Arena ab und blickte hinunter auf das Spielfeld, wo er als Balljunge früher seine Halbzeitshows abgezogen hatte. Dort stand er nun und ließ die Erinnerung an sich vorbeiziehen. Danach verließ er schnell die Halle.
Im Jahr 2015 kam er noch einmal nach Pistoia, wo er eines Morgens zur Überraschung aller ohne Vorwarnung im Stadtzentrum auftauchte. „Ist das wirklich Kobe?“, fragten sie.
Alessandro Conti, der damalige Pressebeauftragte des Vereins, hörte, dass Kobe in der Stadt war und lief von seinem Haus hinüber, um ihn zu begrüßen. Aber der Superstar war bereits wieder verschwunden und hetzte bereits zum nächsten Ort, um die vielen Stationen seiner Kindheit zu besuchen.
Kapitel 10
LOWER MERION
Knapp vor den US-Präsidentschaftswahlen im November 1991 kehrten die Bryants nach Philadelphia zurück und ein relativ unbekannter Politiker aus Arkansas namens Bill Clinton hatte sich gerade die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gesichert.
Die Bryants zogen wieder in ihr altes Vorstadthaus in Wynnewood und schon lieferten sich Joe und sein Sohn legendäre Duelle in der Auffahrt. Da Kobe nun schon größer und auch als Spieler besser war, musste Joe viel körperlicher spielen, um sich gegen seinen Sohn zu behaupten. Die daraus folgenden blutigen Lippen und Schreiduelle trieben eine verärgerte Pam immer wieder aus dem Haus, um die beiden Streithähne voneinander zu trennen. Dabei warf sie Joe böse Blicke zu.
Ein paar Tage vor Thanksgiving – nur wenige Wochen nachdem Magic Johnson seine Erklärung zu seiner HIV-Infektion abgegeben hatte – starb Freddie Mercury, der Frontman der britischen Rockband Queen, an AIDS, was die Emotionen bei den Lakers und ihren Fans, die ein ähnliches Schicksal für Johnson befürchteten, noch weiter hochgehen ließ. Das Franchise befand sich in einem allgemeinen Trauerzustand und ohne Johnsons Führungsqualitäten wurde das Spiel der Lakers zusehends schlechter.
Inzwischen bereitete Kobe Bean sich auf seine Zeit an einer amerikanischen Highschool vor. Als Achtklässler hatte er Probleme, sich in der urbanen afroamerikanischen Welt zurechtzufinden. In den acht Jahren in Übersee hatte er eine komplett andere Identität aufgebaut. Seine Schulkollegen aus den Vororten Philadelphias wunderten sich über ihren neuen Klassenkameraden mit dem eigenartigen Akzent. Wie immer stürzte er sich sofort in den Basketballsport. Er fand einen anderen Jungen in der Nachbarschaft, Robby Schwartz, der zwar kleiner und noch dünner war als er, doch in vielerlei Hinsicht genauso getrieben wie Kobe. Robby diente ihm als Trainingspartner beim Werfen und Üben seiner Moves. In den Eins-gegen-eins-Spielen über den ganzen Platz gewann Schwartz vielleicht zehn aus hundert Spielen.
Bryant war nun gut über 1,80 groß und sehr dünn. Dazu kamen die langen Arme, die wie Schlangen aus seinen knochigen Schultern krochen. Seine Trainer erlebten ihn als barschen und ungeduldigen Jungen, der sich nicht damit abfinden konnte, wenn er in einem Spiel ausgewechselt wurde. Das ging so weit, dass Joe sogar damit begann, auf Italienisch auf ihn einzureden, um ihn zu beruhigen. Doch mit seinem Egoismus stieß er die anderen immer wieder vor den Kopf. Offensichtlich musste sich Bryant immer und immer wieder aufs Neue beweisen.
Die erste Gelegenheit dazu ließ nicht lange auf sich warten. An seinem ersten Tag an der Bala Cynwyd Junior High saß er gerade beim Mittagessen in der Schulkantine als ein anderer Junge zu ihm hinüberging und sich neben ihn stellte. „Ich habe gehört, du sollst ein ziemlich guter Basketballer sein“, sagte er zu Kobe. „Wenn du also der Chef hier am Platz sein willst, dann musst du erst einmal den richtigen Chef hier besiegen.“
„Also spielte ich gegen ihn nach der Schule“, erzählt Bryant. „Ich habe ihn zu null besiegt und mir den Respekt der anderen verdient. Dieses Sich-mit-jemandem-Messen war genau das, was ich die ganze Zeit über in Italien gesucht hatte. Ich konnte das Adrenalin in meinen Adern spüren. Der Typ hatte keine Ahnung, was da mit ihm geschah.“
Der „Chef“ von der Bala Cynwyd Junior High blieb nicht der einzige, der von einem 13-jährigen Kobe gedemütigt wurde. Nun doch schon um vieles älter hielt sich Mo Howard immer noch für einen soliden Basketballspieler und spielte mit einer Gruppe alter Freunde, zu der auch Joe gehörte, in einem Fitnessstudio in Philadelphia. „Wenn wir einen oder zwei Spieler zu wenig hatten, fragten wir einen unserer Söhne, ob sie mitspielen wollten“, erzählt Howard. „Junge, Junge, ich sage dir, das erste Mal als Kobe mitspielte, war es meine Aufgabe ihn zu decken. Der Kleine hat mir den Arsch versohlt. Der war damals erst dreizehn. Du kennst sicher noch den Blick, den er draufhatte, als er später für die Lakers scorte? So sah er mich damals schon an. Dieses Kid hat mein Ego komplett zerstört.“
Die Nachricht von dem Neuen im Team der Bala Cynwyd, dem Sohn eines Basketballspielers, machte schnell die Runde. Gregg Downer, der 33-jährige Trainer an der nahegelegenen Lower Merion High, kam vorbei, um sich diesen Achtklässler anzusehen. „Als ich zu dem Spiel ging, war das nicht gerade die Kobe Bryant-Show, die ich mir erwartet hatte“, sagte Downer 2015 in einem Interview. „Er wurde die ganze Zeit ein- und ausgewechselt. Es war schwer zu sagen, wie gut er wirklich war. Er war dünn, etwas über 1,80 m groß und hatte vielleicht knapp über 60 Kilo. Es sah so aus, als wollte er auf der Position des Point Guards spielen. Das soll heißen, dass er immer den Ball haben wollte.“
Downer war in seiner zweiten Saison Coach an der Lower Merion, einer Highschool, die im vorstädtischen Montgomery County ihre letzte Meisterschaft im Jahr 1943 gewonnen hatte. Er suchte nach einem Weg, das Basketballprogramm der Schule wieder auf Erfolgskurs zu führen und dieser magere Junge auf dem Parkett mochte ein Teil der Lösung für dieses Problem sein.
Also lud Downer den neuen Achtklässler zu einem Training der Schulauswahl an der Lower Merion High ein. „Dort konnte ich ihn mir genauer ansehen.“ Das zukünftige Talent tauchte mit seinem 2,10 m großen Vater auf. „Als ich mit Kobe mit dem Training begann, stand Joe in einer Ecke. Ich begann eins und eins zusammenzuzählen und langsam dämmerte es mir, wer da stand.“
Downer hatte in den 1980ern als Point Guard für das Lynchburg College gespielt, einem Team aus Virginia in der dritten College-Division. Doch in den 70ern war er ein Hardcore Sixers-Fan gewesen, mit Saisonkarten für das Spectrum. Sein großes Vorbild war Doug Collins, doch nun kamen auch seine Erinnerungen an Jellybean wieder zurück. Er erinnerte sich sogar daran, dass Jellybeans Vater nicht weit von ihm im Spectrum saß.
Schon nach kurzer Zeit erkannte Downer, dass er hier jemanden mit der Begabung eines Profibasketballers vor sich hatte, der – obwohl noch fast ein Kind – die Spieler von Downers Schulauswahl nach Belieben an die Wand spielte.
Die älteren Spieler der Lower Merion sahen dies genauso und es wurde ihnen zum ersten Mal bewusst, dass ihr sportliches Leben hier an der Highschool schon bald von einem Freshman bestimmt werden könnte.
„Wenn du einmal sein Grundtalent, das er mitbrachte, gesehen hast“, erinnert sich Downer, „und wusstest, woher er kam und seine Arbeitsmoral und Führungsqualitäten sahst, dann wusstest du, dass du hier jemanden ganz Speziellen, ja sogar Einzigartigen, vor dir hattest.“
Im Verlauf des Trainings flüsterte er seinem Assistenzcoach zu, dass Kobe der Typ Spieler war, der ihnen ihre Jobs in Zukunft sichern würde.
Im gleichen Sommer traf Donnie Carr, ein Spieler, der in etwa gleich alt wie Bryant war, in der Sonny Hill League auf Kobe. Beide hatten sie zwar gerade erst die achte Klasse abgeschlossen, doch sie spielten in der höchsten Klasse bei den Siebzehn- und Achtzehnjährigen mit.




