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Carr hatte schon einiges über diesen Sohn eines NBA-Spielers mit endlosem Potenzial gehört. „Aber das erste Mal als ich ihn sah“, erinnert sich Carr, „war da nur ein magerer, großgewachsener Junge mit zwei Knieschonern. Gar nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er befand sich noch im Wachstum und hatte Probleme mit seinen Knien. Deshalb hatte er auch Probleme mit dem In-die-Knie-Gehen. Er war wirklich groß. Lange Arme, langer Körper. Er war fast 1,90 m.“
Die Knieprobleme stellten sich als Morbus Osgood Schlatter heraus, eine schmerzhafte Reizung der Patellasehne vor allem bei Jugendlichen, die viel Sport betreiben. Dieses Problem machte ihn langsam und schwerfällig. Um in diesem Zustand einen Wurf anzubringen, musste er seine Gegenspieler an eine bestimmte Stelle locken und ihr Timing beim Blocken mittels einer Serie von Pump Fakes, also angedeuteten Würfen, durcheinanderbringen, um zu werfen. Einmal in der Luft hatte er genügend Höhe, um über die Verteidiger hinwegzuwerfen, erinnert sich Carr. „Ehrlich gesagt, es war schon ein gewisses Potenzial zu sehen, aber es war jetzt nicht so außergewöhnlich. Er war eben noch nicht so schnell und explosiv wie er es einige Jahre später sein sollte. Damals war er dieser schlaksige Junge, der sich in Zeitlupe bewegte und wir dachten uns eben: Er ist schon gut, aber ist er wirklich so gut, wie alle sagen? Natürlich hat ihm das niemand ins Gesicht gesagt, aber wenn wir untereinander waren, war die einhellige Meinung, dass er echt nicht so speziell war, wie alle taten.“
Die große Highschoolrivalität zwischen Carr und Bryant begann in jenem Sommer in der Sonny Hill League. „Unsere Rivalität nahm ihren Anfang, weil wir uns gegenseitig mit Trashtalk zulaberten. Kobe kam zwar aus der Vorstadt, doch er benahm sich nicht wie jemand, der aus der Vorstadt war, das habe ich immer gesagt. Er benahm sich wie ein Kid aus der Stadt. Das war echt, nicht imitiert. Er hatte immer diese typische Abgebrühtheit von jemandem aus Philadelphia und diese Mentalität, nie aufzugeben. Er liebte Herausforderungen.“
Carr sah, dass Kobe viel Zeit damit verbrachte, immer neue Herausforderungen und Motivationen für sich zu suchen. „Er hatte damals schon diese Einstellung, die man ihm später nachsagen würde. Er suchte immer nach etwas, das das Feuer in ihm weiter anfachte und ihm half, immer am Limit zu spielen.“
Eddie Jones, damals ein knapp 2 m großer Forward an der Temple University, war einer von vielen, die Kobe in der Hill League spielen sahen. „Schon mit dreizehn konnte er die anderen in Grund und Boden spielen“, erinnert Jones sich.
„Es war ein großartiger Bewerb, der echt Spaß machte“, sagt Bryant über die Sonny Hill Liga. „Eddie Jones kam immer wieder vorbei und Aaron McKie und Rick Brunson. Das waren die Jungs von der Temple University, die nach uns spielten. Da blieb ich immer länger und sah ihnen zu. Eddie hat mich immer in sein Team geholt, wenn sie zum Spaß gegeneinander spielten.“
Frühe Aces
In jenem Herbst an der Lower Merion erkannte Downer, dass Bryant eine erstaunliche Arbeitsmoral hatte. Er puschte sich durch ein mörderisches Programm aus Konditions- und Gewichtstraining sowie nonstop Basketballtraining. Bei allen Mannschaftstrainings versuchte er immer der Beste zu sein. Vier Jahre lang hatte er in dieser Hinsicht eine makellose Bilanz. „Als ich sah, wie gut Kobe Bryant war, holte ich Leute aufgrund ihres spielerischen Könnens in den Trainerstab“, sagt Downer.
„Meine einzige Intention war es, Leute zu finden, die den Jungen decken und mit ihm mithalten konnten und eine Herausforderung für ihn waren.“
So heuerte er einen ehemaligen Collegespieler, einen athletischen Guard namens Jimmy Kieserman an. Dann überredete er seinen eigenen Bruder, Drew, der groß und kräftig war, sein Büroleben aufzugeben und als Coach zu arbeiten. Der Witz war, dass alle dachten, sie hüpfen nur kurz einmal ins Flugzeug, kommen rüber und spielen ein wenig Guard gegen diesen 14-Jährigen. Das sollte doch kein Problem sein. Doch das Lustige daran war, dass dieser junge Freshman sie alle alt aussehen ließ auf dem Spielfeld. Downers nächster Schachzug war, den Vater des Jungstars ins Boot zu holen, vor allem da er besorgt war, dass so ein kleines Sportprogramm wie das der Lower Merion seinen neuen Star schnell an eines der großen, alteingesessenen Programme, wie etwa das der Roman Catholic – zu deren Mannschaft Carr zählte – verlieren könnte. Wenn Kobes Vater als Coach für ihn arbeitete, würde dies die Bindung zur Lower Merion stärken; plus, die beiden Töchter der Bryants gingen auch auf die Lower Merion, wo sie sich gut eingelebt hatten und Volleyball spielten. Diese Gefahr hing noch einige Saisonen wie ein Damoklesschwert über seinem Team. Doch mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass Bryant ein Programm haben wollte, bei dem er den Ton angab, wo er die Spielzeit bekam, die er benötigte, um sich weiterzuentwickeln, ein Programm, das zu seiner Einstellung passte.
„Die ersten paar Male, als wir gegen Schulen aus der Innenstadt spielten, redeten alle über mich“, erklärte Kobe einmal. „Die Hälfte von ihnen sagte, ich wäre ein verweichlichter Vorstadtjunge.“
Diese negative Stimmung war zum Teil der Leistung der Lower Merion in Bryants Freshman-Jahr geschuldet. Unter Downer hatte das Team im Jahr davor stolze 20 Siege erreicht. Die Erwartungen lagen nun hoch, doch die Abgänge einiger Spieler nach ihrem Abitur und Verletzungen hatten den Roster ausgedünnt. Und so legten die Lower Merion Aces in der Saison 1992/93 mit Kobe Bryant als Starter eine enttäuschende 4-20 Saison hin.
„Das war nicht gerade schön“, sagt Downer. Es war auch der Punkt, an dem der Trainer und sein zukünftiger Star herausfanden, wie sehr sie es beide hassten zu verlieren. „So viele Niederlagen bedeuteten fast den Weltuntergang für ihn“, sagt Downer und zu verlieren machte es auch schwieriger ihn auszuwechseln. „Er machte alles im Team, er spielte auf jeder Position, doch es war so gut wie unmöglich, ihn auf die Bank zu setzen, das kann ich Ihnen sagen.“
Wie schon sein Vater hatte Kobe Bean auch die Angewohnheit immer wieder schlechte Würfe zu nehmen. Aus diesem Grund nahm Downer ihn immer wieder vom Feld, damit er sich dieses Verhalten abgewöhnte. „Zumindest haben wir es ein paar Spiele lang versucht, doch das war keine so gute Idee“, erinnert sich Downer. „Er hat uns immer bitterböse angesehen und dabei herumgeschrien. Er konnte es nicht leiden, ausgewechselt zu werden.“ Wenn es zu heftig wurde, redete Joe auf Italienisch auf Kobe ein, um ihn wieder zu beruhigen. Downer verstand zwar kein Wort, doch es schien zu funktionieren. „Ich glaube, Joe war ein guter Puffer“, erklärte Downer. „Kobe schrie mich nicht oft an, doch wenn er es tat, musste er seinem Vater Rede und Antwort stehen.“
Es war also nicht verwunderlich, dass Coach Downer seine Idee mit dem Auswechseln nochmals überdachte. Auch der Trainerstab passte sich der neuen Spielphilosophie an: Ein schlechter Wurf von Kobe ist besser als ein Fehlpass eines seiner Mitspieler.
„Er hatte Spielintelligenz, das war offensichtlich“, erklärt der Trainer. „Er gab exzellente Pässe, auch schon als Freshman. Er machte seine Mitspieler einfach besser. Ich glaube, in der Zeit als wir spielerisch in der Krise waren und niemanden hatten, um unsere Abgänge zu ersetzen, sagte er sich: Jetzt muss ich hier wohl das meiste alleine machen. “
Das war natürlich ein ausgezeichneter Nährboden für Spannungen zwischen dem jungen Bryant und seinen älteren Mitspielern – die gleichen Spannungen, die schon in Italien zum Vorschein gekommen waren und die es auch in der Zukunft in der NBA geben würde.
„Mit der Zeit kam das Alphatier in ihm immer mehr zum Vorschein“, sagt Downer über Bryants dominante Persönlichkeit. Doch der springende Punkt für jeden Trainer in dieser Lage war, dass Bryants Anwesenheit vieles leichter machte. „Was unsere Arbeit einfacher machte, waren seine Arbeitseinstellung und dass er alles, was ihn besser machen konnte, aufsaugte wie ein Schwamm“, erzählt Downer. „Man musste ihm nie etwas zweimal sagen, so wie es oft bei anderen der Fall ist. Mit Kobe hatten wir nun zwar das Mittelstück, aber wir hatten nichts darum herum.“
Er war der Schnellste und arbeitete am härtesten von allen im Team. Er konfrontierte seine Mitspieler und zog sie zur Verantwortung. Natürlich führte ein solches Verhalten unweigerlich zu Spannungen im Team, vor allem aufgrund der vielen Niederlagen im ersten Jahr. „Selbst seine Teamkameraden konnten ihm sein Engagement nicht absprechen und das machte es schwierig für sie, unsere Entscheidungen nicht doch bis zu einem gewissen Grad zu akzeptieren“, erklärt Downer.
Evan Monsky, einer der älteren Spieler des Teams damals, sagt, dass man, wenn man auf Bryants Verhalten zurückblickt, auch verstehen muss, dass sein Drang der Star zu sein, nicht die omnipräsente, alles bestimmende Eigenschaft seiner Persönlichkeit war, wenn er in der Kabine saß. „Er war ein normaler, fröhlicher Junge, der lachte und Witze riss, genauso wie alle anderen.“
Trotzdem war es nicht immer leicht für die Coaches Kobe Beans überschäumendes und anmaßendes Verhalten zu schlucken. „Ich habe ihn immer ein wenig stur empfunden“, gibt Downer zu. „Ich fand ihn auch immer ein wenig arrogant. Aber das sind eben die Eigenschaften, die dich groß machen.“
Downer spielte gerne eine Front the Post-Verteidigung, bei der sich die Verteidiger vor den gegnerischen Post-Spielern positionierten, um zu verhindern, dass diese angespielt werden. „Einmal fauchten wir Kobe an, er solle sich vor seinen Gegner stellen und er sagte darauf: ‚So werde ich aber nicht in der NBA spielen.‘ ‚Das ist hier auch nicht die NBA‘, schrien wir dann zurück.“
Manche meinen, dass Kobe Bryant das Programm an der Lower Merion diktierte und dass dies nicht zuletzt durch die Tätigkeit seines Vaters im Trainerstab gefördert wurde. Darin mag vielleicht sogar ein Körnchen Wahrheit stecken, doch Downer machte immer klar, dass Joe Bryant niemals etwas Unangemessenes tat und seine Aufgaben als Trainer pflichtbewusst erfüllte und ein solider Coach für die Junioren und exzellenter Assistenztrainer für die reguläre Schulauswahl war.
„Damals gab es etwas, das sie die ‚Gurt-Regel‘ nannten, das hieß, die Trainer durften beim Coachen die Bank nicht verlassen“, erinnert sich Downer. „Eine dämliche Regel, wirklich dämlich. Diese Regel verfolgte mich etwa zehn Jahre lang in meiner Trainerkarriere.“
In einem Spiel im ersten Jahr stand Joe einmal von der Trainerbank auf, um eine Schiedsrichterentscheidung zu diskutieren und wurde dafür prompt mit einem technischen Foul bestraft. Beim nächsten Spiel war er nirgends zu sehen. Einer der Trainer erblickte ihn dann während der ersten Hälfte irgendwo in den Zuschauerrängen sitzend. Downer sandte jemanden zu ihm, der ihn fragte, warum er nicht unten auf der Trainerbank war. Joe antwortete, dass er das Team nicht wieder in Schwierigkeiten bringen wollte und sich darum entschieden hatte, sich aus dem emotionalen Hexenkessel da unten etwas zurückzuziehen. Downer und die anderen Coaches mussten lachen, bestanden aber darauf, dass Joe wieder unten bei ihnen Platz nahm, da seine Anwesenheit zu wertvoll für das Team war. Abgesehen davon sprach keiner von ihnen Italienisch.
„Die Jahre mit Kobe Bryant prägten mich“, meint er. „Wissen Sie, wenn man alle Puzzleteile zusammensetzt und ihn sich jetzt ansieht, wie weit er es gebracht hat, seine Einzigartigkeit, dieser Fokus – das ist einfach unglaublich.“
Die Niederlagen in der ersten Saison machten es sicher nicht einfach für den jungen Trainer und seinen Freshman-Star, doch anstatt einen Keil zwischen die beiden zu treiben, schweißte es sie mehr zusammen.
„Im ersten Jahr war es wirklich schwer“, erinnert sich Bryant. „Ich glaube, am Ende stand es 4-20. Das war ein hartes Jahr. Doch es war eine neue Erfahrung für mich. Mein Coach an der Highschool war ein fantastischer Trainer. Oft blieb er noch nach dem regulären Training da oder kam noch vor dem Training, um mit mir zu üben. Er hatte großen Anteil daran, dass ich als Spieler gereift bin.“
Trotz der Enttäuschung über die klaren Niederlagen seiner Mannschaft in dieser Saison, demonstrierte Bryant immer wieder seine Athletik, was zu einigem Erstaunen in der Highschool-Basketballszene Philadelphias führte. Sein Talent und seine Motivation begeisterten viele Trainer in der Stadt. Sam Rines, Coach in der Amateur Athletic Union in Philadelphia und immer auf der Suche nach neuen Talenten, erinnert sich daran, als er Bryant zum ersten Mal sah. „Er war noch nicht so etabliert“, sagt Rines. „Ich meine, man konnte schon sehen, dass er gut war und er war der Typ, den man sich ansieht und dann sagt: ‚Verdammt noch mal, der ist erst in der neunten Klasse.‘“
Kurz danach erlitt der junge Bryant eine Knieverletzung und verpasste die letzten Spiele seiner Freshman-Saison. „Er war vierzehn und etwa 1,87 m“, erzählt Jeremy Treatman, ein lokaler Basketballjournalist und Kommentator. „Er war so dünn. Die Kniescheibe brach er sich, als er mit einem anderen Spieler leicht zusammenstieß. So dünn war er.“
Das gab Downer die Gelegenheit zu sehen, wie hoffnungslos das Team ohne Bryant gewesen wäre.
Auch nach der ersten Saison beobachtete Downer diesen immensen Druck, den Bryant ins Team gebracht hatte. Schnell begriff er, dass dieser Druck in den nächsten Jahren dramatisch ansteigen würde. Kobe Bryant hatte ein klares Ziel vor Augen und wenn du nicht mit an Bord warst, war er der Typ, der dich am Kragen packen und aus dem Zug werfen würde, das war klar und deutlich.
Kapitel 11
THE VIBE
Zwar hatte sich die Szenerie für Kobe Bryant geändert, doch die Dynamik blieb wie immer dieselbe. In seiner zweiten Saison an der Lower Merion erschien plötzlich ein weiteres farbiges Gesicht in diesem Meer flauschig weicher Blässe. Es war das Jahr, in dem er und Jermaine Griffin sich kennenlernten – der eine dem privilegierten Leben in Europa entflohen, der andere ein New Yorker aus dem Far Rockway in Queens.
Wie Kobe war Griffin im zweiten Highschooljahr, als er vom harten Pflaster in „Far Rock“ als Teil eines Jugendprogramms namens ABC, A Better Chance, an die Lower Merion kam. Er war einer von acht Jugendlichen, die zusammen mit einem Sozialbetreuer in einem Haus wohnten. Das Programm gab Jugendlichen die Chance, ihr Leben neu auszurichten. „Sie nahmen viele Jugendliche aus den innerstädtischen Bezirken“, erklärte Griffin 2015. „Ich hatte damals das Gefühl, dass es eine gute Idee wäre, daran teilzunehmen.“
Hier traf Griffin nun auf eine Welt, die das genaue Gegenteil von „Far Rock“ war, ein an der Küste New Yorks gelegener Bezirk voller Sozialwohnungen und tausender heruntergekommener Bungalows, die noch aus einer Zeit stammten, in denen Far Rockaway als beliebtes Ausflugsziel fernab des Asphaltdschungels galt. Inzwischen waren dort Schießereien, Drogen und Prostitution an der Tagesordnung. Dieses Klima der Gewalt stand im krassen Gegensatz zu der langsam beginnenden Aufwertung der Gegend, hervorgerufen von Yuppies, die begonnen hatten billig Grundstücke in dem Stadtteil aufzukaufen. Griffin hatte schon viel in seinem jungen Leben gesehen, doch A Better Chance bot ihm eine ganz neue Erfahrung. „Ich kam aus einer Gegend, wo vorwiegend Schwarze wohnten“, erklärt er. „An der Schule, die ich in Lower Merion besuchte, waren mehrheitlich Weiße. Das war ein Kulturschock für mich.“
Obwohl Basketball nichts mit seiner Entscheidung an diesem Programm teilzunehmen zu tun hatte, sollte es schnell zu einem wichtigen Element werden. Eine der ersten Personen, die Griffin bei seiner Tour durch die Schule traf, war Gregg Downer, dem Griffins Größe von knapp über 1,90 m sofort auffiel.
Schnell lernte er dann auch Kobe Bean kennen und beide empfanden schnell gegenseitigen Respekt. „Als ich ihn das erste Mal traf, war er ein cooler Junge“, erinnert sich Griffin. „Wir haben uns nur angesehen. Er machte sein Ding und ich meins.“
„Basketball gehörte sicher auch dazu“, meint Downer, „doch ich glaube, dass die Chemie zwischen ihm und Kobe einfach gepasst hat. Jermaine spielte quasi die zweite Geige in der Mannschaft. Er war sehr wichtig für uns und er wurde Kobes Freund.“
„Kobe war der mit dem größten Selbstvertrauen“, sagt Griffin. „Ich glaube, das war auch der Grund, warum wir so gut befreundet waren während unserer Schulzeit. Ich kam aus New York, das unterschied mich von den anderen hier und ich sprach auch anders, ein leicht anderer Dialekt, ein anderer Stil, und das hat es auch gebraucht.“ Damit konnte Griffin seinem neuen Freund auch ganz neue Perspektiven bei den Entscheidungen und Themen, mit denen sich Kobe auseinandersetzen musste, eröffnen.
Bryant durchlebte gerade seinen eigenen Kulturschock an der Lower Merion. Zwar schien er sich an dieser weißen Vorstadtschule recht wohlzufühlen, er war aber auch begierig darauf, typisch afroamerikanische Dinge kennenzulernen, um ein besseres Gefühl für seine kulturellen Wurzeln zu bekommen und sich nicht mehr wie ein Fremder in einem fremden Land zu fühlen. „Kobe sagte: ‚So geht’s.‘ Und ich sagte: ‚Kobe, ich denke wir sollten es lieber so machen‘, erinnert sich Griffin. Das war der Grund warum wir beide uns auf Anhieb verstanden – er musste nicht mein Händchen halten und ich nicht seines. Jeder von uns hatte seinen eigenen Führungsstil.“
Trotz allem, Bryants Selbstbewusstsein in seinem zweiten Jahr war unerreicht. Griffin sah aber darüber hinweg und lernte schnell neue Facetten der Persönlichkeit seines Freundes kennen. Unter all dem überlegenen Gehabe steckte eine Sensibilität, die allerdings von seiner Einstellung, alles selbst machen zu wollen, überschattet wurde. „Ich habe sicherlich eine Seite an ihm kennengelernt, die andere nie zu Gesicht bekommen haben“, sagt er.
„In vielerlei Hinsicht war Bryant wie jeder andere“, meint Griffin, außer dass er ein Alphatier war auf dem Weg ein Weltklassebasketballer zu werden.
Evan Monsky, ein anderer Teamkollege damals, pflichtet Griffin bei, dass Kobe nur ein heranwachsender Junge war, der versuchte seinen Platz in dieser manchmal recht komplizierten Welt der Highschool zu finden.
Bald schon würde dieses ungezwungene Leben dem Ruhm weichen und Bryant sich diesem hingeben, so wie es jeder Teenager machen würde. Sein zweites Jahr war das letzte, in dem er seine jugendliche Unbedarftheit und Freiheit, die ein Amateur eben genießt, auskosten konnte, bevor ihn das Leben, nach dem er sich so sehnte, einholte und wegtrug.
„In der Highschool machten wir immer Witze, spielten anderen Streiche und solche Sachen“, erinnert sich Griffin. „Wenn man zur Schule geht, gibt es immer Tage, an denen du lieber nicht gehen willst. Tage, an denen du dir eine kleine Auszeit nehmen willst. Wir gingen gerne zur Schule, doch es gab auch Zeiten, da wollten wir mal raus und was essen gehen oder uns eine kleine Pause genehmigen, einfach nur kurz weg und Musik hören oder so.“
Zusammen schlichen sie sich aus der Schule und zusammen besuchten sie auch den Englischunterricht bei Jeanne Mastriano, einer jungen Lehrerin mit Brille, die einen Hauch Gegenkultur ausstrahlte. „Sie war eine meiner Lieblingslehrerinnen“, sagt Griffin. „Sie hatte einfach etwas. Dass ich in ihrer Klasse war, hat mich verändert und gab mir eine Perspektive, was das Schreiben, Leben, Reden und Lesen anbelangte. Es hob mich auf ein ganz neues Level.“
„Wir schrieben viel in der zehnten Klasse“, erinnert sich Mastriano 2015. „Eine Menge freies Schreiben, einfach nur Gedanken und Ideen rauslassen – sowohl die Guten, als auch die nicht so guten.“
Schreiben bedeutete Griffin wirklich viel, vor allem in Bezug auf seine Erinnerungen an Far Rock, genauso wie es Bryant half, sein eigenes Leben genauer unter die Lupe zu nehmen – so sehr, dass er Mastriano 2015 sogar als seine „Muse“ bezeichnete, worüber sich seine ehemalige Lehrerin sehr amüsierte, wurde sie doch damit einer „Halbgöttin“ gleichgesetzt. „Eine Muse, eine der neun göttlichen Schwestern der Inspiration, verstehen Sie?“, erzählte sie einem Radiojournalisten. „Zu seiner Zeit an der Highschool hat er mich nie so bezeichnet, doch wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Trotz der ganzen Wochenenden, die er beim Basketball verbrachte, hatte er immer seine Hausübungen, er war sehr diszipliniert“, erinnerte sie sich.
Die Disziplin hatte er von Pam, sagen Familienfreunde. Disziplin war ein wichtiges Element in ihren Bemühungen, das sich ständig verändernde Umfeld ihres Sohnes einigermaßen zu kontrollieren.
Auch wenn sich Bryant bei seinen schulischen Pflichten nicht annähernd so hineinsteigerte wie beim Basketball, so erkannte Mastriano seinen Hunger nach Wissen. „Für ihn ist Lernen etwas, das ihn stärker macht. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer“, meinte sie 2014 einmal.
Mastriano benotete Griffins und Bryants schriftliche Arbeiten und drängte die beiden, sich die Frage zu stellen, was sie mit ihren schriftlichen Werken bezwecken wollten, um ihnen einen tieferen Sinn zu geben.
„Kobe schrieb immer über Basketball“, sagte sie. „Er sprach immer darüber, ein professioneller Basketballer zu werden.“ Bryant hatte schon seit längerem eine gewisse Affinität fürs Schreiben, vor allem von Gedichten, gehabt, was Kobes Großvater, Big Joe, sehr freute. Über die Jahre hinweg hatte Big Joe oft über all die Dinge gestaunt, die ihm sein Enkelsohn gezeigt hatte, und immer wieder gesagt, dass Kobe so viel Talent in den verschiedensten Bereichen besaß und er vielleicht darüber nachdenken sollte, etwas anderes als Basketball zu machen. Doch Jellybean und sein Sohn waren so in der Welt des Basketballs verloren, dass es nie wirklich dazu kam.
Der Rapper
Die Möglichkeit seine Gedanken zu Papier zu bringen, war etwas, an dem sich der junge Bryant außerhalb des Basketballcourts festhalten konnte. Ein Weg sich mit seiner Identitätskrise auseinanderzusetzen, war, die afroamerikanische Kultur seiner Eltern genauer zu erkunden.
Seltsamerweise fand er einen Schlüssel, der ihm das Tor zu dieser Kultur eröffnen konnte, im jüdischen Gemeindezentrum auf der City Avenue, im vorstädtischen Wynnewood. Joe, sein Vater, arbeitete dort als Fitnessdirektor – einer seiner vielen kleinen Jobs, die er hatte, um wieder Geld zu verdienen, nachdem er nicht länger Profi war. Daneben arbeitete er noch an der Lower Merion als Assistenztrainer sowie als Trainer der Mädchenschulauswahl an einer jüdischen Privatschule in Wynnewood, Akiba, wo er sehr beliebt war. „Er war phänomenal“, erinnert sich Jeremy Treatman, damals Coach der Burschen der Akiba Schulauswahl.
Treatman erinnerte sich auch an Kobe als Teenager, als er öfters mit seinem Vater zu den Trainingseinheiten mitkam und etwas abseits an einem eigenen Korb sein Ausnahmekönnen zeigte. So spielte kein Teenager.
Treatman fragte Joe einmal, ob er in Kobes Alter auch so gut gewesen war.
„Nicht einmal annähernd“, antwortete Joe lachend. „Wirklich?“, sagte Treatman staunend.
„Glaub mir“, sagte Joe. „Er ist weitaus besser als ich in seinem Alter. Sieh ihn dir doch an.“
Abgesehen vom Basketball war das jüdische Gemeindezentrum auch der Ort, wo Kobe jemanden kennenlernen würde, der einen starken Einfluss auf sein Teenagerleben haben sollte. In der Zeit, in der Vater und Sohn in der Sporthalle dieses Zentrums trainierten, machte Kobe Bekanntschaft mit dem etwa sechzehnjährigen Anthony Bannister, einem der dortigen Hauswarte. Bannister war ein Experte, was Rapmusik betraf, von den guten alten Klassikern des Genres bis hin zur neu aufblühenden Welle schwarzer Musik – Hip-Hop, R&B, diese wirbelnden Wortkaskaden basierend auf Wut, Machoverhalten und Bling, die die Fantasien der Jugend rund um den Globus für über ein Jahrzehnt prägten. Dieses Dauerfeuer an gesprochenen Worten beim Rap gefiel dem jungen Poeten in Kobe.
Aufgrund seiner Freundschaft zu Kobe geriet auch Griffin immer mehr in den Sog des jüdischen Gemeindezentrums und der „Bannister Experience“, die auch andere Personen, die versuchten sich einen Namen in der Rapperszene Philadelphias zu machen, miteinschloss.
„Er hatte sicherlich einen gewissen Einfluss“, erinnert sich Griffin an Bannister. „Er war ein cooler, entspannter Typ, der Musik liebte, gerne schrieb und andere unterhielt. Er war vielleicht ein paar Jahre älter als wir.“




