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»Wo ist der kleine Preston?«, fragte Isadora.
»Mit seiner Kinderfrau im Bois de Boulogne.«
»Sie sind well off genug, um eine Nurse zu bezahlen?«, fragte Isadora erstaunt.
»Oh, ja. Mein Exmann hat nichts getaugt, aber er zahlt.«
»Er akzeptiert, dass Sie mit dem Kind in Europa herumreisen und er den Kleinen nicht zu Gesicht kriegt?«
»Er hat nie Interesse an ihm gezeigt«, sagte Mary und kniff die Lippen zusammen, »aber lassen Sie uns das Thema wechseln.« Sie beugte sich vor und lächelte. »Kann es sein, dass ich Ihre erste Schülerin bin?«
»Oh, nein«, antwortete Isadora, »ich habe in San Francisco schon eine richtige kleine Tanzschule geführt. Hinter unserem Haus gab es einen Schuppen, und dort hat mein Bruder Augustin für uns ein winziges Theater gebaut. Wir gaben Vorführungen für Nachbarn und Freunde. Und die Nachbarskinder kamen zu mir, um tanzen zu lernen. Sie zahlten dreißig Cent pro Nase. So trug ich schon damals zum Familieneinkommen bei.«
»Was sagten denn Ihre Lehrerinnen dazu?«
»Gar nichts. Stumpfsinniger Drill, diese Elementarschule. Mit elf Jahren habe ich beschlossen, nicht mehr hinzugehen.«
Mary staunte. »So früh schon? Aber Sie erscheinen mir doch recht bewandert, zum Beispiel in Kunsttheorie. Und in Musik …«
»Alles, was ich gelernt habe, verdanke ich meiner Mutter und meinen Geschwistern. Mein Leben als Kind war praktisch laufender Unterricht daheim. Mit zehn lernte ich Deutsch und las Kant – verstehen tat ich ihn erst später, zugegeben. Und mit zwölf schon durfte ich Tanzlehrerin sein. Die Kinder liebten mich, sie kamen gern. Eigentlich wünsche ich mir auch heute wieder eine Schule.«
»Immerhin haben Sie ja jetzt schon mich als Schülerin. Die Anfänge sind gemacht.«
»Was bedeutet der Name Desti, Mary? Destination?«
»Er ist meine Erfindung – haben Sie das geahnt? Eigentlich heiße ich Dempsey. Das klingt nach gar nichts. In Italien gibt es eine Adelsfamilie mit dem Namen d’Este. In dieses vornehme Geschlecht habe ich mich sozusagen seitlich reingeschlichen.«
»Hm. Meinen Sie wirklich, man wird Mary Desti den italienischen d’Estes zurechnen?«
»Warum nicht?«
»Richtig so. Wir Nordamerikanerinnen stammen doch alle aus Europa. Mein Name Duncan ist schottisch, er kommt bei Shakespeare vor. Und was waren die Duncans? Könige! Meine Mutter kommt aus einer irischen Familie, meine Großmutter ist noch in einem Planwagen auf der Reise nach Westen geboren – und zwar mitten in einem Kampf mit den Indianern. Wir alle, meine Brüder, meine Schwester und meine Mutter haben den berüchtigten irischen Dickschädel.«

Nun war es also abgemacht: Isadora sollte mit Loïe Fuller auf Tournee gehen und im Rahmen ihres Programms auftreten. Sie fühlte sich am rechten Platz, denn die fée d’électricité zog genau das Publikum an, das Isadora vorschwebte. Loïe startete ihre Europatournee mit einem Dutzend ihrer besten Schülerinnen im Frühjahr 1902, erste Station war Berlin. Standesgemäß logierte das Ensemble im Hotel Bristol, Unter den Linden. Das vornehme Haus hatte erst vor Kurzem die erste Automobilausstellung Deutschlands beherbergt. Isadora zog allein durch die Straßen und Gassen der Reichshauptstadt, wie sie es gern tat, um das Gefühl für einen Ort zu bekommen. Sie hatte gehofft, ein nordisches Athen zu erblicken und war doch bald enttäuscht. Berlins preußischer Klassizismus bot die Antike als pedantische Kopie, steif und bedrückend. Zurück im Hotel beschied Isadora desillusioniert den Kellner auf Deutsch: »Geben Sie mir ein Bier, ich bin müde.« Sie brachte gern deutsche Ausdrücke und Redewendungen in ihren Sätzen unter.
Die Auftritte im Wintergarten waren erfolgreich, das Berliner Publikum applaudierte begeistert. Doch auch Loïe Fuller konnte nicht gut haushalten, zumal die Darbietungen der japanischen Tänzerin Sada Yacco, eine Protégée der Fuller, überhaupt nicht ankamen und viel Geld verloren ging. Das Hotel Bristol behielt, als die Truppe abzog, wegen unbeglichener Rechnungen das gesamte Gepäck als Pfand ein. So war es auch den Duncans einst in den USA und in London öfters ergangen, und Isadora begann zu zweifeln, ob sie es richtig gemacht hatte, als sie sich Fuller anschloss. Zumal sich während der Vorstellungen zeigte: Alles drehte sich um Loïe, sie selbst war Beiwerk. Über Leipzig und München ging die Tournee wie geplant nach Wien. Fuller lebte offen lesbisch, die jungen und ausgesprochen hübschen Mädchen des Ensembles, die als Walküren und Nereiden den Vordergrund der Bühne schmückten, waren ihr sehr zugetan. Ganz selbstverständlich streichelten sie die Hände und Brüste ihrer Angebeteten und küssten ihren Mund. Beflissen brachten sie Eisbeutel und Kräuterpackungen und verteilten Kissen im Rücken der Diva, die häufig unter Ischiasschmerzen litt. Isadora war zwar eingeweiht in die Lebensweise ihrer Kollegin, doch mit einer solchen Offenheit hatte sie nicht gerechnet. »Unsere Mutter hat uns bestimmt alle geliebt, aber selten liebkost. Und so war ich fast ein wenig erschrocken über diesen starken Ausdruck von wärmster erotischer Zuneigung. So etwas hatte ich noch nie erlebt.«
In Wien sollte Isadora eine befremdliche Erfahrung machen. Unter den Mädchen gab es eine Rothaarige, die alle nur Nursie nannten, denn tatsächlich war sie sehr rührig und kümmerte sich wie eine Krankenschwester um alle anderen – am meisten natürlich um La Fuller selbst – und sie trieb auch Geld für die Weiterreise auf. Dieses Mädchen hatte sich in Isadora verliebt, sie eines Abends vor aller Augen umarmt und geküsst. Isadora traute sich nicht, sich zu wehren, obschon sie sich überrumpelt fühlte. Es ergab sich dann, sicher nicht zufällig, dass Nursie im Hotel in Wien ihre Zimmergenossin war. »Eines Morgens gegen vier Uhr stand Nursie plötzlich auf, zündete eine Kerze an, trat an mein Bett und rief: ›Gott hat mir befohlen, dich zu erwürgen!‹«
Obwohl Isadora große Angst bekam, wusste sie doch instinktiv, dass man Menschen, die außer sich geraten, nicht widersprechen sollte und antwortete: »Ja, du hast vollkommen recht, ich bin bereit. Aber zuvor musst du mich noch ein Gebet sprechen lassen.«
Die List verfing, Nursie bekundete ihr Einverständnis und setzte sich brav auf einen Stuhl. Isadora aber sprang behände aus dem Bett und lief im Nachthemd und mit offenem Haar durch die langen Korridore, lauthals rufend »Lady gone mad!« (= Die Frau ist verrückt geworden!). Nursie blieb ihr dicht auf den Fersen, vier Angestellte des Hotels waren nötig, um die Furie zu stoppen und festzuhalten, bis ein Arzt kam. Isadora hatte nach diesem Vorfall endgültig genug. »Ich kann nicht mehr«, sagte sie zu Loïe. Und sie schickte ein Telegramm an ihre Mutter nach Paris: »Bitte komm sofort. Stop. Und hol mich ab.«

Isadora hatte allerdings in Wien auch eine ermutigende Erfahrung gemacht. Sie war nach einem Soloauftritt im Künstlerhaus am Karlsplatz bejubelt und mit Blumen überhäuft worden, und an diesem Abend kam der ungarische Theateragent Alexander Grosz in ihre Garderobe.
»Ihr Bacchanale war ein Traum, Sie sind einmalig! Wenn Sie Karriere machen wollen, kommen Sie mit mir nach Budapest.«
»Oh, ich danke Ihnen sehr. Ich bin zwar mit Loïe Fuller auf Tournee, wäre aber nur allzu bereit, auf eigenen Füßen zu stehen. Wann könnte es denn losgehen?«
»Sofort, wenn Sie möchten, ich besorge Ihnen eine Unterkunft in Budapest. Sie können in der wunderschönen venezianischen Urania auftreten, eines der besten Theater der Stadt.«
»Ich muss Sie aber warnen. Mein Tanz ist für die Elite, für Künstler, Bildhauer, Maler und Musiker geeignet, nicht für das breite Publikum.«
»Ah, das passt schon. Künstler sind die strengsten Kritiker, denen wird Ihre Art zu tanzen sehr gefallen, da bin ich sicher. Beim großen Publikum werden Sie dann erst recht Erfolg haben. Vertrauen Sie mir, ich habe viel Erfahrung in diesem Metier.«
Isadora zögerte ein wenig, denn es war das erste Mal, dass sie in einem Theater vor großem Publikum ihre Kunst darbieten sollte, und sie fürchtete sich sehr vor mangelndem Verständnis. Was, wenn die Zuschauer im Sperrsitz Münzen auf die Bühne würfen oder von ihr verlangten, die Tunika fallen zu lassen? Grosz redete ihr gut zu, und diesmal ließ sie sich überzeugen und unterzeichnete einen Vertrag. Ihre Mutter kam in Wien an, die beiden brachen sogleich mit Grosz nach Budapest auf. Isadora Duncans Debut dort im April 1902 bestand unter anderem aus Improvisationen zu Johann Strauss’ Donauwalzer, der inoffiziellen Landeshymne Wiens, und zu Franz Liszts Rákóczi-Marsch, der inoffiziellen Landeshymne Ungarns. Agent Grosz sollte recht behalten, die Menschen waren aus dem Häuschen. »Der erste Auftritt in der Urania wurde ein unbeschreiblicher Erfolg – ich tanzte dreißig Abende vor ausverkauftem Haus. Das temperamentvolle ungarische Publikum raste, die Menschen warfen ihre Hüte und Mützen auf die Bühne, alles sprang von den Sitzen auf und geriet in einen derartigen Rausch der Begeisterung, dass ich den Walzer viele Male wiederholen musste, bevor die Leute wieder halbwegs zur Vernunft kamen.«
Im Gegensatz zu Berlin machte Budapest mit seinen Bauten und seiner Atmosphäre einen tiefen Eindruck auf Isadora, die luxuriösen Gärten und breiten Boulevards, die Menschen in ihren farbenreichen Trachten und die Roma-Kapellen, die überall auf den Straßen und Plätzen aufspielten, gefielen ihr sehr. Deren Rubato, die Verlängerung oder Verkürzung von Tönen, die Beschleunigung oder Verlangsamung des Tempos, verbunden mit dem Versprechen, die ›geraubte Zeit‹ wieder zurückgegeben, beeindruckte sie. »Ein Zigeuner, der auf einer staubigen Straße in Ungarn spielt, war mehr wert als alle sogenannten Spitzenmusiker der Welt zusammen.« Sie war inspiriert. Und versuchte im Hotelzimmer, während die Mutter einen Rhythmus klatschte, das Rubato in Bewegung zu übersetzen, indem sie dem Takt mal vorauseilte, mal zurückblieb – dieses Ausscheren wurde zu einem ihrer typischen Stilmittel.
Das gute Essen, der kräftige Tokajer, den sie des Nachts mit Freunden und Bewunderern genoss, der Flieder, die Akazienblüten, die vielen Blumen der Stadt, deren Düfte die Luft erfüllten, dies alles vor dem Hintergrund ihres triumphalen Erfolgs, lässt ahnen, wie aufgeregt die Tänzerin Duncan damals war und wie unbesiegbar sie sich gefühlt haben muss.
»Es war überhaupt das erste Mal, dass ich in meinem Leben so gut und üppig zu essen bekam – und das Überangebot an Nahrung hob meine Stimmung. Dies alles bewirkte, dass ich meines Körpers richtig bewusst wurde und ihn nicht nur als Instrument des Ausdrucks geheiligter musikalischer Harmonien betrachtete.«
In der Doppelstadt, lange Zeit hieß sie Pest-Buda, begann Isadoras Weltkarriere. Und hier sollte sie auch ihre erste große Liebe, ihren »Romeo«, wie sie ihn nannte, kennenlernen.
Im Publikum der Urania befand sich ein junger Mann, ein talentierter Schauspieler des Nationaltheaters, der bedeutendsten Bühne des Landes: Oscar Beregi. Bei einem Souper nach Isadoras Auftritt wurden die Tänzerin und der Schauspieler einander vorgestellt. Und so beschrieb Isadora die erste Begegnung:
»Ich sah in zwei große schwarze Augen, die sich glühend in meine brannten, mit einer so feurigen Bewunderung und ungarischen Leidenschaft, dass in diesem Blick die ganze Bedeutung des Budapester Frühlings lag. Von diesem ersten Blick an waren wir schon in den Armen des anderen, keine Kraft auf Erden hätte das verhindern können.«
II
Die Quellen der Kunst
Die Ankunft ihrer Mutter in Wien war eine große Erleichterung für Isadora gewesen. Das familiäre Nest war ihr immer noch wichtig; sie brauchte ihre Duncans um sich herum als Anreger, Fürsprecher, Trostspender und Hilfskräfte. Und nachdem sich die Ersatzfamilie rund um Loïe Fuller in all diesen Hinsichten als untauglich erwiesen hatte, war Isadora umso erfreuter, die Mutter wieder in die Arme zu schließen. Es war schwer genug für sie gewesen, Fehlschläge wie in Berlin, wo sie im Schatten Fullers nur Achtungserfolge erzielen konnte, allein wegzustecken. Aber ein Triumph, so rauschend wie der in Budapest, musste erst recht geteilt werden! Dass Mrs Duncan so eilends gekommen war, rechnete ihr die Tochter hoch an. Doch nun … Nun, nach der Begegnung mit Oscar Beregi, überlegte sie hin und her, wie sie es anstellen könnte, sich von der Mutter loszueisen. Sie streifte wieder einmal allein durch die Straßen der Stadt und über die Brücken, sie schaute über die Donau hin, beobachtete die Boote und warf Steinchen ins Wasser. ›Als Erstes‹, dachte sie, ›werde ich mit Mutter in die Vorstellung von Romeo und Julia im Nationaltheater gehen. Auch wenn ich kein Wort verstehe, ich muss diesen Jungen auf der Bühne sehen.‹ Was hatte er zu ihr gesagt? »Sie haben ein Gesicht wie eine Blume.« Sein Englisch war unvollkommen, er mischte Deutsch hinein, aber es reichte für die Verständigung. Sie hatten eine ganze Weile miteinander geredet. War sie ihm zu oft ins Wort gefallen? Mit ihren Lieblingsthemen, dem Solarplexus, der antiken Tragödie und den deutschen Philosophen? Nein, er hatte gelächelt, während sie sprach und ihr anvertraut, dass er für die Rolle des Marc Anton in Shakespeares Julius Cäsar vorgesehen sei. Für eine Aufführung von Romeo und Julia wolle er beste Plätze für sie und ihre Mutter buchen und an der Theaterkasse hinterlegen lassen. ›Was soll ich anziehen?‹, dachte sie jetzt auf der Brücke, ›das seidene Reformkleid, dazu Blumen im Haar, echte, ungarische Frühlingsblumen, wilde womöglich, gepflückt auf der Donauinsel … Diesmal‹, sagte sie zu sich, ›ist es Liebe‹. Dessen war sie sich sicher. Nur wie sie mit Beregi irgendwohin, wo niemand war, verschwinden könnte, das wusste sie noch immer nicht. ›Er ist ja auch noch da‹, seufzte sie, ›er wird schon einen Weg finden, er kennt sich hier aus.‹
Und so kam es. Nach der Aufführung von Shakespeares Tragödie, in der Beregi kühn seine glühendsten Liebesworte in Richtung Proszeniumsloge sprach, wo, wie er wusste, die schöne Tänzerin saß, lud Beregi Isadora und ihre Mutter in seine Kutsche ein und fuhr sie zum Hotel. Dort soupierte er mit beiden Damen und etlichen weiteren Theaternarren, und es ergab sich, o Wunder, dass Mrs Duncan sich um Mitternacht in ihre Suite zurückzog und auch die anderen Bewunderer sich zerstreuten. Das Paar blieb allein. Sie plauderten, machten Pausen und sahen einander an. Die Pausen wurden länger, und sie lächelten nicht mehr, wenn sie sich in die Augen schauten. Da ergriff Beregi Isadoras Hand und sagte:
»Komm mit mir. Ich kenne einen Landgasthof, dort sind wir allein. An der Rezeption hier im Hotel hinterlegen wir ein Billett für deine Mutter. Komm.«
Isadora stand auf, ohne seine Hand loszulassen, und ging mit ihm hinaus. Sie stiegen in die Kutsche und begannen dort, sich zu küssen. Der Gasthof lag weit vor den Toren der Stadt, es war Zeit genug für viele Küsse.
Oscar Beregi hatte nichts dagegen, Isadoras erster Liebhaber zu sein, ja, er genoss die überraschende Rolle und spielte sie mit Inbrunst und Ausdauer. Isadora selbst hatte diese überfällige erste Nacht lange herbeigesehnt, aber auch gefürchtet. Sie ging in das Abenteuer hinein in dem Bewusstsein, jetzt etwas zu erleben, das ihrer Kunst einen ganz neuen Impuls geben könnte. Zugleich aber fürchtete sie, dass die Liebe sich als stärker erwiese als ihr Ehrgeiz und ihrer Laufbahn ein Ende machte. Also litt sie in den Armen ihres Geliebten, nicht nur, weil der sexuelle Akt ihr wehtat – »Ich schrie vor Schmerz« –, sondern auch, weil sie ahnte, dass da etwas auf sie wartete, das stärker wäre als die Genugtuung des Applauses im Blendlicht der Scheinwerfer. Sie wehrte dieses unbekannte Glück instinktiv ab, weil sie ja sie selbst bleiben wollte, Isadora Duncan, die Botschafterin einer neuen Tanzkunst. Zugleich aber war es ihr zuwider, unberührt und unwissend zu sein, und sie reckte sich nach der neuen Erfahrung mit all ihrer Kraft. Beregi versicherte ihr, dass der Schmerz vergehe und sie statt seiner ein Lustgefühl erleben werde »wie der Himmel auf Erden«. Er hatte nicht zu viel versprochen. Die beiden gaben einander Zeit und nahmen sich die Zeit, und Oscar Beregi wusste, was er seiner Blume schuldig war. Die kam nach und nach wieder zu sich. »Um Himmels willen, Oscar«, sagte sie, »ich hab heute Abend Vorstellung!« Er erwiderte: »Und ich auch!« Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Kutscher schlug auf die Gäule ein, um sie in den Galopp zu treiben. »Küss mich noch einmal«, sagte Oscar und bat sie, nach ihrem Auftritt auf ihn zu warten. Isadora tanzte die Iphigenie zur Musik von Christoph Willibald Gluck in einem Zustand der Benommenheit und der Selbstvergessenheit, aber ihr treues Publikum jubelte und klatschte wie sonst auch. ›Bin ich eine andere geworden?‹, befragte sie sich. ›Nein, ich bin ich selbst geblieben. Ich bin sogar noch mehr ich selbst.‹ Und mit ausgestreckten Armen trat Isadora an die Rampe und verbeugte sich tief.
Die Mutter war natürlich sehr durcheinander und voller Sorge um ihre Dorita, sie sah der Tochter ins Gesicht, zuckte die Achseln und dachte sich ihr Teil. Isadora verkroch sich in ihr Hotelzimmer, sie wollte allein sein und herausfinden, was sie fühlte. Das war nicht leicht. Sie las in Nietzsches Also sprach Zarathustra, aber anders als sonst sprach der Philosoph heute nicht zu ihr. Sie versuchte zu schlafen. Sie stand wieder auf, kleidete sich an und lief hinaus in die Nacht und an den Fluss. Es war unüblich zu jener Zeit, dass eine ehrbare Frau nachts allein umherlief, und so musste Isadora mehr als einmal vor besorgten oder zudringlichen Budapestern flüchten. Schließlich kehrte sie ins Hotel zurück – um dort zu erfahren, dass Elizabeth telegrafiert hatte: Sie würde am nächsten Tag eintreffen. Isadora machte vor Freude einen Sprung. Hier war ja doch ihr Herz zu Hause: in der Familie. Sie trank am nächsten Morgen Kaffee mit ihrer Mutter und sagte zu ihr:
»Ich glaube, ich habe das erste Mal in meinem Leben richtig viel Geld verdient.«
»So ist es, meine Kleine. Unser Konto ist gut gefüllt. Wenn das so weitergeht, können wir uns öfter mal eine Mietkutsche leisten.«
»Alexander hat eine Tournee für mich gebucht. Er will mich in lauter fashionablen Bädern herausbringen, Karlsbad, Marienbad und Franzensbad. Ich glaube, das ist eine gute Idee. Das Publikum dort ist nicht nur aufgeschlossen, es hat auch Geld.«
»Und Ansprüche«, sagte die Mutter.
Isadora fuhr auf. »Wie? Meinst du, ich hätte nachgelassen? Gestern Abend –«
»Du warst unkonzentriert, mein Kind. Du hast zwei Einsätze verpatzt. Kein Wunder nach drei Tagen ohne Proben. Die Leute haben es nicht gemerkt, sie lieben dich eben. Aber das geht nicht. Ich weiß, dieser Herr Beregi hat es dir angetan, und ich habe Verständnis. Aber du musst deine Verpflichtungen erfüllen. Deine Kunst darf nicht leiden.«
Isadora sah in ihre Tasse. »Mutter«, flüsterte sie, »steht die Liebe über der Kunst?«

Isadora in der Rolle der Priesterin in »Iphigenie auf Tauris« von Christoph Willibald Gluck, um 1903/04
»Die Kunst ist Liebe. Liebe zur Wahrheit. Zur Schönheit. Und sogar zum Publikum.«
»Das meine ich nicht. Ich meine die Liebe Julias zu Romeo. Oder Eurydikes zu Orpheus. Die Wollust. Die Seligkeit. Kann mich all das wegreißen von der Bühne, von meinem blauen Vorhang? Sag mir, muss ich das fürchten?«
Die arme Mrs Duncan wusste nicht, was sie antworten sollte. Natürlich gab es diese Gefahr. Aber es wäre für sie selbst und für die gesamte Familie eine Katastrophe, wenn Isadora ausfiele. »Du stehst doch erst am Anfang deines Weges«, sagte sie leise, »geh ihn weiter.« In Isadoras Memoiren finden sich diese Sätze: »Mein Leben kannte nur zwei Leitgedanken – die Liebe und die Kunst. Oft zerstörte eine Liebe die Kunst, und oft beendete der herrische Ruf der Kunst tragisch eine Liebe. Die beiden standen in einem ewigen Kampf miteinander.« Damals in Budapest hat der Kampf begonnen.

Elizabeth kam an, die Frauen der Familie waren wiedervereint und wussten alle drei nicht, wie sie es so lange ohne einander ausgehalten hatten. Für Isadora aber gab es jetzt noch ein Magnetfeld außerhalb der Familie, das sie stärker anzog, als sie selbst es wollte; doch wenn sie in Oscar Beregis Armen lag, war ihr alles andere egal. Sie war rettungslos verliebt, er war es ebenso, aber abends mussten sie beide auftreten und durften keine Einsätze verpatzen. Beregi war ein offener Charakter und ein Mann der Tat, er fand es nur richtig und natürlich, dass er und seine amerikanische Julia heiraten sollten.
»Du weißt es, ich habe es dir gesagt – für mich kommt eine Ehe keineswegs in Frage«, sagte Isadora mit fester Stimme.
Er breitete die Arme aus. »Dann lass es eine wilde Ehe sein. Hauptsache, wir sind zusammen.«
»Aber – wie stellst du dir unser Leben vor? Ich werde nächste Woche auf Tournee gehen, und ich denke nicht daran, die Gastspiele abzusagen. Und du … du probst den Marc Anton …«
»Richtig. Und du kannst diese Rolle mit mir üben. Dein Urteil bedeutet mir alles. Was meinst du – wäre denn die Rolle als Frau an meiner Seite für dich so gänzlich unannehmbar? Du sitzt abends in der Loge und sagst mir in der Nacht bei einem Glas Tokajer, was ich noch ändern sollte?«
Und ehe Isadora antworten konnte: ›Wie wär’s, wenn ich des Abends auf der Bühne stünde und du zuschautest‹, hatte Beregi sie um die Taille gefasst und hinausgeleitet, um mit ihr eine Kutschfahrt anzutreten. Es ging zu einem Haus, in dem Oscar eine Wohnung für sich und seine Liebste mieten wollte. »Wie findest du es hier? Für den Anfang würde es genügen. Die Küche ist ganz neu eingerichtet.« Isadora stöhnte. Er küsste sie, und sie sagte:
»Ich möchte jetzt sofort mit dir ins Bett.«
»Einverstanden. Aber nur, wenn du mich heiratest.«
Nach und nach begriff Beregi, dass seine Geliebte es ernst meinte, wenn sie sagte, ihre Kunst stünde für sie an erster Stelle und sie wolle niemals eine Ehe eingehen. Er fand sie auf der Bühne ja auch so überwältigend, dass er ihr diese Einstellung zugestand. Andererseits hielt er sich selbst für die beste Partie der Welt, und deshalb hoffte er immer noch, dass sie es sich überlegen würde. Das hoffte er auch um seiner selbst willen. Denn schließlich: Hatte er jemals eine so leidenschaftliche Geliebte besessen? Die dazu noch unberührt in seinen Armen angekommen war? Eine Frau, die so wundersame Worte zu sagen wusste über seine Haare, seinen Mund, seine Stimme und sogar über seine Füße? Nein, das hatte er nicht. Einstweilen aber war sie unterwegs nach Franzensbad, und Oscar vertiefte sich in den Marc Anton.
Für Isadora war die Tour durch die Bäder eine Qual. Sie war so erfüllt von Sehnsucht nach Oscar und so unglücklich über seine Abwesenheit, dass sie keinen Schlaf fand und der Appetit ihr verging. Trotzdem trat sie auf und tanzte zu Gluck, Chopin und Wagner. Bald sah sie abgezehrt aus und musste ihre Tuniken enger stecken, man hätte sonst ihre schmale Gestalt in den wallenden Gewändern kaum noch wahrgenommen. Schließlich fiel sie krank aufs Lager. Glücklicherweise gab es in Franzensbad gute Ärzte. Die Mutter fütterte ihr Kind mit Rinderbrühe, Elizabeth half der Kranken bei der Wasserkur, aber es wurde nicht besser. Beregi erfuhr von ihrem Zustand und kam kurz entschlossen angereist. Er schlich sich sogar für die Nacht in ihr Krankenzimmer und sorgte so für eine nachhaltigere Therapie. Die Krankenschwester wurde wütend, als sie ihn entdeckte und warf ihn kurzerhand hinaus. Aber er blieb in der Nähe und besuchte Isadora täglich. Allmählich kam sie wieder auf die Beine. Sie liebte ihren Oscar und er sie, aber er musste wegen der Premiere des Julius Cäsar zurück nach Budapest und sie mit Mutter und Elizabeth weiter nach Karlsbad. Sie bemühten sich beide, dem Pathos der getrennten Liebenden Inspiration für ihre Bühnenpräsenz abzugewinnen, fühlten und wussten aber, dass es so nicht weitergehen konnte und eine Entscheidung anstand. Sie entschieden sich für die Trennung. Aber sie blieben einander gewogen und sahen sich später wieder.




